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Alle deutschen Rechte bei Aladin Verlag GmbH, Hamburg 2014
Originalcopyright: © 2012 by Elise Broach
Originalverlag: Henry Holt and Company, LLC, New York
Originaltitel: Treasure on Superstition Mountain
Umschlagbild & Illustrationen: Constanze Spengler
Aus dem Englischen von Frank Böhmert
Umschlagtypografie: Karin Kröll
Lektorat: Kathrin Becker
E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-8489-6012-5

Karte

Für meinen Neffen und meine Nichte, Henry und Anabelle Wheeler

KAPITEL 1

Die Überraschung im Rucksack

Totenkopf

»Vorsicht! Sonst hört sie uns noch.«

Henry warf einen Blick zu seiner offenen Zimmertür, aber nichts deutete darauf hin, dass ihre Mutter im Flur lauerte. Seine Brüder und er drängten sich vor dem Kleiderschrank, in dem Delilahs rosa Rucksack jetzt schon seit zwei ganzen Wochen lag, und zwar unangetastet.

Henry konnte kaum glauben, dass ihm das gelungen war. Simon und Jack waren schrecklich gespannt, was Delilah und er oben auf dem Berg gefunden hatten, und Henry brannte darauf, es ihnen zu zeigen. Aber sie mussten extrem vorsichtig sein, damit ihre Eltern keinen Verdacht schöpften. Kein Wunder, nach der Aufregung der letzten Wochen: zunächst einmal ihr heimlicher Ausflug zum Superstition Mountain, um die drei Totenschädel von dem Felsvorsprung über dem Canyon zu bergen, dann Delilahs Absturz und ihr gebrochenes Bein, weshalb Henry bei ihr geblieben war und Simon und Jack Hilfe holen mussten, dann noch der Fund der alten Satteltaschen mit der Landkarte und dem Beutel voller Münzen darin und schließlich der rätselhafte Schuss und Henrys Entdeckung des kleinen geheimen Canyons.

Offiziell hatten sie als Strafe dafür, dass sie sich nicht, wie von ihren Eltern gefordert, vom Berg ferngehalten hatten, zwei Wochen Hausarrest … was bedeutete, dass sie dem wachsamen Blick ihrer Mutter nicht entkommen konnten. Simon fand ihre Strafe zwar nicht gerade originell, aber auch nicht völlig unverhältnismäßig. Henry war einfach bloß froh, dass ihre Eltern sie nicht gleich zu einem ganzen Monat verdonnert hatten.

Unterm Strich passte der Zeitraum richtig gut, denn Delilahs Mutter war dermaßen entsetzt über den Unfall ihrer Tochter gewesen, dass sie sie zu ihren Großeltern nach Tucson verfrachtet hatte. Delilah zufolge war das Gefährlichste an deren Eigentumswohnung, dass man dort an Langeweile sterben konnte. Henry hatte zweimal mit ihr telefoniert. »Zeig Simon und Jack bloß nicht, was wir in den Satteltaschen gefunden haben«, hatte sie gebettelt. »Ich will dabei sein. Könnt ihr nicht warten, bis ich wieder da bin?«

Also hatte Henry trotz des ungeduldigen Drängens seiner Brüder versprochen, die Enthüllung bis zu Delilahs Rückkehr aufzuschieben. Und nun war es so weit, Montagnachmittag. Delilah war wieder zurück, ohne Krücken, mit einem neuen Gehgips, und würde jeden Moment herüberkommen. Und – hurra! – sie hatten keinen Hausarrest mehr.

»Aber kannst du uns nicht wenigstens die Münzen zeigen?«, beschwerte Jack sich, diesmal etwas leiser. »Du hast gesagt, sie sind genau wie die, die Onkel Hank in seiner Dose gesammelt hat. Dagegen hat Delilah doch bestimmt nichts.«

Henry »Hank« Cormody, von dem Henry seinen Vornamen hatte, war der Lieblingsonkel ihres Vaters gewesen – ein draufgängerischer, zum Glücksspiel neigender ehemaliger Cowboy und Kundschafter der Kavallerie, von dessen Abenteuerlust Henry gern etwas abbekommen hätte. Die Barkers hatten vor ein paar Monaten sein Haus hier in der seltsamen Kleinstadt Superstition in Arizona geerbt, als Onkel Hank nach einem langen und ereignisreichen Leben gestorben war.

