Todesfall und Topfenstrudel

Ein Mord zu viel in Murnau

Kate Delore


ISBN: 978-3-96415-061-5
2. Auflage 2020
Copyright © 2018 by Latos-Verlag, Wilhelm-Loewe-Str. 34, 39240 Calbe/Saale

Coverdesign: Grittany Design (Berlin) unter Verwendung von Adobe Stock (© dariaustiugova, © vectorbox, © Atelier M., © kebox, © Manuel Adorf, © Nik_Merkulov, © Guido Grochowski, © Alen-D, © Pixelliebe
Korrektorat/Lektorat: Michaela Marwich, Textcheck-Agency

Alle Rechte vorbehalten.
www.latos-verlag.de

Inhalt

Begriffserklärung / kleines Bayerisch-Lexikon

 

aufbrezeln : aufhübschen, aufdonnern

Auf der Brennsuppn dahergschwumma: beschränkter Mensch, der keine Ahnung hat

aus’gschamt: unverschämt

Ausschmieren: übers Ohr hauen, hereinlegen

Aff : dummer, alberner Kerl / eitler Mensch

Ach ge! : echt? Wirklich? / Ach komm schon

Bazi : Schlingel

Bagasch : Gesindel

bisserl, a : bisschen

Bixlmadam : Frau mit wenig Geld, die sich aber auftakelt und vornehm gibt

Bulldog : Traktor

Bussi : Kuss

Bläder : blöder Mensch

Brotzeit : Imbiss, Mahlzeit

dappig : dümmlich / benommen, betäubt

Depp : Idiot, Dummkopf

deppert : bekloppt, dämlich, hirnlos, dumm

Dog : Tag

Dorftrottel : Idiot, Trottel

Dreckhammel : derber, unverschämter, versauter Mensch

Drecksau : gemeiner, unverschämter Mensch/Schmutzfink

Dreckhund : gemeiner, rücksichtsloser Mensch

Falscher Fuchzger : Betrüger, unaufrichtiger Mensch

fei : übrigens, wirklich, wohl, doch

Fotzn : Ohrfeige

flacken : herumliegen, faulenzen

Flitscherl : leichtlebige junge Frau, Flittchen

freili : freilich, natürlich

Gaudi : Spaß, Vergnügen

Geldiger, a : reicher, vermögender Mensch

Ge? / Gell? : Nicht wahr? Oder?

Gescheiter, a : Vernünftiger, Kluger

Goaßlschnalzer : Männer, die mit einer Geißel / Peitsche knallen, bayerische Tradition

Gspickter, a : reicher, wohlhabender Mensch

Gspinnerter, a : Verrückter

Gspusi : Geliebte, (intime) Freundin, Liebhaber

grantig : schlecht gelaunt, mürrisch, gereizt

grausen : ekeln, sich grauen

greislich : hässlich, abscheulich

Gwasch : Flüssiges zum Trinken, das nicht schmeckt

Gscheithaferl, das : Besserwisser

Gschleckter, a : herausgeputzter, schleimiger Kerl

Gschieß : unnötige Aufregung, Wirbel

Ha? : Wie bitte? Nicht wahr?

