Der Autor

Ottfried Fischer – Foto © Ursula Düren / dpa

Ottfried Fischer, geboren 1953, wuchs auf dem Bauernhof Ornatsöd im Bayerischen Wald auf und besuchte ein Gymnasium bei Passau. Später studierte er Jura an der LMU München. Seit 1979 stand er als Kabarettist auf der Bühne, 1989 mit seinem ersten Soloprogramm »Schwer ist leicht was«. Zwischendurch arbeitete er als Schauspieler in Fernsehspielen, Filmen und Fernsehserien, darunter die Kultserie »Irgendwie und Sowieso«, »Der Bulle von Tölz« und »Pfarrer Braun«. Bekannt war er auch als Gastgeber der legendären Kabarettsendung »Ottis Schlachthof«. 2014 feierte er Premiere mit seinem Programm »Jetzt noch langsamer«. Anfang Februar 2008 gab Fischer seine Erkrankung an der Parkinson-Krankheit bekannt, wegen derer er seine TV-Karriere ab 2013 weitgehend beendete.

Das Buch

Nach bewegten Jahren in München kehrt Ottfried Fischer, einer der beliebtesten und bekanntesten deutschen Schauspieler und Kabarettisten, heim nach Passau, ins Haus seiner Großeltern. Im Gepäck hat er jede Menge unterhaltsame Geschichten aus dem eigenen Leben und Erinnerungen rund um München und Niederbayern – aber auch eine schwere Erkrankung, die ihn mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert.
Entstanden ist eine außergewöhnliche Lebensbilanz mit vielen so zeitlosen wie vielsagenden Anekdoten und eine überaus kluge Betrachtung dessen, was Heimat ausmacht und was Heimkehr im letzten Lebensdrittel bedeutet.

Ottfried Fischer

Heimat ist da, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen

Ullstein

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ISBN 978-3-8437-2154-7
© 2019 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Rolf Cyriax
Gestaltung: Rudolf Linn
Umschlagabbildung: @ Rudolf Linn
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Widmung

Dieses Buch widme ich:

Dr. Ahle
Walter Bannert
P. Behrens SM
Franz Xaver Bogner
Rolf Cyriax
Elisabeth Fischer
Werner Fischer jun.
Sigrid Hast
Joe Hentschel
Claus Hiendl
Resi Kainz
Günter Knoll
Manfred Krause
Robert Müller
Joseph Gallus Rittenberg
Gabriele Rothmüller
Franz Schäffner
Werner Schneyder
Karl Spiehs
Ernst von Theumer
Thomas Thieringer
Jockel Tschiersch

Und
vor allem

Simone Brandlmeier

Ohne Euch Wegweiser wäre mein Leben anders verlaufen!
Danke.

I
Wald

Land und Leute

Von der Bergwiese aus, dem höchsten Platz unseres Hofes im heutigen Landkreis Passau, überblickt man das oberösterreichische Mühlviertel. Wie ein gewaltiges Aquarell breitet es sich Richtung Osten vor einem aus. Die sanft ansteigenden Höhen lassen in uns Grenzanrainern einen Hauch von Seelenverwandtschaft entstehen, belassen uns aber doch so verschieden, dass selbst der bloß zwanzig Zentimeter breite Grenzbach zwischen Bayern und Oberösterreich deutliche Unterschiede, schon allein im Dialekt, zeitigt. Das angrenzende Gebiet, offiziell »Mühlkreis« genannt, begleitet unseren Blick vom heimischen Horizont des hofeigenen Bannholzes bis zum Ende der leicht und sanft ansteigenden österreichischen Mittelgebirgslandschaft, sodass man weit hinten, fast am Horizont, auf dem Aussichtsturm Ameisberg bei klarem Himmel ohne jegliche Übertreibung eine kniende Ameise ausmachen könnte. Andererseits sahen wir oft, nach einem Dreißig-Kilometer-Ausflug zum Ameisberg, von der Warte aus unseren Hof, der, auf der deutschen Seite als Einziger wahrlich allein stehend, völlig vom Wald umgeben war – Anzeichen des weiter nördlich beginnenden eigentlichen Bayerischen Waldes, der uns die letzten tausend Jahre mit seiner Patina versehen hat.

