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Titel

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört,

einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher,

Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7502-9 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6052-0 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:
Satz & Medien Wieser, Aachen

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche
Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und
Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
© der deutschen Ausgabe 2020
SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: info@scm-haenssler.de

Originally published in English under the title: The Bridge to Belle Island
© 2019 by Julie Klassen
by Bethany House Publishers,
a division of Baker Publishing Group,
Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A.
All rights reserved.

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

Übersetzung: SuNSiDe
Lektorat: Julia Schlicht
Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart
Cover design: © Jennifer Parker
Landkarte: © Bek Cruddace Cartography & Illustration
Titelbild: © Mike Habermann Photography, LLC
Autorenfoto: © unbekannt
Satz: Satz & Medien Wieser, Aachen





Für unsere Söhne Aaron und Matthew

Wir lieben euch beide so sehr.

In tiefer Dankbarkeit für alle, die für unsere Familie gebetet haben.

Wir wissen eure Gebete mehr zu schätzen, als ihr euch vorstellen könnt.





Die ganze Menschheit stammt von einem Autor und bildet ein einziges Buch …
Niemand ist eine Insel und in sich vollständig.
John Donne




Jeder soll die Brücke loben, die ihn auf die andere Seite bringt.
Englisches Sprichwort




Deshalb sollen die, die dich lieben, dir ihre Verfehlungen bekennen, solange noch Zeit ist, damit sie nicht in den Fluten des Gerichts ertrinken.
Psalm 32,6

Inhalt

Über die Autorin

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Nachwort der Autorin

Fragen

Leseempfehlungen

Über die Autorin

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Julie Klassen arbeitete 16 Jahre lang als Lektorin für Belletristik. Mittlerweile hat sie bereits elf Romane aus der Zeit von Jane Austen geschrieben, von denen drei den begehrten Christy Award gewannen. Wenn sie nicht schreibt, liebt Klassen das Reisen und Wandern. Mit ihrem Mann und zwei Söhnen lebt sie in Minnesota (USA).

Kapitel 1

Ornament

April 1819

Benjamin Booker saß mit klopfendem Herzen im Gerichtssaal. Sein momentan wichtigster Fall war endlich zur Verhandlung gekommen; dies war seine große Chance, sich vor den Partnern seiner Anwaltskanzlei zu beweisen.

Es herrschte der übliche Geräuschpegel: Auf der Galerie drängten sich die lärmenden Zuschauer und Zeitungsleute, unten saßen die Zeugen, die darauf warteten, dass sie aufgerufen wurden, während die Rechtsanwälte mit ihren weißen Perücken einander wie Boxer im Ring taxierten.

Die glänzend polierten holzgetäfelten Wände der Großen Kammer schimmerten. Ein Kreuz schmückte die Wand hinter dem erhöhten Sitz, auf dem der Richter mit weißer Perücke und prächtiger Robe Platz genommen hatte. Zu seiner Linken saßen zwölf männliche Geschworene auf ihren in drei ansteigenden Reihen angeordneten Plätzen und lauschten der Zeugenaussage.

Benjamin hatte als Solicitor die Laufarbeit gemacht; die Verhandlung selbst oblag nun dem Barrister, den er beauftragt hatte, vor Gericht zu plädieren. Er selbst saß auf einer Seite, etwas im Hintergrund, und sprach ein stummes Stoßgebet. Mit leichten Schuldgefühlen dachte er daran, dass er in letzter Zeit kaum noch gebetet hatte. Er war sich so sicher gewesen, dass Susan Stark die Wahrheit sagte, dass er seine gesamte Karriere und seinen Ruf vom Ausgang dieses Prozesses abhängig gemacht hatte.

Und nun entwickelte sich das Ganze zu einem Desaster.

Der Fall lag folgendermaßen: William Stark hatte Susan Wettenhall geheiratet, eine atemberaubende, aber mittellose Schönheit. Doch dann hatte er eine reiche Erbin mit fünftausend Pfund im Jahr kennengelernt und seinen Entschluss bereut. Da eine Scheidung nur sehr schwer bis gar nicht zu erlangen war, war er auf den Ausweg verfallen, seine Frau der Bigamie zu beschuldigen, um sie loszuwerden, und behauptete nun, sie sei bereits verheiratet gewesen.

Doch seine Frau konnte belastende Beweise gegen ihn vorlegen: Briefe, die zwischen ihrem Mann und der Erbin, die er heiraten wollte, gewechselt worden waren; Zeugen, die die beiden bei heimlichen Zusammenkünften beobachtet hatten; ja, es gab sogar eine Zeitungsanzeige, die Mr Stark aufgegeben hatte und in der er einer gewissen Jane Wilson – ein sehr verbreiteter Name – eine Belohnung bot, wenn sie bereit war, im Prozess auszusagen.

Benjamin selbst hatte den Pfarrer befragt, der Mr und Mrs Stark im Jahr zuvor getraut hatte. Es schien alles korrekt gewesen zu sein. Dennoch hatte er seine ganze Überredungskraft aufbieten müssen, um einen eingetragenen Barrister dafür gewinnen zu können, die angeklagte Ehefrau vor Gericht zu vertreten. Mr Sullivan hatte sich anfangs geweigert, doch nachdem Ben ihm hoch und heilig versprochen hatte, dass sie erfolgreich sein würden, hatte er das Mandat übernommen.

Mr Knowles, der Strafverfolger, hatte als ersten Zeugen den Kirchendiener der St.-James-Kirche am Piccadilly Circus, wo angeblich Susans erste Ehe geschlossen worden war, aufgerufen.

Der Geistliche legte dem Gericht ein Heiratsregister vor, das einen Eintrag über die Eheschließung eines Enos Redknap mit einer Sukey Hall enthielt. Der Name klang ähnlich wie Mrs Starks Mädchenname, war aber nicht derselbe. Der Kirchendiener gab zu, dass er sich nicht an die beiden Ehekandidaten erinnern und auch die Angeklagte nicht identifizieren konnte.

Das schien ein guter Anfang gewesen zu sein.

Doch dann hatte eine zweite Zeugin, eine Mrs Pruitt, geborene Jane Wilson, die Angeklagte als Sukey Hall identifiziert und angegeben, bei der Hochzeit zugegen gewesen zu sein.

Sullivan, auf diese Möglichkeit vorbereitet, hatte sie gefragt: »Kann irgendjemand beweisen, dass Sie die Jane Wilson sind, die in dem Heiratsregister unterschrieben hat?«

»Mein Mann und meine Schwester können meinen Mädchennamen bezeugen.« Die Zeugin berührte das vor ihr liegende Register. »Und dass das mein Name ist, der in diesem Buch steht, kann ich mit meiner Handschrift beweisen.«

Die Frau wirkte sehr überzeugend. Benjamin hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl; ihm wurde schwindelig. Reiß dich zusammen, Booker, ermahnte er sich.

Sullivan hielt die Anzeige hoch, die Mr Stark aufgegeben hatte, und fragte die Zeugin, ob sie ein Entgelt für ihre Zeugenaussage erhalten habe. Sie verneinte, doch Benjamin hoffte, dass die Geschworenen das bezweifelten.

