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Christopher Paolini

Eragon

Das Vermächtnis
der Drachenreiter

Aus dem amerikanischen Englisch
von Joannis Stefanidis

DANKSAGUNG

Ich erschuf Eragon, doch seinen Erfolg verdankt er der enthusiastischen Unterstützung von Freunden, meiner Familie, Fans, Bibliothekaren, Lehrern, Schülern, Schulverwaltungen, Vertrieben, Buchhändlern und vielen anderen. Ich wünschte, ich könnte alle Leute, die mitgeholfen haben, namentlich erwähnen, aber die Liste ist sehr, sehr lang. Ihr wisst, wer ihr seid, und ich danke euch!

Eragon wurde zuerst Anfang 2002 im Verlag meiner Eltern, Paolini International LLC, veröffentlicht. Sie hatten bereits drei Bücher herausgegeben, daher war es nur folgerichtig, dasselbe mit Eragon zu tun. Wir wussten, dass Eragon eine breite Leserschaft ansprechen würde. Die Herausforderung bestand darin, das Buch in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Im Laufe des Jahres 2002 und Anfang 2003 reiste ich kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten und absolvierte über 130 Buchsignierungen und Präsentationen. Meine Mutter und ich organisierten all diese Veranstaltungen selbst. Anfangs hatte ich nur einen oder zwei solcher Auftritte im Monat, aber als unsere Terminplanung immer effizienter wurde, weitete sich unsere »hausgemachte« Buchtour aus, sodass ich fast ununterbrochen unterwegs war.

Ich lernte tausende wundervoller Menschen kennen, von denen viele treue Fans und Freunde wurden. Einer dieser Fans ist Michelle Frey, heute meine Lektorin bei Knopf Books for Young Readers, die mir ein Angebot zum Erwerb meines Buchs unterbreitete. Selbstverständlich war ich hocherfreut darüber, dass der Verlag an Eragon interessiert war.

Folglich gibt es zwei Gruppen von Leuten, denen ich zu Dank verpflichtet bin. Die erste war an der Produktion der Ausgabe von Eragon beteiligt, die bei Paolini International LLC erschien, während die zweite für die Knopf-Ausgabe verantwortlich ist.

Hier sind die tapferen Seelen, die dabei halfen, dass Eragon das Licht der Welt erblickte:

 

Mein Dankeschön an die »Geburtshelfer«: Meiner Mutter für ihre wohl überlegten Korrekturen und ihre wundervolle Hilfe mit Kommata, Doppelpunkten, Semikolons und anderen kleinen Scheußlichkeiten; meinem Vater für seine hervorragenden Kürzungen und die viele Zeit, die er investierte, um meine unklaren, umherirrenden Gedanken zu ordnen, die Geschichte zu gliedern, den Umschlag zu entwerfen und so unendlich viele Buchpräsentationen über sich ergehen zu lassen; meiner Oma Shirley, die mir half, einen zufrieden stellenden Anfang und ein ebensolches Ende zu schreiben; meiner Schwester für ihre Anregungen zum Handlungsaufbau, für die vielen Stunden, die sie mit Photoshop zubrachte, um Saphiras Auge auf den Umschlag zu bannen, und dafür, dass sie es mit Humor trägt, in Eragon als eine Kräuterhexe porträtiert zu werden; Kathy Tyers für die Mittel, derer es bedurfte, um eine radikale – und dringend erforderliche – Überarbeitung der ersten drei Kapitel vorzunehmen; John Taliaferro für seinen Rat und seine herrliche Besprechung; einem Fan namens Tornado – Eugene Walker –, dem einige inhaltliche Ungereimtheiten auffielen; und Donna Overall dafür, dass ihr die Geschichte so gefällt, für ihren Rat hinsichtlich des Aufbaus und für ihr wachsames Auge auf alles, was mit Ellipsen, Gedankenstrichen, Hurenkindern, Schusterjungen und Wortwiederholungen zusammenhängt. Wenn es im wahren Leben Drachenreiter gäbe, wäre sie einer – selbstlos kommt sie jungen Autoren zu Hilfe, die im Sumpfland der Zeichensetzung unterzugehen drohen. Und ich danke meiner Familie für ihre aufopfernde Unterstützung … und dafür, dass sie sich diese Saga öfter durchgelesen hat, als ein gesunder Mensch es tun sollte.

 

Und nun mein Dank an Eragons neue »Familie«: Michelle Frey, der die Geschichte nicht nur gut genug gefiel, um das Wagnis einzugehen, ein episches Fantasy-Werk zu erwerben, das von einem Teenager geschrieben wurde, sondern der es überdies gelang, Eragons Aufbau durch geschickte Eingriffe zu vervollkommnen; meinem Agenten, Simon Lipskar, der half, den geeigneten Verlag für Eragon zu finden; Chip Gibson und Beverly Horowitz für das wunderbare Angebot; Lawrence Levy für seinen Humor und seinen juristischen Beistand; Judith Haut, einer Publicity-Zauberin erster Güte; Daisy Kline für die Aufsehen erregende Werbekampagne; Isabel Warren-Lynch, die den bezaubernden Buchumschlag und die Landkarte entwarf; John Jude Palencar, der das Umschlagmotiv malte (genau genommen benannte ich das Palancar-Tal nach ihm, lange bevor er an Eragon mitzuarbeiten begann); Artie Bennett, dem großartigen Lektor alter Schule, der als Erster auf Anhieb den Unterschied zwischen der Traumsicht und Hellsehen begriff; und dem gesamten Team im Knopf-Verlag, das dieses Abenteuer erst möglich gemacht hat.

