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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

HEYNE<

Zum Buch
Ein grausamer Sadist, dem das Morden Spaß bereitet. Seine ersten Opfer sind ein Teenagerpärchen, denen er auflauert und sie dann kaltblütig erschießt. Nach dem Überfall auf ein weiteres Paar schickt er der Polizei den ersten Brief, in dem er weitere Taten ankündigt. So beginnt ein grausames Katz- und Mausspiel mit den Beamten. Offiziellen Behördenangaben zufolge fielen dem Zodiac-Killer sechs junge Menschen zum Opfer, er selbst gab an, für siebenunddreißig Morde verantwortlich zu sein. Die wahre Zahl der Mordopfer könnte durchaus auch bei fünfzig liegen. Der Mörder wurde nie gefasst.
Nachdem sich bereits mehrere Kino- und Fernsehregisseure mit dem Zodiac-Killer befasst haben, nahm sich auch David Fincher, der mit Sieben einen der Klassiker des Serienkiller-Genres schuf, dem legendären Massenmörder an. Jake Gyllenhaal spielt Robert Graysmith, Robert Downey Jr. übernimmt die Rolle von Reporter Paul Avery, Mark Ruffalo ist Detective David Toschi, sein Partner Bill Armstrong wird von Anthony Edwards verkörpert.

Zum Autor
Robert Graysmith gehörte zur Belegschaft des San Francisco Chronicle, als 1969 der erste Brief des vermummten Killers in der Redaktion eintraf. In seiner Chronik der elfmonatigen Terrorherrschaft des Zodiac bringt Graysmith hunderte zuvor unveröffentlichte Fakten zum Vorschein, inklusive der Originalbriefe des Killers.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Zodiac bei St. Martin’s Press, New York
 
 
 
 
Dem Andenken meines Vaters gewidmet.
Ebenso in Liebe meiner Mutter,
David, Aaron, Margot, Penny
und ganz besonders Pamela.

Danksagung
Besonderen Dank schulde ich Inspektor Dave Toschi, Sherwood Morrill, Paul Avery, Herb Caen, Margot St. James und den Leuten von The Owl and the Monkey. Desweiteren danke ich meinem Lektor Richard Marek, der mir klug und einfühlsam geholfen hat, den richtigen Weg zu finden.

Jemanden zu töten, das ist wie spazieren gehen. Wenn ich töten wollte, dann habe ich mir einfach ein passendes Opfer geholt. Ich habe nicht einen Moment lang daran gedacht, dass es sich um ein menschliches Wesen handelt.
Henry Lee Lucas,
Serienmörder, 1984
 
 
Wir haben genug Wahnsinnige, die nur darauf warten, in Aktion zu treten …
Der Führer einer Terrorgruppe
im Nahen Osten, 1978

Einführung
Nach Jack the Ripper und vor Son of Sam Ende der Siebzigerjahre gab es nur einen, der ebenso viel Schrecken verbreitete – den brutalen, geheimnisumwitterten Zodiac, der nie gefasst werden konnte. Seit 1968 suchte der Serienmörder die Stadt San Francisco und die Bay Area heim. In den provozierenden Briefen, die er an verschiedene Zeitungen schickte, versteckte er Hinweise auf seine Identität, die er jedoch mit ausgeklügelten Chiffren verschlüsselte, die nicht einmal die erfahrensten Experten von CIA, FBI und NSA zu knacken vermochten.
Ich war damals Karikaturist der größten Zeitung in Nordkalifornien, des San Francisco Chronicle, und bekam so von Anfang an mit, wie die rätselhaften Briefe, die Geheimtexte und sogar blutverschmierte Kleidungsstücke der Opfer in der Redaktion eintrafen. Zuerst war ich zugegebenermaßen fasziniert von der Symbolik, die der Zodiac verwendete. Nach und nach wuchs in mir jedoch der Drang, die Hinweise des Mörders zu enträtseln und ihn zu entlarven. Und falls mir das nicht gelingen sollte, so wollte ich zumindest so viele Teile des Puzzles wie nur möglich zusammenfügen, damit eines Tages jemand den Serienmörder enttarnen könnte.
Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, wurde mir klar, dass ich vor zwei großen Problemen stand: Zum einen würde es nicht leicht werden, die verschiedenen Verdächtigen und die wenigen überlebenden Opfer ausfindig zu machen, denn viele der Zeugen scheuten sich, bei der Aufklärung mitzuhelfen. Um die fehlenden Fakten zu finden, war ich jedoch auf die Aussagen der fehlenden Zeugen angewiesen. Eine Zeugin hatte nicht weniger als sechsmal ihren Namen geändert, um unerkannt zu bleiben. Eine andere Frau, die dem Zodiac-Killer entwischt war, hatte ebenfalls im Laufe der Zeit verschiedene Namen angenommen. Ich fand sie schließlich durch den Poststempel auf einer Weihnachtskarte.
Das zweite große Problem, mit dem ich mich konfrontiert sah, war die Tatsache, dass die Morde in verschiedenen Bezirken verübt worden waren. Das stark ausgeprägte Konkurrenzdenken bewog viele der zuständigen Polizeidienststellen, Informationen für sich zu behalten, die den Kollegen in anderen Bezirken fehlten. Nachdem ich mir in mühsamer Kleinarbeit ein Dokument nach dem anderen verschafft hatte – oftmals kurz bevor es vernichtet wurde, setzte ich alle Hinweise zusammen, um so ein erstes umfassendes Bild des Zodiac-Killers zu bekommen.