Als Nächste sagte eine ehemalige Herbergswirtin aus. Nun lief der Fall völlig aus dem Ruder. Auch sie identifizierte Mrs Stark als die frühere Sukey Hall. Sie war zwar nicht bei der Hochzeit selbst zugegen gewesen, hatte jedoch danach in ihrem Haus, wo Miss Hall damals logierte, mit ihr auf die Eheschließung angestoßen.

Benjamin spürte, wie Sullivan ihm einen schockierten, zornigen Blick zuwarf, doch er sah verbissen geradeaus, obwohl sein Magen sich schmerzhaft verkrampfte. Sollte er sich tatsächlich in seiner Klientin geirrt haben? Einen so schwerwiegenden Fehler würden seine Partner ihm nicht verzeihen. Und schlimmer noch, wenn er seine Anstellung verlor, würde er sich sein Leben lang von seinem Vater anhören müssen: »Ich hab's dir ja gesagt!«

Mrs Stark protestierte auf der Anklagebank: »Bekommen Sie auch einen Anteil von den fünftausend, Madam? Bestimmt!«

»Leider nicht, meine Liebe«, antwortete die ältere Frau unbekümmert. »Ich bin im Moment so gut wie pleite.«

Sullivan stellte der älteren Zeugin ein paar Fragen, in der Hoffnung, ihr einen Fehler in ihrer Erinnerung nachweisen zu können, doch die Achtzigjährige war geistig noch hellwach.

Dann betrat Mr Stark selbst den Zeugenstand.

»Sehen Sie die junge Frau an, die hier vor Gericht steht«, forderte Knowles ihn auf. »Haben Sie sie geheiratet?«

»Ja, am sechsten April letzten Jahres.«

»Hat ihr erster Mann zu diesem Zeitpunkt noch gelebt?«

»Ja – und er lebt auch heute noch. Ich habe allerdings erst kürzlich von seiner Existenz erfahren.«

»Wie gelangten Sie zu dieser Erkenntnis, die der Verteidigung ganz offensichtlich nicht zur Verfügung stand?« Knowles warf Sullivan einen tadelnden Blick zu. Der starrte erneut Benjamin an.

»Mein Vater war misstrauisch. Er hat einen Mann aus der Bow Street beauftragt, Nachforschungen über seine neue Schwiegertochter anzustellen. Dieser Mann fand heraus, dass ich auf eine Frau hereingefallen war, die bereits verheiratet war.« Bei diesem Geständnis wurde Mr Stark rot. »Sie hat mich hinters Licht geführt.«

Susan sah den Richter flehend an. »Gott ist mein Zeuge, dass ich Mr Stark niemals um einen einzigen Farthing gebeten habe. Er beschwor mich unablässig, ihn zu heiraten. Er wusste, wer ich war, und ich hatte kein Geheimnis vor ihm. Und er hat mich trotzdem geheiratet.«

Da! Das war praktisch ein Geständnis. Ben wurde übel, als er begriff, dass die Frau ihm schamlos ins Gesicht gelogen und er ihr jedes falsche Wort geglaubt hatte.

Mr Stark sah sie an und sagte kühl: »Wenn irgendjemand von Ihnen tatsächlich glaubt, ich hätte wissentlich eine bigamistische Ehe mit einer leichtfertigen Person geschlossen, irrt er sich aber gewaltig.«

Benjamin schluckte schwer.

Danach unterzog Sullivan Mr Stark nur noch einem oberflächlichen Kreuzverhör und rief auch keinen der anderen Zeugen mehr auf, die noch warteten. Benjamin wusste, dass es vorbei war – mit dem Prozess und seiner Karriere. Er hatte sich von einer schönen Lügnerin täuschen lassen, genauso wie Mr Stark. Sein Versagen stand ihm deutlich vor Augen.

Zum Schluss empfahl sich die Angeklagte der Gnade des Gerichts und bat, unter Verweis auf ihre Armut und Verzweiflung, um ein mildes Urteil.

Die Jury kehrte nach kurzer Beratung zurück und verkündete das Urteil: schuldig. Der Richter verurteilte die Angeklagte zu sechs Monaten Haft in der Besserungsanstalt und einem symbolischen Bußgeld von einem Schilling.

Ganz bestimmt würde sie die Anwaltsgebühren nicht bezahlen können. Da Bens Firma Sullivan das Mandat übertragen hatte, würde sie auch sein Honorar übernehmen müssen. Benjamin beschloss, die Summe von seinen dürftigen Ersparnissen zu begleichen.

Sullivan war gedemütigt und wütend über die schwere Niederlage. Leise fluchend schwor er, allen zu erzählen, dass Benjamin Booker sich für die Unschuld der Frau verbürgt und ihn überredet hatte, den Fall wider besseren Wissens zu übernehmen.

Benjamin konnte ihm deswegen keine Vorwürfe machen. Er war ebenfalls wütend auf sich selbst, fühlte sich gedemütigt und fürchtete sich vor Mr Hardys Reaktion, wenn dieser von seinem gründlichen Versagen erfuhr. Und das würde nicht lange dauern, wie ihm beim Anblick der wild durcheinanderredenden Zuschauer, darunter manch schadenfroher Widersacher, und der hastig ihre Blöcke vollkritzelnden Zeitungsleute, klar wurde.

Die Angeklagte wurde abgeführt. Als sie an ihm vorüberging, zwang sich Benjamin, ihr ins Gesicht zu sehen.

»Es tut mir leid, Mr Booker«, sagte sie. »Ich hätte nie gedacht, dass sie Jane finden würden – nicht nach ihrer Heirat. Und wer hätte gedacht, dass die alte Frau überhaupt noch lebt? Ihr Gasthaus wurde doch schon vor Jahren abgerissen. Aber ich danke Ihnen, dass Sie versucht haben, mir zu helfen.«

»Das hätte ich nicht, wenn ich gewusst hätte, dass Sie mir das Blaue vom Himmel erzählen.«

»Oh …«, meinte sie traurig. »Ich vermisse die Wertschätzung, die ich immer in Ihren Augen gesehen habe.« Sie schien mit Mühe die Tränen zurückzuhalten. »Wissen Sie, Enos hat mich sechs Monate nach unserer Heirat sitzen gelassen, wegen einer Opernsängerin. Ich musste zusehen, wie ich mich durchschlagen konnte. Aber leider habe ich zu spät erfahren, wie gefährlich er ist, deshalb habe ich zu meinem eigenen Schutz meinen Namen geändert. Als Mr Stark anfing, mir den Hof zu machen, erschien mir das wie ein Fingerzeig des Himmels. Ich hatte das Gefühl, dass mir keine andere Wahl blieb, als ihn zu heiraten, wenn ich überleben wollte.«

Ob auch nur ein einziges Wort davon wahr ist?, fragte sich Benjamin. Er hatte genug von ihren Tricks – wie konnte er darauf nur reinfallen – und verließ mit gesenktem Kopf und brennendem Gesicht den Gerichtssaal. Die Buhrufe und Pfiffe verfolgten ihn bis nach draußen.