 

Und als Letztes ein spezieller Dank an meine Charaktere, die sich tapfer allen Gefahren stellen, die ich mir für sie ausdenke. Ohne sie gäbe es keine Geschichte.

 

Mögen eure Klingen scharf bleiben!

 

CHRISTOPHER PAOLINI

DER AUTOR

 

Christopher Paolinis Leidenschaft für Fantasy und Science-Fiction inspirierte ihn zu »Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter«, seinem Debütroman, den er mit fünfzehn Jahren schrieb. Inzwischen wird Paolini weltweit als Bestsellerautor gefeiert und hat vier Bände der Drachenreitersaga geschrieben, die seitdem alle Rekorde bricht, außerdem einen Geschichtenband dazu. Heute ist »Eragon« ein echter Klassiker und begeistert immer wieder neue Leser. Christopher Paolini lebt mit seiner Familie in Montana.

 

 

 

 

Weitere Informationen zu Autor und Buch unter: www.eragon.de

 

Christopher Paolini im Spiegel der Presse:
Christopher Paolinis Erstling blitzt aus den Schwert- und
Zauberei-Büchern hervor wie Eragons Schwert Zar’roc aus
einem Berg gewöhnlicher Waffen.

DIE ZEIT

 

Man möchte mit dem Lesen gar nicht mehr aufhören.

Gala

AUSSPRACHE

Ajihad – AH-dschi-had

Alagaësia – al-la-GÄ-si-a

Arya – AH-ri-a

Carvahall – CAR-va-hall

Dras-Leona – DRAHS-le-OH-na

Du Weldenvarden – du WELL-den-VAR-den

Eragon – EHR-a-gon

Farthen Dûr – FAR-sen DUR

Galbatorix – gal-ba-TO-ricks

Gil’ead – GILL-i-ad

Jeod – DSCHOHD

Murtagh – MUR-tag

Ra’zac – RAH-zack

Saphira – sa-FI-ra

Shruikan – SCHRUH-kan

Teirm – TIRM

Tronjheim – TRONSCH-heim

Vrael – VRAIL

Yazuac – YA-suh-ack

Zar’roc – ZAR-rock

DIE ENTDECKUNG

Eragon kniete im zertrampelten Schilfgras und musterte mit geübtem Auge die Fährte. Die Abdrücke verrieten ihm, dass die Hirsche erst vor einer halben Stunde auf der Lichtung gewesen waren. Bald würden sie sich zur Nacht hinlegen. Sein Ziel, eine kleine Hirschkuh, die stark auf dem linken Vorderlauf lahmte, war noch bei der Herde. Es erstaunte ihn, dass sie es so weit geschafft hatte, ohne von einem Wolf oder einem Bären gerissen zu werden.

Der Himmel war klar und dunkel und es wehte ein leichter Wind. Eine silbrige Wolke trieb über die umliegenden Berge, deren Ränder im Lichtschein des zwischen zwei Gipfeln hängenden Herbstmonds rötlich schimmerten. An den Berghängen flossen aus trägen Gletschern und glitzernden Schneemassen entstandene Bäche hinab. Ein zäher Nebel kroch über den Talboden, so dicht, dass er fast Eragons Füße zu verschlucken schien.

Eragon war fünfzehn, nur noch ein knappes Jahr vom Mannesalter entfernt. Dunkle Brauen überspannten seine eindringlichen braunen Augen. Die Kleider waren von der Arbeit abgenutzt. Ein Jagdmesser mit Knochengriff steckte in einer Scheide an seinem Gürtel und ein wildledernes Futteral schützte den Eibenholzbogen vor der Feuchtigkeit. Auf dem Rücken trug er einen holzgerahmten Rucksack.

Die Hirsche hatten ihn tief in einen unzugänglichen Gebirgszug geführt, der Buckel genannt wurde und das Land Alagaësia von Norden nach Süden durchzog. Aus diesen Bergen kamen oft sonderbare Geschichten und eigenartige Menschen und meistens verhießen sie nichts Gutes. Trotzdem fürchtete Eragon diese raue Gegend nicht – er war der einzige Jäger in der Umgebung von Carvahall, der es wagte, das Wild bis in den Buckel zu verfolgen.

Er war bereits die dritte Nacht auf der Jagd und sein Proviant war zur Hälfte verbraucht. Wenn er die Hirschkuh nicht erlegte, war er gezwungen, mit leeren Händen heimzukehren. Seine Familie brauchte Fleisch wegen des in Kürze anbrechenden Winters, und sie konnten es sich nicht leisten, es in Carvahall zu kaufen.

