Toter gehts (n)immer

Mord in den Wiener Voralpen - Alpenkrimi

Christina Unger


ISBN: 978-3-96415-059-2
1. Auflage 2017
Copyright © 2017 by Latos-Verlag, Wilhelm-Loewe-Str. 34, 39240 Calbe/Saale

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Inhalt

Das kleine Dorf Elendsbrunn existiert, ebenso wie die handelnden Personen, nur in der Phantasie der Autorin. Da es sich im Buch um keine Helden und keine Überflieger handelt, sondern um ganz normale Menschen aus dem täglichen Leben, kann es sein, dass der Leser einige Personen zu kennen glaubt. Jede Ähnlichkeit mit Lebenden oder Toten ist aber rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Begriffserklärung

Buschen

- zu „Buschen“ gebundene Zweige und Blätter, die mit Bändern und Lampen geschmückt, mittels Stock vor den Weinschenken ausgehängt werden, wenn die Schenke geöffnet („ausg‘steckt“) ist

 

Pink

- die Farbe der neuen Partei der NEOS

 

Schlagobers

- Sahne

Zwölfter Juni, 20:22 Uhr

 

Still war’s.

Über dem Steinfeld brütete eine hochsommerliche Hitze, die wieder viel zu früh gekommen war. Seit Wochen hatte es nicht geregnet und die Weinreben hingen so traurig zu Boden, dass es den Winzern schier das Herz zerreißen wollte. Ein paar Käfer taumelten über die trockene rissige Erde, irgendwo in der Ferne bellte unermüdlich immer wieder derselbe einsame Hund.

In dem kleinen Haus am Rande der Siedlung bügelte die alte Frau gerade ihre Kleiderschürzen. Auf dem Herd brutzelte ein Topf mit ausgelassenem Speck, als plötzlich ein greller Aufschrei die Stille zerriss. Die alte Frau ließ erschrocken ihr Bügeleisen im Stich, schaute aus dem Küchenfenster und lauschte. Hören konnte sie ja noch gut, wenngleich ihre Augen immer schwächer wurden. Sie blinzelte. Ihr Blick überflog den verwilderten Garten und sie schimpfte laut mit dem Unkraut, über das sie nie die Herrschaft erlangte, aber die Gartenarbeit fiel ihr halt auch immer schwerer. Beinahe hätte sie den Grund vergessen, warum sie ihre Arbeit unterbrochen hatte, als ihr verschwommener Blick auf etwas fiel, das über ihrem Zaun hing.

Nanu? Was war das denn? Sah aus wie ein Bündel Mensch! War das am Ende gar wieder ein frecher Jogger, der seine Dehnübungen machte? Hinter ihrem Grundstück verlief nämlich ein Feldweg, der bei dem sportlicheren Teil der Bevölkerung recht beliebt war. Manche dehnten hier ihre Oberschenkel, ihren Rücken oder sonst ein Körperteil und klammerten sich dabei ausgerechnet an ihrem Zaun fest. Der war aber eh schon so lädiert. Sie hatte momentan kein Geld, um einen neuen aufstellen zu lassen. Die sollten sich gefälligst einen anderen Zaun suchen.

Entschlossen, dem frechen Jogger ihre Meinung zu sagen, stieg sie die paar Stufen in den Garten hinunter und musste sich mit beiden Händen am Geländer festhalten.

»Hallo Sie!«, rief sie und fuchtelte mit einem Arm. »Was tun Sie da? Können Sie Ihre Turnübungen nicht woanders machen? Mein Zaun ist eh schon so marod, zahlen Sie mir einen neuen, wenn der da umfällt ...?«

Grimmig stapfte sie durch das hohe Gras, das sie nur zwei Mal im Jahr mähte, und ärgerte sich über die Dreistigkeit der Menschheit im Allgemeinen und über die von dieser Person im Besonderen. Schläft dieser Mensch etwa? Der reagierte ja überhaupt nicht. Die alte Frau stupste die Gestalt an und diese begann zu rutschen. Erschrocken versuchte sie noch mit ihren dünnen Armen den Fall des Körpers abzumildern, aber er rutschte immer weiter und landete kopfüber in einem Salatbeet.

Himmel-Herrgott-noch-einmal!

Jetzt war es der alten Frau nimmer geheuer. Was ging denn hier vor? Sie zögerte etwas, aber nur kurz. Der Sache musste auf den Grund gegangen werden. Sie hob den Kopf des vermeintlichen Joggers und starrte in ein schneeweißes Gesicht und ein Paar leere tote Augen.

Jesus-Maria-und-Josef!

Das war kein Mensch, das war eine Leiche! Und so viel Blut überall. Vom Hals abwärts war alles rot! Die alte Frau griff sich ans Herz. Sie erlitt einen Schwächeanfall und fiel neben der Leiche zu Boden. Plötzlich wünschte sie sich sehnlichst einen der verhassten Jogger herbei, der ihr helfen konnte, aber ausgerechnet jetzt kam keiner.

»Hilfe! Hilfe!«, wimmerte die alte Frau, »Warum hilft mir denn niemand?« Aber das Steinfeld lag nur da, trocken, gleichgültig und es schwieg.

