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Jack Adam Weber

KLIMA
HEILUNG

Den Wandel einleiten:
in uns und damit in der Welt

Aus dem amerikanischen Englisch von
Maren Klostermann

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Haftungsausschluss

Die Informationen in diesem Buch können keine professionelle psychologische Beratung und Behandlung ersetzen. Bei diesbezüglichen Fragen wenden Sie sich bitte an Ihren persönlichen Therapeuten. Der Verlag und der Autor übernehmen keine Haftung für Schäden oder Risiken, die durch die Nutzung der in diesem Buch enthaltenen Informationen entstehen.

Bücher haben feste Preise.

1. Auflage 2021

Jack Adam Weber

Klima-Heilung

Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Maren Klostermann

Das Buch erschien unter dem Titel

Climate Cure: Heal Yourself to Heal the Planet

bei Llewellyn Publications, Woodbury, MN 55125 USA

www.lewellyn.com

Copyright © 2020 Jack Adam Weber

für die deutsche Ausgabe

Copyright © 2021 Neue Erde GmbH

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlag:

Fotos: Waldbrand: Christian Roberts-Olsen, Baumstamm: pikselstock, Eisberg: Rajat Chamria, alle shutterstock.com

Gestaltung: Dragon Design, GB

Lektorat: Andreas Lentz

Satz und Gestaltung:

Dragon Design, GB

eISBN 978-3-89060-346-9
ISBN 978-3-89060-789-4

Neue Erde GmbH

Cecilienstr. 29 · 66111 Saarbrücken

Deutschland · Planet Erde · www.neue-erde.de

Inhalt

Vorwort

Einleitung: Es muss uns am Herzen liegen…

Teil I: Innere und äußere Klimakrise

Kapitel 1: Radikale Resilienz

Kapitel 2: Der innere Weg zur Nachhaltigkeit

Teil II: Grundlagenarbeit

Kapitel 3: Das Yin und Yang der emotionalen Intelligenz

Kapitel 4: Vom Umgang mit der Angst

Kapitel 5: (Öko-)Angst abbauen und bewältigen

Teil III: Innere Heilung
(Eckpunkt Nr. 1 des Dreiecks der Resilienzbeziehungen)

Kapitel 6: Die Gabe der Trauer

Kapitel 7: Emotionale Schattenarbeit

Teil IV: Verbundenheit mit der Natur
(Eckpunkt Nr. 2 des Dreiecks der Resilienzbeziehungen)

Kapitel 8: Eins mit der Natur werden

Kapitel 9: Naturverbundenheit und Ökozentrismus

Teil V: Der Aufbau der Gemeinschaft
(Eckpunkt Nr. 3 des Dreiecks der Resilienzbeziehungen)

Kapitel 10: Wir brauchen einander

Kapitel 11: Die Gemeinschaft als spiritueller Lehrer

Zum Schluss: Regeneration

Anhang 1: Die Wissenschaft der Klimakrise

Anhang 2: Schritte zur Eliminierung gentechnisch veränderter Organismen (GVO)

Anmerkungen

Quellen

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Übungen

Dank

Über den Autor

Teil I

Innere und äußere Klimakrise

________________________________

Kapitel 1

Radikale Resilienz

Die Menschen wollen im Jetzt keinen Schmerz spüren, deshalb haben wir nichts gegen die Klimazerrüttung getan.5

JOANNE CHORY, SALK INSTITUTE

»Obwohl zahlreiche Menschen sich immer noch entweder vor der Wahrheit verschließen oder hauptsächlich mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt sind, bilden die globale Erwärmung und gravierende Klimaveränderungen die ernsthafteste Bedrohung, auf die wir in den 150.000 Jahren unserer Evolution jemals gestoßen sind«, erklärt der Aktivist Ronnie Cummings.6 Der UN-Generalsekretär António Guterres, der im Jahr 2018 die Klimakonferenz im polnischen Katowice eröffnete, nannte die Klimazerrüttung »das wichtigste Thema unserer Zeit«.7 Im dritten Jahr in Folge erklärten auch die Angehörigen der Generation Y, die »Millennials«, die Klimazerrüttung zur größten Herausforderung, vor der die Welt heute steht.8 Die »Klima-Kids«, die zur Generation Z gehören – mit Gruppen wie Fridays for Future, Sunrise Movement, Youth vs. Apocalypse und die Bay Area Earth Guardians – verkünden angesichts düsterer Zukunftsaussichten und unserer drohenden Vernichtung lautstark ihre herzergreifende Botschaft.

Diese Protestbewegungen sind eine angemessene Reaktion auf die jüngsten alarmierenden Erkenntnisse der Klimawissenschaft (siehe Anhang) und auf katastrophale globale Ereignisse. Dennoch passiert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Krise eher am Rande, und nur wenige von uns verfolgen die Ziele des Klimaschutzes mit leidenschaftlichem Interesse. Wir alle müssen über die Klimazerrüttung reden und – noch wichtiger – ihre Auswirkungen fühlen.

Nun kann man von Menschen, die von Monatsgehalt zu Monatsgehalt leben oder mit anderen existentiellen Fragen zu kämpfen haben, wohl nicht erwarten, dass sie sich den Kopf über die Klimazerrüttung zerbrechen. Paradoxerweise kann es jedoch erheblich zu unserem Wohlergehen beitragen, wenn wir zu Klimaaktivisten werden, wie das Beispiel des »Klima-Wunderkindes« Greta Thunberg zeigt, die so ihre klima-bedingte Depression überwand und 2019 für den Friedensnobelpreis nominiert wurde.9 Vielleicht fürchten wir auch die überwältigenden Emotionen, die durch die schwierigen Themen aufgerührt werden (und für die es kein adäquates Forum gibt, wo wir unsere Sorgen und Gefühle mitteilen können). Oder wir fürchten die Opfer, zu denen wir uns verpflichtet sähen, wenn wir uns die schlechten Nachrichten zu Herzen nähmen. Denn tatsächlich haben wir nicht genug getan, und die Diskussionen über die Überwindung der Klimazerrüttung drehen sich weiterhin fast ausschließlich um das, was äußerlich getan werden muss. Diese Rechnung wird nicht aufgehen, weil ein wichtiger, nämlich der tiefergehendere Teil der Gleichung fehlt.

Unsere kollektive Passivität hat mich zu der Frage veranlasst, was uns sehenden Auges und sogar mit einer gewissen Nonchalance auf den Zusammenbruch und unseren eigenen Untergang zumarschieren lässt. Ich habe jahrelang über diese Frage meditiert und nach den tieferen Ursachen gesucht, die dieser Blindheit zugrundeliegen. Selbst wenn man sich mit den zahlreichen kognitiven Voreingenommenheiten auseinandersetzt, die uns durch die Evolution und kulturelle Konditionierung fest einprogrammiert sind, beantwortet das noch immer nicht die Frage, was erforderlich wäre, damit genug Menschen sich für die Natur und unser eigenes Überleben einsetzen. Uns fehlt eine Strategie, wie wir zumindest so viel Interesse und (Für-)Sorge entwickeln, dass wir herausbekommen wollen, warum es uns so wenig kümmert (Quellen 2: »Gardner«). Wir haben immer noch keinen Plan, wie wir an die inneren (und bei vielen Unterprivilegierten auch äußeren) Ressourcen kommen, die uns so erfüllen, dass wir ohne den ganzen Überfluss auskommen, der unseren riesigen CO2-Fußabdruck vergrößert und unsere Gleichgültigkeit aufrechterhält.