Eragon stand voll stiller Zuversicht im fahlen Mondlicht, dann ging er in den Wald und marschierte auf eine Lichtung zu, auf der er die Hirsche vermutete. Die Bäume versperrten den Blick zum Himmel und warfen federförmige Schatten auf den Boden. Er schaute nur gelegentlich auf die Spuren; er kannte ja den Weg.

Am Rande der Lichtung zog er den Bogen aus dem Futteral, nahm drei Pfeile und legte einen an die Sehne, während er die anderen in der linken Hand bereithielt. Im Mondlicht waren etwa zwanzig reglose Schatten zu erkennen – die im Gras liegenden Hirsche. Die Hirschkuh, auf die er es abgesehen hatte, lag etwas abseits des Rudels und hatte ihr linkes Vorderbein unbeholfen ausgestreckt.

Eragon schlich langsam näher und spannte den Bogen. Die ganze Mühsal der letzten drei Tage war auf diesen Augenblick gerichtet gewesen. Er atmete ein letztes Mal tief durch und – eine Explosion erschütterte die Nacht.

Das Rudel sprang auf. Eragon stürmte los, und während er durchs Gras rannte, streifte ein heftiger Windstoß seine Wange. Schlitternd kam er zum Stehen und schoss auf die umherspringende Hirschkuh. Der Pfeil verfehlte sie um Fingerbreite und verschwand zischend in der Dunkelheit. Fluchend wirbelte Eragon herum und legte instinktiv den nächsten Pfeil an.

Hinter ihm, wo eben noch die Hirsche gewesen waren, schwelten Gras und Bäume in einem kreisrunden Areal. Viele der Kiefern waren nackt, hatten all ihre Nadeln verloren. Das Gras, das die verkohlte Stelle umgab, war platt gedrückt. Kleine Rauchfahnen stiegen in die Höhe und verströmten einen brenzligen Geruch. Im Zentrum des Explosionsherds lag ein polierter blauer Stein. Nebelschwaden schlängelten auf dem verkohlten Boden und ließen substanzlose Ranken über den Stein gleiten.

Eragon hielt mehrere Minuten nach Gefahr Ausschau, aber das Einzige, was sich rührte, waren die Nebelschwaden. Vorsichtig ließ er den Bogen sinken und ging los. Der Mondschein warf sein mattes silbriges Licht auf ihn, als er vor dem Stein stehen blieb. Er stieß ihn mit dem Pfeil an, dann sprang er zurück. Als nichts geschah, hob er ihn vorsichtig auf.

Nie hatte die Natur einen Stein so glatt poliert wie diesen. Seine makellose Oberfläche war dunkelblau, bis auf die feinen weißen Adern, die ihn wie ein Spinnennetz überzogen. Der Stein war kühl und Eragons Finger spürten nicht die geringste Unebenheit. Die Oberfläche fühlte sich an wie gehärtete Seide. Oval und etwa einen Fuß lang, wog der Stein mehrere Pfund, obwohl das Gewicht dem Jungen bei weitem nicht so schwer erschien.

Der Stein gefiel ihm, aber gleichzeitig machte er ihm auch Angst. Wo kommt er her? Hat er irgendeinen Zweck? Dann kam ihm ein beunruhigender Gedanke: Ist er zufällig hier gelandet oder sollte ich ihn finden? Wenn Eragon irgendetwas aus den alten Geschichten gelernt hatte, dann die Tatsache, dass man der Magie und jenen, die sie ausübten, mit Vorsicht begegnen musste.

Aber was soll ich mit dem Stein anfangen? Es wäre eine Mühsal, ihn mitzuschleppen, und es bestand nach wie vor die Möglichkeit, dass er gefährlich war. Vermutlich wäre es am klügsten gewesen, ihn einfach liegen zu lassen. Ein Anflug von Unentschlossenheit überkam ihn, und beinahe hätte er ihn wieder fallen gelassen, aber irgendetwas schien seine Hand zurückzuhalten. Zumindest kann man ihn bestimmt gegen ein paar Lebensmittel eintauschen, dachte er und schob den Stein achselzuckend in den Rucksack.

Die Lichtung war zu ungeschützt, um ein sicheres Nachtlager zu bieten, und so ging er in den Wald zurück und breitete unter den herausgerissenen Wurzeln eines umgestürzten Baumes sein Schlafzeug aus. Nach einem kalten Abendessen aus Brot und Käse kuschelte er sich in seine Wolldecke und schlief ein, während er darüber nachgrübelte, was er gerade erlebt hatte.

DAS PALANCAR-TAL

Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen bot ein prachtvolles Feuerwerk aus schillerndem Rosa und Gelb. Die Luft war frisch, klar und sehr kalt. Eis bedeckte die Ufer der Bäche und die kleinen Teiche waren vollständig zugefroren. Nach einem Frühstück aus Haferbrei kehrte Eragon zu der Lichtung zurück und nahm das verkohlte Gelände in Augenschein. Das Morgenlicht offenbarte keine neuen Einzelheiten und so machte er sich auf den Heimweg.

Der holprige Wildpfad war nur leicht ausgetreten und an manchen Stellen kaum zu sehen. Da er von Tieren erschaffen worden war, wand er sich oft im Kreis und verursachte lange Umwege. Aber trotzdem war es immer noch der schnellste Weg aus den Bergen.