 

In der Sederlgasse einige Wochen früher

 

In einem entlegenen Winkel im südlichen Niederösterreich lag die Dreitausend-Seelen-Gemeinde Elendsbrunn. Wer am Ortsanfang in die Sederlgasse einbog, dem fiel zuallererst der freie Blick auf den Schneeberg auf - im Sommer dunkelblau und geheimnisumwittert, im Winter weiß überzuckert, überragte er die kleine Ortschaft, die, selig vor sich hindämmernd, in einem Dornröschenschlaf zu liegen schien. Der zweite Blick wurde auf die Buschen der Weinschenken gelenkt, aber schon der dritte galt den Schlaglöchern in den Gassen. Ein geläufiger Witz in der Sederlgasse ging so: Spar auf einen großen Wagen, denn einen kleinen findest du im Schlagloch nicht wieder. Der Witz hatte zwar schon einen langen Bart, aber die Anrainer der Sederlgasse fragten sich, wieso der neue Belag seit Jahren auf sich warten ließ. Versprechungen seitens der Gemeinde gab es viele, eine neue Straße aber hatten sie bis heute nicht, und der Bart wurde immer länger.

Der Status ›Markt‹ war Elendsbrunn sehr wichtig. Schließlich war das ehemals unbedeutende Dorf vor fünfunddreißig Jahren zur Marktgemeinde erhoben worden. In fünfzehn Jahren sollte das fünfzigjährige Jubiläum gefeiert werden. Der Bürgermeister machte sich heute schon Gedanken, obwohl er dann ganz sicher nicht mehr Bürgermeister sein würde. Zumindest hatte die Opposition da sehr entschieden etwas dagegen. Hinzu kam der ständige Konkurrenzkampf mit der Nachbargemeinde Reichenbrunn, der immer und ewig zugunsten Reichenbrunns ausging - es war wie ein Fluch. Am schlimmsten wurde es, wenn der FC Elendsbrunn auf den FC Reichenbrunn traf, dann hatte die Polizei Urlaubssperre. Es war sogar schon Blut geflossen. Bei dem Gemetzel der gegnerischen Fans wurde der Eindruck erweckt, dass ein geeintes Europa noch fünfhundert Jahre entfernt lag.

Auch Maxime Sommer wohnte seit kurzem in der Sederlgasse. ›Seit kurzem‹ hieß, dass sie seit weniger als zwei Generationen hier lebte. Vor einem Jahr war sie aus der Stadt weggezogen, hatte einen kleinen Bungalow erstanden und war nun eine Elendsbrunnerin mit ›Migrationshintergrund‹, denn die reinrassigen Elendsbrunner waren leider am Aussterben. Sie selbst war Single, fast fünfunddreißig Jahre alt und nie verheiratet gewesen - eine Spezies im Dorf, der man mit Misstrauen begegnete. Sie hatte zwar eine langjährige Beziehung gehabt, als die jedoch zu Ende gegangen und sie nach Elendsbrunn gezogen war, wurde aus der goldblonden, langbeinigen Karrierefrau Maxime wieder die aparte Maxi von früher - große Mandelaugen und ein haselnussbrauner frecher Kurzhaarschnitt. Obwohl von gertenschlanker Gestalt, joggte sie regelmäßig. Früher durch die eleganten Einkaufsstraßen in Wien, heute durch die Weinberge im Steinfeld. Unmittelbar hinter ihrem Garten begann schon das Feld. Am frühen Morgen, wenn sie im Jogginganzug das Haus verließ, begegneten ihr Hasen und Rebhühner, manchmal sogar ein Rudel Rehe - es war sehr idyllisch.

Wer im Zug nach Elendsbrunn saß, musste nur einmal kurz gähnen und war auch schon daran vorbeigefahren. Einmal hatte Maxi zu ihrer Sitznachbarin scherzhaft gemeint, der Städtische Zentralfriedhof in Wien sei größer – und vor allem lebendiger! Das hatte ihr einen bitterbösen Blick der Sitznachbarin, einer gewissen Frau Strottermann, eingebracht, denn diese war zufällig eine Eingeborene und sehr empfindlich gegenüber Kritik von außen. Seither achtete Maxi darauf, die Nähe von Frau Strottermann zu meiden und auch anderen gegenüber kein abfälliges Wort mehr in dieser Sache zu äußern. Vielleicht wurde einer der Passagiere ja rabiat, manche hatten nämlich noch vom Vorabend einen gewissen Restalkohol im Blut.

Dass die Eingeborenen den ›Zugezogenen‹ etwas zugeknöpft begegneten, verstand sich von selbst. Die Besserwisser aus der Hauptstadt, die sich gar so viel einbildeten. Dabei war Wien schon lange nicht mehr das, was es einmal war. In manchen Stadtvierteln durfte man sich bei Dunkelheit ja nicht einmal mehr aus dem Haus wagen. Dagegen war Chicago die reinste Insel der Seligen.

Auch ihre Freunde hatten sich lustig gemacht über ihre Entscheidung aufs Land zu ziehen. Wenn auf ihrer Firmenadresse keine repräsentative Adresse mehr stand, sondern Sederlgasse, Elendsbrunn, dann war das geradezu ein gesellschaftlicher Abstieg! Als selbstständige Grafikdesignerin bestand ihre Klientel aus feinen Hoteliers und großen Restaurantketten in der Tourismusbranche. Da konnte eine solche Adresse durchaus geschäftsschädigend sein. Nach dem Studium, als sie noch nicht wusste, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte, hatte sie eine mehrmonatige Reise durch die USA unternommen, und als sie nach Hause zurückkehrte, fand sie die Wohnung leer und der Freund, der für immer auf sie warten wollte, war zu ihrer besten Freundin gezogen.

