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Harper -
Jäger und Gejagter

Stephan Michels

edition oberkassel

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und wären rein zufällig.

Prolog

Langsam öffnete er die Augen. Gegen den schwarzen Nachthimmel zeichnete sich der Ausleger eines Baukrans wie das Gerüst eines Galgens ab. Sein Hals brannte, als hätte er eine Flasche Whisky in sich hineingeschüttet. Auf der Zunge spürte er ein pelziges Gefühl. Sein Schädel schmerzte. Er stützte sich auf einen Arm. Blut tropfte aus der Nase und vermischte sich mit einer Pfütze auf dem Asphalt. Dann tastete er nach der schmerzenden Stelle über seinem Auge und zuckte zusammen, als er die Risswunde berührte.

Er versuchte, sich aufzurichten. Augenblicklich erhielt er einen Tritt in die Seite. Er stöhnte auf und rollte sich auf den Rücken.

Ich werde sterben, dachte er. Allein und weit weg von zu Hause.

Dann hörte er ein Motorengeräusch näher kommen. Er drehte den Kopf zur Seite. Lichter blendeten ihn. Er schloss die Augen. Nur das Dröhnen des Motors hörte er noch. Und er spürte das stärker werdende Vibrieren des nassen Asphalts.

1

Harper schreckte auf. Sein Herz hämmerte wie eine Maschinenpistole in Aktion. Er atmete schwer. Es war, als hätte er den schwarzen, stinkenden Rauch inhaliert. Die Hitze der Explosion schien er noch auf der Haut zu fühlen.

Doch es war nur ein Traum gewesen. Immer wieder der gleiche Traum. Harper blickte auf die Armbanduhr, die er nie ablegte. 1:30 Uhr. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Er erhob sich von der Futonmatratze, die auf dem Boden seiner kargen Einzimmerwohnung lag. An einer Wand stand ein schmaler IKEA-Kleiderschrank und vor einem Fenster mit Blick auf eine kahle Baumkrone ein schwarz lackierter Tisch und ein Holzstuhl. Ein Notebook war der einzige moderne technische Lichtblick.

Harper machte zwanzig Liegestütze. Ein altes Ritual aus seiner Zeit beim Special Air Service, dem Sondereinsatzkommando der britischen Armee. Zwei Jahre war es mittlerweile her, dass er mit Anfang Dreißig das Militär verlassen hatte. Er hätte Karriere machen können. Für viele kam sein Ausscheiden plötzlich und unerwartet. Für Harper war es unausweichlich.

Er stellte sich kurz unter die kalte Dusche. Anschließend trocknete er seine kurzen blonden Haare mit einem Handtuch, rasierte sich, putzte die Zähne und zog sich an. Schwarze Jeans, dunkles bequemes Hemd, schwarze Lederjacke. Schließlich brühte er in der winzigen Küche, die er von seinem Vormieter übernommen hatte, einen Darjeeling auf. Auch das war ein Ritual. Er brauchte Struktur, das wusste er. Er durfte sich nicht gehen lassen, obwohl er sich manchmal danach sehnte.

Harper blickte aus dem kleinen Küchenfenster in den dunklen Hinterhof. Alles war ruhig und still. Doch er wusste, dass die Dämonen seiner Vergangenheit nur darauf warteten, auszubrechen und ihn zu vernichten.

Harper überlegte, ob er endlich eine von den Tabletten nehmen sollte, die ihm seine Psychotherapeutin vor Monaten bei seinem ersten und einzigen Besuch verschrieben hatte. Aber er entschied sich auch heute dagegen. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen. Sie würde ihn ablenken und seine volle Aufmerksamkeit erfordern. Unwillkürlich straffte er sich.

Harper säuberte die Tasse in der Spüle. Er traf die letzten Vorbereitungen.

Um 2:45 Uhr verließ er seine Wohnung.

2

Harper blickte auf die Armbanduhr. Der Zeitpunkt war perfekt. Kurz vor vier Uhr. Die Zeit, zu der der Gegner am wenigsten mit einem Angriff rechnete. Harper sollte für seinen Auftraggeber nur das Geld übergeben, im Austausch gegen peinliche Fotos. Aber das war ihm zu wenig. Er wollte das Problem lösen, und das funktionierte nicht immer mit Geld.