Nachdem ich mich bereits einige Jahre mit dem Fall beschäftigt hatte, fand ich im Jahr 1975 heraus, dass wohl mehr Morde auf das Konto des Zodiac gingen, als man zunächst angenommen hatte. Außerdem hatte offenbar eines der frühen Opfer des Killers möglicherweise den Namen des Täters gekannt. Die Frau wurde jedoch ermordet, als sie sich gerade an die Polizei wenden wollte, um die wahre Identität des Mörders preiszugeben.
Gegen einen derart zwanghaft agierenden und scheinbar wahllos tötenden Mörder gibt es keinen echten Schutz. Verbrecher dieses Typs sind unersättlich in ihrer Mordlust, und gerade Kalifornien scheint besonders oft von Serienmördern heimgesucht zu werden (nur in New York haben noch mehr davon ihr Unwesen getrieben). Mehrfachmorde stellen ein relativ neues Phänomen dar – doch mittlerweile fallen, so das Justizministerium, jedes Jahr zwischen 500 und 1500 Amerikanerinnen und Amerikaner einem solchen Killer zum Opfer.
Die Zodiac-Morde zeichnen sich durch ein ganz bestimmtes Charakteristikum aus; sie hatten eine eindeutige sexuelle Komponente, das bedeutet, der Mörder degradierte seine Opfer zu bloßen Objekten, die ihm sexuelle Lust verschafften, indem er sie auf brutale Weise misshandelte und tötete. Die Jagd auf das Opfer war sozusagen das Vorspiel, und das Zuschlagen war ein Ersatz für den sexuellen Akt. Als Sadist empfand Zodiac sexuelle Lust, wenn er sein Opfer quälen und schließlich töten konnte. Brutale Gewalt und Liebe waren in seinem Gehirn von Anfang an hoffnungslos miteinander verwoben.
Sadisten und Serienmörder sind oftmals sehr intelligent und deshalb nur schwer zu fassen. Das Katz-und-Maus-Spiel, das sie mit der Polizei treiben, kann in manchen Fällen sogar zum Hauptmotiv für ihre Verbrechen werden. Wenn solche Killer gefasst werden, legen sie zumeist ein umfassendes Geständnis ab, dessen grausige Details fast so schaurig sind wie die Taten selbst. Niemand weiß genau, wodurch jemand zum gewalttätigen Sadisten wird; Fachleute gehen davon aus, dass entweder ein beschädigtes Sex-Chromosom oder ein Ereignis in der frühen Kindheit der Auslöser sein könnte. Wenn jemand in jungen Jahren Grausamkeit und Ablehnung von seinen Bezugspersonen erfährt, kann das dazu führen, dass der Betreffende zum Bettnässer oder Ladendieb wird; es kann aber auch sein, dass er anfängt, Tiere zu quälen und zu verstümmeln. In der Pubertät kann sich die aufgestaute Wut in immer drastischeren und gut verborgenen sadistischen Akten ausdrücken.
Wenn man die Geschichte rund um den Zodiac-Killer mit einem Wort charakterisieren müsste, so wäre dieses Wort Besessenheit. Im Laufe der Zeit hat der Fall dazu geführt, dass Ehen in die Brüche gingen, berufliche Laufbahnen zerstört wurden und Menschen nachhaltigen gesundheitlichen Schaden nahmen. Mehr als 2500 Verdächtige wurden überprüft, während das Rätsel rund um den Serienkiller immer mehr Menschen in seinen Bann zog und für viele von ihnen eine schwere Belastung darstellte.
Ich wollte mit diesem Buch erreichen, dass der tragische Lauf der Dinge gestoppt und der Mörder gefasst werden könnte. Nach und nach gelang es mir, den Sinn hinter den Symbolen in seinen Briefen zu erkennen, und ich lernte zu verstehen, wie der Mann seine verschlüsselten Texte verfasst hatte, warum er diesen oder jenen Mord verübt hatte und sogar, woher er sein charakteristisches Symbol, das Kreuz im Kreis, hatte.
Dies ist die wahre Geschichte der Jagd auf einen Serienkiller, die im Jahr 1968 begonnen hat und deren Ziel bis heute nicht erreicht wurde. Ich lege in diesem Buch hunderte von Fakten vor, die bisher noch nie veröffentlicht wurden. Es ist ein Bericht, dem acht Jahre Recherchieren zugrunde liegen. In all den Jahren hat die Polizei oder die Presse immer nur einzelne Passagen der Briefe des Mörders veröffentlicht. In diesem Buch lege ich erstmals jedes einzelne Wort öffentlich vor, das der Zodiac-Killer an die Polizei geschrieben hat.
In einigen wenigen Fällen war es notwendig, die Nachnamen von Zeugen wegzulassen, die der Polizei bekannt sind. Ich habe die Namen von einigen der Hauptverdächtigen ebenso geändert wie verschiedene Details bezüglich ihres Berufslebens, ihrer Ausbildung und der Wohnorte. In den Fällen, wo Änderungen notwendig waren, habe ich das im Buch angemerkt. In dem Kapitel über Andrew Todd Walker habe ich bestimmte Dialogpassagen eingefügt, die vielleicht nicht wörtlich, aber durchaus sinngemäß so stattgefunden haben dürften.
Diese Geschichte handelt unter anderem auch von Zauberei, Todesdrohungen und Geheimtexten, sie handelt von einem Serienkiller, der nie gefasst wurde, von einem geheimnisvollen Mann in einem weißen Chevy, der von vielen gesehen wurde, aber den niemand zu kennen schien. All das gehört zum Rätsel rund um den Zodiac-Killer – der beängstigendsten Geschichte, die mir je zu Ohren gekommen ist.
 
