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Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
Prolog: Warum eigentlich Schweden?
 
Nachtpassage – Mit der Fähre nach Trelleborg – Ostseefähren – Der nördliche ...
In Schweden unterwegs – Fernstraßen im Norden – Stahldrahttrossen – Campen – ...
Mein schwedisches Zuhause – »Mama, tysken!« – Schwedenflagge – Schwedisch- oder ...
Grußrituale – Hej – Wir Südländer – Auf Wiedersehen?
Wie deutsch ist Schwedisch? – Die amerikanischste Nation – Schwedisch für ...
Der letzte Wikinger war eine Frau – Auf Wikingfahrt – Langboote und Drachen – ...
Die Königin aus Deutschland – Bürgerliche Majestät – Die Schöne aus München: ...
Vom alten Björn – Gewalttätige Banden – Möchtegernwikinger – Nationalismus in ...
Kinder machen den Unterschied – In Deutschland Armutsrisiko, in Schweden ...
Jugendliche Schweden – Randale im Hafen von Visby – Vi svenskar! – ...
Ein Heim im Norden – Das schwedische Holzhaus – Carl Larssons Welt – Ingvar ...
Was man hier auf den Tisch bringt – Smörgasbord – Abbas Dosenfisch – Janssons ...
Eine nüchterne Nation – Systembolaget – Wie Brännvin nach Schweden kam – ...
Die Natur des Vorgartens – Gartenzwerge – Der deutsche Märchenwald – Der ...
Schweden unter sich – Unser Dorf auf Öland – Der Landhandel schließt – »Komisch ...
Von Berlin nach Kalmar – Unser Lebensgefühl – Wasserstadt Stockholm – Kalmar – ...
Milchtüten im Klimawandel – Sommer in Schweden – Das Eiszeitland – Schweden im ...
Elchtest – Der große Unsichtbare – Besuch im Elchpark – Unheimliche Begegnung – ...
Im Kanu durch Dalsland – Nordic Walking – Stora Le, Dalsland – Latrin spade und ...
Ein Störfall wird besichtigt – Atommüll im Seebad – Schweden steigt wieder ein ...
Das Schweigen der Steine – Thorsborg auf Gotland – Der schwedische Superlativ – ...
Mord und Totschlag – Schwedens Presse: Faszination des Grauens – Schwedenkrimi: ...
Besuch im Pippilotta-Land – »Astrid Lindgren Värld« in Vimmerby – Heimliche ...
Echte Profis – Der Dienstoverall – Die Schweden sind multifunktional – Vom ...
Eis und Eisen – Der Norden Schwedens: Kupfer und Eisenerz – Falun und Kiruna – ...
Was des Königs ist – Selbstversorger – Am Zoll – Des Königs Kronen – Besuch vom ...
 
Epilog: Abschied
Personenregister
Ortsregister
Copyright

Für Ute

Jag trivs bäst i öppna landskap,
nära havet vil jag bo;
några månader om året
so att själen kan få ro.
 
Ich fühle mich am wohlsten in der offnen Landschaft,
nah am Meer will ich wohnen;
einige Monate im Jahr,
damit die Seele zur Ruhe kommt.
 
Ulf Lundell, Öppna landskap

Prolog: Warum eigentlich Schweden?
 
 
 