Harper stand in der Passage eines Teppichgeschäfts in der Düsseldorfer Innenstadt, zu seinen Füßen ein schwarzer Aktenkoffer aus Kunstleder mit abgestoßenen Ecken. Schmutziggraue mehrstöckige Gebäude schmiegten sich aneinander. Der Herbst lag in seinen letzten Zügen. Unter den wenigen Linden, die die Stadtverwaltung lieblos alle hundert Meter hatte einpflanzen lassen, vermoderten gelb gefärbte Blätter. Eine Leuchtreklame flackerte unruhig. Bar Chez Madame stand darauf, und trotz der abgebildeten roten Rose wäre niemand auf die Idee gekommen, es könne sich um einen Floristen handeln. Auch der wuchtige glatzköpfige Mittdreißiger, der in seiner speckigen Lederjacke gelangweilt davor stand, machte nicht den Eindruck, als wollte er Blumen verkaufen.

Harper ging in Gedanken seinen Plan durch.
Am Türsteher vorbei und dessen Boss suchen: zwei Minuten.
Die Verhandlungen und die Problemlösung: drei Minuten. Zeitpuffer, um Gegenargumente zu entkräften: eine Minute.

Harper sah noch einmal auf seine Uhr: 3:55 Uhr. Um fünf Minuten nach vier sollte der Auftrag erledigt sein.

Er dehnte sich, nahm den Aktenkoffer in die Hand und schritt auf die Bar zu. Kein Fußgänger war mehr unterwegs, nur zwei Taxis fuhren in Richtung Hauptbahnhof vorbei.

Vor dem Eingang der Bar stand ein aufgemotzter Ford Mustang. Gelb lackiert wie ein Kanarienvogel. Mit blitzenden Edelstahlfelgen. So auffällig, dass jeder Vorbeikommende einen Blick auf ihn werfen musste, selbst wenn er nicht halb auf dem Gehsteig geparkt hätte. Harper steuerte direkt auf den Türsteher zu.

»Wir schließen gleich«, sagte dieser und streckte den Arm aus, als wollte er Harper zurückschieben. Auf seinem Unterarm erkannte Harper einen geflügelten Totenkopf, das Zeichen der Hell’s Angels.

»Dein Chef erwartet mich«, sagte Harper.

»Davon weiß ich nichts.«

»Das solltest du aber, wenn du seine Vorzimmertussi bist.«

Der Türsteher stutzte einen Moment. Dann spannte er seine Muskeln an, sodass sich seine Jacke aufblähte.

»Ich habe schon ganz andere Typen platt gemacht, die mir blöd gekommen sind. Also verpiss dich!«

Harper seufzte. Die Zeitkalkulation geriet ins Wanken.

»Sag deinem Chef, dass ich ihm das Geld jetzt schon bringe! Vereinbart war zwar erst heute Nachmittag, aber sein Schuppen liegt gerade auf meinem Weg.«

Das Zauberwort Geld ließ den Türsteher leichtsinnig werden. Sonst hätte er Harper sicherlich nicht in die Bar gelassen, ohne ihn abzutasten. Somit entdeckte er nicht die 9 Millimeter Glock 17, die hinten in Harpers Hosenbund steckte. Vermutlich tat sich der Türsteher, ohne es zu wissen, einen Gefallen damit, sofort die Sprechanlage zu betätigen.

»Der Typ mit dem Geld ist da«, nuschelte er hinein, ohne Harper aus den Augen zu lassen. Eine verzerrte Stimme antwortete. Der Türsteher trat einen Schritt zur Seite.

»Geht doch!«, sagte Harper.

Er schritt an dem Türsteher vorbei, als würde dieser gar nicht existieren. Er schob einen dicken roten Vorhang, der vermutlich seit der Wiedervereinigung nicht mehr gereinigt worden war, zur Seite und trat ein. Lichterketten, die kreuz und quer an der Decke hingen, erleuchteten den Raum nur spärlich und strahlten eine verfrühte Weihnachtsstimmung aus. Rote Ledersessel und -sofas standen locker verteilt um die Bühne, die die Mitte des Raums einnahm. Spiegel an den Wänden versuchten, ihn größer wirken zu lassen, jedoch verstärkten sie nur den deprimierenden Anblick einer leeren Bar. Auch an der mit rotem Stoff verkleideten Theke saß kein Gast mehr. Dahinter wischte eine Bardame mit zu vielen Falten und zu greller Schminke mit einem Lappen über den Tresen.

