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Titelblatt

… und ständig tickt die Selbstwertbombe

Selbstwertprobleme erkennen und lösenMit Online-Material 2., vollständig überarbeitete Auflage

Dipl.-Psych. Dr. Harlich H. Stavemann

Institut für Integrative Verhaltenstherapie e. V.

Osterkamp 58

22043 Hamburg

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

Dieses Buch ist erhältlich als:

ISBN 978-3-621-28724-1 Print

ISBN 978-3-621-28818-7 E-Book (ePub)

2. Auflage 2020

© 2020 Programm PVU Psychologie Verlags Union

in der Verlagsgruppe Beltz • Weinheim Basel

Werderstraße 10, 69469 Weinheim

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Andrea Glomb

Umschlagbild: erhui1979 / getty images

Illustratorin: Claudia Styrsky

Herstellung: Uta Euler

Satz/ePub: Reemers Publishing Services GmbH, Krefeld

Gesamtherstellung: Beltz Grafische Betriebe, Bad Langensalza

Weitere Informationen zu unseren Autor_innen und Titeln finden Sie unter: www.beltz.de

Inhalt

Vorwort
Einleitung
1Alles über Selbstwertkonzepte
1.1Was sind Selbstwertkonzepte?
1.2Wie entstehen Selbstwertkonzepte?
1.3Wann sind Selbstwertkonzepte schädlich?
1.3.1Pauschales Selbstbewerten anhand mehrerer Merkmale
1.3.2Weshalb ist pauschales Selbstbewerten unsinnig?
1.4Typische Selbstwertbomben
1.4.1Leistungsmaßstäbe
1.4.2Beliebtheitsmaßstäbe
1.4.3Gemischte Konzepte
1.5Lassen sich ungünstige Selbstwertkonzepte verändern?
2Pauschales Selbstbewerten: Ursachen und Konsequenzen
2.1Pauschales Selbstbewerten
2.2Gründe für pauschales Selbstbewerten
2.3Auswirkungen pauschalen Selbstbewertens
2.3.1Auswirkungen auf Selbstwert, Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen
2.3.2Auswirkungen im Privatleben
2.3.3Berufliche Auswirkungen
3Eigene Selbstwertbomben erkennen
3.1Bewusste und unbewusste Konzepte
3.2Denken und Gefühle
3.2.1Wie entstehen Gefühle?
3.2.2Die Ausgangssituation (A)
3.2.3Das Bewertungssystem (B)
3.2.4Die Gefühls- und Verhaltenskonsequenzen (C)
3.3Detektivarbeit: eigene Selbstwertkonzepte entdecken
3.3.1Die Bewertung-Gefühls-Logik
3.3.2Die interne B-Logik
3.3.3Das Rekonstruieren einer Denkweise »von unten«
3.3.4Beispiele für das Rekonstruieren eigener Selbstwertkonzepte
4Das Ziel: angemessene Gefühls- und Verhaltensreaktionen
4.1Angemessene Veränderungsziele formulieren
4.2Veränderungsziele prüfen
4.3Beispiele für das Prüfen von Veränderungszielen
5Eigene Selbstwertbomben entschärfen
5.1Werkzeuge zum Prüfen von Selbstwertkonzepten
5.2Der Abschied vom »wertvollen« Menschen
5.3Die Alternative zum Selbstwert: das Selbstbild
5.4Das Selbstbild erstellen
6Ein neues Selbstwertkonzept erstellen
6.1Vorgehen beim Prüfen alter und Erstellen neuer Selbstwertkonzepte
6.2Beispiele für das Prüfen alter und Erstellen neuer Selbstwertkonzepte
6.3Selbst ist die Frau / der Mann: die Selbstanalyse von Emotionen
6.3.1Bausteine für die Selbstanalyse von Emotionen
6.3.2Beispiele für Selbstanalysen von Emotionen
7Neue Selbstwertkonzepte und Selbstbewertungen leben lernen
7.1Wie neue Konzepte erlernt werden
7.1.1Drei Stufen des Lernens
7.1.2Das Lernziel festlegen
7.1.3Fallstricke im Lernprozess
7.2Übungen bestimmen und Übungsleitern erstellen
7.2.1Sinnvolle Übungen bestimmen
7.2.2Beispiele für sinnvolle Übungen
7.2.3Übungsleitern erstellen
7.2.4Beispiele für Übungsleitern
7.3Das innere Drehbuch und üben in der Vorstellung
7.4Neue Selbstwertkonzepte im Alltag trainieren
Anhang
Literatur
Online-Material

