Sturmkiller

Ostfrieslandkrimi

Nick Stein


ISBN: 978-3-95573-971-3
1. Auflage 2019, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2019 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von shutterstock Bildern.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt.

Inhalt

KAPITEL 1

 

STURM

 

Draußen braute sich ein unheilvoller dunkler Sturm über Ostfriesland zusammen. Noch hatte er uns nichts anhaben können, trotzdem war ich heilfroh, zu Haus im Trockenen zu sitzen.

Mein Leben hatte sich radikal verändert. Ich trug jetzt viel Verantwortung für unsere kleine Familie, die außer mir und Lisa unsere Zwillinge Ella und Onno und unseren Jack-Russell-Terrier Jackie umfasste. Durch unser kleines Haus im ostfriesischen Burmönken, zwischen Wittmund und Jever gelegen, war auch mehr Arbeit auf mich zugekommen.

Vor allem aber hatte ich die Verantwortung für einen größeren Zuständigkeitsbereich der Polizei übernommen. Das LKA Niedersachsen hatte mich mit der Verhütung bzw. Aufklärung von Verbrechen gegen die Umwelt im Großraum Ostfriesland beauftragt. Meine Frau Lisa hatte zur gleichen Zeit die Unterstützung der Spurensicherung in Wittmund und den Aufbau einer kleinen Rechtsmedizin übernommen.

Ich hatte einen ruhigen Job im beschaulichen Urlaubsland im Nordwesten Niedersachsens erwartet, nachdem ich während meiner ersten Jahre bei der Polizei mit großkalibrigen Verbrechern zu tun gehabt hatte, von russischen Spionen über Umweltvergifter bis hin zu einer Müllmafia, die vor Mord und Totschlag nicht zurückschreckte.

Gleich nach der Geburt der beiden Kleinen, unserer Hochzeit und dem Umzug nach Ostfriesland hatte ich es mit organisiertem Schmuggel bedrohter Arten zu tun bekommen und ein Mördertrio bis nach China verfolgen müssen. Ich war gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten zurückgekommen, das wir zum ersten Mal in unserem eigenen Häuschen feiern konnten.

Wie gesagt, ich hatte ruhige Zeiten erwartet, in denen ich mich außer um Haus und Garten nur um Jackie und die Zwillinge kümmern musste. Lisa hatte ihren Teil der Elternzeit hinter sich, ich war immer noch in Elternteilzeit. Eigentlich hätte ich schöne Tage auf der Wittmunder Polizeistation beim Klönschnack verbringen können.

Beschauliches Urlaubsland! Seit meiner ruhigen Kindheit in Carolinensiel hatte sich hier oben einiges verändert. Der größte Autobauer und der größte Windturbinenhersteller Deutschlands rahmten Ostfriesland von links und die neuen Industrien am Jadebusen nebst Luftwaffe und Marine von rechts ein. Oben vor den Ostfriesischen Inseln fuhren täglich viele Megatonnen auf Tankern vorbei, weiter draußen standen die größten Offshore-Windparks Deutschlands. Zwischen all diesen Schwergewichten lag das nach wie vor beschauliche und ruhige Land meiner Vorfahren.

Durch Ostfriesland gingen mehrere Autobahnen, auf denen schon Lastwagen während der Fahrt von hinten aufgeschnitten und ausgeraubt worden waren. Hier war immer etwas los.

Vor Kurzem waren im Sturm erneut einige Frachter umgekippt und hatten große Mengen von Containern im Meer verloren, die zum Teil immer noch hin und her trieben und großen Schaden anrichteten. Einige der Container hatten sehr fragwürdige Chemikalien enthalten. Andere enthielten Dinge, die Auftrieb erzeugten, Tennisbälle, luftgefüllte Verpackungen, versiegelte Boxen mit allem Möglichen. Diese Container trieben nun gefährlich unter der Wasseroberfläche hin und her und bedrohten den Schiffsverkehr.

Zu allem Überfluss hatte man damit begonnen, Weltkriegsmunition vor der Küste zu bergen. Der dabei freigesetzte Sprengstoff vergiftete die Kleinlebewesen, die Fische, die sie fraßen, und die Robben und Vögel, die sich die Fische einverleibten.

Bei alledem war Ostfriesland immer noch ein wunderschönes Stück Erde, und das sollte auch so bleiben.