»Du kommst zu spät, Süßer«, sagte sie. »Wir schließen gleich. Hat Ulf dir das nicht gesagt?«

»Ulf schmollt draußen, weil er nicht mit rein darf. Der Chef erwartet mich.«

Harper hielt den Koffer hoch.

Die Bardame deutete mit dem Kopf auf eine unscheinbare Tür in einer dunklen Nische.

Bevor Harper die Tür erreichte, wurde sie bereits von innen geöffnet. Fred Golz, der Betreiber der Bar und einer Reihe weiterer Etablissements, trat heraus. Er mochte um die sechzig Jahre sein, versuchte jedoch, sein Alter mit viel Sonnenbräune und einem strähnigen Zopf zu verschleiern. Er war gut einen Kopf kleiner als Harper. Man hätte ihn leicht übersehen können, hätte er nicht zwei goldene Ohrringe und eine Goldkette über dem eng anliegenden T-Shirt getragen. Er starrte auf den Koffer in Harpers Hand.

»Komm in mein Büro!«

Er ging voraus. Harper folgte ihm und schloss leise die Tür hinter sich.

Eine Neonleuchte tauchte das kleine, fensterlose Büro in kaltes Licht. Eine offen stehende Tür führte in einen weiteren Raum, in dem Sekt- und Weinflaschen in Regalen schimmerten. Vermutlich das Nachschublager, um die Gäste in Stimmung zu bringen und ihnen das Geld aus den Taschen zu ziehen, dachte Harper.

Golz ließ sich in einen schwarzen Bürosessel hinter seinen Schreibtisch fallen. Er deutete auf das rote Ledersofa, welches davor stand.

»Setz dich! Du bringst das Geld vom alten Böhme schon jetzt? Das nenne ich gute Zahlungsmoral.«

Harper schob den Koffer flach auf eine Schreibtischecke. Ein Stapel Papiere, der dort aufgehäuft war, kippte zur Seite. Die Blätter fielen wirbelnd zu Boden. Weder Golz noch Harper kümmerten sich darum. Harper drehte den Koffer so, dass die Schnappverschlüsse auf Golz zeigten.

»Bist kein Freund großer Worte, was?«, stellte Golz fest. »Egal, Hauptsache, die Kohle stimmt.«

»Gib mir die Fotos!«, sagte Harper.

»Lass mich zuerst das Geld sehen!«, sagte Golz.

Harper öffnete den Aktenkoffer. 10.000 Euro brauchten nicht viel Platz. Der Koffer wirkte erschreckend leer, jedoch starrte Golz das Geldpäckchen, welches mit einem roten Gummi zusammengehalten wurde, gierig an. Harper klappte den Koffer zu.

»Ist noch ein bisschen Platz drin«, meinte Golz.

»Nur für das, womit du meinen Auftraggeber erpresst hast.«

»Dafür brauchst du keinen Aktenkoffer. Glaubst du, ich habe ein Fotoalbum für ihn angelegt? Ist alles digital. Schon mal gehört? Von den installierten Kameras direkt auf meinen PC.«

»Dann muss ich also deinen PC mitnehmen«, stellte Harper fest.

»Du hast keine Ahnung von Technik«, sagte Golz. »Die Daten habe ich auf einen USB-Stick kopiert. Und …«, er zwinkerte mit einem Auge, »selbstverständlich vom PC gelöscht.«

»Selbstverständlich«, wiederholte Harper. Er öffnete die Hand. »Dann darf ich um die Daten bitten.«

Einen winzigen Augenblick sah Golz zu dem kleinen Wandtresor, der in die seitliche Wand eingemauert war. Dann wandte er sich wieder Harper zu.

»Schritt für Schritt. Erst das Geld!«

»Das hast du bereits gesehen.«

Golz dachte einen Moment nach. Dann ging er zum Tresor. Er zog einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche, entriegelte den Safe und öffnete die Eisentür. Harper konnte erkennen, dass in dem kleinen Wandsafe drei Bündel Geldscheine sowie einige USB-Sticks lagen. Golz nahm diese nacheinander in die Hand und hielt sie auf Armlänge entfernt, um die Beschriftung darauf besser entziffern zu können. Endlich schien er den richtigen USB-Stick gefunden zu haben. Er ließ den Tresor geöffnet und steckte den Schlüsselbund in die Hosentasche.

»Hier ist das gute Stück, wofür Böhme bezahlt.«

Er positionierte sich hinter dem Schreibtisch. »Jetzt das Geld!«

Harper streckte die linke Hand aus, um den USB-Stick entgegenzunehmen. Mit der Rechten öffnete er den Koffer. Golz warf ihm den Stick zu.