Vorwort

Haben Sie auch schon einmal darüber nachgedacht, ob Sie ein »guter« oder ein »wertvoller« Mensch sind?

Oder – was statistisch gesehen wahrscheinlicher ist: Haben Sie sich auch schon öfter schlecht gefühlt, weil Sie glaubten, nicht »gut genug« oder »nicht wertvoll« zu sein?

Vielleicht haben Sie ja auch schon eines oder mehrere der folgenden Symptome bei sich beobachtet:

Haben Sie etwas gefunden, was Ihnen bekannt vorkommt?

Diese Liste ließe sich noch lange weiterführen, aber wenn Sie sich bisher auch nur in einem dieser Punkte wiedererkennen, liegt die Vermutung nahe, dass Sie unter einem Selbstwertproblem leiden. Damit wären Sie dann allerdings in zahlreicher Gesellschaft, denn Selbstwertprobleme sind die mit Abstand größte Gruppe emotionaler und psychischer Probleme, die Menschen im Laufe ihres Lebens zu schaffen machen: Über 80 Prozent der Klienten in ambulanter Psychotherapie oder Beratung leiden darunter.

Allein der Umstand, dass es so viele betrifft, reicht schon als Begründung dafür aus, weshalb hier genau untersucht und beschrieben werden soll, was Menschen dazu antreibt, ihren Wert von bestimmten Maßstäben abhängig zu machen und pauschal zu bestimmen und was sie verändern können, um künftig nicht mehr unter unsinnigen Selbstwertkonzepten zu leiden.

Aber was können Sie selbst von diesem Buch für sich erwarten, wodurch können Sie selbst davon profitieren?

Worum geht es?

In diesem Buch beschäftigen wir uns mit den Ursachen und Auswirkungen von ungünstigen Selbstwertkonzepten: den langfristig negativen Konsequenzen, die solche pauschalen Selbstbewertungen für die Betreffenden haben, wie z. B. erhebliche Selbstwertprobleme mit entsprechend intensivem emotionalen Leid. Letzteres zeigt sich meist in Form von Ängsten bis hin zu Panikattacken, Niedergeschlagenheit bis zur ausgeprägten Depression, Scham oder Selbstabneigung. Andere Konsequenzen können auch körperlicher Natur sein, wie Erschöpfungszustände bis hin zum Burnout oder in Form »psychosomatischer« Probleme. Das sind körperliche Erkrankungen, die durch psychische Faktoren ausgelöst oder verstärkt werden, wie z. B. Beschwerden im Magen-Darm-Trakt oder im Herz-Kreislauf-System, Hauterkrankungen, Migräne, Asthma, Verspannungen, Schlaf- oder Essstörungen.

Anschließend werden wir betrachten,

Die Lösung, die wir dazu erarbeiten, werden Sie auch auf ein eigenes Selbstwertproblem übertragen können, denn sie wird zum Verstehen der eigenen Problematik beitragen und erste Schritte einleiten, um es zu bewältigen. Die Lektüre dient auch dazu, einen therapeutischen Prozess zu unterstützen.

Übungen und Arbeitsmaterial. In allen Kapiteln finden Sie Übungsaufgaben und im letzten Abschnitt Arbeitsblätter, mit deren Hilfe Sie die vermittelten Inhalte reflektieren, auf die eigene Person umsetzen und dieses Ergebnis dann im Alltag trainieren können.