Nach einer schönen Silvesterparty zu Hause hatte ich das neue Jahr in aller Ruhe beginnen wollen. Im Winter waren weniger Urlauber hier oben und damit weniger Umweltschäden zu erwarten. Allerdings verhielten sich die meisten Reisenden in Ostfriesland vorbildlich. Dennoch, mit weniger Tourismus hatten die Menschen hier oben weniger Arbeit und Einkommen, dafür mehr Zeit zum Nachdenken und mehr Zeit, sich um Missstände zu kümmern. Oder welche zu schaffen.

Ich war als Erster leicht verkatert am Neujahrstag aufgestanden und sah aus dem Fenster unseres roten Backsteinhauses. Draußen blies ein Sturm, der an den Fenstern rüttelte und die Äste von den Bäumen riss. Hagel prallte in erbsengroßen Körnern gegen die Scheiben.

Offiziell war heute ein Feiertag. Was ich draußen erkennen konnte, sah weniger feierlich aus, eher wie der Vorbote einer eisigen Apokalypse. Um zehn Uhr morgens war es immer noch stockdunkel. Ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagen würde. Doch genau das würde jetzt auf Jackie zukommen, der sich vor meinen Füßen unter dem Tisch zusammengerollt hatte. Er musste raus, sein Häufchen machen. Anschließend würde ich mich um das Wohl unserer Zwillinge kümmern müssen.

Als mein Handy klingelte, ahnte ich noch nicht, dass dieses Jahr alles andere als ruhig beginnen würde. Die Kripo aus Norden war dran. Im Westen Ostfrieslands, an der Leybucht bei Greetsiel, war eine Leiche in einem Naturschutzgebiet gefunden worden. Die Nordener Kollegen hatten mit dem Verweis auf das Naturschutzgebiet gleich bei mir angerufen; das fiele dann wohl in mein Ressort. Wir einigten uns darauf, uns dort zusammen mit einem Amtsarzt zu treffen.

Ich konnte mir gut vorstellen, dass die Jungs aus Norden wenig Lust hatten, bei diesem Schietwetter rauszufahren. Trotzdem, es war ihr Gebiet, nicht meines. Ich musste nur zeigen, dass der Todesfall kein Umweltproblem war, dann konnte ich zurück nach Hause. Da hatte ich auch genug zu tun, der Fußweg war voller Matsch, Äste und Unrat aller Art und ich musste prüfen, welche Schäden der Sturm möglicherweise am Dach angerichtet hatte. Worauf ich mich aber an diesem Feiertag am meisten freute, war meine Familie.

Ich fluchte und packte Laptop und Telefon ein, leinte Jackie an, damit er mir bei dem Orkan nicht wegflog, mummelte mich in einen dicken Pullover und meinen Friesennerz ein, sagte Lisa Bescheid, die noch im Bett lag und einen Krimi las, und verließ das Gebäude. Jackie musste so oder so raus und konnte nicht im Haus bleiben, da konnte ich ihn auch mitnehmen. Der beste Spürhund Ostfrieslands konnte mir vielleicht sogar bei der aufgefundenen Leiche helfen.

Gleich vor der Tür riss es mir die Kapuze vom Kopf und die Leine fast aus der Hand. Jackie bellte wie verrückt, er wollte schnell irgendwo rein, egal ob Haus oder Auto. Mir stachen eiskalte Hagelkörnchen wie Nadeln in Gesicht und Hände, meine Finger wurden sofort taub. Ich rannte mit gesenktem Haupt auf mein Auto zu, gefolgt vom aufgeregten Hund. Das Häufchen musste wohl warten.

Lisa und ich hatten uns einen Zweitwagen zulegen müssen. Sie brauchte unseren SUV wegen des Kinderwagens, ich fuhr mit einem Kia Soul, einem Elektroauto, das wir uns gerade noch hatten leisten können. Ich hatte mich gefreut, als wir ihn erstanden hatten, weil er nur wenig gekostet hatte.

Den mit Diesel betriebenen SUV wollten wir im nächsten oder übernächsten Jahr umtauschen, wenn der I.D. Buzz von VW auf dem Markt sein würde, ein ebenfalls elektrisch angetriebener Nachfolger des legendären VW-Busses.

