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1. Auflage

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ISBN: 978-3-86888-171-4

Dieses Buch stellt im Rahmen der Third Mission der Medizinischen Universität Graz einen nachhaltigen gesellschaftlichen Beitrag dar. Dabei soll das Thema Ethik und Recht in der Medizin einem breiten öffentlichen Publikum zugängig gemacht werden.

Die Erstveröffentlichung der Beiträge erfolgte in dem Medium „Spektrum des Wirtschaftsrechts 2018“ (Jan-Sramek-Verlag).

* * *

Autor:
Priv.-Doz. Dr. med. univ. Dietmar Enko
Klinisches Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik
Medizinische Universität Graz
Auenbruggerplatz 15
A-8036 Graz
Österreich

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das vorliegende Buch kann als Verhaltenskodex für MedizinerInnen und NaturwissenschaftlerInnen in der humanmedizinischen Wissenschaft sowie für medizinische Sachverständige verstanden werden.

Humanmedizinische Forschung spielt eine wichtige Rolle für neuen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn über bereits bestehende oder neue Krankheitsbilder. In Österreich gibt es derzeit kein eigenes Forschungsgesetz. Der humanmedizinische Forscher muss sich in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zwischen verschiedenen ethischen und rechtlichen Verpflichtungen, welche in unterschiedlichen Quellen, Richtlinien und Normen verstreut sind, zurechtfinden.

Welche ethischen und rechtlichen Pflichten hat ein humanmedizinischer Wissenschaftler in Österreich im Rahmen seiner Forschungsprojekte zu berücksichtigen? Der erste Teil des vorliegenden Buches dient als Leitfaden zur Prävention von Fehlverhalten in der medizinischen Forschungslandschaft.

Bereits bestehende Richtlinien wie z.B. die Regeln der „Guten wissenschaftlichen Praxis“ können als objektiver Bewertungsmaßstab von wissenschaftlichem Arbeiten in der Humanmedizin herangezogen werden. Die Eigen- und Letztverantwortung in der Einhaltung medizinethischer und rechtlicher Grundprinzipien liegt jedoch beim einzelnen Forscher selbst. Ausreichender Sachverstand und kritische Selbstreflexion mit entsprechender Nutzen-Risikoabwägung sind die Grundvoraussetzungen für wissenschaftliche Integrität und Vermeidung von Forschungsbetrug.

Wissenschaftliche Integrität als ethisches Grundprinzip ist die Voraussetzung für ein entsprechendes Grundverständnis in der breiten Öffentlichkeit für humanmedizinische Forschungsprojekte. Es liegt in der Verantwortung des humanmedizinischen Forschers, Studienergebnisse kritisch und ehrlich abzubilden und einer breiten Mehrheit zugänglich zu machen und dabei in ständigem Dialog mit der Gesellschaft zu bleiben.

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit den ethischen und rechtlichen Pflichten des medizinischen Sachverständigen. Existieren in Österreich Richtlinien oder ein Regelwerk, in welchem ethische Werte für Ärzte in der Rolle als medizinischer Sachverständiger abgehandelt werden?

Welche persönlichen Voraussetzungen muss ein Arzt mitbringen, um überhaupt als medizinischer Sachverständiger tätig zu werden? Welche Eigenschaften und Persönlichkeitszüge charakterisieren einen ordentlichen Gutachter? Welche beruflichen Voraussetzungen sind Pflicht für eine gutachterliche Laufbahn?

Der medizinische Sachverständige wird im Rahmen seiner Tätigkeit und beruflichen Laufbahn mit vielen Grundproblemen der Medizin, aber auch der Juristik und aktuellen Problemen der Gesellschaft konfrontiert. Im beruflichen Alltag werden sich in Bezug auf die Erstellung von medizinischen Gutachten immer wieder Konfliktsituationen in der Beurteilung und Entscheidungsfindung des jeweiligen Sachverhaltes ergeben. In diesem Zusammenhang erscheint es unerlässlich, die eigenen Handlungsabläufe und praktischen Methoden der Befundermittlung immer wieder erneut zu reflektieren.