Auf den folgenden Seiten greifen wir genau diese Fragen auf, indem wir lernen, wie wir

die Klima-Krise geistig-seelisch bewältigen und durch sie unsere volle Leidenschaft und Lebenskraft entfalten,

ein Mensch werden, der fähig ist, klüger und effektiver zu handeln,

die Auswirkungen der Klimazerrüttung als Möglichkeit nutzen, uns selbst und die Welt grundlegend zu verändern und

unser Liebesvermögen und unsere gegenseitige Verbundenheit vergrößern, wenn sich das Klima-Chaos verschlimmert.

Uns auf diese Veränderungen einzulassen, ist eine Geste der Demut gegenüber allem, was wir bislang so schlecht behandelt haben. Wir begeben uns damit auf den Weg zu Ganzheit und Wiedergutmachung, so dass alles Leben erleichtert aufatmen kann, wenn die kurzlebige Sonne der industriellen Zivilisation untergeht.

Das Dreieck der Resilienzbeziehungen

Wir stehen am Abgrund. Um zu erforschen, wie wir dorthin gelangt sind, stütze ich mich in erster Linie auf Erkenntnisse der Klimaforschung, meine Erfahrungen in ganzheitlicher Medizin, Tiefenpsychologie, Neurowissenschaft und Tiefenökologie sowie auf die dichterische Überlieferung. Es geht darum, dass wir lernen, uns mit ganzem Herzen um die gefährliche Misere zu kümmern, um sie mit einem Höchstmaß an Aufrichtigkeit, Klugheit und Ernsthaftigkeit anzugehen und daran zu wachsen. Die Klimazerrüttung wird sowohl durch unser persönliches Verhalten als auch durch korrupte Regierungen und Unternehmen verursacht. Und obwohl wir alle zu dem Problem beitragen, haben sich die Wirtschaftseliten besonders schuldig gemacht; ihr fahrlässiges Verhalten zeigt sich in mörderischer Korruption, Unredlichkeit, grenzenloser Umweltverschmutzung, Kriegstreiberei und maßloser Geldgier. Die meisten anderen Menschen sind apathisch und verschließen die Augen oder haben nicht den Mut zu rebellieren oder sich den manipulativen Verlockungen unserer Gesellschaft zu widersetzen und »ohne sie auszukommen« (sprich: bescheidener zu leben). Auf der positiven Seite ist zu vermerken, dass die Klimastreiks und Widerstandsbewegungen der jüngeren Vergangenheit anfangen, die Fronten zu verschieben. Vor diesem Hintergrund sehe ich drei unsichtbare Antriebskräfte, die erklären, warum wir den Planeten zerstören und nicht damit aufhören:

1. Die erste und stärkste Triebfeder ist unsere Angst und die Unfähigkeit, uns durch unseren – früheren und gegenwärtigen – emotionalen Schmerz verwandeln zu lassen, eingeschlossen die kleineren und größeren seelischen Verletzungen. Diese Dynamik führt dazu, dass verletzte Menschen andere verletzen und auch die Erde. Darauf gehe ich ausführlicher in Teil III ein. Die Klimazerrüttung wird durch unsere unverarbeiteten kollektiven Gefühle ausgelöst und aufrechterhalten, vor allem dadurch, dass unser Bedürfnis zu trauern unerfüllt bleibt. Psychologische Tiefenarbeit, die ich auch als Tod-und-Wiedergeburts-Arbeit bezeichne, hilft uns, unsere Lebenskraft von früheren Verlusten und Verletzungen zu befreien, um diesen Kreislauf unnötiger Zerstörung zu durchbrechen.

2. Die zweite Triebfeder ist unsere Trennung von der Natur, mit der wir uns über viele Zehntausende von Jahren gemeinsam entwickelt haben. Mit dieser Beziehung befasse ich mich eingehend in Teil IV.

3. Die letzte Triebfeder ist unser Verlust einer tiefempfundenen engen Gemeinschaft, wie sie zur gesamten Menschheitsgeschichte gehörte, bis sie durch den modernen Individualismus untergraben wurde. Dieser Dynamik widme ich mich ausführlich in Teil V.

Diese drei Antriebskräfte – die das Selbst, die Natur und unsere Mitmenschen betreffen – stehen für drei primäre Beziehungen, für unser »Dreieck der Resilienzbeziehungen«. Unsere Vernachlässigung dieser Beziehungen ist eine grundlegende Ursache für das Symptom: die Klimazerrüttung. Der Wegfall auch nur einer dieser Beziehungen fügt uns Schaden zu. Und wie eine festgefügte Einheit dieser Beziehungen gewaltige Kraft verleiht, führt ihr Abbruch zu Katastrophen. Bedenken Sie, dass es die Verkümmerung dieser Beziehungen ist, die all dem zugrunde liegt: Apathie, Krieg, räuberischer Kapitalismus, Überbevölkerung, schlechte Ernährung und schlechte Lebensweise, Trägheit, fehlendes Verantwortungsgefühl, antisoziale Psychopathie,10 religiöser Fundamentalismus, Mangel an naturwissenschaftlicher Grundbildung und exzessive Umweltverschmutzung: Das sind die zahlreichen Dynamiken, die damit zusammenhängen, dass wir unserer Verantwortung für den Planeten nicht gerecht werden.

Einerseits werden all diese Symptome durch tiefe Brüche in den Beziehungen ausgelöst, andererseits verschlimmern diese Brüche wiederum die schädlichen Verhaltensweisen und verursachen weitere Schäden an unserem Dreieck der Resilienzbeziehungen, was den Niedergang exponentiell beschleunigt. Hier ein Beispiel: Habgier und Konsumverhalten wurzeln häufig in einer Verarmung unserer Innenwelt, gleichzeitig führen Habgier und Konsumverhalten dazu, dass unsere Innenwelt immer weiter verarmt. Studien stützen diese These und zeigen: Wenn wir unseren Selbstwert mit finanziellem Erfolg gleichsetzen, vernachlässigen wir unsere seelischen Bedürfnisse – etwa das Bedürfnis nach Sinn, nach höheren Zielen, nach Vertrauen und engen persönlichen Beziehungen, die nachhaltiges Glück erzeugen.11

Wenn wir diese elementaren Beziehungen jedoch wiederbeleben, bauen wir ein Dreieck der Resilienz oder Widerstandskraft auf. Dieses Dreieck der Resilienzbeziehungen bestimmt, wie sich die drei entscheidenden Dynamiken bei der Klimazerrüttung entwickeln. Drängen wir diese Beziehungen an den Rand, werden sie zu Triebkräften für die Klimazerrüttung. Werden sie hingegen gepflegt und gefördert, sind sie das beste Mittel, das uns zur Verfügung steht, um das Klimachaos zu bewältigen und daran zu wachsen; und wenn sie stark und stabil sind, erweisen sie sich als der beste Weg, um die zerstörerischen Auswirkungen der Klimazerrüttung deutlich abzuschwächen.