Für Interessierte wird zudem weiterführende, vertiefende Literatur angegeben.

Für wen ist dieses Buch gedacht?

Dieses Buch richtet sich an psychologisch interessierte Laien, ohne fachliche Vorkenntnisse oder »Psychologenkauderwelsch« vorauszusetzen. Es hat den Anspruch, für die eigene Psychohygiene nützlich und als Begleitlektüre bei psychotherapeutischen Behandlungen – insbesondere mittels der Kognitiven Verhaltenstherapie – hilfreich zu sein.

Obwohl es Erkenntnisse vermittelt und Wege zu deren Umsetzen im Alltag beschreibt, ist es nicht als Ersatz für eine Psychotherapie gedacht, denn eigene »blinde Flecken« sind meist nur durch neutrale Außenstehende zu erkennen – und was man nicht selbst erkennt, lässt sich nicht eigenständig verändern.

Genau bei diesem Selbsterkennen kann und soll dieses Buch hilfreich sein. Und damit sind dann auch die Grundlagen für ein Verändern gelegt. Die dafür nötigen Wege und Vorgehensweisen werden Schritt für Schritt beschrieben.


Vaisala (Savaii), im Frühjahr 2020

Harlich H. Stavemann


Einleitung

Was ist eigentlich ein »Selbstwertproblem«?

»Der hat ja ein Selbstwertproblem.« Solche oder ähnliche Bemerkungen über uns selbst oder andere haben wir sicherlich alle schon gehört und den meisten war sofort klar: Das ist nichts Gutes! Wo doch schon das Wort »Problem« darin vorkommt …

Im Vorwort haben wir ja bereits einige Indizien kennengelernt, woran man »Selbstwertprobleme« erkennt, aber …was genau ist das überhaupt?

Definition

Von einem Selbstwertproblem spricht man, wenn jemand wegen seiner Art, sich selbst zu bewerten, in schwere emotionale Probleme gerät, z. B. weil er seinen Wert von bestimmten Merkmalen, Leistungen oder Eigenschaften abhängig macht und glaubt, dass er diesen Wertmaßstäben nicht genügen konnte oder könnte.

Welche verschiedenen Arten es gibt, seinen Selbstwert zu bestimmen, werden wir in Kapitel 1 betrachten. Vorab können wir schon festhalten, dass nicht jede Form des Selbstbewertens zu Problemen führt. Im Gegenteil:

!

Das Bewerten eigener Leistungen, Qualitäten und Eigenschaften ist durchaus normal und notwendig, um eigene Ziele zu erreichen und um sich im Alltag angemessen verhalten zu können. Kritisch wird es immer dann, wenn jemand seinen Wert pauschal von bestimmten Kriterien abhängig macht.

So etwas kann zu massiven emotionalen Problemen führen: Bei drohendem Wertverlust reagieren die Betroffenen mit Angst – bis hin zur Panik. Ist die Messlatte bereits gerissen, sind Scham, Selbstärger, Trauer oder Niedergeschlagenheit die Folge. Es führt außerdem zu psychischen Erkrankungen, wie z. B. Angsterkrankungen und depressiven Störungen.

Ursache und Wirkung. Obwohl es die verwendeten Selbstwertkonzepte sind, die diese psychischen Belastungen bewirken, kommen die Betroffenen meist nicht wegen ihrer mehr oder weniger bewussten Maßstäbe zum Selbstwertbestimmen in die Therapie oder Beratung, denn den meisten ist gar nicht klar, dass diese die Ursache für ihr momentanes Leid sind. Sie kommen in der Regel, um die negativen emotionalen Konsequenzen loszuwerden, die daraus entstehen. Ihnen ist oft gar nicht bewusst, dass sie unter einem Selbstwertproblem leiden, und die wenigsten wissen, dass dies auf ungünstige Selbstwertkonzepte zurückzuführen ist.