Nun, mit fast fünfunddreißig und wieder allein, überkamen sie manchmal gefährliche Gedanken. An Kinder, an einen Mann, an eine richtige Familie eben. Eigene Kinder hatte sie fast schon abgeschrieben, aber einen Mann an ihrer Seite noch lange nicht. Sie sehnte sich nach jemandem, der ihre Seele zum Schwingen brachte. Aber vielleicht war sie ja auch nur zu anspruchsvoll. Vielleicht sollte sie sich statt eines Mannes doch ein Haustier zulegen. Je besser sie die Männer kannte, desto lieber waren ihr Tiere. Hunde, zum Beispiel, die waren für alles dankbar, meckerten nicht herum und verlangten keine gebügelten Hemden. Tiere waren sowieso die besseren Menschen, sagte sie sich trotzig in so mancher durchwachten Nacht. Sie werden dich nie enttäuschen und niemals verlassen – außer Katzen vielleicht. Die suchten sich glatt irgendwo ein neues Zuhause.

Ihre Nachbarin, die alte Frau Pölzl zum Beispiel, die hatte einen Kater, an der ihr ganzes Herz hing. Eines Tages aber zog dieser bei der Familie Schnarch im Haus schräg gegenüber ein. Ganz einfach so. Das hatte Frau Pölzl ziemlich mitgenommen. Sie hatte Peterle mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und den teuersten Leckerlis zur Heimkehr zu bewegen versucht - vergeblich. Katzen waren unbestechlich. Familie Schnarch war das ganze eher unangenehm, aber es schien, als habe sich der Kater dort dauerhaft eingerichtet. So blieb Frau Pölzl nichts anderes übrig als Peterle, wenn er wieder einmal mitten auf der Straße saß, mit feuchten Augen zuzuwinken und sich zu grämen, wenn er arrogant den Kopf in die andere Richtung drehte, gähnte, sich lasziv streckte und dann – so als wollte er sie extra kränken – vor ihren Augen mit hoch erhobenem Schwanz durch ein Loch im Gartenzaun in sein neues Zuhause schlüpfte.

Frau Pölzl hatte zwar einen erwachsenen Sohn, an dem aber hing ihr Herz nicht so sehr wie an dem rabenschwarzen Kater. Der Sohn hatte ihr Leben schon in jungen Jahren kaputt gemacht, als er unehelich zur Welt kam - eine ungeheure Schande für die damalige Zeit. Heute war Emma Pölzl fünfundsiebzig und hatte einen gekrümmten Rücken, zittrige Knie, Sodbrennen und schlechte Augen. Aber hören konnte sie wie ein Luchs. Zwar wusste sie, dass das Kind rein gar nichts dafür konnte, aber irgendwie schien sie es ihm übel zu nehmen, dass es auf der Welt war. Sein Erzeuger war ein wohlhabender Großgrundbesitzer gewesen, mit einem Adelsgeschlecht aus dem Burgenland verwandt, und der hatte ihren gemeinsamen Sohn gar schmählich verleugnet. Die junge Emma hatte nie Geld verlangt und auch keinen Penny erhalten. Sie hatte ihren Sohn ganz alleine großgezogen und trotzdem zu einem anständigen Menschen gemacht. Ja, das Leben war oft ungerecht und die Wege des Herrn nicht immer leicht zu durchschauen.

Nichtsdestotrotz half Frau Pölzl im ›Verein Christlicher Frauen‹ und sang im Kirchenchor. Zwar hatte sie ihre Singstimme schon vor Jahren verloren, aber für den Refrain langte es noch allemal, besonders weil sie sehr laut sang. Sie füllte die ganze Kirche mit ihrem Gesang und, obwohl spindeldürr, besaß Frau Pölzl ein Stimmvolumen, dass selbst die Passanten, die an der Kirche vorbeigingen, zur Salzsäule erstarrten, wenn sie gerade ein Solo hinlegte. Auch die Nachbarn auf der anderen Seite ihres Hauses erwachten fast täglich zu früh, weil Frau Pölzl so laut mit den Pflanzen sprach. Es waren junge Leute, die mitten im Arbeitsleben standen und ihren Schlaf brauchten. Vielleicht, so wurde getuschelt, hatte Peterle, der rabenschwarze Kater, gerade deshalb vor seinem Frauchen die Flucht ergriffen.

Als gelernte Köchin kochte Frau Pölzl heute noch gerne und versorgte die Sederlgasse mit selbstgebackenen extrem süßen Mehlspeisen. Hinterher hatte die halbe Gasse einen Zuckerschock, aber niemand wollte Frau Pölzl die Freude am Schenken verwehren und zum Wegwerfen konnte sich auch niemand durchringen. Die Anrainer der Sederlgasse waren fast alles gottesfürchtige Menschen, erzogen im Sinne von Sparsamkeit, und niemand wäre es eingefallen, unverdorbene Nahrungsmittel wegzuwerfen. Und so wurde Frau Pölzl, trotz der Geräuschkulisse, die ihre ständige Begleiterin war, von jedem gemocht. Sie war hilfsbereit, uneigennützig und besaß so etwas wie Narrenfreiheit. Im Winter, wenn es wieder einmal Neuschnee gab, war sie die Erste auf ihren krummen Beinen und schaufelte bei Maxi und den Nachbarn den Schnee weg, weil sie als Rentnerin ja mehr Zeit hatte als die Jungen. Diese mussten schließlich noch lange arbeiten für ihre Pension, die dann zum Leben eh zu niedrig, aber zum Sterben zu hoch sein würde. Also tat Frau Pölzl, was in ihrer Macht stand, um sich ihren Anteil an der Gesellschaft zu verdienen, obwohl sie ihr ganzes Leben geschuftet hatte.