Jack beugte sich auf den Knien nach vorn und zog den Rucksack aus dem Haufen von Schuhen, Brettspielen und Bällen unten im Schrank. Jack war sechs, doch er war fast so groß wie der zehnjährige Henry und deutlich mutiger. Simon war elf und steckte voller interessanter Einfälle, außerdem heckte er gern Pläne aus und erteilte Anweisungen. Henry hatte eine blühende Fantasie und las viel. Er kam mit allen Leuten gut aus und benutzte gern ausgefallene Wörter (wenn auch nicht immer richtig).

»Nein, Jack«, sagte Henry erneut. »Ich habe es Delilah versprochen.«

Jack ächzte und wandte sich Hilfe suchend an Simon, aber zum Glück war es Henry gewesen, der den Rucksack beim Abstieg getragen hatte; deshalb wollte ihm anscheinend nicht einmal Simon da hineinreden.

»Wir können warten«, sagte Simon. »Sie kommt doch jeden Moment.«

Also saßen sie in Henrys Zimmer auf dem Fußboden, während die Sonne durch das Fenster hereinschien und die Luft vor Spannung knisterte. Draußen ragten die schroffen Gipfel und Felswände des Superstition Mountain drohend empor.

Dann hörten sie, wie es klingelte, und einen Moment später die Stimme ihrer Mutter, die Delilah ins Haus bat. »Ach, du Arme! Nun schau sich einer dein Bein an. Wie geht es dir? Gewöhnst du dich schon langsam an den Gehgips?«

Henry sprang auf und sauste zur Zimmertür. »Wir sind hier hinten!«, rief er. Delilah wackelte auf ihrem weißen Gipsbein zu Henrys Zimmer und die braunen Zöpfe hüpften auf ihren Schultern. Henry, der sie seit dieser seltsamen, gruseligen Nacht im Canyon nicht mehr gesehen hatte, wurde plötzlich ganz schüchtern. Aber Delilah kam munter ins Zimmer gestapft und grinste die drei an. »Hey, Jungs«, sagte sie.

»Wow!« Jack starrte auf ihr Gipsbein. »Cool!« Er klopfte mit der Faust dagegen.

»Jack«, ermahnte ihn Simon. »Das Bein ist gebrochen! Nicht so fest.«

»Ist schon gut«, sagte Delilah. »Das spüre ich gar nicht.«

»Dann tut es überhaupt nicht weh?«, fragte Henry. Er wusste noch, wie Delilah sich unten im Canyon vor Schmerzen gekrümmt hatte, das lädierte, zerkratzte Bein seltsam von sich weggestreckt.

»Nein«, antwortete Delilah unbekümmert. »Es ist, als würde man mit einem Holzklotz am Bein rumlaufen.«

»Wie ein Pirat!«, entfuhr es Henry. »Ein Pirat mit einem Holzbein. Wie in Peter Pan.« Henry erinnerte sich immer so lebhaft an die Geschichten, die er gelesen hatte, als hätte er sie selbst erlebt, als wären die Figuren und Ereignisse darin Teil seines wirklichen Lebens.

»Ja, so ungefähr«, sagte Delilah. »Bloß dass ich es nicht abnehmen und anderen Leuten damit auf den Kopf hauen kann.«

Jack schnappte sich eine Handvoll Filzer aus Henrys Schreibtischschublade und kauerte sich neben Delilahs Gipsbein. »Dürfen wir was draufschreiben?«

Henry fiel auf, dass ihr Gips gar nicht mit bunten Comicfiguren und Blumen und Botschaften bedeckt war, wie er es von Kindern in der Schule kannte. Es standen nur ein paar zittrige, verschnörkelte Unterschriften und ein Gute Besserung! darauf.

»Klar«, sagte Delilah. Sie setzte sich und streckte das Gipsbein vor ihnen aus. »Meine Oma und mein Opa haben ihren Namen draufgeschrieben und dann noch ein paar von den alten Leuten, mit denen sie Karten spielen, aber die haben alle bloß ganz normale Sachen geschrieben.«

Jack machte sich eifrig ans Werk und schwang einen blauen Filzer wie einen Spieß. Simon verdrehte die Augen. »Mal da bloß nichts Blödes drauf«, sagte er, aber Henry merkte ihm an, dass er auch etwas auf den Gips schreiben wollte.