Vor rund zwanzig Jahren erwarben meine Schwiegereltern ein Haus auf der schwedischen Insel Öland. Keine Hütte im Wald, sondern ein richtiges Haus, mitten im Dorf. Öland ist eine etwa 130 Kilometer lange und nur drei bis zehn Kilometer breite Insel vor der südschwedischen Ostseeküste, einst die kleinste schwedische Provinz, jahrhundertelang von Schweden, Dänen und Holländern heftig umkämpft. Öland ist heute Teil des Verwaltungsbezirks Kalmar und seit 1972 durch eine sechs Kilometer lange Brücke – die Ölandsbro war bis 1998 sogar die längste Brücke Europas – mit dem Festland verbunden. Ausländer dürfen auf schwedischen Inseln eigentlich keinen Grund und Boden als Eigentum erwerben, unsere Nachbarn im Norden haben eine durchaus berechtigte Angst vor brunpapper-hus, vor Häusern also, deren Fenster elf Monate im Jahr mit braunem Packpapier verschlagen sind, weil die Inselbewohner sie an Touristen verkauft haben. Durch die langjährige Bekanntschaft meiner Schwiegereltern mit Herbert Wehner und seiner Frau – die nach Wehners Internierung in Schweden während des Zweiten Weltkriegs später ein Haus auf Öland erworben hatten – und vor allem durch die Zustimmung der Nachbarn ließ sich der Verwaltungschef von Kalmar län (Kreis) damals dazu bewegen, den Kauf zu genehmigen. Unter der Bedingung, dass das mitten im Dörfchen, dicht neben der Kirche gelegene Haus nicht leer stünde.
Seither sind meine Frau und ich Jahr für Jahr in Schweden, inzwischen mit unseren beiden Söhnen, wochenlang, oft mehrmals im Jahr. Es fiel mir leicht, Wurzeln zu schlagen: Wir hatten sehr schnell das Gefühl, dazuzugehören. Die einstige Ausnahmeregelung hatte für zahlreiche Kontakte gesorgt, aus denen allmählich gute, tiefe Freundschaften wurden: »Mama, tysken!« – der Deutsche! So rief die kleine Tochter unserer schwedischen Freunde ihren Eltern zu, wenn ich mal wieder auftauchte. Und so lernt man Schwedisch.
Schwedisch ist eine sehr schöne, weiche und geschmeidige Sprache, die geschrieben viel nordischer aussieht, als sie sich gesprochen anhört. Schwedisch zu sprechen war meine Eintrittskarte in den exklusiven Club der Skandinavier. Wer eine der nordischen Sprachen spricht, kann – mit Ausnahme des zur uralischen Sprachfamilie gehörenden Finnischen – alle skandinavischen Sprachen leidlich verstehen und sich verständlich machen. Was ich erst spät herausfand, war, dass das Schwedische trotz der in deutschen Augen sehr kleinen Sprachgemeinschaft neben der Hochsprache, dem rikssvensk (Reichsschwedisch), noch einige ausgeprägte regionale Dialekte umfasst. Das Öländische, eine insulare Variante des für Stockholmer bereits schwer verständlichen, bäuerlich-småländischen Idioms, ist einer dieser Dialekte. Wenn ich in Stockholm bin, fühle ich mich ungefähr so wie ein Schwabe in Berlin: irgendwie fremd. Als ich in Jönköping zum ersten Mal vor einer Gruppe schwedischer Unternehmer einen Vortrag hielt und diesen auf Schwedisch einleitete, lachten alle im Saal schon nach den ersten paar Worten los. In den Ohren der Manager hörte ich mich ungefähr so an wie ein Bauer aus der tiefsten schwedischen Provinz. Dennoch: Es ist immer wieder wunderbar zu erleben, wie ausgesprochen herzlich und erfreut unsere Nachbarn im Norden darauf reagieren, von einem Deutschen auf Schwedisch angesprochen zu werden. Dänisch, Schwedisch und Norwegisch sind europäische Kultursprachen, die dem Deutschen verwandt sind und gerade deutschen »Muttersprachlern« viele überraschende Einblicke in die eigene Sprache bieten. Wo es mir möglich war, habe ich sie in diesem Buch dargestellt und erläutert. Und gerade die auffälligsten Ähnlichkeiten beinhalten oft zugleich überraschende Unterschiede!
Man muss in Schweden jedoch nicht unbedingt schwedisch sprechen können: Das Königreich Schweden ist zwar die größte und volkreichste der skandinavischen Nationen, mit über 410 000 Quadratkilometern Fläche annähernd anderthalbmal so groß wie Deutschland, zählt aber nur knapp neun Millionen Einwohner, die in der Altersgruppe der Fünfzehn- bis Fünfzigjährigen meist sehr gut Englisch sprechen; für die Älteren ist früher sogar Deutsch die erste Pflichtfremdsprache gewesen. Ich habe mich bisher vor allem in Süd- und Mittelschweden aufgehalten, doch wenn man weiss, dass von den neun Millionen Schweden fast zwei Drittel südlich von Stockholm leben – etwa in Schonen, der Heimat von Selma Lagerlöfs Romanhelden Nils Holgersson und Henning Mankells Kommissar Wallander, im urschwedischen Småland von Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga und Jan Theorins Öland -, erscheint mein Fokus auch aus schwedischer Sicht berechtigt.
 
