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Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
 
Danksagung
Schöner wird’s nicht
Copyright

Für Amanda & Frankie

und wenn die Stadt fällt und ein einziger überlebt wird er die Stadt in sich auf dem Pfad der Verbannung tragen – er wird die Stadt sein
 
ZBIGNIEW HERBERT
 
 
 
 
Diesmal glaubte Schenk begriffen zu haben und lachte noch stärker. Dann sagte er mit ernstem Gesicht: »Glauben Sie, daß die Russen homosexuell sind?« »Das werdet ihr nach Kriegsende feststellen.«
 
CURZIO MALAPARTE

Mein Großvater, der Messerstecher, tötete zwei Deutsche, bevor er achtzehn war. Ich erinnere mich nicht, dass es mir jemand erzählt hätte – ich schien es einfach schon immer zu wissen, so wie ich wusste, dass die Yankees bei Heimspielen Nadelstreifen trugen und auswärts Grau. Aber ich wusste es nicht von Geburt an. Wer erzählte es mir? Nicht mein Vater, der niemals ein Geheimnis verriet, und nicht meine Mutter, die davor zurückscheute, unangenehme Dinge zu erwähnen, alles Grausame, Kranke oder Hässliche. Auch nicht meine Großmutter, die jedes Volksmärchen aus der alten Heimat kannte – hauptsächlich schaurige: über Kinder, die von Wölfen verschlungen und von Hexen geköpft wurden -, in meinem Beisein aber nie über den Krieg sprach. Und ganz gewiss nicht mein Großvater selbst, der lächelnde Hüter meiner frühesten Erinnerungen, der stille, schwarzäugige, schlanke Mann, der mich bei der Hand hielt, wenn wir die Straße überquerten, der auf einer Parkbank seine russische Zeitung las, während ich den Tauben nachlief und mit abgebrochenen Zweigen Pharaoameisen ärgerte.
Ich wuchs zwei Blocks von meinen Großeltern entfernt auf und sah sie fast jeden Tag. Sie hatten eine kleine Versicherungsgesellschaft, die sie von ihrer Wohnung in Bay Ridge aus betrieben und deren Kunden in erster Linie ebenfalls russische Einwanderer waren. Meine Großmutter war ständig am Telefon und verkaufte. Niemand konnte ihr widerstehen. Sie ließ ihren Charme spielen oder jagte den Leuten Angst ein, aber so oder so, die Leute kauften. Mein Großvater arbeitete am Schreibtisch und erledigte den ganzen Papierkram. Als ich klein war, saß ich oft auf seinem Schoß und betrachtete den Stumpf seines linken Zeigefingers, der abgerundet und glatt war, die beiden obersten Glieder so sauber abgetrennt, dass man hätte meinen können, er sei ohne sie zur Welt gekommen. Wenn Sommer war und die Yankees spielten, übertrug ein Radio (nach seinem siebzigsten Geburtstag ein Farbfernseher, den ihm mein Vater schenkte) das Spiel. Er verlor nie seinen Akzent, er ging weder jemals zur Wahl noch hörte er je amerikanische Musik, aber er wurde ein glühender Anhänger der Yankees.
Ende der neunziger Jahre machte ein Versicherungskonzern meinen Großeltern ein Angebot für ihre Gesellschaft. Nach allgemeiner Aussage war es ein faires Angebot, also verlangte meine Großmutter das Doppelte. Bestimmt wurde lange und heftig gefeilscht, aber ich hätte dem Konzern gleich sagen können, dass es pure Zeitverschwendung war, mit meiner Großmutter zu feilschen. Am Ende bekam sie, was sie verlangte, und wie es so Brauch war, verkauften meine Großeltern ihre Wohnung und zogen nach Florida.
Sie kauften ein kleines Haus an der Golfküste, ein Flachdach-Meisterwerk, 1949 von einem Architekten erbaut, der Berühmtheit erlangt hätte, wenn er nicht im gleichen Jahr ertrunken wäre. Das nüchterne und majestätische Haus aus Stahl und Beton, auf einer einsamen Klippe mit Blick auf den Golf gelegen, ist nicht gerade das, was man sich für ein Ehepaar im Ruhestand vorstellt, aber die beiden zogen ja nicht in den Süden, um in der Sonne zu schrumpeln und zu sterben. An den meisten Tagen sitzt mein Großvater an seinem Computer und spielt mit alten Freunden online Schach. Meine Großmutter, der die Untätigkeit schon wenige Wochen nach dem Umzug auf die Nerven ging, kreierte für sich eine neue Stelle an einem College in Sarasota, wo sie russische Literatur braun gebrannten Studenten nahebringt, die (meinem einzigen Besuch ihres Unterrichts nach zu schließen) völlig verstört auf ihre Flüche, ihren beißenden Sarkasmus und ihre fehlerfrei aus dem Gedächtnis zitierten Puschkin-Verse reagieren.
Jeden Abend essen meine Großeltern auf der Terrasse ihres Hauses und blicken über das dunkle Wasser Richtung Mexiko. Sie schlafen bei offenen Fenstern, wo sich die Nachtfalter an den Fliegengittern die Flügel lädieren. Im Gegensatz zu anderen Ruheständlern, denen ich in Florida begegnet bin, haben sie keine Angst vor Kriminalität. Die Haustür ist für gewöhnlich unverschlossen, und sie haben auch keine Alarmanlage. Sie tragen im Auto keine Sicherheitsgurte; sie tragen in der Sonne kein Sonnenöl auf. Sie haben beschlossen, dass nichts außer Gott selbst sie umbringen kann, und dabei glauben sie nicht einmal an ihn.
Ich lebe in Los Angeles und schreibe Drehbücher über mutierende Superhelden. Vor zwei Jahren wurde ich gebeten, einen autobiografischen Essay für eine Fachzeitschrift der Drehbuchautoren zu schreiben, und mitten in der Arbeit wurde mir klar, dass ich ein äußerst eintöniges Leben geführt hatte. Nicht, dass ich mich beklagen will. Selbst wenn sich das Resümee meines Daseins langweilig liest – Schule, College, Gelegenheitsjobs, Universität, Gelegenheitsjobs, wieder Universität, mutierende Superhelden -, so war es doch schön, auf der Welt zu sein. Aber als ich mich mit dem Essay herumschlug, stellte ich fest, dass ich keine Lust hatte, über mein eigenes Leben zu schreiben, nicht einmal fünfhundert Wörter lang. Ich wollte über Leningrad schreiben.
Meine Großeltern holten mich in Sarasota am Flughafen ab; ich bückte mich, um ihnen einen Kuss zu geben, und sie lächelten zu mir hoch, in Anwesenheit ihres hünenhaften amerikanischen Enkels (mit einem Meter achtundachtzig bin ich tatsächlich ein Hüne neben ihnen) wie immer leicht verwirrt. Auf dem Heimweg kauften wir auf dem örtlichen Fischmarkt eine Makrele; mein Großvater grillte sie mit nichts weiter als Butter, Salz und frischer Zitrone. Wie jedes Gericht, das er zubereitete, schien es unglaublich einfach zu sein, brauchte nur zehn Minuten und schmeckte besser als alles, was ich in dem Jahr in L. A. gegessen hatte. Meine Großmutter kocht nicht; sie ist in unserer Familie berühmt für ihre Weigerung, etwas Komplizierteres zuzubereiten als einen Teller Cornflakes.