Deshalb müssen wir üben, von den vielen Formen kranker Beziehungen abzulassen, und insbesondere das grundlegende Dreieck unserer Resilienzbeziehungen wieder aufbauen. Ich behaupte nicht, dass diese Strategie das Allheilmittel für unsere gesamten inneren und äußeren Klimaprobleme ist, aber sie stattet uns mit genügend Widerstandskraft und Ressourcen aus, um uns selbst und die Welt zu erneuern – und um anzufangen, die Abwärts- in eine Aufwärtsspirale zu verwandeln. Jeder Fortschritt, den wir in diese Richtung machen, ist bedeutsam.

Klima-Initiation

Ein radikales Ungleichgewicht erfordert radikale Abhilfe. Wenn es keine tragfähige Lösung gibt, können wir uns für radikale Wahrhaftigkeit entscheiden und die Spannung von Gegensätzen aushalten, um durchzuhalten und die Liebe zum Leben zu bewahren. Dafür ist die beste Methode, die ich kenne, dass wir uns auf die, wie ich es nenne, »Spiritualität eines aufgebrochenen Herzens« einlassen: eine aufrichtige, auf die Erde ausgerichtete Haltung, die Licht und Dunkel gleichermaßen gutheißt. Diese Haltung verkörpert, was Leonard Cohen als den Riss bezeichnete, durch den das Licht einfällt (»there’s a crack in everything/that’s how the light gets in«). In der heutigen westlichen Kultur, die dem »Weiter-So« und unermüdlichen Produktivität huldigt, ist so eine offene geistig-seelische Wunde – die uns alle betrifft – nicht leicht zu ertragen.

Der »Klima-Riss« ist nicht nur eine Wunde, sondern eine Einladung in Tiefen, in die wir uns sonst nicht wagen würden und wo die umfassendste Heilung geschehen kann. In diesem Sinne fordert uns die Klimazerrüttung zu einer tiefgreifenden Initiation heraus. Da unsere Kultur den Wert der Initiation so gut wie vergessen hat, sehen wir vielleicht ihren Wert nicht und haben noch viel weniger den Verstand und die Weisheit, die verborgene Güte von Mutter Natur zu akzeptieren. Die Zeit ist reif, den heiligen Kampf für eine lebenswerte Zukunft aufzunehmen.

Durch diesen Zugang über das Klima zu unserem Herzen haben wir die Chance, unsere tiefsten Wunden zu heilen und unsere Würde im Umgang mit der Natur und miteinander wieder herzustellen. Das ist die Chance, die die Klimazerrüttung uns bietet, wenn sie uns »das Herz bricht« und es auf diese Weise öffnet. Durch diese Transformation können wir dieses Geschenk in Form unserer tiefempfundenen Fürsorge zurückgeben, die aus unserer neugewonnenen Integrität erwächst. Wir müssen nicht darauf warten, durch die Klimazerrüttung aufgeweckt zu werden. Das mussten wir nie. Wir können uns auf diese Feuerprobe einlassen, anstatt uns abzuwenden, wenn unser Herz durch Tod oder Verlust aufbricht. Wenn wir die schmerzende Trauer verdrängen, wie es viele Menschen ihr Leben lang tun, verlieren wir die Verbindung und sehen die Welt nur bruchstückhaft. Die Klimazerrüttung stellt uns allerdings ein Ultimatum, das wir nicht ignorieren können. Wir setzen uns entweder mit dem Schmerz und den Mängeln, die sie verursachen, auseinander, oder wir gehen unter.

Integrität aufbauen

Dreiecke sind die belastbarsten und stabilsten geometrischen Formen. Jede Seite ist auf die Unterstützung der anderen angewiesen, um zu einer Stärke zu gelangen, die größer ist als die Summe ihrer Teile. Da jede Resilienzbeziehung in unserem Dreieck mehrdimensional ist, bildet jede im Grunde ein eigenständiges Dreieck. Zusammengenommen ergeben sie eine Pyramide, deren Grundlage die Gemeinsamkeiten sind, die alle Lebensformen miteinander teilen.

Die Wiederbelebung eines Dreiecks der Resilienz fördert die Verbundenheit. Verbundenheit schafft Integrität. Integrität führt zu Demut, Fürsorge und Erneuerung in Form mutiger Bewusstheit und klugen Handelns. Nehmen wir zum Beispiel eine Facette unseres Dreiecks der Resilienz: die Heilung durch unsere tiefsten seelischen Wunden. Das Einlassen auf diesen Schmerz fordert (und fördert) Mut und hilft uns, unsere Lebenskraft und Fürsorge zu erschließen, was zu größerer Ganzheit und einer Bereicherung unserer inneren Welt führt. Die daraus erwachsende Integrität hilft uns, wahrzunehmen (Gewahrsein), was nicht nachhaltig ist, und lässt uns umsichtiger vorgehen (kluges Handeln). Dieser Prozess macht »Degrowth« (weniger brauchen und verbrauchen) einfacher und ist kennzeichnend für eine regenerative Lebensweise (weniger Abfall und Emissionen, mehr Fruchtbarkeit und Gedeihen). Durch unsere neu entdeckte Bewusstheit, Vitalität und Fürsorge sind wir dann auch in der Lage, mutiger in Bezug auf das Klima zu handeln. Die Wahrnehmung von Verletzungen und die Auseinandersetzung damit treibt die Erneuerung auf allen Ebenen voran, wie es uns die Natur am Kreislauf von Tod und Wiedergeburt vormacht. Eine eindrückliche Darstellung dieser fruchtbaren Abfolge bietet das Yin-Yang-Symbol, einer unserer ständigen metaphorischen Begleiter auf dieser Klima-Heilungsreise.

