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Deutsche Erstausgabe (ePub) Juni 2021

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2019 by Elaine Lindsey

Titel der Originalausgabe:

»Bio-Mechanical«

Published by Arrangement with Elaine Lindsey

 

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2021 by Cursed Verlag

Inh. Julia Schwenk

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile,

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit

Genehmigung des Verlages.

 

 

Bildrechte Umschlagillustration

vermittelt durch Shutterstock LLC; iStock; AdobeStock

Satz & Layout: Cursed Verlag

Covergestaltung: Hannelore Nistor

Druckerei: CPI Deutschland

Lektorat: Debora Exner

 

ISBN-13: 978-3-95823-890-9

 

Besuchen Sie uns im Internet:

www.cursed-verlag.de


 

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Aus dem Englischen
von Jutta Grobleben

 

 


 

Liebe Lesende,

 

vielen Dank, dass ihr dieses eBook gekauft habt! Damit unterstützt ihr vor allem die*den Autor*in des Buches und zeigt eure Wertschätzung gegenüber ihrer*seiner Arbeit. Außerdem schafft ihr dadurch die Grundlage für viele weitere Romane der*des Autor*in und aus unserem Verlag, mit denen wir euch auch in Zukunft erfreuen möchten.

 

Vielen Dank!

Euer Cursed-Team

 

 

 

 

Klappentext:

 

Nach dem Verlust seiner Beine bei einer Militärübung und der Ablehnung seiner Familie nach seinem Coming-out hat Tätowierer James in der kleinen Stadt Fairfield beim Tattoostudio Irons and Works endlich ein Zuhause gefunden. Ein Geheimnis bleibt jedoch: Obwohl er den Ruf hat, regelmäßig durch fremde Betten zu hüpfen, steht ihm seine streng religiöse Erziehung bisher immer im Weg, sexuelle Erfahrungen zu machen. Als er den Anwalt Rowan kennenlernt, der sich unermüdlich für Menschen mit Behinderung einsetzt, ist James sofort von dem leidenschaftlichen Mann fasziniert und glaubt, in ihm die Person gefunden zu haben, die sein Vertrauen wirklich verdient. Aber Rowans Leben bietet kaum Platz für mehr als eine Freundschaft Plus und eigentlich hat er vor, Fairfield bald zu verlassen, um noch mehr Menschen anderswo helfen zu können. Doch was, wenn James der Eine für ihn ist? Könnte Rowan sich je verzeihen, seine wahre Liebe ziehen zu lassen?


 

Danksagung

 

 

EM Denning und Kate Hawthorne dafür, dass sie nicht nur zwei Personen sind, die für das Schreiben meiner Lieblingsbücher überhaupt verantwortlich sind, sondern auch, weil sie zwei der besten Menschen sind, die ich je kennengelernt habe.

 

Und Claudia – danke für all deine Hilfe, deine Ermutigung und deinen Rat. Meinen Leser:innen, weil sie diese Reihe lieben und mich zum Weitermachen anspornen.

 

Meinem großartigen Redakteur und besten Freund, der auf mich aufpasst und dafür sorgt, dass ich nicht den Verstand verliere. Meiner besseren Hälfte, die mich immer zum Lächeln bringt. Meinen Kindern, die mich jeden Tag inspirieren.

 

Zuletzt Dee, Brent und Elizabeth, die mir Einblicke gewährt haben, die es meinen Charakteren ermöglichen, auf jeder Seite auf eine Weise zum Leben zu erwachen, die ich sonst nicht erreicht hätte.


 

Der einzige Unterschied

zwischen dem Heiligen und dem Sünder ist,

dass jeder Heilige eine Vergangenheit hat

und jeder Sünder eine Zukunft.

 

Oscar Wilde


 

Kapitel 1

 

 

»Jetzt möchte ich, dass ihr euch gut umschaut. Schaut euch all diese Leute an, die ihr liebt, all diese Leute, für die ihr gebetet habt, damit Gott sie sicher in seinen Armen hält.«

»Momma?« Er war fünf Jahre alt und seine Stimme hatte keine Chance, die seines Daddys zu übertönen, der an diesem Sonntag auf der Kanzel stand ‒ wie an jedem anderen Sonntag auch. Er zupfte an ihrem Rock und sie warf ihm einen strengen Blick zu, aber er starrte mit der Entschlossenheit von jemandem zurück, der das Prinzip von Konsequenzen noch nicht vollständig verstand. »Momma!«

»Jimmy, du weißt, wir reden nicht, wenn dein Daddy predigt«, sagte sie leise und strich mit einer Hand über sein weiches, hellbraunes Haar.

Er schüttelte den Kopf. »Aber... Momma, warum hab ich diese Karte gekriegt?« Er hielt sie hoch und zerdrückte sie dabei fast in seiner Faust. Dort war ein Wort aufgedruckt, das er nicht lesen konnte, obwohl er die Silben aussprechen konnte. »Ho ‒ hoh. Moh. Momma?«

Sie legte die Hand um sein Handgelenk und sah ihn traurig an. »Dein Daddy möchte heute im Gottesdienst ein Spiel spielen. Hab noch ein bisschen Geduld, okay, Baby? Er ist da oben und verrichtet das Werk des Herrn.«

James zuckte mit den Schultern und lehnte sich auf der Bank zurück. Seine kleinen Beine schlenkerten vor und zurück, während er auf das Wort hinunterschaute. Es war eine Erinnerung, die James noch jahrelang mit sich tragen würde ‒ wahrscheinlich für den Rest seines Lebens.