»Mit besten Empfehlungen des Hauses! Böhme ist hier jederzeit herzlich willkommen.«

Er griff mit der Hand in den Koffer, um sich das Geldbündel zu nehmen. In diesem Moment schlug Harper den Deckel des Aktenkoffers zu und stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht darauf.

Golz schrie vor Schmerz auf. Er starrte Harper an. Tränen standen in seinen Augen.

»Das geht auch aufs Haus«, sagte Harper. »Und wenn du oder einer deiner Milchbubis auch nur in die Nähe meines Auftraggebers kommt, wird das für dich schlimmer enden, als mit ein paar verstauchten Fingern.«

Er öffnete den Koffer. Golz zog die Hand heraus. Er krümmte sich vor Schmerz. Harper schob ihn ohne Gegenwehr in den Lagerraum.

In diesem Moment öffnete sich die Bürotür. Harper blickte nach hinten. Ulf, der Türsteher, starrte ihn an.

»Jetzt bist du reif, Freundchen!«, sagte er. Er griff in seine Hosentasche und präsentierte ein Springmesser. Er betätigte den Entriegelungsknopf. Zwölf Zentimeter tödlicher Stahl sprangen heraus und glänzten im Licht der Neonröhre.

»Mach ihn kalt!«, brüllte Golz.

Harper stieß Golz in ein Weinregal.

Dann lief er aus dem kleinen Lagerraum, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Ulf hatte mittlerweile den Schreibtisch umrundet und stand nun knapp zwei Meter von Harper entfernt. Einen Moment dachte Harper an die Pistole im Hosenbund, aber das würde vermutlich die Angelegenheit nur komplizierter machen.

In diesem Moment griff Ulf an. Er kam mit ausgestrecktem Arm auf Harper zu, zielte auf seine Brust. Harper drehte sich zur Seite. Ulf stach ins Leere. Mit einer fließenden Bewegung griff Harper sich den Unterarm des Türstehers und zog ihn auf dessen Rücken. Ulf stöhnte auf. Er ließ das Messer fallen. Harper stieß ihn in den Lagerraum, wo Golz benommen auf dem Boden saß. Ulf stolperte über ihn und stürzte. Bevor er sich aufrappeln konnte, hatte Harper bereits die Tür zum Lagerraum geschlossen. Der Schlüssel steckte. Harper drehte ihn zweimal.

Von innen ertönte Gebrüll.

»Ich bringe dich um«, schrie Golz. Jemand hämmerte gegen die Tür, dass sie erzitterte. Harper schob den Schreibtischstuhl so unter die Klinke, dass die Lehne ein Herunterdrücken verhinderte. Er zog den Computer unter Golz’ Schreibtisch hervor. Mit dem Springmesser hebelte er die Rückwand auf, durchtrennte ein paar Kabel, riss die Festplatte heraus und warf sie in den Koffer. Dann ging er zum noch geöffneten Safe. Sechs weitere USB-Sticks lagen darin. Vermutlich war Böhme nicht der einzige Kunde, den Golz erpresst hatte. Harper legte sie ebenfalls in den Koffer. Dann nahm er noch dreihundert Euro aus dem Safe und schloss ihn.

Die Tür zum Lager erzitterte mittlerweile unter Ulfs wütenden Attacken.

»Passt mal auf, Jungs!«, sagte Harper. »Ich gehe jetzt. Ich habe die anderen USB-Sticks, die im Safe lagen, mitgenommen. Wenn ihr nicht brav seid, dann gebe ich der Polizei einen Tipp, und die lässt diesen Laden und deine weiteren Clubs hochgehen. Also beruhigt euch und trinkt auf gute Geschäfte!«

»Ich hetze dir alle Hell’s Angels auf den Hals«, brüllte Golz mit heiserer Stimme.

Harper schloss den Koffer. Auf dem Schreibtisch blieb sein Blick an einem Autoschlüssel hängen. Er zögerte einen Moment. Objektiv betrachtet war es Unsinn, aber … Nein, darauf konnte er jetzt nicht verzichten.

Er griff sich die Autoschlüssel, verließ Golz’ Büro und schloss sorgfältig die Tür. Am Tresen sah ihn die Bardame überrascht an.

»Ich hätte nicht gedacht, dich an einem Stück heraus spazieren zu sehen«, sagte sie.