Robert Graysmith
San Francisco
Mai 1985
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Karte mit den Tatorten von Zodiacs Opfern im nördlichen Kalifonien. Karte von R. Graysmith

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David Faraday und Betty Lou Jensen

Freitag, 20. Dezember 1968

Wenn er durch die hügelige Landschaft oberhalb von Vallejo wanderte, konnte David Faraday immer wieder einen Blick auf die Golden Gate Bridge erhaschen. Außerdem sah er die Fischer, die Segel- und Rennboote in der San Pablo Bay und die breiten, mit Bäumen gesäumten Stra ßen der Stadt. Auf der anderen Seite der Meerenge lag Mare Island mit seinen schwarzen Lastkränen, den Piers, Kriegsschiffen und Lagerhäusern.
Im Zweiten Weltkrieg waren tausende in die Gegend geströmt, um für die Navy zu arbeiten, sodass Vallejo sich zu einer blühenden Stadt entwickelte. Einfache Quartiere wurden in Leichtbauweise hochgezogen, die eigentlich nur als provisorische Behausungen gedacht waren. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren waren sie zu schwarzen Ghettos geworden, die zum Ausgangspunkt von Rassenhass und Bandenkriminalität wurden, welche dann selbst vor den Highschools nicht Halt machte.
Der siebzehn Jahre alte David Arthur Faraday, der die Vallejo High School besuchte, war nicht nur ein ausgezeichneter Schüler, sondern auch einer der besten Sportler seines Jahrgangs. Ende des Jahres 1968 hatte David ein hübsches sechzehnjähriges Mädchen namens Betty Lou Jensen kennen gelernt, das am anderen Ende der Stadt lebte. Seither hatte er sie fast täglich besucht. An diesem Tag plauderten David und Betty Lou um fünf Uhr nachmittags mit Freunden in der Annette Street, um ein Treffen für den Abend zu vereinbaren. Es war das erste Mal, dass sie gemeinsam ausgehen würden.
David brachte seine Schwester Debbie um 19.10 Uhr zu einem Treffen der Rainbow Girls im Pythian Castle am Sonoma Boulevard. Er erzählte Debbie, dass er und Betty Lou vielleicht später noch in die Lake Herman Road fahren würden, um sich dort mit Freunden zu treffen.
Anschließend fuhr David nach Hause zu seinen Eltern, die am Sereno Drive in einem grünen Haus mit braunem Schindeldach lebten, das von einer sorgfältig geschnittenen Hecke und zwei großen runden Büschen umgeben war.
Um 19.20 Uhr zog sich David um; für den heutigen Abend suchte er ein hellblaues, langärmeliges Hemd, eine braune Cordhose, schwarze Socken und braune Wildlederschuhe aus. Er legte seine Timex-Armbanduhr an und steckte in die rechte vordere Hosentasche sein Kleingeld in Höhe von einem Dollar und fünfundfünfzig Cent ein. In eine andere Tasche steckte er ein weißes Taschentuch und ein kleines Fläschchen Binaca-Atembonbons. Am Mittelfinger der linken Hand trug er seinen Highschool-Ring mit dem roten Stein. Er kämmte sein kurz geschnittenes braunes Haar schräg über die Stirn, unter der seine großen Augen mit einem intelligenten Ausdruck hervorleuchteten, und schlüpfte zuletzt in sein beigefarbenes Sportsakko.
David verabschiedete sich von seinen Eltern und verließ um 19.30 Uhr das Haus. Er atmete die kalte Abendluft ein (es hatte minus sechs Grad) und stieg in den braunund beigefarbenen Rambler-Kombi ein, der auf seine Mutter zugelassen war.
Er fuhr den Wagen rückwärts die Zufahrt hinunter und bog auf dem Fairgrounds Drive zum Interstate Highway 80 ein, wo er schon nach zwei Kilometern die Ausfahrt Georgia Street nahm. Danach bog er nach rechts in die Hazelwood Street ein und fuhr bis 123 Ridgewood, einem niedrigen Haus, das von Efeu und schlanken hohen Bäumen umgeben war. Es war Punkt acht Uhr, als David vor dem Haus anhielt.
Betty Lou Jensen war ein fleißiges ernsthaftes Mädchen, das einen guten Ruf genoss. Ihre Eltern nahmen an, dass sie an diesem Abend mit David ein Weihnachtskonzert in ihrer Schule, der Hogan High School, besuchen wollte, die nur einige Straßen entfernt war.
Betty Lou blickte noch einmal kurz in den Spiegel und rückte das bunte Band zurecht, das sie im Haar trug. Ihr hübsches Gesicht wurde von dem langen braunen Haar umrahmt, das bis auf ihre Schultern fiel. Sie trug ein violettes Minikleid mit weißen Ärmelbündchen und weißem Kragen, das ihre dunklen Augen mit dem geheimnisvollen Ausdruck betonte und schwarze Riemchenschuhe.
Betty Lou blickte etwas nervös zum Fenster hinüber, um sich zu vergewissern, dass die Jalousien heruntergelassen waren. Sie hatte gegenüber ihrer Schwester Melody schön mehrmals den Verdacht geäußert, dass ihr ein Junge aus der Schule nachspionierte – und tatsächlich hatte Mrs. Jensen das Gartentor an der Seite des Hauses schon mehrmals offen vorgefunden. Die Frage war, ob ihr wirklich ein Junge aus der Schule oder jemand anders nachspionierte.
Während David auf Betty Lou wartete, unterhielt er sich mit ihrem Vater Verne. Ihre Eltern stammten ursprünglich aus dem Mittelwesten, doch Betty Lou war ebenso wie Davids Mutter in Colorado zur Welt gekommen.
Als Betty Lou schließlich auf den Flur herauskam, half ihr David in ihre weiße Pelzjacke. Mit der Handtasche in der Hand gab sie ihrem Vater einen Kuss zum Abschied und sagte ihm, dass sie nach dem Konzert noch eine Party besuchen würden. Sie versprach, um spätestens elf Uhr zu Hause zu sein, ehe die beiden schließlich um 20.20 Uhr aufbrachen.
Doch anstatt das Konzert zu besuchen, fuhren die beiden jungen Leute zu Sharon, einer Mitschülerin von Betty Lou, die in der Nähe der Schule wohnte. Um 21 Uhr begleitete Sharon sie wieder zum Wagen hinaus. Die beiden sagten nicht, wo sie als Nächstes hinfahren wollten.
Ungefähr zur gleichen Zeit fiel zwei Waschbärenjägern, die ihren roten Pick-up gerade auf dem Gelände der Marshall-Ranch geparkt hatten, an der Lake Herman Road, ein paar Meilen östlich der Stadtgrenze von Vallejo, ein wei ßer viertüriger Chevrolet Impala auf, der vor der Water Pumping Station von Benicia stand. In diesem Moment fuhr außerdem ein Lastwagen vom Gelände des Wasserhebewerks auf die leere Straße auf.
Um 21.30 Uhr ereignete sich an dieser Stelle ein ungewöhnlicher Vorfall. Ein Junge und seine Freundin hatten den Sportwagen des Mädchens in einer Kurve abgestellt, damit er eine Einstellung am Motor verändern konnte. Die beiden sahen einen Wagen, möglicherweise einen blauen Valiant, der von Benicia nach Vallejo unterwegs war. Als das Auto vorbeifuhr, wurde es plötzlich langsamer und blieb schließlich einige Meter weiter mitten auf der Straße stehen. Die beiden jungen Leute sahen zu ihrem Erstaunen, wie der Wagen ganz langsam rückwärts auf sie zugefahren kam. Es ging etwas dermaßen Bedrohliches von dem näher kommenden Fahrzeug aus, dass der Junge den Wagen seiner Freundin rasch startete und so schnell wie möglich davonbrauste. Der Valiant folgte ihnen. Als die beiden schließlich in Richtung Benicia abzweigten, fuhr der andere Wagen geradeaus weiter.