Dietmar Enko

Graz, im Sommer 2021

Kapitel I

Ethische und rechtliche Verhaltensregeln in der humanmedizinischen Wissenschaft

Kapitel II

Ethische und rechtliche Pflichten des medizinischen Sachverständigen

Kapitel I

Ethische und rechtliche Verhaltensregeln in der humanmedizinischen Wissenschaft

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Einführung in die Thematik

2 Hauptteil

2.1 Forschungsethische Grundprinzipien

2.1.1 Ethik und Moral

2.1.2 Forschungsethik und Forschungsethos

2.1.3 Ethische Anforderungen an den humanmedizinischen Forscher

2.1.4 Europäische Charta für Forscher

2.1.5 Auswahl des Forschungsthemas

2.1.6 Gesellschaftlicher Wert humanmedizinischer Forschung

2.1.7 Nutzen-Risikoabwägung von Forschungsvorhaben

2.1.8 Informed Consent: Aufgeklärte Einwilligung der Probanden

2.1.9 Verantwortung in der humanmedizinischen Forschung

2.1.10 Wissenschaftliche Integrität

2.1.11 Good Scientific Practice

2.1.12 Good Clinical Practice

2.1.13 Die Ethikkommissionen in Österreich

2.1.14 Der Ethikkommissionsantrag

2.1.15 Die Deklaration von Helsinki

2.2 Datenschutz in der humanmedizinischen Forschung

2.3 Die ärztliche Schweigepflicht

3 Schlussfolgerungen und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Einführung in die Thematik

Forschung in der humanmedizinischen Wissenschaft nimmt in der Gegenwart einen hohen Stellenwert ein. Sowohl die medizinischen Universitäten als auch die Fachhochschulen für medizinische Gesundheitsberufe in Österreich bemühen sich, an der nationalen sowie internationalen Forschungslandschaft teilzunehmen. Außerdem entstehen in Österreich derzeit auch neue medizinische universitäre Strukturen, welche vor der großen Herausforderung und Verantwortung stehen, gute und zeitgemäße Forschungseinrichtungen zu etablieren und in der universitären Landschaft zu verankern.

Medizinische Forschung wird in Österreich sowohl im vorklinischen als auch im klinischen Bereich praktiziert. Neben der Grundlagenforschung existiert der breite Bereich der klinisch orientierten Anwendungsstudien, welche vor allem im onkologischen Bereich nicht nur an Universitätskliniken, sondern auch z.T. an außeruniversitären Schwerpunktspitälern durchgeführt werden. Daneben gibt es auch die epidemiologische Forschung sowie die Versorgungsforschung.

Die humanmedizinische Wissenschaft ist mit der Mathematik oder der Physik nicht vergleichbar, zumal sie keine exakte Wissenschaft ist. Vielmehr stellt sie eine experimentelle Wissenschaft dar, in der zwar zahlreiche allgemeine Grundsätze gelten, jedoch jeder Patient individuell anders erscheint, und daher eine für die Mehrheit der Bevölkerung wirksame Therapie bei einem gewissen Patientenanteil nicht greift.1

Die humanmedizinische Wissenschaft ist auch nicht vergleichbar mit den Geisteswissenschaften. Sie benötigt nicht nur Bibliotheken, sondern in erster Linie Forschungslabore und schließlich auch die direkte Erprobung am Menschen. Aus diesem Umstand heraus ergibt sich auch eine besondere Interaktion zwischen dem humanmedizinischen Forscher und den Studienteilnehmern bzw. Patienten.

Ohne Forschung gibt es in der humanmedizinischen Wissenschaft keine neuen Erkenntnisse über bereits bestehende oder neue Krankheitsbilder und zugleich auch keine Weiterentwicklung von diagnostischen und therapeutischen Konzepten und Ansätzen. Voraussetzung für eine gute medizinische Forschung in Österreich ist in erster Linie die Verankerung von Forschungsprojekten auf internationaler Ebene. Forschungsleistungen müssen transparent ausgerichtet sein und im internationalen Wettbewerb standhalten können.

Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit in der humanmedizinischen Wissenschaft gewährleisten zu können, ist es zwingend notwendig, entsprechende Rahmenbedingungen für die Forschung am Menschen zu schaffen. Forschungsprojekte müssen nach einwandfreien wissenschaftlichen, ethischen und rechtlichen Kriterien durchgeführt werden. Das entsprechende wissenschaftliche Klima an den medizinischen Universitäten in Österreich sollte innovativ und zukunftsorientiert gestaltet werden, um eine Abwanderung von guten medizinischen Wissenschaftlern in das Ausland zu verhindern.

