cover

Das Buch

Was tun, wenn es sich anfühlt, als würden sich Menschen oder Situationen gegen uns verschwören? Wie können wir negative Emotionen wie Ärger und Wut überwinden und zu friedlichem Miteinander und innerer Ruhe finden?

Die Antworten gibt dieses Buch: Zwei bekannte buddhistische Lehrer stellen eine konkrete Anleitung vor, um Konflikte zu lösen und sich von äußeren und inneren Widersachern zu befreien. Sharon Salzberg und Robert Thurman eröffnen eine Fülle praktischer Möglichkeiten, um Feinde und Widerstände zu identifizieren und die Beziehung zu ihnen zu wandeln – für ein Leben in Harmonie und innerer Ausgeglichenheit.

Die Autoren

Sharon Salzberg ist eine international bekannte Meditationslehrerin und spirituelle Lebensberaterin. Zusammen mit Jack Kornfield gründete sie die Insight Meditation Society, deren Ziel es ist, die Praxis der Meditation dem modernen Menschen zugänglich zu machen. Die Autorin lebt in Barre, Massachusetts, und in New York City.

Robert Thurman, der Vater der Hollywoodschauspielerin Uma Thurman, ist einer der bekanntesten akademischen Vertreter des Buddhismus in den USA und Professor für buddhistische Studien an der Columbia University. Er war der erste Amerikaner, der vom Dalai Lama zum buddhistischen Mönch geweiht wurde.

SHARON SALZBERG & ROBERT THURMAN

UMARME
DEINEN
FEIND

Buddhistische

Techniken

zur Befreiung von

inneren und äußeren

Widersachern

Aus dem Englischen übersetzt

von Jochen Lehner

Lotos

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

»Love Your Enemies« im Verlag Hay House Inc., USA.

Lotos Verlag

Lotos ist ein Verlag der Verlagsgruppe Random House GmbH.

ePub-ISBN 978-3-641-13320-7

1. Auflage 2014

Copyright © 2013 by Sharon Salzberg and Robert Thurman

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Lotos Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Martina Darga

Alle Rechte sind vorbehalten.

Einbandgestaltung: Reinert & Partner, München,

unter Verwendung eines Motivs von shutterstock

Satz: Leingärtner, Nabburg

Für alle, die im Mitgefühl statt im Ärger Stärke zeigen, sei es bei sich selbst, in ihrer Familie, in ihrem Lebensraum oder in ihrem Land. Mögen Liebe und Freundlichkeit herrschen.

Sharon Salzberg

Für alle sensiblen Wesen jeder Art, mögen sie die gegenwärtigen Krisen gut überstehen, insbesondere für ALLE FRAUEN, die Heldinnen unserer Welt, wahre und freie Individuen, Kämpferinnen, Freundinnen, Mütter, Ehefrauen, Töchter, die über die Jahrtausende und Tag für Tag mit Mühen aller Art – mit Liebe, Intelligenz, Kreativität, Mut, Humor und immer weiter und tiefer werdendem Blick – nicht nur Familien, ihre Schwestern, widerborstige männliche Wesen, Eltern, Partner, Kinder und Tiere vor Leid und Selbstzerstörung bewahren, sondern ganze Gesellschaften und die Erde insgesamt. Möge dieses Buch ein bescheidener Beitrag dazu sein, dass diese großen Seelen an Ehre, Achtung und Autorität bekommen, was ihnen zusteht – und ihnen in unser aller Interesse unbedingt zuteilwerden sollte!

Tenzin Robert Thurman

Inhalt

Zum Umgang mit diesem Buch

Einleitung von Sharon Salzberg

Einleitung von Tenzin Robert Thurman

DER VERKEHR SIND WIR

1 Sieg über den äußeren Feind

I  Mobbing

I  Mitfreude

Wie ein Feindbild entsteht

I  Abbau von Feindbildern

DIE KRAFT DER VERGEBUNG

2 Sieg über den inneren Feind

I  Ärger

I  Geduld

I  Unser von Natur aus strahlender Geist

Tolerante Geduld

I  Leiden zum Feind erklären

I  Ein Geist, weit wie der Raum

Einsichtige Geduld

I  Wenn Unglück heilt

Verzeihende Geduld

I  Rechte Rede

Worte, die kränken

Neid als Sucht

I  Lob und Tadel

I  Der Wahn der Kontrolle

FREUNDSCHAFT SCHLIESSEN MIT DER ZEIT

3 Sieg über den heimlichen Feind

I  Selbstbezogenheit oder Selbstliebe?

