Schwermetall

Schweizer Krimi

Ina Haller


ISBN: 978-3-96415-060-8
2. Auflage 2016
Copyright © 2014 by Latos-Verlag, Wilhelm-Loewe-Str. 34, 39240 Calbe/Saale

Titelbild: © Adobe Stock – daboost / George Mayer / artworks-photo
Lektorat: Christian Luecking, Sandstedt
Alle Rechte vorbehalten.
www.latos-verlag.de

Inhalt

 

Für meine Familie

- Urs, Pascale, Rebecca und Manuela -

Prolog

Franca lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen. Das Pochen hinter der Stirn verstärkte sich mit jeder Minute und kündigte eine heftige Migräne an. Mit Daumen und Zeigefinger massierte sie die Schläfen und ließ die Schultern kreisen.

Der Tisch, an dem sie saß, war in gleißend helles Licht getaucht. Im übrigen Zimmer überwog eine schummrige Beleuchtung. In den Ecken des Raums war es fast ganz dunkel. Sie schielte zur Uhr. Zwanzig Minuten vor Mitternacht. Und sie saß immer noch hier! Franca schnaubte und streckte der Mikrosonde die Zunge heraus. Sie spürte das Verlangen nach einer Zigarette und griff nach der Schachtel. Kurz zögerte sie. Heute Abend hatte sie beinahe ein ganzes Päckchen geraucht. Wenn die Sache mit der Diplomarbeit ausgestanden war, wollte sie aufhören. Dieses Mal endgültig. Sie klaubte die letzte Zigarette aus der Packung, klemmte sie zwischen die Lippen und trat zum Fenster. Als sie es öffnete, traf sie ein eiskalter Luftzug. Franca unterdrückte das Frösteln und zündete die Zigarette an. Tief sog sie den Rauch in ihre Lungen und hielt ihn dort eine Weile fest, bevor sie ihn in die eisige Nachtluft hinaus blies. Aus der Ferne hörte sie die Musik einer Gugge. In Basel waren heute mit dem Morgenstreich die drei sogenannten schönsten Tage eingeläutet worden. Nun herrschte Ausnahmezustand. Auch wenn Franca ein Fastnachtsmuffel war, wünschte sie im Moment nichts lieber, als sich unter die Leute zu mischen und in dem bunten Treiben ihre Diplomarbeit – wenn auch nur für einen kurzen Moment – vergessen zu können.

Es lief alles andere als gut. Sie hinkte dem Zeitplan total hinterher. Deswegen hatte sie bereits ernsthafte Schwierigkeiten mit Professor Krüger, der sie betreute. Zu allem Überfluss waren auch noch die Pyroxene, Hornblenden und die vulkanischen Gläser so stark verwittert, dass es schwer war, ein anständiges Messergebnis zu erzielen. Das würde unweigerlich weitere Verzögerungen nach sich ziehen. Sie brauchte eine Mindestanzahl sauberer Analysen, um eine Aussage machen zu können. So lange sie die nicht hatte, musste sie an dieser verflixten Sonde sitzen und messen.

Franca nahm einen letzten tiefen Zug und schnippte die bis auf den Filter aufgerauchte Zigarette aus dem Fenster. Das Nikotin hatte gut getan. Nur ihre Kopfschmerzen hatte es nicht vertreiben können. Mit einem Seufzen schloss sie das Fenster.

Franca trat zum Tisch und hob ihren Rucksack hoch. Sie wühlte durch das Chaos, das darin herrschte. Endlich fand sie eine Kopfschmerztablette. Sie griff nach der Mineralwasserflasche auf dem Tisch und spülte die Tablette herunter. Nicht länger als bis Mitternacht, beschloss sie. Franca kniff die Augen zusammen und starrte auf den Monitor, auf dem das Mikroskopbild vergrößert dargestellt wurde. Sie schob das Streupräparat hin und her, um eine brauchbare Hornblende zu finden. Inzwischen war sie sich nicht mehr sicher, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, diese Diplomarbeit anzunehmen ...