Der Buckel war eines der wenigen Gebiete, über die König Galbatorix keine Macht besaß. Noch immer erzählte man sich Geschichten darüber, wie einmal die Hälfte seiner Armee spurlos verschwand, nachdem sie in den uralten Wald einmarschiert war. Über diesem schien eine Wolke des Unheils zu schweben. Obwohl die Bäume dort hoch in den strahlenden Himmel emporwuchsen, konnten sich nur wenige Menschen längere Zeit im Buckel aufhalten, ohne dass ihnen etwas zustieß. Eragon war einer dieser wenigen – nicht weil er eine besondere Gabe besaß, sondern, so schien es ihm jedenfalls, weil er wachsam war und schnelle Reflexe hatte. Er wanderte schon seit Jahren in den Bergen herum und trotzdem nahm er sich noch immer vor ihnen in Acht. Jedes Mal wenn er glaubte, sie hätten ihm all ihre Geheimnisse offenbart, geschah etwas, das sein scheinbares Wissen über diesen Ort erschütterte  – so wie das Auftauchen des blauen Steins.

Eragon behielt sein zügiges Tempo bei und unter seinen Stiefeln flogen die Meilen nur so dahin. Am späten Abend erreichte er den Rand einer steilen Schlucht. Tief unten rauschte der Fluss Anora dem Palancar-Tal entgegen. Von hunderten kleinerer Bäche bis zum Überlaufen gefüllt, wurde er zu einer rohen Naturgewalt und toste schäumend über die Steinplatten und Felsbrocken hinweg, die ihm im Wege lagen. Ein dumpfes Donnern erfüllte die Luft.

Der Junge schlug sein Nachtlager in einem Dickicht unweit der Schlucht auf und beobachtete den aufgehenden Mond, bevor er sich schlafen legte.

 

Im Laufe der nächsten anderthalb Tage wurde es kälter. Eragon lief schnell und nahm das Wild in seiner Nähe kaum wahr. Kurz nach Mittag des dritten Tages, seit er nach Hause aufgebrochen war, hörte er die rauschenden Wassermassen der Igualda-Fälle, die schon aus der Ferne jedes andere Geräusch übertönten. Der Pfad führte ihn auf einen nassen Felsvorsprung, an dem der Fluss vorbeirauschte, ehe er über moosbewachsene Klippen in die Tiefe stürzte.

Das Palancar-Tal lag vor ihm wie eine aufgerollte Landkarte. Der Fuß der Igualda-Fälle, mehr als eine halbe Meile weiter unten, war der nördlichste Punkt des Tales. Ein Stück vom Wasserfall entfernt, lag Carvahall, eine Ansammlung brauner Gebäude. Aus den Schornsteinen stieg weißer Rauch auf, wie zum Trotz gegen die allgegenwärtige Wildnis, die das Dorf umgab. Aus dieser Höhe waren die Bauernhöfe kleine rechteckige Flecken, nicht größer als seine Fingerkuppe. Das Land, auf dem sie standen, war sandbraun, mit totem, sich im Wind wiegenden Gras. Vom Wasserfall aus schlängelte sich der Anora zum südlichen Ende des Tales, dabei glitzerten breite Streifen goldenen Sonnenlichts auf seiner Oberfläche. In der Ferne floss er an dem Dorf Therinsford und dem abgelegenen Berg Utgard vorbei. Das Einzige, was Eragon außerdem wusste, war, dass er dahinter nach Norden abbog und ins große Meer mündete.

Nach einer kurzen Rast trat Eragon vom Felsvorsprung herab, schnitt eine Grimasse angesichts des steilen Wegs, der vor ihm lag, und machte sich dann an den Abstieg. Als er unten ankam, kroch bereits die Abenddämmerung heran und ließ Farben und Formen zu grauen Flächen verschwimmen. Nicht weit entfernt schimmerten Carvahalls Lichter in der zunehmenden Dunkelheit. Die Häuser warfen lange Schatten. Außer Therinsford war Carvahall das einzige Dorf im Palancar-Tal. Die Siedlung lag abgeschieden inmitten einer rauen, wunderschönen Landschaft. Bis auf fahrende Händler und Fallensteller fanden nur wenige Reisende den Weg hierher.

Das Dorf bestand aus gedrungenen Holzhäusern mit niedrigen Dächern – einige waren strohgedeckt, andere hatten Dachschindeln. Der aus den Schornsteinen aufsteigende Rauch erfüllte die Luft mit dem würzigen Duft brennender Holzscheite. Die Gebäude besaßen breite Veranden, auf denen die Menschen zusammenkamen, um zu reden und Geschäfte abzuschließen. Gelegentlich erstrahlte ein Fenster, wenn dahinter eine Kerze oder Lampe angezündet wurde. In der kühlen Abendluft hörte Eragon lautstarke Männergespräche und Frauen, die schimpfend versuchten, die Saumseligen zur Heimkehr zu bewegen.

Eragon schlängelte sich zwischen den Häusern hindurch zur Metzgerei, einem ausladenden Gebäude mit massivem Gebälk. Schwarzer Rauch quoll aus dem Schornstein.