Er machte sich auf den Weg ins Büro von Norris, Hardy und Hunt. Mr Hardy war nicht da, er hatte einen Termin mit einem Klienten; Ben würde erst abends mit ihm reden können. So sehr er dieses Gespräch fürchtete, so wenig konnte er es erwarten. Es würde ihn maßlos erleichtern, wenn sein Mentor ihm Absolution erteilte oder zumindest Verständnis zeigte.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit trödelte er im Büro herum, doch schließlich gab er auf und ging. Draußen waren bereits die Straßenlaternen angezündet. Er überquerte Lincoln's Inn Field und trottete die Coventry Street entlang zum Queen's Head. Mr Hardy zog die etwas abgelegene Kneipe dem näher liegenden Seven Stars vor, das ständig so von Juristen überfüllt war, dass man sicher sein konnte, dass jedes Gespräch von den Kontrahenten belauscht wurde.

Benjamin nahm den Hut ab, trat in die ruhige Gaststätte und sah sich um. Das dunkle Holz, das knisternde Kaminfeuer und die vielen lauschigen Ecken und Winkel verhießen normalerweise Komfort und Behaglichkeit. Aber nicht heute.

Mr Hardy war bereits da. Er saß, eine Zigarre rauchend, in ihrer üblichen Kaminecke. Der Seniorpartner trank normalerweise nichts Stärkeres als ein halbes Bier, doch heute stand ein Glas Whiskey vor ihm.

Benjamin konnte ihn gut verstehen. Er hätte sich selbst auch gerne einen starken Drink genehmigt, doch er beherrschte sich, wohl wissend, dass der Trost nur vorübergehend und die Folgen schmerzlich sein würden. Langsam trat er an den Tisch heran. »Es tut mir leid, Sir. Sehr leid. Ich war ganz sicher, dass sie unschuldig ist.«

Das schmale, gut aussehende Gesicht des Mannes wirkte plötzlich sehr viel älter als seine fünfundfünfzig Jahre. »Das weiß ich. Aber Sie haben Ihren guten Namen für diese Frau aufs Spiel gesetzt … und Sullivans.«

Benjamin wand sich innerlich. »Ja, Sir. Und jetzt habe ich nicht nur meinen eigenen Ruf ruiniert, sondern den der ganzen Firma. Ich habe wirklich geglaubt, dass …«

Robert Hardy hob eine Hand. »Wir brauchen nicht alles noch einmal durchzukauen. Sullivan war bereits bei mir und hat mir alles erzählt. Er will keine Klienten mehr von uns übernehmen. Leider ist er einer der Besten.«

Benjamin setzte sich und war sogleich von einem Nebel aus Tabakrauch, Zitronen- und Gewürzduft umgeben. »Wirklich, Sir, es tut mir so leid. Ich …«

»Genug der Entschuldigungen«, unterbrach Hardy ihn ungehalten. »Das schafft die Probleme nicht aus der Welt. Jetzt hilft nur entschlossenes Handeln.«

Benjamin empfand die scharfen Worte wie einen Schlag ins Gesicht. Augenblicklich war er wieder ein kleiner Junge, der sich unter der strengen Missbilligung seines Vaters krümmte. Ob Mr Hardy ihn jetzt hinauswerfen würde? Er könnte es ihm kaum übel nehmen.

Sein Mentor sah ihn forschend an, sein Blick wurde weicher. »Ich werde Ihnen keine weiteren Vorhaltungen machen, das haben Sie selbst schon zur Genüge getan.« Er seufzte. »Diese verdammte Person!«

Benjamin nickte. »Ich habe ihr tatsächlich geglaubt, Sir. Sie ist eine unfassbar gute Schauspielerin. Und ich bin ein solcher Narr – ein dummer, leichtgläubiger Tor.«

Der ältere Mann seufzte. »Sie sind nicht der erste Mann, der sich von einer schönen Frau zum Narren halten lässt, und Sie werden ganz bestimmt nicht der Letzte sein.« Hardy ließ die Flüssigkeit in seinem Glas kreisen. »Es ist vorbei. Sie haben getan, was Sie für richtig hielten. Sie haben viel riskiert, um jemand zu schützen, den Sie schätzten, auch wenn sich diese Einschätzung als falsch erwiesen hat. In gewisser Weise spricht das sogar für Sie. Aber Sie werden dafür bezahlen müssen, täuschen Sie sich nicht!«

Sein Seniorpartner seufzte abermals und blickte nachdenklich an ihm vorbei ins Leere. »Die letzten Jahre waren schwierig. Der Tod meiner geliebten Frau, die unglückliche Ehe meiner Tochter, Norris geht in den Ruhestand und Capstone verlässt die Stadt und will in einem gottverlassenen kleinen Dorf praktizieren. Ein Hinterwäldler-Advokat! Das haben Sie doch hoffentlich nicht auch vor?«

»Niemals, Sir. Ich bin ein waschechter Londoner, ich gehe hier nicht weg!«

Hardy nickte. »Und jetzt das … es ist ein harter Schlag, das kann ich nicht leugnen.«

Benjamin ließ den Kopf sinken, seine Ohren röteten sich vor Scham.

Hardy sah es, beugte sich vor und klopfte ihm tröstend auf die Schultern. »Kopf hoch! Wir lassen uns nicht unterkriegen.«

Er lehnte sich wieder zurück und spielte mit seinem Glas; dabei glitt es ihm aus den Fingern und er vergoss ein paar Tropfen. Ben hatte den Mann selten so unkonzentriert erlebt.

Mr Hardy sah auf seine Uhr und stand abrupt auf. »Ich wusste gar nicht, dass es schon so spät ist.« Er holte ein Paar abgetragener, fleckiger Handschuhe heraus, kaum besser als Benjamins eigenes Paar. Offenbar litt die Kleidung des Mannes, seitdem keine Frau mehr im Haus war.

Hardy fuhr fort: »Cordelia hat mich schon vor einer Stunde erwartet.«

Benjamin stand ebenfalls auf. Er schluckte. »Wie geht es Ihrer Tochter?«, fragte er.

»Gut. Sie hat ordentlich an Umfang zugenommen. Mein erstes Enkelkind kann jeden Tag kommen.«

»Oh … herzlichen Glückwunsch, Sir. Das hätten Sie schon früher sagen sollen.«

»Ich wollte kein Salz in die Wunde reiben.«

»Aber nein, Sir. Ich freue mich für Sie beide.«

»Danke.«

Benjamin folgte ihm hinaus. Sie bogen um die Straßenecke und gingen langsam die Haymarket Street entlang. In ihren Kleidern hing noch der Rauch des Pubs.

Benjamin, der wusste, dass abends häufig Straßendiebe unterwegs waren, sagte: »Ich bringe Sie nach Hause, Sir.«

»Nicht nötig.«

Benjamin lief trotzdem weiter neben ihm. Er war jetzt seit Jahren an der Seite dieses Mannes und es schien ihm das Mindeste zu sein, ihn nach einem so schwierigen Tag nach Hause zu begleiten.

Am St. James Square hörten sie plötzlich einen Schrei – ein Nachtwächter protestierte lautstark gegen irgendetwas. Sie drehten um und gingen dem Geschrei nach.

Eine weibliche Stimme brach in lautes Wehklagen aus. Die Anwälte wechselten einen besorgten Blick. Sie eilten an der Statue von William III. vorbei durch den Park.

Der St. James Square war bei der Oberschicht und beim englischen Adel sehr beliebt, doch in den Reihenhäuschen auf der bescheideneren Südseite wohnten viele Künstler, Politiker und Geschäftsleute.

Vor dem Eingang des Hauses Nr. 23 stand ein älterer Nachtwächter mit angezündeter Lampe.