Der Kia war nicht gerade groß. Jackie musste zwischen Vorder- und Rücksitzen Platz nehmen, wo er sich schütteln und auf eine Decke legen konnte. Ich zog den Kopf ein, klemmte mich hinter den Sitz, machte die Sitzheizung an und gab mein Ziel ins Navi ein. Die Fahrt würde eine Stunde dauern, es waren nur sechzig Kilometer. Das Auto hatte gerade noch genug Saft für die Hin- und Rückfahrt.

Zehn Minuten später war ich noch nicht viel weiter gekommen. Hinter Angelsburg waren zwei Bäume des Wittmunder Waldes auf die B210 gestürzt, eine Umleitung gab es noch nicht. Ich war allein auf weiter Flur und musste über den alten Postweg südlich der Bundesstraße ausweichen. Dort fand ich eine halbwegs windstille Ecke, an der Jackie sein Geschäft verrichten konnte. Trotzdem war ich klitschnass und durchgefroren, als ich wieder im Auto saß. Der Hund fror ebenfalls und sah mich anklagend an. »Ich bin für die Umwelt zuständig, nicht für das Wetter, Jackie«, erklärte ich ihm.

Weitere zehn Minuten später war ich zurück auf dem Weg und passierte den Flugplatz Wittmundhafen. Hier in der Nähe hatte ich als Junge meinen ersten Fall als Hobby-Ermittler gehabt; damals hatte die Flughafenverwaltung einen Baum umsägen lassen, auf dem sich ein Adlerhorst befunden hatte. Die beiden Adlerküken, die dabei ums Leben gekommen waren, standen heute in Kunstharz gegossen auf meinem Schreibtisch.

Ich rief bei dem Nordener Kollegen an, der mich benachrichtigt hatte, Jesko Harms. Er war bereits mit zwei Kollegen unterwegs, kam aber auch nicht richtig voran. Er hatte bisher nur mit dem Zeugen telefoniert, einem Vogelfreund aus Kassel, der in Greetsiel den Jahreswechsel gefeiert hatte und mit einem Spaziergang seinen Kater bezähmen wollte. Als Ornithologe hatte der Mann sein Fernglas dabei gehabt und vom Deich um das Leyhörn-Reservoir nach Vögeln Ausschau gehalten. Davon gab es im Winter ein Dutzend Millionen, meistens Zugvögel aus dem Norden und aus Sibirien.

Der Mann hatte stattdessen einen leblosen Körper vorn an der Mittelplate der Leybucht erspäht und sofort angerufen. Harms hatte er aus dem Bett geholt. Der Kriminalhauptkommissar war erst um halb vier ins Bett gekommen und hatte eine halbe Stunde duschen müssen, um sich ans Steuer setzen zu können. »Ich hoffe, dass ich nicht an eine Streife gerate«, scherzte er. »Ich hab’s nicht nachgemessen, wo mein Pegel liegt. Bestimmt zu hoch. Aber was soll’s. Dienst ist Dienst.«

Und Schnaps ist Schnaps, dachte ich.

Harms hatte noch seine beiden Kollegen abgeholt, eine Oberkommissarin und einen Mann von der Nordener Spurensicherung. Die beiden anderen waren ebenfalls noch nicht fahrtüchtig. Folkert Fokken, der Mann von der Spurensicherung, hatte sich erst zu seinem Büro fahren lassen, um seine Bekleidung und seine Utensilien zu holen. Die drei waren jetzt nach Greetsiel unterwegs, um den Zeugen zu befragen.

Vor Ort war bereits eine Amtsärztin aus Greetsiel. Die hätte sich noch nicht wieder gemeldet, sagte Harms.

Ich kam nur langsam vorwärts. Überall lagen Äste und andere Dinge auf der Straße, Schilder, Zaunpfähle und Müll, ich musste Slalom fahren. Das Radioprogramm wurde alle zehn Minuten durch Sturmwarnungen unterbrochen, besonders für die Küste. Als ob ich das nicht selbst sehen würde, dachte ich. Der Sturm war vom Typ Skagerrak-Tief, das meist die schlimmsten Unwetter mit sich brachte, die wir hier oben erleben durften. Die Angaben schwankten zwischen Orkantief und Jahrhundertsturm.