Nach dem Abendessen zündete sich meine Großmutter eine Zigarette an, und mein Großvater schenkte drei Gläser selbst gemachten Schwarze-Johannisbeeren-Wodka ein. Wir hörten dem Chor der Zikaden und Grillen zu, blickten hinaus auf den schwarzen Golf und schlugen nach vereinzelten Moskitos.
»Ich habe ein Tonbandgerät mitgebracht. Ich dachte, wir könnten vielleicht über den Krieg reden.«
Ich glaubte zu sehen, dass meine Großmutter kurz die Augen verdrehte, während sie Zigarettenasche ins Gras schnippte.
»Was?«
»Du bist vierzig Jahre alt. Auf einmal interessiert dich das?«
»Ich bin vierunddreißig.« Ich schaute meinen Großvater an, und er lächelte mich an. »Was ist los? Wart ihr Nazis? Wollt ihr eure Nazi-Vergangenheit verheimlichen?«
»Nein«, sagte er, noch immer lächelnd. »Wir waren keine Nazis.«
»Hast du wirklich gedacht, ich sei vierzig?«
»Vierunddreißig, vierzig …« Sie stieß ihr übliches Pscha aus, ein Geräusch, das immer von einer verächtlichen Handbewegung begleitet war, mit der sie derartige Beschränktheit abtat. »Und wenn schon. Heirate endlich. Such dir eine Frau.«
»Du redest wie alle Großmütter in Florida.«
»Ha«, sagte sie, ein wenig verletzt.
»Ich will ja nur wissen, wie das damals war. Was ist daran so schlimm?«
Sie nickte meinem Großvater zu, während sie mit der brennenden Zigarette auf mich deutete.
»Er will wissen, wie es war.«
»Schätzchen«, sagte mein Großvater. Nur das, nichts weiter, aber meine Großmutter nickte und drückte ihre Zigarette auf dem Glastisch aus.
»Du hast recht«, sagte sie zu mir. »Wenn du über den Krieg schreiben willst, dann tu’s.«
Sie stand auf, küsste mich auf den Scheitel, küsste meinen Großvater auf den Mund und trug das Geschirr ins Haus. Einige Minuten saßen wir schweigend da, hörten den sich brechenden Wellen zu. Er schenkte uns Wodka nach, freute sich, dass ich mein Glas geleert hatte.
»Hast du eine Freundin?«
»Mhm.«
»Die Schauspielerin?«
»Ja.«
»Ich mag sie.«
»Ich weiß.«
»Sie könnte fast eine Russin sein«, sagte er. »Sie hat die Augen … Wenn du über Leningrad sprechen willst, dann sprechen wir über Leningrad.«
»Ich will nicht darüber sprechen. Ich möchte, dass du darüber sprichst.«
»Okay, dann spreche ich darüber. Morgen?«
Er hielt Wort. Während der folgenden Woche saßen wir jeden Tag auf der Terrasse, und ich nahm seine Geschichten auf. Einige Stunden am Vormittag, gefolgt von einer Mittagspause, und dann wieder am Nachmittag – mein Großvater, ein Mann, der es hasste, mehr als zwei Sätze hintereinander in gemischter Gesellschaft zu sagen (das heißt, in Gesellschaft einer anderen Person als meiner Großmutter), füllte Minikassette um Minikassette mit seinen Worten. Zu vielen Worten für ein einziges Buch – die Wahrheit mag seltsamer sein als die Erfindung, aber sie braucht einen besseren Lektor. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich meinen Großvater fluchen und offen über Sex reden. Er sprach über seine Kindheit, über den Krieg, über die Ankunft in Amerika. Aber vor allem sprach er über eine Woche im Jahr 1942, die erste jenes Jahres, die Woche, in der er meiner Großmutter begegnete, seinen besten Freund gewann und zwei Deutsche tötete.
Als er seine Geschichten zu Ende erzählt hatte, befragte ich ihn nach näheren Einzelheiten – nach Namen, Orten, den Wetterverhältnissen an bestimmten Tagen. Eine Zeit lang ging er darauf ein, doch schließlich beugte er sich vor und drückte die Stopptaste des Tonbandgeräts.
»Das ist alles lange her«, sagte er. »Ich weiß nicht mehr, was ich anhatte. Ich weiß nicht mehr, ob die Sonne herauskam.«
»Ich will doch nur sicherstellen, dass ich alles richtig wiedergebe.«
»Das kannst du nicht.«
»Es ist deine Geschichte. Ich will sie nicht verpfuschen.«
»David …«
»Einiges kapiere ich immer noch nicht …«
»David«, sagte er. »Du bist doch der Schriftsteller. Denk dir was aus.«

1
 
 
 
 
Du hast noch nie solchen Hunger gehabt; du hast noch nie so gefroren. Wenn wir schliefen, sofern wir überhaupt schliefen, träumten wir von den Leckerbissen, die wir sieben Monate zuvor gedankenlos gegessen hatten – all den Butterbroten, den Kartoffelklößen, den Würsten -, ohne Bedacht gegessen, hinuntergeschluckt hatten, ohne sie zu würdigen, und dabei auf unseren Tellern große Krümel liegen ließen, weggeschnittenes Fett. Im Juni 1941, bevor die Deutschen kamen, dachten wir, wir seien arm. Aber bis zum Winter erschien uns der Juni wie das Paradies.
Nachts blies der Wind so laut und anhaltend, dass man erschrak, wenn er aufhörte; die Rollladenscharniere des ausgebrannten Cafés an der Ecke hörten dann einige ominöse Sekunden lang auf zu quietschen, als würde sich ein Raubtier nähern und das kleinere Wild vor Angst verstummen. Die Rollläden selbst waren im November als Brennholz herausgerissen worden. In ganz Leningrad gab es kein Kleinholz mehr. Jedes Holzschild, die Latten der Parkbänke, die Fußbodendielen zerstörter Gebäude – alles weg und irgendwo in einem Ofen verfeuert. Auch die Tauben fehlten, waren eingefangen und in geschmolzenem Eis aus der Newa gegart worden. Keinem machte es etwas aus, Tauben zu schlachten. Was für Unruhe sorgte, waren die Hunde und Katzen. Im Oktober hörte man gerüchteweise, jemand habe seinen Köter gebraten und daraus vier Mahlzeiten gemacht; wir lachten darüber und schüttelten den Kopf, glaubten es nicht und fragten uns doch, ob Hund mit entsprechend viel Salz gut schmeckt – damals gab es noch genügend Salz, auch wenn alles andere ausging, hatten wir doch noch Salz. Im Januar war aus den Gerüchten bereits eine schlichte Tatsache geworden. Nur Leute mit den besten Beziehungen konnten noch ein Haustier ernähren, also ernährten die Haustiere uns.