»Scheint heute mein Glückstag zu sein«, antwortete Harper. Er hielt ihr die dreihundert Euro aus dem Safe hin. »Wären Sie so freundlich, noch einmal gründlich den Tresen zu wischen und erst in zehn Minuten nebenan nach dem Rechten zu sehen? Ich glaube, Ihr Chef und Ulf sind gerade in einem wichtigen Meeting.«

Sie steckte das Geld ein und zuckte die Schultern.

»Ich werde auch noch ein paar Gläser polieren.«

Harper nickte ihr zu. Er verließ die Bar. Draußen schaute er sich um. Ulf hatte scheinbar keine Verstärkung gerufen. Ein Blick auf die Uhr. Acht Minuten hatte die Aktion gedauert. Gut kalkuliert. Da konnte Harper sich mit einer Spritztour belohnen. Er schloss den Ford Mustang auf und stieg ein. Keine versiffte Puffkarre, sondern eine mit edlem Holz ausgestattete Sonderanfertigung. Von außen nicht zu übersehen, von innen gediegene Luxusatmosphäre.

Harper startete den Motor. Nach zwanzigminütiger Fahrt hatte er sein Ziel erreicht. Das Hauptquartier der Bandidos lag im Süden von Essen in einem Industriegebiet. Ein hoher Maschendrahtzaun umrahmte das kleine Clubhaus, das Tor war geschlossen. Niemand zu sehen. Auch Rocker brauchen ihre Nachtruhe, dachte Harper. Er parkte den Mustang quer vor dem Tor, sodass der einzige Weg, um auf das Clubgelände zu gelangen, direkt über die Motorhaube führte.

4:35 Uhr. Die ersten Straßenbahnen und Busse würden in diesen Minuten ihren Betrieb aufnehmen. Harper nahm den Aktenkoffer. Gemächlich schlenderte er die Straße entlang zur nächsten Haltestelle.

3

Harper betrat das Mehrfamilienhaus im nördlichen Düsseldorfer Stadtteil Unterrath kurz nach sechs Uhr. Es lag in einer Nebenstraße, in der sich ein mehrstöckiges Haus neben dem anderen befand. Im Vorbeigehen zog er einen Stapel Post aus seinem Briefkasten. Auf dem Namensschild stand Hunter. Es vermied Komplikationen, wenn nicht sein wahrer Name bekannt war. In seiner Wohnung blätterte er die Post durch. Die Stadtteilzeitung, die Broschüre einer Sekte, zwei weitere Anzeigenblätter, das Angebot einer Pizzeria in der Nähe. Harper ließ den Stapel in eine dunkle Ecke seines Flurs fallen.

Harper suchte sich frische Wäsche, eine schwarze Jeans und ein schwarzes Oberhemd heraus. Unter der Dusche wusch er den Schmutz des ausgeführten Auftrags ab. Dann brühte er sich einen schwarzen Tee auf. Er fügte einen Schuss Milch hinzu und aß einen Toast.

Harper wäre nicht auf die Idee gekommen, die fünfundvierzig Quadratmeter, die er gemietet hatte, als Wohnung zu bezeichnen. Einsatzzentrale würde es besser treffen. Hauptquartier vielleicht auch. Harper brauchte nicht viel. Luxus war verzichtbar, das hatte er in seinem letzten Job gelernt. Schlaf war nicht wichtig. Vier Stunden pro Nacht reichten ihm völlig aus. Vier Stunden, in denen ihn die Geister der Vergangenheit besuchten.

Harper säuberte Tasse und Teller in der kleinen Spüle. Er öffnete den Aktenkoffer auf dem Tisch und entnahm ihm 2.500 Euro sowie die Festplatte und die USB-Sticks, die nicht die Daten seines Auftraggebers enthielten. Harper dachte keinen Moment daran, sich den Inhalt anzusehen. Er nahm aus dem Schrank einen fertig gepackten Rucksack, holte ein Outdoormesser heraus, hebelte mit der schwarzen Stahlklinge die Festplatte und die USB-Sticks auf und zerstörte sie. Den Inhalt verteilte er auf drei Beutel.

Eine Viertelstunde später verließ Harper seine Wohnung. Auf dem Weg zur Haltestelle verteilte er die Beutel mit den zerstörten Speichermedien auf verschiedene Abfallkörbe. Danach fuhr er mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Am Empfang des 60er-Jahre-Baus in der Haroldstraße sagte er dem Pförtner, dass Ministerialdirigent Dr. Böhme ihn erwartete.

