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Buch

Julia und Erik, Mitte dreißig, verbringen die Ferien mit ihren Kindern im Sommerhaus an der Westküste Finnlands. Die Atmosphäre zwischen den Eheleuten ist angespannt: Julia, Autorin eines erfolgreichen Romandebüts, quält sich mit einer Schreibblockade und hadert damit, sich zu früh gebunden zu haben. Zudem trifft sie nach Jahrzehnten zufällig wieder auf ihre Jugendfreundin Marika, die im Sommerhaus nebenan mit ihrem Mann Chris, einem Umweltaktivisten, und dem gemeinsamen Sohn Leo Urlaub macht. Von Marika erfährt Julia schließlich ein Geheimnis, das ihre Kindheit in ein völlig anderes Licht rückt.

Erik bangt um seinen Job als Informatiker, mit dem er die Familie ernährt, und wird unter dem Druck zum Lügner. Als sein Bruder Anders im Ferienhaus auftaucht, kommen auch zwischen den beiden alte Konflikte wieder hoch. Während Tochter Alice ihre erste Liebe erlebt, spitzen sich die Spannungen zwischen Julia und Erik dramatisch zu.

Mit großer Kunstfertigkeit und einer sanften Intensität, die den Leser nicht mehr loslässt, erzählt Philip Teir von einer scheinbar ganz normalen Familie und vermag die Risse in ihrem Zusammenleben mit atemberaubender und verstörender Präzision zu schildern.

Autor

Philip Teir, geboren 1980, gilt als einer der wichtigsten Nachwuchsautoren Finnlands. Er hat Gedichte und einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht und ist Herausgeber von Anthologien. Philip Teir lebt als freier Journalist und Schriftsteller mit seiner Familie in Helsinki. Sein Romandebüt Winterkrieg erschien 2014 bei Blessing.

P H I L I P T E I R

S o a l s o e n d e t

d i e We l t

Roman

Aus dem Finnlandschwedischen

von Thorsten Arms

Blessing

Originaltitel: Så här upphör världen

Originalverlag: Natur & Kultur, Stockholm

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Das Zitat im Kapitel 6 stammt aus Harry Martinson, Aniara,

übersetzt von Herbert Sandberg, München 1961.

Copyright © 2017 by Philip Teir

Copyright © 2018 by Karl Blessing Verlag,

München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design,

Margit Memminger unter Verwendung eines Bildes

von Margit Memminger

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-21922-2
V001

www.blessing-verlag.de

Der Junge und seine Mutter verkriechen sich im Auto, als das Unwetter aufzieht. August. Ein grüner Toyota draußen an der Küste, geparkt auf einem Hügel im Wald. Es regnet, das Wasser bildet Rinnsale im Schlamm neben dem Wagen, fließt hinunter in den Wald, in das Heidelbeergestrüpp.

Der Junge denkt, seine Mutter übertreibt, dass sie sich hier verstecken, weil sie das Abenteuer liebt. Sie hätten genauso gut im Haus bleiben können, bis das Gewitter vorüber ist.

»Die Reifen leiten keinen Strom«, erklärt seine Mutter. »Am sichersten ist man in einem Auto. Die Reifen sind aus Gummi. Wir bleiben hier sitzen, bis die Sonne wieder herauskommt, das wird nicht lange dauern«, sagt sie, obwohl er sieht, dass die Wolkendecke dick und grau ist, undurchdringlich.

Er fragt, ob sie Radio hören können. Seine Mutter zögert, erklärt, dass sie das Gewitter so möglicherweise zum Auto locken würden und der Blitz direkt einschlagen würde. Aber sie schaltet das Radio an.

»Hier ist es am sichersten«, wiederholt sie.

Sie glaubt, dass er Angst vor dem Gewitter hat. Aber es interessiert ihn überhaupt nicht, genauso wenig wie die Blitze oder der Regen dort draußen, das Wasser, das um das Auto herumströmt, der Schlamm.

Er denkt an etwas anderes. An das, was passierte, als sie vorhin in der Küche telefonierte, eine Veränderung in ihrer Stimme, als sie antwortete: Sie log. Er konnte es an ihrem Tonfall erkennen, und plötzlich sah er seine Mutter auf eine ganz andere Weise. Er wusste, dass von diesem Augenblick an alles anders werden würde. Er wusste nicht, auf welche Art, aber dass es unvermeidlich war. Etwas würde ihr Leben verändern, zum schlechteren.