Delilah hielt das Bein still, während Jack in krummen Buchstaben seinen Namen darauf pinselte und mit großen Pfeilen umgab.

»Was soll das mit den Pfeilen bedeuten?«, wollte Simon wissen.

»Die machen die Unterschrift erst richtig gut«, sagte Jack. »Das sieht aus, als ob mein Name FLIEGT.«

Simon grinste spöttisch und schrieb dann seinen Namen in selbstbewusstem Schwarz auf den weißen Gips. Daneben zeichnete er einen Totenschädel mit gekreuzten Knochen.

»Ha!«, sagte Delilah. »Wie die Schädel im Canyon.«

Henry seufzte. Warum war ihm das nicht eingefallen? Simon hatte immer die besten Ideen. Henry schrieb seinen Namen sorgfältig in Grün und malte noch den schönen Abdruck einer Katzenpfote dazu.

Delilah lächelte. »Ach … Josie. Wo ist sie eigentlich?«

»Draußen wahrscheinlich«, sagte Henry, »und jagt irgendwas.« Josie hatte es letzte Woche geschafft, ein Erdhörnchen zu fangen, und den kleinen Kadaver im Triumph zur Terrasse getragen, ganz vorsichtig im Maul, wie sie alle ihre kostbarsten Besitztümer trug, vom quietschenden Katzenspielzeug bis hin zu den Papierknäueln, die sie aus dem Papierkorb mopste. Sie hatte das tote Erdhörnchen stolz vor die Schiebetür aus Glas gelegt, damit es alle sehen konnten. »Pfui Teufel!«, hatte Mr Barker protestiert. »Da vergeht mir glatt der Appetit aufs Abendessen.« Ihre Mutter hatte den Kadaver seelenruhig aufgehoben und in die Mülltonne geworfen. »Katzen sind Raubtiere. Sie folgt nur ihrem natürlichen Instinkt«, hatte sie gesagt. Und nun sahen sie Josie oft frühmorgens oder abends durch den Garten schleichen; sie hoffte eindeutig darauf, noch ein zweites Mal Glück zu haben.

»Na schön«, sagte Simon ungeduldig, sammelte die Filzstifte ein und warf sie zurück in die Schreibtischschublade. »Können wir jetzt endlich in den Rucksack schauen? Ich will die Münzen und die Karte sehen, von der du uns erzählt hast. Wir warten schon ewig.«

»Du hast ihnen die Sachen wirklich noch nicht gezeigt?«, fragte Delilah Henry überrascht.

Henry blinzelte. »Hab ich dir doch gesagt, dass ich das nicht mache.«

»Ich weiß, aber ich dachte, du sagst das bloß, damit ich mich nicht ausgeschlossen fühle.« Delilah zog sich ihren Rucksack zufrieden auf den Schoß. »Super! Jetzt können wir uns das alle zusammen ansehen.«

Jack hüpfte auf den Knien auf und ab. »Zeig schon! Zeig schon!«

»Nicht so laut«, warnte Simon. »Sonst kommt Mom.« Er schloss leise die Zimmertür.

Henry sah Delilah an. »Jetzt?«

Sie nickte und tastete die Außenfächer ab, bis sie dasjenige fand, in dem Henry die Karte und den Geldbeutel aus den alten Satteltaschen verstaut hatte.

Vorsichtig nahm sie den kleinen braunen Beutel mit den Münzen heraus. Sie wog ihn einen Moment in der Hand, dann gab sie ihn an Henry weiter. »Mach du«, sagte sie.

Der Beutel fühlte sich in seiner Hand schwer und klumpig an. Er knotete das Band auf und zog die brüchigen Falten auseinander. Staub und Lederstückchen rieselten auf den Teppich.

»Mann, ist der ALT«, kommentierte Jack.

Henry griff hinein und nahm eine Münze zwischen die Finger. Sie fühlte sich kalt an und er zog sie heraus.