In Kapitel 1 beleuchten wir verschiedene Arten solcher krankmachenden Selbstwertkonzepte genauer. In Kapitel 4 befassen wir uns dann damit, wie alternatives unschädliches, gesundes Selbstbewerten funktioniert.

Was ist pauschales Selbstbewerten? Pauschal wird der Selbstwert immer dann bestimmt, wenn jemand seinen gesamten Wert von einem einzigen oder wenigen Merkmalen abhängig macht. Ein Beispiel wäre, wenn sich jemand für den kleinsten Wurm oder einen Nichtsnutz hält und depressiv reagiert, nur weil er sich gerade bei seinem Vortrag verheddert, weil die Kollegin ihn ausgelacht oder weil der Nachbar sich über ihn beschwert hat.

Sind Selbstwertprobleme etwas Neues? Wir haben es hier mit einem Thema zu tun, das vermutlich so alt ist wie das menschliche Bedürfnis, über sich selbst und seinen Wert nachzudenken. Ein zweitausend Jahre altes Zitat des römischen Philosophen Epiktet (2015) macht nur allzu deutlich, dass Selbstwertprobleme eine lange Tradition besitzen und verbreitete Denkmuster beschreiben, die den Menschen seit alters her zu schaffen machen.

»Sei nicht auf fremde Vorzüge stolz. Wenn ein Pferd voller Stolz sagte: Ich bin schön, so wäre das noch erträglich. Wenn du aber mit Stolz sagtest: ich habe ein schönes Pferd, dann bedenke, daß du nur auf einen Vorzug deines Pferdes stolz bist. …«

Ersetzt man in dieser Aussage »Pferd« durch »Porsche«, kann man sie auch heute noch getrost als hochaktuelles Beispiel für pauschales Selbstwertbestimmen verwenden, die der Benutzer eines solchen Konzepts in diesem Fall an den Besitz von Dingen gekoppelt hat. Diese Selbstwertbombe explodiert spätestens dann, wenn der Porsche geklaut, gegen die Wand gefahren oder »total out« ist.

Zunächst: Begriffe klären

In der aufgestellten Definition für das Wort »Selbstwertproblem« sind bereits andere Begriffe verwendet worden, die erklärungsbedürftig sein könnten. Wenn wir uns nachfolgend mit den Problemen beschäftigen, die aus dem pauschalen Bestimmen des eigenen Werts entstehen und anschließend Lösungen für diese Probleme betrachten, haben wir mit verschiedenen Ausdrücken zu tun, die leicht verwechselt oder unterschiedlich verstanden werden. Um nicht aneinander »vorbeizureden« und unnötige Missverständnisse zu vermeiden, klären wir zunächst die wichtigsten Begriffe, die im Folgenden verwendet werden.

Selbstwert. Das ist der Wert, den sich jemand nach bestimmten Regeln selbst zuschreibt. Diese Regeln können bewusst oder unbewusst benutzt werden.


Beispiele:

»Ich bin das Allerletzte, weil ich durch die Prüfung gefallen bin.«

»Ich tauge nichts, weil Miriam nicht zu meiner Party kam.«


Selbstwertkonzept. Ein Selbstwertkonzept beschreibt die bewussten und unbewussten Regeln, Eigenschaften oder Merkmale, nach denen jemand den Zugewinn oder Verlust des eigenen Werts bestimmt. Solche Regeln oder »Konzepte« sind besonders stark von sozialen und kulturellen Einflüssen, Moralvorstellungen und Erziehungsnormen geprägt. Genauer beleuchten wir dies in den Abschnitten 1.3 und 1.4.


Beispiele:

»Nur wer überall beliebt ist, ist wertvoll.«

»Nur wer fehlerfrei ist, taugt etwas.«

»Weicheier sind wertlos.«

»Nur wer moralisch einwandfrei lebt, ist ein guter Mensch.«

»Ein ›echter‹ (wertvoller) Mann hat ein Haus gebaut, geheiratet, einen Sohn gezeugt und einen Baum gepflanzt.«


Selbstwertmaßstab. Das ist die verwendete Messlatte, die zum Bestimmen des Selbstwerts angelegt wird, d. h., diese bestimmt, ob oder ab wann jemand wertvoll (genug) ist.