Als es mich 1986 zum ersten Mal nach Schweden verschlug, war der Anteil der zumindest leidlich Deutsch sprechenden Schweden noch größer als heute. Das erleichterte es mir, mich rasch heimisch zu fühlen. Doch als ich, tysken, der Deutsche, anfing, Schwedisch zu sprechen – mit vielen Fehlern, die mir nie jemand vorhielt – fand ich Nachbarn und Freunde, von denen wir Deutschen eigentlich überraschend wenig wissen. Wer weiß denn, dass die Schweden im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) fast das ganze heutige Deutschland, von der Ostseeküste bis München, erobert hatten? Dass Schweden nach diesem Krieg als eine der Sieger- und Besatzungsmächte in Teilen Sachsen-Anhalts, Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns beherrschend blieb, noch 250 Jahre lang, zuletzt in Wismar? Das haben wir aus unserem kollektiven Geschichtsbewusstsein ausgeblendet. Die Schweden wissen es aber sehr wohl – es war ihre stormaktstid, ihre Großmachtzeit, die von 1630 bis 1730 währte. Eine der großen Attraktionen Stockholms ist die 1958 im Schlick des Hafengrundes wiederentdeckte und (noch schwimmfähig!) geborgene Vasa, ein bedrohliches 80-Kanonen-Segelkriegsschiff, auf der Jungfernfahrt gesunken in jenem Jahr 1628, als die schwedischen Truppen München belagerten. Schwedische Besucher des Vasa-varvet – des zum Museum ausgebauten heutigen Liegeplatzes dieses Schlachtschiffes – betrachten das düster dräuende Schiff mit ganz anderen Augen als die arglosen deutschen Touristen. Schweden als Großmacht? Merkwürdig, dass ausgerechnet wir Deutschen, im Nordosten unseres Landes jahrhundertelang von Schweden besetzt, uns das überhaupt nicht mehr vorstellen können!
Als 1989 die Mauer fiel, entdeckte ich eine Menge schwedischer Unternehmen im Ostteil Berlins. Banken, Bau- und Handelsunternehmen, die mit der DDR Geschäfte gemacht hatten und sich nach der Wende die Frage stellten, ob sie durch die Wiedervereinigung einen Markt gewonnen oder verloren hatten. Das traditionell neutrale Schweden war ein geschätzter Handelspartner der untergegangenen DDR gewesen. Ausgerechnet das nordische Königreich! Zeitweilig war ich Mitglied der Schwedischen Handelskammer in Deutschland – und stellte überrascht fest, dass schwedische Unternehmer gern singen. Im Anschluss an Business-Konferenzen. Lauter Manager ohne Jackett, zum Beispiel bei einer abendlichen Kanalfahrt durch Berlin. Singende Geschäftspartner. Es waren keine Trinklieder, wie die deutschen Gäste anfangs vermuteten, sondern schwedische Volkslieder. Gefühlvoll, ohne Hemmungen. Deutsche Manager hingegen singen nicht. Die saßen stumm dabei und wirkten etwas verlegen.
Ich habe gute Freunde in Schweden gefunden – und mich mit zugegebenermaßen sehr schwedisch geprägten Sinnen auch in Dänemark und Norwegen umgesehen. Allerdings stellen die Schweden mit fast neun Millionen Einwohnern gegenüber rund fünf Millionen Dänen und dreieinhalb Millionen Norwegern auch die größte der skandinavischen Gesellschaften dar. Die Einwohnerzahl Norwegens entspricht ungefähr der von Berlin – in der Großstadt lebt man also schon ein wenig beengter. Bis 1909 stand Norwegen unter schwedischer Herrschaft, heute pflegen die beiden Länder eine Art Hassliebe zueinander, von der die vielen Norwegerwitze der Schweden künden.
Im Laufe der Jahre bin ich Zehntausende von Kilometern durch Skandinavien gereist: von den norwegischen Fjorden bis zum dänischen Legoland, von Gotland, mitten in der Ostsee, bis nach Oslo, von Töndern nahe der deutsch-dänischen Grenze bis nach Stockholm. Die Insel Öland, solen och vindarnas ö (Insel der Sonne und der Winde), und die schwedischen Freunde dort waren – und bleiben – mein Anker, mein schwedisches Zuhause. Ihnen schulde ich dieses Buch. Sie haben mir nicht nur immer wieder Schweden erklärt, sie haben mir auch einen schwedischen Blick auf Deutschland ermöglicht. Und die vielleicht überraschendste Erkenntnis war, ausgerechnet im dünn besiedelten Norden Europas immer wieder auf Phänomene und Entwicklungen zu stoßen, die in Europas Mitte erst Jahre später wahrgenommen wurden.

Nachtpassage
Mit der Fähre nach Trelleborg – Ostseefähren – Der nördliche Sternenhimmel – Öland: Insel der Leuchttürme und Windmühlen
 
 
 
