Shine by Andy Cope, Gavin Oattes

Der Teil, bevor es richtig losgeht …

Gehen ein Engländer, ein Schotte und ein Ire in eine Bar. Der Barkeeper mustert sie von oben bis unten und fragt: »Soll das ein Witz werden?«

In den 1970er- und 80er-Jahren fingen alle Gags so an. Und sie waren ja auch wirklich zum Schieflachen; bis wir schließlich herausfanden, dass es sich in Wirklichkeit um lahme, stereotype, rassistische Beleidigungen handelte. Wer hätte das ahnen können? Alternative Comedians haben diese müden Witze aus vergangenen Zeiten längst hinweggefegt und so mussten wir uns hier etwas Neues ausdenken.

Das war für uns aber auch gar kein Problem, weil ohnehin keiner mehr Witze erzählt. Heute geht es um Storys und unsere Story fing in Wirklichkeit auch gar nicht so an. Es gab nämlich gar keinen Iren. Und auch keine Bar. Es gab nur einen Engländer und einen Schotten und die trafen sich in einem Café an der Uni St Andrews. Sie tranken einen Tee, quatschten ein bisschen, und das war es dann auch schon.

Das hat natürlich überhaupt nicht das Zeug für einen Gag (nicht mal für einen alternativen). Es ist noch nicht einmal interessant.

Interessant ist aber, was danach passierte. Denn der Engländer und der Schotte blieben in Kontakt, und als die Zeit dafür reif war, schrieben sie zusammen ein Buch. Dieses Buch hier.

Was ist das nun für ein Buch? Es handelt sich hier um den besten Selbsthilfe-Ratgeber, der je geschrieben wurde. Also, von Gavin und Andy. Ob es tatsächlich der beste Ratgeber aller Zeiten ist, werden wohl die Amazon-Besprechungen zeigen. Hand aufs Herz, unsere Ausgangsidee war es jedenfalls, das beste Buch zu schreiben, das die Ratgeber-Regale je gesehen haben.

Der Schotte war ganz aufgeregt. Sie müssen wissen, dass er noch nie ein Buch geschrieben hatte, und daher hatte er auch keine Ahnung, welche Mühen und Plagen da auf ihn warteten. Der knorrige alte Engländer dagegen war ein alter Hase. Er kannte sich aus und daher war seine Aufgeregtheit auch von einer Spur Skepsis begleitet. »Das beste Buch aller Zeiten« war ja eine nette Idee (sie stammte von dem Schotten), aber jetzt mal in echt? Der Engländer lächelte höflich, wie Engländer es nun mal tun.

Aber der Engländer und der Schotte entwarfen zumindest einen Plan und dann gingen sie ihrer Wege. Gavin nach Edinburgh, Andy nach Derby, und sie begannen damit, das eine oder andere aufzuschreiben. Zu tippen, genauer gesagt natürlich.

Der Engländer haderte ein bisschen. Er begann sich schon zu fragen, wie oft er wohl noch damit durchkommen würde, dass er wieder genau das Gleiche erzählte wie in seinen ersten fünf Büchern, als, »Ping«, eine E-Mail eintraf. Sie war von dem Schotten. »Schicke dir heute noch ein paar Ideen.«

Das war's.

Zehn Minuten später: Ping, wieder eine Mail aus Edinburgh, mit der Headline »A wee bit of magic« (Ein kleines bisschen Magie), und diesmal mit Anhang.

Ich seufzte. »A wee bit of magic«? Wee? Schreibt der Kerl jetzt echt in seinem komischen Schottisch!

Gerade wollte ich den Anhang öffnen, da gab es noch zwei weitere Pings; »Silly Stress« und »Mary Poppins« lagen im Postfach, beide mit Anhang.

Der fliegende Schottländer …

Ich öffnete »A wee bit of magic« und ließ meinen Blick darüber schweifen. In seinem früheren Leben war Gavin Lehrer gewesen, außerdem hatte ich ihn auch schon mal einen Vortrag halten hören und ich hatte seine Blogs gelesen, von daher wusste ich, dass er durchaus mit Worten umgehen kann. Allerdings hatte er noch nichts veröffentlicht.

Ich war einfach hin und weg von »A wee bit of magic«. Nur zwei kurze Seiten, und ich habe gelacht und geweint.

Anfängerglück?

Ich klickte auf »Silly Stress«. Das Gleiche! Und »Mary Poppins« legte die ohnehin schon himmelhohe Ratgeber-Latte auf Dick-Fosbury-Niveau. Es war schlicht erstaunlich; ein Text wie ein Boxhieb aus dem Nichts; zuerst wurde ich mit ein paar lustigen Sachen eingelullt und dann kam der Schlag, der mir die Luft wegnahm. Es war genau die Art zu schreiben, die ich immer gern beherrscht hätte.