Umgang mit dem heimlichen Feind

Den heimlichen Feind aufspüren

Beobachtung des heimlichen Feindes

I  Sich einfühlen

Die Übung des Gebens und Nehmens

I  Das Gute sehen

Das Gelöbnis, Altruistisch zu sein

Auf lange Sicht

Den heimlichen Feind verjagen

I  Vom Ich zum Wir

I  Mauern einreißen

Dranbleiben

DER TOD ALS WECKRUF

4 Sieg über den geheimen Feind

I  Selbstverachtung

I  Selbstwertgefühl und Mitgefühl mit uns selbst

Sich in den anderen hineinversetzen

Für andere da sein

Vom endlichen zum unendlichen Leben

I  Nie wieder Selbsthass

Der Sieg über den geheimen Feind

I  Keine Feinde mehr

Der Yoga der Selbsterschaffung

EINE STILLE REVOLUTION

Praktischer Teil: Übungen zur Beendigung der Feindseligkeit

Die Grundmeditation

Übung für den Umgang mit dem äußeren Feind

Übungen für den Umgang mit dem inneren Feind

Herzensgüte

Mitgefühl

Mitfreude

Gleichmut

Übung für den Umgang mit dem heimlichen Feind

Geben und Nehmen

Übung für den Umgang mit dem geheimen Feind

Andere an die Stelle des eigenen Ichs setzen

Anmerkungen

Über die Autoren

Zum Umgang mit diesem Buch

Umarme deinen Feind ist ein praktischer Führer, der Ihnen vermitteln möchte, wie Sie – unterstützt durch die machtvollen Verbündeten Weisheit, Toleranz und Liebe – von Ihren Feinden frei werden können. Insbesondere möchten wir Ihnen Mittel an die Hand geben, mit denen Sie diesen vier von den alten tibetischen Lehren der geistigen Wandlung abgeleiteten Typen von Feinden entgegentreten können:

Wir werden die vier Feinde in dieser Reihenfolge behandeln, weil auch der Weg der Befreiung durch die Überwindung von Ärger, Angst und Selbstbezogenheit im Allgemeinen diesen Verlauf von außen nach innen nimmt. Nun ist das Leben nicht immer so geradlinig, und es ist uns natürlich bewusst, dass die Auseinandersetzung mit unseren Feinden nicht unbedingt genau diesen Verlauf nimmt. Deshalb raten wir Ihnen, da anzufangen, wo Sie gerade sind. Vielleicht meinen Sie es so schlecht mit sich selbst, dass Sie keinen Mut haben, sich Ihren Feinden zu stellen, weil ja doch alles hoffnungslos ist. Wenn es so ist, üben Sie wohl am besten erst einmal die Herzensgüte-Meditation im Anhang, um Mitgefühl mit sich selbst aufzubauen, bevor Sie richtig einsteigen. Oder Sie fangen mit Kapitel 4 über den geheimen Feind an, um ein Gefühl für die grenzenlose Freude und innere Freiheit zu bekommen, die Sie erwarten. Vielleicht quält Sie im Moment besonders Ihr zur Gewohnheit gewordener Ärger – dann versuchen Sie es doch mit Kapitel 2, wo Sie lernen, über den inneren Feind hinwegzukommen.

Der Ansatz gegen die vier Feinde ist immer der gleiche. Zuerst bedienen wir uns der kritischen Weisheit, um den Feind klar zu erkennen – was nicht ganz so einfach ist, wie es vielleicht klingt. Dann setzen wir die Achtsamkeit ein, um genau nachzuvollziehen, wie er vorgeht. Anschließend gilt es, unsere Gegnerschaft gegenüber diesem Feind abzubauen: Wir lernen, ihn zu tolerieren und dann sogar mitfühlend zu betrachten, während wir zugleich entschlossen an seiner Ausschaltung arbeiten. Wenn wir schließlich von unseren Feinden befreit sind, überlassen wir uns mit einem Aufatmen dem so gefundenen Glück und der Freude des harmonischen Zusammenlebens mit anderen. Diese Auseinandersetzung mit unseren Feinden spielt sich ebenso im Äußeren wie im Inneren ab.

Unsere Selbstbefreiung ist nicht einfach. Wir brauchen Intelligenz, Mut und Ausdauer, um uns von unserem alten Weltbild abzuwenden, um anders und sinnvoller zu reagieren. Das verlangt einerseits Zurückhaltung, sodass wir nicht blindwütig um uns schlagen oder zurückschlagen und uns nicht von Rachsucht leiten lassen. Zum anderen müssen wir uns auch aktiv auf die Welt einlassen, aber so, dass wir nicht aus Zorn oder Angst handeln, sondern aus Freundlichkeit gegenüber uns selbst und anderen konstruktiv agieren.

Letztlich werden wir erkennen, dass es »uns« und »die anderen« nicht wirklich gibt, dass keine Trennung zwischen dem Ich und dem anderen und deshalb letztlich kein Feind existiert. Der Sieg über unsere Feinde besteht im tiefen Erkennen unserer gegenseitigen Abhängigkeit.

Wir geben seit Jahren einen fortlaufenden Wochenend-Workshop zum Thema der Auseinandersetzung mit unseren Feinden. Dieses Buch ist ein direktes Ergebnis dieses Workshops. Wir haben es als Arbeitsbuch konzipiert, mit dessen Hilfe Sie Ihre Feinde ausfindig machen und Ihre Beziehung zu ihnen verändern können.