In deutschen Städten ist die Nacht der äußerlich dunklere Teil des Tages. Wir bemerken sie kaum. Nacht ist, sobald die meisten Läden geschlossen sind, die Straßenlaternen leuchten und Tatort oder Deutschland sucht den Superstar läuft. Nacht ist, wenn sich die Diskos füllen und die Szenekneipen, wenn sich die Staus auf den Autobahnen langsam auflösen und die LKW-Fahrer ihre Schlaftankstellen aufsuchen. Nacht ist, wenn die Tageszeitungen in Druck gehen, die Kneipen schließen und in den Werbeblöcken der Privatsender stöhnend die 09 00-Telefonnummern eingeblendet werden. Nacht ist, wenn sich die Gewerkschaften über Spätöffnungszeiten ärgern, wenn die Zahl der Handygespräche ab- und die Zahl der Zugriffe auf obskure Internethomepages langsam zunimmt. Nacht ist, wenn man in Deutschland das Abblendlicht einschaltet.
Außer in Stockholm, Göteborg und Malmö ist es in Schweden nachts dagegen unvergleichlich viel dunkler. Fast beängstigend. Für den skandinavischen Markt gebaute Volvos schalten das Abblendlicht deshalb auch automatisch ein, wenn man den Motor startet, selbst im Juli mittags um zwölf Uhr. Oder schalten es fürsorglich beim Abstellen des Motors aus – in Skandinavien fährt man immer mit Licht. Das offenbar reiche Schleswig-Holstein gibt Geld dafür aus, landesweit Eulenplakate aufzustellen mit der Botschaft, ebenso wie in Skandinavien auch bei Tag sicherer mit Licht zu fahren. Aber warum dann ausgerechnet Eulen? Die sind nachtaktiv und sehen besonders gut im Dunklen. Eine Eule und dann der Spruch »Sicher mit Licht!«. Eulen mit Licht wären bestimmt schon ausgestorben! Was will mir die schleswig-holsteinische Landesregierung sagen? Wenn du am Tag schlechter als eine Eule bei Nacht sehen kannst, mach besser das Licht an? Nein, es geht ja eher darum, das Licht einzuschalten, um besser gesehen zu werden. Eulen sind aber nun mal nicht beleuchtet, auch wenn das die Mäuse gern hätten. Also? Wenn du nicht gerade eine Eule bist, mach das Licht an? Jedesmal, wenn ich über Lübeck oder Kiel nach Skandinavien fahre, grüble ich über diesen Blödsinn. Ich stelle mir eine europaweite Ausschreibung, zwei Dutzend hochrangige Vertreter des Verkehrsministeriums und ein paar smarte Typen von Werbeagenturen vor, die lässig von Targetgroups, Eyecatchern und Customerrelations sprechen und schließlich den Auftrag gewinnen, weil irgendein überforderter Creativedirector beim Prosecco am Vorabend unter Freunden die Frage stellte »Hey, sagt mal, was fällt euch zu »sehen« ein?«. Nein, nicht ausgerechnet Eulen, sondern Maulwürfe gehören auf die Plakate!
 
Im Hafen von Travemünde ist wieder so viel Licht, dass Sie Ihres schon mal getrost abschalten können, auch wenn das jetzt von den Landeseulen nicht gern gesehen wird. Auf der Nacht-fähre nach Schweden werden bereits ungefähr eine Stunde nach dem Ablegen die Rezeption, das Bordbistro und der Travel-Value -Laden geschlosssen. Travel Value (Reisewert) ist ein kurioser Kunstbegriff, der als innereuropäischer Notbehelf für die Duty-free-Shops, die einst zollfreien Zigaretten- und Schnapsläden erfunden wurde: keineswegs mehr steuerfrei, aber ein paar Prozente lässt die Fährgesellschaft schon noch nach. Sie schließen aber schon nach einer Stunde, denn die heftig umworbenen LKW-Fernfahrer haben ihr im Fährpreis enthaltenes, kiloschweres mitternächtliches »Truckermenue« routinemäßig innerhalb der ersten 15 Minuten an Bord verspeist und geistern nur noch ein paar Minuten lang in Unterwäsche durch den Kabinentrakt. PKW-Reisende haben endlich ihre aufgeregten Kinder in der zwar sargengen, aber Fünf-Sterne-teuren Kabine zur Ruhe gebracht und hören nun auf dem Weg zum Bordbistro dreisprachig den Hinweis, dass Shop und Bistro schließen und um halb sechs Uhr wieder öffnen. Frustrierend!
Vor Jahren stieg man schon kurz nach dem Ablegen über Passagiere, die in Schlafsäcken oder unter mitgebrachten Bettdecken überall im »Loungedeck« auf dem Boden schlummerten. Selten waren es Einzelreisende oder junge, Citroen -Enten fahrende Pärchen, sondern meist ganze Feldlager nächtigender Großfamilien mit Kleinkindern, die bis zwei Uhr nachts quengelten. Diesem Phänomen haben die Fährgesellschaften inzwischen gegengesteuert: Auf jedem Quadratmeter freier Fläche sind sperrige Tische und unbequeme Stühle festgeschraubt worden. Ich kann die Argumente der Reeder und Schiffsingenieure geradezu hören: »Oh, da könnte noch einer herumliegen! Bitte hier noch fünf Stühle anschrauben!« – »Dann kommt doch niemand mehr durch!« – »Ja, aber dann kann hier auch keiner mehr herumliegen! Wieder eine Kabine mehr vermietet.« – »Na dann …«
Irgendwie vermisse ich diese entspannte Atmosphäre. Es war eigentümlich, nachts um zwei Uhr auf der nicht immer ruhigen Ostsee ganz allein in der nach erkaltendem Pommesfett und Dieselöl riechenden Kajüte des nach dem Mauerfall zur LKW-Fähre umgebauten DDR-Frachters Kahleberg zu sitzen. Während meine Frau und meine Kinder ein Deck tiefer bei halb offenem Bullauge Schweden entgegenträumten, hatte ich eine Stunde lang das Gefühl, genau das zu machen, was die Marketingstrategen der heutigen TT-Line angestrengt minikryss , Mini-Kreuzfahrt, nennen. Von der alten Kahleberg besitze ich noch ein bedrucktes Werbe-T-Shirt, darauf eine schlichte, maßstabsgetreue Zeichnung des Frachters mit gelb-blauen Streifen und dem Nachwende-Schriftzug TR-Line, Trelleborg-Rostock, auf weißem Baumwollstoff. Unvergessen das deutsche Personal, das damals, in den anbrechenden »blühenden Landschaften« um jeden Fährgast kämpfte. Ahoi, Kahleberg: Ihr wart toll!
 