Seine Hand war jedoch schweißfeucht und er wollte die Karte nicht halten. Er wollte mit Robbie und Bill spielen gehen, auf den Schaukeln hin und her schwingen und etwas von dem Sweet Tea und dem warmen Obstkuchen seiner Nanna haben.

»Jetzt seht euch diese Karten an und diejenigen, die eine mit diesen höllischen Sünden haben, sollen bitte jetzt aufstehen«, sagte sein Daddy.

James schaute auf seine Karte und dann zu seiner Mutter, die ihm zunickte.

Seine Kehle wurde eng, als er dort stand, und er spürte die Blicke aller auf sich, weil sie vielleicht erschrocken waren, dass Reverend Gossett seinen Jungen zum Teufel schicken würde. Er konnte die Leute flüstern hören und er reckte das Kinn, weil es seinem Daddy nicht gefallen würde, wenn er nicht mutig wäre.

»Seht ihr das? Seht ihr all diese Leute da draußen? Diejenigen von euch, die diese Karten haben, repräsentieren den Prozentsatz der Leute, die ihr kennt ‒ Leute, die ihr vielleicht beim Kuchenverkauf, auf dem Jahrmarkt oder beim Chili-Kochen seht ‒ diejenigen, die die mächtige Liebe Gottes nicht verstehen. Die nicht wissen, was sein schrecklicher Zorn auf sie herabregnen lassen kann. Ehebrecher, Homosexuelle, Huren, Lügner, diejenigen, die Sex vor der Ehe haben ‒ diese Sünder sind, obwohl er sie liebt, dazu verurteilt, in der Dunkelheit zu wandeln. In ewigen Qualen und Schmerzen, allein, weil sie vergessen haben, dass ihre Erlösung durch Jesus Christus selbst kommt, der an diesem Kreuz für euch gestorben ist!« Er schlug mit der Faust auf die Kanzel und James zuckte zusammen und ihm stiegen Tränen in die Augen.

»Amen! Amen, Herr, ja, Jesus!« Ein Chor aus Stimmen erschallte um ihn herum, genau wie an jedem Sonntag, aber diesmal fühlte es sich so anders an. Diesmal fühlte es sich an, als würden sie ihn anstarren und ungeduldig darauf warten, ihn leiden zu sehen.

James schluckte schwer und erinnerte sich an einige dieser Gemälde im Büro seines Daddys, die er eigentlich nicht ansehen durfte. Diejenigen, von denen seine Mutter sagte, dass sie nicht für seine Augen bestimmt waren. Er hatte natürlich einen Blick darauf geworfen, weil Robbie ihn dazu herausgefordert hatte. Er hatte nie den Ausdruck der Qual auf den Gesichtern dieser Leute vergessen oder den Ausdruck von Hass und Vergnügen auf dem des Teufels selbst. Nein, das würde er nie vergessen.

Sein Magen drehte sich um und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Momma, ich will nicht in die Hölle kommen. Ich möchte kein Hoh-moh-xeller sein.«

»Nein, Baby«, sagte sie, zog ihn in die Arme und küsste ihn auf die Wange. Sie nahm ihm die Karte ab und schob sie in ihre Handtasche. Ihm entging nicht, dass der Blick seines Daddys auf sie beide fiel oder wie seine Momma ihn fester hielt. »Du bist keines dieser Dinge. Verstehst du? Du wirst die Ewigkeit in den liebenden Armen unseres Herrn Jesus verbringen. Mit mir und deinem Daddy und deinem Gramps.«

James nickte, drückte sein kleines Gesicht an ihren Hals und atmete langsam aus. Danach spielten sie das Spiel nicht mehr mit. Auch dann nicht, als sein Daddy die Leute mit den bösen Karten anwies, nach draußen zu gehen. Nicht einmal dann, als er den anderen sagte, sie sollten sich umsehen und erkennen, wie leer der Himmel ohne die Menschen war, die ihnen etwas bedeuteten. Und auch nicht, als sein Daddy sagte, ihre einzige Aufgabe auf dieser Erde wäre es, Gott zu gehorchen ‒ und das sei mit der Aufgabe verbunden, andere zu retten, um seine Gnade zu verdienen.

 

»… kein Recht, dieses Spiel mit ihm zu spielen, Richard! Kein Recht! Er wird die ganze Woche Albträume haben. Du weißt doch, dass er diese Bilder in deinem Büro gesehen hat!«

»Es ist zu seinem Besten, Mar, das weißt du genau.« James kniff die Augen zusammen, als er die Stimme seines Daddys hörte ‒ müde, nicht wütend. »Du hast gesehen, wie er mit diesen Jungs umgeht. Das ist nicht natürlich.«

»Er ist wie jeder andere Junge, Richard. Fang jetzt nicht damit an. Er ist ein ungestümes Kind, glücklich wie sonst was, wenn er mit dir am Traktor arbeiten oder mit dem Chase-Jungen nach Würmern graben kann.«

»Ich halte von diesem Chase-Jungen nicht viel. Seine Eltern gehen in die St. Marks auf dem Hügel und sie sind progressiv. Ich hab auch gesehen, wie er läuft, Mar. Und wie er liest ‒ das ist nicht… Baby, es ist nicht normal.« Richard seufzte. »Ich möchte nur, dass mein Junge in Sicherheit ist. Dass er gerettet wird.«

»Ihn in Angst und Schrecken zu versetzen, wird da nicht helfen, Rich«, warnte sie. »Es wird ihn nur vertreiben, wenn er alt genug ist zu gehen.«

»Ich vertraue darauf, dass unser Junge das Richtige tut«, sagte Daddy. Sein Tonfall war jetzt sanfter. »Er wird ordentlich erzogen und braucht vielleicht ab und zu einen Schubs in die richtige Richtung. Ich liebe ihn, aber es gibt Grenzen. Ich will ihn nicht verlieren, aber ich werde tun, was ich tun muss.«

»Ich weiß, Schatz«, sagte Momma.