Er saß hinter ihr am Küchentisch, während sie Essen kochte, sah, wie sie immer wieder das Telefon aufnahm, etwas kontrollierte. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, ihren Rücken, während sie in der Küche stand und auf das Display starrte. Er sah plötzlich ganz deutlich, dass auch sie eine Person war, nicht nur seine Mutter. In der Art, wie sie sich bewegte, sah er die Person, die sie einmal gewesen war, ihr Leben vor ihm. Und als sie sich zu ihm umdrehte und lächelte, sah er, dass sie besorgt war, und er dachte an all die Dinge, um die sie sich Sorgen machen könnte und die nichts mit ihm zu tun hatten.

Aber jetzt ist das Radio eingeschaltet und es läuft Musik. Und sie scheint der Musik zuzuhören, und er schaut sie an und freut sich und macht es so wie sie. Draußen regnet es, aber im Auto gibt es immer noch einen Augenblick, in dem alles ist wie zuvor.

Sie beugt sich vor, um die Lautstärke aufzudrehen, damit die Musik den Regen übertönt. Und jetzt kommt wieder der Donner: das dumpfe Grollen irgendwo hinter dem Schornstein, oben auf dem Berg, weit hinten im Wald. Und ein Geräusch, als würde dort oben jemand eine Schubkarre voller Feldsteine schieben. Und der Regen: Gott pisst.

Und dann: der Blitz. Er zählt.

Er weiß nicht, wie lange sie dort sitzen, aber er zählt mindestens zehnmal.

Allmählich lässt das Gewitter nach, zieht weiter, zum Meer. Seine Mutter öffnet die Tür und geht ins Haus, aber der Junge möchte noch eine Weile für sich im Auto bleiben.

Er schaltet das Radio aus. Horcht. Jetzt ist nur noch das Meer zu hören, weiter entfernt, das ständige Rauschen. Er öffnet die Tür und geht zum Weg hinunter, beginnt breite Rinnen durch den weichen Sand zu ziehen. Er baut Kanäle für das Wasser, es rinnt zum Graben, er bricht ein Stück Rinde ab und lässt es hinunterschwimmen.

Er kniet im Schlamm, spürt den weichen Sand zwischen den Händen und an den Zehen und den Regen, der ihm die Stirn hinunterrinnt.

Da sieht er die Frau. Ihre Füße sind voller Matsch, sie ist unbekleidet. Sie geht nur starr den Weg hinunter, an ihm vorbei, als hätte sie ihn nicht gesehen.

TEIL EINS

DIE FAMILIE

1

Julia würde im Herbst sechsunddreißig werden, aber es war ihr niemals ganz gelungen, der Stimme ihrer Mutter zu entkommen. Selbst wenn Julia lange nicht mehr mit Susanne gesprochen hatte, war deren Stimme da, sie lag auf einer hohen Frequenz und kam von oben – weil ihre Mutter eine groß gewachsene Frau war –, und sie schien sich immer mitten in einem Satz zu befinden, mitten in einer Diskussion.

»Ich kann doch Menschen mögen, auch wenn sie mir nicht ständig Komplimente machen.«

»Ich habe diese Frauenzeitschrift seit zwanzig Jahren abonniert, und sie ist full of useless information, aber ich werde sie weiter beziehen to the bitter end

»Heute habe ich ein ganz großartiges Essen gekocht.«

»Hast du zugenommen? Ich meine das nicht negativ, bei dir ist es ja immer ein bisschen rauf und runter gegangen.«

Auch jetzt, als Julia in der Straßenbahn saß und von der Arbeit nach Hause fuhr, hörte sie im Hinterkopf ihre Mutter reden, wie ein Tinnitus in verbaler Form; eine ununterbrochen laufende Meinungsmaschine. Susanne sagte, dass sie jeden Tag schreiben solle, sich Aktivitäten mit den Kindern ausdenken müsse (Susannes immer wiederkehrende Kritik war, Julias Kinder seien so antriebslos und phlegmatisch). Sie solle an ihre Karriere und den Hauskredit denken, sich aber vor allen Dingen um Susanne kümmern, weil Julias Mutter sich als den selbstverständlichen Mittelpunkt der Familie betrachtete.

Julia stieg aus der Straßenbahn und spürte den Impuls, sich mit dem ganzen Körper zu schütteln wie ein nasser Hund, der zur Tür hereinkommt. Sie versuchte sich selbst daran zu gemahnen, dass heute der Urlaub begann und sie an andere Dinge zu denken hatte als an ihre Mutter.

Sie öffnete die Tür zu ihrer Wohnung, aber niemand war zu Hause. Kurz fragte sie sich, ob die anderen schon ohne sie losgefahren waren. Erik hatte gesagt, er würde die Kinder um elf Uhr abholen, sie hatte ihn aber den ganzen Tag nicht erreichen können. Das Auto hätte gepackt sein sollen, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie gleich losfahren können, dann wären sie bis zum Abend da gewesen.