Es gab zwei Theorien bezüglich der Dicken und der Dünnen. Die einen sagten, diejenigen, die vor dem Krieg dick waren, hätten bessere Überlebenschancen: Eine Woche ohne Nahrung verwandle einen rundlichen Menschen nicht gleich in ein Skelett. Die anderen sagten, Magere seien es eher gewohnt, wenig zu essen, und kämen daher besser mit dem plötzlichen Hungern zurecht. Ich gehörte zum zweiten Lager, und zwar aus schierem Eigennutz. Ich war von Geburt an ein Hänfling. Große Nase, schwarze Haare, von Akne verunzierte Haut – geben wir’s zu, ich war nicht gerade der Traum eines jeden Mädchens. Aber der Krieg machte mich attraktiver. Andere magerten ab, als die Lebensmittelrationen wieder und wieder gekürzt wurden und Männer, die vor dem Einmarsch der Deutschen wie Schwerathleten ausgesehen hatten, auf die Hälfte zusammenschrumpfen ließen. Ich hatte keine Muskeln, die ich hätte verlieren können. So wie die Spitzmäuse, die weiter auf Nahrungssuche gingen, während um sie herum die Dinosaurier ausstarben, war ich für Entbehrungen geschaffen.
Am Silvesterabend saß ich auf dem Dach des Kirow, des Wohnblocks, in dem ich lebte, seit ich fünf war (obwohl das Haus seinen Namen erst 1934 bekam, als Kirow erschossen und die halbe Stadt nach ihm benannt wurde), beobachtete die prallen grauen Fesselballons der Flugabwehr, die unter den Wolken schwärmten, und wartete auf die Bomber. Zu dieser Jahreszeit steht die Sonne nur sechs Stunden am Himmel, huscht wie ein Geist von Horizont zu Horizont. Jede Nacht saßen vier von uns ihre Drei-Stunden-Schicht auf dem Dach ab, bewaffnet mit Wassereimern, Sandkübeln, Eisenzangen und Schaufeln, eingemummt in alle Hemden und Pullover und Mäntel, die wir auftreiben konnten, und beobachteten den Himmel. Wir waren der Feuerlöschtrupp. Die Deutschen hatten entschieden, dass das Erstürmen der Stadt sie zu viele Opfer kosten würde, und so kesselten sie uns stattdessen ein, um uns auszuhungern, niederzubomben, niederzubrennen.
Vor Kriegsbeginn lebten im Kirow elfhundert Menschen. An Silvester lag die Zahl eher bei vierhundert. Die meisten kleinen Kinder waren evakuiert worden, bevor die Deutschen den Belagerungsring im September schlossen. Meine Mutter und meine kleine Schwester Taissja gingen nach Wjasma zu meinem Onkel. Am Abend vor ihrer Abreise stritt ich mit meiner Mutter, der einzige Streit, den wir je hatten – genauer gesagt, das einzige Mal, dass ich mich ihr widersetzte. Sie wollte natürlich, dass ich mitging, weit weg von den Invasoren, tief ins Landesinnere, wo uns die Bomber nicht finden konnten. Aber ich hatte nicht vor, Piter zu verlassen. Ich war ein Mann, ich würde meine Heimatstadt verteidigen, ich würde ein Newski des zwanzigsten Jahrhunderts sein. Vielleicht war ich nicht ganz so töricht. Aber ich hatte ein stichhaltiges Argument: Wenn jede einsatzfähige Person floh, würde Leningrad von den Faschisten erobert werden. Und ohne Leningrad, ohne die Stadt der Arbeiter, die Panzer und Gewehre für die Rote Armee herstellten, welche Chance hatte Russland da?
Meine Mutter meinte, das sei ein dummes Argument. Wie sie sagte, war ich gerade mal siebzehn. Ich schweißte keine Panzerplatten in der Fabrik zusammen und ich konnte noch fast ein Jahr lang nicht Soldat werden. Die Verteidigung Leningrads hatte nichts mit mir zu tun; ich war nur ein weiteres hungriges Maul, das durchgefüttert werden musste. Ich ignorierte diese beleidigenden Bemerkungen.
»Ich bin Feuerwehrmann«, verkündete ich ihr, denn es war die Wahrheit, die Stadtverwaltung hatte die Schaffung von zehntausend Feuerlöschtrupps angeordnet, und ich war der stolze Kommandant des Löschtrupps Kirow Fünfter Stock.
Meine Mutter war noch keine vierzig Jahre alt, aber ihr Haar war bereits grau. Sie saß mir gegenüber am Küchentisch und hielt mit beiden Händen meine Hand fest. Sie war eine sehr kleine Frau, gerade mal einszweiundfünfzig groß, und ich hatte von Geburt an Angst vor ihr.
»Du bist ein Dummkopf«, verkündete sie mir. Vielleicht klingt das beleidigend, aber meine Mutter nannte mich immer »kleiner Dummkopf«, und so hielt ich die Bezeichnung mittlerweile für einen Kosenamen. »Die Stadt hat es schon vor dir gegeben. Es wird sie auch nach dir noch geben. Taissja und ich brauchen dich.«
Sie hatte recht. Ein besserer Sohn, ein besserer Bruder wäre mitgegangen. Taissja verehrte mich, sprang an mir hoch, wenn ich aus der Schule kam, las mir die albernen Gedichtchen vor, die sie als Hausaufgabe zu Ehren der Märtyrer der Revolution schrieb, zeichnete Karikaturen meines großnasigen Profils in ihr Heft. Meistens hätte ich sie erwürgen können. Ich hatte keine Lust, mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester durch das halbe Land zu tippeln. Ich war siebzehn, beseelt von dem Glauben, vom Schicksal zu Heroischem bestimmt zu sein. Molotows Erklärung bei seiner Rundfunkansprache am ersten Tag des Krieges (WIR KÄMPFEN FÜR EINE GERECHTE SACHE. WIR WERDEN DEN FEIND SCHLAGEN. WIR WERDEN OBSIEGEN) war auf Abertausend Plakate gedruckt und überall in der Stadt an Mauern geklebt worden. Ich glaubte an unsere Sache; ich würde nicht vor dem Feind davonlaufen; ich würde den Sieg nicht verpassen.
Mutter und Taissja brachen am nächsten Morgen auf. Sie fuhren einen Teil der Strecke mit dem Bus, hielten Armeelaster an, die sie ein Stück mitnahmen, und legten in Stiefeln mit klaffenden Sohlen schier endlose Entfernungen auf Landstraßen zurück. Sie brauchten drei Wochen, um hinzukommen, aber sie schafften es, waren endlich in Sicherheit. Meine Mutter schickte mir einen Brief, in dem sie die Reise, die Angst und die Strapazen schilderte. Vielleicht wollte sie, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam, weil ich sie und Taissja im Stich gelassen hatte, und ich hatte tatsächlich Gewissensbisse, aber ich wusste auch, dass es besser war, dass sie fort waren. Der entscheidende Kampf stand bevor, und die beiden gehörten nicht an die Front. Am 7. Oktober nahmen die Deutschen Wjasma ein, und Mutters Briefe blieben aus.