Im spirituellen Sinne besteht Liebe in dem Wunsch, dass andere glücklich sein mögen, und genau dazu möchten wir Sie überreden, wenn es um die Beziehung zu Ihren Feinden geht. Das Gebot, alle Lebewesen zu lieben, auch die, die uns Schaden zufügen, ist von großen spirituellen Lehrern wie dem Buddha oder Christus ausgesprochen worden. Doch viele halten es für nicht wünschenswert oder meinen, es sei unmöglich zu befolgen. Wir finden, es lohnt sich durchaus zu bedenken, dass es nicht nur möglich, sondern ungemein sinnvoll ist, Ihrem Feind wahres Glück zu wünschen, denn nur so können Sie sich von seinen Schikanen befreien. Solche Liebe lohnt sich in zweifacher Hinsicht. Wenn sie Ihren Feind glücklich macht, wird er weniger dazu neigen, seiner Umgebung Schaden und Enttäuschung beizubringen. Und sollte die Liebe ohne unmittelbare Auswirkung auf ihn bleiben, wird sie zumindest Ihnen inneren Frieden bescheren.

Wir stellen Ihnen in diesem Buch viele spirituelle Traditionen und moderne psychologische Ansätze vor, um daraus Instrumente zu entwickeln, die Menschen aller Glaubensrichtungen ebenso wie Skeptiker anwenden können, um die Beziehung zu ihren Feinden zu verändern und zu einem Leben zu finden, das von Weisheit, Toleranz, Mitgefühl und Liebe geleitet wird. Es ist unsere Hoffnung, dass Sie in den hier vorgestellten Lehren und Übungen etwas finden, womit Sie experimentieren möchten und können. Sehen Sie es als einen Versuch an, eine Erprobung der Möglichkeit, sich selbst und andere neu zu sehen und zu einem neuen Verständnis von echter Stärke und wahrem Glück zu finden.

Bob lebte, bevor er College-Professor und Autor wurde, in Indien und war der erste westliche Mensch, der in der Tradition des tibetischen Buddhismus als Mönch ordiniert wurde. Sharon wurde in Indien und Burma von Lehrern der buddhistischen Theravada-Tradition in die Meditation eingeführt und hat nach ihrer Rückkehr nach Amerika ein buddhistisches Retreat-Zentrum in Massachusetts mitbegründet.

Wenn wir gemeinsam unterrichten, wechseln wir uns bei Unterweisungen und Geschichten, Übungen und Meditationen ab – und so tun wir es auch in diesem Buch.

Sharons Geschichten, Unterweisungen und Beispiele aus ihrer eigenen Lebenserfahrung und der ihrer Schüler erkennen Sie an der Schrift dieses Abschnitts.

Bobs Beiträge, die aus dem Kanon der buddhistischen Schriften und aus seiner Erfahrung schöpfen, sind in der Schrift dieses Abschnitts verfasst.

Sharon Salzberg

Tenzin Robert Thurman

New York, 2013

Einleitung von Sharon Salzberg

Von Sharon Salzberg

Wir alle möchten glücklich sein, aber es herrscht eine unüberschaubare Vielfalt von Meinungen zu der Frage, wo und wie wahres Glück zu finden ist. Überall ringsum sehen wir Konflikte und Menschen, die aus einer Haltung der Gegnerschaft heraus agieren. Dieses Bild der Trennung und Entfremdung lässt uns glauben, der Weg zum Glück müsse in der Überwindung anderer oder in der Unterdrückung von Anteilen unserer selbst liegen. Da sehen wir andere dann oft als unsere Feinde, und wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir möchten, werden wir sogar uns selbst zum Feind.

Unsere persönliche und kollektive Konditionierung verleitet uns zu glauben, Stärke sei etwas ganz anderes als Freundlichkeit und Mitgefühl. Wenn wir dann nicht irgendwelche Menschen oder Umstände zu Feinden erklären, kann es sich so anfühlen, als würden wir nachgeben oder aufgeben und uns dumm oder schwach oder sogar selbstzerstörerisch verhalten. Diese Entgegensetzung und Feindseligkeit, das Gefühl einer Kluft zwischen uns und anderen, aber auch in uns selbst, ist nach meiner Überzeugung der wesentliche Grund für unsere Ratlosigkeit bei der Frage nach dem wahren Glück.

Dieses Buch geht davon aus, dass wir allesamt Feinde haben – wenngleich uns Bob gleich zu Beginn seiner Einleitung Sand in das vielleicht beruhigend erscheinende Getriebe dieses Denkens streuen wird. Davon ausgehend werden wir Sie anhand der buddhistischen Lehren auf eine Reise mitnehmen, bei der wir allen vier genannten Arten von Feinden begegnen werden – äußeren Feinden, inneren Feinden, heimlichen Feinden und geheimen Feinden. Äußere Feinde können Menschen sein, die uns in irgendeiner Weise nachstellen oder einfach nerven; es können auch Lebensumstände sein, die uns frustrieren oder durcheinanderbringen. Innere Feinde sind Reaktionsweisen, die wir uns angewöhnt haben, die uns unfrei machen und unserem Leben schweren Schaden zufügen können – insbesondere Ärger und Hass. Noch weiter in der Tiefe stoßen wir auf unseren heimlichen Feind, die Selbstbezogenheit, die uns von anderen und unserem eigenen liebevollen Wesen abschneidet. Schließlich der geheime Feind, die tief eingefleischte Selbstverachtung, die uns nicht erkennen lässt, dass wir mit allen Lebewesen verwandt sind. Die Lehren und Meditationen dieses Buchs geben uns erneut Zugang zu der Weisheit und dem Mitgefühl, die uns angeboren sind und mit deren Hilfe wir die Beziehung zu unseren äußeren und inneren Feinden auf eine neue Grundlage stellen können.