Simon nahm sie und untersuchte sie im Sonnenlicht. »Seht euch das an … sie sind gleich. Genau dieselbe Sorte wie in Onkel Hanks Münzsammlung.«

»Da ist der Mann mit den langen Haaren und der Mädchenschleife drauf!«, krähte Jack. Er schnappte sich den Beutel, drehte ihn um und schüttelte. »Mal gucken, wie viele da drin sind.«

Eine Münze nach der anderen purzelte heraus, geschwärzt vom Alter. Sie landeten leise klirrend mitten auf dem Teppich.

»Jack, vorsichtig«, sagte Henry. »Die sind so alt, die sind … marode.« Er erfreute sich noch am Klang dieses schönen Wortes, da erstarrte er plötzlich.

»Oh!«, keuchte Delilah.

Mitten in dem Häuflein antiker Münzen lag etwas, das überhaupt nicht wie ein Geldstück aussah.

Etwas Kleines und unregelmäßig Geformtes von der Größe einer Beere.

Etwas, das im Sonnenlicht funkelte.

Selbst Jack war sprachlos und riss die Augen auf.

»He …« Simon hob das Ding auf und Henry fand, dass es fast schon glühte.

»Ist das …?«, flüsterte Delilah.

Henry verschlug es vor Staunen die Sprache.

KAPITEL 2

Der vergrabene Schatz

Totenkopf

»Das ist GOLD! GOLD! Wir haben GOLD gefunden!«, rief Jack.

»Psssst!«, zischten ihn die anderen prompt an.

»Alles in Ordnung?«, kam Mrs Barkers Stimme aus dem Flur.

Simon sah Jack böse an, stand rasch auf und öffnete die Zimmertür. »Ja, Mom, alles bestens. Jack tobt bloß rum.«

»’tschuldigung «, flüsterte Jack zerknirscht.

Sie warteten einen Moment für den Fall, dass ihre Mutter hereinkam. Aber dann war zu hören, wie sie drüben in ihrem Büro herumraschelte, und sie konnten sicher sein, dass sie weiterarbeitete. Mrs Barkers neuester Auftrag war, ein Buch über Nierenkrankheiten zu illustrieren. Das bedeutete, dass ihr Skizzenblock von missgebildeten Nieren nur so wimmelte: geschwollene Nieren, die so aussahen, als würden sie jeden Moment platzen, und winzige verschrumpelte Nieren, die an vergammeltes Obst erinnerten und von seltsamen Flecken und Gewebeveränderungen überzogen waren.

Als Simon sich wieder hinsetzte, beugte Henry sich vor und nahm das Goldnugget in die Hand. Es war überraschend schwer. Er rieb mit dem Daumen über die raue Oberfläche und das Schimmern blendete beinah.

»Gold«, wiederholte er voller Staunen. »Dann gibt es in dem Canyon also wirklich eine Goldmine.«

Delilah schnappte sich das Klümpchen und hielt es hoch. »Aber wo? Wir haben da doch nichts entdeckt, das wie eine Mine aussieht.«

»Und der Schuss?«, entgegnete Henry. »Vielleicht hat deshalb jemand auf uns geschossen! Weil wir zu nahe an die geheime Goldmine rangekommen sind.«

»Aber du hast doch gesagt, dass es wahrscheinlich Jäger waren, die geschossen haben«, sagte Simon. »Und die Polizei denkt das auch.«

Henry zog hilflos die Schultern hoch. »Ich hab keine Ahnung, wer es war.« Wenn er daran dachte, wie der Schuss durch den Canyon gehallt war – ein plötzlicher Knall –, dann konnte er kaum glauben, dass das wirklich passiert war. Schon unmittelbar danach hatte er sich gefragt, ob es nicht eine andere Erklärung für das Geräusch gab.

»Gib her«, drängte Jack. »Ich will es auch mal halten.« Delilah ließ das Nugget in seine ausgestreckte Hand fallen.