»Das Wilder-Haus«, keuchte Mr Hardy. Er drehte sich mit zusammengepressten Lippen zu Benjamin um. »Hier wohnt Percival Norris.«

Mr Norris hatte sich kürzlich aus der gemeinsamen Kanzlei zurückgezogen, um sich ganz dem Wilder-Besitz zu widmen, dessen einziger Verwalter und Treuhänder er war. Benjamin hatte den Mann schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, doch sein Name stand nach wie vor auf dem Schild an ihrer Bürotür, auf ihrem Briefpapier und auf vielen alten Akten.

Hinter dem Nachtwächter stand eine Frau mittleren Alters, offenbar eine Bedienstete, und schluchzte in ihr Taschentuch.

Mr Hardy wandte sich an den Nachtwächter: »Ich kenne den Gentleman, der hier wohnt. Was ist passiert?«

»Ich fürchte, er ist tot, Sir.«

Bei diesen Worten weinte die Dienerin laut auf.

Der weißhaarige Nachtwächter verzog das Gesicht und deutete mit dem Daumen auf das Haus. »Der Wachtmeister ist gerade hineingegangen.«

Benjamin sah seinen Mentor an; das Herz tat ihm weh für den Mann, der schon so viel verloren hatte. »Es tut mir leid, Sir.«

Kurz darauf kam der Wachtmeister durch die Vordertür aus dem Haus heraus. Es war der junge Buxton; Benjamin kannte ihn von ein paar Fällen.

Als er sie sah, blieb er stehen. »Oh, guten Abend, Mr Hardy. Mr Booker. Wahrscheinlich haben Sie es schon gehört. Mr Norris wurde umgebracht.«

»Umgebracht?«, wiederholte Mr Hardy ungläubig. »Du lieber Himmel. Wie? Sind Sie ganz sicher?«

Der Wachtmeister nickte. »Es sieht alles danach aus. Ich schätze, dass es ein Einbrecher war. Ich werde in der Bow Street Bescheid sagen und den Leichenbeschauer informieren.

»Darf ich hineingehen? Er war ein alter Freund von mir«, fragte Mr Hardy grimmig.

Wachtmeister Buxton zögerte, dann zuckte er die Achseln. »Warum nicht? Sie als Anwalt wissen ja, dass Sie nichts berühren dürfen. Der Leichenbeschauer wird eine Untersuchung anordnen müssen.« Er wies den Nachtwächter an, Wache zu halten, und machte sich auf den Weg, die entsprechenden Behörden zu informieren.

»Ich gehe mit Ihnen hinein«, bot Benjamin an.

Hardy zögerte. »Danke, Ben, aber Sie können ruhig nach Hause gehen. Sie hatten genug Trubel für heute.«

»Nein, Sir. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Sie sollten jetzt nicht allein sein.«

Der ältere Mann erhob keine weiteren Einwände, deshalb ging Benjamin mit ihm die Stufen hoch und prüfte das Türschloss. »Keine Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen. Gibt es eine Hintertür?«

»Ja«, antwortete der Nachtwächter. »Sie war unverschlossen und stand offen, als ich kam.«

Die Dienerin schniefte. »Ich bin die Haushälterin. Ich kann Ihnen den Weg zu seinem Büro zeigen.« Sie führte sie durch das Haus zur Gartentür auf der Rückseite. Benjamin ging neben Hardy; der ältere Mann presste entschlossen die Lippen zusammen. Wie schrecklich zu wissen, dass man gleich den Leichnam eines Freundes sehen würde – der zu allem Überfluss auch noch ein gewaltsames Ende gefunden hatte. Bei dem Gedanken wurde Benjamin eng um die Brust. Er rief sich ins Gedächtnis, dass er dem Tod bereits begegnet war und sehr viel häufiger und detaillierter als ihm lieb war, mit dem Ableben von Menschen zu tun hatte.

Gemeinsam inspizierten sie die Hintertür auf Zeichen von Beschädigungen, doch sie konnten keine entdecken.

»Wir schließen diese Tür nicht immer ab«, meinte die Hausangestellte entschuldigend.

»Wurde ein Fenster eingeschlagen?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Sie deutete auf den Flur. »Die erste Tür rechts. Er hat das Morgenzimmer als Büro genutzt.« Sie begleitete sie jedoch nicht, sondern ging rasch auf demselben Weg zurück, auf dem sie gekommen waren.

Die Tür, die sie ihnen gezeigt hatte, war geschlossen. Benjamin sah, dass Hardy zögerte, deshalb griff er um ihn herum und öffnete sie.

Drinnen stand auf einer hohen Anrichte eine Lampe, die das ganze Zimmer erleuchtete. Ein grauhaariger Mann lag mit dem Gesicht nach unten über dem Schreibtisch, eine Wange auf der Tischfläche. Das Haar fiel ihm in die Stirn. Das eine sichtbare Auge starrte blicklos. Sein rechter Arm lag ausgestreckt auf dem Schreibtisch, die Hand umklammerte eine Pistole. Die linke Hand hing, zur Faust geballt, auf der anderen Seite herunter.

Mr Hardy fixierte die Waffe. »Ich wusste gar nicht, dass er eine Pistole besaß.«

Benjamin blickte kurz auf seinen fassungslosen Begleiter, dann sah er sich den Leichnam genauer an. Er hatte Percival Norris als kräftigen, selbstsicheren, ja fast großspurigen Mann in Erinnerung. Jetzt lag vor ihnen nur noch die leere Hülle des Menschen, den sie gekannt hatten.

Benjamin sah sich im Zimmer um. »Durchaus verständlich, dass der Wachtmeister annimmt, er sei von einem Einbrecher getötet worden. Die Schreibtischschublade steht offen. Er hat eine Pistole in der Hand. Vielleicht hat er einen Fremden gehört oder gesehen und nach der Waffe gegriffen. Doch bevor er schießen konnte, hat der Schuft ihn umgebracht.«

Hardy sah sich um, das Gesicht ungläubig verzogen. »Aber wie? Womit?«

»Das weiß ich nicht.« Benjamin konnte nichts entdecken, das als Waffe infrage kam, außer einer leeren Karaffe, die auf dem Schreibtisch stand. Und er sah weder Blut noch äußere Verletzungen an dem Toten.

Dann bemerkte er ein Trinkglas, das zerbrochen auf dem Fußboden auf der anderen Zimmerseite lag. An der Wand war der Streifen einer glänzenden Flüssigkeit zu sehen. War das Glas im Zorn oder aus Gründen der Selbstverteidigung geworfen worden?

Der junge Wachtmeister kehrte zurück und sagte: »Der Leichenbeschauer wird jede Minute hier sein.« Er blieb in der Tür stehen, legte die Hände auf den Rücken und wiegte sich auf den Fußballen vor und zurück.

Ein paar Minuten später betrat ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann Mitte dreißig das Zimmer und blieb abrupt stehen, als er neben dem Wachtmeister noch Benjamin und Mr Hardy erblickte. Er war noch sehr jung für das Amt des Leichenbeschauers von Westminster – aber er war schon immer ehrgeizig gewesen.