Irgendwo im Gebäude knarrte es. Franca fuhr hoch und lauschte. Waren das Schritte gewesen? Du und deine Fantasie, schalt sie sich. Wer sollte um diese Uhrzeit im Institut sein? Niemand! Alle waren entweder Zuhause oder feierten Fastnacht. Oder waren es doch Schritte? Mit angehaltenem Atem lauschte sie, aber es war nichts mehr zu hören als das Summen der Mikrosonde und des Computers. Sie warf einen Blick auf das Messergebnis und fluchte. Unbrauchbar. Schon wieder! Es war zum Verzweifeln! Sie schielte erneut zur Uhr. Noch drei Messversuche und dann nach Hause. Es brachte nichts. Sie brauchte eine Pause. Und eine Zigarette. Dringend. Morgen früh würde es bestimmt besser laufen.

In diesem Moment hörte sie das Klicken der Tür. Franca fuhr herum und erblickte zwei maskierte Gestalten. Eine von ihnen hielt eine kleine Piccoloflöte in den Händen. Sie trug ein Gewand, das mit Jasskarten und Glöckchen verziert war, und hatte eine weiße Maske auf. Die zweite hatte sich mit einem bunten Kostüm und einer Clownmaske verkleidet. Sie schlossen die Tür und blieben stehen. In dem schummrigen Licht, das im übrigen Raum herrschte, wirkten sie wie aus einer anderen Welt. Es waren bestimmt Studenten, die einen Streich spielen wollten. Am Institut war allgemein bekannt, dass Franca mit ihrer Arbeit in Verzug war. Außerdem wussten alle, wie sie Fastnacht hasste. Sie versuchte auszumachen, um wen es sich handelte. Erfolglos. Auch konnte sie nicht erkennen, ob es Männer oder Frauen waren. Das war es, was sie an der Fastnacht so sehr hasste. Masken und Verkleidungsgewänder lieferten eine Anonymität, die meistens schamlos mit Schabernack ausgenutzt wurde.

Die beiden Masken grinsten sie mit überdimensionierten Mündern an. Die Augen, das einzig erkennbar Menschliche der beiden, glänzten dunkel hinter den Öffnungen. Der Piccolospieler hob die Flöte an die Öffnung der Maske. Eine kurze schrille Tonfolge erklang, was mit einem heftigen Pochen von Francas Kopf quittiert wurde.

„Verschwindet und lasst mich in Ruhe! Mir ist nicht nach Fastnacht“, fauchte sie die beiden an. „Ich habe zu tun.“

Sie meinte zu sehen, wie die Clownfigur die Schultern hob und den Kopf leicht zur Seite drehte. Der Piccolospieler senkte die Flöte und neigte den Kopf. Die roten Haare der Maske fielen nach vorne.

„Haut ab!“ Franca wandte den beiden den Rücken zu und hoffte, sie würden gehen. Sie hörte ein Rascheln und das leise Klingeln der Glöckchen, die an den Fastnachtsgewändern angenäht waren. Franca wartete auf das Öffnen und Schließen der Tür. Da dieses erhoffte Geräusch ausblieb, warf sie einen Blick über die Schulter. Die beiden hatten sich nicht von der Stelle gerührt.

„Wenn ihr nichts Besseres zu tun habt, als mir bei dieser langweiligen Arbeit zuzusehen, bitte sehr.“

Sie beschloss, sie zu ignorieren und suchte eine weitere Hornblende für die nächste Messung. Leise Schritte, die näher kamen, ließen sie inne halten. Sie spürte, wie die zwei hinter sie traten. Plötzlich richteten sich aus für sie unerklärlichen Gründen ihre Nackenhaare auf. In dem Bildschirm erkannte sie schemenhaft das Spiegelbild der beiden, die nun direkt hinter ihr standen. Der Jasskärtler hob die Hände. Was er jedoch in den Fingern hielt, konnte Franca nicht erkennen. Sie fuhr herum und erhaschte einen Blick auf einen dünnen Draht, der sich im selben Augenblick um ihren Hals legte.

1.