Im Bereich der medizinischen Forschung gibt es in Österreich derzeit kein eigenes Forschungsgesetz. Die Rechtslage der Forschung am Menschen ist unübersichtlich und zum Teil auch in sich widersprüchlich.2 Zudem gibt es in Österreich bis dato keine exakte Überblicksliteratur zur medizinischen Forschung. Ethische und rechtliche Pflichten des humanmedizinischen Wissenschaftlers findet man in unterschiedlichen gesplitteten Gesetzestexten und Regelungen. Vor allem die humanmedizinischen Universitäten in Österreich sind bemüht, entsprechende Richtlinien („Good Scientific Practice“) für alle Angehörigen der entsprechenden universitären Einrichtung zu erstellen. Diese Regelungen beinhalten ethische und rechtliche Pflichten der Forscher und sollten zugleich auch garantieren, dass die humanmedizinische Forschung auch internationalen Standards entspricht.

In der medizinischen Wissenschaft geht es nicht nur um methodische Präzision und Richtigkeit, sondern der humanmedizinische Forscher unterliegt ethischen Grundprinzipien und Regeln, welche unter dem umfassenden Begriff der sogenannten Forschungsethik zusammengefasst werden. Dabei ist es unerlässlich, dass jeder am Menschen beteiligter Wissenschaftler sich in erster Linie die entscheidende Frage stellt, welches Ziel er mit seinem Forschungsvorhaben verfolgt. Zudem ist eine der entscheidenden Fragen, ob die gewählte Methodik und Herangehensweise an die Forschungsfrage ethisch vertretbar ist und welcher Nutzen damit verbunden wird.

Jeder in der humanmedizinischen Forschung tätige Wissenschaftler muss sich auch explizit bewusst sein, dass sämtliche in die jeweiligen Forschungsprojekte eingebundenen Probanden ausführlich über den genauen Umfang und die Ziele der Forschungsvorhaben informiert werden. In der Ausführung dieser Forschungsvorhaben darf in keinem Fall gegen die Menschenwürde bzw. Menschenrechte verstoßen werden. Der in der humanmedizinischen Wissenschaft tätige Forscher ist daher stets zur Wahrheit verpflichtet. Bezüglich Nutzen, Methodik und Studiendatenanalyse dürfen keine Falschaussagen gemacht werden. Eine sachlich richtige und ehrliche Meldung von Studienergebnissen erscheint selbstverständlich, jedoch hat es in den letzten Jahren zahlreiche und umfangreiche Medienberichte über unehrliche Praktiken in Zusammenhang mit der Publikation von Studienergebnissen gegeben. In erster Linie wurde über die Erfindung von Studiendaten, Plagiate, sogenannte „Ehrenautorenschaften“ sowie über sich überschneidente Doppel- und Mehrfachpublikationen berichtet. Hierbei ist zu beachten, dass es aufgrund von unrichtigen und falschen Forschungsberichten zu Falschbehandlungen und damit zur Schädigung von Patienten kommen kann.3

Fehlverhalten unter Forschern ist weit verbreitet und existiert auch in der medizinischen Wissenschaft. Zu Beginn der achtziger Jahre wurden in den USA Fälle von Datenfälschungen in der Wissenschaft bekannt. Im Laufe der Jahre wurde immer wieder über neue Wissenschaftsskandale berichtet, welche in die Diskussion über „Misconduct in Science“ einbezogen wurden.4 Die Zahl der medizinischen Wissenschaftler sowie Publikationen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Im Jahre 2012 wurden weltweit in mehr als 20.000 Journalen insgesamt mehr als eine Million medizinischer Fachartikel veröffentlicht. Damit wird zunehmend auch eine stringente Kontrolle dieser expandierenden Wissenschaftsmaschinerie schwierig.5

Ein Beispiel für ein Fehlverhalten unter Forschern ist die unrechtmäßige Vergabe von Autorenschaften. Diese durchwegs gängige Praxis in der humanmedizinischen Wissenschaft stößt auf Kritik und ist äußerst fragwürdig. Das Manipulieren von Daten, das Verschweigen von Auswertungen oder das Schönen von statistischen Analysen fallen ebenfalls unter Betrug in der Wissenschaft. Diese Formen von Fehlverhalten sind allerdings schwer nachzuweisen. Außerdem verlangen nur wenige Journale in der humanmedizinischen Wissenschaft auch die Originaldatensätze der geplanten oder angenommenen Publikationen.