Der Leichenbeschauer runzelte die Stirn. »Was machen Sie denn hier? Ist dies der Schauplatz eines Verbrechens oder ein öffentlicher Klub?«

Der Wachtmeister zuckte zusammen und sagte: »Entschuldigung, Sir. Ich kenne die beiden. Es sind Anwälte. Freunde des Verstorbenen.«

Das Stirnrunzeln des Leichenbeschauers wich einem finsteren Blick. »Ich kenne sie ebenfalls, aber deswegen hätten Sie sie noch lange nicht hier hineinlassen dürfen.«

»Es tut mir leid, Sir. Wird nicht mehr vorkommen.«

Benjamin begrüßte den Mann kühl. »'n Abend, Reuben.«

»Benjamin.« Der Leichenbeschauer nickte kurz und warf ihm einen scharfen Blick zu. »Hast du nichts Wichtigeres zu tun? Zumal heute?«

Hatte sein Pech so schnell die Runde gemacht? Benjamin hob kämpferisch das Kinn. »Wichtigeres als der Tod eines Mannes?«

»Das gehört zu meinem Verantwortungsbereich, nicht zu deinem.«

»Dann solltest du jetzt besser loslegen.«

Reuben räusperte sich, warf Benjamin einen wütenden Blick zu und begann anschließend, sich im Zimmer umzusehen. Sein Blick fiel auf den Leichnam und die Waffe in dessen Hand.

Benjamin deutete auf das zerbrochene Glas.

Reuben wandte sich an Mr Hardy. »Hatte Mr Norris die Angewohnheit, Gläser an die Wand zu werfen?«

»Nein«, antwortete Hardy. »Eher die Angewohnheit, sie zu leeren, und zwar oft und schnell.«

»Soll heißen, er war ein Trinker?«

Hardy wand sich. »Ich fürchte, ja. Als ich hörte, dass er tot ist, war mein erster Gedanke, dass er sich totgesoffen hat.« Mr Hardy blickte zu Boden, als schäme er sich für seinen alten Freund.

Benjamin hatte das nicht gewusst. Mr Hardy hatte ihm nie gesagt, dass Mr Norris trank; wahrscheinlich hatte er den Ruf des Mannes schützen wollen.

Reuben nickte. »Die leere Karaffe bekräftigt das.« Er zog den blauen Glasstöpsel heraus und roch daran. »Gin.«

Dann zog er ein schmales Instrument aus der Innentasche seiner Jacke und schob dem Toten das Haar aus der Stirn. Jetzt war eine kleine Wunde zu sehen, bedeckt von geronnenem Blut.

Reuben beugte sich über den Toten und betrachtete eingehend die Verletzung. »Kaum mehr als ein blauer Fleck. Er wurde von irgendetwas getroffen.«

Mr Hardy riss erschrocken die Augen auf. »Donner und Doria!«

Benjamin murmelte: »Vielleicht, als er mit dem Kopf auf den Schreibtisch schlug?«

»Das glaube ich nicht.« Reuben beugte sich über den Mund des Toten und schnupperte. »Kein Gin. Vielleicht … Orangen?«

Benjamin trat an die Wand, strich mit dem Finger über die klebrige Substanz, die daran herablief, und roch daran. Inmitten der vielen verschiedenen Gerüche im Zimmer – Leder, Möbelpolitur und Tabak – roch er den süßsauren Geruch von Orangen. »Orangenlikör, glaube ich.«

Sein Geruchssinn war ausgezeichnet – ob dies ein Segen oder ein Fluch war, hing von der Umgebung ab. Als er sich abermals im Zimmer umsah, konnte er weder eine Weinflasche noch eine zweite Karaffe entdecken.

Er trat an den Schreibtisch und betrachtete Mr Norris' Gesicht genauer. Ein paar Details erregten seine Aufmerksamkeit. Dabei glaubte er, die ernste Stimme seines Vaters zu hören. »Siehst du den Speichel? Und den Schaum? Und wie er die Hand zur Faust geballt hat? Könnte er vergiftet worden sein?«

Unwillkürlich sprach er den Gedanken laut aus.

Reuben blickte einen Moment stirnrunzelnd auf den Leichnam hinunter, dann drehte er sich zu Benjamin um. »Bist du der Leichenbeschauer oder ich? Ich habe schon immer gesagt, du hättest lieber Arzt statt Anwalt werden sollen. Aber du wolltest ja nicht auf mich hören. Jedenfalls wäre ich dir dankbar, wenn du deine laienhaften Ansichten für dich behieltest. Das einzige Gift, das ich sehe, ist dieses.« Er deutete erneut auf die leere Karaffe.

Er warf Benjamin einen abschätzigen Blick zu und straffte die Schultern. »Natürlich werde ich mir das im Rahmen der amtlichen Untersuchung genauestens ansehen. Im Moment halte ich lediglich fest, dass wir es nicht mit einem Unfall oder einer natürlichen Todesursache zu tun haben.« Er nickte dem Wachtmeister zu. »Berufen Sie Ihre Jury ein.«

Dann schaute er Benjamin an, noch immer verärgert. »Und jetzt, wenn ich dich und Mr Hardy bitten dürfte, den Raum zu verlassen …«

Als sie zögerten, hob er die Arme und scheuchte sie, wie eine zornige Gans mit den Armen wedelnd, hinaus. »Raus hier! Bis zur Untersuchung hat hier keiner mehr was verloren.«

Beim Hinausgehen flüsterte Mr Hardy Benjamin zu: »Ihr Bruder ist charmant wie immer.«

»Ja«, stimmte Benjamin ihm zu und verdrehte die Augen.

Sie folgten dem Wachtmeister in ein Wohnzimmer, wo sie auf den Detektiv aus der Bow Street warteten.

Kapitel 2

Ornament

Der Beamte aus der Bow Street war angekommen. In London gab es so viele Verbrechen und so wenige, die sich mit ihnen befassten, dass nicht bei jedem Todesfall eine Untersuchung angeordnet werden konnte. Viele Straftaten blieben deshalb ungeahndet, es sei denn, ein Opfer oder ein Betroffener beauftragte auf eigene Kosten einen Detektiv. Percival Norris allerdings gehörte einer einflussreichen Familie an und war darüber hinaus Mitglied einer geachteten Anwaltskanzlei, deshalb hatte man sogleich einen Beamten für den Fall abgestellt.

Der Mann ging zuerst in das Zimmer zu dem Toten und dem Leichenbeschauer, wo er einige Zeit verbrachte, dann kam er zu den Wartenden ins Wohnzimmer.

»Officer Riley von der Bow Street«, stellte Wachtmeister Buxton ihn vor und nannte ihm gleich darauf die Namen der ebenfalls im Wohnzimmer versammelten Bediensteten: Mrs Kittleson, die Haushälterin; Marvin, der Hausknecht; und Mary Williams, das Hausmädchen. Benjamin und Mr Hardy stellte er nicht vor.

Benjamin nutzte die Gelegenheit, den unbekannten Beamten zu beobachten. Der Mann war Mitte dreißig, hatte braunes Haar, bleiche Haut, abstehende Ohren und einen langen Hals. Die Bow-Street-Beamten waren angeblich erfahren, gut ausgebildet und clever, doch dieser kleine Mann – der ihn irgendwie an ein Wiesel erinnerte – schien so gar nicht in dieses Bild zu passen.