Beispiele:

»Je mehr du weißt, desto wertvoller bist du.«

»Wer sich unmoralisch verhält, ist weniger wert.«

»Je beliebter du bist, desto mehr bist du wert.«


Selbstbild / Selbstkonzept. Ein Selbstbild bzw. ein Selbstkonzept beschreibt – mehr oder weniger ausgefeilt – die eigene Sicht auf sich selbst in Form von Eigenheiten, Eigenschaften, Fähigkeiten, Merkmalen und moralischen Werten – mit oder ohne Bewerten der einzelnen Aspekte – im Gegensatz zu Selbstwertkonzepten jedoch, ohne einen Gesamtwert zu bestimmen.


Beispiel:

»Ich kann gut Erbsensuppe kochen, mittelmäßig einparken, sehr gut zuhören, bin selten pünktlich, habe zwei Pickel auf der Nase, rauche 22 Zigaretten täglich, gehe jedes Weihnachten in die Kirche, lese gern Krimis… usw.


Selbstwirksamkeit. Die Selbstwirksamkeit (auch: Selbsteffizienz) beschreibt die eigene Zuversicht, mit Alltagsanforderungen zurechtzukommen. Sie wird aus der Erfahrung abgeleitet, wie erfolgreich man in der Vergangenheit mit Problemsituationen umgehen konnte.


Beispiel:

Wer häufig die Erfahrung machte, gesetzte Ziele zu erreichen, angemessene Problemlösungsstrategien zu besitzen und zielführend handeln zu können, besitzt eine hohe Meinung über seine Selbstwirksamkeit: »Ich kann gut Probleme lösen.«


Selbstvertrauen. Die Selbstwirksamkeit bestimmt das Selbstvertrauen. Menschen mit Selbstvertrauen glauben, aufgrund ihrer vermuteten Selbstwirksamkeit auch eine neue, unbekannte Situation meistern zu können und sind zuversichtlich, ihre Ziele erreichen und durchsetzen zu können.


Beispiel:

»Ich weiß noch nicht genau wie, aber irgendwie bekomme ich das hin.«


Selbstsicherheit. Sie beschreibt das Auftreten und die Ausstrahlung einer Person mit großem Selbstvertrauen und empfundener großer Selbstwirksamkeit.


Beispiel:

Wir empfinden Menschen als selbstsicher, die genau wissen, was sie wollen und die das auch dann sagen, wenn andere anderer Meinung sind. Sie verhalten sich entsprechend konsequent.


Um mit dem Thema warm zu werden, betrachten wir zunächst einige typische Vertreter von krank machenden Selbstwertkonzepten live in ihrem Alltag.

Beispiel

Schädliche Selbstwertkonzepte

»Wer mehr weiß, ist besser«

Anja Altklug hat nicht nur bei ihrem Mann stets das letzte, alles entscheidende Wort, auch in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis weiß sie zu allem und jedem etwas Wichtiges beizutragen. Niemand erinnert sich, dass sie jemals kommentarlos zugehört hätte. Und wenn sie dann tatsächlich einmal zu einem Thema inhaltlich nichts beizutragen hat und den anderen nicht erklären kann, »wie die Welt gestrickt ist«, dann schlüpft sie unversehens in die Rolle der Bedenkenträgerin und überschüttet ihre Gesprächspartner mit gewichtigen »Ja, aber«-Einwürfen oder stellt die Sinnhaftigkeit dieses Themas insgesamt infrage.

Manche Freunde reagieren genervt und frustriert und auch eine Partnerschaft hält so etwas selten dauerhaft aus.

Anja Altklugs Problem liegt in ihrer Befürchtung, an Wert zu verlieren, wenn sie selbst nichts Interessantes, Wesentliches zum Thema beizutragen hat und wenn andere glauben könnten, sie sei unbelesen, ungebildet, dumm. Dumme taugen nämlich nichts.