Der Bayerische Wald fängt also, genau genommen, erst hinter uns an. Was meine Herkunft anbelangt, gestehe ich: Unser Humus ist auch schon manches Mal hart wie Stein. Quarz, Feldspat, Gneis und Glimmer: So setzt sich, da gibt’s nichts zu leugnen, unser Bodenschatz zusammen: Granit! Das beeinflusst natürlich auch unsere Schädel. Mit einem wesentlichen Unterschied zu den echten Bayerwaldgewächsen: Man merkt es uns charakterlich nicht gleich an (den eher zur Grobheit neigenden Steinhauern dagegen schon), dass wir in jeder Richtung außergewöhnlich sind, absonderlich anders, wenn nicht gar ein bisschen schlitzohrig, wie man es gerne im katholischen Bereich vorfindet.

Der Leibhaftige

Zum Beweis mag vielleicht der Franzigl gelten, bei dem seinerzeit Katholizismus und Alkohol neurologisch kollidierten. Es ist Jahre her, da hatte nämlich besagter Franzigl eine Erscheinung: Auf dem Heimweg vom Wirtshaus in früher Morgenstunde begegnete ihm auf einem Waldweg der Leibhaftige. Vollkommen aus dem Häusl wiederholte er daraufhin ständig dieselben Worte: »Ich hab den Teufel gesehen!« Mit diesen Worten weckte er im Schlafgemach meinen Onkel, seinen Nachbarn, der ihn auch sofort fragte: »Hast es hoffentlich noch nicht herumerzählt?«

»Nein, wie denn, ist doch grad erst gewesen«, sprach es aus dem Franzigl. Daraufhin riet ihm der Onkel, die Geschichte mit dem Teufel weiterhin für sich zu behalten, es ja niemandem zu erzählen. Könnte doch sein, fügte er hinzu, dass es dem Teufel vielleicht auch gar nicht recht wäre, wenn man seine nächtlichen Ausflüge so indiskret verbreite, zumal die Großmutter des Besagten, so heißt es doch, ein rechtes Luder sei, mit dem nicht zu spaßen wäre, kurzum, man solle, so sei es bekannt, sich als Mensch besser nicht aufs Teufelswerk einlassen. Mit diesen Worten schlüpfte der Onkel in seine eiskalten Gummistiefel und wandte sich seiner Stallarbeit zu.

Der Franzigl, trotz der Ratschläge alles andere als gefestigt in Sachen Metaphysik und Luzifer, blickte irgendwo zwischen ungewiss, ratlos und ängstlich, wenn auch noch erfüllt vom Strudel der Ereignisse, und sagte: »Aber ich hab ihn doch gesehen – wirklich!«

Mein Onkel, ein nachbarschaftlich versierter Kenner der Persönlichkeit des Franzigl und selbst gleichwohl guter Katholik, aber offenbar in Glaubensfragen eher beseelt von einer Meinung, dass Teufelserscheinungen in erster Linie alkoholbedingt zustande kommen und so weitaus leichter erklärbar sind als umständlich parapsychologisch – gerade in einem solch kleinen Dorf wie Hitzing, wo für sechzig Einwohner wöchentlich mindestens vier verschiedene vollgeladene Bierautos vorfuhren –, holte ein letztes Mal aus: »Ich war nicht dabei, aber wie auch immer, besser, glaube ich, wär’s, du erzählst es nicht weiter! Meine Meinung.«

»Meinst du?«

»Gescheiter wär’s.«

»G’scheiter? Meinst?«, resümierte der Franzigl, wobei sein Antlitz die Form eines Dengelhammers annahm. So verließ er meinen Onkel.

Keine fünf Minuten später standen die Kinder im Stall meines Onkels: »Der Papa hat den Teufel gesehen … muss ein junger Teufel gewesen sein, weil er ein grünes Hüterl aufg’habt hat!«

Und eine Viertelstunde später war die Sache mit dem Teufel in der Gemeinde vorrangiger Gesprächsstoff, was er für viele Jahre auch blieb. Höhepunkt der Geschichte: Auf einem eigenen Wagen im Faschingszug, dem berühmten Untergriesbacher Gaudiwurm, spielte die Dorfjugend die Teufelserscheinung rauf und runter und verpasste dem Franzigl damit einen Hauch diabolischer Unsterblichkeit.