Er drückte die Tür auf. Der große Raum war warm und gut beleuchtet durch ein knisterndes Feuer in dem steinernen Kamin. Die Ladentheke nahm die gesamte gegenüberliegende Seite ein. Auf dem Boden lag locker verstreutes Stroh. Alles war peinlich sauber, als würde der Besitzer in seiner Freizeit jede Ritze nach winzigen Schmutzspuren absuchen. Hinter der Theke stand Sloan, der Metzger. Ein kleiner Mann in einem Baumwollhemd und darüber einem langen, blutverschmierten Kittel. An seinem Gürtel hing eine beeindruckende Messersammlung. Er hatte ein bleiches, pockennarbiges Gesicht und seine schwarzen Augen blickten missmutig. Mit einem abgewetzten Putzlappen wischte er die Theke ab.

Sloans Mund verzog sich, als Eragon eintrat. »Sieh mal an, der große Jäger stattet uns Sterblichen einen Besuch ab. Wie viele hast du diesmal erlegt?«

»Keins«, war Eragons knappe Antwort. Er hatte Sloan nie gemocht. Der Metzger hatte ihn immer von oben herab behandelt, als wäre er unrein. Als Witwer schien Sloan sich nur für einen einzigen Menschen zu interessieren – für seine Tochter Katrina, die er abgöttisch liebte.

»Das überrascht mich«, sagte Sloan mit gespieltem Erstaunen. Er kehrte Eragon den Rücken zu, um etwas von der Wand zu kratzen. »Und deswegen kommst du zu mir?«

»Ja«, gab Eragon beklommen zu.

»Na, dann zeig mir erst mal dein Geld.« Sloan trommelte mit den Fingern auf die Theke, als Eragon schwieg und unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. »Komm schon – entweder hast du welches oder nicht. Was ist nun?«

»Eigentlich habe ich kein Geld, aber ich …«

»Was, du hast kein Geld?«, unterbrach ihn der Metzger barsch. »Und da glaubst du, du bekommst trotzdem Fleisch von mir! Haben die anderen Händler vielleicht etwas zu verschenken? Soll ich dir meine Ware etwa umsonst geben? Außerdem«, sagte er abrupt, »ist es schon spät. Komm morgen mit Geld zurück. Ich habe geschlossen.«

Eragon funkelte ihn an. »Ich kann nicht bis morgen warten, Sloan. Aber es wird sich für dich lohnen. Ich habe etwas gefunden, womit ich dich bezahlen kann.« Er holte den Stein hervor und legte ihn behutsam auf die zerkratzte Theke, wo er im Lichtschein der tanzenden Flammen aufleuchtete.

»Den hast du wohl eher gestohlen«, murmelte Sloan und beugte sich interessiert vor.

Eragon ignorierte die Bemerkung und fragte: »Wird das reichen?«

Sloan nahm den Stein und wog ihn abschätzend in der Hand. Er strich über die glatte Oberfläche und betrachtete das feine weiße Aderngeflecht darin. Dann legte er ihn mit berechnendem Blick auf die Theke zurück. »Er ist hübsch, aber was ist er wert?«

»Ich weiß nicht«, gestand Eragon, »aber niemand hätte sich die Mühe gemacht, ihn so glatt zu polieren, wenn er nichts wert wäre.«

»Das ist einleuchtend«, sagte Sloan mit aufgesetzter Geduld. »Aber wie viel? Da du es nicht weißt, solltest du zu einem Händler gehen und ihn fragen oder mein Angebot von drei Kronen annehmen.«

»Das ist das Wort eines Geizhalses! Der Stein ist mindestens zehnmal so viel wert«, protestierte Eragon. Für drei Kronen bekam er nicht einmal genügend Fleisch für eine Woche.

Sloan zuckte mit den Schultern. »Wenn dir mein Angebot nicht gefällt, dann warte, bis die Händler kommen. So oder so, ich habe jetzt genug von dieser Unterhaltung.«

Die fahrenden Händler waren eine Nomadengruppe von Kaufleuten und Spielmännern, die im Frühling und Winter Carvahall besuchten. Sie kauften die Überschüsse der ansässigen Handwerker und Bauern und handelten mit allem, was die Leute brauchten, um durch das folgende Jahr zu kommen: Saatgut, Tiere, Stoffe und Vorräte wie Salz und Zucker.

Aber Eragon wollte nicht warten, bis die Händler kamen; es würde noch eine Weile dauern und seine Familie brauchte das Fleisch jetzt. »Na schön, ich nehme das Angebot an«, knurrte er.

»Gut, dann hole ich dein Fleisch. Nicht dass es wichtig wäre, aber wo hast du ihn gefunden?«

»Vorgestern Nacht im Buckel…«

»Raus mit dir!«, keifte Sloan ihn an und schob den Stein von sich. Wutentbrannt stapfte er ans Thekenende und begann, mit einem Messer alte Blutflecken abzukratzen.

»Warum?«, fragte Eragon. Er zog den Stein näher zu sich heran, als wollte er ihn vor Sloans Zorn schützen.

»Ich nehme nichts an, was aus diesen verdammten Bergen stammt! Bring deinen Zauberstein woanders hin.« Sloans Hand rutschte ab, und er schnitt sich mit dem Messer in den Finger, schien es aber gar nicht zu merken. Er kratzte weiter und beschmierte die Klinge mit frischem Blut.