Zwischen den sich biegenden Bäumen am Straßenrand sah ich, wie die rasch dahintreibenden Wolken ab und zu aufrissen und den Blick auf den Himmel freigaben. Mal sah ich die durch den Dunst nur schwach sichtbare Sonne, mal eine sehr schmale Mondsichel, leicht unterhalb des Standortes der Sonne. Mein Gedächtnis wollte mir irgendetwas von Bedeutung zu diesem Umstand mitteilen. Der Straßenzustand und der halbe Kater, der mir von der letzten Nacht noch in den Knochen steckte, verhinderten das. Irgendetwas war mir entgangen.

Ich war inzwischen ein Stück vorangekommen. Rechts von mir lag der Badesee von Dietrichsfeld, in dem ich als Jugendlicher öfter gebadet hatte. Der See war ein älterer Teil eines Baggersees, an dem weiter hinten noch gearbeitet wurde. Als ich etwa auf dessen Höhe war, musste ich scharf in die Eisen steigen.

Zwischen der wasserüberfluteten Straße und dem See waren die Bäume wegen Straßenbauarbeiten gefällt worden, und hinter der Baustelle waren Bäume auf der rechten Straßenseite vom Sturm über die Straße gekippt worden. Ich bremste und driftete in Richtung See.

Der Baggersee verhielt sich, als wäre er die Nordsee selbst. Er war übervoll, seine Wellen schwappten über die Straße bis in den Wald auf der linken Seite. Ich bekam auf der wadenhoch mit Wasser bedeckten Straße den Wagen kaum zum Stehen und schlitterte weiter in Richtung See. Den Verlauf der Straße konnte ich vor lauter Wasser nur noch erahnen. Ich musste bereits nahe am Seeufer sein.

Falls ich ein paar Meter zu weit rutschte, würde ich mit Jackie in diesem See auf Nimmerwiedersehen absaufen. Die Scheibenwischer liefen auf Hochtouren, die nassen Blätter auf der Scheibe bekamen sie trotzdem kaum weg. Ich spürte, wie der Wagen durch den Wasserwiderstand langsam zum Stehen kam. Wo war ich?

Sehen konnte ich so gut wie gar nichts mehr. Ich zog meinen Friesennerz enger um mich und stieg aus. Meine Füße landeten in zwanzig Zentimeter tiefem Wasser auf dem Straßenrand. Der kleine Wagen stand schon abseits der Straße. Nur das linke Hinterrad hielt, es hing wohl an einem der frischen Baumstümpfe, die die Bauarbeiten hinterlassen hatten. Der Kia stand bedenklich schräg. Wenn ich jetzt weiterfuhr, lief ich Gefahr, dass ich gleich darauf im tiefen Wasser landen und vierzig, fünfzig Meter auf den Grund des Sees absacken würde.

Innen im Wagen kläffte Jackie, so laut er konnte. Er hatte Angst, das konnte ich deutlich hören. Ich klopfte mir das eiskalte Wasser von der Regenjacke und stieg wieder ein. Elektrofahrzeuge werden an allen vier Rädern angetrieben, wie ich wusste. Wenn ich jetzt vorsichtig rückwärtsfuhr, mit einem Rad noch auf der Straße, hatte ich eine Chance, dem See zu entkommen. Ich legte den Hebel um und drückte vorsichtig aufs Pedal. E-Fahrzeuge haben ein hohes Drehmoment, die Kraftübertragung wirkt sofort. Statt jedoch direkt und geradeaus nach hinten zu fahren, schlingerte der Wagen nach hinten und im Halbkreis nach rechts, da das zweite Hinterrad noch im Schlamm steckte und Widerstand leistete.

Jetzt stand ich mit allen vier Rädern im Matsch, das Seeufer konnte ich nicht erkennen, die Straße ging übergangslos in den Baggersee über, der sich jetzt bis in den Wald zu erstrecken schien. Ich fror wie ein Schneider und konnte keinen klaren Gedanken fassen, was ich tun sollte. Ich murmelte etwas von Scheiß-Alkohol zu Jackie, der bestätigend bellte.

Warum musste ausgerechnet zu Neujahr eine Leiche in einem Naturschutzgebiet angetrieben werden?

Ich stieg wieder aus, trotz des eiskalten Schneeregens, der wie eine Wand auf mich herunterfiel. Ich ging Richtung Wald und suchte mir einen Stock, um rechts vom Auto zu prüfen, wie weit ich noch vom Seeufer entfernt war.