Hanswurst : Narr / dummer Mensch

Haum : Mütze

Habedere : Habe die Ehre, bayerische Grußformel

Haring : sehr dünner, schlaksiger Mensch

hell auf der Plattn : gewieft, aufgeweckt

Himbeerdoni : Depp vom Dienst

Hirndappiger : beschränkter, verrückter Mensch

Hirsch : Narr, Tölpel

Hund / Hundling : Spitzbub / gewitzter, gewiefter Kerl

Hundskrippe : gerissener, bösartiger Mensch

Huat : Hut

Jessas : verwunderter Ausruf, Unmut

Kasperltheater : albernes Verhalten, alberner Vorgang

kraxeln : klettern

Krautstampfer : dicke, unförmige Beine

Krampf : Unsinn, Blödsinn

Kreuz, das : schwere Bürde, Leid

Kruzifünferl : verärgerter Ausruf, Unmut

Lackl : ungehobelter Kerl

Lump : betrügerischer, charakterloser Mensch

Madl / Mädl : Mädchen

Matz : durchtriebene weibliche Person, Luder

mei o mei : entsetzter, erstaunter Ausruf

mei : Macht doch nichts, kann es nicht ändern, auch Freude, Lob

mistig : miserabel, verflucht

Mistgurgel : bissige, zänkische Frau

Minga : München

Mistvieh : bösartige Frau

narrisch : verrückt, unvernünftig, geisteskrank, zornig

Oide : Alte

pack ma’s : auf geht’s, los geht’s

Pfiat di : bayerische Grußformel, Pass auf dich auf, auf Wiedersehen

Presssack : Presswurst, dicker Mensch

pressieren : eilig, dringend, sich beeilen

Ranzen : dicker Bauch

Räuscherl : Schwips, kleiner Rausch

Rindvieh : begriffsstutziger Mensch

Rössel : Pferd

Ruß : Bier-Misch-Variante aus Weißbier und Zitronenlimonade

sauber : Anerkennung, Erstaunen / gutaussehende Person (=saubere Frau), auch Ausdruck für Verärgerung, Enttäuschung

Sauhund : gerissener, durchtriebener Kerl

sakra : Schimpfwort, verwunderter/verärgerter Ausruf

sappralot / sappradi : harmloser verärgerter / empörter Ausruf

Sakrisch : sehr, gewaltig

Semmel : Brötchen

Standlbude : Marktbude

Schlawiner : schlauer, gerissener Mensch

Schleich dich! : Verschwinde! Schau, dass du weiterkommst!

Schmarrn : Unsinn, Schwachsinn, leeres Gerede

schnaxeln : Geschlechtsverkehr praktizieren

schee : schön

scho : schon

Vergelt’s Gott : Dankesformel

verlaust : verkommen, ungepflegt

verreckt : abscheulich / anspruchsvoll / listig, clever

verschandeln : verunstalten

Wastl : Kurzform von Sebastian

Wampe : dicker Bauch

Weibsbild : Frau

Wenn der Hund ned gschissn häd : Redewendung, „Müßig im Nachhinein darüber nachzudenken, was man alles hätte besser machen können“

wuid : wild

Zwetschge : Pflaume

Zugroaste : Zugereister, Preuße, nicht einheimisch

Zwiderwurzn : schlecht gelaunter Mensch, unausstehlich

Prolog

Murnau-Süd, 2. November

 

»Heute ist ein geiler Tag zum Sterben!«, hallte die Stimme des Mannes über den Platz des Hotels, vor dem sich immer mehr Passanten versammelten und angstvoll zu dem Todeswilligen auf dem Fensterbrett hinaufsahen.

Breitbeinig und nur in Hemd und Boxershorts bekleidet stand er auf dem Fenstersims im 4. Stock.

»Ihr glaubt alle, ihr wüsstet Bescheid, ihr mit euren erbärmlichen kleinen Leben«, schrie er.

»Ich habe die Eintrittskarte in das Paradies.« Er tippte sich stolz an seine Brusttasche, dann hob er sein Glas, als wolle er der Menge zuprosten. Dabei schwankte er so bedrohlich, dass ihn viele im Geiste längst fallen sahen und erschrocken aufschrien. Er reagierte darauf spöttisch mit leicht tänzelnden Bewegungen und dem Schwenken seines Drinks in der rechten Hand.

»Ihr bleibt alle hier auf dieser beschissenen Welt! Ich wurde auserwählt, ihr Loser!«

Überschwänglich hob er sein Glas gen Himmel. »Ich kann fliegen. Ciao und pfiat di, du schäbige alte Welt.«

Dabei leerte er das Glas in nur einem Zug. Es musste überaus hochprozentigen Alkohol enthalten haben, denn kurz darauf begann der Mann heftig zu schwanken, seine Bewegungen wurden unkontrolliert und letztlich schien er das Bewusstsein zu verlieren. Sein Körper sackte nach vorne und unter dem lauten Aufschrei der Zuschauermenge stürzte er vier Stockwerke in die Tiefe, bis er mit einem entsetzlichen Geräusch auf dem Betonboden aufkam, genau in dem Moment, als die ersten Einsatzfahrzeuge die Hotelauffahrt erreichten.

Die umstehenden Passanten wichen mit entsetzten Schreien zurück, dann verteilten sie sich aufgeregt durcheinanderredend, um den leblos am Boden Liegenden, neben dessen regungslosen und seltsam verdrehten Körper sich rasch eine tiefrote Blutlache ausbildete.