Nacht auf der Ostsee. Die See, im Sommer oft träge, wellenlos, kann im Herbst und Winter wild und selbst für große Schiffe gefährlich werden. Dann peitschen die Wellen schon mal fünf, sechs Decks hoch, und man denkt unwillkürlich an die 1993 vor Rügen gekenterte Jan Heweliusz – 50 Tote – oder an den Untergang der Estonia 1994, vor der finnischen Insel Utö, 852 Opfer. Gelegentlich pflügte das Schiff, die Trelleborg, die Nachfolgerin der Kahleberg, mit erschreckend lautem Schrammen und Krachen durchs erste Eis. Kamen Wind und Seegang hinzu, begann die große Fähre schwer zu rollen, sich also langsam von einer Seite zur andern zu neigen. Und spät in einer solchen Herbstnacht, als ich wieder allein in der leeren Cafeteria saß, stand plötzlich meine Frau mit unserem kleinen Sohn vor mir, wetterfest angezogen, blass, erschrocken. In unserer Kabine tief unter dem LKW-Deck hatten sie das zunehmende Rollen und Stampfen des Schiffes noch stärker als ich oben auf dem Kajüt-Deck wahrgenommen. Und außerdem, erklärte sie mir besorgt, hätte sie plötzlich lautes Rauschen und Gurgeln von Wasser gehört, ganz so, als hätte es einen Wassereinbruch gegeben. Ein Albtraum. Umso irrealer erschien meiner Frau nun hier auf dem Oberdeck die friedliche Stille. Was war geschehen? Die Schiffsführung hatte dem zunehmenden Rollen der Fähre durch gegenläufiges Fluten der seitlichen Ballastwassertanks entgegengewirkt. Die unteren Kabinen lagen so tief im Schiff, dass das durch große Rohre rauschend von Steuerbord nach Backbord und wieder zurück gepumpte Wasser dort wie ein massiver Wassereinbruch zu hören war. Objektiv war das Schiff nicht ernsthaft in Gefahr gewesen. Doch in jener Nacht auf der Ostsee war an Schlaf nicht mehr zu denken gewesen.
Apropos mini-kryss: Ich glaube, das Angebot der Mini-Kreuzfahrt richtet sich mehr an die Skandinavier als an uns deutsche Fährpassagiere. Wir wollen ja nur über die Ostsee. Für die Schweden bietet die Trelleborg-Rostock-Fähre trotz des Beitritts zur EU und der damit verbundenen Abschaffung der zollfreien Läden noch immer das ganz ungewöhnliche Vergnügen, mal ein halbes Wochenende in einem seetüchtigen Schnapsladen zu verbringen. Das sind die meist jugendlicheren Gäste, die man beim Betreten der Nacht-Fähre in Rostock in meist schon sehr aufgeräumter Stimmung (oder bereits tief betäubt) antrifft. Wir Deutschen kannten das mal als »Butterfahrt«, und ich habe das als Schulausflug miterlebt, nachts von Fehmarn aus mit einem kleinen Ausflugsschiffchen in einer Stunde auf der sogenannten Vogelfluglinie ins dänische Rödby Havn, ohne Anlegen, Wenden im Hafenbecken und wieder zurück. Ich habe mir die Zeit damit vertrieben, mal »Deckwache« zu spielen – und war auch nach Rückkehr in das Schullandheim in Lübeck Stunden später noch nicht wieder warm. Doch unsere Lehrer, die die ganze Zeit fröhlich unter Deck verbracht hatten, waren ausgesprochen guter Laune.
 
