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ISBN 978-3-7065-5846-4

Buchgestaltung nach Entwürfen von hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Satz: Studienverlag/Gerd Blumenstein Da-TeX, Leipzig

Umschlag: Studienverlag/Georg Toll, www.tollmedia.at

Umschlagabbildung: Flüchtlingsschiff „Tiger Hill“ vor der Küste Tel Avivs, 1939. The

Central Zionist Archives, Jerusalem.

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Victoria Kumar

Land der Verheißung – Ort der Zuflucht

Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945

Schriften des Centrums für Jüdische Studien

Band 26

Reihe: Geschichte und Kultur, hrsg. v. Gerald Lamprecht

Einleitung

„Die Pioniere genossen, so schien es, in jenen Tagen das höchste Ansehen. Doch sie lebten weit weg von Jerusalem, in den fruchtbaren Tälern, in Galiläa, in der Ödnis am Ufer des Toten Meeres. Ihre kräftigen und gedankenschweren Gestalten zwischen Traktor und gepflügter Scholle sahen und bewunderten wir auf den Plakaten des Jüdischen Nationalfonds.

Eine Stufe unter den Pionieren rangierte der so genannte organisierte Jischuw: diejenigen der jüdischen Bevölkerung des Landes, die im Trägerhemd auf dem sommerlichen Balkon den Davar lasen, die Zeitung der Arbeitergewerkschaft Histadrut, die Mitglieder der Histadrut und der Gewerkschaftskrankenkasse, die Aktivisten der Untergrundarmee Hagana, die Leute in Khaki, die Salat-, Spiegelei- und Dickmilchesser, die Befürworter einer Politik der Zurückhaltung, von Eigenverantwortung, solidem Lebenswandel, Abgaben für den Aufbaufonds, heimischen Produkten, Arbeiterklasse, Parteidisziplin und milden Oliven in den Gläsern von Tnuva1. ‚Von drunten blau, von droben blau, wir bauen uns einen Hafen! Eine Heimat, einen Hafen!‘

Diesem organisierten Jischuw entgegen standen die Terroristen der Untergrundgruppen wie auch die Ultraorthodoxen von Mea Schearim2 und die orthodoxen Kommunisten, die ‚Zionshasser‘, und ein ganzes Sammelsurium von Intelligenzlern, Karrieristen und egozentrischen Möchtegernkünstlern des kosmopolitisch-dekadenten Typs, allerlei Außenseiter und Individualisten und dubiose Nihilisten, Jeckes mit ihrem unheilbaren deutsch-jüdischen Gebaren, anglophile Snobs, reiche französisierte Orientalen, die sich in unseren Augen wie hochnäsige Butler gerierten, dazu Jemeniten und Georgier und Maghrebiner und Kurden und Thessaloniker – alle eindeutig unsere Brüder, alle eindeutig vielversprechendes Menschenmaterial, aber was kann man machen, man wird noch viel Mühe und Geduld in sie investieren müssen.

Daneben gab es noch die Flüchtlinge und die Überlebenden, denen wir im Allgemeinen mit Mitleid und auch ein wenig Abscheu begegneten: armselige Elendsgestalten – und ist es denn unsere Schuld, dass sie dort bleiben und auf Hitler warten mussten, statt noch rechtzeitig herzukommen? Und warum haben sie sich wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen, statt sich zu organisieren und Widerstand zu leisten? Und sie sollen auch endlich damit aufhören, ihr nebbiches Jiddisch zu reden und uns all das zu erzählen, was man ihnen dort angetan hat, denn das, was man ihnen dort angetan hat, macht weder ihnen noch uns viel Ehre. Und überhaupt ist unser Blick hier ja in die Zukunft gerichtet, nicht in die Vergangenheit, und wenn man schon die Vergangenheit ausgraben muss, dann haben wir schließlich mehr als genug erfreuliche hebräische Geschichte, die biblische und die hasmonäische, es besteht also keinerlei Notwendigkeit, sie mit einer derart deprimierenden jüdischen Geschichte zu verunstalten, die nichts als Nöte enthält. […]“3

Amos Oz erzählt in seinem 2002 im hebräischen Original und 2004 in der deutschen Übersetzung erschienenen umfangreichen Werk „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ die Geschichte seiner Familie und jene Palästinas, das spätestens seit den 1930er Jahren zum Zufluchtsort zigtausender in Europa bedrohter und verfolgter Jüdinnen und Juden wurde, aber auch das geographische wie ideelle Ziel zahlreicher Zionistinnen und Zionisten war, die ihrer Überzeugung wegen nach „Erez Israel“ migrierten. Anschaulich zeichnet der 1939 in Jerusalem als Sohn zweier aus Osteuropa stammender Immigranten ein Palästina bzw. Israel nach, dessen Entwicklung er aus der Perspektive eines Kindes wahrgenommen hat, und gewährt Einblicke in Politik und Gesellschaft, wodurch die Situation der Einwanderinnen und Einwanderer und der Bevölkerung insgesamt bis zu ihrem alltäglichen Leben hin greifbar wird.

Die den ersten Seiten des Buches entnommenen Zeilen werden hier nicht nur deshalb wiedergegeben, weil sie die aus zahlreichen verschiedenen Gesellschaftsgruppen – unterschiedlich in ihrer Herkunft, Sprache, politischen Orientierung und beruflichen Tätigkeit – bestehende Bevölkerung Palästinas in all ihrer Vielfältigkeit und Heterogenität ausdrucksvoll (wenn auch deutlich wertend) beschreiben; was aus der Textstelle außerdem hervorgeht, ist der sich aus mehreren Gründen speisende Konflikt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, die alles andere als homogen zu charakterisieren war. Gestaltet sich das Verhältnis zwischen den im Aufnahmeland bereits etablierten Gemeinschaften und den nachkommenden Immigrantinnen und Immigranten häufig konfliktreich, so kamen im Falle des jüdischen Palästina weitere gewichtige Momente hinzu, die die Beziehung zwischen Yishuv4 und Neueinwanderern und der jüdischen Bevölkerung insgesamt bestimmten. Spannungen ergaben sich zunächst durch das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Nationalitäten, Generationen und Weltanschauungen. Wie die Immigrantinnen und Immigranten aufgenommen wurden, hing in nicht unbedeutendem Maße von Zeitpunkt und Motivation ihrer Alijah5, ihren sprachlichen und beruflichen Anpassungsbereitschaft und von ihrem Verhältnis zum Zionismus insgesamt ab. Die Massen an europäischen Jüdinnen und Juden, die speziell nach 1938 als Flüchtlinge ins Land gekommen waren, wurden von den früheren, sich selbst zur Pioniergeneration zählenden Einwanderergruppen keineswegs mit offenen Armen empfangen.