»Ich frage mich, wie viel es wert ist!« Simon rieb sich die Hände. »Ich meine, es wiegt doch mindestens hundert Gramm, meint ihr nicht? Wie viel bezahlt man für ein Gramm Gold?«

»Gute Frage.« Henry dachte nach. »Wir könnten im Internet nachsehen … Bloß müssen wir dann warten, bis Mom Feierabend macht.«

Ihre Mutter war lästigerweise sehr kleinlich, was die Computerbenutzung durch die Jungen betraf. Weder durfte ihre Arbeitszeit darunter leiden noch die Buchhaltung von Mr Barkers Maurergeschäft. Und außerdem fand sie es grundsätzlich besser, wenn die Jungen ihre Zeit im Freien verbrachten. Darüber hinaus machte sie sich ständig Sorgen, dass ihre Söhne vielleicht versehentlich eine ihrer Dateien löschten. Gerechterweise muss hinzugefügt werden, dass die Internetverbindung in Superstition ohnehin zu wünschen übrig ließ, so dass die Jungs, selbst wenn sie einmal an den Computer durften, häufig nichts damit anfangen konnten.

»Wir sind REICH!«, verkündete Jack und knallte das Nugget vor ihnen auf den Boden.

»Na, das wohl eher nicht«, berichtigte Simon ihn. »Aber wenn es uns gelingt, diese Goldmine zu finden, dann schon. Moment mal – was ist mit der Karte? Die war doch auch noch in den Satteltaschen, stimmt’s? Wo ist sie?«

Delilah griff erneut in die Seitentasche ihres Rucksacks. »Hier drin. Aber darauf sieht nichts wie das Zeichen für eine Goldmine aus.« Vorsichtig zog sie das zerfledderte braune Blatt hervor und faltete es auf dem Teppich auseinander.

In der grellen Sonne sah die Karte sogar noch älter und zerschlissener aus als neulich im Canyon, fand Henry. Die dunklen Tintenstriche waren verwaschen und kaum zu erkennen.

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»Diese schnörkelige Linie ist ein Bach«, erklärte er seinen Brüdern. »Wir glauben, diese Zacken sind Bäume und die auf dem Kopf stehenden Vs sind die Berggipfel drum herum.«

»Und die hier«, fügte Delilah hinzu und zeigte mit dem Finger auf zwei krakelige parallele Linien, »zeigen, wo die Canyons sind. Das hier ist der Canyon mit den Totenschädeln und das hier der geheime Canyon, den Henry gefunden hat.«

»Hmmm«, sagte Simon und beugte sich dichter darüber. »Aber kein Hinweis auf eine Goldmine?«

Henry schüttelte den Kopf. »Ich sehe nichts. Aber was für ein Zeichen sollte das auch sein? Ein schwarzer Kreis? Ein X?« Er musste an die Karte in Die Schatzinsel denken, auf der ein X die Stelle markierte, an der die Schatztruhe vergraben war.

»Keine Ahnung«, sagte Simon. »Aber du hast Recht. Ich sehe hier nichts, was eine Goldmine sein könnte.« Er setzte sich wieder auf und fuhr sich durch die Haare, die nun noch stacheliger abstanden als ohnehin schon. »Wo können wir mehr über Goldminen erfahren?«

»In dem Legendenbuch aus der Bücherei stand was über die geheime Holländermine«, sagte Delilah. »Aber das war ziemlich genau das, was wir schon gehört haben. Jacob Waltz hat sie gefunden, von dem Gold gelebt und ihr Geheimnis mit ins Grab genommen. Seitdem hat sie nie wieder jemand finden können.«

Henry sprang auf und ging zu seinem Nachttisch, auf dem sich ein Bücherstapel gefährlich über sein Kopfkissen neigte. »In dem Geschichtsbuch über Arizona gibt es ein Kapitel zum Superstition Mountain.« Er zog es aus dem Stapel. »Aber über Goldgräber steht kaum was drin.« Er blätterte es durch. »Vielleicht gehen wir besser noch mal zur Bücherei?«

»Zu dieser Gruseltante?« Jack verzog das Gesicht. »Bloß nicht.«

»Jetzt hör aber auf, Jack«, sagte Simon spöttisch. »Du kannst dich unmöglich vor einer Bibliothekarin fürchten. Das ist beknackt. Und wir müssen die Bücher sowieso verlängern.«

»Ich hab KEINE Angst«, rief Jack. »Die Frau ist seltsam. Und ihr Name steht auf einem Grabstein.«

Henrys Magen zog sich zusammen. Er musste wieder an den Friedhof denken, an die Ecke mit den ganz alten Gräbern und an den schiefen Grabstein mit der Inschrift JULIA ELENA THOMAS.