Mit der Schulter stieß Marika die Tür zum Mineralogischen Institut auf. Sie atmete auf, als sie in die Wärme trat, denn draußen herrschte eine eisige Kälte. Die Bise, der kalte Nordwind, blies heute ziemlich kräftig, und selbst in dem gegenüber der restlichen Schweiz einige Grad wärmeren Basel war es eiskalt.

Sie wechselte den heißen Kaffeebecher von der rechten in die linke Hand. So früh am Morgen – es war kurz nach sieben Uhr - war hier nichts los. Die ersten Studenten würden frühestens in einer halben Stunde kommen.

Heute Morgen war sie mit Franca um sechs Uhr zum Frühstücken verabredet gewesen. Normalerweise stand Marika nicht so früh auf, aber Franca war momentan mit ihrer Arbeit ziemlich unter Druck. Da musste sie, wenn sie ihre Freundin auch mal hin und wieder sehen wollte, früh aufstehen. Allerdings war Franca nicht erschienen. Auch als Marika an ihre Tür geklopft hatte, in der Annahme, ihre Freundin habe verschlafen, hatte sie keine Antwort erhalten. Offenbar hatte Franca die Nacht an der Mikrosonde durchgearbeitet. Rasch hatte Marika ihr Müsli heruntergeschlungen und beschlossen, zuerst zum Mineralogischen Institut zu fahren und Franca einen Kaffee vorbei zu bringen.

„Guten Morgen, Marika. Sie sind aber früh dran.“

Marika fuhr herum und schaute in das freundlich lächelnde Gesicht von Agnes Stamm, der Sekretärin der Mineralogie. Sie war meistens vor allen anderen am Institut. So könne sie in Ruhe arbeiten, hatte sie einmal lachend gesagt.

Marika erwiderte den Gruß. „Franca muss heute Nacht an der Sonde durchgearbeitet haben“, fügte sie an.

„Die Arme“, seufzte die Sekretärin. „Professor Krüger macht ihr das Leben wirklich zur Hölle.“

„Ich wollte ihr einen Aufmunterungskaffee bringen.“ Marika hob den Kaffeebecher.

„Das ist eine gute Idee. Sie wissen ja, wo die Sonde steht.“ Agnes Stamm nickte ihr zu und verschwand in einem Gang.

Marika rückte ihren Rucksack zurecht und schlug den entgegengesetzten Weg ein. Tatsächlich schimmerte unter der Tür zum Raum, in dem sich die Mikrosonde befand, Licht hindurch. Marika empfand Mitleid mit ihrer Freundin. Sie konnte nicht verstehen, warum Franca dermaßen um eine Diplomarbeit bei Krüger gekämpft hatte. Natürlich war Vulkanologie für sie das ein und alles. Aber war es das wirklich wert? Unter diesen Bedingungen?

Marika klopfte mit der freien Hand an. Da sie keine Antwort hörte, öffnete sie einfach die Tür.

„Frühstücksservice!“, rief sie, als sie ihre Freundin am Tisch erblickte.

Doch Franca rührte sich nicht. Sie hatte Marika den Rücken zugewandt und saß in einer eigenartigen Haltung auf dem Stuhl. Ihr Kopf war leicht nach hinten geneigt. Ganz so, als würde sie schlafen. Das musste völlig unbequem sein. Erneut empfand Marika Mitleid für ihre Freundin.

Sie ließ ihren Rucksack auf den Boden plumpsen und durchquerte den Raum. Nachdem sie den Kaffeebecher auf den Tisch gestellt hatte, wandte sie sich Franca zu. „Aufwachen!“ Mitten in der Bewegung hielt sie inne, als sie ihre Freundin erblickte. Die Haltung, in der sie auf dem Stuhl saß, sah völlig unnatürlich aus.

„Franca?“ Ihre Freundin starrte sie mit weitaufgerissenen Augen an. Einzelne Äderchen waren in ihnen geplatzt. Entsetzen spiegelte sich in dem unnatürlich blass erscheinenden Gesicht wider.