Mir stockte der Atem. Das rechte Hinterrad schwebte bereits im Leeren, die Vorderräder standen auf geneigtem Grund. Nur das linke Hinterrad hing immer noch an einem Stumpf fest. Ohne den wäre der Wagen langsam nach hinten in den See hineingerutscht, dachte ich. Ich meinte zu spüren, wie das Wetter auf den Kia drückte. Ein falscher Windstoß, und das Auto mit Jackie drin würde im See verschwinden.

Was tun?

Keine Experimente, sagte ich mir. Der Schlamm war zu tückisch. Wenn ich das Auto jetzt bewegte, war die Gefahr zu groß, dass es in den See abrutschen würde.

Ich stieg ein, drehte die Heizung auf die Höchststufe und griff zu meinem Handy. Ich brauchte einen Abschleppwagen.

Der ADAC ging sofort ran. Helfen konnten sie mir trotzdem nicht, alle Fahrzeuge waren unterwegs. Es hatte etliche Unfälle gegeben. Die Dame am Telefon versprach mir, es beim THW und bei anderen Organisationen zu versuchen. Harms rief ich ebenfalls an und kündigte an, dass ich später da sein würde.

Ich saß im Auto und wartete. Das Wasser stieg weiter. Noch war es im Wagen trocken. Ich begann zu schwitzen, aber nicht wegen der Heizung. Wenn das Wasser weiter stieg, würde der Kia Auftrieb bekommen und den Halt verlieren, den ihm das linke Hinterrad noch gab. Würde ich dann im See versinken oder wie ein Boot herumtreiben?

Als Antwort hörte ich es leise gluckern. Durch die Beifahrertür, die etwas niedriger im Wasser hing, sickerte Wasser ein. Noch nicht viel, doch bei dem Regen würde es wohl nicht lange dauern, bis mehr Wasser ins Auto eindringen würde. Dann hatten wir keine Chance, lange oben zu treiben.

Ich würde das Auto aufgeben und mit Jackie hinaus in dieses Unwetter gehen müssen.

Hinter mir sah ich zwei Lichter auf mich zukommen. Ich stieg aus und versuchte zu erkennen, was das war. Es war ein Bauer mit seinem Trecker, an dem seitlich eine Säge montiert war. Vermutlich war er unterwegs, um die über die Straße gefallenen Bäume zu beseitigen. Ich stolperte ihm mit nassen Beinen entgegen und stieg ins Führerhaus. »Sie müssen mir helfen! Mein Auto versinkt gleich im Baggersee!«, schrie ich dem Mann am Steuer entgegen.

Der grinste nur. »Dat hebben wi glieks«, lachte er mir entgegen. Er zeigte auf ein Stahlseil mit Ösen, das neben seinem Sitz lag. »Maak dat evkens an dien Auto fast, denn trekk ik di rut«, wies er mich an.

Ich griff mir das Seil mit steifen Fingern, schlang eine Öse um einen Haken vorn an seinem Trecker und stakste mit dem anderen Ende zum Kia hinüber. Und stand blöd da; das Auto hatte eine integrierte Stoßstange, es gab nichts, um das ich das Seil schlingen konnte. Ich spürte andererseits deutlich, wie das Auto leicht unter meinen Händen nachgab, die ich auf das Heck gestützt hatte. Das Heck! Ich öffnete die Klappe, schlang das Seil um eine der Kopfstützen und hakte die Öse ins Seil.

Zeichen geben konnte ich dem Treckerfahrer nicht, der Regen war zu stark. Ich überlegte beim Zurückgehen noch, ob ich den Rückwärtsgang eingelegt hatte. Oder spielte das keine Rolle? Jetzt war ich in Sichtweite des Treckers und hob die Hand mit dem Daumen nach oben. Der Mann am Steuer nickte und fuhr langsam nach hinten zurück. Das Seil spannte sich, und ich dachte erst, dass es die Rücksitze herausreißen würde, doch dann ruckte der Kia und folgte dem Trecker schlingernd nach hinten. Ich konnte gerade noch ausweichen, als der Trecker beschleunigte und das kleine Auto auf mich zuhüpfte. Ich sprang in den Wald und landete in einem Graben. Was nichts mehr ausmachte, da ich sowieso schon durch und durch klitschnass war.