Weiter drinnen im Wald, wo der Granit viele Leben prägte und für harte Existenzen sorgte – nicht vergleichbar mit den vergleichsweise harmlosen Steigungen der Mittelgebirgsausläufer, mit denen sich unsere Grünland-Bauern herumzuplagen hatten –, muss der Urmensch als Jäger und Sammler archaisch um den Steinhauer erweitert werden. Deren Broterwerb, dem sie mit ihren von der Arbeit mit Hammer und Meißel rauen und schwieligen Händen nachgehen, ist hart wie der Granit selbst. Diese Arbeit steht darüber hinaus nicht im Rufe, dass sie hauptsächlich zartbesaitete und den Nächsten liebende Charaktere hervorbringt. Deswegen hätten, so heißt es, auch in der Freizeit die Hände ihre angestammte Bestimmung: die eine Hand für das Messer und für den Rosenkranz die andere Pranke. Die Nächstenliebe der Steinhauer zeigt sich beispielsweise in einfühlsamer Warnung des Fremden vor Fehlverhalten in Wirtshäusern, wo er nicht zu Hause ist. Dem Gefährdeten wird in einem solchen Fall hochinformativ in Form einer düsteren, bayerwaldtypischen bedrohlichen Weise ein Privatissimum erteilt, was man heute als Eintragung in einem niederbayerischen rustikalen Kneipenknigge betrachten könnte, im Kapitel »Umgang mit dem Fremden«.

Bald nach Betreten eines Lokals gibt ein Einheimischer den sicherheitstechnisch relevanten Hinweis: »Da gibt’s nichts zum Lachen! Wenn was ist, mir sagen, oder es kranzlt euch auf!«

Bei uns in der Gegend, wo man die Rede der Menschen noch verstehen kann – ein Zustand, der Richtung Oberpfalz irgendwann ganz verschwindet –, ist einem schon damit gedient, wenn man weiß, dass »aufkranzeln« so viel bedeutet wie »zusammengefaltet und in ohnmächtigem Zustand in der Ecke platziert zu werden«.

Man sieht aber auch, dass es überall Raum gibt für die Meldungen, die oft spitzfindig aus der Sprache gleißen. So wird hohe Sympathie einem zuteil, der es, wie’s in diesem Landstrich heißt, »nennen« kann – also zum rechten Zeitpunkt den richtigen Spruch hat, also es auf den Punkt bringt.

Meine Cousins, der Migo und sein Bruder Georg, sind Großmeister in dieser Disziplin. Eines Tages im Winter fuhr der Migo die Straße hoch, die sich von der Grenzstation stetig ansteigend zum Dorf hochschlängelt. Da wurde er plötzlich zweier Grazien gewahr, das Dickste an Damen, was das Dorf beherbergte, die den gleichen Weg hatten, allerdings zu Fuß.

»Mögts aufsitzen?«, fragte Migo die beiden.

»Freilich, schlecht gefahren ist allweil besser als gut gegangen!«, war die Antwort, und leicht mühsam bestiegen die beiden Migos in die Jahre gekommenes Auto, das für die Winterzeit zum reibungslosen Starten noch mit einem Choke versehen war, der vorne am Armaturenbrett rot aufleuchtete.

Sofort erkundigte sich die Gewaltigere der beiden: »Hey, Migo, was bedeutet das rote Licht?«

Und der Migo, wie aus der Pistole geschossen: »Überladen haben wir!«

Was ihm eine Kopfnuss einbrachte.

Dem Georg so eine Art Freund war der Konni. Letzterer hatte sich einen kleinen Teich errichtet, besetzt mit Karpfen, drum herum eine kleine Gartenanlage mit einer Holzhütte für Utensilien wie Schubkarren, Fischfutter, Gummistiefel, eine Angel, kurzum sein ganzer Stolz, weswegen er auch um all das einen Maschendrahtzaun gezogen hatte. Verordnetes Idyll!