Julia wollte das Sommerhaus lüften und die Betten neu beziehen, bevor sie schlafen gingen, und sie fragte sich, ob sie zuerst nicht auch alles abstauben müssten, weil schon seit Langem niemand mehr am Mjölkviken gewesen war. Wahrscheinlich wäre es auch nötig, den Kühlschrank zu putzen, bevor sie ihn mit Lebensmitteln füllten.

Sie rief Oona an, die in den ersten Sommerwochen, in denen sie noch arbeitete, auf die Kinder aufpasste.

»Nein, Erik hat nicht angerufen. Soll ich sie nach Hause schicken?«, fragte Oona. Julia konnte das Klavier im Hintergrund hören, wahrscheinlich spielte Alice gerade.

Oona war eine Frau in den Sechzigern und stammte aus Estland. Sie war vor langer Zeit wegen eines Mannes nach Finnland gezogen. Jetzt wohnte sie allein und war zu einem Teil ihres Lebens geworden, eher aus Zufall, denn Alice hatte Klavierunterricht bei ihr genommen, und Anton war manchmal mitgekommen.

»Tu das«, sagte Julia. »Wir fahren bald los.«

»Seid ihr den ganzen Sommer weg?«, fragte Oona.

»Wir kommen erst im August zurück.«

Julia fiel plötzlich ein, dass sie natürlich mit einem Geschenk zu Oona hätte gehen sollen. So etwas machte man, wenn der Sommer kam. Eine Dose Kekse, ein Blumenstrauß, ein paar Tassen von Arabia. Julia war nie diejenige gewesen, die Geld eingesammelt hatte, um den Lehrern der Kinder ein Geschenk zu machen, das hatte sie immer den anderen Eltern überlassen. Woher sollte man solche Dinge wissen und sich darüber hinaus auch noch daran erinnern?

Sie legte auf und wählte Eriks Nummer, er ging jedoch immer noch nicht ans Telefon, also setzte sie sich aufs Sofa und wartete.

Anton war der Erste, der durch die Tür kam; sein zehnjähriger Körper schien sich darauf vorzubereiten, in die Höhe zu schießen. Er werde größer als sein Vater, hatten die Ärzte gesagt, und er selbst konnte das vor seinen Freunden gar nicht oft genug wiederholen. Anton wusste nicht, dass Julia manchmal heimlich zuhörte, wenn er Freunde zu Besuch hatte, aber sie tat es: Zehnjährige Jungen versuchten einander mit Dingen zu beeindrucken, die sie über die Welt zu wissen glaubten.

»Habt ihr etwas von Papa gehört?«, fragte sie.

»Er hat angerufen«, sagte Anton. »Er kommt später.«

»Was habt ihr heute gemacht?«

Anton zuckte mit den Schultern. »Wir haben Monopoly gespielt. Aber Oona wollte keine Risiken eingehen, also habe ich beide Male gewonnen«, sagte er.

»Und was hat Alice gemacht?«

Seine Schwester war mittlerweile in den Flur gekommen und hatte ihre Jacke auf den Boden geworfen.

»Sie hat Klavier gespielt und war unheimlich zickig«, sagte Anton.

Alice kam ins Wohnzimmer, ohne ein Wort zu sagen, setzte sich einfach nur mit dem Handy in der Hand neben Julia aufs Sofa.

»Wollt ihr mir helfen, das Auto zu packen?«, fragte Julia.

»Müssen wir?«, erwiderte Anton.

Sie fuhr das Auto vor den Hauseingang. Widerwillig halfen ihr die Kinder dabei, die Taschen zu tragen, und der Kofferraum füllte sich schnell.

Als sie fertig waren, saßen Alice und Anton mit den Schuhen auf dem Sofa, als wären sie auf dem Sprung. Sie fragten, wo ihr Vater sei, und Julia antwortete, so gut sie konnte. »Er ist immer noch auf der Arbeit.«

Sie fragte, ob sie Hunger hätten.

»Ich hab keinen Hunger, ich will losfahren«, sagte Anton. »Warum kommt Papa nicht nach Hause? Ich hasse Warten.«

Anton warf sich auf dem Sofa zurück und landete auf seiner großen Schwester.

»Au!«, rief Alice. »Mama, ich hab keinen Bock, mir sein Gejammer anzuhören. Halt doch einfach mal die Klappe, Anton.«

Anton versetzte ihr einen Schlag auf die Schulter.

»Hey! Mama, hast du gesehen, was er gemacht hat?«

Julia seufzte.