Tatsächlich erwartete ihn Dr. Böhme nicht. Er war sichtlich unangenehm berührt, als Harper in seinem Büro stand. Sein Gesicht hellte sich jedoch auf, nachdem Harper ihm den USB-Stick übergeben hatte.

»Ich habe nun wirklich nichts mehr zu befürchten?«, fragte er.

»Wenn Sie sich nicht wieder in Golz’ Bar volllaufen lassen und danach nicht mehr wissen, was Sie tun, ist alles erledigt«, sagte Harper. »2.500 Euro Honorar habe ich schon abgerechnet, die restlichen 7.500 sind im Koffer.«

»Wieso wollte Golz das Geld nicht?«, fragte Böhme.

»Ich bin kein Geldbote«, antwortete Harper. »Ich konnte Golz überzeugen, dass er mit Ihnen keine Geschäfte machen möchte. Dafür haben Sie mich engagiert. Sie hatten ein Problem und ich habe es gelöst.«

4

9:00 Uhr. Harper rührte langsam die Milch in seinem Tee um. Er beobachtete, wie die E-Mails der letzten Tage auf sein Notebook heruntergeladen wurden. Es waren keine privaten E-Mails. Seine privaten Kontakte beschränkten sich auf einen überschaubaren Bereich. Er hielt noch lockere Verbindung zu einer Handvoll ehemaliger Kameraden aus seiner Einheit, die genauso Wert auf Unabhängigkeit legten wie er.

Nur zwei E-Mails wurden heruntergeladen. Zwei E-Mails von Absendern, die sich vermutlich über seine Webseite über ihn informiert hatten.

Er hatte eine Seite mit dem Namen Troubleshooter.eu eingerichtet. Die Website belegte in den Trefferlisten der Suchmaschinen keinen Spitzenplatz, aber das kümmerte Harper nicht. Seine Klienten waren zufrieden und empfahlen ihn weiter, wenn es Probleme gab, die mit unkonventionellen Mitteln gelöst werden mussten. Als Detektiv wollte sich Harper nicht bezeichnen. Ihn interessierten keine untreuen Ehemänner oder Arbeitnehmer, die ihre Firma beklauten. Er brauchte auch kein Publikum und wollte nicht im Rampenlicht stehen. Er hatte besondere Fähigkeiten, die er einsetzen konnte. Manchmal außerhalb der Gesellschaft, häufig an der Grenze zum Legalen. Aber dafür zahlten seine Klienten auch ein entsprechendes Honorar. Deshalb war Anonymität einer der Grundpfeiler seiner Geschäftspolitik, zum Schutz seiner Mandanten. Und zu seinem eigenen Schutz.

Das Herunterladen der E-Mails war abgeschlossen. Harper sortierte die erste Mail direkt aus. Das Angebot, einen günstigen Kredit aufzunehmen, interessierte Harper nicht. Bisher hatte er immer noch die Miete bezahlen und etwas zurücklegen können, auch wenn man das der kargen Innenausstattung seiner Wohnung nicht ansah.

Die zweite E-Mail war am vorherigen Abend an ihn verschickt worden und hatte den Betreff Anfrage wegen Ermittlungen zu Finanztransaktionen.

Harper erinnerte sich an die sperrige Formulierung. Vor einer Woche hatte er eine E-Mail mit genau demselben Betreff erhalten. Er suchte die alte E-Mail heraus. Absender war ein Richard Schreiber gewesen. Der Text war nur kurz und förmlich:

Sehr geehrter Herr Harper,

ich schreibe Ihnen auf Empfehlung eines Kollegen, der in der Revisionsabteilung einer Versicherung arbeitet. Er hatte mir gesagt, dass Sie in Fällen, in denen man nicht die Polizei hinzuziehen möchte, der richtige Ansprechpartner sind.

Ich arbeite in der Compliance-Abteilung einer Bank. Dort bin ich auf Unterlagen gestoßen, die höchst verdächtig sind und den Ruf unseres Instituts gefährden. Ich habe den Vorstand unserer Bank informiert, jedoch hat man mir jede weitere Untersuchung untersagt. Da ich nicht weiß, wer mir sonst weiterhelfen kann, möchte ich Sie bitten, im Geheimen zu recherchieren.

Ich bin ab heute für ein paar Tage geschäftlich im Ausland, danach aber wieder erreichbar. Bitte setzen Sie sich mit mir in Verbindung.