Um 22 Uhr sah ein Schäfer namens Bingo Wesher östlich des Wasserhebewerks nach seinen Schafen, als ihm ein weißer Chevrolet Impala auffiel, der vor dem Tor der Pumpstation geparkt war. Er sah auch den Ford-Pick-up der beiden Waschbärenjäger.
Nachdem Betty Lou und David im Mr. Ed’s, einem Drive-in-Restaurant, eine Cola getrunken hatten, fuhren sie auf der Georgia Street zum Columbus Parkway. An der Stadtgrenze von Vallejo bog David auf die schmale kurvenreiche Lake Herman Road ab.
Sie kamen an den Anlagen der SVAR Rock and Asphalt Paving Materials Company vorbei, deren Maschinen sich in den ockerfarbenen Berg gruben. Es gab hier Silberminen, und David hatte von zwei Männern gehört, die vorhatten, hier in der Gegend eine Quecksilbermine zu betreiben. Auf den ersten Kilometern der Straße fand man hier eine kleine Ranch nach der anderen. Am Tag grasten schwarz-weiß gefleckte Kühe auf den Wiesen des Hügellands – doch jetzt lag tiefe Nacht über dem Land, nur vom Scheinwerferlicht des Rambler-Kombis durchdrungen. David und Betty Lou fuhren nach Osten zu einem entlegenen Plätzchen, das häufig von Liebespaaren aufgesucht wurde. Die Polizei kam von Zeit zu Zeit hier vorbei, um die jungen Leute darauf aufmerksam zu machen, dass es gefährlich sein konnte, an einem so abgelegenen Platz anzuhalten.
Kurz nach 22 Uhr hielt David im Kiesbett fünf Meter neben der Straße mit Blickrichtung nach Süden an, in der Nähe des Maschendrahtzauns, der das Wasserhebewerk in der Lake Herman Road umgab. Er versperrte alle vier Türen, legte Betty Lous weiße Pelzjacke und Handtasche sowie sein Sportsakko auf den Rücksitz und schaltete die Wagenheizung ein.
Es gab hier keine Laternen, und der freie Platz war von sanften Hügeln und Farmland umgeben. Liebespaare suchten den Ort auch deshalb gerne auf, weil man die Lichter von herannahenden Streifenwagen schon von weitem kommen sah, sodass man Bier oder Marihuana notfalls rechtzeitig verschwinden lassen konnte.
Um 22.15 Uhr kamen eine Frau und ihr Freund, ein Matrose, vorbei. Als sie das Ende der Straße erreichten und eine Viertelstunde später zurückkamen, stand der Wagen immer noch da – doch er war nun nicht mehr nach Süden ausgerichtet, sondern zur Straße hin nach Südosten.
Um 22.50 Uhr kam Mrs. Stella Borges auf ihrer Ranch in der Lake Herman Road an, knapp viereinhalb Kilometer von der Stelle entfernt, an der Betty Lou und David mit ihrem Wagen standen. Als Mrs. Borges das Haus betrat, klingelte das Telefon, und sie unterhielt sich eine Weile mit ihrer Mutter. Sie sprachen unter anderem darüber, dass Mrs. Borges ihren dreizehn Jahre alten Sohn etwas später von einer Veranstaltung abholen würde.
Um 23 Uhr kamen Mrs. Peggie Your und ihr Ehemann Homer in ihrem goldfarbenen Siebenundsechziger-Grand-Prix in die Lake Herman Road, um nach den Kanal- und Wasserrohren zu sehen, die seine Firma gerade beim Pumpwerk installierte. Als sie an dem Rambler-Kombi vorbeikamen, sah Mrs. Your David auf dem Fahrersitz sitzen; das Mädchen saß an seine Schulter gelehnt neben ihm.
Nachdem sie die Baustelle inspiziert hatten, fuhren die Yours weiter bis zum Fuße des Hügels, wo sie dann in Richtung Benicia abbogen. Sie sahen den roten Pick-up der Waschbärenjäger, der auf dem Gelände der Marshall Ranch geparkt war. Die beiden Jäger saßen mit Wollmützen und Jagdjacken bekleidet im Wagen. Die Yours machten schließlich kehrt und kamen wieder am Rambler vorbei; David und Betty Lou saßen immer noch genauso da wie vorher.
Die Waschbärenjäger waren den Bach entlang zu ihrem Pick-up zurückgekehrt. Etwa fünf Minuten, nachdem sie den Wagen der Yours hatten ankommen sehen, brachen sie schließlich auf. Dabei fiel ihnen der Rambler auf, der allein beim Tor des Pumpwerks geparkt war und der nun zum Tor hin ausgerichtet war.
Als sich ein weiterer Wagen näherte und die beiden Jäger mit seinen Scheinwerfern erfasste, hielten sich Betty Lou und David wahrscheinlich gerade in den Armen. Anstatt weiterzufahren, verließ dieses Auto die Straße und hielt etwa drei Meter rechts von dem Kombi an.
Von außen konnte man wahrscheinlich nur die Umrisse der geduckten stämmigen Gestalt erkennen, die, mit einer Windjacke bekleidet, am Lenkrad des Wagens saß. Einen kurzen Moment lang blitzte wohl etwas auf, so als wäre ein Lichtstrahl von einer Brille zurückgeworfen worden. Die beiden Autos standen nun Seite an Seite an der abgelegenen leeren Landstraße.
Um 23.10 Uhr war ein Arbeiter von Humble Oil in Benicia gerade auf dem Weg nach Hause, als er an dem Kombi vor dem Tor vorbeikam. Dieser Wagen blieb ihm sehr wohl im Gedächtnis, während er Form und Farbe des Autos daneben kaum zur Kenntnis nahm.
Ein kalter Wind wehte durch das gefrorene Gras neben der Straße, als der Wagen des Arbeiters in der Dunkelheit verschwand.
Was danach geschah, könnte sich folgendermaßen zugetragen haben:
Der Fahrer des zweiten Wagens kurbelte sein Fenster herunter und sprach David und Betty Lou an; möglicherweise forderte er sie auf, auszusteigen.
Die beiden jungen Leute waren ziemlich verdutzt und weigerten sich, der Aufforderung nachzukommen. Der stämmige Mann öffnete die Fahrertür, stieg aus und zog dabei eine Pistole aus seiner dunklen Jacke hervor.
Der Fremde starrte auf Betty Lou hinunter, deren Fenster offen stand. Anstatt gleich das offene Fenster auf der Beifahrerseite für seine Attacke zu nützen, ging er zunächst zum Heck des Wagens. Er richtete seine Waffe auf das rechte hintere Fenster und feuerte eine Kugel ab, die das Glas zersplittern ließ. Dann trat er an die linke Seite des Wagens und schoss auf den Radkasten links hinten. Er wollte damit wohl die beiden jungen Leute dazu bewegen, das Auto durch die Beifahrertür zu verlassen.
Sein Plan ging auf. Während die beiden Teenager ins Freie zu kommen versuchten, lief der Fremde auf die rechte Seite des Kombis zurück.
Betty Lou war bereits aus dem Wagen geflüchtet, als David auf den Beifahrersitz rutschte und ihr folgen wollte. In diesem Augenblick steckte der Mann die Pistole in das offene Fenster, setzte sie dem Jungen hinter dem linken Ohr an den Kopf und drückte ab. Die Kugel durchquerte den Kopf und hinterließ die typischen Schmauchspuren einer Kontaktwunde.
Betty Lou schrie auf und lief nach Norden, in Richtung Vallejo davon. Der stämmige Mann folgte ihr augenblicklich mit der Pistole in der Hand. Als er keine drei Meter hinter ihr war, feuerte er fünf Kugeln auf Betty Lou ab, die sie alle rechts oben in den Rücken trafen. Eine geradezu verblüffende Treffsicherheit, wenn man bedachte, dass der Schütze auf ein bewegtes Ziel feuerte, selbst über Kies lief und es ringsum fast völlig dunkel war.