Zahlreiche in der medizinischen Forschung stehende Wissenschaftler stehen unter enormen Erfolgsdruck. Ständig müssen neue Erkenntnisse gewonnen und neue Ergebnisse präsentiert und publiziert werden. Oftmals wird jahrelange Forschungstätigkeit betrieben, welche jedoch nicht zum erhofften Erfolg führt. Diese Tatsache kann dazu verleiten, Ideen von Kollegen zu kopieren oder überhaupt von anderen Forschern abzuschreiben.

Der Begriff „geistiges Eigentum“ („Intellectual Property“) ist ein Oberbegriff, der die Schöpfung des menschlichen Geistes in Schutz nimmt. Von der Antike bis zur Renaissancezeit wurde zwar der Urheber geistiger Schöpfungen in der Gesellschaft anerkannt, es war jedoch gesetzlich grundsätzlich nicht verboten, die Texte solcher Urheberwerke zu übernehmen. Erst im 18. Jahrhundert wurde der Begriff des „geistigen Eigentums“ mit einer gesetzlichen Norm verbunden.6 Dieses Urheberrecht schützt in erster Linie die Originalität sowie die Individualität eines Werkes. Beide Eigenschaften werden auch von zahlreichen Fachzeitschriften in der medizinischen Forschungslandschaft eingefordert. Nur mit einer Zustimmungserklärung des Urhebers darf das entsprechende Werk vervielfältigt oder verändert werden. Innovative Ideen zahlreicher Forscher stellen die Grundlage für daraus entstehende Publikationen, welche dem Wissenszuwachs in der humanmedizinischen Wissenschaft dienen, dar.

Die medizinische Wissenschaft befindet sich im Spannungsfeld zwischen Forschungsfreiheit und Verantwortung. Die sogenannte „Freiheit der Forschung“ nimmt in der westlichen Welt einen besonderen Platz ein, ist aber im Handeln niemals unbedingt, sondern ist durch Verantwortung, gesellschaftliche Rücksichten, sowie Gesetze beschränkt.7 Legitimität bedeutet niemals Schrankenlosigkeit der Forschungsfreiheit. Ohne ethisches Regelwerk und gesetzliche Rahmenbedingungen ist eine gute wissenschaftliche Forschung am Menschen in der Praxis nicht gesichert. Durch ethische und gesetzliche Verpflichtungen werden daher der Forschungsfreiheit Grenzen gesetzt.

Neben dem ethischen und normativen Regelwerk existiert aber auch das Wissen, die Erfahrung und die Verantwortung jedes einzelnen Forschers in der Humanmedizin, welche einen wesentlichen Einfluss auf die Abwägung von etwaigen Forschungsrisiken sowie die Grenzen von Forschungsprojekten haben.

Forschungsplanung ist naturgemäß immer auf neue Erkenntnisse und Unbekanntes ausgerichtet. Aus diesem Grunde sind Forschungsvorhaben oft nicht bis in das letzte Detail planbar. Vielmehr ergibt sich in zahlreichen Forschungsprojekten eine erneute Forschungsfrage und nicht selten müssen Studienprojekte erweitert oder sogar revidiert werden. Auch hier liegt es in der Verantwortung jedes einzelnen humanmedizinischen Wissenschaftlers, die richtungsweisenden Entscheidungen nach seinem besten Wissen und Gewissen zu treffen.

Vom medizinischen Wissenschaftler wird ein sehr hohes Maß an Sachverstand erwartet. Er muss in seiner entsprechenden Fachdisziplin bzw. in seinem Forschungsgebiet sachkundig sein. Eine der ständigen Herausforderungen ist es, sich diesen Sachverstand auch zu bewahren. Dabei ist neben der Aufrechterhaltung der entsprechenden wissenschaftlichen Kenntnisse und fachlichen Qualifikationen auch das ethische Wissen von entscheidender Bedeutung, da in der medizinischen Praxis aufgrund der Veränderungen der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen immer wieder neue ethische Fragen auftauchen.8

Neben dem medizinischen Grundwissen, welches im Rahmen der universitären Ausbildung erworben wird, sind die permanente postpromotionelle Fort- und Weiterbildung unerlässlich und notwendig. Zudem erfordert die zunehmende Subspezialisierung der einzelnen Fachbereiche in der Medizin auch den Erwerb von immer mehr Detailwissen. Durch dieses Detailwissen nimmt auch die Komplexität der einzelnen Fragestellungen in der medizinischen Forschung zu. Dies stellt m.E. eine der größten Herausforderungen für den humanmedizinischen Wissenschaftler dar.