Ich würde ja gerne sagen, dass ich die beiden vermisste, als sie fort waren, und in manchen Nächten fühlte ich mich sehr einsam, und immerzu vermisste ich das Essen meiner Mutter; aber seit ich klein war, hatte ich davon geträumt, auf mich selbst gestellt zu sein. In meinen Lieblingsmärchen ging es immer um erfinderische Waisen, die sich in einem finsteren Wald durchschlagen, alle Gefahren dank raffinierter Problemlösungen überleben, ihre Feinde überlisten und dabei unterwegs ihr Glück finden. Ich will nicht sagen, dass ich glücklich war – wir waren alle zu hungrig, um glücklich zu sein -, aber ich war überzeugt, dass ich meine Bestimmung gefunden hatte. Wenn Leningrad fiel, würde Russland fallen; wenn Russland fiel, würde der Faschismus die Welt erobern. Davon waren wir alle überzeugt. Ich bin es noch heute.
Ich war zwar zu jung fürs Militär, aber alt genug, um tagsüber Panzergräben auszuheben und nachts auf den Dächern Wache zu halten. Meine Mannschaft bestand aus meinen Freunden vom fünften Stock – Vera Ossipowna, einer talentierten Cellistin, und den rothaarigen Antokolski-Zwillingen, deren einziges bekanntes Talent darin bestand, zweistimmig zu furzen. In den ersten Kriegstagen hatten wir auf dem Dach Zigaretten geraucht, uns als Soldaten aufgespielt, tapfer und stark und entschlossen, während wir den Himmel nach Feinden absuchten. Ende Dezember gab es in Leningrad keine Zigaretten mehr, zumindest keine aus Tabak. Ein paar ganz Verzweifelte zerkrümelten abgefallene Blätter, rollten sie in Papier und nannten die Dinger »Herbstlichter«, behaupteten sogar, mit den richtigen Blättern ließe sich ein anständiger Glimmstängel herstellen, aber wir im Kirow, weit weg vom nächsten noch stehenden Baum, hatten diese Alternative nicht. Wir verbrachten unsere freien Minuten damit, Jagd auf Ratten zu machen, für die das Verschwinden der Katzen der Stadt die Erhörung all ihrer Gebete seit Urzeiten gewesen sein muss, bis sie merkten, dass sich nichts Essbares mehr im Abfall befand.
Nach monatelangen Bombenangriffen konnten wir die verschiedenen deutschen Flugzeuge an ihren Motorengeräuschen erkennen. In dieser Nacht, wie schon seit Wochen, waren es Junkers 88, die nun die Heinkels und Dorniers ersetzten, die unsere Jäger abzuschießen gelernt hatten. So trostlos unsere Stadt bei Tageslicht geworden war, nach Einbruch der Dunkelheit hatte die Belagerung eine seltsame Schönheit. Vom Dach des Kirow konnten wir, wenn der Mond schien, ganz Leningrad sehen: die Turmspitze der Admiralität (grau angestrichen, damit die Bomber sie nicht sahen), die Peter-Paul-Festung (die Kirchtürme mit Tarnnetzen verhängt), die Kuppeln der Isaaks-Kathedrale und der Erlöserkirche auf dem Blut. Wir konnten die Besatzungen sehen, die die Flugabwehrkanonen auf den Dächern der benachbarten Gebäude bemannten. Die Baltische Flotte war auf der Newa vor Anker gegangen, wo ihre Schiffe, riesigen grauen Wachposten gleich, ihre schweren Geschütze auf die Stellungen der Nazi-Artillerie abfeuerten.
Am schönsten waren die Luftkämpfe. Die Ju 88 und die Suchois kreisten über der Stadt, waren von unten nur dann zu sehen, wenn sie von den starken Suchscheinwerfern erfasst wurden. Die Suchois hatten einen großen roten Stern auf der Unterseite ihrer Tragflächen, um nicht von der eigenen Flugabwehr abgeschossen zu werden. Alle paar Nächte sahen wir ein solches Gefecht, angestrahlt wie auf einer Bühne, bei dem die schwereren, langsameren deutschen Bomber scharfe Kurven flogen, damit ihre Bordschützen die schnellen russischen Jäger ins Visier nehmen konnten. Wenn eine Junkers abstürzte und das brennende Flugzeuggerippe wie ein gefallener Engel vom Himmel fiel, erhob sich auf den Dächern der Stadt lautes Freudengeschrei, und alle Kanoniere und Feuerlöschtrupps jubelten dem siegreichen Piloten mit erhobener Faust zu.
Wir hatten ein kleines Radio bei uns auf dem Dach. Am Silvesterabend lauschten wir dem Glockenspiel des Spasski-Turmes in Moskau, das die »Internationale« spielte. Vera hatte irgendwo eine halbe Zwiebel aufgetrieben; sie schnitt sie auf einem mit Sonnenblumenöl bestrichenen Teller in vier Teile. Als die Zwiebel verspeist war, tunkten wir das restliche Öl mit dem Brot auf, das man auf Marken bekam. Brot auf Marken schmeckte nicht wie Brot. Es schmeckte nicht wie etwas Essbares. Nachdem die Deutschen die Badajew-Lagerhäuser bombardiert hatten, wurden die Bäcker der Stadt kreativ. Alles, was sich zu einem Teig verarbeiten ließ, ohne Menschen zu vergiften, wurde zu einem Teig verarbeitet. Die ganze Stadt hungerte, keiner hatte genug zu essen, und trotzdem verfluchte jeder dieses Brot, seinen Sägemehlgeschmack, dass es in der Kälte steinhart wurde. Man konnte sich die Zähne ausbrechen, wenn man es zu kauen versuchte. Bis heute, wo ich selbst die Gesichter der Menschen, die ich liebte, vergessen habe, erinnere ich mich noch an den Geschmack dieses Brotes.
Eine halbe Zwiebel und ein 125-Gramm-Laib Brot für vier- das war eine anständige Mahlzeit. Wir streckten uns, in Wolldecken gewickelt, auf dem Rücken aus, betrachteten die Flugabwehrballons, die an ihren langen Drahtseilen im Wind trieben, und hörten dem Metronom im Radio zu. Wenn es keine Musik zu spielen oder nichts Neues zu berichten gab, übertrug der Rundfunksender den Taktschlag eines Metronoms, dieses ununterbrochene Tick-Tick-Tick, das uns sagte, dass die Stadt noch nicht erobert war, dass die Faschisten noch draußen vor den Toren standen. Das Metronom im Radio war Piters schlagendes Herz, und die Deutschen brachten es nie zum Stillstand.
Vera war diejenige, die den Mann entdeckte, der vom Himmel fiel. Sie schrie und deutete, und wir alle standen auf, um einen besseren Blick zu haben. Einer der Suchscheinwerfer beleuchtete einen Mann, der an einem Fallschirm auf die Stadt zuschwebte, der seidene Baldachin über ihm wie eine weiße Tulpenzwiebel.
»Ein Fritz«, sagte Oleg Antokolski, und er hatte recht; wir konnten die graue Luftwaffenuniform erkennen. Woher kam er? Keiner von uns hatte das Geräusch eines Luftkampfes oder den Knall eines Flakgeschützes gehört. Seit knapp einer Stunde hatten wir keinen Bomber mehr über uns hinwegfliegen hören.