»Achtung! Bitte räumen Sie den Platz«, dröhnte ein Polizist mit einem großen Lautsprecher. Der Bereich leerte sich rasch, da obendrein die Windstärke zunahm. Die längst völlig kahlen Laubbäume schaukelten bedrohlich, als würden sie gleich umstürzen und die Zuschauer unter sich begraben. Ein für diese Jahreszeit nicht typisches Unwetter braute sich am Abendhimmel zusammen.

Die Polizei transportierte die Leiche zügig ab, bevor das sich ankündigende Gewitter den Toten womöglich äußerlich ramponieren und alle Spuren verwischen würde. Schlagartig setzte ein heftiger Graupelschauer ein und schlug die letzten, hartnäckigen Zuschauer in die Flucht.

Als eines der seltenen winterlichen Gewitter in der Geschichte Murnaus kurze Zeit später überstanden war, herrschte am nächsten Morgen strahlender Sonnenschein bei deutlich kühlen Temperaturen, fast so, als hätte es den seltsamen Vorfall am Vortag nie gegeben. Das Wetter schert sich nicht um die Menschen, nicht die Lebenden, nicht die Toten.

Ein aus der Nacht zuvor übriggebliebener Nachtschwärmer setzte sich torkelnd auf eine Parkbank. Er beugte sich wippend hin und her.

»Nanu? Was bist du denn?«, lallte er vor sich her und zog unterhalb neben der Parkbank liegend eine dem Wind und Wetter standgehaltene schwarze Karte hervor. Er betrachtete ihren eigenartigen metallenen Glanz und ihre Gravierung mit wachsender Faszination.

»Du wirst mich reich machen, Baby! Aber zuerst erfüllst du einen anderen Zweck.«

Der deutlich angetrunkene Partygänger zog einen kleinen Plastikbeutel aus seiner Jacke hervor, die mit pulverförmigen weißlichen Kristallen gefüllt war. Er streute reichlich davon auf seinen linken Handrücken, den er flach ausgestreckt vor sein Gesicht hielt. Mit der rechten Hand benutzte er die Karte und schob sich das gefährliche Pulver in eine waagerechte Linie zurecht.

»Ich ziehe mir jetzt eine Line und dann ist alles fein«,

dichtete er genüsslich, während er ein dünnes Papierröllchen ansetzte und nur Minuten später ein neuer, tödlicher Rausch einsetzte.

Es sollte das letzte und intensivste Delirium seines Lebens werden.

 

1. Kapitel: Finstere Erinnerungen

 

9. November

 

Ich rieb meine feuchten Hände an der dunkelblauen Jeans entlang. Meine Nervosität versuchte ich, so gut es mir gelingen konnte, zu unterdrücken. Nur mein gänzlich trockener Mund ließ erahnen, wie es um mein Inneres bestellt war. Ich trank einen Schluck Wasser aus meinem bereitgestellten Glas.

Dann legte ich leise los: »Es war der 20. Oktober, kurz vor dreizehn Uhr, eben ein normaler Wochentag. Ich hatte nur vor, ihn rasch in meiner Mittagspause zu begrüßen und ihm ein langes Bussi aufzudrücken …«

Kurz sah ich nach oben in das helle Weiß der Decke, bis mir leicht schwindelig wurde. Stockend sprach ich weiter.

»Ich ging an meinem großen Holzschrank im Flur vorbei, jener Bereich, der für Til verboten war, wo mein teures Brautkleid sicher vor ihm verstaut war. Und dann sah ich ihn. Er lag klaglos da, friedlich auf unserem weißen Mahagoni-Himmelbett. Seine Hände lagen erschlafft und symmetrisch an seinem Körper und sein Gesicht schaute direkt nach oben, auf die schnörkelige Deckenverzierung, wobei seine Augen geschlossen waren. So, als würde er die hereinbrechende Oktobersonne genießen und nur ein kurzes, erholsames Nickerchen in seiner Mittagspause machen. Er trug wie so oft einen dunklen Anzug und ein graues Hemd. Seine schwarzen Lackschuhe standen kreuz und quer im Wohnungsflur, so wie er das immer tat, wenn er mal kurz in seiner Mittagspause heimkam.«

Meine Stimme versagte mir den Dienst und stumm betrachtete ich meine Hände, an denen am Ringfinger bis zum jetzigen Zeitpunkt mein Verlobungsring funkelte. Ich dachte daran, wie Tilman ihn mir das erste Mal über den Finger streifte und hatte das Gefühl, der Schmerz würde mich überwältigen.