»Blöde Zicke«, sagte Anton, legte sich demonstrativ die Hände aufs Gesicht und ließ sich erneut rücklings neben Alice aufs Sofa fallen.

Julia putzte die Wohnung und versuchte, den Lärm der Kinder auszublenden, um sich nicht über sie aufregen zu müssen. Sie schrubbte die Badewanne, machte die Betten und warf fast alle Lebensmittel weg, die noch im Kühlschrank waren.

Als sie durch den Flur ging, sah sie sich kurz im Spiegel und dachte zu ihrer Verwunderung, dass sie auf eine etwas strenge Art gut aussah: So sah eine alleinerziehende Mutter aus, so würde sie ab jetzt aussehen, wo sie nur noch zu dritt in der Familie waren. Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich zu den Kindern, um sich noch hemmungsloser ihrer Fantasie hinzugeben.

»Was schaust du dir gerade an?«, fragte sie Alice.

»Nichts Besonderes.«

Julia beugte sich zu ihr und warf einen Blick auf ihr Handy. Alice stellte eine Fotocollage zusammen. Es waren drei Selfies, und sie versah sie alle mit Grimassen, zog mit den Fingern die Unterlider herunter, bis man von den Augen nur noch das Weiße sah.

»Sind solche Bilder gerade angesagt?«, fragte Julia.

»Keine Ahnung«, sagte Alice und zuckte gelangweilt mit den Schultern.

»Wollen wir ein Selfie machen? Wir drei zusammen?«, fragte sie.

»Mama«, sagte Alice.

»Ich kann eins machen«, sagte Anton.

Erik kam um zwei Uhr nach Hause, redselig und gestresst, als wollte er überspielen, dass er zu spät gekommen war. »Der Handyakku war leer, und wir hatten eine Besprechung, die sich hinzog. Aber ich habe ja Oona angerufen und Bescheid gesagt. Ich wusste nicht, wann du heute aufhörst.«

Julia seufzte.

»Ich will mich deswegen nicht streiten, aber ich habe gepackt, die Wohnung geputzt, die Spülmaschine ausgeräumt und den Kühlschrank geleert. Ich bin total durchgeschwitzt.«

»Aber hier muss doch nicht alles geputzt sein, wenn wir nach Hause kommen«, meinte er.

Es überraschte sie immer wieder, wie real Erik war, wenn er schließlich nach Hause kam, als gäbe es zwei Eriks: einen, auf den sie in ihrer Fantasie wütend sein konnte, und einen richtigen Erik, der mit ihr redete und Ansichten hatte, zu denen sie Stellung beziehen musste.

»Wie auch immer, wir müssen jetzt fahren, wenn wir bis zum Abend da sein wollen.«

»Es ist die ganze Nacht hell, da spielt es doch keine Rolle, ob wir um sieben oder um neun ankommen«, sagte er und küsste sie auf die Stirn. Sie nahm die Berührung mit jener Erleichterung zur Kenntnis, die dem bereits Bekannten entspringt, einem Ort, an dem alles logisch und einfach wirkt, weil es immer schon so gewesen ist. Sie schob das zwiespältige Gefühl aus Angst und Spannung zur Seite, das sich in ihrem Bauch eingenistet hatte, als sie Erik nicht erreichen konnte und nicht wusste, wo die Kinder waren, und das sie nicht kontrollieren konnte, weil ihre Gedanken immer wieder dorthin wanderten, wo sie nichts zu suchen hatten. Sie dachte, dass es ein bisschen so war, als würde sie in wachem Zustand träumen, als würde ihr Gehirn jetzt die Arbeit erledigen, für die eigentlich der Schlaf da war: den Tag verarbeiten, sich auf Katastrophen vorbereiten.

Sie löschten die Lampen in der Wohnung, zogen den Stecker des Kühlschranks und sahen ein letztes Mal, nach, ob auch nichts mehr eingeschaltet war, bevor sie die Wohnung verließen. Anton schubste Alice ein bisschen, als sie die Treppen hinuntergingen.

Erik bog auf den Mannerheimvägen ab. Jedes der Kinder hatte einen Laptop auf dem Rücksitz und schaute sich einen Film an. Alice hatte Geld bekommen und im Laden Süßigkeiten und Croissants für sich und Anton gekauft, die sie jetzt sorgfältig auf den Taschen zwischen ihnen aufgereiht hatte. Im Sommer würde sie dreizehn werden und in die achte Klasse kommen, sie trug schwarze Kleidung und hörte ständig Musik. Julia fiel es manchmal schwer, sich in Alice wiederzuerkennen, vielleicht weil sie selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen war, zwischen Mopeds und Freundinnen, die Haarspray benutzten und heimlich hinter der Schule rauchten; in einem Milieu, in dem man keine hohen Ansprüche ans Dasein stellte und meist nicht länger plante als bis zum nächsten Wochenende. Alice nahm alles viel ernster: die Schule, ihre Gefühle, ihren Kleidungsstil. Jetzt, wo es das Internet gab, war es anscheinend sehr viel schwieriger, ein Kind zu sein, dachte Julia. Ständig musste man alles dokumentieren und vorzeigen.