Da es in Schweden so etwas wie die deutschen Bundesautobahnen nicht gibt, sondern höchstens – auf meiner Strecke von Trelleborg nach Öland jeweils nur um Malmö, Kristianstad und Kalmar herum – vierspurige Landstraßen (motorvägar, max. 110 km/h), erlebt man die nordische Nacht in ihrer ganzen Pracht. So leere Straßen haben wir in Deutschland zuletzt am autofreien Sonntag während der Ölkrise 1972 gesehen. Ich fuhr die Europastraße 22 entlang, die Hauptstrecke von Trelleborg, der südlichsten Stadt Schwedens, nach Stockholm. Nach einer halben Stunde passiert man Lund, die alte Universitätsstadt im noch etwas belebten Großraum Malmö, und dann wird es einsam. Es gibt zwar überall Ortsschilder mit so hübschen Bullerbü-Namen wie Ringsjökloster, Linderödsåsen, Nedre Bagby und Övre Tong oder Fågelmara – aber nach zehn Uhr abends sind alle Dörfer wie ausgestorben. Da es in Schweden keine Kneipen gibt und alle Imbissbuden und Tankstellen bereits geschlossen sind, ist niemand mehr unterwegs. Man fährt nachts hunderte von Kilometern Landstraße durch ein scheinbar menschenleeres Land. Und das ist noch der am dichtesten besiedelte Teil Schwedens.
Die älteren Schweden rechnen übrigens noch in mil (Meilen) – diese skandinavische oder auch sogenannte metrische Meile misst 10 km. Es sind also gerade mal 64 schwedische Meilen von Malmö nach Stockholm. Und da es im Norden keine richtigen Autobahnen gibt, sucht man vergeblich Autobahnraststätten. Kleiner Tipp: Wer bei Kristianstad, Karlskrona oder Kalmar die Landstraße verlässt und den Schildern »Statoil: Nattöppet« folgt, findet heraus, wo sich die einzigen, zumeist jugendlichen Nachtschwärmer Schwedens nach Mitternacht herumtreiben. Wer dagegen Trelleborg nachts mit weniger als 20 Litern Benzin im Tank verlässt, sollte besser wissen, dass an den einsamen Automatentankstellen das Wort sedel (Zettel) hier Geldschein bedeutet. Ohne zuvor auf der Fähre (ganz schnell!) oder zuvor noch in Deutschland eingetauschte 50- oder 100-Kronen-Scheine bleibt man unweigerlich liegen. Wer hat schon eine Statoil-Kontokort? Und man sollte möglichst nicht nur einen 100-Kronen-Schein dabei haben: Mit fünf bis sechs Litern Benzin kommt man nicht weit, und diese Automaten funktionieren manchmal nicht. Nächster Bankomat: 120 Kilometer Entfernung. Ende der Mobilität. Bei Automat-Tankstellen kommt übrigens auch am nächsten Morgen niemand. Automat ist Automat!
Gelegenheit, mal in den Nachthimmel zu schauen. Man kann auch in Mecklenburg-Vorpommern 50-60 Kilometer von der nächsten Autobahn-Tankstelle entfernt sein, jwd also, wie der Berliner sagt, »janz weit draußen«, doch es soll deutsche Skandinavienfahrer geben, die sich beim ersten zufälligen Blick in den Nachthimmel unwillkürlich irgendwo festgehalten haben. Ob von der Zugspitze oder von Wittstock irgendwo in Nordbrandenburg, vom Harzer Brocken oder von Amrum aus: Deutschland ist nachts derart hell erleuchtet und die Luft bis in große Höhen so voll von reflektierendem Feinstaub, dass wir vom eigentlichen Nachthimmel nur die verbilligte Volksausgabe sehen können. Ein Blick von Amrum aus in den winterlichen Nachthimmel ist schon eindrucksvoll (»Ich wusste gar nicht, dass wir so viele Sterne haben!«), doch in einer sternklaren Winternacht irgendwo in Mittelskandinavien oder auf Gotland, mitten in der Ostsee, zum Sternenhimmel aufzublicken, ist eine andere Erfahrung. Satellitenbilder zeigen, dass das nächtliche Skandinavien, vor allem nördlich der Achse Oslo – Stockholm, geradezu sibirisch finster ist, und der zufällige Blick zum Nachthimmel enthüllt eine überwältigende Fülle von Sternen und eine atemberaubende Tiefe. Von Berlin aus ist das schwach schimmernde, himmelsüberspannende Lichtband der Milchstraße durch das Streulicht inzwischen mit bloßem Auge fast unsichtbar, in Skandinavien dagegen eine überraschende, geradezu schwindelerregende Nachterfahrung mit großem Suchtfaktor. Das kalt wabernde Nordlicht ist dagegen so relativ hell und unter dem sich ganz langsam mit der Erdrotation drehenden Himmelsgewölbe so sichtbar tief unter den Sternen, dass man beides zusammen nur mit bloßem Auge sehen und in seiner Wirkung kaum fotografieren oder filmen kann.
 