Für den Großteil der österreichischen und (mittel-)europäischen Jüdinnen und Juden blieb Palästina in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus einer Reihe von Gründen ein äußerst unattraktives Land. Spärliche Informationen über die Gegebenheiten, die unsichere politische und wirtschaftliche Situation, sprachliche und klimatische Unterschiede und die Befürchtung, einen beruflichen und sozialen Abstieg erleiden zu müssen, sind exemplarisch als Ursachen zu nennen, die selbst Zionistinnen und Zionisten vor einer Übersiedelung nach Palästina abschreckten. Ein persönliches Naheverhältnis zum Zionismus und die Mitgliedschaft in einem zionistischen Verein hießen noch lange nicht, dass auch die Alijah tatsächlich angestrebt wurde. Dass sich die Mehrheit der Sympathisanten und Befürworter der zionistischen Bewegung in den 1930er Jahren darauf beschränkte, das jüdische Palästina ideologisch und finanziell zu unterstützen, verdeutlicht die bekannte Charakterisierung des Zionisten als jemanden, der einen reichen Juden überzeugt, einem dritten Juden Geld zu geben, damit der nach Palästina auswandern kann.6 Nicht nur in Österreich war der Zionismus für seine Anhängerinnen und Anhänger vorwiegend eine Suche nach jüdischem Selbstbewusstsein und eine Reaktion auf den Assimilationsdruck und weniger eine Identifikation mit den Vorstellungen und Zielen eines Theodor Herzl, wonach konsequenterweise auch die Niederlassung in Palästina Teil der zionistischen Überzeugung war.

Wenn auch in bescheidenem Ausmaß, waren österreichische Jüdinnen und Juden nichtsdestotrotz vereinzelt unter den frühen Einwanderungswellen zu finden und stellten ab den 1920er und 1930er Jahren einen beständigen Anteil an den Alijoth. Einen größeren Umfang nahm die österreichische Alijah erst in den Jahren 1938 und 1939 an, als infolge des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich und der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vertreibungspolitik Fluchtmöglichkeiten gefunden werden mussten und auch Palästina (zwangsläufig) zur Option wurde. Die ideologische Haltung der Emigrantinnen und Emigranten kann sich in den Auswanderungszahlen für Palästina jedoch nur bedingt widerspiegeln – wie nachfolgend dargestellt wird, hing die Wahl des Ziellandes vor allem im Falle der österreichischen Jüdinnen und Juden, die im Unterschied zur jüdischen Bevölkerung Deutschlands binnen kürzester Zeit fliehen mussten, weniger von der persönlichen Entscheidung als von Faktoren ab, die außerhalb der eigenen Einflusssphäre lagen.

Die vorliegende Arbeit behandelt die Auswanderung und Flucht österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina von 1920 bis 1945 und bettet diese in die Geschichte der allgemeinen Alijah vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg ein.7 Forschungsgegenstand ist sowohl die aus unterschiedlichen Motiven resultierte jüdische Palästina-Wanderung in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts als auch die vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Verfolgung und Vertreibung erfolgte Flucht der jüdischen Bevölkerung Österreichs nach Palästina.8 Die Darstellung gliedert sich im Wesentlichen in zwei große Abschnitte – Migrationsbewegungen österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina vor 1938 sowie die Flucht und Vertreibung österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina zwischen 1938 und 1945 –, die umfangreiche Thematik und der großzügig angelegte Zeitrahmen erfordern allerdings die Untersuchung zahlreicher Themenkomplexe.

In einem ersten Schritt wird der Versuch unternommen, sich an die Spezifika der jüdischen Migrationsgeschichte und der Palästina-Wanderung sowie an die (nicht unproblematischen) Begrifflichkeiten, die im Kontext der Alijah auftauchen, anzunähern. Als Ausgangspunkt und Fundament der Emigration nach Palästina wird danach ein Überblick über die Entstehung und Entwicklung des Zionismus gegeben und der Beginn der zionistischen Bewegung in Österreich beleuchtet. Wie haben sich die unterschiedlichen zionistischen Gruppierungen in der Auseinandersetzung um die Gewichtung von „Palästina-Arbeit“ und „Galuth-Arbeit“ positioniert? Welchen Umfang hatte die Palästina-Wanderung in der Phase des Frühzionismus bzw. in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg im Allgemeinen und welchen Anteil stellten die österreichischen Jüdinnen und Juden daran?

Zum Verständnis der Rahmenbedingungen für die Immigration nach Palästina befassen sich die Folgekapitel mit dem britischen Palästina-Mandat. Eingegangen wird auf die politischen Interessen der Briten, die Balfour-Deklaration und den Mandatsvertrag, wobei die Einwanderungsbestimmungen, die die jüdische Migration bis zur Staatsgründung Israels 1948 geregelt und kontrolliert haben, im Zentrum stehen. Darauf folgend werden die Entstehungsgeschichte und Aktivitäten des Wiener Palästina-Amtes dargelegt: Wie gestalteten sich Organisation, Vorbereitung und praktische Durchführung der Alijah, in welcher Form kooperierte das Palästina-Amt mit der für die Einwanderung zuständigen Jewish Agency in Jerusalem und nach welchen Kriterien wurden die Immigrationszertifikate verteilt? In welchem Ausmaß und von welchen Stellen wurde in Bezug auf die Palästina-Wanderung in der Zeit vor 1938 Propagandaarbeit geleistet und inwieweit wurden Migrationsbewegungen tatsächlich vorangetrieben? Ein Überblick über die österreichischen bzw. Wiener zionistischen Vereine und Zeitschriften der Zwischenkriegszeit wird die Untersuchung ergänzen.

Nach der Darstellung der Einwanderungswellen der 1920er Jahre wird der Fokus auf die zeitlich längste und quantitativ größte Immigrationsphase vor dem Zweiten Weltkrieg, die Fünfte Alijah, gerichtet. Aufgezeigt werden die besonderen Charakteristika der jüdischen Masseneinwanderung sowie die Reaktionen der arabischen Bevölkerung und der britischen Regierung; ferner erfolgt eine detaillierte Quantifizierung – insbesondere des österreichischen Anteils. In einem weiteren Kapitel werden die Motive der Auswanderung aus Österreich nach Palästina vor 1938 herausgearbeitet.