Die Fahrt nach Jakobstad in Österbotten dauerte normalerweise sechs Stunden inklusive Pausen – sie machten immer an derselben Stelle in Jalasjärvi Rast –, demzufolge würden sie gegen neun Uhr ankommen.

Sie hatten das Haus noch nie zuvor benutzt. In den letzten fünfzehn Jahren war es so gut wie unbewohnt gewesen, ein großes, dunkles Blockhaus oben im Wald, ein paar Hundert Meter vom Strand entfernt. Erik hatte sie schließlich davon überzeugen können, den ganzen Sommer dort zu verbringen, obwohl sie protestiert hatte. Erik argumentierte, ihre Kinder hätten noch nie einen richtigen Urlaub draußen in der Natur erlebt, weil sie bislang jeden Sommer in Helsinki geblieben waren, unterbrochen nur von einem Städteurlaub in Stockholm und kurzen Besuchen in Jakobstad.

»Sie müssen mal von ihren Bildschirmen wegkommen«, sagte er, und Julia konnte schlecht widersprechen.

Das Haus lag neben einem kleinen Teich und war gerade groß genug für ihre Familie. Im Erdgeschoss gab es ein Wohnzimmer, eine Küche und ein Schlafzimmer, und die Kinder konnten oben auf dem Dachboden schlafen. Julias Großvater hatte es in den Siebzigerjahren gekauft, als die Häuser am Mjölkviken noch billig waren und das Gebiet weiter ausgebaut wurde, mit Tennisplätzen und Bungalows mit großen Fenstern zum Meer, in einer Zeit, in der Fabrikbesitzer und österbottnische Mittelklassefamilien plötzlich ein Leben wie an der Riviera führen wollten.

Julia hatte in ihrem ersten Roman, Mjölkviken, der vor fünf Jahren erschienen war, über das Haus geschrieben. Es war eine sommerliche Kindheitsschilderung, die zu großen Teilen auf ihren eigenen Erlebnissen beruhte, und für einen Debütroman hatte er sehr gute Kritiken bekommen. Er wurde schnell in fünf Sprachen übersetzt und war für den Runebergpreis nominiert worden. Als Erwachsene war sie nie am Mjölkviken gewesen, nur einmal im Winter war sie mit den Kindern dorthin gefahren, um ihnen das Haus und das Meer zu zeigen.

»Ach, wie schön, endlich Urlaub«, sagte Erik jetzt. Es herrschte kaum Verkehr, und Julia holte die Sonnenbrille aus dem Handschuhfach.

»Es ist wichtig, dass man zum richtigen Zeitpunkt losfährt«, erklärte Erik. »Alle wollen um die Mittsommernacht Urlaub machen. Wir sind früh dran. Kein Verkehr. Ehe ihr euch verseht, sind wir schon da.«

Erik hatte ein paar zusätzliche Urlaubswochen angesammelt, und sie mussten erst wieder in der Stadt sein, wenn im August für die Kinder die Schule anfing. Zehn Wochen, dachte Julia jetzt. Sie würden eine lange Zeit miteinander verbringen. Erst vor einer Stunde hatte sie darüber fantasiert, allein mit den Kindern zu leben, über ein anderes Leben, und als sie sich jetzt an diese Vorstellung zurückerinnerte, kam sie ihr absurd vor. Sie schaute Erik an und streichelte seine Wange.

»Wie kalt deine Hand ist«, sagte er.

2

Erik schaltete das Autoradio ein. Er wählte einen Musiksender, hatte keine Lust, die Nachrichten zu hören. Es dürfte die Medien mittlerweile erreicht haben, und er wollte nicht, dass Julia Fragen stellte.