 

So verlief das Leben in der Sederlgasse angenehm und ruhig. Die Menschen waren zufrieden mit ihrem Dasein und mit Ausnahme einiger Einbrüche hie und da fühlten sie sich gut aufgehoben - bis eines Tages das Schicksal erbarmungslos ausholte und die kleine anonyme Gasse mit einem Schlag in die Medien katapultierte.

 

Der Bürgermeister

 

Bürgermeister Alois Simmerl schritt in seinem brandneu gestalteten Büro auf und ab und machte seine junge Kulturreferentin, Eva-Maria Klug, gerade zur Sau. Eva-Maria hatte Zornestränen in den Augen, aber gegen ihren ausgerasteten Vorgesetzten gelang ihr kein Wort der Rechtfertigung. Sie stand da, bebend und mit rasendem Puls, bewaffnet mit einem dicken Aktenordner, den sie ihm am liebsten um die Ohren gehauen hätte, und schnappte nach Luft.

»Wie kann man nur so blöd sein und diese Amateurtruppe einladen!«, schrie Bürgermeister Simmerl. »Der halbe Saal war schon vor der Pause leer. Mir wurde zugetragen, dass sich nachher alle beim Gimperl getroffen haben und dort über das Stück hergefallen sind. Manche wollten sogar ihr Geld zurück! Eine Schande ist das. In der nächsten Gemeindezeitung werden mich die anderen Fraktionen in der Luft zerreißen. Mich werden sie fertigmachen, nicht dich, du Landei!«

»Ich verwehre mich …«

»Ich kann sie jetzt schon hören, wie sie über mich herfallen. Möchtegern-Intellektueller, unfähig ein ordentliches Stück aufführen zu lassen. Ich bin stinksauer.« Er griff sich an die Kehle und riss seine Krawatte herunter. Dann lockerte er den Kragen seines dottergelben Hemdes.

»Ich habe es vorher mit dir aber …«

»Wir haben über zwanzig Prozent Rückgang bei den Abonnenten. Du bist inkompetent und komplett falsch in deiner Funktion. Du solltest deinen Job zur Disposition stellen, bevor ich dich noch rauswerfe.«

»Aber Bürgermeister, wir haben doch jeden Schritt gemeinsam …«

Zum ersten Mal blickte sie der Bürgermeister direkt an. »Was?«

»Wir haben das Programm doch zusammen ausgesucht. Wir wussten beide nicht, welche Dilettanten das sind – du auch nicht«, fügte sie trotzig hinzu. Eva-Marias Zorn war der Angst gewichen. Die Aussicht ihren Job zu verlieren, ließ sie sofort an ihre pflegebedürftige Mutter und ihren arbeitslosen Mann denken. Die Zeiten, wo Gemeindebedienstete unkündbar waren, gab es leider nicht mehr.

»In Reichenbrunn haben sie nur professionelles Personal auf der Gemeinde«, hielt er ihr vor. »Der Bürgermeister jagt von einem Erfolg zum nächsten. Und was habe ich? Wenn ich das Ruder nicht noch vor den Wahlen herumreiße, habt ihr hier die Schwarzen am Hals. Wollt ihr das?«

Eva-Maria schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich glaube nicht, dass …«

»Raus jetzt! Ich muss denken.«

Wortlos verließ Eva-Maria das Büro. Draußen gab es kein Halten mehr und sie brach vor ihrer Kollegin in Tränen aus. »Dieser Scheißkerl!«

»Ich hab alles mitgehört«, wurde sie von Anna Huber, der Kanzleichefin, getröstet, eine dickliche Blondine mit einer Vorliebe für unechte Klunker. »Er ist halt ein beschiss…« Sie unterbrach sich, als die Tür zum Bürgermeisterbüro aufgerissen wurde. »Kann ich etwas für dich tun, Alois?«, säuselte sie.

Bürgermeister Simmerl band sich die Krawatte neu, und während er durch die Kanzlei stampfte, schnaubte er: »Ich habe zu tun. Wartet heute nicht auf mich.«

»Aber heute ist Sprechstunde. Es hat sich der Herr Zöchbauer angemeldet, es geht wieder um das Grundstück neben seinem Haus, und die Frau Schnurbein wollte dich auch sprechen.«

»Was will die schon wieder?«

»Sie behauptet, dass die Ratten vom Nachbarn bei ihr ans Fenster klopfen. Der Nachbar aber sagt, dass es ihre Ratten sind, die zu ihm rüberkommen, denn Ratten tragen schließlich kein Halsband ...«

»Leb ich in einem Irrenhaus!«, wollte Bürgermeister Simmerl schier ausrasten.