„Franca?“, wiederholte Marika und berührte die Schulter ihrer Freundin. „Ich bin es nur.“

Francas rechte Hand, die am Hals gelegen hatte fiel herunter, und ein roter Striemen kam darunter zum Vorschein. Hypnotisiert starrte Marika darauf. Sie war unfähig, sich zu rühren. Ihr Blick huschte zu dem Brustkorb ihrer Freundin. Kein Heben und Senken. War das möglich? Schließlich schaffte sie es doch, ihre Hand anzuheben und nach dem Puls an Francas Hals zu tasten. Die Haut fühlte sich kalt an. Und leblos. Fast wie Wachs. Auch das zu erwartende Pochen unter der Haut fehlte.

Ein Schrei hallte durch die morgendliche Stille. Marikas Kopf ruckte hoch. Dann wurde ihr klar, dass sie es gewesen war, die geschrien hatte, und sie schrie erneut.

 

Marika stützte die Hände auf das Waschbecken und versuchte gleichmäßig zu atmen. Immer noch hatte sie den beißenden Geschmack von Erbrochenem im Mund. Sie schloss die Augen, riss sie aber sogleich wieder auf, da sie Franca vor sich sah, wie sie sie mit ihren leblosen Augen anstarrte.

Marika nahm einen weiteren Schluck Wasser, was keine besonders gute Idee war. Sogleich rumorte es in ihrem Magen. Sie kämpfte gegen den Würgereiz an. Es half nichts. Im gleichen Augenblick schoss das eben getrunkene Wasser aus ihrem Mund ins Waschbecken. Es dauerte eine Weile, bis der Würgereiz abgeklungen war. Marika lehnte sich an die Wand. Ihre Speiseröhre brannte.

In diesem Moment öffnete sich hinter ihr die Tür. Agnes Stamm trat neben sie und berührte ihre Schultern.

„Geht es wieder?“ Marika zuckte mit den Schultern, nickte aber dann. „Die Polizei ist da und möchte mit Ihnen sprechen.“

Marika schluckte die neu aufsteigende Übelkeit herunter. „Ich kann jetzt mit niemanden reden“, brachte sie mühsam hervor. Ihre Stimme klang völlig rau. „Ich möchte niemanden sehen.“

„Ich weiß nicht, ob die Polizei das gelten lassen wird.“

Marika senkte den Kopf. „Vermutlich nicht. Ich komme gleich.“

„Sie sind in meinem Büro.“ Die Sekretärin drückte Marikas Schulter erneut und verließ den Toilettenraum.

Marika rutschte mit dem Rücken an die Wand gelehnt zu Boden. Sie fror. Die Polizei ... Das machte die Sache immer realer. Schließlich sprang sie entschlossen auf. Sie schwankte und umklammerte mit den Händen das Waschbecken, bis der Schwindel abebbte. Je eher sie es hinter sich brachte, desto besser. Marika spritzte kaltes Wasser ins Gesicht und atmete tief durch.

Mit schweren Schritten verließ sie das WC und schlug den Weg zu Agnes Stamms Büro ein. In der offenen Tür blieb sie stehen. Drinnen warteten zwei Männer. Sie standen nebeneinander und schauten aus dem Fenster. Marika räusperte sich und klopfte an den Türrahmen. Die beiden drehten sich um. Der eine von ihnen war hager und musste Mitte fünfzig sein. Seine grauen Augen wirkten hinter der Brille übernatürlich groß. Auf seinem Schädel schimmerten weiße, millimeterlange Haarstoppeln, die den Kopf wie einen weißen Haarkranz umgaben. Die gesamte Erscheinung wirkte irgendwie unnahbar. Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Marika. Von oben nach unten, wie ihr schien. Es war, als unterzöge er sie einer Prüfung.

Beim Anblick des zweiten Polizisten stockte Marika der Atem. Auch er war groß und schlank, aber sehr muskulös. Er war deutlich jünger als sein Kollege – Ende zwanzig oder Anfang dreißig. Die dichten braunen Haare standen etwas vom Kopf ab. Seine dunkelbraunen Augen musterten sie ebenfalls. Aber nicht abschätzig, wie die des älteren Beamten, sondern eher interessiert.

Einen Moment rührte sich niemand von ihnen, dann machte der jüngere einen Schritt auf sie zu. Marika wurde sich dessen bewusst, dass sie den Mann mit offenem Mund anstarrte und klappte ihn zu. Sofort kehrte sie in die Realität zurück und wich seinem Blick aus.