James wollte nicht für immer bis in alle Ewigkeit erstochen, verbrannt und von Monstern gefressen werden. Er wollte mit Momma, Daddy und Jesus zusammen sein. Und wahrscheinlich mit dem alten Duke, der gestorben war, als er drei Jahre alt gewesen war. Und mit seinem Granddaddy, der im Jahr danach gestorben war.

Er würde kein Ho-mo-xeller und kein Lügner werden. Er würde genau das tun, was sein Daddy ihm gesagt hatte, dann wäre er in Sicherheit. Auch wenn das bedeutete, nicht mehr mit Robbie Chase befreundet zu sein. Wenn dieser Junge ihn dazu brachte, komische Dinge zu fühlen, sollte er vielleicht woanders einen neuen Freund finden.


 

Kapitel 2

 

 

»Erzähl mir etwas über dich, das sonst niemand weiß.« Die Stimme des Mannes hatte diesen wunderbaren Südstaatenakzent, den James vermisste, seit er beschlossen hatte, sein Erspartes, sein Zelt und sein Auto zu nehmen und zu dem Haus zu fahren, das der Bruder seiner Mutter ihm hinterlassen hatte, als er 18 geworden war.

Er war dort eingezogen, hatte seine Werkstatt eröffnet und hatte schließlich begonnen, in Teilzeit im Irons and Works zu arbeiten. Hier war alles ein himmelweiter Unterschied zu dem Ort, an dem er aufgewachsen war, und allzu oft fühlte er sich wie ein Außenseiter.

James' Blick wanderte zu dem Tisch gegenüber der Bar, an dem Sage, Sam und Lucy sich einen Pitcher teilten. Sein Glas stand immer noch da, immer noch halb voll, aber keinen von ihnen schien es zu stören, dass er sie wegen des hübschen Südstaaten-Twinks sitzen gelassen hatte, der ihn schon den ganzen Abend über beobachtet hatte.

Natürlich hielt er in Wahrheit nur den Schein aufrecht. Eine einzige Person wusste die Wahrheit über ihn ‒ dass James, obwohl viele ihm nachsagten, häufig die Bettpartner zu wechseln, noch nie mit jemandem geschlafen hatte ‒ und Mat war eine Stunde zuvor gegangen. Der Mann ‒ Robbie oder Cory oder so ‒ streckte die Hand aus und legte sie auf James' Oberschenkel, und James blinzelte ein furchtbares Bild des Höllenfeuers weg, das vor seinem inneren Auge aufblitzte.

»Ich hasse Grütze«, sagte James. Genau genommen keine Lüge, aber nicht das, worauf der Kleine hinauswollte.

Trotzdem schnappte er nach Luft. »Blasphemie.«

James lachte über die Ironie und schüttelte den Kopf, als er näher rückte. Er sah wieder am Tresen entlang und entdeckte Sams Anwalt, der zögernd auf die Bar zukam. Rowans Blick wanderte zu Sam, dann schweifte er durch den Raum und begegnete seinem.

James spürte, wie sein Herz einen Satz machte, womit er nicht gerechnet hatte. Er kannte den Kerl kaum, abgesehen davon, dass Sam sie einander vorgestellt hatte, kurz bevor die Scheiße wegen des Sorgerechts seiner Tochter vor Gericht den Bach runtergegangen war. Rowan war attraktiv und er war eiskalt, was Sam Oberwasser einbrachte ‒ was den Kerl wiederum für alle im Laden automatisch zu einem Helden machte ‒, und er war mit der Szene draußen zwischen Sam und Niko so elegant umgegangen, wie man nur konnte.

James schluckte schwer und verspürte den seltsamen Drang, ihn heranzuwinken und ihm etwas zu trinken anzubieten, aber Rowan eilte hinaus, als wäre der Teufel hinter ihm her. »Also, Cory«, riet James.

»Colin«, korrigierte der Kleine ihn.

»Entschuldigung, hier drinnen ist es echt laut«, log James. Eine Sünde nach der anderen ‒ obwohl ihn zu diesem Zeitpunkt nicht einmal das gesamte Vermögen der Kardashians hätte freikaufen können ‒ und er wollte sie wie eine schützende Decke um sich wickeln, denn laut seinem Vater würde er in der Hölle landen, egal, was er tat. Das Vaterunser würde ihn jetzt nicht retten.

»Wollen wir hier verschwinden?«, fragte Colin. Als James zögerte, beugte sich Colin näher. »Ich könnte zumindest eine Zigarette vertragen, falls du noch nicht gehen willst.«

James dachte einen Moment darüber nach, zuckte dann mit den Schultern und folgte Colin aus der Sitzecke durch die Seitentür in die Gasse, wo sich die Raucher trafen. Es roch ein wenig nach verrottendem Müll, Arsch und schalem Bier, aber er war gerade angetrunken genug, um sich nicht daran zu stören. Seine Beine hatten ihn die ganze Nacht geplagt und er wusste, dass er sich bald verabschieden musste.