Anna Huber schaute betreten drein. »Und was soll ich ihr jetzt sagen? Sie hat nämlich eigens gegen die Ratten eine Mauer errichtet und jetzt beschwert sich der Nachbar wiederum, dass ihm die Mauer das Licht wegnimmt und seine Pflanzen verrecken ...«

Der Bürgermeister stieß die Luft aus. »Ich lass mich doch von denen nicht verarschen! Gib der Schnurbein ein Rattengift und sag ihr, sie muss die Mauer niederreißen. Ich hab keinen Nerv heute für sowas.«

Die beiden Frauen blickten ihm belämmert nach, wie er durch die Türe verschwand.

»Alles bleibt an mir hängen!«, jammerte Anna. »Er ist und bleibt ein rücksichtsloses Arschloch.«

»Das nützt mir aber nichts, wenn ich meinen Job los bin«, heulte Eva-Maria.

 

* * *

 

Bürgermeister Simmerl ging auf seinen silbermetallic farbigen BMW zu und riss die Tür auf. Mit einem lauten Seufzer ließ er sich hinter das Lenkrad fallen und zündete sich eine Zigarette an. Heute gingen ihm wieder alle auf den Wecker, er aber brauchte dringend Entspannung. Aus dem Handschuhfach holte er einen Kamm und frisierte im Rückspiegel sein glänzendes nachtschwarzes Haar. Dann fuhr er sich übers Kinn, holte seinen Rasierer heraus, den er für alle Fälle immer mit sich führte, und rasierte ein paar Bartstoppeln ab.

»Griaß di, Burgamaster!« Ein faltiger kahler Kopf schob sich ins Wageninnere.

Bürgermeister Simmerl blickte schlecht gelaunt in ein grinsendes Gesicht. »Grüß dich, Manni, wieder nichts zu tun heute?«

»Wieso? Bin halt früher fertig worden und geh jetzt zum Gimperl. Kummst mit?«

»Habe einen Termin.« Bürgermeister Simmerl ließ den Motor an und hob grüßend den Arm. »Auf ein anderes Mal.«

»Schöne Grüße an die werte Frau Gemahlin«, grinste Manni ihm hinterher und fuhr sich stirnrunzelnd über seinen Kahlkopf. »Den Termin hätt i a gern«, nuschelte er und schlug, bereits leicht wankend, den Weg zum nächsten offenen Buschenschank ein.

Alois Simmerl hingegen lenkte den Wagen auf kürzestem Weg zur Bundesstraße Richtung Bezirkshauptstadt Baden und gab kräftig Gas. Der kürzere Weg zur Entspannung wäre zwar Reichenbrunn gewesen, dort aber war er bekannt wie ein bunter Hund. Auf dem Lande musste man höllisch aufpassen, besonders jemand in seiner Position. Wie die Hyänen lauerten sie auf jeden kleinsten Fehltritt und im schlimmsten Fall stand er wieder in der Zeitung. Aber nicht als Bussi-Bussi-Weltmeister, eine Bezeichnung, die manche eines Bürgermeisters unwürdig fanden, ihn selbst aber nicht besonders störte. Er küsste eben gerne, natürlich nur die Frauen, aber die ausgiebig. Ob jung oder alt, ob rot oder schwarz, ob dick oder dünn, vor ihm war keine sicher. Trotzdem musste er auf der Hut sein, obwohl ihm trotz aller Vorsicht immer wieder ein Ausrutscher passierte. Beim letzten Straßenfest der christdemokratischen Opposition zum Beispiel, wo er nur hingegangen war, um die dort zu ärgern, hatte er wieder einmal einen über den Durst getrunken. Ein paar Jugendliche hatten ihn mit dem Handy gefilmt, wie er torkelnd in einen Futtertrog gefallen war, und die ganze Szene ins Netz gestellt. Das war ein gefundenes Fressen, im wahrsten Sinne des Wortes! Auf Facebook haben sich die zwei anderen Fraktionen die Finger über ihn wund geschrieben. Er war anschließend eine ganze Woche krankgemeldet und ließ sich nirgendwo blicken.

Nur das vorwurfsvolle Gesicht seiner Frau war ihm auf den Geist gegangen. Dieser stumme Vorwurf, den ganzen langen Tag. Ihr dünner ausgemergelter Körper! Seit er Bürgermeister geworden war, vor über drei Jahren, hatte sie zehn Kilo abgenommen. Dick war sie ja vorher schon nicht, aber heute bestand sie nur noch aus Haut und Knochen. Er brachte es nicht mehr über sich, sie anzurühren, so grauste ihm. Ihre Gesichtshaut war faltig und grau, das ehemals glänzend blonde Haar stumpf, obwohl sie erst sechsunddreißig war - zwei Jahre jünger als er. Er durfte sich ja als jüngster Bürgermeister von Elendsbrunn bezeichnen. Jedenfalls war er nach dieser Woche, in der seinen Gegnern schön langsam der Stoff ausging, erleichtert, wieder zur Arbeit zu gehen.

 

Nach einer Viertelstunde Fahrzeit lenkte er den BMW von der Bundesstraße in eine kleine Sackgasse und parkte, von der Straße nicht einsehbar, hinter einem großen zitronengelben Gebäude mit verschnörkelten Türmchen und roten Lichtern. Das erste Mal an diesem Tag bestand die Aussicht auf etwas Erfreuliches. Er sperrte den Wagen ab, fuhr sich durchs Haar und räusperte sich. Dann läutete er und kurz darauf wurde die Türe von einer freundlichen, grell geschminkten Dame mittleren Alters geöffnet.