Andererseits: Wenn sie einmal so richtig doziert hat, so dass ihre Freude nur noch mit den Ohren schlackern oder ihr Partner die »Aber ich sehe das anders«-Fahne einrollt, dann geht es ihr richtig gut. Hat sie doch nicht nur wertvolle Beiträge geleistet, sie ist es auch: wertvoll.

»Verlierer taugen nichts«

Gestern auf dem Tennisplatz: Altmitglied und Platzhirsch Walter Wichtig spielt zusammen mit seiner Frau ein gemischtes Doppel gegen ein jüngeres Paar.

Den Verlust des ersten Satzes hat er noch kommentarlos ertragen, na ja, zugegeben: mit zunehmend verbissenem Einsatz. Im zweiten Satz hat er dann die Unkonzentriertheit seiner Frau als Ursache für den Leistungseinbruch ausgemacht.

Als er nun nach dem dritten verlorenen Satz schweißüberströmt ans Netz geht, um dem jungen Paar ziemlich grantig zu gratulieren, hat er auch noch das zu straff gespannte Netz, den rutschigen Belag und die tief stehende Sonne für die Niederlage verantwortlich gemacht.

Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn einer seiner jüngeren Gegner die Bemerkung fallen ließe: »Danke fürs Warmspielen. Gar nicht schlecht für Ihr Alter.« Das wäre Walter Wichtigs Selbstwert-Super-GAU und seine Reaktion hätte den Vereinsfrieden mit größter Wahrscheinlichkeit erheblich gestört.

Es gibt viele wie Walter Wichtig, die nicht verlieren können, ohne dabei gleichzeitig an Selbstwert einzubüßen. Dann bleibt das Spielerische natürlich völlig auf der Strecke und wird durch einen verbissenen Kampf um den eigenen Wert ersetzt. Nur gewonnene Spiele sind dem eigenen Wert zuträglich und dann – aber auch nur dann – hätte auch Walter Wichtig ohne Wertverlust gönnerhaft sagen können: »Danke, das war ein klasse Spiel, Sie haben mich ganz schön ins Schwitzen gebracht.«

»Wer Fehler begeht, ist weniger wert«

Penelope Penibel wird auch in häuslicher Atmosphäre erst dann etwas lockerer, wenn sich wieder einmal herausgestellt hat, dass alles, was sie gesagt, getan, vorbereitet und ausgeführt hat, richtig war. Leider ist das allenfalls kurz vor dem Zubettgehen der Fall. Zuvor kontrolliert sie wachsam-angespannt, ob sie Fehler begangen oder etwas nicht tadellos und hundertprozentig ausgeführt hat, denn das würde sie mit einem Wertverlust gleichsetzen.

Und so etwas muss unbedingt vermieden werden, sei es durch ständiges Kontrollieren und Prüfen, sei es durch wiederkehrende Streits darum, wer gerade Recht hat.

Häufig kämpft Penelope auch dann für ihre »Wahrheit«, wenn es tatsächlich nur um Geschmack oder eine persönliche Meinung geht, die ja weder wahr noch falsch, sondern allenfalls verschieden sein können. Meist kämpft sie dabei derart verkrampft um ihren Selbstwert, dass sie logischen Argumenten nicht mehr zugänglich ist. Sie handelt nach dem Motto, dass nicht sein darf, was nicht sein soll: selbst einen Fehler begangen zu haben.

Fast alle, die ihren Selbstwert von Fehlern abhängig machen, neigen dazu, auch dort noch um Wahrheiten zu kämpfen, wo es sich tatsächlich nur um Geschmack, Meinungen und Vorlieben handelt. Im Irrglauben, dass es nur eine richtige Einstellung geben könne, unterscheiden sie dann nicht mehr Tatsachen- von Meinungsaussagen und kämpfen auch dann vehement um die eigene Sichtweise, wenn es gar nicht nötig wäre.