Bei dem Wort »Feinde« denken sicher viele gleich an all die Menschen, die uns gekränkt oder Schaden zugefügt haben. Aber es gibt außerdem sehr trickreiche Gegner, mit denen wir es aufzunehmen haben, und das sind unsere eigenen inneren Feinde. Wir werden uns in diesem Buch den Feinheiten des Umgangs mit diesen Feinden widmen, denn nur so sind echte Siege zu erringen.

Wenn wir einem äußeren oder inneren Feind begegnen, ist es oft so, dass unsere Gedanken immer wieder die alten Bahnen nehmen, auf denen schon in der Vergangenheit keine Lösung zu finden war. Dieses Denken bleibt enttäuschend und ärgerlich und bringt uns nichts von dem, was wir uns wünschen. Es verlangt einen gewissen Wagemut, die vertrauten, aber untauglichen Formen des Umgangs mit Feinden hinter sich zu lassen und etwas anderes und Besseres auszuprobieren. Das Modell der Gegnerschaft bietet scheinbar Sicherheit, und es kostet Mut, sich davon abzuwenden. Eine solche Abkehr von erstarrten, tief eingefleischten Denkgewohnheiten nennt der Sozialpsychologe Jonathan Haidt ein Verlassen unserer »moralischen Matrix«. Wenn wir auf Zorn einfach nicht mehr mit Zorn reagieren und Vergeltung nicht mehr als unsere einzige Reaktionsmöglichkeit sehen, treten wir aus unserer alten moralischen Matrix heraus und finden uns im grenzenlosen Raum echter und höherer Wahlmöglichkeiten.

Unsere Gesellschaft erkennt Freundlichkeit zwar als wünschenswert, aber nicht als die gewaltige Kraft, die sie tatsächlich sein kann. Der Dalai Lama wird fast überall auf der Welt als die Verkörperung von Güte und Mitgefühl verehrt, aber seine Weigerung, die Chinesen nach ihrer gewaltsamen Einnahme Tibets als Feinde zu sehen, bleibt vielen unbegreiflich. Doch wenn wir unsere Feinde überwinden möchten, müssen wir von unseren alten Selbstverständlichkeiten wegkommen und Freundlichkeit und Mitgefühl als Stärken zu sehen lernen.

Unter den Übungen, die wir in diesem Buch vorstellen werden, ist keine besser zum Abbau unserer Feindseligkeit geeignet als die Meditation der Herzensgüte. Mit »Herzensgüte« übersetzen wir das Wort Metta, das aus dem Pali stammt, der Sprache, in der die buddhistischen Texte ursprünglich abgefasst wurden. Andere gebräuchliche Übersetzungen sind »Liebe« und »Freundschaft«. Herzensgüte erwächst aus dem tiefen Wissen, dass jedes Leben mit allen anderen verwoben ist und wir uns deshalb einer um den anderen kümmern müssen: nicht aus Sentimentalität oder falsch verstandener Pflichterfüllung, sondern aus einer Weisheit, die erkennt, dass wir letztlich für uns selbst sorgen, wenn wir uns um andere kümmern.

Herzensgüte ist nicht einfach ein abstraktes Ideal, sondern ein ganz praktischer Zugang zu einem anderen Leben. Die Herzensgüte-Meditation öffnet unser Bewusstsein in der Weise, dass wir andere und uns selbst anders zu betrachten lernen. Wo wir bisher abgelenkt und zersplittert waren, lernen wir nun, unsere Aufmerksamkeit zu sammeln und in unserer Mitte zu bleiben. Wir achten weniger auf das, was mit uns nicht in Ordnung ist und unüberwindlich wirkt, sondern lernen stattdessen auch das Gute in uns zu sehen. Und wir ordnen Menschen nicht mehr automatisch und ein für allemal als schlecht ein, sondern lassen uns einen Moment Zeit, um sehen zu können, dass sie wie wir einfach glücklich sein möchten.

Wahres Glück ist nach den Worten des Buddha eine Art federnde innere Widerstandskraft, in der wir ebenso für uns selbst wie für andere Sorge tragen können, ohne uns zu verausgaben und ohne uns von möglichen Leiden völlig überwältigen zu lassen. Die Inhalte dieses Buchs dienen dazu, diese in der heutigen Psychologie als »Resilienz« bezeichnete Widerstandskraft in uns zu entdecken, sodass wir uns in allen unseren Beziehungen von ihr leiten lassen können. Es mag anfangs unmöglich erscheinen, auch unsere Feinde in diesen Prozess einzubeziehen, aber wir werden erkennen, dass es nicht nur möglich ist, sondern darüber hinaus befreiend wirkt.