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Abbildung 1: Yin und Yang

Der Zaubertrank für die Herausbildung unserer Integrität (was ich als »richtige Entwicklungsmedizin für unsere Zeit« bezeichne) umfasst mehrere Zutaten in unterschiedlichem Mischungsverhältnis. Es ist offenbar nicht genug, dass wir der Natur einfach nahe sind,12 auch dass wir uns ausschließlich mit der notwendigen inneren Arbeit beschäftigen oder eine starke Verbindung mit anderen in der Gemeinschaft aufbauen, scheint allein nicht auszureichen. Erfolgversprechender für die Entwicklung eines widerstandsfähigen Dreiecks ist eine Mischung dieser Eigenschaften in unterschiedlichen Anteilen. Wenn die Arbeit an Gefühlen Ihnen spontan nicht sonderlich zusagt, könnten Sie sich öfter draußen in der Natur aufhalten und sich intensiver mit anderen zusammentun; das kann dazu beitragen, die innere Abwehr zu verringern, eine neue Sichtweise zu entwickeln oder unerwartete Unterstützung zu finden. Ähnliches gilt, wenn wir für das große Ganze handeln, wodurch sich unser Denken und Fühlen verändert. Wir können dabei allerdings in eine Zwickmühle geraten: Häufig ist ein gewisses Maß an innerer Arbeit erforderlich, bevor wir so viel Integrität aufgebaut haben, dass wir uns hinreichend von seelischem Schmerz befreien können, um in dieser selbstsüchtigen Kultur zum selbstlosen Einsatz bereit zu sein. Darüber hinaus kann es auch gefährlich sein, ohne Weisheit zu handeln, selbst wenn es auf kurze Sicht oder oberflächlich betrachtet gut aussehen mag (dieses Thema erörtere ich ausführlicher in Kapitel 8). Was die Heilung des Klimas angeht, ist es dennoch häufig ausreichend, wenn wir im Interesse nachhaltiger Werte fürsorglich handeln.

Verweilen Sie einen Moment bei diesen Überlegungen, und wenn etwas davon für Sie wahr und glaubhaft klingt, lade ich Sie ein, den nächsten Schritt in Richtung radikaler Resilienz zu tun. Wie immer Ihr ganz persönliches Rezept aussehen mag, gemeinsam können wir beginnen, das Paradigma unserer verhängnisvollen Sucht nach Ablenkung und unbewusster Zerstörung zu verändern. Bitte treten Sie aus dem Status quo des Wahnsinns heraus und stellen Sie sich gemeinsam mit mir und den vielen anderen, die den Ruf ihres Herzens und ihres gesunden Menschenverstandes nicht länger ignorieren können, diesem großen Problem.

Wozu die Mühe?

Nichts von dem, was ich vorschlage, ist utopisch; für Utopien ist es zu spät. Was ich vorschlage, ist gerade genug an notwendiger Veränderung bei vielen von uns – genug, um unsere kranke Beziehung zur Natur und zu einander in Ordnung zu bringen, um unserer Integrität willen, mit welchem Ergebnis auch immer; genug, um den Planeten in annehmbarer Weise zu bewohnen, ohne die Umwelt zu vernichten und alles zu zerstören, oder jedenfalls nicht so schnell. Genug bedeutet auch, dass sich 3,5 Prozent der Bevölkerung an dieser Widerstandsbewegung beteiligen müssten, damit das Blatt sich wendet. Diese Zahl beruht auf Studien, die zeigen, dass »friedliche Proteste etwa doppelt so erfolgreich sind wie gewaltsame – und friedliche Proteste, an denen eine kritische Masse von 3,5 Prozent der Bevölkerung beteiligt war, haben immer einen radikalen politischen Kurswechsel herbeigeführt.«13

Solche Proteste können die lokale und globale Politik beeinflussen. Eine kritische Masse von 3,5 Prozent wurde zum Beispiel im September 2019 erreicht, als Protestierende in Neuseeland für die »Youth Climate Strikes« auf die Straße gingen.14 Kurz darauf verpflichtete sich die Regierung von Neuseeland zu dem ehrgeizigen Ziel, bis zum Jahr 2050 CO2-Neutralität zu erreichen.15 Wenn weltweit zahlreiche Gruppen gegen ihre jeweilige Regierungspolitik rebellieren, könnte ein globaler Wandel stattfinden. Das ist tatsächlich die Grundlage für die Strategie von Extinction Rebellion: Die Gruppe setzt auf kollektiven zivilen Ungehorsam mit dem Ziel, die jeweiligen Regierungen dazu zu bewegen, bis 2025 klimaneutral zu werden. Auch wenn Teile der Biosphäre möglicherweise zu stark geschädigt sind, um sich umfassend von unseren Geißelungen zu erholen, sollte uns das nicht davon abhalten, das Richtige zu tun. Es sollte uns vielmehr in unseren Bemühungen bestärken.

Vielleicht haben Sie schon einmal gehört, dass jemand die Frage stellt: »Wenn unser Planet und die Menschheit sowieso verloren sind und ich nicht viel daran ändern kann, warum sollte ich mich kümmern und meine Zeit damit vergeuden, mehr über die Klimazerrüttung zu erfahren, mir Sorgen zu machen oder mich darüber aufzuregen?« Vielleicht haben Sie sich das ja sogar selbst schon gefragt. Leider führt ein Handeln von diesem Standpunkt aus zu innerer und äußerer Untätigkeit und ist genau das, was zu unserer gegenwärtigen Situation beigetragen hat – nicht nur zum Niedergang der Natur, sondern auch zum Verlust unseres Zugehörigkeitsgefühls; und das hat unsere Fähigkeit untergraben, uns diese Misere so zu Herzen zu nehmen, dass wir etwas dagegen unternehmen.

Das unkritische Entweder-Oder der obigen Frage berücksichtigt auch nicht, dass integres Handeln – unabhängig vom Zustand der Welt – ein Wert an sich ist; dass es immer wichtig ist, in Würde zu leben und aufrichtig im Herzen und Handeln zu sein. Dann würden wir vielleicht zum Beispiel unser Verhalten ändern, um das Leiden anderer Lebensformen zu lindern, die wir mit uns in den Abgrund reißen. Dazu könnte etwas so Alltägliches gehören wie der Vorsatz, dass wir nur, wenn es unvermeidbar ist, mit dem Flugzeug reisen und mit dem Auto fahren oder dass wir die seltene Tugend zeigen, an einem ruhigen Ort keinen unnötigen Lärm zu veranstalten. All das erfordert eine vom gesunden Menschenverstand geleitete Fürsorge und die Fähigkeit, persönliche »Opfer« zu bringen – was uns abzugehen scheint. Dieser Mangel an Integrität ist der uns allen gemeinsame »Patient«, und wir müssen lernen, ihn gemeinsam zu heilen.

Gründe, etwas über die Klimazerrüttung zu lernen und uns selbst den unangenehmen Wahrheiten zu stellen, gibt es also mehr als genug. Auch wenn dieses Wissen kurzfristig wehtun mag, kann es dazu beitragen, dass wir auf lange Sicht weiteres Leid verhindern und kein neues verursachen. Den Namen der Krankheit zu kennen und auszusprechen, trägt dazu bei, uns bestmöglich auf weitere Schäden vorzubereiten und sie abzumildern. Anders ausgedrückt: Wenn es wahrscheinlicher wäre, dass Ihre Lebensweise und Ihr Wohlbefinden wesentlich früher als erwartet erheblich gestört würden, und zwar durch andere Kräfte als die üblichen Verdächtigen, die unsere Pläne durchkreuzen, hätten Sie dann nicht auch gern ein Mitspracherecht, wenn es darum geht, wie Sie den Rest Ihrer Tage verbringen?