Noch schwieriger wird es für die Gesprächspartner, wenn auch Fakten verdreht oder geleugnet werden, um keine Fehler zugeben zu müssen.

»Wer Schwäche zeigt, ist weniger wert«

In der Regel geht es den Vertretern dieses Mottos nicht um körperliche, sondern um emotionale Schwäche. So schämt sich auch Carl Cool immer dann besonders intensiv, wenn er mal wieder vor anderen errötet, zittert oder stottert. Jeder sieht dann seine verdammte Unsicherheit. Unsichere Menschen sind schwach, verletzlich, nicht ernst zu nehmen und damit weniger wert.

Carl Cool hat dafür eine typische Lösung gefunden: Er hat sich eine erstklassige »coole« Fassade zugelegt, mit der er nun durchs Leben läuft. Dabei hat er gelernt, alle »schwachen« Gefühle zu verbergen: Angst, Trauer, Scham, Niedergeschlagenheit und auch Zuneigung. Es soll sich nur ja keiner irgendwelche Schwächen einbilden! Nein, er wird sich nie und nimmer irgendjemandem gegenüber verletzlich und emotional verwundbar zeigen! Das wäre zu peinlich und käme einem Wertverlust gleich.

Die Konsequenzen in der Partnerschaft, im Freundes- und Bekanntenkreis bleiben natürlich nicht aus: Wer sich stärker zeigt, als er tatsächlich ist, wer seelische oder körperliche Schwächen nicht ohne Wertverlust zeigen oder zugeben kann, der muss sich nicht wundern, wenn er von seiner Umwelt falsch verstanden, überfordert und für belastbarer gehalten wird, als er tatsächlich ist.

Wer andauernd stark und unangreifbar wirken möchte, zahlt dafür mit ungeheurem Energieaufwand und erheblichen emotionalen Konsequenzen: Angst davor, dass doch jemand eine Schwäche mitbekommen könnte, und Scham mit nachfolgendem Selbstwertverlust, wenn denn jemand eine Schwäche erkannt hat. Zudem verhindert das Kaschieren der eigenen Schwächen, dass man sie verändern kann, denn das würden andere womöglich mitbekommen.

Carl Cools Verhaltensmuster und Eigenheiten sind nicht jedermanns Geschmack. Deswegen hat er es mit seinem Konzept ziemlich schwer, Partner oder Freunde zu finden, die dies auf Dauer tolerieren.

»Viel Freund, viel Ehr’«

Ida Immerfröhlich ist heute scheinbar wieder besonders gut drauf: Bei der Geburtstagsfeier ihrer Freundin hat sie für alle ein nettes Wort, ein freundliches Lächeln und ein zustimmendes Nicken parat. Auch sie fürchtet sich vor Wertverlust, falls andere ihre Schwächen und Fehler entdecken, jedoch nicht wie Carl Cool wegen der Schwäche selbst, sondern weil sie sich darum sorgt, dass andere sie deswegen vielleicht nicht mehr schätzen. Und das bedeutet für sie einen Wertverlust.

Dieser Befürchtung versucht sie zu begegnen, indem sie sich bemüht, allen nach dem Mund zu reden, ständig deren Gläser nachzufüllen und sie mit anderen Gefälligkeiten bei Laune zu halten.

Am Ende der Feier ist Ida erschöpfter als die Gastgeberin. Kein Wunder: Hat sie ihr doch die meiste Arbeit abgenommen, sich mehrfach für die Einladung bedankt und sich euphorisch über die tolle Feier geäußert. Eigene Entspannung: Fehlanzeige.

Es gibt viele, die wie Ida Immerfröhlich ihren Wert an der Zuneigung und Wertschätzung festmachen, die sie von anderen erhalten, nach dem Motto: je mehr, desto besser für den eigenen Wert. Kein Wunder, wenn solche Applaussüchtigen dann so lange herumrödeln, anderen mit Rat und Tat zur Seite stehen, Freundlichkeiten und Zustimmung verteilen, bis sie irgendwann völlig erschöpft zusammenklappen.