»Servus Bürgermeister, so früh heute?«

»Hatte Ärger.«

Sie seufzte: »Heutzutage haben viele Ärger.«

»Dann sei froh, das trägt zu deinem Geschäft bei.«

Sie lachte. »Milena ist frei.«

»Heute ist mir nach Angelique.«

»Angelique hat einen Kunden.«

»Dann bring mir Milena.«

»Mi-le-na!«, rief die Frau. »Dein Typ wird verlangt. Der Herr Bürgermeister ist da.«

»Kannst nicht noch lauter schreien!«, ärgerte sich Bürgermeister Simmerl.

Die Treppe herab flog eine rassige, kleine und zarte Schönheit mit langen schwarzen Locken.

»Simmi!« Sie presste ihm einen Kuss auf die Wange. »Frrreue mir dir zu sehen.«

»Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass ich Simmi nicht ausstehen kann!«, knurrte er.

»Ich weiß, aber ich finde lustig, wenn du dir ärgerst.«

»Bin heute nicht auf lustig aus. Lass uns raufgehen.«

»Schlechte Laune oder Ärger in Kanzlei?«

»Beides.«

»Te jadnik, da muss Milena heute ganz Besonderes ausdenken für dir«. Sie lachte neckisch und er nickte dankbar.

Im ersten Stock betraten sie ein kleines sauberes Zimmer, das er recht gut kannte und in dem das Doppelbett den größten Platz einnahm. Er zog an seiner Krawatte und warf sich aufs Bett. »Scheiß Tag. Tu mir was Gutes.«

Milena fingerte an seiner Hose herum und bohrte in seinem Nabel. »Du schwitzt«, stellte sie fest.

»Dann geh ich eben duschen«, brummte er.

Sanft drückte sie ihn auf die Matratze zurück und küsste seinen Bauch. »Ich mache dir wieder sauber.«

Mit einem erleichterten Seufzer ließ er sich zurück ins Kissen fallen und überließ den Rest Milenas professioneller Phantasie.

 

* * *

 

Unterdessen brauten sich in Elendsbrunn dunkle Gewitterwolken zusammen. Frau Corinna Simmerl hatte eine anonyme SMS erhalten und die Nachricht traf sie wie ein Blitz. Sie musste sich setzen und griff sich ans Herz. Nicht, dass die Neuigkeit für sie wirklich neu war. Nur – dass nun auch schon andere darüber Bescheid wussten, traf sie mehr als die Feststellung, dass ihr Mann, der Bürgermeister, in den Puff ging. Dass er sie nach Strich und Faden betrog, das wusste sie schon lange. Sie hatte nur gehofft, dass er es diskret tat und sie nicht vor der gesamten Gemeinde bloßstellte. Nach dieser SMS aber würde sich diese Schmach wie ein Lauffeuer im Ort verbreiten. Sie hatte als Deutschlehrerin der hiesigen Grundschule nicht nur Freunde in der Gemeinde. Sie konnte einige aufzählen, die ob ihres Unglücks vor Schadenfreude Luftsprünge machen würden.

Der Oppositionsführer zum Beispiel, Valentin Sauerzapf, mit dem sie verlobt gewesen war, bevor sie ihrem jetzigen Mann auf den Leim ging. Oder die Eltern mancher Schüler, denen ihr Engagement für Flüchtlingskinder zu weit ging. Selbst ungewollt kinderlos, setzte sie sich für benachteiligte Kinder ein, und das waren in der Regel die Menschen aus armen Ländern. In der Bevölkerung hieß es, dass es genug eigene arme Kinder gab, die ihr nicht so am Herzen lagen. Hinter vorgehaltener Hand warf man ihr Diskriminierung und Gutmenschentum vor. Von manchen schlug ihr sogar offener Hass entgegen.

Und nun das! Ihr war schwindlig. Sollte sie sich ins Auto setzen und nach Baden ins Bordell fahren und ihren Mann aus dem Bett einer Hure zerren? Oder sollte sie warten, bis er heimkam und ihm dann die Hölle heiß machen? Oder sollte sie schweigen, wie sonst auch immer, und alles still ertragen? Hände falten – Goschen halten, die Tugenden einer Frau, wie es im Dorf hieß. Wie lange sie das wohl noch durchstand?

 

Der Neue

 

»Frau Sooooommer!« Emma Pölzl, bewaffnet mit einem halben Kuchen, den sie sorgfältig in eine Papierserviette eingeschlagen hatte, humpelte so schnell ihre krummen Beine es zuließen, die frühmorgendliche Sederlgasse zum Nachbarhaus. Durch jahrelanges Training geübt, gelang ihr ein ballettreifer Sprung über ein Schlagloch, das gestern noch gar nicht dagewesen war, und sie stieß keuchend das Gartentor auf.

»Frau Sooooommer! Haben Sie schön gehört …?«

Maxi, die am Sonntag gerne länger geschlafen hätte, öffnete leise fluchend die Eingangstür und prallte vor dem Anblick ihrer Nachbarin zurück. »Frau Pölzl, haben Sie mal auf die Uhr geguckt?«

Frau Pölzl, die grauen Haare offen, gemischt mit blondierten Büscheln, die von einem sehr lange zurückliegenden Friseurbesuch übriggeblieben waren, stand wie die fleischgewordene Vogelscheuche vor ihr. Ihr magerer Körper steckte in einer ihrer jahrzehntealten Kleiderschürzen, die sie lieber ein Dutzend Mal flickte, bevor sie eine wegwarf.