James lehnte sich an die Wand, stützte sich ab und versuchte, etwas Druck von seinen Stümpfen zu nehmen. Er merkte, wie Colin ihn beobachtete, und startete einen mentalen Countdown in seinem Kopf.

Vier… drei… zwei…

»Darf ich fragen, wie das passiert ist?«

Feuer.

»Ein Unfall direkt nach der Grundausbildung«, sagte James. Er griff unter sein Hemd und zog seine Hundemarken hervor. Er würde diesem Kind sicher nicht erklären, warum er sie trug. Warum es wenig mit seinem Wehrdienst zu tun hatte, sondern vielmehr mit dem Mann, der sie an diese Kette gehängt hatte.

Als er sich in Erinnerung rief, wie sein Vater über ihm aufragte und mit seinen schwieligen Händen die kleine Metallperle in den Verschluss drückte, hatte er fast das Gefühl, wieder dort zu sein.

Am Anfang hatte er keine Schmerzen gehabt ‒ sie hatten ihm eine Spinalanästhesie verpasst und eine kleine Maschine an seinem Bett versorgte ihn alle paar Stunden mit einer frischen Dosis Schmerzmittel. Aber der alte Geruch von Stärke und Anästhetikum, wie die Schuhe der Krankenschwestern auf den polierten Fliesen klangen, der Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters, als hätte er es wieder einmal versaut und ihn enttäuscht ‒ er brauchte nicht den Schmerz fehlender Beine, um die Qual dessen zu fühlen, was aus seinem Leben geworden war.

James erschrak, als Colin die Finger um seine Marken legte und daran zog. Es brachte James ein wenig aus dem Gleichgewicht und er musste die Handflächen gegen den Ziegel drücken, um sich zu stabilisieren. »Bitte fass sie nicht an.«

»Warum?«, fragte Colin. Er wollte verspielt wirken, aber da war etwas in seinen Augen, das James nicht gefiel.

»Ich muss mich dir gegenüber nicht rechtfertigen«, erwiderte James. Er schob die Hand des Typen mit seiner eigenen weg, dann schob er die Beine ein wenig auseinander, um besser das Gleichgewicht halten zu können.

Colin schien den Wink mit dem Zaunpfahl nicht zu verstehen. Er war entweder zu dreist oder zu betrunken, und nichts davon wirkte sich zu seinen Gunsten aus. Er kam näher, bis sein Oberkörper sich an James' drückte. »Ich habe nicht weit von hier ein Hotelzimmer. Wollen wir das hier dorthin verlegen?«

»Nein«, sagte James. Aus einer Vielzahl von Gründen, aber der wichtigste war, dass er seine Jungfräulichkeit nach all dieser verdammten Zeit nicht an einen dahergelaufenen Hinterwäldler verlieren wollte, der dachte Wollen wir das hier dorthin verlegen? wäre ein guter Anmachspruch. »Aber du solltest schlafen gehen. Hast du morgen nicht eine lange Fahrt vor dir?«

Anstatt zurückzutreten, schob Colin ein Knie zwischen James' Beine. Es tat nicht weh, aber es reichte, um ihn völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er wurde von einer plötzlichen Welle der Panik erfasst, ein Schrei hallte in seinem Kopf wider, der verdächtig nach seinem Vater klang. Sünder! Schwuchtel! Du landest in der Hölle! James schnappte nach Luft und versuchte, sich von Colin zurückzuziehen, aber der Typ hielt ihn an der Vorderseite seines Hemdes fest.

»Benimm dich nicht wie eine verdammte Pussy, Alter. Du warst eben noch total scharf drauf.«

James spürte, wie sich ihm vor Übelkeit der Magen zusammenzog, und er versuchte ihn zurückzudrängen, aber Colin ließ es nicht zu. »Fick dich«, spie er aus, aber er konnte seine verdammten Arme nicht dazu bringen, sich endlich zu bewegen. Er verspürte einen Ansturm von Selbsthass, weil er so ein Feigling war, weil er so schwach war.

Er versuchte erneut Colin abzuwehren, aber der Typ versetzte ihm einfach einen Stoß und schob sein rechtes Bein zur Seite. Sein Knie wurde verdreht und er spürte, wie es nachgab. Bevor er umkippen konnte, schoss eine Hand hervor und stützte ihn, und Colin stolperte zurück.

»Ich denke, du solltest besser gehen.« Es war Rowan, der aussah, als wäre er Sekunden davon entfernt, einen Mord zu begehen. James versuchte, seinen Schwips abzuschütteln, während er zusah, wie Colin sich aufrichtete.

»Das geht dich nichts an«, fuhr Colin ihn an.

»Als gut vernetzter Anwalt gehen sexuelle Übergriffe mich in der Tat etwas an.« Rowan hob eine Braue und James musste beinahe lachen, obwohl er eine Welle der Demütigung verspürte, dass er vor einem Twink auf der Durchreise gerettet werden musste. Er war besser als das ‒ stärker, mutiger, gefährlich, wenn er es darauf anlegte. James gab bei einem Kampf nie nach, aber das hier war nicht das erste Mal, dass er zu einem zitternden Häufchen Elend wurde, wenn ihm jemand zu nahe kam.

Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum er kaum seinen eigenen Schwanz berühren, geschweige denn einen anonymen Fremden in dessen Nähe lassen konnte. Er fühlte sich, als wäre er verflucht, und Wut und ein Gefühl von Scham machten sich in ihm breit.

»Ich habe nicht um deine verdammte Hilfe gebeten«, schnauzte James Rowan an, als Colin verschwunden und außer Hörweite war.

Rowan zog sanft seine Hand zurück, als James das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, und steckte sie in seine Tasche. »Ich weiß. Es tut mir leid.«

Damit hatte James überhaupt nicht gerechnet. Es war nicht das erste Mal, dass seine Verlegenheit dazu geführt hatte, dass er verbal um sich schlug. Er hatte sich schon früher von Fremden den Arsch retten lassen müssen und da hatte er genauso reagiert. Und die Typen, die irgendwelche Idioten verjagt hatten, die ihm zu dicht auf die Pelle gerückt waren, waren dann immer empört gewesen. Sie erwarteten, dass er dankbar war, und er konnte das Gefühl der Demütigung niemals lange abschütteln, um irgendeine Art von Dankbarkeit zu empfinden.

»Ich wäre mit ihm fertig geworden«, fuhr er fort.

Rowan nickte bloß. »Ich weiß. Ich bin in Panik geraten und das ist einzig und allein mein Problem.«

James' gesamte Wut löste sich in Luft auf und ließ ihn erschöpft und verletzlich zurück. Seine Knie würden ihm morgen die Quittung präsentieren und er hatte das Gefühl, dass er mindestens 24 Stunden lang Eis und seinen Rollstuhl brauchen würde. Alles nur, weil diese Deppen kein gottverdammtes Nein akzeptieren wollten.

»Tut mir leid, dass ich dich angeblafft habe«, sagte James nach einer Weile. »Ich bin ein bisschen betrunken und dieser Typ hat mich auf dem falschen Fuß erwischt.«

»Dieser Typ ist ein verdammter Sexualstraftäter«, fuhr Rowan auf und holte dann tief Luft. »Noch mal: Es tut mir leid.«

James war ehrlich gesagt zu überrascht, um sich noch einmal aufzuregen, und er schüttelte den Kopf. »Alles gut. Ähm…« Er rieb sich den Nacken, beäugte den Mann und erinnerte sich an die unangenehme Szene vor kaum zwei Stunden, als Niko in sein Uber gestürzt war und Sam beschlossen hatte, seine schlechten Entscheidungen in ein paar Pitchern von Rubys Hausmarke zu ertränken. »Bist du in Ordnung? Also, du weißt schon, wegen vorhin? Die Sache mit Sam und Niko?«

Rowan blinzelte und stieß dann ein kleines Lachen aus. »Mir geht's gut. Es war ein seltsamer Abend, aber ich habe schon seltsamere erlebt ‒ wenn du dir das vorstellen kannst.«

James lächelte ihn schief an. »Du bist doch schon lange genug in unserer kleinen Stadt, du weißt, dass ich das kann.«

Rowan grinste zurück und James spürte, wie sich etwas Leichtes und Weiches über ihn legte. Das war unerwartet und er ertappte sich dabei, daran festhalten zu wollen. »Kann ich dich nach Hause fahren? Ich muss nach Hause, weil ich gleich morgen früh einen Termin mit einem Klienten habe, aber du wohnst auf meinem Weg.«

James hob eine Braue. »Du weißt, wo ich wohne?«

»Hier liegt alles auf meinem Weg«, meinte Rowan trocken. »Die Stadt erstreckt sich keine zehn Kilometer weit, einschließlich der Außenbezirke.«

Dem konnte James nicht widersprechen und ehrlich gesagt war das Letzte, was er tun wollte, zurück in die Bar zu gehen und zu erklären, wie schnell der Abend den Bach hinuntergegangen war. Es war schwierig genug, den Schein zu wahren und die Jungs glauben zu machen, dass er Nacht für Nacht flachgelegt wurde, aber es war nicht gerade einfach, sich eine Ausrede auszudenken, wenn der Typ, mit dem James geflirtet hatte, es so offensichtlich gewollt hatte. »Ich will meinen Wagen nicht hierlassen«, gestand er nach einer Weile. Er rieb sich den Nacken, versuchte dann, einen Schritt zu machen, fiel aber wieder rückwärts gegen die Wand, als sein Knie nachgab. »Fuck!«

Rowan war sofort an seiner Seite und legte einen Arm fest um seine Taille. James lehnte sich an ihn, obwohl es ihm zuwider war. »Erlaubst du mir, ihn zu fahren? Ich kann mir später ein Taxi nehmen, um mein Auto abzuholen, außerdem riechst du nach Alkohol und ich glaube nicht, dass du in der Verfassung bist, um zu fahren. Es sei denn, du willst, dass ich einen deiner Freunde hole?«

James schüttelte den Kopf, bevor er wirklich verarbeiten konnte, was Rowan da anbot. »Nein.« Weil sie ihn in Watte packen und sich Sorgen machen würden und eine große Sache daraus machen würden, dem kleinen Arschloch eine Lektion zu erteilen. Im Moment war er einfach nicht in der Lage, mit ihrer Art von Liebe umzugehen. »Ich werde… Scheiße. Ja. Falls es dir nichts ausmacht?«

Rowan nickte, zog James ein wenig näher und half ihm so, etwas Gewicht von seinen Prothesen zu nehmen. Es half nicht viel, um die Schmerzen zu lindern, aber es erlaubte ihm zu gehen, als er in Richtung seines Pick-ups zeigte. Er zog seine Schlüssel aus der Tasche und drückte auf den Knopf, um die Türen zu entriegeln.