Einleitung von Tenzin Robert Thurman

Von Tenzin Robert Thurman

Eines sollten wir gleich klarstellen, nämlich dass wir letztlich keine Feinde haben. Als feindlich empfinden wir jemanden oder einen Umstand, der unserem Glück im Weg steht. Aber nichts Äußeres kann unser Glück verhindern, wahres Glück kommt von innen. Deshalb haben wir letztlich keine Feinde.

Da höre ich Sie schon sagen: »Was soll das? Hier haben wir ein ganzes Buch zu der Frage, wie wir mit unseren Feinden umgehen und sie zu Freunden machen können, und dann erzählt es mir erst einmal, dass ich gar keine Feinde habe! Da stimmt doch etwas nicht. Ich weiß einfach, dass ich Feinde habe. Erst gestern habe ich erfahren, dass ein Kollege seine Angel nach dem neuen Posten auswirft, der mir eigentlich zusteht. Und was ist mit meinem Nachbarn, der mich bis spät in die Nacht mit seiner Musik nervt, sodass ich nicht schlafen kann? Wie steht es mit gewissen Mitgliedern meiner Familie, die mir das Leben als Kind so schwer wie nur möglich gemacht haben? Und überhaupt, diese heutige Welt, wo jeder jeden bekämpft und sich Menschen gegenseitig in die Luft sprengen. Keine Feinde? Also bitte!«

Da haben Sie in gewissem Sinne recht. Relativ betrachtet haben wir Feinde. Menschen oder Situationen, die uns Schaden zufügen, sehen wir irgendwie als Feinde an. Sie schaden dem, was wir »ich« nennen, und darin liegt, wie wir noch sehen werden, bereits ein Teil des Problems. Wir nehmen an solchen äußeren Feinden die Absicht wahr, uns zu schaden, aber eigentlich ist da nur unsere Selbst-Sucht unter Beschuss, diese Fixierung auf ein gleichbleibendes Ich, das von anderen Ichs verschieden und getrennt ist. Unser wichtigster Feind ist demnach der innere Feind, zum Beispiel der Ärger, der Hass, der ganze emotionale Aufruhr, sobald wir unser kostbares Ich-Gefühl bedroht sehen.

Und das sind ja noch nicht alle Feinde. Noch tiefer sitzt unser heimlicher Feind, unser instinkthaftes Festhalten an einer festgefügten Identität zusammen mit dieser hartnäckigen Selbstbezogenheit, die uns von der Realität abschneidet und keinen liebevollen Umgang mit anderen zulässt. Zuletzt unser geheimer Feind – geheim, weil nicht einmal wir selbst ihn kennen. Dieser Feind ist unsere Schattenseite, ein, wie es scheint, anfangsloser Glaube an unseren menschlichen Unwert, der weder wahres Glück noch wahre Freiheit zulässt.

Jesus hat uns aufgetragen, unsere Feinde zu lieben, und dem, der uns schlägt, auch die andere Wange hinzuhalten; wir sollen unser Gewand geben, wenn wir um ein Hemd gebeten werden, und keine Mühe scheuen, wenn es zu helfen gilt. Im gleichen Sinne sagte der Buddha, dass nur Liebe den Hass unterbindet. Er ließ uns auch wissen, wie wir zur Feindesliebe kommen können: Wir nutzen die von äußeren Feinden ausgehenden Energien zur Überwindung des inneren Feindes; und wenn wir den inneren Feind erkannt haben, können wir mit diesem Wissen gegen den heimlichen Feind in uns vorgehen; wenn wir schließlich den heimlichen Feind los sind, können wir die gewonnene Freiheit zur Überwindung des geheimen Feindes einsetzen. So können wir am Ende alle unsere äußeren und inneren Feinde lieben.

Liebe wünscht sich das wahre Glück des Geliebten. Darin ist sie dem Mitgefühl verwandt, das dem Geliebten Freiheit von Leiden wünscht. Wenn man es recht bedenkt, ist Feindesliebe eigentlich eine sehr vernünftige Sache, weil wir unserem Feind im Grunde nichts anderes als wahres Glück wünschen. Er ist nur deshalb unser Feind, weil er sein Glück irgendwie durch uns verhindert sieht. Wenn er wirklich glücklich sein kann, ohne uns zuvor aus dem Weg räumen zu müssen, wird er keine Lust mehr haben, unser Feind zu sein. Wenn er richtig glücklich ist, wird er uns womöglich sogar lieben, zumindest aber in Ruhe lassen.

Die Frage, ob wir uns mit der Liebe zu unseren Feinden nicht ins eigene Fleisch schneiden, ist verständlich. Geben wir ihnen nicht Anlass, uns ungehindert auszunutzen oder sogar fertigzumachen? Aber unsere Feinde zu lieben, beinhaltet nicht, dass wir sie auffordern, sich an uns zu vergreifen. Dann würden nicht nur wir leiden; vielmehr macht es auch unsere Feinde nicht wirklich glücklich, wenn sie uns schaden. Die flüchtige Genugtuung verschafft ihnen keine echte Befriedigung, sondern vertieft nur ihr Unglück in diesem Leben und in weiteren.