Betty Lou stürzte neuneinhalb Meter von der hinteren Stoßstange des Kombis entfernt tot zu Boden. Das Mädchen hatte bei seinem Fluchtversuch nicht einmal den Bürgersteig der Straße erreicht. Sie lag auf der rechten Seite mit dem Gesicht nach unten, während David neben dem Wagen auf dem Rücken lag, die Füße zum rechten Hinterrad zeigend. Er atmete noch, wenn auch unmerklich, während sich rund um seinen Kopf eine große Blutlache bildete.
Der stämmige Mann fuhr seinen Wagen rückwärts zur Straße zurück und verschwand auf der dunklen gewundenen Landstraße.
Mrs. Borges, die ihren Mantel gar nicht ausgezogen hatte, legte den Hörer auf und ging wieder zum Wagen hinaus, um nach Benicia zu fahren. Bevor sie das Haus verließ, warf sie noch einen raschen Blick auf die Küchenuhr; es war genau 23.10 Uhr.
Sie fuhr mit etwa fünfundfünfzig Kilometer in der Stunde und kam nach vier bis fünf Minuten zu der Stelle, an der David seinen Wagen geparkt hatte. Als sie nach der Biegung an einem Ende des Maschendrahtzauns den Ort des schrecklichen Geschehens mit ihren Scheinwerfern beleuchtete, glaubte sie zunächst, der junge Mann wäre aus dem Wagen gefallen. Dann sah sie Betty Lou am Boden liegen. Die Wagentür rechts vorne stand immer noch offen, sodass man in der nächtlichen Stille das Summen der Heizung hören konnte.
Mrs. Borges trat auf das Gaspedal, um so schnell wie möglich nach Benicia zu kommen und Hilfe zu holen. Nördlich des Interstate Highway 680 sah sie einen Streifenwagen, dessen Insassen sie mit Hupen und Lichtsignalen auf sich aufmerksam zu machen versuchte. Die beiden Autos hielten um 23.19 Uhr an der Enco-Tankstelle in der East 2nd Street an, und sie berichtete den Polizisten von dem schrecklichen Bild, das sich ihr an der Straße vor dem Pumpwerk geboten hatte.
Der Streifenwagen eilte mit Blaulicht an den Ort des Verbrechens und traf nach etwa drei Minuten dort ein. Die beiden Polizisten, Captain Daniel Pitta und Officer William T. Warner, erkannten sogleich, dass der Junge noch schwach atmete, und riefen einen Krankenwagen.
Dann sahen sie sich den Rambler-Kombi näher an. Der Motor war noch warm und die Tür rechts vorne stand offen, während die drei anderen Türen und die Heckklappe versperrt waren.
Sie fanden eine Patronenhülse Kaliber 22 rechts vorne im Auto. Der Boden war gefroren, sodass keinerlei Reifenspuren oder Anzeichen eines Kampfes zu erkennen waren.
Die Polizisten deckten Betty Lou mit einer Wolldecke zu. Das Blut, in dem die Tote lag, war größtenteils aus Mund und Nase ausgetreten. Die Blutspur führte zum Wagen zurück, wo David mit dem Gesicht nach oben am Boden lag.
Captain Pitta konnte an den Schmauchspuren rund um die Wunde erkennen, dass die Kugel aus nächster Nähe abgefeuert worden sein musste. Warner zog die Umrisse des schwer Verletzten mit Kreide nach.
Wenig später durchdrangen die roten Lichter des Krankenwagens die Dunkelheit. David wurde auf eine Tragbahre gelegt und mit Sirenengeheul ins General Hospital von Vallejo gebracht. Auf dem Weg dorthin kümmerte sich ein Arzt um ihn.
Um 23.29 Uhr rief Pitta den Bezirks-Leichenbeschauer Dan Horan an. Da der Tatort zum Solano County gehörte, war in diesem Fall die Polizei von Benicia nicht zuständig. Pitta verständigte deshalb per Funk das Sheriff Office von Solano und forderte eine Einheit und einen Ermittlungsbeamten an.
Gerichtsmediziner Horan zog sich in aller Eile an. Um Mitternacht traf er zusammen mit Dr. Byron Sanford aus Benicia am Tatort ein, wo bereits reger Betrieb herrschte. Horan hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, im Falle einer derartigen Tragödie die unangenehme Aufgabe zu übernehmen, die Angehörigen der Opfer persönlich anzurufen. (Die psychische Belastung dieser schweren Pflicht trug ihm übrigens später ein Herzleiden ein, das ihn schließlich zwang, sich aus dem Dienst zurückzuziehen.) Dr. Sanford konnte nur noch den Tod von Betty Lou feststellen und gab die Anweisung, die Leiche zur Obduktion abzutransportieren. Zunächst wurden jedoch noch Fotos aus allen möglichen Blickwinkeln angefertigt.
Kurz zuvor war bereits ein Reporter namens Thomas D. Balmer vom Fairfield Daily Republic eingetroffen, der jedoch nicht zum Tatort vorgelassen wurde, bis schließlich fünf Minuten nach Mitternacht der Ermittlungsbeamte eintraf.
Detective Sergeant Les Lundblad hatte durchschnittlich mit zwei bis drei Mordfällen im Jahr zu tun. Nun stand er nachdenklich in der Dunkelheit und Kälte der Lake Herman Road, den Hut mit der schmalen Krempe tief in das wettergegerbte Gesicht gezogen. Seit seinem Dienstantritt im Sheriff Office im Jahr 1963 hatte ihn kaum einmal jemand ohne seinen Hut gesehen.
Lundblad fertigte im Licht seiner Taschenlampe eine Skizze vom Tatort an, während die Fotografen und die Kollegen von der Spurensicherung, die für das Erfassen von Fingerabdrücken zuständig waren, unter den Scheinwerfern ihrer Arbeit nachgingen. Die nächtliche Stille wurde immer wieder vom Rauschen der Funkgeräte aus den Polizeiwagen durchbrochen, die sich zu beiden Seiten der Straße angesammelt hatten.
Lundblad schickte seine Männer, die Officers Butterbach und Waterman, zum Krankenhaus, um eine Aussage von David zu bekommen. Dreiundzwanzig Minuten nach Mitternacht Uhr trafen die Polizisten in der Intensivstation ein, wo ihnen Schwester Barbara Lowe mitteilte, dass der junge Mann bei der Ankunft im Krankenhaus bereits tot gewesen sei. Der Tod war demnach schon fünf Minuten nach Mitternacht eingetreten.
Die beiden Officers riefen im Sheriff-Büro an und ließen Deputy J. R. Wilson ins Krankenhaus kommen, der die Schmauchspuren um die Wunde hinter dem Ohr des Jungen ebenso fotografierte wie die Schwellung an seiner rechten Wange und das blutverschmierte Haar.
Draußen an der Lake Herman Road wurde unterdessen der Kombi auf Fingerabdrücke untersucht. Dann begannen die Polizisten die Umgebung nach der Tatwaffe und eventuellen weiteren Hinweisen abzusuchen. Die Polizeibeamten aus Benicia führten verschiedene Messungen durch, deren Ergebnisse sich Lundblad notierte.
Das Beweismaterial, das die Polizisten aus Benicia gesammelt hatten, würde zusammen mit den Fotos an das Sheriff-Büro von Solano County übergeben werden. Pitta und Warner hatten dafür gesorgt, dass am Tatort nichts verändert wurde, bevor nicht jedes Detail fotografisch festgehalten und exakt untersucht und vermessen war. Auf diese Weise wurde sichergestellt, dass die Beweismittel später unverändert dem Gericht vorgelegt werden konnten. Man musste jedoch auch das mögliche Vorhandensein von kaum wahrnehmbaren Hinweisen einkalkulieren – und so machte man sich auch auf die Suche nach Spermaspuren.