Aus all diesen Gründen schlage ich Ihnen die folgenden Anreize vor, um mehr darüber zu erfahren und mehr zu fühlen, wie es um unser Klima bestellt ist:

1. Normalerweise ist es eine gute Idee, einen Bezug zur Wirklichkeit zu haben und zu erfahren, was wahr oder was höchstwahrscheinlich wahr ist. »Die Wahrheit macht euch frei«, selbst dann, wenn sie schwer zu akzeptieren ist. Radikale Akzeptanz dessen, was ist, regt unsere schöpferische Fähigkeit an, in viele Richtungen zu denken und Lösungen für scheinbar ausweglose Situationen zu finden. Das lernt man, wenn man eine Art seelischen Schmerz oder den »Abstieg in die Unterwelt« durchlebt, vor allem wenn man jeder Hoffnung beraubt ist.

2. Das Leben der Kinder und Enkel erscheint vielen Menschen wertvoller als ihr eigenes. Es ist nicht so einfach zu entscheiden, wie viele Informationen über das Klima wir unseren Kindern mitgeben wollen: Was sollen sie erfahren, was ist kindgerecht, was sind angemessene Informationen, die sie auf das Leben vorbereiten, ohne ihnen die Lebensfreude zu nehmen? Gespräche mit anderen Eltern und mit Psychologen sowie die Bitte um Rückmeldungen von Kindern können Ihnen helfen, die besten Entscheidungen in dieser wichtigen Frage zu treffen. (Quelle 1: »Climate Reality Project« und Quelle 3: »Hippo Works«)

3. Schlafwandelnd in die Zukunft zu gehen, kann uns teuer zu stehen kommen, wie die letzten Jahrzehnte zeigen.

4. Setzt man einen Frosch in einen Topf und bringt das Wasser darin langsam zum Kochen, unternimmt der Frosch keinen Fluchtversuch. Die Geschichte vom gekochten Frosch zeigt, was geschieht, wenn wir nicht genug aufpassen und zu bequem werden.16 Wie der Frosch können wir die allmählichen Klimaveränderungen nicht sehen oder begreifen (obwohl sie – gemessen in meteorologischer Zeit – rasend schnell voranschreiten). Anstatt diese Veränderungen wahrzunehmen und darauf zu reagieren, gewöhnen wir uns daran und bleiben untätig. Über die Klimazerrüttung auf dem laufenden zu bleiben, bewegt uns, aus dem Topf zu springen, bevor es zu spät ist.

5. Das Wissen um den räuberischen Umgang mit unserer Welt bringt uns zu dringenden radikalen Akten der Gerechtigkeit, zum Beispiel zur Rebellion. Bitte ziehen Sie in Betracht, sich Gruppen wie Extinction Rebellion,17 Fridays for Future18 oder anderen Bewegungen dieser Art anzuschließen. Sogar Klimawissenschaftler treten diesen Gruppen bei und fordern andere Wissenschaftler auf, sich ihrem Protest anzuschließen.19

6. Wenn wir uns jetzt den bitteren Wahrheiten stellen, hilft es, uns auf die emotionale Bewältigung von Klimaveränderungen, die sich anbahnen, vorzubereiten und sie zu integrieren. Stetes Gewahrsein gibt uns die Möglichkeit, Informationen und wahrscheinliche Zukunftsszenarien schrittweise zu verarbeiten. Es hilft uns auch, etwas von unserer Bequemlichkeit zu opfern und uns daran zu gewöhnen, mit weniger auszukommen. Das ist wohl ratsamer, als unversehens von schrecklichen Nachrichten und schlimmen Klimaereignissen überrascht zu werden. Es ist besser, jetzt niederzuknien, als später aus großer Höhe abzustürzen.

7. Wenn wir mehr darüber erfahren, wie unsere Zukunft wahrscheinlich aussehen wird, beeinflusst dies jeden Bereich unseres Lebens. Verschiedene Szenarien der Klimaveränderung decken ein breites Spektrum an Möglichkeiten und Zeitfenstern ab; sie sind nicht schwarz oder weiß. Die Auseinandersetzung mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Nachrichten aus aller Welt kann uns Orientierung im Hier und Jetzt und für die Zukunft geben und uns Richtschnur sein, wie wir miteinander umgehen und unsere Zeit verbringen, welchen Zielen wir uns verschreiben, wie wir uns unser Herz und unsere Beziehungen bewahren und an welchen Dingen wir festhalten. Was mich anbelangt, so beeinflusst das Wissen über die Klimazerrüttung viele meiner Entscheidungen, vor allem weitreichende.

So könnten Sie zum Beispiel die Entscheidung treffen, keine Kinder zu bekommen (die viele Menschen heute treffen20) – oder sich zu einer Adoption entschließen. Vielleicht wollen Sie in einem Tierheim arbeiten oder aufs Land ziehen. Sie können sich entscheiden, Ihren Lebenstraum zu ändern und die Träume loslassen, die nicht haltbar sind – und sich bei all diesen Entscheidungen auf ihr fundiertes Wissen über die globale Klimasituation stützen. Vielleicht entscheiden Sie sich auch für eine noch radikalere Form des Loslassens, folgen Ihrer inneren Stimme und schauen, welche Wunder das völlig Unbekannte für Sie bereithält.

8. Ich habe oft erlebt, dass Leute die weitreichende Katastrophe der Klimazerrüttung mit einer pseudo-demütigen Antwort abtun: »Der Planet ist besser dran, wenn der Mensch von ihm verschwunden ist.« Diese Auffassung ist alles andere als demütig, sondern im Gegenteil anmaßend und überheblich. Wer weiß, ob wir die Erde dann nicht vollständig vernichten, so wie wir jetzt schon fast alles vernichtet haben? So ist zum Beispiel nur wenigen Menschen bewusst, dass die Stilllegung von Atomreaktoren Jahrzehnte dauert. Bei längeren Stromausfällen oder aufgrund von Flutwellen, die durch den steigenden Meeresspiegel ausgelöst werden, besteht die Gefahr, dass es zu Kernschmelzen kommt und die Reaktoren eine weitreichende tödliche Strahlung freisetzen, die noch für ewige Zeiten anhalten wird.21

9. Schmerzliche Nachrichten zur Klimazerrüttung berühren uns emotional. Es tut weh, aber ein aufbrechendes Herz ist auch eine Chance. Wenn wir liebevoll mit unserem Kummer umgehen und ihn klug verarbeiten, kann die Trauer uns verwandeln und das Beste in uns zum Vorschein bringen. Ein Poster im Londoner Büro von Extinction Rebellion trägt die Aufschrift: »Give yourself time to feel – grief opens pathways of love, and melts the parts of you that are frozen.« (Lass dir Zeit für deine Gefühle – Trauer eröffnet Wege der Liebe und bringt das Eis in deiner Seele zum Schmelzen.)

10. Widerstand gegen einen zerstörerischen und untragbaren Status quo zu leisten, ebenso wie ein mitfühlender, liebevoller Umgang mit anderen Menschen und mit der Natur, tragen dazu bei, das Leid aller Geschöpfe zu verringern. Die Verhinderung unnötigen Leids hat grundsätzlich meine Fürsprache.