Der beste Selbsthilfe-Ratgeber, den die Welt je gesehen hat? Sollte der Schotte das tatsächlich ernst gemeint haben?

Während der Engländer noch las, hatten bereits sechs weitere E-Mails ihren Weg den Information Superhighway hinunter über die A1, die M18 und die M1 gefunden, eine so gut wie die andere.

Und hier wären wir nun also. Klar ist, dass der Schotte den Engländer wohl gar nicht gebraucht hätte. Oder vielleicht doch? Denn der ein wenig zusammenhanglos erscheinende Haufen Storys brauchte noch eine Art Erzählstrang. Manchmal benötigen die Leser auch eine kleine Atempause und da komme ich dann ins Spiel, mit ein wenig Wissenschaft oder einem neuen Blickwinkel oder (was sehr oft der Fall war, aber kein Mensch bemerken wird) mit ein bisschen anständiger Interpunktion. Apostrophe? Halloooo? Ich frage mich, wie der Schotte jemals seine Lehrerprüfung bestanden hat. Den Puristen verspreche ich also gute Grammatik und keine Emojis. Nur mal laut gedacht: Ist das eigentlich eine Generationengeschichte – drei Ausrufezeichen zu setzen, um etwas als ganz besonders wichtig zu kennzeichnen?!?!?!

Jedenfalls liegt für Sie auch schon in dem Vergleichen, das ich hier vornehme, eine Art Lektion. Denn Gavin spricht davon, dass Sie Ihren Fokus nicht darauf richten sollten, der oder die Beste auf der Welt zu sein, sondern der oder die Beste für die Welt. Ein subtiles Wortspiel, das aber ganz unsubtile Konnotationen hat. Es deckt sich ziemlich genau mit Simon Sineks Idee, dass begrenzte (finite) Spieler spielen, um die Leute in ihrem Umfeld zu schlagen, während unbegrenzte (infinite) Spieler spielen, um sich selbst zu verbessern. Auf das Leben übertragen heißt das: Es geht nicht um Twitter-Follower, Facebook-Likes und Buchverkäufe, nicht darum, wie viel Gehalt Sie einstreichen oder wie lustig Sie sind. Es geht nicht darum, bessere Arbeit zu leisten als die Kollegen, oder darum, jemanden zu übertreffen. Das Bestreben, anderen immer um eine Nasenlänge voraus zu sein, macht unbeliebt.

Und da es jenseits meiner Möglichkeiten liegt, so witzig wie der Schotte zu sein, habe auch ich das »begrenzte« Denken hier durch »unbegrenztes« Denken ersetzt. Ob ich wohl Bücher schreiben kann, die so toll sind wie die meiner Helden, bleibt somit eine rein akademische Frage. Ich habe einen anderen Fokus gewählt. Die größten Autoren aller Zeiten zum Thema persönliche Entwicklung sind nicht meine Konkurrenten. Der Schotte ist nicht mein Konkurrent.

Ich bin mein Konkurrent. Nicht nur beim Schreiben, sondern bei allem.

Und Sie sind Ihrer.

Weshalb Freude auch nicht durch Vergleichen entsteht, sondern durch Verbesserung. Für mich geht es also darum, dass ich bessere Arbeit abliefere als beim letzten Mal. Ich bin sehr, sehr stolz auf meine bisherigen Bücher. Das heißt, dass ich meinen Einsatz jetzt so weit erhöhen muss, dass ich sehr, sehr, sehr stolz auf dieses Buch bin.

Das Beste ist, dass es eine echte Erleichterung bedeutet, wenn ich erkenne, dass ich mich nicht mit den Besten der Welt messen muss. Es geht jetzt nur noch darum, dass ich ein bisschen besser sein muss als ich selbst beim letzten Mal. Und da hilft es dann ganz enorm, den fliegenden Schottländer mit an Bord zu haben, denn er hilft mir, besser zu werden.

Und wenn ich ihm dann auch helfen kann, ist alles gut.

So, und da hätten Sie dann auch schon Ihre erste Lektion gelernt und wir sind noch nicht mal im ersten Kapitel. Vorankommen statt vergleichen.

Und jetzt zum Buch selbst …

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Danke an meine Frau Ali, die mir immer genau dann sagt, dass ich etwas kann, wenn ich den Glauben daran ganz dringend benötige.

Dieses Buch ist für alle, die immer zu viel nachdenken, die sich Sorgen machen, für alle auf der Welt, die immer rot geworden sind, wenn sie vor der ganzen Klasse vorlesen mussten.

Gavin Oattes