»Unser Name steht dort auch auf einem Grabstein«, erinnerte Simon seinen kleinen Bruder. »Thomas … Barker … das sind ganz normale Nachnamen.«

Henry sah ihn skeptisch an. So hatte ihnen Simon das neulich auch schon erklärt, aber Henry fand es immer noch nicht einleuchtend.

Simon sammelte die Münzen ein und schüttete sie wieder in den Beutel. Er legte sich das Goldklümpchen in die hohle Hand und ließ es darin herumrollen. »Ich pack es lieber wieder ein. Hier, seht es euch noch einmal an.« Er hielt es in einen Sonnenstrahl, der durchs Fenster fiel, und es glänzte und funkelte. Die vier machten große Augen.

»Stellt euch mal vor, wir finden noch mehr davon«, flüsterte Jack. »Wir könnten HUNDERT davon finden!«

»Wenn wir diese Goldmine entdecken, dann finden wir mehr als hundert.« Simon ließ das Nugget zu den Münzen in den Beutel gleiten. »Darum müssen wir auch zur Bücherei.«

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KAPITEL 3

Die Fotografie

Totenkopf

Delilah verstaute den Beutel und die Landkarte sorgfältig wieder in der Seitentasche ihres Rucksacks und hängte ihn sich über die Schulter.

»Warte!«, sagte Simon. »Den kannst du nicht mitnehmen. Wir müssen ihn hier aufbewahren.«

Delilah runzelte die Stirn. »Aber der gehört mir.«

»Wir könnten die Karte und das Gold ja woanders verstecken«, schlug Henry vor.

Simon schüttelte den Kopf. »Wenn die zwischen unseren Sachen liegen, könnte Mom sie finden. In Delilahs Rucksack schnüffelt sie bestimmt nicht herum. Das ist das beste Versteck.« Er sah Delilah an. »Wenn du ihn mit nach Hause nimmst, durchsucht deine Mutter ihn vielleicht. Du brauchst ihn doch erst zum Schulanfang wieder, wo ist also das Problem?«

Delilah stand wackelig auf ihrem Gehgips und hielt immer noch den Rucksack. »Ich möchte ihn einfach nicht hierlassen, das ist alles.«

»Es ist aber sicherer«, sagte Henry. »Okay?«

Sie sah ihn an und überlegte. »Aber ihr müsst gut darauf aufpassen. Wehe, ihr bekleckert ihn mit irgendwas. Oder zerknautscht ihn oder macht ihn dreckig.«

Wen interessiert denn so was?, dachte Henry. Ist doch ein Rucksack! Die waren dazu da, zerknautscht und dreckig zu werden; das hieß doch bloß, dass man sie für interessante Sachen benutzte. Allerdings sah Delilahs Rucksack noch nigelnagelneu aus.

Sie gab ihn zögernd Simon. »Na gut.«

Simon versteckte ihn ganz hinten in Henrys Kleiderschrank hinter einem Haufen Schuhe und Spielzeugkartons. »So«, sagte er. »Da drin wühlt Mom nicht herum. Und jetzt gehen wir zur Bücherei.«

Die Jungen waren schon fast an der Haustür, als sie merkten, dass Delilah fehlte. Sie stand weiter hinten im Flur und machte ein verzweifeltes Gesicht.

»Was ist?«, rief Jack. »Nun komm schon!«

Delilah seufzte. »Das geht nicht. Ich kann nicht rennen. Ich kann nicht Fahrrad fahren. Also kann ich auch nicht mit euch in die Bücherei.« Sie biss sich auf die Lippen und sah auf ihr Gipsbein hinunter.

»Was ist denn los?« Mrs Barker erschien in der Tür ihres Arbeitszimmers und rückte ihre Brille zurecht. »Wohin wollt ihr?«

»Zur Bücherei, Mom«, sagte Simon. »Aber Delilah kann mit ihrem Gips nicht Fahrrad fahren.« Er setzte eine, wie Henry fand, sehr überzeugende niedergeschlagene Miene auf.