Bei jeder Gelegenheit bekniete Konni den Georg: »Schau halt einmal vorbei! Es ist wunderschön, deine Ruhe hast du. Da gibt’s nichts dran auszusetzen!«

Nach langer Zeit kam der Georg ihm endgültig nicht mehr aus, und er machte endlich seinen Antrittsbesuch und inspizierte das Kleinod. Zu Beginn mehr oder weniger unbestimmt naserümpfend, aber ein eventuelles Missfallen noch gut verbergend, da und dort Interesse zeigend, hie und da dies oder jenes ein bisschen auf die fachmännische Tour genauer inspizierend. Georg warf noch einen letzten prüfenden Blick über Konnis Teich-Juwel, dessen größten Stolz. Dabei überzog sich sein Antlitz mit einer Mischung aus leichtem Spott und unendlicher Traurigkeit, und er sprach seine Kritik:

»Des hätt ma ois aa vui scheena moch’n kenna!« Was so viel heißt wie, dass in der ästhetischen Gestaltung noch Luft nach oben gewesen wäre.

Der Wald

Der steinige Untergrund ist verhärtet wie die Ansichten Unkundiger über den Fortschritt. Das sorgt bis weit über die Ränder der Holzgründe der ewigen Wälder hinaus für Vorurteile und lässt die Menschen dort zu naturverbundenen, extrem sesshaften Sonderlingen werden. Ausdruck findet das innerhalb der Beobachtung durch sogenannte Zivilisierte der sogenannten Zivilisation unter Vernachlässigung zivilisatorisch gebotener ausgewogener Rede im despektierlichen geografischen Ausdruck »bayerisch Kongo«. Da diese Meinungsmacher sich aber doch nicht ganz sicher sind, ob der »Waidler«, wie man die Menschen des Bayerischen Waldes heißt, nicht doch im Nationalpark eine lukrative Bananenplantage betreibt, verstummt solche Kritik zunehmend, will doch der Spötter am Schluss nicht als ignoranter Depp dastehen.

»Allet Jejend«, so bezeichnet das der seit dem Kindererholungsprogramm »Platz an der Sonne« hier sommerlich heimische Berliner. Aus diesem niederbayerischen Urgrund der Wiesen, Waldböden und Steine, überdacht von den Mischwäldern, stechen Tannen- und Fichtenspitzen hervor ins morgendliche Grau des Himmels, als wollten sie diesem Himmel gleichsam deutlich machen: Bis hierher und nicht weiter! Angesiedelt sind hier Kleinhäusler, kleine Landwirtschaften mit malerischen Namen, wie das neben uns gelegene »Kuhstallhäusl« – jene, die in ihrer ererbten Hütte jeden Morgen wie auch allabendlich nach dem Fabrikjob ihre einzige Kuh melken aus einer archaischen Haltung von Sicherheit und Unabhängigkeit heraus. Klassisch bäuerliches Versorgungsdenken im Zeichen ­aesopischen Ameisendenkens. In der Landschaft thronen gewaltige Vierkanthöfe, in kräftigem Kaisergelb gehalten. Großbauern. Impertinenter Absolutismus wird dort ausgesessen auf Feldern, die sie einst ersiedelten, wackere Bajuwaren nahe den Städten bis hinein in die Einödhöfe.

Zivilisatorische Großtaten sind noch heute an den Ortsnamen erkenntlich: »Öd« (die Ersten, die vom Dorf in die Wildnis gezogen sind), »Reut« oder »Rode« (wie der Name schon sagt: Gerodetes) oder Ortsnamen mit den Endungen »Wang«, »Wank«, »Wenk« (dabei handelt es sich um einstmals gerodete Bergkuppen, die nach der Rodung kahl aus dem Wald lugten wie die Backenknochen aus den Gesichtern unserer vollbärtigen Ahnen). Heute dagegen bringen Fichtenschonungen aus Anpflanzungen neues Wachstum für junge Wälder, die ihrerseits schon frühmorgens, benetzt von Tau, zum Aufgang der Sonne Waldstücke hervorbringen, aus denen romantisch nebeldampfende Schwaden steigen, wie aus dem Urgrund der Wälder. So jedenfalls Alfred Kubin.