Der Beamte, dem aufgefallen war, dass der Wachtmeister Benjamin und Mr Hardy nicht erwähnt hatte, wandte sich an sie und fragte mit dem Akzent der Arbeiterklasse: »Und wer sind diese beiden Herren?«

»Robert Hardy und Benjamin Booker, von Norris, Hardy und Hunt«, antwortete Mr Hardy.

Der Mann zog die Augenbrauen hoch und unterdrückte mit Mühe ein Feixen. »Ah … der hintergangene Booker, Bennie Benebelt? Ich habe von Ihnen gehört.«

Benjamin presste die Kiefer zusammen und wurde vor Scham und Wut tiefrot darüber, vor seinem Vorgesetzten und in Gegenwart mehrerer Fremder so bezeichnet zu werden. Bis jetzt hatte er noch nie Grund gehabt, seinen Namen nicht zu mögen. Bis er ihn jetzt in dieser unverschämten Version hörte.

Die schmalen Augen des Beamten zwinkerten. »Hat die hübsche Angeklagte Ihnen den Kopf verdreht?« Er kicherte. »Hat Ihnen einen Haufen Humbug erzählt, wette ich, und Sie haben den Quatsch auch noch geschluckt.«

Benjamin ballte die Fäuste. Mr Hardy legte ihm warnend die Hand auf den Arm und erinnerte den Beamten dann höflich an seine Pflicht: »Ein Mann wurde getötet, Officer Riley!«

»Richtig. Genau.« Der Mann blätterte eine Seite in seinem kleinen Notizbuch um und schüttelte den Kopf. Noch immer umspielte ein Lächeln seinen Mund. Doch dann wurde er ernst und fragte: »Und was hat Sie beide heute Abend hierher geführt?«

»Wir haben uns im Queen's Head getroffen, wie wir es häufig tun, und waren auf dem Heimweg, als wir den Nachtwächter schreien gehört haben. Dann sind wir den Schreien gefolgt, um zu sehen, ob wir helfen können«, erklärte Benjamin.

Der Beamte verzog ironisch den Mund zu einem dünnen Strich. »Ganz die verantwortungsbewussten Bürger! Höchst uneigennützig von Ihnen. Selbstverständlich hatten Sie keinerlei Hintergedanken, vielleicht einen wohlhabenden neuen Klienten zu gewinnen oder einen lukrativen Fall zu ergattern?«

»Ganz und gar nicht!«

»Kennen Sie das Opfer?«

Hardy nickte. »Percival Norris war ein Gründungsmitglied unserer Kanzlei. Er hat sich im Laufe der letzten Jahre allerdings fast ganz aus dem Geschäft zurückgezogen, da seine Tätigkeit für den Wilder-Besitz fast seine ganze Zeit in Anspruch genommen hat.«

Das Hausmädchen verdrehte die Augen, als es das hörte, doch außer Benjamin schien es niemand zu bemerken.

Officer Riley drehte sich zu den drei Bediensteten um, die beim Kamin standen – die noch immer in Tränen aufgelöste Haushälterin, der gleichmütige ältere Hausknecht und das aufmerksame Hausmädchen.

Er begann mit der Haushälterin, die den Toten gefunden hatte.

»Wie sind Sie mit Ihrem Herrn ausgekommen?«

»Er war nicht mein Herr – nicht wirklich. Miss Rose Lawrence ist meine Herrin und vor ihr war das ihr Großvater, Mr Wilder – Gott hab ihn selig. Mr Norris war nur der Verwalter und Vormund von Miss Rose.«

»Sie mochten ihn also nicht?«

»Nein.« Mrs Kittleson warf einen raschen Blick zu dem Hausdiener hinüber. »Ich glaube, nur Marvin hat ihn wirklich gemocht.«

Der ältere Mann antwortete mit schnarrender Stimme: »Es ging so. Er hat hin und wieder ein Glas mit mir getrunken und mir immer rechtzeitig meinen Lohn ausgezahlt. Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen.«

Der Beamte wandte sich an das junge Hausmädchen, die Brauen erwartungsvoll hochgezogen, den Stift in der erhobenen Hand.

Sie fuhr bereitwillig fort: »Ich bin erst seit einem Jahr hier. Ich mache meine Arbeit und halte mich raus.«

Der Hausknecht Marvin grunzte. »Hältst das Ohr ans Schlüsselloch, meinst du.«

Der Beamte ignorierte das und fragte: »Keine Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen, stimmt das?«

»Ja«, antwortete die Haushälterin. »Die Hintertür war unverschlossen. Sie führt in den Garten, nicht auf eine öffentliche Straße. Das machen wir schon jahrelang so. Ich hätte nie gedacht …« Wieder kamen ihr die Tränen und sie presste hastig ihr Taschentuch abwechselnd an das linke und an das rechte Auge.

»Haben Sie irgendjemanden hereinkommen hören oder gesehen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Da müssen Sie Mary fragen. Marvin und ich waren gar nicht hier. Wir haben das Haus um vier Uhr nachmittags verlassen und sind zu einer kleinen Feier bei den Adairs in der York Street gegangen. Mr Norris hat uns extra dafür freigegeben – das war übrigens das einzige Mal, dass er uns gegenüber nett war. Aber immerhin war es die Verlobungsfeier unserer Miss Rose.«

Der Beamte verzog ungläubig den Mund. »Sie und Marvin waren zu einer Feier bei ihrer Herrschaft eingeladen?«

»Nicht als Gäste. Aber ich kenne die Köchin dort und habe angeboten, ihr zu helfen. Sie war sehr dankbar und hat uns daraufhin zum Dinner für die Dienstboten eingeladen. Es gab sogar Kuchen und Champagner. Wir haben auch heimlich einen Blick in den Festsaal geworfen und unser wunderschönes Mädchen bewundert. Sie sah schöner aus als je zuvor. Und sie hat ihrer verstorbenen Mutter, Gott hab sie selig, so ähnlich gesehen!« Sie schnäuzte sich in ihr Taschentuch.

»Miss Lawrence ist noch nicht wieder zurück?«

»Nein.«

»Dann werde ich sie später befragen.«

Als Nächstes wandte der Beamte sich an das Hausmädchen. »Aber zuerst – waren Sie den ganzen Abend hier, Miss?«

»Nein.«

»Wo waren Sie?«

Das Mädchen zuckte die Achseln. »Ich war mit meinem Verehrer aus, wenn Sie es unbedingt wissen müssen. Der Alte hat uns heute Abend freigegeben und ich hatte keine Lust, mich an einem freien Abend für die feinen Pinkel abzuschuften.«

Die Haushälterin runzelte die Stirn. »Hüte deine Zunge, Mary. So spricht man nicht über die Herrschaften.«

»Die verdienen auch nicht mehr Respekt als ich. Und was den Alten betrifft, sogar weniger. Er hat bekommen, was er verdient, das ist meine Meinung.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Riley.

Erneut das verächtliche Schulterzucken. »Nur, dass es wohl keinen gibt, der es mehr verdient hätte.«

Der junge Wachtmeister wandte ein: »Meiner Ansicht nach war es ein Dieb, der die Gelegenheit der unverschlossenen Tür ausgenützt hat. Das Haus wirkte verlassen, deshalb ist er eingedrungen, in der Hoffnung auf ein paar wertvolle Stücke, und wurde dabei von Mr Norris überrascht. In dieser Gegend kam es in letzter Zeit zu mehreren Einbrüchen.«

Riley überlegte. »Fehlt irgendetwas aus dem Büro?«, fragte er.