Was wir uns als Glück des Siegs über unsere Feinde vorstellen, ist kein wahres Glück – es verfliegt allzu schnell. Es ist nichts weiter als ein Aufatmen, weil irgendeine äußere oder innere Verschiebung vorübergehend den Stress von uns nimmt. Und wenn sich die Umstände dann wieder ändern, was ja nicht ausbleiben kann, ist es mit dem angeblichen Glück gleich wieder vorbei. Dann leiden wir. Der Buddha spricht hier vom »Leiden der Veränderung«.

Schein-Glück hält im Unterschied zu wahrem Glück nicht an. Wahres Glück hängt nicht von dem Umständen ab, sondern verdankt sich der direkten Wahrnehmung der Realität, also dessen, was hier und jetzt tatsächlich geschieht. Intuitiv wissen wir, dass wahres Glück nicht in Worte zu fassen ist. Es ist sogar so, dass unsere Gedanken und Worte uns ständig von dem ablenken, was wir intuitiv wissen. Wenn uns intuitiv aufgeht, dass wir uns in dem, was wir für real halten, täuschen, wenn wir also erkennen, dass wir Fantasien an die Stelle der Realität gesetzt haben, liegt es nahe zu glauben, wir müssten nur unser Denken abstellen, dann würden wir automatisch in der Erfahrung der Realität leben. So einfach ist es jedoch nicht. Durch unsere sehr gut eingeübte Verblendung sind wir unseren intuitiven Fähigkeiten so weit entfremdet, dass wir die Wahrheit nicht mehr ohne Weiteres erkennen. Wir müssen unseren Geist also gekonnt einsetzen, um wirklich zu sehen, wie sehr wir uns in Worte und Ideen verrannt haben, wir müssen die Verschleierung einer tieferen, nicht zu denkenden und nicht in Worte zu fassenden Wirklichkeit aufheben und zugleich die Angst in den Griff bekommen, die uns vor solchen Enthüllungen zurückschrecken lässt.

Der Buddha ruft uns zu, dass wir das falsche Denken hinter uns lassen und zu einer realistischeren Lebensform finden können. Dabei können unsere Feinde die besten Lehrer sein. Wie sollten wir Geduld, Toleranz und Vergebung lernen, wenn es keine Leute gäbe, die uns Schaden zufügen und die verhindern, dass wir bekommen, was wir wollen?

Es ist nicht ganz leicht zu verstehen, was der Buddha meint, wenn er von unserer Befähigung zu einer neuen Form des Glücks spricht – eines Glücks, das durch die Überwindung unserer instinktiven Neigung zu Ärger-Reaktionen auf das Verhalten unserer Feinde entsteht. Dabei müssen wir eine der großen wissenschaftlichen Entdeckungen des Buddha berücksichtigen – wissenschaftlich im Unterschied zu »religiös« oder »mystisch« – nämlich das, was er selbst als die biologische Realität des Lebens erfuhr. Der Buddha verstand seine Lehre vom Karma – das Wort lässt sich vereinfachend mit »Tat«, »Handlung« oder »Aktion« übersetzen – als Beschreibung eines kausalen Prozesses der individuellen Evolution, die positiv oder negativ, aufwärts oder abwärts im Hinblick auf Form und Lebensqualität verlaufen kann und durch die alle Lebewesen gleichsam genetisch verwandt sind, da sie alle und vom Beginn der Zeit an immer wieder und in jeder erdenklichen Lebensform wiedergeboren wurden. Er fand über sich selbst heraus, dass er Affe, Löwe, Schildkröte und Bakterium gewesen war, mal männlich, mal weiblich, mal Dämon, mal Gottheit und so weiter – und das alles unzählige Male, wie es auch bei jedem anderen Lebewesen der Fall ist. Seine gegenwärtige menschliche Lebensform sah er als das Ergebnis des gigantische Zyklen umspannenden Evolutionsprozesses eines komplexen, intelligenten und mitfühlenden Wesens. Der Buddha beschrieb eine Art darwinistischen Ozean der Lebensformen, in dem die durch früheres Handeln geformten und die Zukunft gestaltenden geistigen oder spirituellen »Gene« von gleichem Gewicht sind wie die körperlichen Gene der Eltern für die äußere Gestalt ihrer Nachkommen.

Nun betrachtet die moderne materialistische Biologie den Menschen als das Produkt zufälliger Mutationen geistloser genetischer Muster und den menschlichen Geist als reine Einbildung, hervorgerufen durch die Signale eines stofflichen Gehirns. Das Leben beginnt erst mit der Geburt und endet im Tod. Das macht den Menschen zu einer mechanischen Kreatur ohne langfristigen individuellen Lebenszweck, darauf »programmiert«, so zu reagieren, dass die Zukunft seiner physischen Gene optimal gesichert ist. Wenn dann ein Feind diesen Schutz der Gene bedroht, muss die Maschine Mensch aufgrund ihrer Programmierung mit einer durch die Ausschüttung bestimmter Hormone erzwungenen Gewalttätigkeit gegen diesen Feind vorgehen. Keine andere Vorgehensweise ist auch nur denkbar. Der Buddha und die in seiner Nachfolge stehenden »Geistes-Wissenschaftler« sehen den Einzelnen dagegen als das Ergebnis eines langen Evolutionsprozesses, in dem das innere und äußere Verhalten seinen Niederschlag in so etwas wie einem geistigen Gen findet, das die gegenwärtige Lebenserfahrung des Menschen gestaltet und ihn dadurch zu einem Verhalten motiviert, das ihm eine bessere Lebensform und mehr Lebensqualität sichert und auch für seine Zukunft, ja sogar für künftige Leben mitbestimmend wirkt. Evolutionärer Rückschritt tritt nach den Worten des Buddha durch selbstsüchtiges Agieren von Körper, Rede und Geist ein, während echter evolutionärer Fortschritt dem selbstlosen Handeln zu verdanken ist. Ärger und Hass als zunächst rein geistige, dann aber auch verbale und physische Gewalttätigkeit bewirken eine »Abwärtsevolution« hin zu niederen Lebensformen in den nicht menschlichen Bereichen der Tiere, der hungrigen Geister und so weiter. Geduld und Liebe als gewaltfreie, fördernde Formen des Handelns regen zu einem entsprechenden verbalen und körperlichen Handeln an und leiten deshalb den individuellen Evolutionsprozess in Richtung höherer Lebensformen.