Schließlich wurden noch neun weitere leere Patronenhülsen gefunden. Bei der Tatwaffe schien es sich mit gro ßer Wahrscheinlichkeit um eine JC Higgins Model 80 oder eine Hi Standard Model 101 vom Kaliber 22 zu handeln. Der Mörder hatte Super X-Patronen verwendet, die erst seit Oktober 1967 von der Foirma Winchester hergestellt wurden – also eine ziemlich neue Munition.
Auf dem Dach des Kombis fand man Spuren eines Querschlägers, und vor dem Wagen wurden schwach sichtbare Fußabdrücke entdeckt, die zur Beifahrerseite führten. Außerdem fand man einen tiefen Abdruck eines Absatzes hinter dem Pumpwerk.
Einer der Sanitäter meinte, dass er noch nie so viel Blut auf oder neben einer Straße gesehen habe. »Es war ein ganz besonders schrecklicher Doppelmord,« stimmte Lundblad zu.
Um 1.04 Uhr fuhr Lundblad ins Krankenhaus von Vallejo und danach ins Leichenhaus, wo er mit Butterbach und Waterman zusammentraf und mit Horan über die Positionen der Kugeln in Betty Lou Jensens Körper sprach.
Lundblad stand etwas abseits, als das tote Mädchen im grellen Licht der Lampen entkleidet wurde. Plötzlich fiel etwas aus ihrem rosa-weißen Slip auf den Boden und rollte dem Detective direkt vor die Füße. Lundblad bückte sich und hob den kleinen Gegenstand auf. Es war eine Kugel vom Kaliber 22, die sich in ihrer Kleidung verfangen hatte. Mit grimmiger Miene gab Lundblad das Projektil in ein Tablettenfläschchen, sammelte die blutbefleckten Kleider ein und machte sich auf den Weg in sein Büro. Butterbach und Waterman arbeiteten noch bis 4.30 Uhr, ehe sie endlich nach Hause gingen.
Gegen Mittag des folgenden Tages wurde die Autopsie an Betty Lou vorgenommen. Eineinhalb Stunden nach Betty Lou wurde auch David obduziert, und um 1.38 Uhr fand der Pathologe Dr. S. Shirai die Kugel, die den jungen Mann getötet hatte. Das Projektil steckte zusammengedrückt an der rechten Seite des Schädels.
Insgesamt konnten aus dem Auto und aus den Körpern der Opfer sieben Kugeln sichergestellt werden – vier davon in gutem Zustand, der Rest stark beschädigt. Zwei Projektile konnten nie gefunden werden – sie blieben irgendwo im Feld an der Lake Herman Road verborgen. Jede der sichergestellten Kugeln wies eine Markierung aus sechs Feldern und sechs Zügen auf.
Bei der Herstellung einer Schusswaffe wird der Lauf innen mit mehreren Einschnitten versehen, die spiralförmig gewunden verlaufen und die das Geschoss zum Rotieren bringen. Das Muster dieser gewundenen Einschnitte, auch Züge genannt, sowie der dazwischen liegenden Erhöhungen, der so genannten Felder, schneidet sich in die abgefeuerte Kugel ein. Die Waffe hinterlässt auf dem Projektil somit ihre charakteristische »Handschrift«, an der sie gegebenenfalls identifiziert werden kann. Auch die Patronenhülse wird durch den Auswerfermechanismus mit einer bestimmten Prägung versehen, sodass sich unter dem Mikroskop feststellen lässt, ob eine Hülse von einer bestimmten Waffe abgefeuert wurde oder nicht.
»Die Ermittlungen müssen so verlaufen wie die Äste eines Baumes,« meinte Lundblad. Die Spuren, die es systematisch zu verfolgen galt, würden wie Äste vom Baum der Fakten ausgehen. Der Detective begann damit, dass er die Strecken zwischen den Wohnungen von Verdächtigen und Zeugen und dem Tatort mit unterschiedlicher Geschwindigkeit abfuhr, um zu ermitteln, wie schnell die jeweiligen Entfernungen zurückgelegt werden konnten. Außerdem wurde der letzte Tag der beiden Opfer peinlich genau rekonstruiert; dazu wurden nicht weniger als vierunddreißig detaillierte Aussagen aufgenommen. Lundblad arbeitete praktisch rund um die Uhr, um das gesamte Privatleben der beiden Opfer unter die Lupe zu nehmen. Die Angehörigen und Freunde von Betty Lou und David wurden ebenso vernommen wie die üblichen Verdächtigen, die bei jeder Straftat überprüft wurden. Laut der Nervenklinik in Napa gab es in der Gegend 290 Personen mit entsprechenden Geisteskrankheiten.
Gerichtsmediziner Horan erfuhr von Betty Lous Angehörigen, dass es in der Schule einen Jungen gab, der sie immer wieder belästigt hatte, weil er sich in sie verknallt hätte, und der angeblich sogar David bedroht hatte (»Ich werd dir mal eine Abreibung mit dem Schlagring verpassen.«). Sie vermuteten, dass es dieser Junge gewesen sein könnte, der sich am Abend der Tat in der Nähe ihres Hauses herumgetrieben hatte. Horan gab diese Information an Lundblad weiter, der jedoch feststellte, dass der Verdächtige ein hieb- und stichfestes Alibi besaß. Nach der Geburtstagsparty seiner Schwester hatte der Junge noch ferngesehen – und zwar in Gesellschaft eines Polizisten aus Mare Island.
Der Detective griff außerdem Hinweise von möglichen Zeugen auf, von denen manche einen dunklen Wagen in der Nähe des Tatorts gesehen haben wollten. Was jedoch völlig fehlte, war ein Motiv für die brutalen Morde – wenn man einmal von der schieren Lust am Töten absah. Lundblad fand keine Anzeichen auf einen Raubüberfall oder auf sexuellen Missbrauch der Opfer. Möglicherweise verschaffte sich der Täter mit dem Akt des Tötens so etwas wie sexuelle Befriedigung.
Die Nachrichten vom Bureau of Criminal Identification and Investigation (CI&I) in Sacramento waren auch nicht eben viel versprechend:
Neben weiteren Überprüfungen von Pistolen des Typs JC Higgins Model 80 sollten auch Waffen mit folgenden Eigenschaften in Betracht gezogen werden:
a. Patronenhülsen: halbkreisförmiger Abdruck des Schlagbolzens an der 12-Uhr-Position, kleine Markierungen des Ausziehers an der 3-Uhr-Position. Sehr schwache Spuren des Ausstoßers an der 8-Uhr-Position (Letztere ist jedoch nicht immer feststellbar).
b. Lauf der Waffe und Kugeln: Sechs Züge mit Rechtsdrall, Felder und Züge im Verhältnis 1:1. Breite der Züge an den Projektilen etwa 1,4 mm. Breite der Felder an den Kugeln rund 1,5 mm.
Da die Tatwaffe keine besonderen Kennzeichen aufweist, wird sie sehr schwer zu bestimmen sein … Nach unseren Untersuchungen dürfte es selbst dann, wenn die Tatwaffe tatsächlich gefunden werden sollte, schwierig, wenn nicht gar unmöglich werden, sie eindeutig zu identifizieren.
Bei der Untersuchung der Kleider (Stück Nr. 9) wurde ein Loch vorne in der Mitte und fünf Löcher oben rechts im Rücken gefunden. Es wurden keinerlei Pulverspuren an den Löchern gefunden – mit Ausnahme des obersten Lochs am Rücken; dort konnte ein Pulverkörnchen festgestellt werden. Diese Fakten legen die Annahme nahe, dass die Kugeln aus einer Entfernung von mindestens ein bis zwei Metern abgefeuert wurden. Die tatsächliche Mindestentfernung könnte nur anhand von konkreten Tests mit der Tatwaffe ermittelt werden.
Es gab keine Zeugen, kein Motiv und keine Verdächtigen.