»Vielleicht hat’s angefangen«, sagte Vera. Seit Wochen hörten wir Gerüchte, die Deutschen planten den massiven Einsatz von Fallschirmjägern, einen letzten Sturmangriff, um den elenden Stachel namens Leningrad aus dem Rücken ihrer auf dem Vormarsch befindlichen Armee zu ziehen. Jeden Augenblick rechneten wir damit, bei einem Blick nach oben Tausende von Nazis auf die Stadt herabsegeln zu sehen, ein Schneegestöber von weißen Fallschirmen, die den Himmel verdeckten, doch Dutzende von Suchscheinwerfern durchschnitten die Dunkelheit und spürten keine weiteren Feinde auf. Da war nur dieser eine, und die Schlaffheit des in den Fallschirmgurten hängenden Körpers ließ darauf schließen, dass er bereits tot war.
Wir verfolgten, wie er herabschwebte, festgehalten im Scheinwerferlicht, tief genug, um sehen zu können, dass einer seiner schwarzen Stiefel fehlte.
»Er kommt auf uns zu«, sagte ich. Der Wind blies ihn in Richtung unserer Straße, der Woinowa Uliza. Die Zwillinge sahen sich an.
»Luger«, sagte Oleg.
»Die Luftwaffe hat keine Luger«, sagte Grischa. Er war fünf Minuten älter und der Experte für Nazi-Waffen. »Walther PPK.«
Vera lächelte mich an. »Deutsche Schokolade.«
Wir rannten zur Tür, die ins Treppenhaus führte, ließen unsere Feuerlöschgerätschaften stehen und liegen und hasteten die stockdunkle Treppe hinunter. Was ausgesprochen dumm von uns war. Ein falscher Schritt auf den Betonstufen, ohne Fett oder Muskeln am Leib, um den Sturz zu dämpfen, bedeutete einen Knochenbruch, und ein Knochenbruch bedeutete den Tod. Doch das scherte keinen von uns. Wir waren sehr jung, und soeben fiel ein toter Deutscher auf die Woinowa, brachte Gaben aus dem Reich.
Wir liefen durch den Hof und kletterten über das zugesperrte Hoftor. Alle Straßenlaternen waren aus. Die ganze Stadt war dunkel – teils, um den Bombern die Arbeit zu erschweren, und teils, weil fast die gesamte Elektrizität in die Munitionsfabriken umgeleitet wurde -, aber der Mond schien hell genug, dass wir etwas sehen konnten. Sechs Stunden nach Beginn der Ausgangssperre war die Woinowa einsam und verlassen. Kein Auto in Sicht. Nur Militär und Behörden hatten Zugang zu Treibstoff, und alle Privatfahrzeuge waren schon in den ersten Kriegsmonaten requiriert worden. Die Schaufenster waren kreuzförmig mit Papierstreifen beklebt, was sie, wie uns das Radio verkündete, nicht so leicht zersplittern ließ. Vielleicht stimmte es, obwohl ich in Leningrad an vielen Geschäften vorbeigekommen war, in deren Fensterrahmen nur baumelnde Papierstreifen zurückgeblieben waren.
Draußen auf der Straße blickten wir gen Himmel, konnten unseren Mann aber nicht entdecken.
»Wo ist er hin?«
»Ob er auf einem Dach gelandet ist?«
Die Scheinwerfer suchten den Himmel ab, aber sie waren alle auf hohen Gebäuden installiert, und keiner verfügte über den Schwenkwinkel, um hinunter in die Woinowa Uliza zu leuchten. Vera zupfte am Kragen meines Mantels, einem voluminösen alten Marinemantel, ein Erbstück von meinem Vater und mir noch immer zu groß, aber wärmer als alles, was ich sonst besaß.
Ich drehte mich um und sah ihn durch die Straße schweben, unseren Deutschen, sah seinen verbliebenen schwarzen Stiefel über die vereiste Fahrbahn schlittern, den großen Baldachin seines noch mit Luft gefüllten weißen Fallschirms, der ihn auf den Eingang des Kirow zutrieb, das Kinn auf die Brust gesunken, das dunkle Haar mit Eiskristallen gesprenkelt, das Gesicht blutleer im Mondlicht. Wir standen regungslos da und verfolgten, wie er näher glitt. Wir hatten in jenem Winter Dinge gesehen, die eigentlich kein Auge jemals sehen sollte, wir glaubten, uns könne nichts mehr überraschen, aber das war ein Irrtum, und wenn der Deutsche seine Walther gezogen und zu schießen begonnen hätte, wäre keiner von uns imstande gewesen, rechtzeitig die Beine in die Hand zu nehmen. Doch der Tote blieb tot, und schließlich entwich die Luft aus dem Fallschirm, der in sich zusammenfiel, und der Mann plumpste auf die Fahrbahn, wurde noch, als letzte Demütigung, ein paar Meter mit dem Gesicht nach unten weitergeschleift.
Wir scharten uns um den Flieger. Er war sehr groß, gut gebaut, und hätten wir ihn in Straßenkleidung in Piter herumspazieren sehen, hätten wir sofort gewusst, dass er ein Infiltrant ist – er hatte den Körper eines Mannes, der jeden Tag Fleisch isst.
Grischa kniete sich hin und zog die Seitenwaffe des Deutschen aus dem Halfter. »Walther PPK. Wie ich gesagt habe.«
Wir drehten den Deutschen auf den Rücken. Sein blasses Gesicht war aufgescheuert, die Haut vom Asphalt zerschrammt, die Abschürfungen so farblos wie die heile Haut. Tote bekommen keine blauen Flecke. Ich konnte nicht feststellen, ob er verängstigt oder kämpferisch oder friedlich gestorben war. In seinem Gesicht fehlte jede Spur von Leben oder Persönlichkeit – er sah aus wie ein Leichnam, der schon als Leichnam zur Welt gekommen war.
Oleg zog ihm die schwarzen Lederhandschuhe aus, während Vera sich den Schal und die Fliegerbrille schnappte. Ich entdeckte ein Futteral, das unten am Bein des Fliegers festgeschnallt war, und holte ein wunderschönes Messer mit schwerem Griff, silbernem Fingerschutz und einer fünfzehn Zentimeter langen, einschneidigen Klinge heraus, auf der etwas stand, was ich im Mondlicht nicht lesen konnte. Ich steckte das Messer wieder in die Scheide und schnallte es um mein eigenes Bein, hatte zum ersten Mal seit Monaten das Gefühl, dass sich das Schicksal, das mich zum Krieger bestimmt hatte, endlich erfüllte.
Oleg fand die Brieftasche des Toten und zählte grinsend das deutsche Geld. Vera steckte einen Chronometer ein, doppelt so groß wie eine Armbanduhr, den der Deutsche über dem Ärmel seiner Fliegerjacke getragen hatte. Grischa fand ein Lederetui mit einem zusammengeklappten Feldstecher, zwei zusätzliche Magazine für die Walther und einen Flachmann. Er schraubte den Deckel ab, schnupperte und reichte mir die Flasche.
»Kognak?«
Ich nahm einen kleinen Schluck und nickte. »Kognak.«
»Hast du überhaupt schon mal Kognak getrunken?«, fragte Vera.