Als ich aus dem Schloot heraus war, stand der Kia wieder da, wo ich die Straße vermutete. Ich ging hin und machte das Seil unter dem wütenden Gebell Jackies wieder los.

Der Fahrer zeigte mit dem Daumen nach hinten. Ich verstand. Er würde zurückfahren und irgendwo ausweichen, um mich durchzulassen, denn nach vorn konnte ich nicht weiterfahren. Dann würde er wohl die Bäume von der Straße holen. Ich gab ihm wieder ein Okay-Zeichen mit der Hand, und rief noch mal beim ADAC an und gab Bescheid, dass ich schon Hilfe bekommen hatte.

Zehn Minuten später war ich wieder auf einer Straße, die ich erkennen konnte. Ich bedankte mich bei dem freundlichen Treckerfahrer und machte mich wieder auf den Weg, diesmal südlich an Aurich vorbei. Ich hatte das Gefühl, dem Tod gerade noch mal entkommen zu sein.

Das war eine gute Entscheidung gewesen. Wie ich wenig später im NDR hörte, war die Gegend um Eversmeer und das Ewige Meer komplett überschwemmt und nur mit größeren Fahrzeugen passierbar. Ich ärgerte mich, dass ich nicht den SUV genommen hatte, mit dem wäre ich überall besser durchgekommen. Lisa würde ihn am Feiertag nicht brauchen.

Bis Marienhafe und Upgant-Schott ging alles gut. Ich konnte wenig sehen und musste langsam fahren, dann ging es mit der Fahrerei. Früher war hier die Küstenlinie verlaufen.

Marienhafe war im Mittelalter das gewesen, was Emden heute war, der große Hafen an der Ems, direkt an einem schmalen Zugang zur Nordsee gelegen. Hier hatte sich Klaus Störtebeker mit den Häuptlingen des Brookmerlandes im Kampf gegen die Hanse zusammengetan. Nach ihm war auch die Straße benannt, auf der ich mich jetzt befand, die Störtebeker Riede, kurz vor meinem Ziel. Die Groden um mich herum waren dem Meer abgerungen worden und lagen teilweise unter dem Meeresspiegel. Ich fuhr über früheren Meeresboden – das fühlte sich bei diesem Sturm nicht gut an.

Bei gutem Wetter hätte ich von meinem Standort aus schon den Deich um die Leybucht herum sehen können. Jetzt sah ich nur eine Wand aus grauen und weißen Elementen, wie das Flimmern auf einem Bildschirm: Eis, Hagel und Regen, die mit Geschwindigkeiten von achtzig bis neunzig Stundenkilometern fast horizontal von der Seite auf den kleinen Wagen prasselten. Trotz Heizung war ich komplett durchgefroren und zitterte hinter dem Steuer.

Während ich zwischen den hektisch zuckenden Wischerblättern hindurch nach vorn spähte, neigte sich zehn Meter vor uns ein Alleebaum in die Straße, gab krachend nach und knallte uns direkt auf die Motorhaube, bevor ich auch nur reagieren konnte. Der Kia blieb sofort stehen, die Elektromotoren jaulten wütend auf.

Ich schlug mit der Faust auf das Lenkrad. »Schiet!«, rief ich, Jackie bellte aufgeregt dazu. Ich versuchte, rückwärts unter dem Baum rauszukommen, was nicht funktionierte. Wir saßen fest. Zur Fundstelle der Leiche war es schätzungsweise noch ein Kilometer, vielleicht sogar zwei oder drei. Ich hätte jetzt mit Jackie rausgehen und zu Fuß dorthin laufen können, wonach mir aber nun wirklich nicht war. Bei dem Wetter würden wir erfrieren, so nass wie wir waren.

Im Auto war es nach wie vor warm. Ich versuchte es beim ADAC und landete in einer Warteschleife.

Lisa war zu Hause. Ich rief sie an und berichtete ihr von unserer Irrfahrt.

»Ich kann gern weiter für dich dort anrufen«, schlug sie vor. »Die haben vermutlich genug um die Ohren, ich habe gerade im Radio gehört, dass überall Unfälle passiert sind. Ich kann es auch beim Technischen Hilfswerk probieren.«

»Nein danke, das ist lieb, aber ich versuche es später selber noch mal. Die werden an den Deichen sein und sie sichern«, überlegte ich laut. »Wie sieht es bei uns aus?«

»Ich habe eine gute und ein paar schlechte Nachrichten«, sagte Lisa.