»Du weigerst dich, mir etwas zu verkaufen?«

»Richtig. Außer du bezahlst mit Münzen«, knurrte Sloan, wandte sich um und hob das Messer. »Verschwinde, bevor ich dich rauswerfe!«

Hinter ihnen flog die Tür auf. Eragon wirbelte herum, auf den nächsten Ärger gefasst. Hereinmarschiert kam Horst, ein bulliger Mann. Sloans Tochter Katrina – ein großes, 16-jähriges Mädchen – folgte ihm mit entschlossener Miene. Es überraschte Eragon, sie zu sehen; normalerweise hielt sie sich aus den Streitigkeiten ihres Vaters heraus. Sloan sah vorsichtig zu den beiden hinüber, dann begann er, Eragon zu beschuldigen. »Er weigert sich …«

»Ruhe«, sagte Horst mit donnernder Stimme und ließ seine Fingerknöchel knacken. Er war der Dorfschmied von Carvahall, das bezeugten sein stiernackiger Hals und seine zerkratzte Lederschürze. Seine kräftigen Arme waren bis zu den Ellbogen entblößt; ein breites Stück seines behaarten, muskulösen Brustkorbs war oberhalb seines geöffneten Hemds zu sehen. Ein schwarzer, wild wuchernder Bart bebte im Rhythmus seiner zuckenden Kiefermuskeln. »Sloan, worüber regst du dich denn jetzt schon wieder auf?«

Der Angesprochene warf Eragon einen finsteren Blick zu, dann spuckte er aus. »Über diesen … Jungen. Er kam hier rein und fing an, mich zu bedrängen. Ich bat ihn zu gehen, aber er tat es nicht. Ich habe ihm sogar gedroht, aber selbst das hat er ignoriert!« Sloan schien unter Horsts Blick zusammenzuschrumpfen.

»Ist das wahr?«, wollte der Schmied wissen.

»Nein!«, antwortete Eragon. »Ich habe ihm diesen Stein als Bezahlung für etwas Fleisch angeboten und er hat akzeptiert. Als ich ihm sagte, dass ich den Stein im Buckel gefunden habe, wollte er ihn nicht mehr haben. Welchen Unterschied macht es denn, woher er stammt?«

Horst betrachtete den Stein neugierig, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Metzger. »Warum willst du auf den Handel nicht eingehen, Sloan? Ich mag den Buckel auch nicht, aber wenn es um den Wert des Steins geht, bürge ich dafür mit meinem eigenen Geld.«

Die Frage hing einen Moment lang im Raum. Dann leckte Sloan sich über die Lippen und sagte: »Das ist mein Laden. Ich kann hier tun und lassen, was ich will.«

Katrina trat hinter Horst hervor und warf ihr rotbraunes Haar zurück wie eine Gischt geschmolzenen Kupfers. »Vater, Eragon ist bereit zu bezahlen. Gib ihm das Fleisch und dann können wir endlich zu Abend essen.«

Sloans Augen wurden gefährlich schmal. »Geh ins Haus zurück; die Sache geht dich nichts an … ich sagte geh!« Katrinas Züge verhärteten sich, dann marschierte sie hoch erhobenen Hauptes hinaus.

Eragon sah missbilligend zu, wagte es aber nicht einzuschreiten. Horst zupfte an seinem Bart, bevor er vorwurfsvoll sagte: »Na schön, dann verkaufst du eben mir etwas. Eragon, wie viel Fleisch willst du?« Seine Stimme schallte durch den Raum.

»So viel wie möglich.«

Horst zog seinen Geldbeutel heraus und zählte einen Stapel Münzen ab. »Gib mir deine beste Ware. Genug, um Eragons Sack zu füllen.« Der Fleischer zögerte, sein Blick wanderte zwischen Horst und Eragon hin und her. »Mir nichts zu verkaufen, wäre ein sehr törichter Fehler«, stellte Horst fest.

Mit giftigem Blick wandte sich Sloan um und verschwand in den hinteren Raum. Ein lärmender Wirbelsturm aus Hacken, Papiergeraschel und leisem Fluchen drang zu ihnen heraus. Nach einigen unbehaglichen Minuten kam er mit einem Arm voll eingepacktem Fleisch zurück. Mit ausdrucksloser Miene nahm er Horsts Geld entgegen und säuberte dann angelegentlich sein Messer, als wären die beiden gar nicht da.

Horst wuchtete das Fleischpaket von der Theke und ging nach draußen. Eragon lief ihm eilig mit seinem Rucksack und dem Stein hinterher. Die kühle Abendluft wehte ihnen ins Gesicht, erfrischend nach dem stickigen Laden.

»Vielen Dank, Horst. Onkel Garrow wird sich freuen.« Horst lachte leise. »Du brauchst dich nicht zu bedanken. Ich wollte diesem ekelhaften Nörgler schon lange mal eins auswischen; das kann nicht schaden. Katrina hat euch gehört und mich schnell geholt. Zum Glück – sonst hätte es am Ende noch eine Rauferei gegeben. Allerdings wird er dir oder jemandem von deiner Familie wohl beim nächsten Mal nichts mehr verkaufen, selbst wenn ihr Geld mitbringt.«

»Warum hat er sich denn so aufgeregt? Wir sind nie Freunde gewesen, aber unser Geld hat er immer genommen.