»Klar doch.«
»Wann?«
»Gib mal her«, sagte Oleg, und dann machte die Flasche die Runde. Wir vier hockten uns um den gefallenen Flieger herum und nippten an dem Flachmann, in dem Kognak oder Weinbrand oder Armagnac hätte gewesen sein können. Keiner von uns kannte den Unterschied. Aber was es auch war, das Zeug wärmte den Magen.
Vera betrachtete das Gesicht des Deutschen. Ihre Miene verriet weder Mitleid noch Angst, nur Neugier und Verachtung – der Eindringling war hergekommen, um seine Bomben auf unsere Stadt fallen zu lassen, und war stattdessen selbst gefallen. Wir hatten ihn nicht abgeschossen, aber wir triumphierten trotzdem. Außer uns war noch nie jemand aus dem Kirow auf die Leiche eines Feindes gestoßen. Am Morgen würden wir im ganzen Wohnblock Tagesgespräch sein.
»Wie er wohl gestorben ist?«, fragte sie. Keine Schusswunde verunstaltete den Leichnam, kein versengtes Haar oder Leder, nirgends ein Anzeichen von Gewaltanwendung. Seine Haut war viel zu weiß für einen Lebenden, aber nichts hatte sie durchlöchert.
»Er ist erfroren«, verkündete ich. Ich sagte es mit Bestimmtheit, weil ich wusste, dass es so war, und es nicht beweisen konnte. Der Flieger war mehrere Tausend Fuß über dem nächtlichen Leningrad mit dem Fallschirm abgesprungen. Unten auf dem Boden war es zu kalt für die Uniform, die er trug – droben in den Wolken, außerhalb seines warmen Cockpits, hatte er nicht die geringste Chance gehabt.
Grischa erhob den Flachmann zu einem Toast. »Auf die Kälte!«
Der Flachmann begann wieder zu kreisen. Bis zu mir kam er nicht mehr. Wir hätten den Motor des Autos schon zwei Blocks früher hören müssen, denn nach Beginn der Ausgangssperre war es in der Stadt so still wie auf dem Mond, aber wir waren mit unserem deutschen Schnaps und dem Ausbringen von Trinksprüchen beschäftigt. Erst als der GAZ in die Woinowa einbog, schwere Reifen über den Asphalt rumpelten, Scheinwerfer uns erfassten, erst da erkannten wir die Gefahr. Die Strafe für unerlaubtes Verstoßen gegen die Ausgangssperre war sofortige Exekution. Die Strafe für eigenmächtiges Entfernen von einem Feuerlöschtrupp war sofortige Exekution. Die Strafe für Plündern war sofortige Exekution. Die Gerichte waren nicht mehr tätig; die Polizeibeamten standen an der Front, die Gefängnisse waren halb leer und wurden immer leerer. Wer hatte schon Lebensmittel für einen Staatsfeind? Wenn man gegen das Gesetz verstieß und erwischt wurde, war man tot. Für juristische Feinheiten war keine Zeit.
Also liefen wir weg. Wir kannten das Kirow besser als irgendjemand sonst. Wenn wir es über das Hoftor und in das eisige Dunkel des weitläufigen Gebäudes schafften, konnte uns kein Mensch mehr finden, und wenn er drei Monate lang suchte. Wir hörten die Soldaten brüllen, wir sollten stehen bleiben, aber das war uns egal; Stimmen machten uns keine Angst, im Gegensatz zu Kugeln, aber bis jetzt war noch kein Schuss gefallen. Grischa erreichte das Tor als Erster – er war noch der Sportlichste von uns -, sprang auf die eisernen Querstangen und zog sich hoch. Oleg war direkt hinter ihm, und ich war direkt hinter Oleg. Unsere Körper waren geschwächt, die Muskeln aufgrund des Proteinmangels geschrumpft, aber die Angst half uns, so schnell wie nur möglich das Tor hinaufzuklettern.
Als ich schon fast oben war, blickte ich mich um und sah, dass Vera auf einer vereisten Stelle ausgerutscht war. Auf Händen und Knien starrte sie zu mir hoch, die Augen rund und voller Angst, als der GAZ neben der Leiche des deutschen Fliegers abbremste und vier Soldaten heraussprangen. Sie waren keine zwanzig Schritte entfernt, die Gewehre in der Hand, aber ich hatte immer noch Zeit, mich über das Tor zu hieven und im Kirow zu verschwinden.
Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass mir nicht einen Moment lang der Gedanke kam, Vera im Stich zu lassen, dass meine Freundin in Gefahr war und ich ihr ohne zu zögern zu Hilfe eilte. Aber in Wahrheit hasste ich sie in diesem Augenblick. Ich hasste sie, weil sie zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt gestolpert war, mit panikerfüllten braunen Augen zu mir hochsah, mich zu ihrem Retter erkor, obwohl Grischa der Einzige war, den sie je geküsst hatte. Ich wusste, dass ich nicht mit der Erinnerung an diese mich anflehenden Augen leben konnte, und sie wusste es auch, und ich hasste sie selbst dann noch, als ich vom Tor heruntersprang, sie aufhob und zum Gitter zerrte. Ich war schwach, aber Vera kann keine vierzig Kilo gewogen haben. Ich schob sie von unten hoch, während die Soldaten brüllten und ihre Stiefelabsätze auf dem Pflaster knallten und die Schlagbolzen ihrer Gewehre einrasteten.
Vera schaffte es über das Tor, und ich kletterte hinter ihr her, ohne mich um die Soldaten zu kümmern. Falls ich innehielt, würden sie mich umstellen, mir erklären, dass ich ein Staatsfeind bin, mich zwingen niederzuknien und mich von hinten mit einem Kopfschuss töten. Ich gab eine gute Zielscheibe ab, aber vielleicht waren sie betrunken, vielleicht waren sie Stadtkinder wie ich, die noch nie im Leben einen Schuss abgefeuert hatten; vielleicht würden sie absichtlich danebenschießen, weil sie wussten, dass ich ein Patriot und ein Verteidiger der Stadt war und mich nur deshalb aus dem Kirow geschlichen hatte, weil ein Deutscher aus siebentausend Metern Höhe auf meine Straße gefallen war, und welcher siebzehnjährige russische Junge würde sich nicht nach draußen schleichen, um einen Blick auf einen toten Faschisten zu werfen?
Mein Kinn war schon gleichauf mit der Oberkante des Tors, als sich behandschuhte Hände um meine Beine legten. Kräftige Hände, die Hände von Militärangehörigen, die täglich zwei Mahlzeiten bekamen. Ich sah, wie Vera ins Kirow rannte, ohne sich noch einmal umzublicken. Ich versuchte mich an den Eisenstangen festzuklammern, doch die Soldaten zerrten mich herunter, warfen mich auf den Bürgersteig und umstellten mich, die Mündungen ihrer Tokarews auf meine Wangen gerichtet. Keiner der Soldaten sah älter als neunzehn aus und keiner schien abgeneigt, mein Gehirn auf die Straße zu pusten.
»Scheißt sich ja gleich voll, der Kerl.«
»Bisschen gefeiert, Freundchen? Euch Schnaps besorgt?«
»Der ist was für den Oberst. Soll sich zu dem Fritz setzen.«
Zwei von ihnen bückten sich, packten mich unter den Achseln, rissen mich auf die Füße, führten mich zu dem GAZ, dessen Motor noch lief, und stießen mich auf den Rücksitz. Die beiden anderen Soldaten packten den Deutschen bei den Händen und den Füßen und warfen ihn neben mich in den Wagen.