»Betriebsversammlung um 9.30 Uhr«, hatte am Morgen die Betreffzeile gelautet, als er seine Mails am Telefon kontrollierte. In der Mail selbst stand lediglich, dass sich die komplette Belegschaft, abgesehen von den Verkäuferinnen und Verkäufern, im großen Besprechungsraum im neunten Stock versammeln solle. »Die gesamte Informationsveranstaltung wird über unser Intranet gestreamt, damit auch diejenigen teilhaben können, die daran gehindert sind, persönlich zu erscheinen.«

Der Raum war voll, als Erik hereinkam. Es war zwei Minuten vor halb zehn, und nur ein Bruchteil der Leute fand direkt am Konferenztisch Platz. Das restliche Personal saß auf Stühlen oder lehnte an der Wand wie Schüler bei der Morgenansprache. Durch ein geöffnetes Fenster konnte Erik über das Stadtzentrum von Helsinki schauen – ein schöner und milder Sommertag mitten im Juni. Das Licht und die Bewegungen draußen auf der Straße verstärkten die Anspannung im Besprechungsraum.

Aber es hing auch ein leiser Sarkasmus in der Luft. Niemand wollte zeigen, dass er Angst vor schlechten Neuigkeiten hatte, und seit ihr Arbeitsplatz von einer schlimmen Nachricht nach der anderen heimgesucht wurde, war Humor zu einem eingeübten Verteidigungsmechanismus geworden.

Sich wegen der Firma Sorgen zu machen oder betroffen zu sein, war keine Alternative, denn damit würde man dem Arbeitgeber Vertrauen entgegenbringen, sich auf seine Seite stellen. Erik wusste, niemand in diesem Raum glaubte mehr daran, dass das Management noch irgendeine Ahnung hatte, was es tun sollte. Viele von ihnen hatten eine Vorstellung, wie das Warenhaus besser geführt werden könnte. Aber diese Vorstellungen wurden diskutiert, wenn die Vorgesetzten nicht dabei waren, bei einem Bier in einem der Restaurants auf der anderen Seite des Mannerheimvägen.

Alle wussten, dass die Personalkosten zu hoch waren. Dass das Internet den Einzelhandel immer mehr dominierte, dass die Menschen ins Warenhaus kamen, um Kleidung anzuprobieren und Produkte zu testen, die sie später auf irgendeiner Onlineseite nach Hause bestellten.

»Weiß jemand, worum es hier geht?«, fragte Mia, die etwas später als die anderen eingetroffen war. Sie arbeitete am Informationsschalter im ersten Stock, und oft war es ihre Stimme, die man hörte, wenn im Warenhaus Kunden ausgerufen wurden. Alle wussten, wer Mia war: eine Mutter von vier Kindern, mit sehr viel Energie und der Tendenz, zu Personalversammlungen immer zu spät zu kommen.

Erik sah, dass Mia besorgt war, aber niemand wollte ihr antworten, sie zuckten nur mit den Schultern.

»Ich habe keine Zeit für so was. Im Augenblick ist der Kundendienst unbesetzt«, sagte sie. »Wenn wir uns wirklich Sorgen um die Zukunft machen, sollten wir zusehen, dass wir an einem Freitag nicht unterbesetzt sind.«

»Besser wird es bestimmt nicht«, meinte ein älterer Mann. Er sah düster und melancholisch aus, fast grau im Gesicht, als wäre es von einer Staubschicht überzogen. Erik kannte ihn aus der Lebensmittelabteilung, und er konnte sich gut vorstellen, dass der Mann seine bevorstehende Pensionierung bis ins Detail geplant hatte und jetzt plötzlich mögliche Zusatzleistungen vor seinen Augen verschwinden sah.

Die Tür ging auf, und ihre Chefin kam herein. Ihre Absätze schlugen fünfmal militärisch auf dem Boden auf, bevor sie sich ans Kopfende des Tisches stellte.

»Danke, dass Sie heute so kurzfristig zu dieser Betriebsversammlung kommen konnten«, sagte sie.

Riina Pitkänen arbeitete erst seit einem Jahr für das Warenhaus, und niemand schien sie privat zu kennen, es gab jedoch Gerüchte über ihre Freizeitgestaltung (Eyes-Wide-Shut-Orgien, hatte Eriks Vorgesetzter Jouni vorgeschlagen, »mit Reitgerten«). Erik beteiligte sich nicht an solchen Spekulationen, weil ihm diese Art von Machojargon fremd war.

Doch eine der ersten Veränderungen, die Pitkänen vornahm, war die Schließung der gesamten Angelabteilung im fünften Stock, damit sie mehr Platz für die Reitausrüstung hatten.

Jetzt sprach sie mit einer Stimme, die bei Erik den Eindruck erweckte, dass sie ihre Nervosität zu überspielen versuchte: Wenn sie nur monoton genug sprach, würde ihre Stimme nicht brechen.