Rowan blieb dicht bei ihm, während James sich auf den Beifahrersitz hievte und sich dann zurücklehnte, als er eine fast schmerzhafte Welle der Erleichterung verspürte, als der Druck komplett von seinen Stümpfen genommen wurde.

Seine Oberschenkel kribbelten und ein brennendes Gefühl breitete sich in seinen Phantomfüßen aus, sodass er schnell die Augen schloss und sich seine Zehen vorstellte. Er spannte seine Muskeln auf eine Weise an, als würde er sie krümmen, und als Rowan die Fahrertür öffnete, ließ das Gefühl allmählich nach.

»Ähm«, machte Rowan.

James schaute mit einem Stirnrunzeln hinüber und sah, dass Rowan auf den Boden starrte. »Oh, Scheiße. Das ist ein Pedalschutz. Also… Steck deinen Finger einfach in dieses kleine Loch und zieh ihn hoch. Dann geht er ab.«

Rowan gehorchte, obwohl er verwirrt schien, bis er den Schutz beiseitelegte und sich auf den Sitz setzte. Seine Hand streifte James' Handsteuerung. »Soll ich die hier benutzen?«

James lachte, hauptsächlich dank des Alkohols und ein wenig wegen der Endorphine, durch die sein Schwips nur noch schlimmer wurde. »Auf keinen Fall. Tony hat es einmal versucht und hätte sich dabei fast umgebracht. Es ist nicht so einfach, wie es aussieht.«

Rowan brummte, aber lächelte ein wenig, als er den Schlüssel ins Zündschloss steckte und den Motor einschaltete. Er stellte seinen Sitz ein und fuhr dann auf die Hauptstraße. »Bist du nüchtern genug, um mir zu sagen, wie ich fahren muss?«

James warf ihm einen Blick zu, obwohl Rowan ganz auf die Straße konzentriert war. »Ich bin nicht stockbesoffen. Ich bin angetrunken, aber es war dieses Arschloch, das mich total fertiggemacht hat. Bieg hier links ab«, wies er ihn an.

Rowan gehorchte und bog vorsichtig ab, während sich eine Sehne in seinem Kiefer anspannte. »Es tut mir leid, dass du dich damit herumschlagen musstest.«

James winkte ab. »Ich vermute, Sam hat dir erzählt, was für eine Schlampe ich bin, und ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Typ auch komplett im Bilde war.«

Rowan packte das Lenkrad fester und blickte mit einer Intensität zu ihm, mit der James nicht gerechnet hatte. »Es spielt keine Rolle, mit wie vielen Leuten du geschlafen hast. Er war trotzdem ein Arschloch.«

James' Lachen war angespannt, beinahe hysterisch, und er verspürte einen plötzlichen und fast unerträglichen Drang, diesem völlig Fremden die Wahrheit zu gestehen. »Das war er. Er war so ein verdammtes Arschloch.«

Rowan sagte nichts, bis sie die lange nicht mehr ausgebesserte Straße hinunterfuhren, die direkt zu James' Einfahrt führte. »Bist du okay?« Seine Frage war leise, fast zögerlich und voller aufrichtiger Besorgnis, was James bei Fremden nicht gewohnt war. Besonders bei Fremden in teuren Designeranzügen, die vor Gericht wichtige Fälle ausfochten.

»Weißt du, ich denke schon. Danke, dass du mich gefahren hast. Die Jungs hätten es tun können, aber ich wollte mich nicht erklären müssen.« Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und deutete mit der anderen auf sein Haus. »Hier wohne ich.«

»Es ist schön hier«, sagte Rowan, als er anhielt. Er schaltete das Auto in den Parkmodus, machte aber keine Anstalten auszusteigen. »Hast du es gekauft oder gemietet?«

»Geerbt«, sagte James, während er am Gurt herumhantierte. »Mein Onkel ist gestorben. Er war der einzige andere Homo in der Familie, und ich glaube, er dachte, ich könnte es gebrauchen.« Er lachte leise. »Damit hatte er nicht unrecht.«

Rowan sah ihn erneut an, drängte aber nicht auf weitere Details und James verspürte einen Anflug tiefer Dankbarkeit. »Lass mich dir nach drinnen helfen«, bot er schließlich an.

James wollte ablehnen. Zur Hölle, es waren nur ein paar Schritte, aber selbst der Versuch, seine Knie zu belasten, verursachte stechende Schmerzen bis hinauf zu seinem Rücken und er wusste, dass er nicht weit kommen würde. Zum Glück befand sich sein Rollstuhl im Wohnzimmer, das weniger als 30 Meter entfernt war. Den Rest würde er schaffen.

»Danke«, murmelte er, als Rowan sein Gewicht schulterte. Er glitt aus dem Wagen und stützte sich schwer auf den anderen Mann. »Das passiert normalerweise nicht, aber er hat mich in eine komische Position gedrängt und das hat meine Knie total verdreht.«

»Das kenne ich«, sagte Rowan.

James hob eine Braue, als sie die Rampe zur Veranda hinaufgingen.