Der zweite Teil behandelt die Flucht österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina während der nationalsozialistischen Herrschaft. Eingebettet in den weiteren Kontext der jüdischen Emigration/Flucht aus Österreich und ausgehend von bereits vorliegenden Studien zur Judenverfolgung im Allgemeinen sowie zur Flucht im Besonderen soll erörtert werden, wie sich die Vertreibungspolitik der Nationalsozialisten dargestellt hat. Zunächst ist danach zu fragen, wie die nationalsozialistische Führung bzw. der dafür zuständige Sicherheitsdienst (SD) der Schutzstaffel (SS) die von Beginn an zum Hauptziel erklärte Förderung der jüdischen Vertreibung erreichen wollte und welche Rolle in diesem Zusammenhang dem Zielland Palästina zukam. Wie die vom SD entwickelten Konzepte in der Folge in die Praxis umgesetzt wurden, lässt sich wohl am besten am Beispiel Österreichs demonstrieren, war das Land doch unmittelbar nach dem „Anschluss“ zum „Exerzierfeld“ einer Vertreibungs- und Ausplünderungspolitik geworden, das mit der Gründung der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung Wien“ im August 1938 seine Techniken „perfektioniert“ hatte. Die Reaktionen der jüdischen und zionistischen Institutionen auf die antijüdischen Maßnahmen und das Agieren unter nationalsozialistischer Kontrolle werden in einem weiteren Kapitel nachgezeichnet. Im Hinblick auf die Destination Palästina muss beleuchtet werden, wie sich die Einwanderungsbestimmungen auf die Fluchtmöglichkeiten der verfolgten Jüdinnen und Juden ausgewirkt haben. Welchen Einfluss hatte die Quotenregelung auf das Verhältnis zwischen Mandatsregierung und Jewish Agency und wie äußerte sich der Konflikt um die Zertifikatsverteilung – sowohl zwischen der Jewish Agency und den einzelnen Palästina-Ämtern als auch innerhalb Österreichs zwischen den zionistischen Verbänden und Zertifikatswerbern aus Wien und der Provinz? Welche Rolle spielten schließlich Jugend-Alijah und illegale Einwanderung, die „Alijah Beth“, für die Rettung der österreichischen Jüdinnen und Juden und wie wurde letztere von den Briten bekämpft?

Forschungsstand und Quellen

Die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Österreich zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und zahlreiche damit verbundene Aspekte sind bereits ausführlich untersucht worden und auch die Flucht österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina in den Jahren 1938 bis 1945 ist erforscht worden. Eine Studie, die die Emigration von den 1920er Jahren an bis hin zu den 1940er Jahren im Detail nachzeichnet und die auch die (zionistische) Auswanderung aus Österreich während der Zeit der Monarchie und der Ersten Republik mitberücksichtigt, fehlte hingegen bis dato. Speziell die Frage, ob und in welchem Ausmaß die mit dem Ende der Habsburgermonarchie und motiviert durch eine Welle des Antisemitismus in den 1920er und 1930er Jahren eingesetzte Hinwendung vor allem jüngerer Jüdinnen und Juden zum Zionismus dazu geführt hat, dass für Teile der jüdischen Bevölkerung auch eine tatsächliche Abwanderung nach Palästina in Betracht gezogen wurde, ist bisher kaum behandelt worden.9 Desgleichen fehlte bislang eine detaillierte Untersuchung, die sich der Entstehungsgeschichte und der Entwicklung des Wiener Palästina-Amts und dessen Zusammenarbeit mit der Jewish Agency, der offiziellen jüdischen Vertretung in Palästina, widmet. Darüber hinaus stellte die Analyse der im Zuge der Organisation der jüdischen Auswanderung erfolgten Zwangskooperation von Kultusgemeinde, „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ und Palästina-Amt ein Forschungsdesiderat dar.

Pionierarbeit im Forschungsfeld der österreichischen Alijah hat die Historikerin Gabriele Anderl geleistet. Die grundlegende Arbeit „Emigration und Vertreibung“ erschien bereits 1992 in dem von Erika Weinzierl und Otto D. Kulka herausgegebenen Band über die israelischen Bürgerinnen und Bürger österreichischer Herkunft und liefert grundsätzliche Erkenntnisse über wesentliche Aspekte der Auswanderung, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft liegt.10 Vertiefte Einblicke in einzelne mit der Palästina-Wanderung verbundene Themenbereiche gewährt Anderl in zahlreichen Aufsätzen.11 Mehrere Arbeiten befassen sich auch mit der Immigration, mit Aspekten des „Ankommens“ und der Integration und den damit verbundenen vielfältigen Schwierigkeiten.12

Nachdem Wien einer der zentralen Ausgangspunkte der illegalen Palästina-Wanderung war und viele österreichische Zionisten zu den Organisatoren zählten, taucht die „Alijah Beth“ österreichischer Jüdinnen und Juden in den meisten allgemeinen Darstellungen zur illegalen Einwanderung nach Palästina auf.13

Neben der Vielzahl an Gesamtdarstellungen zum NS-Staat im Allgemeinen und zur nationalsozialistischen „Judenpolitik“ im Besonderen liegen auch Überblickswerke vor, die sich speziell der Flucht aus dem Deutschen Reich widmen. Wichtige Beiträge zur Erforschung der jüdischen Emigration/Flucht aus Österreich liefert die Reihe „Österreicher im Exil“, herausgegeben vom „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“.14 Grundlegende Fragen zur nationalsozialistischen Vertreibungs- und Beraubungspolitik sind in den von der „Österreichischen Historikerkommission“ herausgegebenen Studien „Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung als Beraubungsinstitution“ und „Die Entziehung jüdischen Vermögens im Rahmen der Aktion Gildemeester“ beantwortet worden.15 Ebenfalls befassen sich bereits vorliegende Arbeiten mit der Tätigkeit Adolf Eichmanns in Wien und der Bedeutung des so genannten „Wiener Modells“ für die Entwicklung und Umsetzung der antijüdischen Politik der Nationalsozialisten ab 1938. Die Planung und Realisierung von Vertreibung und Deportation der jüdischen Bevölkerung Österreichs dokumentieren u. a. die Arbeiten von Hans Safrian16 und Doron Rabinovici17, wobei Letzterer insbesondere die Situation der jüdischen Funktionäre und den Kontakt zwischen der Gemeindeleitung und den nationalsozialistischen Machthabern darlegt.