Mit freundlichen Grüßen

Richard Schreiber

Diese Mail hatte Harper nicht interessiert. Vermutlich war es ein Buchhalter, der sich wichtigmachen wollte. Aber Richard Schreiber war hartnäckig. Harper öffnete die zweite Mail.

Sehr geehrter Herr Harper,

ich schreibe Ihnen diese Nachricht unter der E-Mail-Adresse meines Mannes. Ich habe seine E-Mail an Sie gerade entdeckt.

Sie sind meine letzte Hoffnung.

An dem Tag, an dem mein Mann Sie angeschrieben hat, ist er getötet worden.

Harper zuckte zusammen. Ihm war, als hätte ihm jemand einen harten Faustschlag in den Solarplexus verpasst. Hatte er schon wieder eine Situation falsch eingeschätzt? Er trank einen Schluck Tee und ließ ihn langsam die Kehle hinunterrinnen.

Die Umstände des Todes meines Mannes verstehe ich nicht. Haben Sie Informationen, die alles erklären? Bitte melden Sie sich bei mir. Ich muss wissen, was geschehen ist.

Ich erwarte Ihren Anruf unter 0211 …

Mit freundlichen Grüßen

Emmy Schreiber

Harper suchte im Internet nach der Telefonnummer und fand die Adresse des Ehepaars Schreiber. Eine ruhige Wohngegend im Düsseldorfer Stadtteil Niederkassel.

Emmy Schreiber nahm nach dem zweiten Klingeln das Gespräch entgegen. Harper glaubte aus ihrer Stimme Trauer, aber auch trotzige Energie zu hören.

»Sie haben mir gestern eine E-Mail geschrieben«, sagte er. »Mein Name ist Harper.«

Er wartete. Im Hintergrund hörte er das Weinen eines kleinen Kindes.

»Vielen Dank für Ihren Anruf«, sagte Emmy Schreiber.

»Es tut mir leid, was passiert ist«, sagte Harper. »Ich habe Ihren Mann aber nie kennengelernt. Ich habe nur eine E-Mail von ihm erhalten.«

»Das wusste ich nicht. Ich suche nach jeder Information, die das alles erklären könnte.«

»Ich kann Ihnen nicht helfen«, sagte Harper.

»Sie waren meine letzte Hoffnung«, antwortete Emmy Schreiber. »Mein Mann war bereit, Ihnen zu vertrauen, und da dachte ich, …«

Harper sah hinaus. Im Mehrfamilienhaus gegenüber hing im Fenster das Schild eines Maklers, der diese Wohnung vermieten wollte. Draußen wehte der Wind die gelb gefärbten Blätter von einer Ulme. Überall Verfall und Leere, dachte Harper.

»Ich kann nichts versprechen«, hörte sich Harper sagen. »Vielleicht kann ich etwas für Sie tun.«

»Das wäre sehr nett. Ich kann mit dieser Ungewissheit, was geschehen ist, nicht leben.«

»Kann ich gleich vorbeikommen?«, fragte Harper.

»Kommen Sie in einer Stunde, dann habe ich Zeit«, sagte Emmy Schreiber.

5

Das Bundesamt für Verfassungsschutz lag von einem hohen Sicherheitszaun geschützt und von Bäumen verdeckt im Norden Kölns. Wer auf der vorbeiführenden Hauptstraße in die Innenstadt fuhr, ahnte nicht, dass an dieser Stelle der Inlandsnachrichtendienst pausenlos Informationen sammelte und auswertete. Informationen, die öffentlich waren. Und solche, die geheim waren und deren Quellen verborgen bleiben mussten.

Timo Freising zog die Blätter aus dem Drucker und breitete sie auf seinem Schreibtisch aus. Manchmal brauchte er das altmodische Medium Papier, um sich ein Bild zu machen, obwohl der Verfassungsschutz hochmodern ausgestattet war. Sein Abteilungsleiter Norbert Berns hatte ihm gerade Informationen mitgeteilt, die alarmierend waren.

Er blickte auf die Blätter vor sich.

Simon Harper, 35 Jahre, englischer Staatsbürger. Derzeitiger Wohnsitz: unbekannt, vermutlicher Aufenthalt in Deutschland. Seine Eltern (die Mutter Deutsche, der Vater Engländer) sind beide bei einem Unfall ums Leben gekommen.
Geschieden, eine Tochter. Abgebrochenes Studium der Literatur an der London University.