»Ich habe ihn gesehen.«

»Wen?«

»Na, den Neuen.« Sie hielt Maxi den Kuchen entgegen. »Eine Kleinigkeit zum Frühstück. Sie sehen schon ganz dünn aus. Als ich so alt war wie Sie ...«

»Frau Pölzl ...«

»Sie müssen mehr essen und weniger tschoggen, Sie sind eh so schön schlank.«

»Frau Pölzl!«

»Ja?«

»Was wollten Sie mir erzählen?«

»Äh …?«

»Der Neue?«

»Ach so, ich hab ihn gesehen. Ein schöner Mann.«

»Wer, bitte schön?«

»Na, Ihr neuer Nachbar. Eine Schwedenbombe.«

»Das Haus wurde verkauft?«

»Jawohl!« Frau Pölzl bleckte triumphierend ihr falsches Gebiss das, wenn sie richtig aufgeregt war, so wild zu rutschen begann, dass ihr Gegenüber fürchten musste, es könnte ihr jeden Moment aus dem Mund fallen. »Sie haben Glück gehabt. Hätte ja auch anders kommen können. Hier, nehmen Sie, Marmorgugelhupf. Frisch gebacken heute Morgen. Bin deswegen schon um fünf Uhr aufgestanden.«

Maxi nahm den Kuchen entgegen. »Danke, lieb von Ihnen.«

»Sie müssen unbedingt frühstücken. Frühstücken wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König, Abendessen wie ein Bettler, das wussten schon die …«

»Woher wissen Sie, dass die Schwedenbombe das Haus gekauft hat?

»Na, weil er dort gestern seine Möbel abgeladen hat. Mit einer Spedition. Aber Sie waren ja am Nachmittag nicht da, sonst hätten Sie es selber mitbekommen.«

»Ich war mit einem Klienten ...«

»Ich glaub, er ist geschieden.«

»Wo haben Sie das wieder her?«

»Die Frau Anna auf der Gemeinde hat so Andeutungen gemacht. Von Beruf ist er sowas wie ein Ingenieur. Ein gebildeter Mensch.«

»Hm.« Maxi gähnte. »Frau Pölzl, seien Sie mir bitte nicht böse, aber ich bin gestern spät …«

»Ich werde ihn im Auge behalten und sobald er eingerichtet ist, stellen wir uns vor.«

»Das hat Zeit.«

»Gute Nachbarschaft ist aber wichtig.«

»Ich werde ihn noch oft genug sehen.«

»Ich lass Sie jetzt in Ruh, ich hab Sie aufgeweckt.«

»Macht nichts, war sowieso schon wach«, log Maxi.

»Lassen Sie sich den Gugelhupf schmecken. Ist ganz frisch, hab ihn erst vor einer halben Stunde aus dem Rohr genommen. Essen Sie solange er noch warm ist. Pfiat Gott«.

Maxi schloss erleichtert die Tür. Von der Straße drang Frau Pölzls Fistelstimme an ihr Ohr, wie sie Peterle anzulocken versuchte, der auf der Straße saß und Vögel beobachtete. Vom Küchenfenster aus konnte sie sehen, wie ihre Nachbarin unter großer Anstrengung vor dem Kater in die steifen Knie ging.

»Miez, miez, miez, …« Die Stimme drang durch Mark und Bein. »Komm zu Mama mein kleiner Peterlebub, komm, miez, miez, miez …« Peterle sah philosophisch durch die alte Frau hindurch und schüttelte sein schwarzes Fell. Frau Pölzl brach in eine laute Jammertirade aus und spätestens jetzt waren auch die anderen Anrainer der Sederlgasse hellwach.

Maxi fiel ins Bett zurück und dachte nach. Interessant waren die Neuigkeiten ja doch. Jetzt hatte sie auch auf dieser Seite einen Nachbarn, nachdem das Haus jahrelang leer gestanden war. Eine Schwedenbombe? Was meinte Frau Pölzl damit - gutaussehend, groß und blond? Oder dunkel wie bittersüße Schokolade und genauso verführerisch? Sie schloss die Augen ...

 

* * *

 

Zwei Wochen darauf, an einem Samstagnachmittag, läutete es an der Haustür. Als Maxi öffnete, blieb ihr vorerst der Atem weg. Ein überirdisch schöner Mann wie aus dem Bilderbuch stand da, mit einem Blumenstrauß in der Hand und stellte sich vor.

»Guten Tag, gnädige Frau, mein Name ist Karl-Heinz Peters. Ich bin Ihr neuer Nachbar.«

Maxi hatte sofort Frau Pölzl im Verdacht. Sie lächelte ihn mit ihren Mandelaugen freundlich an. »Kommen Sie doch herein.«

»Gerne, wenn ich keine Umstände mache?« Seine Hand fuhr durch das blondgewellte Haar. Er sah aus wie man sich König Arthur aus der Tafelrunde vorstellte, nur ohne Panzer und Kettenhemd, sondern in dunkelblauen Jeans und hellblauem Sweatshirt.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, versicherte sie ihm. Innerlich dankte sie Gott, dass sie halbwegs frisiert und manierlich angezogen war. Meist lief sie zu Hause in den ältesten Klamotten herum und machte sich nicht einmal mehr die Mühe in den Spiegel zu gucken. Sie ging ihrem Gast in das große Wohnzimmer voran, das auf eine geräumige Terrasse führte mit Blick auf die uralten immergrünen Bäume im Garten.