Die vorliegende Arbeit stützt sich auf das zugängliche, teilweise von der Forschung bereits verwertete, teilweise neue Material – darunter vor allem archivalische Quellen und Zeitungen, sowie autobiographische Texte und Erinnerungsberichte. Während sich oben erwähnte Arbeiten zur österreichisch-jüdischen Emigration primär auf Aktenbestände in nationalen Archiven stützen, konnte die Verfasserin auf die im Jahr 2000 neu entdeckten Akten des Archivs der Wiener Kultusgemeinde zurückgreifen, die in den letzten Jahren geordnet und archiviert wurden. Erstmals erfolgte hier eine Erfassung von Dokumenten zur Auswanderung/Vertreibung, die bislang von der Forschung nicht berücksichtigt worden sind.

Im Hinblick auf das Fluchtland Palästina waren insbesondere die „Central Zionist Archives“ in Jerusalem und die britischen „National Archives“ in London von Belang. Die Archivmaterialien beider Einrichtungen zur österreichischen Alijah vor 1938 sind bislang ebenfalls weitgehend unberücksichtigt geblieben. Die „National Archives“ verfügen über unzählige Dokumente zur Palästina-Politik des Colonial und Foreign Office, die die britische Immigrationspolitik und damit die Rahmenbedingungen für die Auswanderung nach Palästina nachvollziehbar machen. Zudem wird anhand dieser Unterlagen ersichtlich, wie die Briten die auch für die jüdische Bevölkerung Österreichs wichtige illegale Einwanderung zu bekämpfen versuchten. Im Zuge zweier längerer Forschungsaufenthalte in Israel wurden außerdem „The Central Archives for the History of the Jewish People“, „The Israel State Archives“ und „Yad Vashem“ (alle in Jerusalem), sowie das „Jabotinsky Institute“ in Tel Aviv aufgesucht. Darüber hinaus wurden Interviews mit ehemaligen Grazer Jüdinnen und Juden geführt, die in den 1930er Jahren nach Palästina ausgewandert sind und sich dort niedergelassen haben.18 Zur Untersuchung des für die Verfolgungs- und Vertreibungspolitik maßgeblich verantwortlichen Sicherheitsdienstes der SS und dessen Haltung zum Zionismus und zu Palästina wurde im „Bundesarchiv Berlin“ recherchiert.

Zu den wichtigsten Quellen zählt insgesamt die Korrespondenz zwischen den mit der Auswanderung befassten jüdischen und zionistischen Organisationen sowohl in Österreich als auch in Palästina, darunter das Wiener Palästina-Amt, die Wiener Kultusgemeinde, verschiedene zionistische Vereine und Verbände, die „Jewish Agency for Palestine“ in Jerusalem und die Immigrantenorganisation „Hitachduth Olej Austria“. In umfangreicher Form liegt auch der Schriftwechsel zwischen den jüdischen Institutionen und den nationalsozialistischen Behörden (vor allem der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“) sowie diversen internationalen Hilfsorganisationen vor. Anhand dieser Quellen lassen sich sowohl der Auswanderungsvorgang rekonstruieren, als auch zahlreiche organisatorische, finanzielle und rechtliche Fragen zur jüdischen Emigration beantworten.

Mehrere in den letzten Jahren veröffentlichte, zumeist auf lebensgeschichtlichen Interviews19 basierende Publikationen porträtieren vertriebene österreichische Jüdinnen und Juden und zeichnen ihren Weg nach Palästina und ihr Fortkommen im neuen Land nach.20 Ebenfalls sind vermehrt autobiographische Erinnerungsberichte von Betroffenen erschienen. Im Zentrum des vorliegenden Buches stehen deshalb nicht unmittelbar die Schicksale der nach Palästina bzw. Israel Ausgewanderten, sondern die mit der Emigration verbundenen Institutionen sowohl im Herkunfts- als auch im Zielland sowie die organisatorischen Rahmenbedingungen im Allgemeinen. Ziel dieser Arbeit ist es, die Tätigkeiten der in den Auswanderungs- bzw. Fluchtprozess involvierten staatlichen und nicht-staatlichen Stellen, Organisationen und Vereine und deren Zusammenwirken darzustellen, um damit sowohl die frühe Palästina-Wanderung als auch die Flucht österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina nach 1938 nachvollziehbar zu machen.

Einleitendes zur jüdischen Migrationsgeschichte

Charakteristika und Spezifika

Die vergangenen Jahrhunderte kannten zahlreiche größere und kleinere Wanderungsbewegungen, die die einzelnen Kontinente in ihren demographischen, sozio-ökonomischen, sprachlichen und kulturellen Strukturen, kurz: in ihrer grundlegenden Beschaffenheit entscheidend prägten und veränderten. Europa wurde in besonderem Maße von den jüdischen Migrationen geformt, zeichneten sich doch europäische Jüdinnen und Juden als „Angehörige einer transterritorialen Diaspora-Bevölkerung“21 gleichermaßen durch eine spezielle Dynamik und eine kulturelle Vielfalt aus. Obschon sich jüdische Migrationen in den allgemeinen Bevölkerungsbewegungen verorten lassen und sich deren grobe zeitliche Gliederung an Schlüsseldaten der allgemeinen Geschichte orientieren,22 scheinen sie gleichsam spezifische Merkmale aufzuweisen, die sie von Wanderungen anderer Diaspora-Bevölkerungen zumindest auf den ersten Blick unterscheiden. Ebenso kontinuierlich wie kontrovers wird in der Forschung die Frage diskutiert, ob jüdische Migrationen seit jeher vor dem Hintergrund von Verfolgungen und Vertreibungen erfolgten und dadurch ein Unikum in der Migrationsgeschichte darstellen. Befürworter dieser These wurden noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und verstärkt seit den 1960er Jahren mit Gegenstimmen konfrontiert, die Migrationen, auch wenn diese unter Druck und Zwang geschahen, als immer wiederkehrende Begebenheiten der Menschheitsgeschichte verstanden wissen wollten. Die jüdische Geschichte gesondert von ihrem jeweiligen Kontext zu betrachten, würde zudem Gefahren einer Verbreitung von antijüdischen Vorurteilen in sich bergen. Tobias Brinkmann führt in diesem Zusammenhang exemplarisch die Position des russisch-jüdischen Migrationsforschers Eugene Kulischer (1881–1956) an, der nicht zuletzt aufgrund des in der christlichen Tradition tief verwurzelten Stereotyps des zur Wanderung verdammten „Ewigen Juden“ mit Nachdruck davor warnte, Migration als einen „spezifisch jüdischen Habitus“ zu interpretieren. Im Hinblick auf die mehrfach existierenden Parallelen und Verflechtungen von Wanderungen jüdischer, christlicher und muslimischer Gruppierungen einerseits und der in allen jüdischen Migrationsphasen starken Präsenz des wirtschaftlichen Motivs (die Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten etc.) andererseits, gewann die „Normalisierungsthese“, wonach die Wanderung von Jüdinnen und Juden keineswegs als außergewöhnlicher Prozess anzusehen wäre, an Boden. Gleichzeitig wurden aber auch ihre Grenzen deutlich: Bei den Zwangsmigrationen während und nach dem Ersten Weltkrieg und vor allem bei den systematisch erfolgten Vertreibungen und Deportationen durch die Nationalsozialisten verliert der Ansatz weitgehend seine Gültigkeit.