2
Darlene Ferrin

Samstag, 21. Dezember 1968

»Das ist echt gruselig! Ich habe die beiden gekannt, die in der Lake Herman Road umgebracht wurden«, teilte Darlene Ferrin ihrer Kollegin Bobbie Ramos mit.
»Echt?«, fragte Bobbie.
»Ja – also ich geh da ganz bestimmt nicht wieder hin«, murmelte Darlene erschaudernd.
»Ich habe mich an der Theke mit ihr unterhalten«, erzählte mir Bobbie später. »Ich kann mich noch gut daran erinnern. ›Weißt du‹, hat sie zu mir gesagt, ›das ist schon ein grausiges Gefühl.‹ Sie kannte die beiden von der Hogan High School – vor allem das Mädchen, glaube ich.‹
Die Hogan High School lag nur etwas mehr als einen Block von dem Haus entfernt, in dem Betty Lou Jensen gewohnt hatte. Darlene hatte diese Highschool ebenfalls besucht.
Jeden Freitag, Samstag und Sonntag arbeitete Bobbie Ramos zusammen mit Darlene bis drei Uhr nachts in Terry’s Restaurant in der Magazine Street in Vallejo.
»Darlene hat sich einfach mit jedem unterhalten«, erinnerte sich Bobbie später. »Ich hab ihr noch gesagt: ›Rede doch nicht mit allen – nicht jeder ist dein Freund. Du schätzt die Leute falsch ein.‹ Sie war zu allen so freundlich – die Leute standen Schlange, um einen Tisch zu bekommen, wo sie bediente. Darlene war zweiundzwanzig, aber sie sah höchstens wie siebzehn aus – und sie benahm sich auch so. Wie ein Püppchen sah sie aus mit ihren kurzen blonden Haaren – einfach süß.«
Darlene war einen Meter fünfundsechzig groß und 59 Kilo schwer. Sie hatte dunkelblondes Haar und durchdringende blaue Augen. Auf Fotos, auf denen sie mit sechzehn zu sehen war, zeigte sie eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Betty Lou Jensen.
»Wenn sie ihre Brille nicht aufhatte, trug sie falsche Wimpern. Sie hat uns auch oft welche geschenkt,« erzählte Bobbie. »Darlene war immer fröhlich und gut gelaunt. Und sehr gesprächig (…) Sie hat immer gern neue Leute kennen gelernt.«
Darlene lebte mit ihrem zweiten Mann Dean und ihrem kleinen Töchterchen Dena in der Wallace Street in einem Haus, das Bill und Carmela Leigh gehörte, Deans Chefs in einem italienischen Restaurant namens Caesar’s Palace, wo er als Hilfskoch arbeitete.

Mittwoch, 26. Februar 1969

Karen, Darlenes siebzehnjährige Babysitterin, trat ans Fenster und blickte auf die Wallace Street hinunter. Der Wagen stand schon seit 22 Uhr da, und sie war sich sicher, dass der Mann am Lenkrad die Wohnung der Ferrins im Erdgeschoss beobachtete.
Es war so eine weiße Limousine amerikanischer Bauart, aber draußen war es so dunkel, dass sie das Autokennzeichen nicht genau sehen konnte, obwohl der Wagen nur wenige Meter entfernt stand.
Sie sah im Wagen ein Streichholz aufflackern. Der Mann zündete sich eine Zigarette an, sodass Karen ihn zumindest teilweise erkennen konnte. Er war stämmig gebaut, hatte ein rundes Gesicht und dunkelbraunes gewelltes Haar. Der Mann schien um die vierzig zu sein.
Karen war so beunruhigt, dass sie zu der kleinen Dena ins Zimmer ging und beim Gitterbett blieb, bis Dean von der Arbeit nach Hause kam. Karen trat ans Fenster und überlegte, ob sie Dean von dem Fremden erzählen sollte, doch sie ließ es sein, als sie sah, dass der weiße Wagen fort war.

Donnerstag, 27. Februar 1969

Darlene schminkte sich gerade im Badezimmer, als Karen ihr von dem Fremden erzählte.
»Wie hat der Wagen ausgesehen?«, fragte Darlene.
Karen beschrieb ihr das Auto.
»Ich schätze, er will mal wieder nachsehen, was ich so mache. Hab schon gehört, dass er wieder im Lande ist«, sagte Darlene und hielt nachdenklich inne. »Er will nicht, dass irgendjemand erfährt, dass ich ihn bei etwas beobachtet habe«, fügte sie hinzu. »Ich habe nämlich gesehen, wie er jemanden umgebracht hat.«
Darlene erwähnte seinen Namen – einen kurzen, recht häufig vorkommenden Namen. Aber Karen hörte gar nicht mehr richtig zu – sie war zu schockiert von der Tatsache, dass Darlene offensichtlich Angst vor diesem Fremden hatte.
Als Darlene an diesem Abend in Terry’s Restaurant kam, erfuhr sie, dass ein stämmiger Mann sich nach ihr erkundigt hatte.

Samstag, 15. März 1969

Pam Suennen, Darlenes jüngere Schwester, hatte schon früher zwei Pakete vor der Haustür der Ferrins gefunden, doch sie wusste nicht, wer sie dort hingelegt hatte. An diesem Tag öffnete sie die Tür jedoch rechtzeitig, um zu beobachten, wie ein Mann mit Hornbrille ein weiteres Paket hinterlegte. Sie hatte den Mann schon einmal in einem weißen Wagen vor dem Haus parken sehen.
»Er hat mir gesagt«, berichtete Pam, »dass ich das Paket unter keinen Umständen öffnen dürfe. Er blieb noch lange, nachdem er das Paket abgeliefert hatte, draußen in seinem Wagen sitzen. Als Darlene nach Hause kam, fragte sie, ob irgendetwas für sie abgegeben worden wäre. Ich gab ihr das Paket, und sie ging damit ins Hinterzimmer. Als ich sie fragte, was denn drin sei, gab sie mir keine Antwort. Von da an kam sie mir völlig verändert vor. Sie war so nervös und ging mit dem Telefon ins Schlafzimmer, um zu telefonieren. Als sie wieder herauskam, hatte sie es sehr eilig, mich nach Hause zu fahren.«
Pam erfuhr schließlich, dass sich in dem ersten Päckchen ein silberner Gürtel und eine Handtasche aus Mexiko befunden hatten, und im zweiten ein blauweißer, mit Blumenmuster bedruckter Stoff. Darlene wollte sich daraus einen Overall nähen.
Bobbie Ramos meinte, dass sich Darlenes Exmann Jim in Mexiko aufhielt und die ersten beiden Pakete über einen Bekannten geschickt hätte. Jim hatte Darlene im Januar 1966 unter dem angenommenen Namen Phillips geheiratet, nachdem er fünf Monate zuvor aus der Army entlassen worden war. »Eines weiß ich genau«, erzählte mir Bobbie später, »Darlene hatte eine Höllenangst vor ihm.«
Bobbie Oxnam, eine Kollegin von Darlene bei der Telefongesellschaft in San Francisco, erinnerte sich ebenfalls an ihren Exmann. »Darlene traute Jim überhaupt nicht mehr. Sie vermied es sogar, mit ihm allein im selben Zimmer zu sein … Einer der Gründe, warum wir sie mal aus unserer Wohnung rausgeschmissen haben, war, dass Jim eine Pistole (eine Zweiundzwanziger) besaß, und das war uns gar nicht recht.«

Freitag, 9. Mai 1969

Darlene und Dean kauften sich für 9 500 Dollar ein kleines Haus in der Virginia Street, direkt neben dem Sheriff’s Office.