Partner, Freunde und Bekannte finden so etwas zumindest kurzfristig angenehm, denn Ida & Co. sind stets pflegeleicht, wohlgesonnen, zuvorkommend und hilfsbereit.

Erst wenn deutlich wird, dass solche Idas überhaupt nichts von sich selbst preisgeben, keine eigenen Positionen beziehen und eigene Ziele im Unklaren lassen, beginnen sich nicht nur diejenigen abzuwenden, die keine Opportunisten mögen, sondern auch die, die nach mehreren Anläufen weitere Annäherungsversuche aufgeben, weil solche Idas einfach nicht durchschaubar, nicht greifbar sind.

»Wer abgelehnt wird, ist weniger wert.«

Und? Kommt Ihnen das eine oder andere Beispiel bekannt vor? Haben Sie erkannt, dass die zum Teil heftigen negativen Konsequenzen der oben beispielhaft Beschriebenen auf schädliche Selbstwertkonzepte zurückzuführen sind?

Opfer oder Täter?

In den obigen Beispielen konnten wir auch beobachten, dass die Betroffenen gleichzeitig sowohl Akteure als auch Opfer ihrer eigenen Haltung sind.

Aber es wäre vorschnell, sie wegen ihrer aktiven und sozial oft unerwünschten Verhaltensweisen voreilig als »Täter« abzustempeln, denn sie sind gleichzeitig auch Opfer ihres Selbstwertkonzepts. Sie leiden darunter mindestens ebenso stark wie ihre Umwelt. Müssen sie doch fürchten, bei Leistungsabfall, bei Fehlern oder bei »schlechter sein« sofort in den Augen anderer an Wert zu verlieren. Angst vor Misserfolg und Scham bei Misserfolg sind ihre ständigen emotionalen Begleiter – auch wenn manche das nie freiwillig zeigen würden.

Wenn Partner oder Freunde wegen der Eigenheiten der Betroffenen die Beziehung zu ihnen beenden, bewirkt dies ein Übriges, um ihren Selbstwert, ihre Selbsteffizienz und ihr Selbstvertrauen in die eigene Bindungsfähigkeit zu schädigen.

Wie geht's nun weiter?


Kapitel 1:

Wir betrachten, was Selbstwertkonzepte sind, wie sie entstehen, wann sie weshalb schädlich sind und wie solche typischen Selbstwertbomben aussehen.

Kapitel 2:

Wir beleuchten die negativen Auswirkungen, die schädliche Selbstwertkonzepte auf unseren Alltag haben – sowohl privat als auch beruflich.

Kapitel 3:

Sie lernen Möglichkeiten kennen, wie Sie Ihr eigenes Selbstwertkonzept erkennen oder – falls Sie das nicht mehr erkennen können – wie Sie es wieder aufspüren und es sich wieder bewusst machen.

Kapitel 4:

Nachdem Sie Ihr altes, schädliches Selbstwertkonzept erkannt haben, kümmern wir uns jetzt um eine sinnvolle Alternative: Wie wollen Sie sich künftig selbst sehen und bewerten, um nicht unnötig darunter zu leiden, und wie können Sie künftig neue Selbstwertbomben vermeiden?

Kapitel 5:

Anschließend üben wir, wie man eigene Selbstwertbomben entschärft: Weshalb ist das alte Konzept unsinnig und unglaubwürdig? Weshalb sollten Sie es besser über Bord werfen?

Kapitel 6:

Hier betrachten wir, wie man gesunde Selbstkonzepte erstellt und wie Sie Ihr eigenes, neues Selbstkonzept erarbeiten.

Kapitel 7:

Abschließend üben wir, wie Sie Ihr neues Selbstkonzept in Ihren Alltag einbauen, um es glauben und leben zu lernen.

Anhang:

Hier finden Sie Arbeitsblätter zum Umsetzen und Üben des Gelesenen sowie weiterführende Literatur.