Es wurde gemunkelt, Riina Pitkänen sei eingestellt worden, um das Warenhaus zu sanieren und durch die bevorstehende Umstrukturierung zu führen. Zuvor hatte sie im Vorstand diverser finnischer Fonds gearbeitet und war in den letzten Jahren unter anderem daran beteiligt gewesen, einige wenig populäre Fusionen von Lokalzeitungen durchzuführen.

Aus irgendeinem Grund musste Erik plötzlich an eine Vertretungslehrerin denken, die er in der Grundschule gehabt hatte. Die Schüler hatten sie so konsequent sabotiert, dass sie nach drei Wochen aufhörte.

»Ich weiß, dass nicht alle hier sein können. Das Verkaufspersonal draußen im Warenhaus wird dieselben Informationen schriftlich erhalten«, sagte Pitkänen jetzt. »Ich habe Sie heute alle zusammengerufen, weil ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie habe. Wenn wir mit der nicht so guten beginnen … tja, es ist ja kein Geheimnis, Sie haben es sicherlich auch in den Zeitungen gelesen, dass die wirtschaftlichen Herausforderungen für uns größer sind als seit vielen Jahren. Wir hatten Glück und konnten bis 2008 eine relativ stabile Bilanz vorweisen, aber dann drehte sich der Wind.«

Sie schaute auf ihren Computer hinunter, auf dem sie wahrscheinlich ihr Manuskript hatte.

»Wir sind natürlich alles andere als allein mit diesen Sorgen, unsere gesamte Branche ist betroffen. Dank unserer Eigentümerstruktur, die über ausreichende Kapitalreserven verfügt, konnten wir uns ganz gut über Wasser halten und werden es auch in Zukunft tun. Im Augenblick erwirtschaften wir allerdings ein negatives Ergebnis, das nicht einmal unsere Eigentümer akzeptieren können und das zudem kräftig steigt. Es ist also unvermeidlich, dass etwas getan werden muss, und wir haben uns viele Lösungen angeschaut. Es steht bereits fest, dass wir schon jetzt im Sommer eine Umstrukturierung vornehmen werden. Die genauen Details werden Ihnen zu gegebener Zeit mitgeteilt. Diese Umstrukturierung wird in den nächsten fünf Wochen vorgenommen, und das Schöne daran ist, dass Sie eingeladen sind, an diesem Prozess selbst mitzuwirken. Wir werden verschiedene Zukunftsgruppen einrichten, die ihren Input dazu geben werden, wie dieses Warenhaus aussehen soll. Jeder, der mag, kann sich einer dieser Gruppen anschließen. Und ich möchte dazu gleich anmerken: Die Mitwirkung in einer dieser Gruppen ist keine Garantie dafür, dass man in diesem Unternehmen eine Zukunft hat. Anders herum gilt aber auch: Wer nicht an der Zukunftsplanung mitwirkt, verliert nicht automatisch seinen Arbeitsplatz.«

Sie beendete ihre Ansprache, indem sie sich direkt an die Webkamera wandte, die vor ihr auf dem Tisch stand.

»An die Medien wurde eine Pressemitteilung verschickt. Sollten Sie von Journalisten kontaktiert werden, möchte ich, dass Sie auf die darin aufgeführten Informationen zurückgreifen.«

»Und was sind die guten Nachrichten?«, fragte der Mann aus der Lebensmittelabteilung.

»Die guten Nachrichten? Die habe ich Ihnen doch gerade mitgeteilt. Sie sind alle eingeladen, am Prozess unserer Umstrukturierung teilzunehmen. Sämtliche Möglichkeiten zur Mitwirkung stehen Ihnen offen.«

Erik hielt das für einigermaßen ironisch: als hätte man sie dazu eingeladen, ihre eigene Beerdigung zu planen.

»Wie viele werden ihre Arbeit verlieren?«, fragte Mia.

»Wir rechnen mit ungefähr hundert Vollzeitstellen«, antwortete Pitkänen.

»Na, herzlichen Dank. Das ist ein Fünftel der Belegschaft«, sagte Kaj Forslund, ein großer, glatzköpfiger Mann, der im Lager arbeitete und schon seit Langem Betriebsratsvorsitzender war, eine Aufgabe, der er mit großem Ernst nachging. Alle verließen sich auf ihn, weil er allem Anschein nach wusste, was er zu tun hatte, doch vor allen Dingen gehörte er einer Generation an, die sich noch für gewerkschaftliche Arbeit begeisterte. Viele der jüngeren Angestellten kamen und gingen, ohne sich überhaupt dafür zu interessieren, welche Rechte sie als Arbeitnehmer hatten.