Soweit waren die Angaben unspektakulär.

Mit 21 Jahren wurde er Mitglied der Spezialeinheit der Britischen Armee SAS (Special Air Service).
Einsätze im Irak, Libyen und Afghanistan sind dokumentiert.
Weitere Einsätze bei unbekannten Operationen wahrscheinlich.
Letzter Dienstgrad: Lieutenant Colonel, Hat den Dienst auf eigenen Wunsch quittiert im Jahr 2016.

Nachrichtendienstliche Bewertung:

Experte im Nahkampf und im Gebrauch verschiedener Schusswaffen. Keine Abhängigkeit/Verbindung von/zu anderen Personen/Institutionen bekannt.

Grund für das plötzliche Ausscheiden aus dem aktiven Dienst war nach unbestätigten Informationen ein traumatisches Ereignis. Dieses könnte Auslöser für eine Depression gewesen sein. Es folgte die Trennung von seiner Familie. Es ist anzunehmen, dass Harper den SAS für diese Situation verantwortlich macht. Eine verlässliche Aussage zu seinem zukünftigen Verhalten ist nicht möglich.

Es wird ausdrücklich nicht ausgeschlossen, dass Harper seine Fähigkeiten auch gegen das Vereinigte Königreich und/oder seine Verbündeten einsetzt.

Fazit:

Weitere Datensammlung und Analyse wird unbedingt empfohlen, um gegebenenfalls Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Wenn Freising das Gelesene zusammenfasste, dann gab es keine aktuellen Informationen über Harper. Er war von der Bildfläche verschwunden. Keiner wusste, ob er seine Zeit damit verbrachte, Hühner zu züchten oder Bomben zu bauen. Aber nun war Harper auf dem Radar erschienen und hatte Alarm ausgelöst.

Freising sah auf das Foto, welches von Harpers Reisepass stammte. Ein Mann in den Dreißigern mit kantigem Gesicht, der den Betrachter ernst anblickte.

Was bist du? Freund oder Feind?

Das Telefon klingelte.

»Sie haben die Informationen gelesen?«, fragte sein Abteilungsleiter Berns.

»Ich habe sie vor mir. Dieser Harper scheint bei der Spezialeinheit eine große Nummer gewesen zu sein.«

»Das hat ihn jedoch nicht davon abgehalten, den Dienst zu quittieren. Hören Sie, wir wissen nicht, wo Harper steht, müssen aber damit rechnen, dass er die Seiten gewechselt hat. Dieser Fall hat für Sie Top-Priorität. Wenn Sie etwas für mich haben, dann melden Sie es mir persönlich.«

»Ich könnte noch ein paar Hintergrundinformationen brauchen«, sagte Freising.

Freising hörte, wie Berns am anderen Ende der Leitung seufzte.

»Ich habe Ihnen schon gesagt, dass die Angelegenheit top secret ist.« Er zögerte einen Moment. Dann fügte er hinzu: »Es geht um Leben und Tod, Freising. Wir müssen die Identität bestimmter Informanten schützen. Darum ist es wichtig, diesen Harper aufzuspüren. Wenn er die Namen unserer Leute kennt, dann müssen wir verhindern, dass er sie weitergibt. Sie dürfen nicht in falsche Hände geraten. Ich kann Ihnen jetzt noch nicht mehr sagen. Aber sobald die Nachrichtenlage klarer ist, setze ich Sie in Kenntnis. Einverstanden?«

»Natürlich. Ich werde Harper aufspüren.«

»Sie sind ein guter Mann. Sie werden es hier noch weit bringen«, sagte Berns und legte auf.

Das werde ich, dachte Timo Freising. Wenn diese Sache erfolgreich läuft, dann bin ich ein heißer Kandidat für die Stelle des stellvertretenden Abteilungsleiters. Keine schlechte Karriere mit knapp dreißig Jahren. Ich muss nur dafür sorgen, dass Harper keinen Schaden anrichtet. Und dazu muss ich ihn finden.

Timo Freising loggte sich in die Personendatenbank ein. Er verknüpfte die wenigen Informationen, die er hatte. Freising hatte Erfahrung. Selbst wenn Harper unter einem anderen Namen in Deutschland leben sollte, würde das System ihn schnell ausfindig machen. Die Trefferliste würde klein und die anschließende Überprüfung schnell erledigt sein.

Freising schickte seine Suchanfrage los, lehnte sich zurück und verschränkte entspannt die Arme hinter seinem Kopf.