»Sehr schön haben Sie es hier«, sagte Herr Peters höflich. Beim Eintreten musste er die Schultern einziehen, weil in den Siebzigerjahren, als das Haus gebaut wurde, der Türrahmen für so große Menschen anscheinend noch nicht erfunden war. Seine blitzblauen Augen schweiften anerkennend durch den geschmackvoll eingerichteten Raum.

»War auch ein ganzes Stück Arbeit, das alles zu renovieren. Das Haus war in keinem guten Zustand.«

»Wohnen Sie allein?«, wollte er wissen.

»Ja.«

Täuschte sie sich oder huschte ein Lächeln über sein Gesicht. »Und Sie«, fragte sie ihn geradeheraus, »haben Sie Familie?«

»Meine Familie lebt in Wien, ich bin geschieden.«

»Das tut mir leid«, sagte Maxi, obwohl es ihr gar nicht leid tat.

»Ich sehe meine beiden Kinder jedes zweite Wochenende. Und meine Frau hat einen Freund.«

»Oh!« Sie war überrascht, dass er jetzt schon so viel von seinem Privatleben preisgab.

»Wir sind eben eine ganz normale moderne Familie.« Er lächelte traurig.

»Und was machen Sie beruflich?«, lenkte sie das Gespräch auf ein weniger trauriges Terrain und erinnerte sich an die Berufsbeschreibung von Frau Pölzl – so etwas wie ein Ingenieur.

»Ich bin technischer Leiter der Firma Hot Springs in Baden. Dort sind die Grundstücke aber unerschwinglich.«

Maxi nickte verständnisvoll. Als geschiedener Vater zweier Kinder hatte er sicher allerlei Nebenkosten. »Darum leben wir auch in einem kleinen Ort namens Elendsbrunn.«

»Wenn schon provinziell, dann gleich ganz«, scherzte er. »Ich habe mich auch nach einem Haus in Reichenbrunn umgesehen, aber …«

»Auch zu teuer?«, fragte sie vorlaut.

Er zuckte die breiten Schultern. »Wir werden Elendsbrunn schon noch auf Vordermann bringen!« Anscheinend war er der Überzeugung, dass allein sein Zuzug Elendsbrunn aufwerten müsste.

»Ach, und wie stellen Sie sich das vor?«

»Ich werde mich bei den hiesigen Christdemokraten politisch engagieren und hoffe, irgendwann in den Gemeinderat einzuziehen. Und dann ist nach oben hin alles offen.«

Ziemlich selbstsicher, der gute Mann, dachte Maxi. Außerdem fiel ihr so mancher Einheimische ein, der von Großstädtern seiner Art gar nicht begeistert war.

»Gemeinsam werden wir Elendsbrunn zu einem echten Konkurrenten von Reichenbrunn machen, warten Sie’s ab. Hier auf dem Lande kann man ja noch richtig etwas bewegen. Das ist quasi jungfräuliches Terrain. Die Übermacht der Sozialdemokraten werden wir vorher allerdings ... Entschuldigen Sie«, unterbrach er sich hastig, »ich hoffe nicht … Sind Sie vielleicht …?«

»Ich bin politisch völlig neutral.« Da hatte sie gerade noch die Kurve gekratzt, denn die Opposition schrammte in ihren Augen knapp an einer Provinzposse vorbei. Ihr Blick fiel auf den Blumenstrauß, den sie achtlos auf den Tisch gelegt hatte. »Ich hole eine Vase. Darf ich ihnen etwas anbieten? Kaffee? Bier? Ein Glas Wein?«

»Wenn es Ihnen für ein Glas Wein nicht zu früh ist, dann gerne.«

Er war also kein Abstinenzler. »Rot oder weiß?«

»Rot, wenn Sie haben.«

»Habe ich. Stammt aus der Gegend, aber es gibt besseren«, wiegelte sie ab, da er den Eindruck machte, dass ihm kein Wein zu teuer war.

»Den besseren können wir bei mir trinken, wenn ich eingerichtet bin«, meinte er vielsagend. »Und nun, da wir Nachbarn sind - ich heiße Karl-Heinz.«

»Ich bin Maxime, aber Freunde sagen Maxi zu mir.« Sie holte Wein aus der Küche und sie stießen an. »Wie schmeckt er?«

Herr Peters nahm einen Schluck und versuchte, sich nichts davon anmerken zu lassen, was seinen Gaumen gerade beleidigte. »Ähhh! Ich habe es mit einem wundervollen Cuvée aus Elendsbrunn zu tun«, orakelte er.

»Er schmeckt nicht, geben Sie es zu.«

Er wollte nicht lügen, darum lächelte er nur. Maxi beobachtete ihn unauffällig. Wie würde ein Mann seines Zuschnitts bei den Einwohnern in einem Ort wie Elendsbrunn wohl ankommen? Ob sie ihn innerhalb eines Menschenlebens akzeptieren können? Irgendwie bezweifelte sie es.