Die Haushälterin schüttelte den Kopf. »Mir ist nichts aufgefallen. Aber was seine Papiere und das angeht, kenne ich mich natürlich nicht aus.«

»Und sonst im Haus?«

»Ein paar von den Silbersachen scheinen zu fehlen – ein Krug und zwei Armleuchter, soweit ich bis jetzt sehen kann. Ich muss aber noch die Bestandslisten durchgehen.«

»Dann tun Sie das bitte«, sagte Riley. »Im Büro liegt ein zerbrochenes Glas auf dem Boden. Pflegte Mr Norris mit Gläsern zu werfen? Vielleicht, wenn er … aufgebracht war?«

»Nein, Sir« antwortete Mrs Kittleson.

Das Hausmädchen fügte hinzu: »Aber er hat uns angeschrien und beschimpft, wenn er sich über etwas geärgert hat, nüchtern oder nicht. Und jetzt – wo Sie es erwähnen – ich habe, als ich hinausging, gehört, wie ein Glas zerbrach, habe aber nicht gewartet, bis man mich rief, um sauber zu machen. Ich war schon in Ausgehkleidung und mein Verehrer stand draußen vor der Tür.«

»Ah ja. Ich brauche noch den Namen des betreffenden Gentlemans; er muss mir bestätigen, wo Sie waren.«

Mary schnaubte. »Gentleman. Ha! Guter Witz. Das erzähle ich ihm. Der wird lachen!«

Der Beamte runzelte die Stirn und schrieb den Namen und die Adresse des Mannes in sein Notizbuch.

Benjamin warf ein: »Mir ist aufgefallen, dass die Karaffe auf dem Schreibtisch leer war.«

»Wir hatten keinen Gin mehr«, erklärte der Hausknecht. »Ich war – äh – nicht dazu gekommen, welchen zu kaufen.«

»Der Leichenbeschauer hat Orangenduft an dem Verstorbenen wahrgenommen«, fuhr Benjamin fort.

»Ich habe ihm keine Orangen serviert«, meinte die Haushälterin verwirrt.

»Keinen … Orangenwein?«

Marvin schien zu zögern. »Nun, es war Wein in …«

»Er zog Gin vor«, fiel die Haushälterin ihm ins Wort. »Aber zur Not hat er alles getrunken, oder, Marvin?«

Der sah sie einen Moment an, dann nickte er langsam. »Das stimmt.« Wieder zögerte er. »Steht eine … Weinflasche im Zimmer?«

»Nein.«

»Ah. Na dann …« Er zuckte die knochigen Achseln. »Dann muss ich mich wohl irren.«

In Bezug worauf?, fragte sich Benjamin stirnrunzelnd, doch der Beamte kritzelte etwas in sein Notizbuch und wechselte dann sofort das Thema.

»Die nächstliegende Frage lautet: Wer könnte von Mr Norris' Tod profitieren? Wer ist sein Erbe?«

Die Dienstboten wechselten ratlose Blicke. Mr Hardy sagte: »Ich glaube, Miss Lawrences unverheiratete Tante, Isabelle Wilder, war ursprünglich als Erbin eingesetzt, da sie seine nächste Verwandte ist. Allerdings könnte Percival sein Testament bei einem anderen Anwalt zwischenzeitlich geändert haben. Ich könnte seine Papiere für Sie durchgehen, wenn Sie möchten.«

»Ich gehe sie selbst durch, vielen Dank«, antwortete der Beamte kühl.

»Verstehe. Aber Sie haben schließlich gefragt«, sagte Hardy.

Officer Riley kratzte sich hinter dem Ohr und runzelte unsicher die Stirn. »Wahrscheinlich wären die Unterlagen nur juristisches Kauderwelsch für mich. Es kann wohl nicht schaden. Aber erst, wenn der Leichenbeschauer hier fertig ist. Und Sie müssen mir sofort Bescheid geben, wenn Sie etwas finden, das in Zusammenhang mit seinem Tod stehen könnte.«

»Natürlich. Darum geht es ja schließlich.«

Der Beamte blickt auf und hob seinen Stift. »Und wo ist Isabelle Wilder jetzt?«

Mrs Kittleson antwortete: »Auf Belle Island. Dem Landgut der Wilders in Berkshire.«

»War sie kürzlich hier zu Besuch?«

»Gute Güte, nein!«, rief die Haushälterin. »Miss Isabelle war seit Jahren nicht mehr in London. Was für ein Gedanke!«

Der Beamte drehte sich wieder zu Mr Hardy. »Besteht Grund für die Annahme, diese Miss Wilder, abgesehen von der Erbschaft, zu verdächtigen?«

Bevor Hardy antworten konnte, sprang die Wohnzimmertür auf und eine junge Frau im Abendkleid stürmte ins Zimmer. Helle Seide umwehte ihre Gestalt, ihr hellbraunes Haar war zu einer Hochsteckfrisur aufgetürmt. Erschrocken über den Anblick der vielen Menschen machte sie abrupt einen Schritt rückwärts und stieß dabei mit dem jungen Mann zusammen, der hinter ihr das Zimmer betreten wollte. Er streckte beide Hände aus, um sie zu stützen, und warf ihr einen besorgten Blick zu, bevor er den Rest der Anwesenden musterte. Hinter ihm trat eine weitere, aber ältere Frau in Schwarz ein. Miss Lawrences Gesellschafterin oder Gouvernante, vermutete Benjamin.

»Was geht hier vor?«, fragte der Gentleman. Er trug Abendkleidung, war schlank, hatte helle, sommersprossige Haut und war fast genauso hübsch wie seine Begleiterin.

Officer Riley ignorierte ihn und fragte: »Miss Lawrence?«

»Ja«, antwortete die jungen Frau. »Und das ist mein Verlobter, Mr Adair. Und Miss O'Toole.« Als sie den Seniorpartner erkannte, sagte sie: »Oh, guten Abend, Mr Hardy. Ich habe Sie gar nicht gesehen. Wollten Sie Onkel Percy besuchen?«

»Diesmal nicht.« Er hielt inne und fügte behutsam hinzu: »Er ist leider verstorben, meine Liebe.«

Ihre behandschuhte Hand fuhr erschrocken zum Mund.« »Oh nein! Ist er im Schlaf gestorben?«

Hardy schüttelte den Kopf. »Im Büro.«

Der Beamte fügte hinzu: »Er wurde getötet. Vielleicht von einem Eindringling.«

»Getötet?« Ihre dunklen Augen wurden groß.

»Während wir auf dem Fest waren«, bemerkte Mr Adair. »Wie tragisch.«

Die Augen der jungen Frau füllten sich mit Tränen. »Onkel Percy hätte mit uns kommen sollen. Ich hatte ihn so darum gebeten.« Sie schüttelte den Kopf. »So überfallen zu werden, im eigenen Haus. Hat ihn jemand erschossen oder …?«

»Erschlagen«, antwortete der Beamte.

Miss Lawrence zuckte zusammen, dann fragte sie: »War er … betrunken?«

»Das wissen wir noch nicht. Warum?«

»Ich denke, nun ja, ich hoffe, dass er bewusstlos war, als er gestorben ist. Dass er keine Schmerzen hatte.«

»Der Leichenbeschauer hat keinen Gin-Geruch an dem Mann wahrgenommen. Nur Orangen, auch wenn die Haushälterin dabei bleibt, dass sie ihm nichts dergleichen serviert hat«, erklärte Officer Riley kühl.