Im Wald nie versiegende Quellen, gefasst von den frühen Siedlern für die Versorgung mit frischem Trinkwasser, weshalb im Winter in den Häusern Tag und Nacht die Wasserhähne aufgedreht sein mussten, damit nicht des ganze Röhrensystem einfror.

Der Waldbauer war der Einsiedler innerhalb der Solidargemeinschaft: Autarkie und klammheimliche Schadenfreude, die unberührte Scholle der arrondierten Höfe, also jene, wo der ganze Grund direkt ums Haus lag, die mit Flurbereinigungen keine Last hatten – was aber unter Nachbarn naturgemäß sehr viel Neid verursachte.

Diese Bevölkerung, wehe, wenn sie aus den Dörfern rundherum losgelassen, wird dann auffällig in ihrer Unauffälligkeit. Das ist die Masse der Existenzen, die überall unauffällig, ohne sich zu berühren, aneinander vorbeischwimmen. Nur auf dem Höhepunkt von Volksfesten kommt es vor, dass beim Raufen im Rahmen der Volksschlägerei der machtlos unten Liegende seinen Bezwinger anfaucht: »Loss mi aus oda i bring di um!«

Ganz anders die Berührungen von den anderen, den Auffälligen und jenen, die aus der Position der Überschätzten auftrumpfen wollen, so zum Beispiel die Hinterwäldler oder Krachledernen, bei denen sich im Nachhinein immer, wie nicht anders zu erwarten, entlarvend herausstellt, es ist nichts dahinter.

Und dann, immer wieder dazwischen, die zauberhaften Menschen und ihre wunderbaren Werke, die man nicht für möglich gehalten hätte und die oft lautlos oder mit einem Knall auftauchen, dass sich die Etablierten nur so wundern, aus welcher Ressource solch Genialität hervorkommen kann. Und das in Bayern, wo es doch schon immer viele Menschen gab, die man in Gallien Druiden genannt hätte.

Überall locker übers Land verstreut die Losungen, die uns mitteilen, wo’s langgeht, wofür lange Jahre zum Beispiel die drei Buchstaben CSU ausreichten, für die Indifferenten genauso wie für die Bewussten. Mein Elternhaus in der Öd fand keinen Platz für diese drei Zeichen. Und trotzdem wollte ich weg!

Gleichwohl, ein Hauch von Anarchie war auch immer bei uns zu Hause. Unser Nachbar, der Höfler Max, hat mir einmal beim Frühschoppen gestanden, dass er die CSU-Parteizeitung zum Einschüren hernimmt. Und ein Bekannter, kürzlich auf Kur im Bayerischen Wald, beschließt zu sündigen, verlässt zu diesem Behufe das Sanatorium, um sich ein kleines Fastenbrechen zuzufügen, geht zum heimischen Kirchenwirt, öffnet die Wirtshaustür. Die Rauchschwade, ein römisches Pontifikalamt ist nichts dagegen, streckt ihn fast nieder. Auf die Frage, wie es sich hier mit dem Nichtraucherschutzgesetz verhielte, antwortet der Wirt: »Ist das das Gesetz aus München?«

»Ja, genau.«

»Oh! Do mischn mia uns ned ein.«

G’fui

Heimat ist maßgeblicher Platz für Erkenntnisgewinn durch bodenständige Vernunft ausschließlich übers Gefühl, besser: G’fui (bairisch für Gefühl in einem ideellen Sinne). Der Brockhaus, wenn er denn ein bayerisches Lexikon wäre, würde vielleicht folgendermaßen definieren:

G’fui, mit Gefühl nur unzureichend erfasst, ist Akzeptanz der Ursache einer inneren emotionalen Stimmung, die, zielführend auf subjektive Wahrhaftigkeit gerichtet, zur wohligen Gewissheit der inneren Koordinaten für Standortbestimmung beiträgt, unter Vernachlässigung objektiver Erkenntnisse, stattdessen hineinfallend in die persönliche Wahrheit in eigener Umgebung des Wohlfühlens, daher Voraussetzung zu einem zufriedenen Leben, wo dann selbst Glück bisweilen empfunden werden kann, wenn auch als Fußnote, die uns unsere Zufriedenheit erklärt. G’fui ist immer auch Voraussetzung dafür, was das seltener gebrauchte Wort »d’ Liab« (in etwa bairisch für Liebe) ausdrücken will.