Übung: Tagebuch Kapitel 1

Holen Sie Ihr Tagebuch oder Notepad heraus, legen Sie es vor sich hin und halten Sie Ihre Antworten auf die folgenden Fragen schriftlich fest.

1. Welche Botschaft aus diesem Kapitel stach für Sie besonders hervor oder hat Sie am stärksten angesprochen?

– Warum haben Sie sich davon besonders angesprochen gefühlt?

– Zu welchem – inneren oder äußeren – Handeln fühlen Sie sich durch diese Botschaft inspiriert?

2. Was hält Sie davon ab, mehr über die Klimazerrüttung zu erfahren und sich stärker damit zu befassen?

– Ist es zum Beispiel eine Mischung aus Zeitmangel, Angst, Hoffnungslosigkeit und fehlendem Wissen?

– Welche Veränderungen oder Hilfen brauchen Sie, um sich stärker zu engagieren? Wie könnten Sie diese Veränderungen vornehmen oder die fehlende Unterstützung finden?

3 Welche Schritte sind Sie bereit zu unternehmen, um Ihr Dreieck der Resilienzbeziehungen zu stärken? Notieren Sie fünf überflüssige Aktivitäten, die Sie aufgeben könnten, um sich Ihrem Dreieck der Resilienzbeziehungen (Selbstheilung, Naturverbundenheit und Gemeinschaftsaufbau) zu widmen.

4. Was wäre erforderlich, damit Sie sich einer Streik- oder Widerstandsbewegung wie Extinction Rebellion anschließen oder Ihre Kinder mit einer der am Anfang dieses Kapitels erwähnten Klimastreikbewegungen von Kindern und Jugendlichen bekanntmachen?

– Was hält Sie davon ab? Wie können Sie Ihre Sorgen angehen und Zeit für dieses Anliegen aufbringen?

– Sind Sie bereit, Ihre Sorgen und möglichen Ängste zu erforschen und durchzuarbeiten?

Kapitel 2

Der innere Weg zur Nachhaltigkeit

Es gibt keine Möglichkeit, etwas wie den Status quo zu erhalten, ohne zu Monstern oder Kadavern zu werden, und keine Möglichkeit zu überleben, die nicht radikal ist. In Zukunft werden wir unsere Augen offenhalten müssen, und wir werden lernen müssen, uns ausschließlich mit Wahrheiten zu beruhigen.22

BEN EHRENREICH

Wir wissen viel darüber, wie wir unseren ökologischen Fußabdruck verkleinern können, aber relativ wenig darüber, wie wir mit weniger oder mit unbezahlter Arbeit unseren Lebensunterhalt sichern sollen.

Ironischerweise sind wir so eifrig mit dem »Überleben« beschäftigt, dass wir uns selbst umbringen. Innere Arbeit bietet einen Ausweg aus diesem Dilemma. Dieser innere Klima-Aktivismus ist genauso wichtig wie der äußere, vor allem, weil es derzeit keine schnelle Lösung für die Klimazerrüttung gibt und weil »nichts von dem, was gegenwärtig geschieht – und geschehen muss – sich je zuvor in der Geschichte ereignet hat«, wie der Metereologe Eric Holthaus sagt.23

Uns fehlt nicht nur die Orientierung, was die Strategien zur Bewältigung betrifft, wir haben auch nur ein oberflächliches Wissen darüber, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass wir jetzt am Abgrund stehen. Es steckt doch wohl mehr dahinter als nur die Verbrennung fossiler Energieträger, die Habgier von Unternehmen und die Hinhaltetaktiken der Politik? Wir müssen die unsichtbaren Kräfte verstehen, die uns an diesen Punkt gebracht haben. Die Kenntnis dieser Kräfte, verborgen in unserem eigenen Körper und ein Vermächtnis unserer bewegten Evolutionsgeschichte, kann uns in die Lage versetzen, Unwissenheit und Zwänge hinter uns zu lassen und die Blockaden in unseren Herzen aufzulösen. Dann können wir vielleicht allmählich vom Rand der Klippe zurücktreten und unser Leben auf der Erde verbessern – wie auch das zahlloser anderer Arten, mit denen wir diesen Planeten teilen.

Auf dieser gemeinsamen Reise wollen wir erkunden, wie die Klimazerrüttung und ihre drohenden Folgen unsere größte Transformation beschleunigen können. Diese Sichtweisen und einige Navigationsstrategien werde ich gleich näher erläutern. Ich stelle auch einige wichtige Themen vor, die in den Folgekapiteln weiterentwickelt und zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über die Frage, wie wir uns auf ganzheitliche Weise auf die Klimazerrüttung einlassen können.

Radikale geistige Gesundheit

Die Strategie für die Heilung der Klimazerrüttung und für die Heilung unserer geistig-seelischen Krise ist dieselbe: Wir müssen uns der Wirklichkeit mit größter geistiger und emotionaler Aufrichtigkeit stellen und gleichzeitig eine Kultur der Leidenschaft, Sinnhaftigkeit und Tiefe fördern. Dazu brauchen wir jede innere und äußere Ressource, die uns zur Verfügung steht. Heilung des Klimas bedeutet, dass wir nicht nur uns selbst heilen, sondern zugleich allem Leben auf der Erde soweit wie möglich zur Entfaltung verhelfen. In diesem Sinne ist das Klimachaos ein Katalysator, eine Chance für Erneuerung, ganz so, wie bei anderen Arten von Leid, Not und Kummer.

Praktischerweise brauchen wir für den Umgang mit dem Umweltkollaps dieselben Fähigkeiten, die wir brauchen, um unsere seelischen Verletzungen zu heilen, nämlich ehrliches kritisches Denken und emotionale Intelligenz. Diese beiden Eigenschaften ergeben eine Form »radikaler geistiger Gesundheit oder Vernunft«, die der Befolgung von Ehrenreichs kluger, aber anspruchsvoller Empfehlung entspricht, »uns ausschließlich mit Wahrheiten zu beruhigen«.24

Das Wort radikal kommt von »Wurzel«, was uns an die Wurzeln von Pflanzen und Bäumen denken lässt, die das Erdreich und damit auch uns Menschen zusammenhalten. Bei dem Begriff radikal kommen uns auch Begriffe wie »heftig«, »extrem«, »alternativ« oder »Gegenkultur« in den Sinn. Da das radikale Problem des Klimachaos unsere vielen Versorgungssysteme durcheinanderbringt, müssen wir zu den tieferen Wurzeln vordringen und uns in neue Richtungen verzweigen, die unserem Empfinden bislang fremd sind. Tatsächlich müssen wir jenseits der bestehenden gesellschaftlichen Normen leben – jenseits der als selbstverständlich vorausgesetzten Überzeugungen und des Weiter So, mit dem wir großgeworden sind, die jedoch leider die Welt zugrunderichten.