»Damit er nicht friert«, sagte einer von ihnen, und alle lachten, als wäre das der beste Witz aller Zeiten. Sie zwängten sich in den Wagen und schlugen die Türen zu.
Ich kam zu dem Schluss, dass ich nur deshalb noch am Leben war, weil sie mich öffentlich exekutieren wollten, als abschreckendes Beispiel für andere Plünderer. Noch vor wenigen Minuten hatte ich mich dem toten Flieger überlegen gefühlt. Doch jetzt, als wir durch die dunkle Straße rasten, ruckartig Bombenkratern und Trümmern auswichen, schien er mich anzugrinsen, die weißen Lippen wie eine Wunde, die sein erstarrtes Gesicht zerschnitt. Wir gingen beide den gleichen Weg.

2
 
 
 
 
Wenn man in Piter aufwuchs, wuchs man in Angst vor dem Kresty-Gefängnis auf, dem düsteren Backsteinklotz an der Newa, einem bedrohlichen, barbarischen Aufbewahrungsort für Verlorene. In Friedenszeiten lebten hier sechstausend Gefangene. Ich bezweifle, dass im Januar noch tausend davon übrig waren. Hunderte von inhaftierten Kleinkriminellen wurden in Einheiten der Roten Armee entlassen, entlassen in die Hölle des deutschen Blitzkrieges. Weitere Hunderte verhungerten in ihren Zellen. Jeden Tag zerrten die Wärter die bis auf die Knochen Abgemagerten aus dem Bau und auf Schlitten, wo die Toten in acht Lagen übereinander aufgestapelt wurden.
Als ich klein war, war es die Stille des Gefängnisses, die mir am meisten Angst machte. Wenn man vorbeiging, erwartete man, das Gebrüll roher Männer oder den Lärm eines Streits zu hören, doch kein Geräusch drang durch die dicken Mauern, als hätten die Gefangenen drinnen – die zumeist auf ihren Prozess oder den Transport in den Gulag oder eine Kugel in den Kopf warteten – sich selbst die Zunge abgehackt, um gegen ihr Los zu protestieren. Der Ort war eine Festung im umgekehrten Sinn, dazu bestimmt, den Feind innen festzuhalten, und jeder Junge in Leningrad hatte hundert Mal den Satz gehört: »Wenn du so weitermachst, landest du im Kresty.«
Ich hatte meine Zelle nur einen Moment lang gesehen, als die Wärter mich hineinstießen und ihre Lampen kurz die rauen Steinwände beschienen, eine Zelle, zwei Meter breit und vier Meter lang, mit Stockbetten für vier Gefangene und alle leer. Das beruhigte mich, denn ich hatte kein Verlangen danach, die Dunkelheit mit einem Fremden mit tätowierten Fingerknöcheln zu teilen, doch nach einiger Zeit – Minuten? Stunden? – wurde die schwarze Stille zu etwas Greifbarem, das in deine Lunge einzudringen und dich zu ersticken drohte.
Dunkelheit und Einsamkeit machten mir normalerweise keine Angst. Elektrischer Strom war in Piter damals so rar wie Speck, und meine Wohnung im Kirow war leer, seit Mutter und Taissja geflüchtet waren. Die langen Nächte waren dunkel und still, aber irgendwo waren immer Geräusche zu hören. Mörser, die von den deutschen Linien abgefeuert wurden; ein Armeelaster, der durch die Straße fuhr; die im Sterben liegende alte Frau im Stockwerk über mir, die in ihrem Bett stöhnte. Schreckliche Geräusche, gewiss, aber doch Geräusche – etwas, was dir sagte, dass du noch am Leben warst. Die Zelle im Kresty war der einzige absolut stille Ort, den ich je betreten habe. Ich konnte nicht das Geringste hören; ich konnte nichts sehen. Sie hatten mich im Wartezimmer des Todes eingesperrt.
Obwohl ich mich vor meiner Verhaftung für belagerungsgestählt hielt, war es in Wahrheit doch so, dass ich im Januar nicht mehr Courage besaß als im Juni – entgegen der weitverbreiteten Meinung macht dich die Erfahrung von Terror und Gewalt am eigenen Leib keineswegs mutiger. Vielleicht fällt es dir nur leichter, deine Angst nicht zu zeigen, wenn du ständig Angst hast.
Ich versuchte, mich an ein Lied zu erinnern, das ich singen könnte, an ein Gedicht, das ich aufsagen könnte, doch alle Worte klebten in meinem Kopf fest wie Salz in einem verklumpten Streuer. Ich legte mich auf eine der oberen Pritschen in der Hoffnung, dass das bisschen Wärme, das irgendwo im Innern des Kresty existieren musste, sich ausbreitete und mich fand. Der Morgen verhieß nichts als eine Kugel in den Schädel, und dennoch sehnte ich mich danach, dass Tageslicht einsickerte. Als sie mich in die Zelle warfen, glaubte ich, nahe der Decke ein schmales vergittertes Fenster gesehen zu haben, konnte mich aber nicht mehr daran erinnern. Ich versuchte, bis tausend zu zählen, damit die Zeit verging, verhedderte mich aber jedes Mal etwa bei vierhundert, weil ich Phantomratten hörte, die sich als meine eigenen Finger entpuppten, die an der zerschlissenen Matratze kratzten.
Die Nacht würde niemals enden. Die Deutschen hatten die verdammte Sonne abgeschossen, die konnten das, klar doch, ihre Wissenschaftler waren die besten der Welt, die konnten das austüfteln. Die hatten herausgefunden, wie man die Zeit anhält. Ich war blind und taub. Nur die Kälte und mein Durst sagten mir, dass ich noch lebte. Mit der Zeit wirst du so einsam, dass du dich nach den Wärtern sehnst, nur um ihre Schritte zu hören, ihre Wodkafahne zu riechen.
So viele große Russen erduldeten lange Aufenthalte im Gefängnis. In dieser Nacht erkannte ich, dass ich nie ein großer Russe sein würde. Ein paar Stunden allein in einer Zelle, von nichts anderem gepeinigt als der Dunkelheit und der Stille und der totalen Kälte, nur ein paar Stunden lang, und schon war ich seelisch fast gebrochen. Die unbeugsamen Männer, die Winter um Winter in Sibirien durchstanden, besaßen etwas, was mir fehlte, den festen Glauben an ein glorreiches Schicksal, sei es das Reich Gottes oder Gerechtigkeit oder die vage Aussicht auf Rache. Vielleicht waren sie aber auch so zermürbt, dass sie zu Tieren auf zwei Beinen wurden, auf Kommando ihrer Bewacher schufteten, jeden Fraß verschlangen, den man ihnen hinwarf, schliefen, wenn es befohlen wurde, und nur noch von einem Ende träumten.
Endlich gab es ein Geräusch, Schritte, schwere Stiefelpaare, die durch den Korridor stapften. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Ich setzte mich im Bett auf und knallte mit dem Kopf so heftig gegen die Decke, dass ich mir in die Lippe biss.