Trotz Anerkennung der Vielzahl an unterschiedlichen Ursachen und des jeweiligen spezifischen Kontexts jüdischer Migrationsprozesse muss der Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen bei den meisten Wanderungsbewegungen als so genannter „Push-Faktor“ und somit als unmittelbarer Auslöser mitberücksichtigt werden. Im weiteren Sinne wird auch daran angeknüpft, wenn es darum geht, die Wechselwirkung von Antisemitismus und Zionismus zu untersuchen, kann doch der politische Zionismus Theodor Herzls als nationaljüdische Antwort auf ein seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend antisemitisch geprägtes Europa gesehen werden. Gleichzeitig markiert der Beginn der zionistischen Bewegung den Anfang der modernen jüdischen Masseneinwanderung nach Palästina.

Palästina-Wanderung

Der besondere Stellenwert, den die jüdische Migration innerhalb der allgemeinen Migrationsgeschichte trotz und wegen ihrer unterschiedlichen Bewertung in der Historiographie einnimmt, tritt nirgends deutlicher in Erscheinung als beim Zielland Palästina. Untrennbar mit der jüdischen Geschichte und Tradition verbunden, kommt der Destination in erster Linie durch die religiöse Komponente Bedeutung zu: Mit der Entstehung der jüdischen Diaspora außerhalb der Grenzen des „Landes Israel“ begann ebenfalls die Hoffnung auf eine Rückkehr nach „Erez Israel“23 bzw. nach Jerusalem und dem Tempel – zentrale Bezugspunkte, für welche im Laufe der Zeit das Synonym „Zion“24 gebraucht wurde. Als „geotheologischer Begriff“, der den Bezug auf den realen Ort mit der Erwartung von Heil vereint, meint „Erez Israel“ dem Wortsinn nach „Land (Boden, Stadt, Berg) des Heiligen“ und verknüpft dabei mehrere Dimensionen des Heiligen. Im Zentrum steht die Vorstellung, dass Gott der Besitzer des Landes wäre und in ihm präsent wäre. Als Bezeichnung für das von den Israeliten besiedelte Land setzte sich „Erez Israel“ trotz mehrmaliger Erwähnung in der Hebräischen Bibel nur langsam durch. Aus jüdischer Sicht bewies die Vielzahl an biblischen Belegen die kontinuierliche Gegenwart und Bindung des jüdischen Volks an dieses Land und rechtfertigte schließlich den Anspruch der Jüdinnen und Juden auf Palästina.25

Die „Zionssehnsucht“ im Sinne der Hinwendung und Erinnerung an das „Heimatland“ und der Hoffnung auf eine Rückkehr dorthin fand Eingang in die jüdische Frömmigkeit und Liturgie, drückte sich in Gebeten, Gedichten und Liedern aus und war häufig mit messianischen Vorstellungen verbunden.26 Bis ins 19. Jahrhundert kamen dennoch keine Pläne auf, das erwartete messianische Zeitalter durch menschliche Eigeninitiative und mit der Bildung eines neuen Reiches in Palästina vorzubereiten, hätte dies doch dem religiösen Verständnis von der Rückführung und Erlösung durch Gott widersprochen. Ideen von einer auf Masseneinwanderung basierenden (Wieder-)Errichtung einer jüdischen Gemeinschaft in Palästina wurden erst ausformuliert, als die religiöse „Zionssehnsucht“ durch die im späten 19. Jahrhundert aufgekommenen zionistischen Ideen eine politische Dimension erhielt. „Erez Israel“ war nicht mehr nur ein religiöser „Bedeutungsort“, sondern wurde nun auch politisch assoziiert – ein Wandel, im Zuge dessen völlig neue Inhalte und Argumente in die Diskussion um die Bedeutung „Erez Israels“ für die jüdische Diaspora eingebracht wurden und die letztlich für eine breite Rezeption unabdingbar waren.27 Die Ursachen dieses Prozesses müssen im Kontext gesamteuropäischer Entwicklungen und Ereignisse gesucht werden: Die aufkommenden Nationalbewegungen in Europa einerseits und der sich manifestierende moderne Antisemitismus andererseits sind jene zwei Faktoren, die die nationaljüdische bzw. zionistische Bewegung entscheidend beeinflusst und vorangetrieben haben. Ebenfalls spiegeln sich in diesen für die Entstehung des Zionismus wesentlichen Einflüssen die beiden Grundmotive der Palästina-Wanderung wider, die sie von Migrationsbewegungen anderer Destinationen grundlegend unterscheidet. In all ihren Phasen wies die jüdische Migration nach Palästina einen „doppelten Charakter“28 auf, der sich durch das Aufeinandertreffen von der Rettungsbewegung für die Not und an Heimatlosigkeit leidenden Jüdinnen und Juden der Diaspora einerseits sowie der Verwirklichung der zionistischen Ideen andererseits ergab.

Kann bei Migrationsprozessen generell ein ganzes Bündel an Auslösern in Frage kommen, so tritt bei jenen von Jüdinnen und Juden – wie eingangs dargelegt – das Fluchtmotiv in den Vordergrund. Der in zahlreichen Ländern beständig existierenden oder wiederkehrenden Verfolgung, Verarmung und rechtlichen Benachteiligung der jüdischen Bevölkerung versuchten die Betroffenen durch Auswanderung zumeist nach Amerika oder in westeuropäische Staaten zu entkommen. Auch wenn Palästina in vielen Fällen nur als Alternative aufgesucht wurde (etwa in den 1920er Jahren, als die Einwanderungsbestimmungen der USA drastisch verschärft wurden, insbesondere aber als die nationalsozialistische Bedrohung eine rasche Flucht erforderte, sich die potentiellen Aufnahmeländer aber zunehmend weigerten, diese Rolle zu übernehmen), wurde das Land seit dem späten 19. Jahrhundert allmählich häufiger als Emigrationsziel in Betracht gezogen. Als Unikum unter den Zielländern stellte Palästina aber nie bloß eine Zufluchtsstätte dar, sondern bot seit jeher gleichermaßen die Möglichkeit, das individuell umzusetzende zionistische Ziel zu realisieren und der Überzeugung wegen zu immigrieren. Dass sich Palästina zu jeder Zeit von allen anderen Emigrations- und Zufluchtsländern unterschied, wird noch einmal bei der Betrachtung der zahlreichen (nicht unproblematischen) Begrifflichkeiten deutlich, die im Zusammenhang mit der Palästina-Wanderung auftauchen und derer sich die Zionistinnen und Zionisten bei der Entwicklung und Verbreitung ihres Programms bedienten.