Als Therapeut der Traditionellen Chinesischen Medizin bin ich darin ausgebildet, die Grundursachen von Krankheiten zu finden. Den gleichen Ansatz wende ich auch bei der Klimazerrüttung an. Dieses ganzheitliche Medizinsystem wurzelt in dem Wissen um unsere wechselseitige Verbundenheit mit der Natur. Aus diesem Grund und wegen ihrer weisen bildhaften Sprache bietet die chinesische Medizin ein hervorragendes Bezugssystem, um sich den dynamischen Kräften im Verhältnis von Mensch und Natur zu nähern. Während äußere Lösungen wie Sonnenkollektoren, Verfahren zur Abscheidung und Speicherung von CO2 oder Elektrofahrzeuge einen Teil des Klimachaos beheben können, gibt es meiner Ansicht nach keine äußere Lösung, die am Ende ausreichen wird, um uns vom Rand des Klima-Abgrunds wegzubringen. Der Grund ist nicht nur, dass wir derzeit keine tragfähige Lösung haben, sondern auch, dass wir zunächst zu einer tiefen Heilung für uns selbst kommen müssen – sonst werden wir unsere nicht nachhaltigen Verhaltensmuster beibehalten. Das ist genauso wie in persönlichen Beziehungen, die nur tragfähig sind, wenn wir uns mit den Tiefen unserer Seele auseinandersetzen. Erst dann können wir das zerstörerische Muster überwinden: dass verletzte Menschen andere verletzen.

Sei selbst die Veränderung

Wir alle kennen den Mahatma Gandhi zugeschriebenen Satz: »Sei selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt«, der häufig im Zusammenhang mit Aktionen zur Rettung der Erde und der Menschheit fällt. Obwohl es ein kluger Satz ist, hat Gandhi ihn so nicht formuliert. Er sagte: »Wir sind lediglich ein Spiegel der Welt. Alle Tendenzen, die in der äußeren Welt gegenwärtig sind, können auch in der Welt unseres Körpers wiedergefunden werden. Wenn wir uns verändern könnten, würden sich auch die Tendenzen in der Welt verändern. So wie ein Mensch sein eigenes Wesen verändert, so ändert sich die Einstellung der Welt gegenüber diesem Menschen.«25

Das große Vorbild für soziale und ökologische Gerechtigkeit sagt uns, dass persönliche und kollektive Transformation Hand in Hand gehen. Gandhi zufolge ist es der Körper, wo die Transformation stattfindet; diese Ausrichtung bezieht die Erde mit ein, weil unser Körper und der Körper der Erde wechselseitig zusammenhängen. Wir sind im Grunde gehende und sprechende Erdklumpen. Doch wie stellen wir es konkret an, uns in der Tiefe und umfassend zu verändern? Die Erforschung dieser Frage auf den folgenden Seiten führt zu ungewöhnlichen und vielschichtigen Erkenntnissen, die Sie vielleicht überraschen werden.

Ein Ansatzpunkt ist, die innere Arbeit gutzuheißen, die es möglich macht, dass wir uns zu Menschen entwickeln, die zu genügend Hingabe und Fürsorge fähig sind, um der Zerstörung der menschlichen Integrität und der Umwelt leidenschaftlich und gemeinschaftlich entgegenzuwirken. Die Fähigkeit, den Schmerz der Welt so wichtig zu nehmen, dass man sich um ihn kümmert, beruht oft auf dem Privileg oder dem Glück, dass wir ein gutes, menschenwürdiges Leben führen können. Die Rechte an den Rand gedrängter Gruppen zu sichern, ist mehr als ein Weg zur Erfüllung von Grundbedürfnissen. Es führt auch zu einem Mehr an Chancen und Möglichkeiten, die häufig durch den reinen Überlebenskampf zunichte gemacht werden.

Vielen Menschen ist es nicht möglich, Fürsorge und Mitgefühl für die Natur aufzubringen, solange die Zerstörung derselben ihre einzige Lebensgrundlage darstellt. Soziale Ungerechtigkeit treibt die Umweltzerstörung voran, sei es, dass Menschen den Regenwald im Amazonas abbrennen, um Flächen für die Aufzucht von Rindern und Soja zu gewinnen; dass sie Elefanten abschlachten, um an Elfenbein zu kommen; oder ob sie gefährdete exotische Vogelarten im indonesischen Urwald töten und ihn für Palmöl-Plantagen vernichten. 85 Prozent der klimaschädlichen Kohlendioxidemissionen in Indonesien sind auf die Zerstörung des Regenwaldes und seines nährstoffreichen Bodens zurückzuführen. Dieser »Torf«-Boden enthält elf Mal mehr Kohlenstoff als die darüber befindliche Biomasse.26 Eingeschlossen in die sozial-ökologische Gleichung ist die Tatsache, dass die vielfach bedrohten indigenen Völker 80 Prozent der Artenvielfalt der Erde bewahren.27 Soziale Gerechtigkeit und die Gleichberechtigung aller ethnischen Gruppen sind unabdingbar für die Umweltgerechtigkeit und unser gemeinsames Überleben. Anders ausgedrückt: Nicht nur die Klimazerrüttung ist von besonderer Dringlichkeit, sondern auch Gerechtigkeit für alle Menschen, gleich welcher Hautfarbe und Herkunft.28

Unser Mitgefühl weckt Trauer und andere schwierige Emotionen wie Angst, Reue, Wut, Sehnsucht und Verzweiflung. Wie wir ausführlich erörtern werden, verfügen diese »dunklen« Gefühle über die heilige Kraft, uns aufzuwecken. Um fürsorglicher und zukunftsfähiger zu werden, müssen wir also emotionalen Schmerz, insbesondere Trauer, ertragen. Wenn wir uns mitfühlend mit unseren dunklen Emotionen auseinandersetzen und uns durch sie verändern lassen, sind wir zu seelischer Erneuerung fähig und innerlich so reich, dass wir unser Bedürfnis nach äußerem Reichtum zu mäßigen vermögen. Deshalb bezeichne ich die emotionale Tiefenarbeit als »den inneren Weg zur Nachhaltigkeit«. Und deshalb ist es auch wesentlich, der Klimazerrüttung mit Mitgefühl und Fürsorge und dazu einem Quentchen Furcht zu begegnen (mehr dazu in Kapitel 4).

Wir brechen also zu einer inneren Reise auf, um die Fragen zu klären, warum wir den Planeten zerstören und was wir tun können, um stattdessen unsere Beziehung zur Erde, zu uns selbst und zu einander grundlegend zu erneuern. Auf die gleiche Weise erforschen wir auch die Schattenarbeit (die weiter unten eingeführt und in Kapitel 7 ausführlich behandelt wird), die erforderlich ist, damit wir uns zu Menschen entwickeln, die sich radikal vom kulturellen Status quo entfernen, der uns diesen Schlamassel eingebrockt hat.