Der zunehmende und exponentiell steigende Wissenszuwachs sowie die Datenflut in der medizinischen Wissenschaft erfordern vom Forscher gute und überdachte strategische Überlegungen, das entsprechend richtige Datenmaterial aus den vorhandenen Medien (z.B. Journals, medizinische Datenbanken im Internet etc.) zu selektieren und in seine entsprechenden Forschungsvorhaben auch einzubauen.

Studiendaten richtig zu lesen und zu interpretieren, ist eines der essentiellen Werkzeuge in der humanmedizinischen Forschung, welches nur durch schrittweises Erlernen angeeignet werden kann. Dies ist auch notwendig, um etwaige diskrepante Studienergebnisse von unterschiedlichen Publikationen zum selben Fachthema kritisch zu hinterfragen und in den eigenen Veröffentlichungen richtig zu zitieren und diskutieren. In diesem Zusammenhang erscheint es notwendig, sich auf nationalen und internationalen Forschungskongressen und Symposien mit Kollegen aus dem jeweiligen Fachgebiet auszutauschen und den Wissensstand abzugleichen.

Medizinische Forschung bedeutet nicht das Verfolgen von Eigeninteressen, sondern ist immer auch mit einem Auftrag der Gesellschaft verbunden und hat das Ziel, die Diagnose und die Therapie von Krankheitsbildern zu optimieren und damit auch die Prognose zu verbessern.9

Die Wissenschaft am Untersuchungsobjekt Mensch generiert zahlreiche Daten in Bezug auf Diagnose, Therapie und Prognose von Krankheitsbildern. Dabei handelt es sich um sensible Daten. In diesem Zusammenhang spielt der Datenschutz in der rechtlichen Regulierung der humanmedizinischen Forschung eine große Rolle.10 Dem Schutz von Patientendaten jeglicher Art kommt in der medizinischen Forschung besondere Bedeutung zu. Die in den vergangenen Monaten und Jahren geführten Diskussionen um „Big Data“, Telemedizin und elektronische Gesundheitsakte tragen dazu bei, dass Fragen des Datenschutzes bzw. der Anonymisierung von digitalisierten Gesundheitsdaten auch in der medizinischen Forschung als sehr relevant erscheinen und immer komplexer werden. Auch im medizinischen Bereich entstehen immer mehr Daten, welche aufgezeichnet und verarbeitet werden.

Ein zusätzlicher Trend im heutigen Gesundheitswesen stellt die personalisierte Medizin dar. Dabei werden dem einzelnen Patienten eine individualisierte Diagnostik und Therapie angeboten. Die in diesem Zusammenhang aufgezeichneten und verwendeten genomischen Daten des einzelnen Individuums bergen ein großes Potential in sich, dass Patienten in der Verarbeitung der Daten reidentifiziert werden könnten und damit nicht anonym bleiben. Von Seiten des Gesetzgebers gibt es in Österreich ein Datenschutzgesetz. Daneben existiert die ärztliche Schweigepflicht. Zu guter Letzt liegt es in der Gesamtverantwortung des medizinischen Forschers, alle ihm zur Verfügung stehenden Maßnahmen zu treffen, damit die Weiterverarbeitung von medizinischen Daten anonymisiert erfolgt. Dabei muss von der jeweiligen medizinischen Einrichtung, in welcher die Forschungstätigkeiten durchgeführt werden, auch ein adäquates EDV-Datenmanagement gewährleistet werden. Mit der Größe der Daten steigt erfahrungsgemäß auch die Komplexität der Anforderungen an die EDV.

Neben entsprechenden Maßnahmen im Bereich des Datenschutzes ist es in der medizinischen Forschung essentiell, dass sich sowohl Patienten als auch Ärzte auf die präsentierten Studienergebnisse verlassen können. Daher erscheinen Präventionsmaßnahmen, welche jeglicher Form von irreführender Forschung bzw. Fehlverhalten von Forschern vorbeugen, unerlässlich. Dazu gehören praxisorientierte Studienmodule zum Thema „Forschung in der Medizin“, welche den angehenden Jungforschern eine solide Basisausbildung auf diesem Gebiet vermitteln. Dazu gehört auch die Verwendung von Computerprogrammen, welche etwaige Plagiate aufdecken. Als Präventivmaßnahmen für gute medizinische Publikationen sind auch standardisierte Peer-Review Verfahren der medizinischen Fachzeitschriften notwendig, welche vor allem die verwendeten Methoden und die statistischen Auswertungen mit den dafür entsprechend notwendigen Fallzahlen kritisch betrachten.