„Sind Sie Marika Wenger?“, fragte der Hagere. In seiner Stimme lag eine für Marika unerklärbare Schärfe. Sie brachte keinen Ton heraus und konnte nur nicken. „Kriminalkommissariat Basel-Stadt. Ich bin Fritz Brunn und das ist mein Kollege Simon Forster. Wie uns mitgeteilt wurde, haben Sie die Leiche gefunden?“

Die Leiche! Sie hat einen Namen, dachte Marika wütend. Tränen schossen in ihre Augen. Rasch blickte sie zur Seite. „Ja“, sagte sie leise.

„Wir würden Ihnen gerne einige Fragen stellen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Doch, das macht es mir, dachte sie. „Kein Problem“, antwortete sie aber stattdessen.

„Bitte nehmen Sie Platz.“ Brunn wies auf einen Stuhl. Mit weichen Knien rutschte Marika auf den Holzstuhl. Dabei begegnete ihr Blick dem Forsters. Er musterte sie kurz und schritt zur Tür, um sie zu schließen. Dann setzte er sich neben seinen Kollegen, der hinter Agnes Stamms Schreibtisch Platz genommen hatte. Der Tisch stand wie eine Barriere zwischen ihnen. Marika hatte das Gefühl, auf einer Anklagebank zu sitzen.

Aus seiner Jackentasche holte Forster ein kleines Notizheft und einen Stift hervor. Er nickte Brunn zu, der sogleich mit der Befragung begann.

„Vielleicht dieses vorweg, haben Sie etwas verändert, als Sie den Raum betreten haben?“

„Verändert?“

„Angefasst, entfernt oder hingestellt?“

Marika schüttelte zuerst den Kopf. „Ich habe den Kaffee neben die Mikrosonde gestellt?“, sagte sie dann.

„Kaffee?“, wiederholte Brunn. Die beiden Beamten wechselten einen Blick.

„Ich habe Franca Kaffee mitgebracht.“ Tränen traten in ihre Augen. Sie musste blinzeln und senkte den Kopf, hob ihn dann aber sogleich wieder.

„Haben Sie etwas angefasst?“

„Nein, ich glaube nicht.“

„Sie haben also nichts mitgenommen?“, fragte er mit Nachdruck. Marika schüttelte den Kopf.

„Haben Sie die Leiche berührt?“

Marika fuhr zusammen. Nur mit Mühe konnte sie ein Zittern unterdrücken. „Nein ... Doch“, stammelte sie. „Ich habe Franca an den Schultern angefasst. Ihr Arm ist herabgefallen.“

„Herabgefallen?“

„Sie hatte die Hand an den Hals gelegt. Die ist heruntergerutscht. Dann habe ich diesen roten Strich an ihrem Hals gesehen und nach dem Puls gefühlt.“

„Und sonst?“, hakte Brunn nach.

„Ich weiß nicht ... An das nächste, an das ich mich erinnern kann, ist, dass Frau Stamm mich zu den Toiletten gebracht hat.“

Brunn lehnte sich nach hinten. Mit den Fingern trommelte er leicht auf den Tisch. Seine Augen waren unverwandt auf sie gerichtet. Marika spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden. Hatte sie einen Fehler gemacht?

„Bitte schildern Sie genau, wie Sie Franca Cavalli gefunden haben. Und warum Sie nach ihr geschaut haben. Schließlich waren Sie sehr früh am Institut.“

Sie konnte nicht erklären, warum sie das Bedürfnis verspürte, sich verteidigen zu müssen. Mit brüchiger Stimme begann Marika zu berichten, dass Franca nicht zu ihrer Verabredung zum Frühstück erschienen war. Wie sie beschlossen hatte, ihr einen Kaffee vorbei zu bringen und wie sie ihre Freundin angetroffen hatte.

Brunn unterbrach sie nicht, und Forster machte weiterhin Notizen in das kleine Büchlein. Als Marika geendet hatte, breitete sich Schweigen im Raum aus. Nach einigen Sekunden wurde es von Brunn gebrochen.