»Ja, aber einen großen Teil dieses Stellenabbaus werden wir hoffentlich mit verschiedenen Abfindungsregelungen bewerkstelligen können. Es wird die Möglichkeit geben, in den Vorruhestand oder in Teilzeit zu gehen. Ich weiß, dass es in diesem Unternehmen viele Mitarbeiter gibt, die sich solche Lösungen vorstellen können. Wir sind daher zuversichtlich, dass wir nicht einhundert Kündigungen aussprechen müssen.«

»Wie viele dann?«, fragte Mia.

»Das ist unmöglich vorherzusagen.«

»Was passiert mit denjenigen, die nur einen befristeten Vertrag haben, mit den Sommerjobs und den Vertretungskräften?«, fragte Forslund.

»Wir werden keine Neueinstellungen mehr vornehmen, und wir haben uns angeschaut, wie wir Arbeitsplätze im Verkauf reduzieren können«, antwortete Pitkänen.

Jetzt saß Erik im Auto und ließ den Tag in Gedanken noch einmal Revue passieren. Nach dem Treffen hatten alle geschwiegen, als hätte man ihnen eine Todesnachricht überbracht. Erst Anfang Juli, also in drei Wochen, würden sie erfahren, wie die Umstrukturierung aussehen sollte. Dann würde er nicht mehr in der Stadt sein.

Er hatte mit seinem direkten Vorgesetzten darüber gesprochen. Erik hatte bemerkt, dass sich Jouni nicht besonders wohl in seiner Rolle fühlte, dass er das Leben wahrscheinlich für ungerecht hielt, weil es ihn ins mittlere Management einer kriselnden Branche platziert hatte. Es war für Erik immer offensichtlich gewesen, dass Jouni seine Zukunft im Ausland oder in einem eigenen Beratungsunternehmen sah.

»Schade, dass du gerade jetzt in den Urlaub fährst, es wäre gut gewesen, wenn du geblieben wärst und in einer der Zukunftsgruppen mitgearbeitet hättest«, sagte Jouni.

»Ich habe diesen Sommer seit vielen Jahren geplant. Und ich habe fünf Wochen Überstunden, die ich ausgleichen kann«, erwiderte Erik.

»Aber die Situation hat sich verändert, das muss dir doch klar sein.«

Erik hatte keinen Grund, sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz zu machen, tat es aber trotzdem. In der letzten Zeit hatte er ein paar schlechte Entscheidungen getroffen und Projekte angestoßen, denen das Management offensichtlich keine große Bedeutung beimaß.

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Wir fahren heute los«, sagte Erik.

»Ich weiß es auch nicht. Aber, wie gesagt, im Juli sind wir schlauer. Ich hoffe, ihr habt eine schöne Zeit in Österbotten«, erwiderte Jouni.

Erik fand es sinnlos, mitten in der Urlaubszeit Stellenkürzungen zu verkünden. Vielen Leuten wurde damit der Sommer vermiest, aber ihm war klar – er hatte es in der Zeitung gelesen –, dass derlei gerade in vielen finnischen Unternehmen stattfand. Es herrschte das allgemeine Gefühl, man müsse die Zähne zusammenbeißen, sich durch schwere Zeiten hindurchkämpfen und solle sich nicht beklagen.

Er hätte Julia eine SMS schicken können, dass sie ohne ihn losfahren sollten, aber als er auf der Toilette im zweiten Stock saß, auf der er sich nach der Mittagspause versteckt hatte, um Stellenanzeigen auf seinem Telefon zu lesen, beschloss er, mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren. Er wollte Julia nicht enttäuschen, und überhaupt: War sie in letzter Zeit nicht ein bisschen distanziert gewesen? In den letzten Monaten hatten sie kaum miteinander gesprochen, und Erik befürchtete, er könnte ihr gleichgültig geworden sein. Julia war immer rastlos, immer auf dem Weg irgendwohin. Sie brauchten ein bisschen Zeit zusammen.

»Wie war es heute auf der Arbeit?«, erkundigte sich Julia, nachdem sie kurz hinter Tampere getankt hatten. Das schöne Wetter hatte sich gehalten, und Erik schaltete herunter, um einen Lastwagen zu überholen.

»Wie immer. Alle sind in Urlaubsstimmung. Jede Menge neue Leute, die ihre Sommerjobs antreten. Schön, wenn man das alles für eine Weile nicht mehr mitmachen muss.«

Sollte er diesen Sommer arbeitslos werden und bis zum Herbst keinen neuen Job finden, könnten sie es sich kaum noch leisten, weiterhin in der Innenstadt zu wohnen. Ihre Mietkosten waren jetzt schon viel zu hoch. Er beschloss, Julia nichts zu erzählen, solange die Situation noch ungeklärt war.