»Na ja, ich könnte zu Fuß gehen«, sagte Delilah. »Aber dann brauche ich viel länger als ihr.«

Mrs Barker drückte Delilahs Schulter. »Das ist Unsinn. Ich kann euch gern fahren. Wenn ihr dann fertig seid, könnt ihr entweder zu Fuß zurückkommen oder« – sie sah Simon an – »euer Vater kann euch in ein paar Stunden abholen, auf dem Heimweg von der Arbeit.«

Mr Barkers Maurergeschäft, wo er Zement mischte und Steinplatten für Gehwege und Terrassen lagerte, befand sich direkt im Zentrum, nur ein Stück von der Bücherei entfernt.

»Das wäre toll!«, sagte Simon strahlend.

Mrs Barker lenkte den Kombi gleich beim Eingang der Bücherei an den Straßenrand. »Denkt daran, die Bücher zu verlängern, die vielleicht gerade fällig sind.«

»Ups, die Bücher sind noch zu Hause«, sagte Henry besorgt.

»Das macht nichts, die Bibliothekarin kann sie auch so verlängern. Braucht ihr meinen Büchereiausweis?«

»Die sind auf meinen Ausweis ausgeliehen«, sagte Delilah, »und den habe ich dabei.« Sie schwenkte eine schwarzrosa gestreifte Geldbörse in der Luft. »Sehen Sie? Die haben mir meine Großeltern geschenkt. Dafür, dass ich mir das Bein gebrochen habe. Da drin bewahre ich alles auf.«

Henry war verblüfft, dass jemand ein Geschenk dafür bekam, dass er einen Canyon runtergefallen war und sich das Bein gebrochen hatte, und das auch noch beim Erforschen eines Berges, auf den zu steigen ausdrücklich verboten war … Aber er musste zugeben, dass Großeltern in dieser Hinsicht komisch waren. Sie hatten immer Mitleid und wollten, dass es einem besser ging, selbst wenn man sich das Problem komplett selbst eingebrockt hatte. Ihm fiel wieder ein, wie seine Großeltern ihm einmal eine Armbanduhr zum Geburtstag geschenkt hatten und er sie am selben Abend versehentlich unter der Dusche anbehalten und kaputt gemacht hatte. Seine Eltern waren sauer gewesen, aber seine Großeltern hatten ihm einfach noch eine gekauft und am selben Tag mit der Post geschickt. »So etwas passiert eben«, hatte seine Oma später zu seiner Mutter gesagt. »Und Henry hat sich so über die Uhr gefreut! Er wollte sie nicht kaputt machen. Ich bin nur froh, dass sie sich so leicht ersetzen ließ.«

Jack musterte Delilahs Geldbörse und rümpfte die Nase. »Bäh, ROSA. Wieso sind deine Sachen alle rosa?«

»Sind sie ja gar nicht.« Delilah verstaute die Börse wieder in ihrer Hosentasche. »Aber ich mag Rosa.«

Simon öffnete die Wagentür und erinnerte Mrs Barker: »Sag Dad, dass er uns abholen soll, ja? In ein paar Stunden.«

Sie strömten auf den hellen Gehweg, der sie in der Nachmittagssonne blendete. Es waren schon über dreißig Grad, eine glühende, unablässige Hitze ohne das kleinste bisschen Luftfeuchtigkeit.

»Ich sag ihm, dass er gegen vier kommen soll«, rief Mrs Barker beim Wegfahren durch das Seitenfenster. »Passt auf Jack auf.«

Jack machte ein finsteres Gesicht. »Wieso sagt sie das immer? Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst.«

»Und ob«, sagte Simon.

»Gar nicht!« Jack hob die Faust.

Aber Henry ging dazwischen. »Das ist doch nur, weil du der Jüngste bist. Es hat nichts zu bedeuten.« Und dann, um ihn abzulenken: »Gibt es irgendwelche Bücher, die du dir ausleihen willst?«

Jack dachte einen Moment nach. »Eins über Schlangen«, sagte er mürrisch.

»Über was für Schlangen?«, fragte Delilah und Henry warf ihr einen dankbaren Blick zu.

»Klapperschlangen!«, antwortete Jack, als die Glastüren beiseiteglitten und sie in die kühlen Hallen einließen.