„Sie wohnen also in der gleichen Unterkunft?“

„Ja.“

„Wie lautet Ihre Adresse?“

„Ich wohne im Personalwohnheim des Bruderholzspitals - Zimmer 210.“

„Wie war Ihr Verhältnis zu Frau Cavalli?“

„Sie ist meine Freundin.“

Brunn neigte den Kopf. „Kennen Sie sich bereits lange?“

„Wir kennen uns seit dem Kindergarten.“

Ein Ausdruck huschte über das Gesicht des Beamten, den Marika nicht deuten konnte. „Das ist eine lange Zeit. Standen Sie die ganze Zeit in Verbindung?“ Marika nickte und fragte sich, was das mit dem Tod ihrer Freundin zu tun hatte. „Also, etwas ausführlicher möchte ich das schon wissen.“ Eine Schärfe, die Marika sich wiederum nicht erklären konnte, schwang in seiner Stimme mit.

Sie holte tief Luft. „Wir waren Nachbarskinder, besuchten den gleichen Kindergarten und gingen auch später in dieselbe Schule ...“

„Ihrem Dialekt nach zu urteilen sind Sie nicht von Basel“, fuhr Brunn dazwischen.

„Nein, wir - Franca und ich - stammen aus Aarau.“

„Und nach der Schule?“, wollte er weiter wissen.

„Nach der Schule beschlossen wir gemeinsam zu studieren. Sie wollte Vulkanologin werden und ich Paläontologin.“

Marika blickte an den Beamten vorbei zum Fenster. An der Uni wurden sie die Aarauer Zwillinge genannt. Nicht, weil sie einander im Aussehen ähnelten, sondern weil sie meistens zusammen anzutreffen waren. Sie galten als unzertrennlich, was hin und wieder belächelt wurde. Ihr Aussehen hätte aber nicht unterschiedlicher sein können. Franca hatte lange glatte schwarze Haare, die so dunkel waren, dass sie schon leicht bläulich schimmerten. In ihren dunklen Augen waren ihre Pupillen gar nicht mehr richtig zu erkennen. Auch ihr olivbrauner Teint wies deutlich auf ihre südländische Abstammung hin. Marika dagegen hatte blaue Augen und lange, leicht gelockte Haare, die intensiv rotbraun leuchteten. Bereits häufig war sie darauf angesprochen worden, welches Haarfärbemittel sie verwendete. Unglaube war jedes Mal in den Gesichtern der Leute auszumachen, wenn Marika betonte, dass es die Naturfarbe sei.

„Frau Wenger!“, hörte sie mit einem Mal Brunns schneidende Stimme.

Marika erschrak und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Brunn hatte die Augen zusammengekniffen.

„Entschuldigen Sie bitte“, murmelte sie.

Forster beobachtete sie ebenfalls. Doch sein Gesichtsausdruck wirkte im Gegensatz zu Brunns neutral. Einzig seine Augenbrauen waren leicht angehoben. Plötzlich wünschte Marika, er würde die Befragung durchführen, denn sie schätzte ihn einfühlsamer als Brunn ein.

„Würden Sie bitte endlich meine Frage beantworten!“, rief Brunn.

„Entschuldigen Sie bitte, aber können Sie diese noch einmal wiederholen?“

„Nochmals.“ Er klang mehr als ungeduldig. „Sie standen einander also sehr nahe.“

„Wir waren wie Schwestern“, rutschte es Marika heraus, bevor sie ihre Antwort gut überlegt hatte.

„Wie Schwestern?“, fragte Brunn. Marika konnte seinen Tonfall nicht deuten. „Schwestern haben auch mal Meinungsverschiedenheiten.“

„Wie bitte?“

„Wo waren Sie gestern Abend?“

Marika schluckte. Er muss das fragen, sagte sie sich. Das muss er bei jedem machen. „Ich war auf meinem Zimmer.“

„Im Personalwohnheim?“

Marika nickte.

„Dort waren Sie den ganzen Abend?“

„Ja. Ich musste die Arbeiten aus dem paläontologischen Praktikum korrigieren.“

Ein fragender Ausdruck huschte über Forsters Gesicht.