Zwei Wärter – der eine mit einer Öllampe in der Hand, dem lieblichsten Licht, das ich je gesehen habe, schöner als jeder Sonnenaufgang – führten einen neuen Gefangenen herein, einen jungen Soldaten in Uniform, der sich in der Zelle umsah wie jemand, der eine Wohnung inspiziert, die er zu mieten erwägt. Der Soldat war groß und hielt sich sehr aufrecht; er überragte die Wärter, und obwohl sie Pistolen in ihren Halftern hatten und der Soldat unbewaffnet war, schien er drauf und dran zu sein, Befehle zu erteilen. In der einen Hand hielt er seine Astrachanmütze und in der anderen seine Lederhandschuhe.
Er sah mich an, gerade als die Wärter gingen, die Zellentür zuschlugen und von außen verriegelten, ihr Licht mitnahmen. Sein Gesicht war das Letzte, was ich sah, bevor wieder Dunkelheit herrschte, und blieb mir daher im Gedächtnis haften: die hohen kosakischen Wangenknochen, die amüsiert gekräuselten Lippen, das aschblonde Haar, die Augen so blau, dass sie jede arische Braut zufriedengestellt hätten.
Ich saß auf der Pritsche, und er stand auf dem Steinfußboden, und aufgrund der völligen Stille wusste ich, dass sich keiner von uns von der Stelle gerührt hatte – wir starrten uns noch immer in der Dunkelheit an.
»Bist du Jude?«, fragte er.
»Was?«
»Ob du Jude bist. Du siehst aus wie ein Jude.«
»Und du siehst aus wie ein Nazi.«
»Ich weiß. Ich spreche auch ein bisschen Deutsch. Ich habe mich freiwillig als Spion gemeldet, aber keiner hat mir zugehört. Bist du nun Jude?«
»Was geht dich das an?«
»Kein Grund, sich zu schämen. Ich habe kein Problem mit Juden. Emanuel Lasker ist mein zweitliebster Schachspieler. Nur eine Stufe unter Capablanca … Capablanca ist Mozart, ein absolutes Genie; man kann Schach nicht lieben, ohne Capablanca zu lieben. Aber Lasker, keiner ist im Endspiel besser. Hast du was zu essen?«
»Nein.«
»Halt die Hand auf.«
Das schien mir eine Falle zu sein, ein Streich, wie ihn Kinder spielen, um Einfaltspinsel reinzulegen. Er würde mir auf die hohle Hand schlagen oder sie einfach in der Luft hängen lassen, bis ich meine Dummheit erkannte. Aber wenn man etwas zu essen angeboten bekam, und sei es noch so unwahrscheinlich, dann schlug man es nicht aus, und so hielt ich die Hand in die Dunkelheit und wartete. Im nächsten Moment lag etwas Kaltes und Fettiges in meiner hohlen Hand. Ich weiß nicht, wie er meine Hand fand, aber er fand sie, ohne herumzutasten.
»Wurst«, sagte er. Und dann, nach kurzer Pause: »Keine Sorge. Es ist kein Schweinefleisch.«
»Ich esse Schweinefleisch.« Ich schnupperte an der Wurst und biss dann ein wenig davon ab. Sie war von richtigem Fleisch ebenso weit entfernt wie Brot auf Marken von richtigem Brot, aber es war Fett drin, und Fett war Leben. Ich kaute so bedächtig, wie ich nur konnte, auf dem Stückchen herum, um möglichst viel davon zu haben.
»Kau nicht so laut«, wies er mich tadelnd aus der Dunkelheit zurecht. Ich hörte, wie ein Bettrost quietschte, als er sich auf eine der unteren Pritschen setzte. »Und im Übrigen sagt man Danke.«
»Danke.«
»Gern geschehen. Wie heißt du?«
»Lew.«
»Und weiter?«
»Was geht das dich an?«
»Das gehört sich nun mal«, sagte er. »Schau, wenn ich mich vorstelle, sage ich: ›Guten Abend, mein Name ist Nikolai Alexandrowitsch Wlassow, meine Freunde nennen mich Kolja‹.«
»Du willst ja bloß wissen, ob ich einen jüdischen Namen habe.«
»Und, hast du?«
»Ja.«
»Ah.« Er seufzte zufrieden, glücklich, dass sein Instinkt ihn nicht getrogen hatte. »Vielen Dank. Ich weiß gar nicht, warum du solche Angst hast, es zuzugeben.«
Ich gab keine Antwort. Wenn er das nicht selbst wusste, war es zwecklos, es ihm zu erklären.
»Und warum bist du hier?«, fragte er.
»Sie haben mich erwischt, als ich in der Woinowa Uliza einen toten Deutschen ausgeplündert habe.«
Das alarmierte ihn. »Die Deutschen sind schon in der Woinowa? Dann hat es also angefangen?«
»Nix hat angefangen. Es war ein Bomberpilot. Er ist mit dem Fallschirm abgesprungen.«
»Hat ihn die Flak erwischt?«
»Die Kälte hat ihn erwischt. Und warum bist du hier?«
»Aus purer Idiotie. Die halten mich für einen Deserteur.«
»Warum haben sie dich dann nicht erschossen?«
»Und warum haben sie dich nicht erschossen?«
»Keine Ahnung«, räumte ich ein. »Sie haben gesagt, ich sei was für den Oberst.«
»Ich bin kein Deserteur. Ich bin Student. Ich war gerade dabei, meine Dissertation zu verteidigen.«
»Wirklich? Deine Dissertation?« Das klang wie die dümmste Ausrede in der Geschichte der Fahnenflucht.
»Eine Interpretation von Uschakowos Der Hofhund aus Sicht der zeitgenössischen soziologischen Analyse.« Er wartete darauf, dass ich etwas sagte, aber mir fiel nichts dazu ein. »Kennst du das Buch?«
»Nein. Uschakowo?«
»Zum Heulen, wie schlecht unsere Schulen geworden sind. Man hätte dich ganze Passagen auswendig lernen lassen müssen.« Er klang wie ein schrulliger alter Professor, dabei hätte ich ihn, nach dem einen kurzen Blick, den ich von ihm erhascht hatte, eher für zwanzig gehalten. »›Im Schlachthaus, wo wir uns das erste Mal küssten, stank es noch nach dem Blut der Lämmer.‹ Der erste Satz. Manche sagen, es sei der größte russische Roman. Und du hast noch nie davon gehört.«
Er seufzte übertrieben. Einen Augenblick später hörte ich ein merkwürdiges kratzendes Geräusch, als würde eine Ratte ihre Krallen am Drillich der Matratze schärfen.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Hm?«
»Hörst du das nicht?«
»Ich schreibe was in mein Tagebuch.«
Ich konnte mit offenen Augen nicht weiter sehen als mit geschlossenen, und der schrieb Tagebuch. Erst da merkte ich, dass es das Kratzen eines Bleistifts auf Papier war. Nach einigen Minuten wurde das Tagebuch zugeklappt, und ich hörte, wie er es in die Tasche stopfte.
»Ich kann im Dunkeln schreiben«, sagte er und unterstrich den Satz mit einem leichten Rülpser. »Eines meiner vielen Talente.«
»Notizen zu Der Hofhund?«