Begriffsbestimmungen

„So spricht Kyrus, der König von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu Jerusalem in Juda zu bauen. Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem in Juda und baue das Haus des Herrn, des Gottes Israels; das ist der Gott, der zu Jerusalem ist.“29

Mit dem Sieg der persischen Achämeniden über Babylon 539 v. Chr. wurde der jahrzehntelangen babylonischen Gefangenschaft, der folgenreichen Zäsur im Leben und Selbstverständnis der verschleppten Israeliten, ein Ende bereitet und es begann sich die Hoffnung der Exilierten auf die Alijah, auf das künftige „Hinaufziehen“ in die alte Heimat, zu erfüllen. Die Möglichkeit, nach Israel zurückzukehren, die der Perserkönig Kyros II. nach biblischer Überlieferung den – wie sie ab dieser Zeit genannt wurden – Juden mit oben zitierten Worten zugesprochen haben soll, konnte allerdings nicht von allen Betroffenen wahrgenommen werden, wodurch die Diaspora30 zu einer Form jüdischer Existenz wurde, die sich spätestens mit der Eroberung Jerusalems durch die Römer und der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes (132 n. Chr.) fest etablieren sollte. Gleichwohl löste das Edikt des Kyros eine Rückwanderungswelle aus, die die Voraussetzung für die Wiedererrichtung Jerusalems als Hauptstadt und des Tempels schuf.31

Obschon der Terminus der Alijah üblicherweise im Kontext der modernen jüdischen Einwanderung zur Anwendung kommt, wird die Palästina-Wanderung seit der Rückkehr der Jüdinnen und Juden aus dem babylonischen Exil mit dem hebräischen Wort für „Aufstieg“, Alijah, benannt und umschrieb etwa auch jene Immigration, welcher die Vertreibung aus Spanien im 15. Jahrhundert vorausging. Ebenso kannte die jüdische Religion32 den Ausdruck und gebrauchte ihn im Zusammenhang mit den drei Pilgerfesten des Jahres (Pessach, Shavuot und Sukkot) – das „Aufsteigen“ bezog sich dabei auf das Bergland Judäas, im Speziellen auf den Berg Zion, den Tempelberg Jerusalems. Geläufiger wurde der Begriff, als ihn die zionistische Bewegung und ihre Vorläufer im 19. Jahrhundert für ihre Zwecke instrumentalisierten und die Alijah bzw. (im Plural) Alijoth als Bezeichnung für die zahlenmäßig erstmals bedeutenden Migrationsbewegungen von Jüdinnen und Juden nach Palästina verwendeten. Dass sich die Zionisten dieses Terminus, der wie viele andere Begriffe des zionistischen Vokabulars einen ursprünglich religiösen Charakter hat, bedienten, war keineswegs unproblematisch. Ihrer Ideologie zufolge war und ist die Einwanderung als „Alijah“ (Aufstieg), sind die Einwanderer als „Olim“ (Aufsteigende) zu bezeichnen. Damit wurde/wird nicht bloß stillschweigend vorausgesetzt, dass der Akt der Immigration für jede Jüdin und jeden Juden eine persönliche Höherentwicklung bzw. einen „geistigen Prozess“ bedeute. Das in allen Phasen der Palästina-Wanderung existierende Motiv der Flucht aus einer im Herkunftsland bestehenden Notsituation jedweder Art wird mit dieser Prämisse völlig außer Acht gelassen, der Einwanderer wird hingegen als Idealist begriffen, der allein seiner Überzeugung wegen nach „Erez Israel“ „hinaufstieg“. Spätestens im Laufe der 1930er Jahre, als die Fünfte Alijah unzählige Flüchtlinge aus dem faschistischen Europa ins Land brachte, die nicht nur vom Judentum und vom Zionismus, sondern auch von den Verhältnissen in der neuen Heimat nur vage Vorstellungen hatten, wurde diese Annahme als utopisch entlarvt und musste korrigiert werden. Eine nicht unerhebliche Anzahl an Immigrantinnen und Immigranten betrachtete Palästina/Israel in der Folge auch nicht als „neue Heimat“, sondern als (manchmal temporäres) Asyl. Der Konflikt zwischen dem Yishuv, der Palästina nicht nur als Zufluchtsstätte begriffen haben wollte, und den Neueinwanderern, die besonders nach 1938 zufällig und in Ermangelung alternativer Emigrationsmöglichkeiten eben dorthin gelangten, verstärkte das ohnehin spannungsreiche Verhältnis zwischen „Etablierten und Außenseitern“, das bei der Zusammenkunft von bereits etablierten Gemeinschaften und Zuwanderern charakteristisch war.33

Auf der anderen Seite galten Jüdinnen und Juden, die aus Palästina auswanderten, als „Yordim“ (Absteigende), die Emigration als „Jeridah“ (Abstieg). Der zweifellos negativ konnotierte Ausdruck hat seinen Hintergrund in den Ereignissen rund um den Auszug aus Ägypten, als sich Teile der Israeliten nicht der Wüstenwanderung angeschlossen hatten und dadurch mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, materielle Vorteile den geistigen Werten und dem persönlichen Anteil an der Volkswerdung vorzuziehen. Im Hinblick auf die spätere jüdische Gemeinschaft in Palästina lagen die Ursachen des missbilligenden bis verächtlichen Beigeschmacks der Bezeichnungen darin begründet, dass der Aufbau und Erhalt der jüdischen Heimstätte als stetiger Existenzkampf verstanden wurde, wobei jede Einwanderin und jeder Einwanderer als Verstärkung, jede Auswanderin und jeder Auswanderer als Schwächung anzusehen war. Rückwanderung wurde als Fahnenflucht und Verrat betrachtet. Eine weitere Abgrenzung bzw. Hierarchisierung kam durch die Kategorisierung nach bereits in Palästina geborenen Jüdinnen und Juden, den so genannten „Sabres“34, einerseits und nach zugewanderten oder immer noch in der Diaspora verharrenden Jüdinnen und Juden andererseits zustande.