Samstag, 24. Mai 1969

Es war die Umzugsparty, die Karen schließlich bewog, den Job als Babysitterin bei Darlene aufzugeben. An jenem Tag hatte Darlene die meisten ihrer neuen Freunde bei sich, damit sie ihr halfen, die Räume des neuen Hauses in der Virginia Street zu streichen. Karen kümmerte sich unterdessen um Dena. Unter anderem kamen auch drei junge Männer, die Karen überhaupt nicht geheuer waren, und deshalb ging sie einfach. Sie hatte ohnehin genug davon, Darlene dabei zu unterstützen, dass sie ständig mit irgendwelchen Männern herumzog, sodass sie schon seit fünf Monaten ein schlechtes Gewissen mit sich herumtrug.
Darlenes jüngerer und ziemlich aufsässiger Bruder Leo Suennen war ebenso gekommen wie die Mageau-Zwillinge Mike und David, beides enge Freunde von Darlene, die um ihre Gunst wetteiferten. Die anderen Gäste waren Jay Eisen, Ron Allen, Rick Crabtree, Paul, der Barkeeper (Name geändert), Richard Hoffman, Steve Baldino und Howard »Buzz« Gordon; die drei letzten waren als Polizisten in Vallejo tätig; der einzige weibliche Gast war Darlenes Freundin Sydne.
Gegen Mittag rief Darlene ihre Schwester Linda Del Buono an und bat sie, ebenfalls zu kommen. Linda war Darlenes wachsende Nervosität und Erschöpfung als Erster aufgefallen. Darlene stritt jedoch ab, irgendwelche Probleme zu haben, und Dean nahm keine Veränderung an seiner Frau wahr.
Während Linda auf dem Weg zu ihrer Schwester war, traf ein weiterer Gast, ein stämmiger Mann, in Darlenes neuem Haus ein.
»An diesem Tag,« erzählte mir Linda später, »hatte Darlene solche Angst, dass sie mich irgendwann bat: ›Geh heim, Linda, geh schnell heim!‹ Der stämmige Kerl war ganz gewiss nicht eingeladen, und sie flehte mich an, mich von ihm fern zu halten. Er war als Einziger ordentlich gekleidet – alle anderen trugen Jeans und Arbeitskleidung.
Ich sehe sein Gesicht immer noch vor mir. Ich habe ihn später noch einmal in Terry’s Restaurant gesehen, aber an jenem Tag in ihrem Haus hatte Darlene eine Höllenangst vor ihm. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er auftauchen würde. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er auf seinem Stuhl saß – mit seinem gewellten Haar und so einer Hornbrille, wie Superman sie trägt. Er wirkte älter als die anderen und war ziemlich korpulent, und vielleicht knapp einen Meter fünfundsiebzig groß.
Der Typ saß die meiste Zeit einfach nur da. Ich weiß noch, dass ich einmal mit Darlene allein in einem Zimmer war und sie gefragt habe: ›Darlene, was ist denn los mit dir?‹ Sie war so unglaublich nervös. Der Kerl machte ihr richtig Angst. Sie hat, glaube ich, den ganzen Tag nichts gegessen und nicht ein einziges Mal gelächelt. Das war nicht Darlene, wie ich sie kannte. Irgendetwas machte ihr schwer zu schaffen. Als ich hinkam, war der Kerl schon da. ›Linda‹, flehte mich Darlene an, ›bitte, halt dich von ihm fern! Sprich nicht mit ihm. Wer ist der Typ?‹, wollte ich wissen.
›Du darfst nicht mit ihm sprechen, hörst du?‹, beharrte sie.
Sie bat mich, zu gehen, weil sie nicht wollte, dass er irgendwen von unserer Familie kennen lernt. Es war ziemlich merkwürdig, und es hat mich noch lange beschäftigt.«
Darlenes jüngere Schwester Pam traf ein, kurz nachdem Linda aufgebrochen war. »Ich hatte den Mann schon einmal gesehen, als er ein Paket vor der Haustür in der Wallace Street abgelegt hatte«, erzählte sie mir. »Er unterhielt sich gern mit mir, ich bin ein sehr offener Mensch. Darlene war das gar nicht recht, weil sie dachte, ich würde ihm zu viel erzählen. Na ja, er hat mich ein paar Dinge gefragt. ›Pam‹, sagte Darlene zu mir, ›ich lade dich nie wieder zu mir ein, wenn du nicht aufhörst, mit ihm zu reden!‹< Ich sagte: ›Ich dachte, du wärst gut mit ihm befreundet, nach dem, was er mir alles erzählt hat.‹
Er war gut gekleidet und trug eine Brille. Er hatte dunkles Haar und eine Warze auf dem Daumen. Ich habe den Verdacht, dass Darlene den Kerl auf den Virgin Islands kennen gelernt hat. Sie hat mal irgendwas mit Drogen erwähnt. Einmal machte einer so eine Bemerkung, dass Darlene verfolgt worden wäre, aber sie wechselte schnell das Thema und sagte nur: ›Keine Angst, mir tut bestimmt keiner was.‹ Sie war einer der gutgläubigsten Menschen, die ich je gesehen habe. Ich hätte Todesängste ausgestanden, wenn ich gewusst hätte, dass mich jemand …
›Darlene‹, sagte ich, ›hast du denn gar keine Angst?‹ Aber sie antwortete nur: ›Mir tut schon niemand was.‹«
Als Pam das Haus ihrer Schwester verließ, waren noch vierzehn Leute dort, und es kamen noch weitere dazu. Einige dieser Gäste hörten, wie der gut gekleidete Mann Darlene nach ihren Einkommensquellen ausfragte. Der Fremde hatte einen kurzen, recht geläufigen Spitznamen. Pam glaubte sich zu erinnern, dass er sich »Bob« nannte (Der Name wurde geändert).

Sonntag, 22. Juni 1969

Linda war gerade aus Texas zurückgekehrt und wollte Darlene berichten, wie es ihren Verwandten ging, und so ging sie schon früh am Morgen zusammen mit ihrem Vater Leo in Terry’s Restaurant.
»Als ich an diesem Tag mit meinem Dad in die Gaststätte kam, war der Fremde von der Umzugsparty wieder da, und er ließ Darlene nicht aus den Augen«, erzählte mir Linda mit Schaudern. »Als ich reinkam, hielt er sich die Zeitung vors Gesicht, weil er mich wiedererkannte.«
Wenig später starrte er Linda eiskalt an, wie sie berichtete, ging zu Darlene hinüber, um ihr etwas zu sagen, und verließ dann die Gaststätte. Linda erzählte ihrem Vater von dem Mann. »Mein Dad sagte nur: ›Das hat nichts zu bedeuten.‹ Er nahm die Sache nicht weiter tragisch.«
Pam sah den Mann ebenfalls. »Er saß in Terry’s Restaurant. Ich habe neben ihm gesessen. Ich weiß noch, dass er Erdbeerkuchen gegessen hat. Und Darlene war es gar nicht recht, dass ich mich neben ihn gesetzt habe. Er hat mit mir gesprochen, und das hat meine Schwester ziemlich nervös gemacht. Sie hat mir immer wieder zugeflüstert, dass ich mich von ihm fern halten soll.
Der Typ hat eine Lederjacke getragen. Er hat überhaupt immer nach Leder gerochen, auch an dem Tag, als er das Paket gebracht hat. Und das war auch der Mann, der sich zuvor nach ihrer finanziellen Situation erkundigt hatte. Er fragte mich nach Darlenes kleiner Tochter und nach ihrer Beziehung zu Dean. ›Was macht sie denn mit ihrem Trinkgeld?‹, fragte er einmal, und etwas später: ›Ich habe gehört, dass Dean nie auf das Baby aufpasst.‹
Ich saß zweieinhalb Stunden an der Theke, und er saß neben mir und aß die ganze Zeit Erdbeerkuchen. Darlene forderte mich immer wieder auf, zu gehen, aber ich wollte nicht, weil Harvey, mein Mann, nicht zu Hause war.