Unser Haus auf der Insel Öland steht etwa einen Kilometer vom Meer entfernt. Von der Tür über dem altan genannten Windfang aus können wir die Ostsee sehen. Felder und Kuhweiden erstrecken sich bis zur Küste. Sechs Kilometer nördlich liegt der kleine Fischerhafen Kårehamn, südlich davon nichts. Nur nahe Bredsätra und in Gräsgards Hamn gibt es zwei kleine Leuchtzeichen, sogenannte Quermarkenfeuer. Hundert Kilometer entfernt, an der Südspitze Ölands, steht Schwedens ältester und mit fünfundvierzig Metern auch höchster Leuchtturm, Långe Jan, erbaut Mitte des 18. Jahrhunderts. Ansonsten ist die Küste dunkel, Bauernland. 34 Kilometer nördlich unseres Hauses markiert der rund 100 Jahre jüngere Leuchtturm Långe Erik die Nordspitze von Öland. Beide Leuchttürme, der Långe Jan und der Långe Erik sind Wahrzeichen der Insel und im Sommer auch öffentlich zugänglich.
Die Nordspitze Ölands besteht eigentlich aus zwei Spitzen, auf der Seite zum Festland hin die Landzunge von Långe Erik, zur offenen See hin der schmale, verwunschene Trollskog (Geisterwald), dazwischen die fast kreisrunde, windgeschützte Bucht Grankullavik. Bei Sturm sucht, wer kann, hier Schutz. Am seeseitigen Strand des Trollskogs liegt das Wrack des hölzernen Schoners Svix, der Mitte der zwanziger Jahre in einer Orkannacht sank. Die Mannschaft rettete sich bei Nacht und Nebelsturm an die waldige Küste und irrte dort umher. Jahrzehnte später warf ein erneuter Nachtsturm das halb verrottete Vorschiff des Seglers und Unmengen Holztrümmer an die Küste und bis in den verwunschenen Wald hinein. Da liegt es bis heute.
Doch das eigentliche Symbol Ölands sind die Windmühlen! Etwa 400 der alten, hölzernen Bockwindmühlen sind noch erhalten, einst waren es ein paar Tausend, fast alle Höfe hatten eine, die meisten aufgereiht entlang des öländischen Höhenzuges. Bei Störlinge und Lerkaka stehen auch heute noch fünf bis sieben dieser kleinen, alten Bockwindmühlen dicht nebeneinander am Straßenrand – ein überraschender Anblick. Sehenswert ist die größte, der sogenannte kvarnkonung, Mühlenkönig, an der Abzweigung der »Weststrecke«, Regionalstraße 136, nach Färjestaden, hoch auf dem Inselriff, nicht zuletzt auch ein bäuerliches Statussymbol. Bei Bockwindmühlen dreht sich die ganze, meist nicht besonders große viereckige, hölzerne Mühle auf einem niedrigen Pfosten – im Gegensatz zu den niederländischen Turmdrehmühlen, bei denen nur die Haube mit der Achse der Mühlenflügel gedreht wird. So konnte man größere Mühlen bauen. Sandviks kvarn ist solch eine große, niederländisch geprägte Windmühle auf Öland – und sie ist in der Tat die größte Mühle Nordeuropas! 1856 im småländischen Vimmerby erbaut, wurde die Mühle nach einem Schaden 1885 in nummerierte Einzelteile zerlegt und in Sandvik wieder aufgebaut. Allein der steinerne Mühlenturm ragt acht Stockwerke empor.
Nördlich von Köpingsvik ebenfalls an der Inselstraße 136 gelegen, nur wenige Kilometer von unserem Haus entfernt, ist Sandviks kvarn heute ein Touristenziel, mit Selbstbedienungsrestaurant, Andenkenladen, Minigolfplatz und sogar einem Feldflugplatz für Sportflugzeuge. Doch man kann dort, in der baumlosen Alvar-Heide über dem Sund und dem kleinen Hafen, unter den großen, weißen Mühlenflügeln auf eine Tasse Kaffee einkehren und herrlich in der Sonne sitzen! Dass allerdings nicht Sandviks kvarn, sondern die weniger große hölzerne Bockwindmühle bei Färjestaden den Ehrentitel Kvarnkonung trägt, liegt allein an der Mäkeligkeit der Öländer: Sandviks kvarn ist eben keine typisch öländische Bockwindmühle!
Wir wohnen jedoch auf der anderen, abgelegenen Seite, zur offenen Ostsee hin. Unmittelbar vor unserem Haus verläuft die sogenannte Oststrecke, die hundertzehn Kilometer lange Landstraße auf der wenig touristisch erschlossenen Bauernseite der Insel. Nach zehn Uhr abends fährt auch hier niemand mehr. Doch wenn ich nachts um zwei Uhr noch im Obergeschoss sitze, um zu schreiben oder versonnen an einem Segelschiffmodell zu basteln, werde ich am nächsten Morgen so begrüßt: »Hej, Christoph! Was hast du denn letzte Nacht getrieben? Ich hab nach zwei noch Licht oben bei dir gesehen!«
In Schweden hat man kein Privatleben! Schon den Begriff habe ich im Norden nie gehört. Manche meiner Landsleute finden solche Transparenz aufdringlich. In Deutschland leben wir so dicht aufeinander, dass wir uns zwangsläufig um ein wenig Distanz bemühen. Doch davon haben die Schweden mehr als genug. Ob bei Nacht oder Nebel: Im Norden nimmt man Anteil. Es ist nicht nur Neugierde – das auch -, sondern Anteilnahme. Wenn wir auf die Insel kommen und uns erst einmal zwei Tage ausruhen und die unglaubliche Stille des Landes genießen, sind unsere schwedischen Nachbarn und Freunde beleidigt: »Warum meldet ihr euch denn nicht?!«