Das Wort »Liebe« aber gibt’s einfach nicht im Bairischen. D’ Liab, davon bin ich überzeugt, ist eine Übernahme aus dem Hochdeutschen, weil der Bayer in seiner bisweilen kargen Art sich weigert, für etwas Derartiges, wozu man je nach Facette der Liebeserklärung eine eigene Kurzgeschichte oder einen Roman braucht, um sich dem begehrten Gegenüber in der minniglichen Absicht zu verdeutlichen, mehr zu benötigen als ein saftloses Wort wie »d’ Liab«. Des Bayern Motto: Schweigen bis zur Ausweglosigkeit und dann Attacke.

Deswegen ist die #metoo-Bewegung eine große Gefahr für den Bayern. Könnte er doch wegen seiner blumenreichen Sprache der Liebe für einen schlimmen Sexisten gehalten werden, wie man am folgenden Beispiel unschwer erkennen kann, einem Text von Oskar Maria Graf. Der hat für das Verständnis und die Sprache der heiligsten Gefühle der Menschen Erhellendes beigetragen, in seinem Bayerischen Dekameron: Der schüchterne Knecht mit der Magd nachts auf dem Heimweg von der Kirchweih. Beide finden trotz eindeutiger Signale aus Schüchternheit den ganzen Weg nicht den zündenden Zugang zueinander. Bis kurz vor dem Hof, die Magd hat schon alle Hoffnung fahren lassen, der Knecht doch im letzten Moment zur Sprache der Liebe findet und in gebotener bayerischer Zärtlichkeit sich vorsichtig erkundigt:

»Soit i’n außatoa?« Was die Frage beinhaltet, ob es sich schon lohne, den Lustspender, unbeschadet von #metoo, in Stellung zu bringen.

Fast schon ferne nahöstliche Weisheiten

Heimat ist dort, wo man den Bauch nicht einziehen muss!
Peng pfui, der hat gesessen.
Heimatgefühl bedingt Heimaterfahrung, das ständige Erinnern heimatlicher Reize. Das kann man nicht erklären, das muss man erfahren.
Und so ist die Welt die Heimat der Menschen, wo alles fließt – panta rhei: Heimat soll sein wie das Wasser in einem Bach: Wie von den Bachanrainern der Oberlieger den Unterlieger durch pflegliches Handeln von Schäden freizuhalten hat, so ist jeder, der schon in der Heimat angekommen ist, verantwortlich, dass auch der Nachkommende klares und sauberes Wasser vorfindet.
Darum darf auch nicht das Leben nach dem Leben vergessen werden. Denn wenn etwas sicher ist, dann, dass es ein Leben nach dem Leben gibt: Es ist das Leben der anderen.
Und es sind doch die anderen, die dereinst sagen werden, wenn wir schon längst gegangen sind: »Heimat ist dort, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen.«
Und dann werden wir auch danach nicht vergessen sein, zumindest für eine kurze Weile nicht!


Daheim

Noch leise zart im Dunkeln
Liegt der frühe Morgen.
Die letzten Sterne funkeln,
Bald vom neuen Tag verborgen.


Träg nun hebt sich sanft und still
Feierlich ein Feuerball.
Vögel zwitschern schrill,
Dunst wie Weihrauch überall.


Doch dann wie neu geboren,
All das Muntere verfliegt.
Unten nageln die Traktoren
Und das Ruhige – es versiegt.


Reiß dich los von deinem Hügel,
Letzter Blick aufs traute Tal.
Reiß herum sodann die Zügel,
Fühlst sonst nur der Heimweh Qual!