Rose warf dem jungen Mann, der hinter ihr stand, einen bedeutungsvollen Blick zu, den er erwiderte. Sie wollte etwas sagen, doch er fasste sie am Arm.

Der Beamte, der gerade wieder etwas in sein Notizbuch kritzelte, bemerkte die kleine Szene nicht, aber Benjamin und Mr Hardy hatten es gesehen und wechselten ebenfalls einen vielsagenden Blick.

»Jetzt versuchen Sie mal, sich zu erinnern«, forderte der Beamte die Hausangestellten auf. »Hat einer von Ihnen etwas gehört oder gesehen, das von Bedeutung sein könnte?«

Das Hausmädchen trat vor. »Ich habe gehört, wie er sich mit jemandem gestritten hat, bevor ich aus dem Haus ging, aber ich habe nicht an der Tür gestanden und habe gehorcht, ganz gleich, was manche Leute von mir denken.« Sie warf dem Hausknecht einen vorwurfsvollen Blick zu.

»War das, bevor oder nachdem Sie das Glas splittern hörten?«

»Kurz davor.«

»Wissen Sie, mit wem er gestritten hat?«

Der Blick des Mädchens wanderte durchs Zimmer, dann sah sie wieder ihren Befrager an. »Ich … nein, Sir. Ich habe nicht gehört, dass er einen Namen genannt hätte.«

Hatte sie Mr Adair angesehen oder hatte Benjamin sich getäuscht?

Der Beamte hatte nichts bemerkt und wandte sich als Nächstes an die würdevolle ältere Dame in Schwarz. »Sind Sie ebenfalls ein Hausmädchen?«

Die Frau versteifte sich und antwortete unwillig: »Ich bin Miss Lawrences frühere Gouvernante und gegenwärtig Gesellschafterin und Anstandsdame.«

»Ah. Und hatten Sie etwas gegen Percival Norris?«

»Mir gefiel nicht, wie er meine junge Herrin behandelte. Aber sonst gab es nichts, nein.«

Officer Riley sah die Anwesenden der Reihe nach an. »Kennen Sie irgendjemanden, der Grund hatte, Mr Norris etwas anzutun? Der ihn womöglich lieber tot sehen wollte?«

Die Menschen im Raum wechselten betretene Blicke. Schließlich sagte Miss Lawrence: »Vermutlich nur ich.«

»Rose …«, warnte Mr Adair sie leise.

»Warum soll ich es nicht sagen? Die Dienerschaft wird es ohnehin erzählen. Er soll es lieber von mir hören.«

Sie wandte sich an Officer Riley. »Ich war wütend auf ihn, das ist kein Geheimnis. Er legte mir ein Hindernis nach dem anderen in den Weg. Er wollte nicht, dass ich Mr Adair heirate, kürzte mein Taschengeld und verlangte einen völlig widersinnigen Ehevertrag. Ich hatte also durchaus Grund, ihm böse zu sein. Aber ich habe ihm nichts getan. Ich hätte es auch nicht tun können, selbst wenn ich gewollt hätte. Seit dem Nachmittag war ich bei den Adairs – wir sind gerade eben erst von dem Fest nach Hause gekommen.«

Ihre ältere Gesellschafterin nickte. »Das stimmt. Ich war die ganze Zeit mit ihr zusammen.«

»Ich auch«, ergänzte Mr Adair.

Miss O'Toole warf ihm einen empörten Blick zu. »Nicht mit ihr, Mr Adair! Achten Sie auf Ihre Worte, Sie vermitteln den Männern ja ein völlig falsches Bild.«

»Natürlich nicht während sie sich zum Essen umkleidete, aber mit ihr im Haus. Ich verbrachte die Zeit mit meinem Vater und einer schönen Flasche Bordeaux und hörte mir seine Ratschläge für eine lange und erfolgreiche Ehe an.« Sein liebevoller Blick ruhte auf Miss Lawrence; er nahm ihre Hand.

»Wissen Sie vielleicht von jemandem, der einen Groll gegen Mr Norris hegte?«, fragte Officer Riley.

»Du meine Güte«, antwortete Miss Lawrence, »ich glaube, es gibt nicht viele Menschen, die ihn mochten. Verzeihung, Mr Hardy. Ich weiß, dass er Ihr Freund und Geschäftspartner war. Andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, dass ihm wirklich jemand etwas angetan hat. Außer …«

»Außer?«

Sie runzelte die Stirn. »Kürzlich war ein Geschäftsmann hier. Die Tür war geschlossen, deshalb habe ich ihn nicht gesehen, aber ich habe ihn gehört. Er war ganz eindeutig sehr verärgert und hat die Stimme erhoben.«

»Worüber war er verärgert?«

»Er wollte, dass Onkel Percy in irgendetwas investierte. Ich habe nur zugehört, weil er Belle Island erwähnte.«

»Kennen Sie den Namen dieses Mannes?«

»Nein.«

»Hat Ihr Onkel einen Terminkalender geführt?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Ich werde trotzdem seinen Schreibtisch durchsuchen.« Officer Riley notierte sich etwas, dann wandte er sich an die Diener: »Einer von Ihnen muss gesehen haben, wie dieser Mann gekommen ist. Können Sie mir seinen Namen sagen oder ihn beschreiben?«

Die Haushälterin, das Hausmädchen und der Hausknecht schüttelten die Köpfe.

»Oder den Namen irgendeines anderen Menschen, der etwas gegen Percival Norris hatte?«

Wieder allgemeines Kopfschütteln. Nur Mr Hardy rührte sich nicht; seine Augen, fiel Benjamin auf, waren plötzlich hell geworden, als hätte er eine Idee oder einen Verdacht.

Er sagte: »Ich rede nur sehr ungern schlecht über jemanden, der sich nicht verteidigen kann, aber Percival war kürzlich auf Belle Island und hatte dort wohl einen Streit mit Miss Wilder. Er hat mir mit einiger Besorgnis davon erzählt.«

Officer Riley drehte sich erwartungsvoll zu Miss Lawrence um.

Die junge Frau zuckte die Achseln. »Möglich. Sie stritten sich manchmal über die Verwaltung des Anwesens. Aber Tante Belle war seit Jahren nicht in London und würde außerdem keiner Seele etwas zuleide tun.«

»Das stimmt, Sir«, beteuerte die Haushälterin.

Officer Riley dachte nach. »Gut, ich notiere es mir. Allerdings werde ich vorläufig wohl nach einem etwas wahrscheinlicheren Übeltäter suchen.«

Er blätterte seine Notizen durch und schien recht zufrieden. »Ich glaube, Wachtmeister Buxton hat recht. Ein Dieb ist durch die unverschlossene Gartentür eingedrungen, hat ein paar Silbersachen eingesteckt und kam dann ins Büro, wo er Mr Norris vorfand. Norris griff nach einer Pistole, die er in der obersten Schreibtischschublade aufbewahrte, doch bevor er schießen konnte, erschlug der Eindringling ihn mit einem harten Gegenstand, möglicherweise mit einem der Beutestücke, die er bei sich hatte.«