„Ich leite die Übungsstunden und bin auch für die Prüfungen verantwortlich.“

„Wie geht denn das?“, fragte Forster. Es war das erste Mal, dass er das Wort ergriff und sich an der Befragung beteiligte. Im Gegensatz zu Brunns ausgeprägtem Basler Dialekt klang sein breiter Berner Akzent wie Musik in Marikas Ohren. Sie fühlte sich sogleich an ihre Großmutter erinnert, die aus dem Berner Oberland stammte. Unerwarteterweise spendete gerade das ihr ein wenig Trost. „Ich denke, Sie sind selber Studentin?“

„Doktorandin“, korrigierte Marika. „Ich hoffe, im Sommer meine Doktorarbeit abschließen zu können.“

„Und danach?“, wollte Forster wissen. Seine Stimme klang weich. Es war wohltuend nach Brunns anklagendem und schneidendem Tonfall. Trotzdem war sie auf der Hut.

„Ich habe ein Angebot für eine Dozentenstelle an der Uni hier. Professorin Finn geht in einigen Jahren in den Ruhestand.“ Warum erzählte sie ihm das eigentlich? Außerdem wurde Marika plötzlich das Gefühl nicht los, dass die beiden gerade „guter und böser Polizist“ mit ihr spielten.

„Aber Franca Cavalli schrieb an Ihrer Diplomarbeit ...“ Forster blätterte einige Seiten in seinem Notizbuch zurück. „... oder habe ich es falsch verstanden, und es handelte sich auch um ihre Doktorarbeit?“

„Nein, sie hat zwischendrin ein Jahr Auszeit genommen. Sie brauche eine Pause, hatte sie gesagt. Dieses Zwischenjahr, wenn Sie es so nennen wollen, hat sie in Italien verbracht. Als sie zurückkehrte, hat sie es etwas langsamer angehen lassen.“

„Und Sie haben Ihr Zimmer nicht mehr verlassen?“, fuhr nun Brunn dazwischen. Marika war erstaunt, dass er sich von Forster hatte unterbrechen lassen und so lange geschwiegen hatte. Wie es aussah, gab es doch kein Spiel guter Polizist und böser Polizist. Sie war sich sicher, Forster würde später zurechtgewiesen werden, so wie Brunn seinen Kollegen anschaute. Der Plauderton, mit dem sie der jüngere Beamte befragt hatte, passte eindeutig nicht zu Brunns Stil.

„Ich war den ganzen Abend auf dem Zimmer.“

„Sie sind wirklich nie rausgegangen?“, bohrte Brunn nochmals nach.

„Nur, um mir in der Gemeinschaftsküche einen Tee zu machen.“

„Also haben Sie Ihr Zimmer doch verlassen!“

Brunn kniff die Augen zusammen. Marika spürte, wie ihr heiß wurde. Er verdächtigt mich, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie verschränkte die Finger ineinander, damit ihre Hände nicht anfingen zu zittern.

„Das Personalwohnheim haben Sie zufälligerweise nicht auch noch verlassen?“

„Nein. Ich habe mir nur einen Tee geholt.“

„Sind Sie fertig geworden?“

„Womit?“ Marika bemühte sich, möglichst gelassen zu wirken.

„Mit dem Korrigieren?“, rief Brunn ungeduldig.

„Nein.“

„Hat Sie jemand in der Küche gesehen?“

„Nein.“

„Kann jemand bezeugen, dass sie das Personalwohnheim nicht verlassen haben?“

„Nein. Ich war den ganzen Abend alleine.“

„Sie haben auch nicht telefoniert?“

„Nein. Von außen kann höchstens jemand gesehen haben, dass das Licht in meinem Zimmer brannte.“

„Das kann man auch anlassen, wenn man geht.“

Jetzt begann Marika zu schwitzen. Dann nahm allerdings ihre Empörung Oberhand. „Wollen Sie etwa andeuten, ich hätte Franca umgebracht?!“

Brunn antwortete nicht. Doch das Heben seiner Augenbrauen reichte aus, den Knoten in Marikas Brust zu vergrößern.