 

Und ich habe ihn auch noch nie so mit Katrina umspringen sehen«, sagte Eragon und schnürte den Rucksack auf.

Horst zuckte mit den Schultern. »Frag deinen Onkel. Der weiß mehr darüber als ich.«

Eragon stopfte das Fleisch in den Rucksack. »Ein Grund mehr, schnell nach Hause zu gehen … denn dieses Rätsel muss ich lösen. Hier, der gehört jetzt dir.« Er reichte ihm den Stein.

Horst lachte. »Nein, behalte deinen seltsamen Stein. Und was die Rückzahlung betrifft: Albriech geht im nächsten Frühjahr nach Feinster. Er möchte Meister-Schmied werden und ich werde einen Helfer brauchen. Du kannst an deinen freien Tagen kommen und deine Schulden bei mir abarbeiten.«

Eragon verneigte sich leicht; er war hocherfreut. Horst hatte zwei Söhne, Albriech und Baldor, die beide in seiner Schmiede arbeiteten. Einen von ihnen zu ersetzen, war ein großzügiges Angebot. »Nochmals vielen Dank! Ich freue mich darauf, bei dir zu arbeiten.« Er war froh, dass sich ihm eine Möglichkeit bot, Horst zu bezahlen. Sein Onkel würde niemals Almosen annehmen. Dann fiel Eragon ein, was sein Cousin ihm aufgetragen hatte, bevor er zur Jagd aufgebrochen war. »Roran wollte, dass ich Katrina eine Nachricht überbringe, aber da ich es jetzt nicht mehr kann, könntest du das vielleicht erledigen?«

»Natürlich.«

»Er lässt ihr ausrichten, dass er nach Carvahall kommt, sobald die Händler hier sind, und dass er sich dann mit ihr treffen wird.«

»Ist das alles?«

Eragon war etwas verlegen. »Nein, er möchte ihr auch sagen, dass sie das schönste Mädchen ist, das er je gesehen hat, und dass er an nichts anderes mehr denken kann.«

Ein breites Grinsen legte sich über Horsts Gesicht und er zwinkerte Eragon zu. »Die Sache wird ernst, was?«

»Ich glaube schon«, antwortete Eragon mit einem verschmitzten Lächeln. »Könntest du ihr auch meinen Dank ausrichten? Es war nett von ihr, sich meinetwegen mit ihrem Vater anzulegen. Ich hoffe, sie wird dafür nicht bestraft. Roran wäre außer sich, wenn ich sie in Schwierigkeiten gebracht hätte.«

»Keine Sorge. Sloan weiß nicht, dass sie mich geholt hat, und darum wird die Strafe, wenn überhaupt, schon nicht so schlimm ausfallen. Möchtest du bei uns essen, bevor du nach Hause gehst?«

»Tut mir Leid, aber ich kann nicht. Garrow erwartet mich«, sagte Eragon und verschnürte den Rucksack. Er wuchtete ihn auf den Rücken, hob zum Abschied die Hand und lief die Straße hinunter.

Das Fleisch war schwer und verlangsamte seine Schritte, aber der Gedanke an zu Hause verlieh ihm neue Kraft. Das Dorf endete abrupt und er ließ die behaglichen Lichter hinter sich zurück. Der wie eine Perle schimmernde Mond spähte über die Berge und warf einen geisterhaften Abglanz des Tageslichts über die Landschaft. Alles wirkte grau und formlos.

Sein Weg war nun fast zu Ende. Er bog von der Straße ab, die weiter nach Süden ging. Ein einfacher Trampelpfad führte durch hüfthohes Gras auf eine Anhöhe, die verborgen im Schatten schützender Ulmen lag. Oben angekommen, hieß ihn das warm schimmernde Licht in den Fenstern willkommen.

Das Haus hatte ein Schindeldach mit einem dicken Schornstein. Dachtraufen ragten über die ausgeblichenen Mauern und beschatteten den Boden darunter. Auf einer Seite der umfriedeten Veranda stapelte sich gehacktes Brennholz, auf der anderen lag ein Wirrwarr von Werkzeugen herum.

Das Haus hatte ein halbes Jahrhundert lang leer gestanden, bevor sie nach dem Tod von Garrows Frau Marian dort eingezogen waren. Es lag sechs Meilen von Carvahall entfernt, weiter abseits als jedes andere Haus. Die Leute hielten die Entfernung für gefährlich, weil die Familie im Notfall nicht auf schnelle Hilfe aus dem Dorf hoffen konnte, aber Eragons Onkel kümmerte das nicht.

Die alte Scheune, hundert Fuß vom Haus entfernt, beherbergte zwei Pferde – Birka und Brugh –, zusammen mit einigen Hühnern und einer Kuh. Manchmal besaßen sie auch ein Schwein, aber in diesem Jahr hatten sie sich keins leisten können. Zwischen den beiden Gebäuden eingekeilt, stand ein Pferdekarren. Am Rande ihres Feldes säumte eine dichte Baumreihe das Ufer des Anora.