»Erst wollte ich ihn nicht wecken und schlich mit Leisetretern wieder aus der Tür. Nach fünf Minuten warf ich doch nochmals einen prüfenden Blick über die Schwelle. Auf den zweiten Eindruck sah er gar nicht schläfrig aus, sondern auf irgendeine Weise erstarrt.

›Til, schläfst du?‹, fragte ich ihn vorsichtig. Keine Antwort, nur unsere schwere braune Standuhr im Wohnzimmer schlug mit tiefen Tönen die volle Stunde. Das schien ihn nicht aus dem Schlaf zu reißen, denn er machte keinen Mucks.

›Til? Du kommst zu spät zur Arbeit.‹ Immer wieder rief ich nach ihm, aber er antwortete mir nicht.

Nach ein paar Minuten ging ich zu ihm und schüttelte ihn, so heftig ich konnte, doch er rührte sich nicht. Til wollte nicht aufhören, mir Angst einzujagen. Dann nahm ich kurzerhand seinen langen gräulichen Rückenkratzer, der neben unserem Bett in einer Kommode verstaut war und kitzelte ihn an seiner empfindlichsten Stelle, den Füßen. Spätestens da würde er lachend aufspringen und wäre wieder quicklebendig. Er blieb regungslos, sogar nach sekundenlangem Dauerkitzeln. Irgendwann begriff ich es. Die Erkenntnis sickerte wie Gift in mein Bewusstsein, ein lähmendes, tödliches Gift. Es war so schrecklich, ich konnte es nicht glauben. Minuten vergingen, bis ich in der Lage war, die Polizei zu verständigen. Dann nahm ich nach längerem Warten den Hörer und rief die eins eins null an. ›Kommen Sie schnell, mein Freund wurde umgebracht!‹, schrie ich verzweifelt.«

 

Bei der Erinnerung schnürte sich mir die Kehle zu und ich spürte, wie mir heiße Tränen über mein Gesicht liefen.

»Umgebracht? Frau Häfner? Soweit ich es aus dem Zeitungsbericht entnehmen konnte, gab es bei Herrn von Birstendorff keinerlei Anzeichen auf einen Tötungsdelikt oder Fremdeinwirkung …«

Die Frau mir gegenüber musterte mich mit der ihrer Profession eigenen Mischung aus Verständnis und Mahnung.

»Ich weiß, ich weiß«, winkte ich rasch ab. Ich wusste ja selbst nicht, woher das Wissen, dass Tilman ermordet worden war, damals gekommen war, doch es handelte sich um eine tiefe Gewissheit, von der ich trotz aller gegenteiligen Beweise nicht abrücken wollte.

»Das war mein erster Impuls. Ich hätte doch nie damit gerechnet, dass Til nicht mehr leben will. Niemals.« In düstere Gedanken versunken sah ich in die dumpf leuchtende, mokkabraune Stehlampe, die links von meinem Gesichtsfeld lag und deren Lichtschein sich auf der Tapete abzeichnete.

Frau Putovic saß auf ihrem runden olivgrünen Sessel und notierte sich eifrig Stichpunkte auf ihrem Block. Sie schob ihre dunkelbraun umrahmte Brille, die sich zuerst auf den Nasenhöckern befand, wieder in die obere Nasenregion zurück. Das unternahm die Psychologin immer, wenn sie spürte, dass ich an der fixen Idee von Tilmans Ermordung festhielt.

»War Ihr Freund denn sonst ein glücklicher Mensch?«

Ich dachte kurz nach und spürte, wie sich meine Kiefermuskeln vor Anspannung und Schmerz verkrampften. Die Erinnerung an Til fügte mir unendlichen Kummer zu. Ich hatte das Gefühl, kaum atmen zu können, geschweige denn am Leben teilzunehmen.

»Ich denke schon. Er war ein aktiver Typ, unternahm oft mit mir sonntägliche Spritztouren und hatte daneben einige Freunde und Kollegen, die ihn mochten. Mit Paul unternahm er sogar regelmäßige Bergtouren. Erst im September sind sie auf den Herzogstand gekraxelt.«

Frau Putovic kritzelte irgendetwas Unleserliches wie ein Auto mit vier Reifen auf ihren Notizblock und überschlug elegant ihre Beine, an denen schwarze Pumps baumelten. Dann sah sie wieder zu mir. Wenn es so etwas wie einen Gesichtsausdruck für professionelles Mitleid gab, dann beherrschte sie es perfekt.