»Lieber die gute zuerst«, antwortete ich. Schlechte Nachrichten hatte ich selbst genug.

»Wir haben keinen Keller«, sagte sie. »Der kann also nicht absaufen. Ansonsten steht das Wasser zehn Zentimeter hoch im Garten und wenn das so weitergeht, steht es bald in der Küche. Die beiden Kleinen brüllen wir verrückt und die Heizung schwächelt. Wir sitzen in der Küche, ich habe den Backofen angestellt und aufgemacht.«

»Vermutlich ist irgendwo eine Gasleitung defekt.« Das konnte nicht so schlimm kommen, dachte ich, der Erdgasspeicher für den Kreis Wittmund lag nicht weit südlich von Burmönken, bei Friedeburg. »Jedenfalls haben wir noch Strom, ist doch gut. Das mit dem Gas haben die bald«, tröstete ich Lisa. »Immerhin musst du nicht zur Arbeit.«

»Außer du schickst mir gleich diese Leiche«, sagte sie. »Falls du da hinkommst. Sieh mal zu, dass die nach Norden oder Emden kommt, Lukas.«

Die Heizung lief weiter auf Hochtouren. Das ging auf die Batterie, mit der ich noch zurück nach Hause kommen wollte.

Der ADAC ging immer noch nicht ran. Ich googelte zwei Abschleppunternehmen aus Emden und einen Baumpflegebetrieb aus Aurich, der vielleicht den Baum durchsägen konnte. Die Nummer von dem Bauern, der mir vorhin geholfen hatte, hatte ich leider nicht. Keiner ging ran. Es war Feiertag, und vermutlich war ich nicht der Einzige, der etwas von ihnen wollte.

Ich hatte immer noch keine Lust auszusteigen. Vielleicht hatte sich der Fall in der Leybucht schon erledigt, dachte ich, und rief Jesko Harms an, den Kollegen aus Norden.

Ich hörte, wie er eine Teetasse abstellte, als er ran ging. »Moin, Herr Jansen«, sagte er fröhlich. »Tja, wir sind hier noch bei dem Zeugen, der die Leiche gefunden hat. Der steht unter Schock, wir haben ihn erst mal etwas beruhigt.«

Ich hörte, wie Harms aufgestanden war und sich im Raum bewegte. Vermutlich sollte der Zeuge das Gespräch nicht mithören. »Der Mann aus Kassel, ein Friedrich Schäfer, hat mit seinem Glas erkennen können, dass da ein Mensch lag. Der lag ganz vorn am Rand des Vogelschutzgebietes, zum Watt hin, wo niemand ohne Sondererlaubnis hindarf, schon gar nicht im Winter, wenn die sibirischen Weißwangengänse dort überwintern. Ohne Grund geht doch keiner bei dem Wetter ins Naturschutzgebiet, Herr Jansen. Der muss was mit dem Naturschutz zu tun gehabt haben.«

Meine Alarmsignale gingen an. Das klang ganz so, als ob er mir den Fall komplett zuschieben wollte.

»Wir werden hier noch ein wenig brauchen«, fuhr Harms fort, »dann fahren wir los und treffen uns dort.«

Er machte Anstalten, aufzulegen, wie ich hörte. »Halt«, unterbrach ich ihn. »Ich stecke hier fest, mir ist ein Baum auf die Kühlerhaube gefallen. Also aufs Auto.« Einen Kühler hatte das E-Auto nicht. »Haben Sie bei der Polizei in Aurich nicht einen eigenen Abschleppwagen? Irgendjemand muss mich hier von diesem Baum befreien, sonst komme ich nicht weiter.«

Harms schwieg einen Moment. »Hm. Ja, wir haben natürlich eigene Fahrzeuge für so was. Wo sind Sie genau?«

Ich sah auf mein Navi und beschrieb ihm den Ort, so gut ich konnte.