»Bist du auch amputiert?«

Rowan schüttelte den Kopf. »Nein. Meine Mom hat MS und sie hat eine Weile Schienen getragen. Sie haben ihr geholfen, aber sie ist ein paarmal schwer gestürzt, was ihre Knie durch die Art, wie sie dank der Schienen gestanden hatte, kaputt gemacht hat. Es war wirklich schrecklich.«

James wusste nicht, was er sagen sollte, also schloss er einfach die Tür auf und ließ sich von Rowan zum Sofa bringen. Er lehnte sich zurück und drückte vorsichtig auf die Seiten der Prothesen, um den Sog am Schaft zu lösen. In dem Moment, als der Druck nachließ, durchlief ihn ein scharfes Brennen und er musste die Augen schließen. Er konnte den Schmerz in seinen Knien spüren, dieses schwere Gefühl, das ihm sagte, dass sie morgen höllisch geschwollen und für ein paar Tage nutzlos sein würden.

»Du brauchst Eis«, sagte Rowan nach einem Moment.

James öffnete ein Auge und spähte zu ihm, dabei massierte er geistesabwesend das untere Ende seines linken Stumpfes, wo er am wenigsten empfindlich war. »Im Gefrierschrank. Schnapp dir einfach ein paar Beutel Erbsen.«

Rowan lachte auf und nickte, bevor er sich auf die Suche nach der Küche machte, und James fuhr mit dem Massieren fort, bis er Rowans Schritte auf dem Holzboden hörte. »Soll ich sie in irgendetwas einwickeln?«

»Nein«, sagte James und bedeutete ihm, sie herzugeben. Rowan reichte sie ihm und er ließ die Kälte mit einem langen, zischenden Atemzug auf die geschwollene Haut sinken. Es war für einen kurzen Moment zu viel, dann setzte Taubheit ein und der Schmerz begann nachzulassen. »Danke schön. Du hättest das alles wirklich nicht tun müssen.«

»Ich weiß«, entgegnete Rowan. »Aber es scheint, als hätten wir alle einen beschissenen Abend gehabt, und ich war einfach in der Nähe, um zu helfen.« Er setzte sich zwei Plätze weiter und tippte einen Moment auf seinem Handy herum. »Meine Mitfahrgelegenheit wird in acht Minuten hier sein.«

James verzog das Gesicht. »Es tut mir leid, dass du dir meinetwegen solche Umstände machen musst.«

Rowan winkte ab. »Es tut mir leid, dass ein Typ deine Knie versaut hat.«

»Ich hab schon Schlimmeres erlebt«, meinte James. »Einmal bin ich aus einem Flugzeug gefallen und habe beide Beine verloren.«

Rowan blinzelte ihn an und brach dann in Gelächter aus. »Wow. Okay, das lässt sich nicht leugnen.«

James grinste breit und streckte einen Arm auf der Rückenlehne des Sofas aus. »Hat sich Sam dafür entschuldigt, dass er sich vorhin wie ein Arsch benommen hat?« Er dachte an das unangenehme Treffen draußen zurück. Rowan hatte offensichtlich versucht, bei Niko zu landen, und sosehr Sam auch versuchte zu leugnen, wie sehr er in den Kerl verliebt war, seine Taten sprachen eine andere Sprache. Das Ganze war für alle Anwesenden peinlich gewesen, aber Niko schien am Boden zerstört gewesen zu sein, als er abgehauen war, und Rowan hatte ausgesehen, als wollte er am liebsten im Erdboden versinken.

Rowan rieb sich den Nacken, zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. »Er hat nicht viel gesagt. Er hat es vermieden, mir in die Augen zu sehen, als ich die Rechnung bezahlt habe.«

James verlagerte sein Gewicht und rückte die Eisbeutel so zurecht, dass sie liegen blieben, dann sah er Rowan an. »Er ist ein guter Kerl. Die Sache mit Niko…«

»Oh, Niko hat deutlich gesagt, dass die Dinge kompliziert sind«, sagte Rowan hastig. »Er wollte nicht mit mir nach Hause gehen. Ich habe ihn nur rausgebracht, um sicherzugehen, dass es ihm gut geht, weil er ziemlich niedergeschlagen aussah.«

James verzog das Gesicht. »Ich hoffe, Sammy kriegt seinen Kram bald auf die Reihe, obwohl ich gerade reden muss. Tut mir leid, dass ihre Probleme dafür gesorgt haben, dass du nicht flachgelegt wirst.«

Rowan lachte erneut und zuckte mit den Schultern. »Ist nicht schlimm. Es tut mir leid, dass du heute Abend nicht flachgelegt wurdest, weil dieser Kerl ein Arschloch war.«

James verspürte wieder den Wunsch, die Wahrheit zuzugeben. Die Last der Geheimnisse war schwer und an manchen Tagen erdrückend, dann wollte er bloß, dass alle es erfuhren. Manchmal half es, sich Mat anzuvertrauen, aber das war nicht immer genug. Er fühlte sich nie wie er selbst, als würde er sich immer noch verleugnen und wäre verbarrikadiert von der existenziellen Bedrohung der Hölle und den Drohungen seines Vaters, dass er in alle Ewigkeit brennen würde, weil er so geboren worden war, wie er nun einmal war.

»Kann ich dir mal schreiben?«, fragte James plötzlich.

Rowan sah verblüfft aus. »Äh…«

»Ich weiß, dass du Sams Anwalt bist. Wenn es da also einen Interessenkonflikt gibt«, begann James.