Die hohen Ansprüche, die die Zionisten und der Yishuv an die Einwanderer hatten, betrafen nicht nur die geistige Einstellung, sondern auch die körperlichen Eigenschaften. Das zionistische Idealbild eines Immigranten war ein kämpferischer, physisch arbeitender Pionier, der aktiv zum Aufbau des jüdischen Staates beitrug und sich im besten Fall bereits vor der Einwanderung einer beruflichen „Umschichtung“ unterzog. Das Aneignen von spezifischen Qualifikationen stand schließlich im Zentrum der „Hachscharah“, dem zionistischen Programm, das den hebräischen Namen für „Vorbereitung“ bzw. „Tauglichmachung“ trägt. Die primär auf die Ausbildung in landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen abzielende Umschichtung war allein aus praktischen Gründen erforderlich, da für die Vielzahl an Akademikern und Kaufleuten, die einen großen Teil an der mitteleuropäischen Einwanderung der 1930er Jahre stellten, kaum Beschäftigungsmöglichkeiten existierten. Andererseits ging es darum, die in den Diaspora-Ländern typische Gesellschaftspyramide umzudrehen und den Arbeiterberufen (und anderen auf Körperkraft basierenden Tätigkeiten) eine bevorzugte Stellung einzuräumen. Die Idee dahinter war letztlich, eine „ideologische Brücke zu einem neuen Dasein“ zu bilden, „das die Bitterkeit der sozialen Deklassierung durch die der Arbeiterschaft gezollte Achtung weitgehend ausglich.“35 Wie Gerda Luft in ihren Ausführungen festhält, stand die Vorstellung, dass die frühen Einwanderinnen und Einwanderer allesamt „Chaluzim“, so der hebräische Begriff für Pioniere, gewesen wären, im Gegensatz zur Wirklichkeit, da sich mit der Entwicklung der Städte zwangsläufig auch urbane Berufe (Angestellte, Ladenbesitzer etc.) etabliert hatten.36

Die „Erneuerung“ des jüdischen Volkes sollte nicht allein durch deren Trägerinnen und Träger – körperlich gesunde, sozial eingestellte junge Menschen – sondern auch durch eine neuartige Lebensform erreicht werden. Zu den Zentren des neuen jüdisch-nationalen Lebens wurden zwei genossenschaftliche Siedlungsformen, die Kibbuzim37 und Moschawoth38, die sich beide im Wesentlichen als Personen- und Produktionsgemeinschaften mit egalitären Strukturen charakterisieren lassen. Dass sich die auf Gleichheit und Gemeinschaft fußende Lebensweise an die sozialistische Ideologie anlehnte, ist in großem Maße auf die Angehörigen der um die Jahrhundertwende entstandenen „Kibbuz-Bewegung“ zurückzuführen – mehrheitlich waren dies Einwanderinnen und Einwanderer des „ostjüdischen“ Proletariats, die sich enttäuscht von der misslungenen russischen Revolution (1905 bis 1907) den Ideen des Zionismus zugewandt hatten und auf die Etablierung einer egalitären Sozialstruktur der jüdischen Gemeinschaft in Palästina abzielten.39

Vergegenwärtigt man sich die zahlreichen Anforderungen sowohl in ideologischer als auch in geistiger und körperlicher Hinsicht, die der Zionismus und seine Vertreter an die Immigrantinnen und Immigranten stellten, erscheint es – abgesehen von allen mit der Niederlassung verbundenen Schwierigkeiten – nachvollziehbar, dass jede Einwanderungsphase einen gewissen Prozentsatz an Rückwanderern aufweist. Auch unter den Angehörigen der Zweiten und Dritten Alijah, die weitläufig als Angehörige der Pioniergeneration bezeichnet werden, fand sich eine beträchtliche Zahl an Yordim, für die die Alijah aufgrund unterschiedlicher Einordnungsschwierigkeiten nichts mit einem „Aufstieg“ zu tun hatte.

Angesichts der vielfältigen persönlichen Migrationsmotive und der jeweiligen Besonderheiten der Einwanderungswellen ist der Gebrauch der Begrifflichkeit „Alijah“ im zionistischen Sinne, wonach die Palästina-Wanderung im Allgemeinen eine „Erhöhung“ für den Immigranten impliziert, problematisch bis fragwürdig. Schwierigkeiten birgt auch der Terminus „Exil“ in sich: Folgt man der oben skizzierten zionistischen Auffassung, die die Alijah als „Heimkehr“ bzw. als Rückkehr in die „altneue Heimat“ der Juden, die Diaspora- bzw. Galuth-Existenz hingegen als „Exil“ begreift, kann im Falle Palästinas/Israels trotz religiöser und politischer Verfolgungs- und Vertreibungserfahrungen der betroffenen Einwanderinnen und Einwanderer im Prinzip schwerlich von einem „Exilland“ gesprochen werden. Vielmehr, so der Standpunkt Armin A. Wallas’, müsse stets die Komplexität und Widersprüchlichkeit dieses Ausdrucks bedacht und seine Eignung an Einzelfällen überprüft werden.40

Semantische Schwierigkeiten bereiten nicht nur zahlreiche Begriffe der zionistischen Terminologie und der Palästina-Wanderung. Nicht wenige Bezeichnungen, die im Zusammenhang mit Migrations- und Fluchtbewegungen und ganz besonders mit jenen aus dem nationalsozialistischen Machtbereich auftauchen, erweisen sich als problematisch. Es erscheint notwendig, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass der vorliegende Text trotz des Bewusstseins über die Unschärfe, Fragwürdigkeit und Unangemessenheit mancher Begrifflichkeiten nicht ohne eben diese auskommt.