Qualitätsmanagement in der humanmedizinischen Forschung ist ein essentielles Element zur Sicherstellung von guter wissenschaftlicher Praxis in einem gesunden und kollegialen Forschungsumfeld. Zu den entsprechenden qualitätsfördernden Maßnahmen gehört die entsprechende Qualifikation des an der Ausführung von Forschungsprojekten beteiligten Personals. Zudem muss per se eine ausreichende Personalkapazität zur Verfügung stehen, um entsprechend definierte Qualitätsmerkmale zu erreichen. Ausschlaggebend für die Qualität der entsprechenden Forschungsprojekte sind auch eine gute und funktionierende Kommunikation zwischen den beteiligten Personen sowie ein gut etabliertes Schnittstellenmanagement zwischen den einzelnen medizinischen Einrichtungen. In den jeweiligen Forschungsvorhaben müssen Verantwortlichkeiten (z.B. Datenmanagement, Dokumentation, Datenauswertung, Studienassistenz, Verfassung etwaiger Publikationen, Autorenschaften etc.) klar definiert sein.

Qualitätsfördernde Maßnahmen in der medizinischen Forschung haben das Ziel, dass die Forschungsarbeit einzelner Wissenschaftler gut nachvollziehbar und reproduzierbar ist. Die aus verschiedenen Forschungsprojekten hervorgehenden Studienergebnisse müssen anhaltend und nachhaltig überprüfbar sein. Dabei ist die Anwendung richtiger Methoden und statistischer Analysen ausschlaggebend. Konkurrenzdruck zwischen verschiedenen Wissenschaftlern, Forschungsgruppen oder Forschungseinrichtungen darf nicht nur zur quantitativen Steigerung von medizinischen Publikationen führen, sondern muss immer auch die Qualität der Forschungsarbeit mitberücksichtigen.


1 Weltärztebund, Handbuch der ärztlichen Ethik (2005) 76.

2 Kopetzki, Braucht Österreich eine Kodifikation des biomedizinischen Forschungsrechts? In Körtner/Kopetzki/Druml (Hrsg..), Ethik und Recht in der Humanforschung (2010) 56, (57).

3 Weltärztebund, Handbuch der ärztlichen Ethik (2005) 84.

4 Stegemann-Boehl, Fehlverhalten von Forschern (1994) 1.

5 Urban, Forschungsbetrug in der Medizin: ein Spektrum an Beispielen, in Frewer (Hrsg..), Forschungsbetrug in der Medizin – Fakten, Analysen, Präventionsstrategien (2015) 11 (13).

6 Hoppe/Kwisda, Geistiges Eigentum, in Lenk/Duttge/Fangerau (Hrsg..), Handbuch Ethik und Recht der Forschung am Menschen (2014) 159 (159).

7 Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Moralphilosophische Antwort auf die technologische und biomedizinische Macht, in Böhler (Hrsg..), Leben, Wissenschaft, Verantwortung (2004) 84 (184).

8 Weltärztebund, Handbuch der ärztlichen Ethik (2005) 18.

9 Hasenfuß, Verantwortung in der klinischen Forschung, in Starck (Hrsg..), Verantwortung der Wissenschaft (2005) 23 (44).

10 Graf von Kielmansegg, Datenschutz in der medizinischen Forschung, in Lenk/Duttge/Fangerau (Hrsg.), Handbuch Ethik und Recht der Forschung am Menschen (2014) 121 (121).

2 Hauptteil

2.1 Forschungsethische Grundprinzipien

2.1.1 Ethik und Moral

In unserer Gesellschaft werden die Begriffe „Ethik“ und „Moral“ oftmals im täglichen Sprachgebrauch verwendet. Sowohl in der Politik als auch in der Ausbildung von angehenden Akademikern bzw. in der Medizin werden beide Begriffe häufig verwendet. Es wird immer wieder die Frage gestellt, ob jemand „ethisch“ oder „moralisch“ gehandelt hat oder ob etwas „ethisch“ oder „moralisch“ vertretbar ist.