Jack sah sich verstohlen um. »Wo ist sie?«, flüsterte er laut.

»Da«, zeigte Delilah. »An der Ausleihe.« Julia Thomas, die seltsame schwarzhaarige Bibliothekarin mit der süßlichen Stimme und dem falschen Lächeln, half gerade einem alten Mann in einem Holzfällerhemd.

»Pst«, warnte Simon. »Wir gehen am besten gleich rüber zur Heimatkundeabteilung. Vielleicht sieht sie uns gar nicht.«

Sie gingen rasch über den beigefarbenen Teppich zu den niedrigen Regalen, die mit GESCHICHTE VON ARIZONA bezeichnet waren und über denen eine große, bunte Karte des Bundesstaats hing.

»Sucht nach Büchern über Goldminen und Goldgräber«, sagte Simon. »Und vor allem über die Holländermine.«

Die Jungen kauerten sich vor die Regale, während Delilah sich unbeholfen über ihr Gipsbein beugte. Sie gingen die Buchrücken der dicken zerlesenen Bände durch.

»He!«, verkündete Jack. »Guckt mal, das hier!« Er hielt ein großes Buch hoch, auf dem in gelben Buchstaben GOLD IN ARIZONA! prangte, quer über einer Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der zwei Goldgräber mit einem Esel vor einer Höhle standen. »Da sind auch jede Menge Fotos drin.«

»Sehr gut«, lobte Simon. »Sieh es dir mal an.«

»Komm, ich helf dir mit den Bildunterschriften«, bot Delilah an und setzte sich mühsam auf den Boden.

Henry und Simon gingen weiter die Regalfächer durch. Es waren unzählige Bücher, über jedes denkbare Thema: Pioniere, Viehzüchter, die Apachen.

»Hier ist eins«, sagte Simon. »Goldgräberstädte des alten Westens. Es gibt auch einen Abschnitt über Arizona. Vielleicht steht da auch was über Schatzkarten drin.«

»Ooooh«, sagte Henry plötzlich und zog einen schmalen orangefarbenen Band aus dem Regal. »Die geheime Mine des Holländers

Er setzte sich neben Simon und las. Jacob Waltz war in den 1870er Jahren nach Superstition gekommen. Er hatte die Lage einer legendären Goldmine herausgefunden. Die Meinungen gingen darüber auseinander, ob er das Geheimnis von den spanischen Nachfahren Miguel Peraltas oder von einem Mädchen aus dem Stamm der Apachen erfahren hatte. Jedenfalls tauchte er Jahr um Jahr mit Satteltaschen voller Gold in Phoenix auf und wollte niemandem erzählen, woher diese Reichtümer kamen. Wenn ihm andere Goldsucher nachschlichen, hängte er sie jedes Mal in den Canyons des Superstition Mountain ab.

Diesen Teil las Henry den anderen laut vor. »Genau wie Onkel Hank«, fügte er hinzu und dachte an eine Geschichte über ihren verrückten Onkel, in der er in einer der umliegenden Städte beim Poker gewann und sich dann in die Schluchten und Spalte des Berges absetzte, damit ihn die wütenden Spieler, die ihren Einsatz wiederhaben wollten, nicht in die Finger bekamen.

Henry blätterte um und stieß auf die Fotografie eines streng dreinblickenden Mannes mit einem buschigen Vollbart und einem reichlich geschmacklosen karierten Anzug.

»He«, verkündete er, »hier ist ein Bild von Jacob Wal – « Er verstummte.

»Was ist los?«, fragte Delilah und rutschte näher an ihn heran.

»Guck mal, das Bild hier«, sagte er leise und zeigte auf das Foto neben dem von Jacob Waltz. Es war die ausgeblichene Schwarz-Weiß-Aufnahme einer Frau. »Sieht aus wie – «

»Sieht aus wie was?« Simon kam zu ihnen herüber.

Henry starrte auf die schwarzen Haare der Frau, auf ihre glänzenden Augen und die schmalen, gebogenen Brauen. »Die sieht aus wie – « setzte er erneut an.

Jack sprang auf und beugte sich über ihre Schultern. »Die sieht aus wie die gruselige Büchereifrau!«