Rowan schüttelte den Kopf. »Nein. Das ist es nicht.«

James schaute auf seine Stümpfe hinunter, dann auf die Tattoos, die seinen linken Arm bedeckten, und musste lachen. »Alles klar. Ich verstehe das total. Jemand wie ich passt nicht in dein Beuteschema. Ich schwöre, ich werde dich nicht dafür verurteilen.«

Der Rest von James' Worten erstarb in seiner Kehle, als Rowan eine Hand auf seinen Oberschenkel legte und vorsichtig die Stelle drückte, wo die Erbsen ihn sanft betäubten. »Das habe ich auch nicht gesagt. Aber du bist angetrunken und ich weiß, dass dieser Kerl dich ganz schön durcheinandergebracht hat.«

James leckte sich die Lippen und zuckte mit den Schultern. »Vielleicht nur als Freunde? Ich denke, das ist sowieso alles, wofür ich gut wäre, und meine restlichen Probleme erschweren die Dinge, außerdem habe ich nichts mit Beziehungen am Hut. Aber du warst bereit, diesen Kerl aufzumischen für das, was er getan hat, und das mag ich.«

In Rowans Augen blitzte Enttäuschung auf, aber es hinderte ihn nicht daran, sein Handy an James weiterzureichen. »Ich kann ja auch dir schreiben«, sagte er, als James mit zitternden Fingern seine Nummer eingab. »Und ich kann verstehen, wenn das hier auch nicht in dein Beuteschema passt.« Er wedelte mit der Hand an sich auf und ab, als würde dies erklären, warum James sich aus irgendeinem Grund nicht für einen Kerl interessieren sollte, der so hinreißend und gut gekleidet war.

James schluckte schwer und schaute auf, solange er noch mutig genug war, Blickkontakt zu halten. »Glaub mir, dass du so bist, wie du bist, hat nichts damit zu tun. Du bist total heiß und ich bin… ja. Ich stehe auf dich. Es ist einfach… Es ist kompliziert.«

Rowans Telefon piepte und er stand hastig auf. »Mein Wagen ist hier. Aber wir unterhalten uns bald, okay?«

»Ja. Ja«, sagte James zu ihm. »Auf jeden Fall.«

Rowan warf ihm einen langen, eindringlichen Blick zu, den James nicht richtig deuten konnte, nickte dann und ging hinaus. Als die Tür ins Schloss fiel, ließ James den Kopf nach hinten in die Kissen fallen und lauschte dem Knirschen der Kieselsteine auf der Einfahrt, als das Auto davonfuhr. Sein eigenes Handy war in seiner Tasche, totenstill, und er musste beinahe über sich selbst lachen, weil er so dumm war.

So ein Typ würde nie im Leben auf ihn stehen. Er war total kaputt ‒ weit mehr als nur sein Körper. Selbst, wenn Rowan im Moment interessiert wäre, würde er die Flucht ergreifen, sobald er die Wahrheit herausfand. Jungfrau zu sein, war kein Kassenschlager mehr. Es war ein Risiko, ein Stigma. James war näher an 40, als er jemals gedacht hätte, ohne dass sein Schwanz berührt worden war, und es war nicht einmal so, dass er unbedingt eine Beziehung wollte.

Er war es einfach leid, das zu sein. Er wollte, dass es ein Ende hatte, aber es sollte mit jemandem sein, dem er vertrauen konnte. Und genau dort lag die Krux, denn James vertraute niemandem. Na ja, fast niemandem. Und diejenigen, denen er vertraute, waren seine Familie. Er konnte sich nicht dazu bringen, in diese Richtung auch nur zu denken. Es war einfach ein Teufelskreis.

Sein Handy brummte und riss ihn aus seinen Gedanken. Er wusste wirklich nicht, ob er mutig genug war, um darauf zu schauen. Es brummte ein zweites Mal und dann ein drittes Mal. »Scheiße«, hauchte er. Er rutschte herum, sodass er die Beine auf dem Polster ausstrecken konnte, und rückte seine Erbsen zurecht, dann holte er es schließlich aus der Tasche und starrte auf das Display.

(3) neue Nachrichten

Unbekannte Nummer: Hier ist Rowan. Tut mir leid, dass ich einfach abgehauen bin. Es lag nicht an dir.

Unbekannte Nummer: Die Dinge sind ziemlich kompliziert mit meiner Arbeit und allem. Es hat nichts mit Sam zu tun, es geht um meine Fähigkeit, mir meine Zeit einzuteilen, ohne anderen wehzutun.

Unbekannte Nummer: Der einzige Grund, warum ich mit Niko gesprochen habe, war, dass er so aussah, als wäre er an einer schnellen Nummer interessiert. Ich will dich. Aber ich möchte dich nicht verletzen und ich möchte auch nicht, dass du dich bei mir so fühlst wie bei diesem Typen.

James lachte, einfach, weil er nicht anders konnte. Angetrunken oder nicht, er wusste, dass Rowan nichts mit dem Wichser aus der Bar gemeinsam hatte. Rowan war anders. Rowan gab ihm ein Gefühl, das niemand sonst je in ihm geweckt hatte ‒ ein Gefühl der Sicherheit.

James: Ich glaube nicht, dass du jemals so sein könntest wie er. Ich mache mir darüber keine Sorgen, aber es gibt etwas, das du besser über mich wissen solltest, und es ist etwas, das nur eine andere Person weiß ‒ und da beziehe ich die Leute im Laden mit ein.

James: Ich bin Jungfrau.