Vielleicht kennen Sie auch ein Zitat, das Albert Einstein zugeschrieben wird: »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.« So hat Einstein das allerdings nie gesagt; er hat etwas Ähnliches geäußert, das im Jahr 1946 in einem Artikel der New York Times zitiert wurde: »Eine neue Art des Denkens ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben und höhere Ebenen erreichen will.«29 Wenn wir Einsteins und Gandhis Genie miteinander verbinden und auf die Klimazerrüttung anwenden, erhalten wir etwa folgende Empfehlung: Wir müssen uns zu einer völlig neuen Art von Mensch entwickeln, der zu einem anderen Denken und Fühlen fähig ist, damit er zur Transformation unseres globalen Klimaproblems beitragen kann.

Der Schmerz im Schatten

Wenn wir uns mit den verborgenen Kräften auseinandersetzen wollen, die uns zu dieser Zerstörung und diesem Leiden getrieben haben, reicht es nicht, einfach irgendeine Art innerer Arbeit zu leisten. Wir brauchen die Art Arbeit, durch die uns das Mitgefühl sozusagen in Fleisch und Blut übergeht, damit wir uns nicht anstrengen müssen, die nötige Herzenswärme aufzubringen.30 Wir brauchen eine auf den Körper ausgerichtete Arbeit, die uns tief im Herzen wandelt, so dass das Mitgefühl ganz natürlich aus uns herausströmt und wir nicht bloß versuchen, unserer Vorstellung von dem, was wir für Mitgefühl halten, zu entsprechen. Das bedeutet, hier geht es um echte Transformation: Wir müssen sehr viel von unserem im Schatten verborgenen Schmerz klären, der unser Herz verschließt. (Dieses Thema wird ausführlich in Kapitel 6 behandelt.)

In meinem eigenen Leben war ich zum Beispiel oft wütend und frustriert, bis ich mit etwa Mitte zwanzig eine somatische (körperbezogene) Therapie begann. Ich weiß noch genau, dass ich zu Freunden sagte: »Ich denke, es ist mir einfach nicht bestimmt, ein glücklicher Mensch zu sein.« Nach einer Phase intensiver Trauerarbeit stellte ich dann jedoch fest, dass ich ein wesentlich glücklicherer und erfüllterer Mensch geworden war.

Ich möchte von vornherein zwischen Trauerarbeit und dem Gefühl der Trauer unterscheiden. Den Begriff Trauerarbeit verwende ich, um mich speziell auf die Heilung tiefer seelischer Verletzungen in unserer Geschichte zu beziehen. Dabei geht es um die Aufarbeitung von Verlusterfahrungen in der Liebe und von anderen traurigen oder traumatischen Erfahrungen, die wir (vor allem in der Kindheit, aber auch im Erwachsenenalter) nicht vollständig verarbeiten konnten, normalerweise weil wir in unseren Gefühlen nicht unterstützt wurden. Zu solchen Verwundungen gehört, dass wir verbal oder körperlich misshandelt wurden, keine Anerkennung und Unterstützung erhielten oder auf andere Weise von einem Elternteil vernachlässigt oder im Stich gelassen wurden. Trauerarbeit umfasst das Trauern um diese Verluste, was bedeutet, dass wir das Gefühl der Trauer durchleben. Trauer bezieht sich auch auf die Traurigkeit, die wir bei einem gegenwärtigen oder in Erwartung eines künftigen Verlustes empfinden.

Trauerarbeit ist der Kern transformierender emotionaler Heilung. Es ist die grundlegende innere Arbeit, die optimale Voraussetzungen für die Entfaltung und Erneuerung aller Lebensbereiche schafft. Trauerarbeit bedeutet, tief in den Körper hineinzugehen und die Orte aufzusuchen, die wir verleugnet, ignoriert, geringgeschätzt oder ausgegrenzt haben. Während der Trauerarbeit empfinden wir unter Umständen nicht nur Traurigkeit, sondern viele andere damit einhergehende Gefühle wie Wut, Zorn, Angst, Reue, Hilflosigkeit und sogar Hoffnungslosigkeit.

Während meiner persönlichen Trauerarbeit habe ich immer wieder still dagesessen, in meinen Körper hineingehorcht und ihn sowohl seinen Schmerz äußern als auch die Geschichte dieses Schmerzes und seiner Ursachen erzählen lassen. Diese Reise führte mich von meinem gegenwärtigen Leben den ganzen Weg zurück in den Schoß meiner Mutter. Auf diese innere Arbeit habe ich mich drei Jahre lang eingelassen, bis sich kein weiterer seelischer Schmerz mehr fand, der sich äußern wollte. Die Freisetzung der Traurigkeit und der Wut gab mir zudem die Möglichkeit, empfindsamer und empathischer für den Schmerz anderer zu werden. Ich halte diese innere Arbeit mit uns selbst (erster Eckpunkt der Resilienzbeziehungen) für das Herzstück oder den Hauptaspekt unseres Dreiecks der Resilienzbeziehungen.

In Kapitel 6 stelle ich mehrere Übungen zur Trauerarbeit vor, aber damit Sie schon einmal einen Eindruck von dieser Tiefenarbeit erhalten, hier eine kleine körperzentrierte Übung zur Vorbereitung:

Übung: Den eigenen Körper achtsam wahrnehmen

Setzen oder legen Sie sich still hin und achten Sie darauf, wie sich Ihr Körper ganz allgemein anfühlt. Tasten Sie als nächstes mit Hilfe Ihrer inneren Sinneswahrnehmung langsam Ihren ganzen Körper von den Füßen bis zum Kopf ab. Beginnen Sie diesen Scan bei den Füßen und achten Sie darauf, wie sie sich anfühlen. Lassen Sie sich etwa dreißig Sekunden Zeit, um diesen Ist-Zustand Ihrer Füße zu erleben. Arbeiten Sie sich auf die gleiche Weise bis nach oben zum Kopf, stimmen sich auf Waden, Schenkel, Leistenbeugen, Bauch, Brust, Arme, Hals, Kopf und alle anderen Stellen ein, in die Sie hineinfühlen möchten. Atmen Sie ruhig ein und aus und entspannen Sie Ihren Körper während dieser Übung. Fürs erste sollen Sie nur darauf achten und in Kontakt damit kommen, wie Ihr Körper sich aus Ihrer inneren Wahrnehmung heraus anfühlt.

Um eine neue Ebene des Mitgefühls zu erreichen, ist die Trauerarbeit also von entscheidender Bedeutung. Solange wir den angesammelten Schmerz unbewusster seelischer Verwundungen nicht freisetzen, hat er uns praktisch fest im Griff und steuert jeden Bereich unseres Lebens. Wenn wir uns nicht um die aus verletzter Liebe entstandenen Wunden kümmern, blockieren diese Wunden unsere Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen und führen dazu, dass wir andere verletzen – und auch die Erde. Solange wir uns nicht mit diesem Schattenschmerz auseinandersetzen, bleiben wir (ironischerweise) zu sehr auf uns selbst bezogen und sind unfähig zu lieben, vor allem in schweren Zeiten.

Durch Trauerarbeit setzen wir unsere tief in uns verankerte Fürsorglichkeit frei – die in uns verkörperte menschliche Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen. Ich nenne sie die schönsten Juwelen unseres Menschseins. Diese Juwelen unserer Seelepositiven Schatten