Ich werde in diesem Buch nicht in die Details der buddhistischen Karma-Lehre gehen, möchte aber den individuellen Evolutionshorizont darstellen, in dem unser Ringen um die Überwindung von Ärger und Hass vom erleuchteten Eigeninteresse ausgeht. Ich werde Karma gelegentlich als »evolutionäres Handeln« umschreiben und in dem Zusammenhang erklären, inwiefern die Anleitungen zur Überwindung des Ärgers besser verständlich sind, wenn wir sie auf die Ursachen und Wirkungen aufeinanderfolgender Leben beziehen, anstatt nur das eine Leben zu betrachten, das die Materialisten dem Menschen zubilligen. Sollten Sie sich gegen die »religiöse Lehre« von früheren und künftigen Leben und für das materialistische Weltbild entschieden haben, können Sie die hier vorgestellten Methoden trotzdem anwenden, um Ihr Leben zu verbessern. Wenn Sie ein religiöser Mensch sind, können Sie diese Methoden unabhängig von Ihrer Glaubensrichtung anwenden; denn es handelt sich um Methoden, die der Wissenschaft des Geistes entspringen und die uns Verbesserungen unseres emotionalen und sozialen Lebens versprechen, ohne dass wir uns zu einem bestimmten Glauben bekennen müssten.

Ganz unabhängig von unserem Weltbild wird die Auseinandersetzung mit äußeren Feinden uns bald darauf bringen, dass der innere Feind unser Hauptfeind ist. Wenn der Dalai Lama einfach nicht in der Lage ist, die Chinesen, die Besatzer Tibets, als Feinde zu sehen, liegt es dann nicht auf der Hand, dass uns die Überwindung unseres inneren Feindes, des Ärgers, befähigt, mit äußeren Feinden so umzugehen, dass wir am Ende sogar ihnen alles Gute wünschen und damit für uns den Sieg des wahren Glücks erringen?

Das größte Hindernis für die Entwicklung von Mut und Furchtlosigkeit besteht in dem Glauben, Ärger würde uns schützen. Können Sie sich vorstellen, was das für ein Leben wäre, wenn alle unbegründeten Ängste wegfielen? Sie würden dann am Flughafen durch die Röntgenkontrolle gehen, ohne zu befürchten, dass man Sie herauswinkt, weil sie versehentlich die große Flasche sündhaft teures französisches Shampoo im Handgepäck verstaut haben.

Da Feinde unsere Energien des Zorns und der Angst in Wallung bringen, bestehen unsere wichtigsten Mittel gegen sie in Weisheit, Toleranz, Mitgefühl und Liebe. Durch Weisheit werden wir furchtlos, weil sie uns die natürliche Geborgenheit in der wahren Wirklichkeit erkennen lässt. Toleranz sorgt dafür, dass wir unsere Weisheit nicht von Ärger und Hass vereinnahmen lassen. Mitgefühl ist eigentlich eine Erweiterung unserer Weisheit, da sie dem Drang, Feinde zu erschaffen, vorbeugt. Und Liebe entspringt dem Glück der Befreiung von Zorn und Verblendung, sie fließt über und umfängt alle Wesen überall. Dann nehmen unsere Feinde uns immer weniger als Bedrohung wahr (was freilich dauern kann), und ihre Feindseligkeit nimmt ab. So gelangen wir schließlich zu einem dauerhaften Sieg über unsere Feinde.

DER VERKEHR SIND WIR

Auf einer Zugfahrt den Hudson River entlang in Richtung New York City saß ich einmal zwischen einer Frau, die mit erheblichem Stimmaufwand ein Handy-Gespräch führte, und einem Mann, dem die Lautstärke, mit der die Frau sprach, spürbar gegen den Strich ging. Das ging eine ganze Weile so, und sie ersparte uns nicht das kleinste Detail ihrer vielen Pläne, und der Mann wand sich, er ächzte, er knurrte, bis er schließlich nicht mehr an sich halten konnte und brüllte: »Sie machen verdammt viel Krach hier!« Ich sah ihn an und konnte mir nicht verkneifen zu denken: »Na, du aber auch.«

Wenn im Straßenverkehr mal wieder nichts mehr geht und wir uns aufregen, vergessen wir gern, dass wir ja auch dieser Verkehr sind. Wir sind ein Teil des Problems und könnten wohl auch ein Teil der Lösung sein. Die Auseinandersetzung mit Gegenspielern beginnt mit unserer Bereitschaft, Neuland zu betreten und uns einmal anzusehen, was eigentlich die Menschen, die uns am Herzen liegen, von denen unterscheidet, die wir ganz gut ausblenden, wenn nicht ablehnen können.