»Haben Sie das Gefühl, Sie hätten ihn vom Suizid abhalten können?«

Ich schluckte und sah auf meine Fingerspitzen. Diese Frage quälte mich in jeder Sekunde, die seit Tilmans Tod vergangen war.

»Ob Sie’s glauben oder nicht, aber diese beschissene Frage stelle ich mir jeden Tag selbst. Und ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich hatte nie etwas in der Art bemerkt. Okay, er war in den letzten zwei Wochen leiser als sonst, rauchte eine Zigarre und zog sich damit in sein Arbeitszimmer zurück. Aber da denkt man doch nicht an Selbstmord?«

Ich bemerkte, dass sich in mir alles verkrampfte und mir das Sprechen schwerer fiel, scheinbar so, als wolle mein Körper verhindern, dass ich diese Worte aussprach. Dann holte ich nochmals tief Luft und vertraute ihr mit letzter Kraft etwas an, das ich sonst bisher niemandem gesagt hatte: »Manchmal, da hole ich mein Brautkleid aus dem Schrank und ziehe es extra für ihn an. Ich nehme unser gemeinsames Foto vom letzten Urlaub in der Toskana aus dem Wohnzimmerregal und habe das Bedürfnis, mit ihm zu sprechen. Und dann befrage ich ihn, was an jenem Mittag in ihn gefahren ist. Wieso er seinen Anzug im Bett noch trug und welcher Teufel ihn geritten hat, sich umzubringen. Abgesehen davon hätten wir im April geheiratet. Alles stand schon: Zweihundert Einladungen waren versandt, die Musik bestellt, das Menü, die Location. Eben alles. Eine Antwort habe ich bis jetzt nicht von ihm erhalten.«

Ich wischte mir die Tränen von den Wangen. Nach einem kurzen Seufzer fuhr ich fort.

»Ich fühle mich von ihm unheimlich im Stich gelassen und gleichzeitig erdrücken mich Schuldgefühle Nacht für Nacht, ihn nicht vor dem Tod bewahrt zu haben. Aber wie hätte ich es denn wissen sollen? ›Bis dass der Tod uns scheidet‹ – dieses Versprechen wollte er mir doch sicher geben. Jetzt ist er vor mir aus dem Leben geschieden!«

»Ich weiß, es ist eine schwere Lage für Sie«, antwortete sie betont langsam. »Man kann niemals in einen Menschen schauen, das wissen Sie. Sie müssen versuchen, das Ereignis baldmöglichst loszulassen und akzeptieren, dass Ihr Freund sich nun mal für diesen grausamen Weg alleine entschieden hat.«

»Und was ist, wenn ich das nicht kann?«

»Sie werden es … Nicht heute und nicht morgen. Aber irgendwann schaffen Sie es.«

Frau Putovic zögerte kurz.

»Was sind denn die belastendsten Gedanken rund um den Tod Ihres Freundes?«

»Na ja, da gibt es vieles, was mich bedrückt. Ich dachte immer, dass er glücklich ist … mit mir als Freundin an seiner Seite. Mit unserem gemeinsamen Leben. Womöglich wollte er mich schlicht gar nicht mehr heiraten und das war der einzige Ausweg für ihn, dem Ganzen zu entfliehen.«

Ich schluchzte und senkte den Kopf. Es gab etwas, was ich nicht einmal der Psychologin anvertrauen vermochte, worüber ich mit keinem gesprochen hatte. Zwei Tage vor Tilmans Tod hatten wir einen heftigen Streit durchgemacht. ›Fick dich!‹, hatte ich ihn an dem Abend angeschrien. ›Fick dich, du Arsch!‹ Meine Worte schossen mir abermals wie spitze Pfeile durch den Kopf.

Ich schaute zur Psychologin wieder auf, die bis jetzt gespannt auf meine Antwort wartete. Um es kurz zu machen und allen anderen unangenehmen Fragen auszuweichen, schüttelte ich heftig und abwehrend den Kopf.

»Und deswegen gleich Selbstmord? Ich weiß es nicht. Ich weiß es beim besten Willen nicht.« Dann hielt ich beide Hände vor mein Gesicht, um die erneut in Gang gesetzten Tränen soweit wie möglich zu verbergen. Vor mir hatte sich ein emotional tiefer Abgrund aufgetan, der mich höllisch zu verschlingen drohte.