Ich hörte, wie er das Telefon von sich weghielt und mit jemandem sprach. »So, ich hab’s. Gehen Sie von da, wo Sie sind, über die Brücke über den Störtebekerkanal, die liegt direkt vor Ihnen. Dann halten Sie sich links, dort ist ein Tor, das normalerweise geschlossen ist. Ein Kollege von uns ist dort und lässt die Autos durch. Fragen Sie den, ob wir schon durch sind, sonst warten Sie da auf uns. Ein Leichenwagen ist ebenfalls unterwegs. Wir sehen uns gleich. Bis dann.« Harms hatte aufgelegt.

Jackie und ich sahen uns an. Mussten wir jetzt raus? Es sah ganz so aus.

Lisas Mutter hatte uns zu Weihnachten ein Wetterjäckchen für Jackie geschenkt, auf dem groß in Rot »CIA« stand. Das nahm ich jetzt zur Hand und zog es Jackie über. Er jaulte, ahnte wohl schon, dass er jetzt raus musste.

Ich selbst hatte meinen Friesennerz noch an. Darunter war ich wieder etwas getrocknet, statt nass war ich jetzt nur noch feucht und klamm. Ich setzte meine Kapuze auf und zog sie so eng zu, wie es ging. Jackie gab ich etwas Futter in die Schale, die neben ihm stand. Er fraß, genauso dankbar wie ich über diesen kleinen Aufschub. Dann bekam er seine Leine um, und wir stiegen aus.

Sofort zerrte der Sturm an uns. Der Regen blies mir direkt in die Augen, ständig prallten mir spitze, kleine Hagelkörner auf die Stirn, in den Mund und vor allem auf die Augen, was sehr weh tat. Jackie wurde fast weggeblasen, ohne Leine hätte er keine Chance gehabt, sich gegen diesen Sturm zu stemmen.

Ich musste wieder von der Straße runter und durch oder über den Schloot an der Straßenseite, da der Baum mit seinem Geäst die ganze Fahrbahn versperrte. Ich fluchte. Gerade jetzt, wo die eine oder andere Stelle schon zu trocknen begann.

Jackie fand seine kurze Schwimmübung durch den Graben eher lustig, er liebt Wasser.

»Wir müssen aufpassen, dass wir nicht selbst von einem Baum erschlagen werden, Kleiner«, sagte ich zu ihm. »Lass uns mal da gehen, wo die Mitte der Straße sein könnte.«

Jackie fiepte. Er fand mit seinen Füßen kaum Grund.

Ich hätte mir Gummistiefel anziehen sollen«, grummelte ich in meinen Dreitagebart. Meine Winterwanderschuhe, die ich anhatte, waren bereits komplett durchgeweicht. Bei einem davon waren die Schnürsenkel aufgegangen; ich bückte mich und zog sie unter Wasser zu. Jackies Leine musste ich kurz losgelassen haben; ich sah plötzlich, wie er winselnd in Richtung Süden abtrieb, um sein schwarz-weißes Leben paddelnd. So sehr er sich auch bemühte, er bekam weder festen Boden unter die Füße noch kam er gegen den schneidenden Wind an.

»Schiet!«, fluchte ich. Ich musste hinterher. Erneut musste ich in den Schloot an der Seite steigen und hindurchwaten, bis zur Brust im Wasser, um zu Jackie zu kommen, der um sein Leben strampelte. Schließlich blieb seine Leine an einem abgerissenen Ast hängen, und zwei Minuten später hatte ich ihn erreicht. Ich kämpfte mich zurück zur Straße und hielt ihn mit beiden Händen hoch wie eine Trophäe, als ich erneut durch den Graben stieg. Sollte ich ihn vielleicht im Auto lassen?

»Komm, Kleiner.« Ich machte meinen Friesennerz ein Stück auf und steckte ihn rein, sodass nur sein Kopf rausschaute. Dann knöpfte ich ihn oberhalb des Hundes wieder zu und stapfte auf der Straße weiter, deren Verlauf ich an den Bäumen abschätzen konnte.

Nach einer gefühlten halben Stunde, eher wohl zehn Minuten, hatte ich die Greetsieler Straße und dann südlich davon die Brücke über den Störtebekerkanal erreicht. Hier musste ich rüber zum Deich und dann irgendwie zum Fundort der Leiche.

Ich hoffte inständig, dass sich der Weg auch gelohnt hatte. Umsonst wollte ich diese Strapazen nicht auf mich genommen haben.