Ausgehend von der Annahme, dass jüdische Migrationen seit jeher zumindest partiell unter Zwang erfolgten, da sie zumeist durch verschiedene Notsituationen in den Ausgangsländern ausgelöst wurden, ist die Verwendung der Begriffe „Auswanderung“ und „Emigration“ für Wanderungsbewegungen von Jüdinnen und Juden unabhängig von Ziel und Zeitpunkt im Grunde nur unter Vorbehalt möglich. Völlig inadäquat ist der Gebrauch im Kontext der NS-Zeit: Da es sich tatsächlich und unwiderlegbar um organisierte Vertreibung handelte – ein Reichsgebiet ohne Juden zu schaffen, wurde von den Nationalsozialisten von Beginn an zum obersten Ziel erklärt und offen als solches artikuliert – sind die Termini „Auswanderung“ und „Emigration“ nichts anderes als Euphemismen, die wesentliche Umstände verfälschen bzw. ausblenden.41 Dass die Ausdrücke, die stets ein gewisses Maß an Freiwilligkeit implizieren, im Hinblick auf die Zeit nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich mehr als unangebracht und widersinnig sind, wird zuallererst deutlich, wenn man sich die massiven Druckmittel, durch die die jüdische Bevölkerung außer Landes getrieben werden sollte, vor Augen hält. Die Repressionen reichten von Einschüchterungsmaßnahmen, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Ausschluss, über die Ausstellung von Ausweisungsbefehlen, bis hin zu physischen Übergriffen und der angedrohten oder tatsächlichen Deportation ins Konzentrationslager. Der Auswanderungsvorgang selbst war mit zahlreichen finanziellen Zwangsabgaben verbunden, während auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen keinerlei Rücksicht genommen wurde. Von Freiwilligkeit kann schließlich auch bei der „Wahl“ des Ziellandes kaum gesprochen werden: Durch die eingeschränkten finanziellen Mittel einerseits und die mit fortgeschrittener Zeit sinkende Aufnahmebereitschaft der potentiellen Fluchtländer andererseits erübrigte sich das „Entscheiden“ für eine bestimmte Destination und wurden Zufluchtsorte vielfach rein zufällig zu ebensolchen. Ruft man sich schließlich das im Oktober 1941 verhängte Auswanderungsverbot aus dem Deutschen Reich ins Bewusstsein, kann in den Jahren davor im Prinzip nur von einem Auswanderungsgebot die Rede sein.

Das auf Verharmlosung und Täuschung abzielende nationalsozialistische Vokabular kam auch im Zusammenhang mit der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ zum Tragen, die ausschließlich mit dem Ziel gegründet wurde, die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung systematisch, schnellstmöglich und verknüpft mit einer umfassenden Beraubung umzusetzen, bevor sich ihr Tätigkeitsbereich auf die Organisation und Durchführung der Deportationen verlagerte.

Werden also im Folgenden die Begriffe „Auswanderung“ und „Emigration“ verwendet, so ist damit speziell für die Zeit nach 1938 erzwungene Auswanderung und Emigration, genauer Flucht und Vertreibung gemeint, tauchen „Auswanderer“ und „Emigranten“ auf, sind diese als Flüchtlinge und Vertriebene anzusehen.

Migrationsbewegungen österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina vor 1938

Zionismus

Hintergründe und Vorläufer

Folge des im 18. Jahrhundert in zahlreichen europäischen Ländern einsetzenden Emanzipationsprozesses der jüdischen Bevölkerung war – besonders im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich – eine Integration in die nichtjüdische Umgebung, die neben der Hoffnung auf vollständige Gleichstellung von massiver Verunsicherung begleitet war. Adolf Gaisbauer führt die neuzeitliche Krise des Judentums in seiner Untersuchung über den österreichischen Frühzionismus auf das Verharren der emanzipationshungrigen Jüdinnen und Juden in einem Niemandsland bzw. Zwischenstadium zurück und verweist im Kontext der Entwurzelung auf Franz Kafkas „Westjuden-Käfer“: „Mit den Hinterbeinchen klebten sie noch am Judentum des Vaters und mit den Vorderbeinchen fanden sie keinen neuen Boden.“42

Das Balancieren zwischen Tradition und Moderne, Akzeptanz und Ablehnung führte das Judentum in eine Identitätskrise, die insbesondere nach der staatsbürgerlichen Gleichstellung, als sich viele Jüdinnen und Juden nicht mehr dem jüdischen Volk zugehörig fühlten, sondern sich ausschließlich als Bürgerinnen und Bürger des Staates definierten, offenkundig wurde. Wie Shlomo Avineri es beschreibt, hatte „der moderne säkularisierte und gebildete Jude viele seiner typischen Merkmale abgelegt, sah sich aber dennoch mit der Schwierigkeit konfrontiert, in einer nicht-jüdischen Gesellschaft zurechtkommen zu müssen, die ihre eigene Identität trotz aller kosmopolitischen Prinzipien in nationaler Integration und in nationalem Zusammenhalt sah.“43 Die mit dem unscharfen Begriff der „Assimilation“44 verbundenen Fragen nach dem Ausmaß und der „Destination“ des Angleichungsprozesses waren nirgends schwieriger zu beantworten als im österreichischen Vielvölkerstaat, wo es für die integrationswilligen Jüdinnen und Juden galt, sich an die jeweils kulturell und zumeist auch politisch hegemoniale nationale Umgebung anzupassen.45

Nicht nur die Identifikation mit der Diaspora ging deutlich zurück; trennend für die jüdischen Gemeinschaften wirkte außerdem das sich ausweitende Spektrum an jüdischen Identitätskonzepten, die immer häufiger säkulare und ethnische Erscheinungsformen annahmen. Einzelne Rabbiner versuchten diesen Entwicklungen bereits in den 1840er und 1850er Jahren entgegenzuwirken: Durch die Sammlung des jüdischen Volkes im „Land der Väter“ sollten wesentliche Traditionen bewahrt, gleichzeitig aber ein grundlegender Erneuerungsprozess vollzogen werden. Der Aufruf zur „Rückkehr“ in die „Heimat“ war etwa bei Elijah Gutmacher (1796–1874) mit der Forderung verbunden, selbst etwas zur Erlösung aus dem Exil beizutragen, konkret in Form der jüdischen Besiedlung Palästinas. Zvi Hirsch Kalischer (1795–1874), der neben Jehuda Alkalai (1798–1878)46 zu den stärksten Befürwortern der Kolonisationsidee zählte, begründete die „dringende Nothwendigkeit der Colonisierung Palästina’s“ zunächst mit dem Prinzip der Nationalität:

„Wir sehen, wie die Völker alle für ihre nationale Sache eintreten, wie sie mit der größten Opferfreudigkeit ihr Gut und Blut einsetzen für die Erhaltung oder Wiedererlangung ihrer Nationalität, und wir Juden sollten die Hände in den Schooß legen und nichts thun, um unser nationales Besitzthum, das heiligste Erbgut unserer Väter wiederzuerlangen? Wir sollen thatenlos bleiben, wenn man uns auf Palästina, als auf unser eigentliches Vaterland verweist? Das hieße unsere Nationalität, auf die wir stolz zu sein ein Recht haben, ganz und gar verläugnen.“47

Die von Kalischer entwickelten Siedlungspläne führten zur Gründung einer ersten Kolonisationsgesellschaft in Frankfurt und schließlich zur Errichtung der landwirtschaftlichen Schule „Mikweh Israel“48.

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