Als Eragon erschöpft die Veranda erreichte, sah er, wie sich hinter einem Fenster ein Licht bewegte. »Onkel, ich bin’s, Eragon. Lass mich rein.« Ein Riegel glitt zurück, dann ging die Tür nach innen auf.

Garrow stand mit der Hand an der Tür da. Seine zerschlissenen Kleider hingen an ihm herab wie Lumpen an einem Stock. Ein hageres, ausgemergeltes Gesicht mit eindringlichen Augen schaute unter einem ergrauenden Haarschopf hervor. Er sah aus wie ein Mensch, den man schon halb mumifiziert hatte, bevor man merkte, dass er noch am Leben war. »Roran schläft«, war seine Antwort auf Eragons suchenden Blick.

Eine flackernde Laterne stand auf einem Holztisch, der so alt war, dass die Maserung winzige Furchen bildete, die wie ein gigantischer Fingerabdruck aussahen. Neben dem Ofen hingen an selbst gemachten Nägeln Kochutensilien an der Wand. Eine zweite Tür führte in den hinteren Teil des Hauses. Der Fußboden bestand aus Holzbrettern, die wegen der jahrelangen Abnutzung durch schwer beschuhte Füße ganz abgewetzt waren.

Eragon nahm seinen Rucksack ab und holte das Fleisch heraus. »Was soll das bedeuten? Hast du das Fleisch gekauft? Woher hattest du das Geld?«, fragte sein Onkel streng, als er die eingepackten Fleischstücke sah.

Eragon holte tief Luft, bevor er antwortete. »Nein, Horst hat es für uns gekauft.«

»Du hast ihn dafür bezahlen lassen? Ich habe dir doch gesagt, dass ich keine Almosen annehme. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns selbst zu ernähren, können wir ja gleich ins Dorf ziehen. Bevor man sichs versieht, schenken sie einem ihre abgelegten Kleider und fragen uns, ob wir auch durch den Winter kommen.« Garrows Gesicht wurde bleich vor Zorn.

»Ich habe keine Almosen genommen«, schnaubte Eragon. »Horst möchte, dass ich die Schulden im Frühjahr abarbeite. Er braucht einen Helfer, weil Albriech fortzieht.«

»Und woher willst du die Zeit nehmen, um für ihn zu arbeiten? Willst du deswegen hier all die Dinge liegen lassen, die getan werden müssen?«, fragte Garrow mit gepresster Stimme.

Eragon hängte Bogen und Köcher an die Haken neben der Haustür. »Ich weiß noch nicht, wie ich es anstellen werde«, antwortete er gereizt. »Außerdem habe ich etwas gefunden, das uns ein bisschen Geld einbringen könnte.« Er legte den Stein auf den Tisch.

Garrow beugte sich darüber. Sein Gesicht nahm einen hungrigen Ausdruck an und seine Finger begannen, seltsam zu zucken. »Den hast du im Buckel gefunden?«

»Ja«, nickte Eragon. Er schilderte seinem Onkel, was geschehen war. »Und zu allem Unglück habe ich auch noch meinen besten Pfeil verloren. Ich werde demnächst neue schnitzen müssen.« Sie starrten beide in dem schummrigen Licht auf den Stein.

»Wie war das Wetter da oben?«, fragte Garrow und nahm den Stein in die Hand. Er umschloss ihn so fest, als befürchtete er, der Stein könnte plötzlich verschwinden.

»Kalt«, war Eragons Antwort. »Es hat nicht geschneit, aber es gab jede Nacht Frost.«

Garrow schien besorgt über diese Nachricht. »Morgen wirst du Roran bei der Gerstenernte helfen. Und wenn wir auch gleich noch die Kürbisse einsammeln, braucht der Frost uns nicht zu kümmern.« Er reichte Eragon den Stein. »Hier, nimm ihn. Wenn die Händler kommen, werden wir herausfinden, was er wert ist. Ihn zu verkaufen, ist wahrscheinlich das Beste. Je weniger wir mit Magie zu tun haben, desto besser … Warum hat Horst für das Fleisch bezahlt?«

Eragon schilderte in knappen Sätzen seinen Streit mit Sloan. »Trotzdem verstehe ich nicht, warum er so wütend war.«

Garrow zuckte mit den Schultern. »Ein Jahr bevor sie dich herbrachten ist seine Frau Ismira in die Igualda-Fälle gestürzt. Seitdem ist er nicht mal mehr in die Nähe des Buckels gegangen und will auch nichts mehr darüber hören. Aber das ist kein Grund, sich zu weigern, dir etwas zu verkaufen. Ich glaube, er wollte dich einfach nur ärgern.«

Eragon schwankte müde hin und her und sagte: »Es ist schön, wieder zu Hause zu sein.« Garrows Blick wurde weicher und er nickte. Eragon schlurfte in sein Zimmer, schob den Stein unters Bett und ließ sich auf die Matratze fallen. Wieder daheim. Zum ersten Mal, seit er zur Jagd aufgebrochen war, entspannte er sich wieder vollständig, während der Schlaf ihn überwältigte.