Der Philosoph Peter Singer erläutert dazu, dass Altruismus ursprünglich ein biologischer Antrieb zum Schutz der eigenen Art ist, der sich jedoch im weiteren Verlauf der Evolution über die reine Brutpflege hinaus zu einer bewussten und willentlichen Fürsorglichkeit entwickelte. So mag unsere unmittelbare, reflexartige Reaktion uns eingeben, die unangemessene Lautstärke eines anderen noch zu übertreffen oder die Streitlust eines anderen mit Unfreundlichkeit zu quittieren, aber so etwas setzt erfahrungsgemäß nur einen aufreibenden Teufelskreis in Gang.

Wenn wir jemanden als Feind bezeichnen, weisen wir ihm eine kaum noch zu revidierende Identität zu. Wir fühlen uns sicher, wenn wir andere als schlecht (oder gut, im Recht oder im Unrecht) charakterisieren können. Dann wissen wir nämlich, wo wir stehen und wo sie stehen. Aber ganz so einfach geht es im Leben nicht zu. Mein Freund Brett war eine Zeit lang Fahrer eines Limousinen-Service. Er erzählte mir, wie er sich einmal über das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer aufregte – als ihm urplötzlich auffiel, dass er sich genau dieses Fehlverhaltens selbst schon schuldig gemacht hatte.

Wenn wir Menschen einer Kategorie zuordnen, die nichts mit uns zu tun hat, machen wir sie zu Objekten, und das erzeugt Spannungen, aus denen schließlich Konflikte werden müssen. Da findet man dann nicht mehr leicht Zugang zueinander und wird schnell einsam. In der geschilderten Situation im Zug könnte ein sinnvollerer Umgang mit der als Feind empfundenen Person darin bestehen, dass man den Platz wechselt oder die Person höflich bittet, ein wenig leiser zu sprechen. Alternativ könnte man auch erst einmal gar nicht reagieren, aber später aktiv werden, etwa indem man sich an geeigneter Stelle gegen den Handygebrauch in öffentlichen Verkehrsmitteln ausspricht beziehungsweise für handyfreie Abteile einsetzt. Anstatt also auf Störenfriede loszugehen, sollten wir besser zusehen, wie wir die Situation für alle zum Besseren wenden können.

Brett erzählt auch gern von seinem ersten Meditations-Retreat vor zehn Jahren, bei dem nicht gesprochen wurde. Es handelte sich um das alljährliche Herzensgüte-Retreat, das ich bei der von mir mitbegründeten Insight Meditation Society in Barre, Massachusetts, leite. Nach einigen Tagen ruhte er sich einmal nach dem Abendessen und vor der Abend-Meditation in seinem Zimmer aus. Hier sein Bericht von dem, was dann passierte:

Mein Zimmer lag direkt über dem öffentlichen Telefon im Keller. Ich lag auf meinem Bett und spürte das warme Strömen der Liebe in mir, als plötzlich aus dem Keller eine laute, eine überlaute Stimme zu mir heraufschallte. Ich verstand zwar die Worte nicht, aber es war eine Männerstimme, und sie schrie. Da schlug meine Herzensgüte augenblicklich um in den Gedanken: »Was für eine Rücksichtslosigkeit!« Ich war so aufgebracht, dass ich aufstand, um diesem Typen da unten zu sagen, wie unmöglich er sich an diesem Ort der Stille aufführte. Im Keller öffnete ich die Tür und sah zur Telefonzelle hinüber, wo ich nur den Kopf des Mannes sehen konnte. Als ich nah genug war, um zu verstehen, was gesprochen wurde, rief er gerade völlig frustriert: »Aber Papa, wir haben dreitausend Dollar für dein Hörgerät ausgegeben, und jetzt willst du es nicht benutzen?« Da ging meine Adrenalinausschüttung ganz rapide auf Normalmaß zurück und überließ das Feld erneut der Herzensgüte. Schmunzelnd ging ich in mein Zimmer zurück.

Es zeugt keineswegs von Schwäche oder Hilflosigkeit, wenn wir nicht direkt auf unsere Feinde losgehen. Unsere Beziehungen zu anderen gestalten sich dann vielmehr ganz anders, und niemand muss sich mehr in der Rolle des Opfers oder des Täters gefangen fühlen. Wir sind so darauf getrimmt, überall sofort Gegnerschaft zu wittern, dass wir uns kaum je klarmachen, wie wenig das als alltägliche Verhaltensnorm taugt. Es ist gut, wenn wir uns wie Brett dafür interessieren, was in der Pause zwischen dem Aufbrausen und dem Tätigwerden tatsächlich vor sich geht.