In Schweden unterwegs
Fernstraßen im Norden – Stahldrahttrossen – Campen – Allmansrätt – Zivile Verkehrskontrolle – Von Rasern und Schleichern
 
 
 
Deutschland ist ein Transitland. Besonders für uns selbst. Wir leben auf der Straße, im guten wie im schlechten Sinne. Jede anständige Wegbeschreibung beginnt zum Beispiel mit einer bestimmten Autobahnausfahrt – Kommunen ohne eigene Autobahnausfahrt sind im nationalen Bewusstsein daher auch nicht existent. Das erklärt vielleicht den übergroßen Eifer vieler Lokalpolitiker bei Straßenbauvorhaben: Je mehr Straßen, desto wahrscheinlicher wird ein eigener Autobahnanschluss. Landstraße ist nur so lange okay, wie es hell und das Wetter freundlich ist. Doch bei Nacht und Nieselregen wird uns die Landstraße unangenehm.
Die Bundesautobahn dagegen ist im Bewusstsein der Autofahrer eine fast nacht- und wetterfreie Strecke, ein mentaler Leuchtpfad: »So, bis Köln sind es 350 Kilometer. Wenn wir jetzt aufbrechen, sind wir noch vor Mitternacht da!« Dass es stockfinster und regnerisch ist, spielt keine Rolle: Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n, auf der Autobahn, sangen Kraftwerk schon 1974, und diesen Song haben wir heute noch im Ohr. Viele, vor allem viele Männer genießen geradezu nächtliche Autobahnfahrten, weil man dabei vollkommen auf das reine Fahren reduziert, sozusagen eins mit dem Auto wird. Keine überraschenden Kurven, keine Kreuzungen, kaum plötzlich kreuzende Keiler! Die meisten nächtlichen Unfälle auf bundesdeutschen Autobahnen werden durch unangepasste Geschwindigkeit oder durch schlafende Fahrer verursacht. Befürworter eines Tempolimits auf Bundesautobahnen wissen längst, dass es eine Symbiose zwischen deutschen Autobahnen und deutschen Autoherstellern gibt: Jahrzehntelang wurden deutsche Autos vor allem für Autobahnen und Autobahnen für deutsche Autos gebaut: Manch einer erinnert sich vielleicht noch an den ominösen Cw-Wert, den sogenannten Luftwiederstandsbeiwert, ein heute nicht mehr beworbener Messwert für die Fahrtwindschlüpfrigkeit einer Karrosserie. Dieser Wert, der nur bei Höchstgeschwindigkeit und damit nur auf deutschen Autobahnen überhaupt einen Sinn hatte, erlaubte Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, selbst ästhetisch völlig verunglückte Karrossen an den Mann zu bringen. Ein besonders niedriger Cw-Wert spart Benzin, hieß es im Nachgang der Ölkrise, obwohl bereits eine moderate Fahrweise selbst bei einem Fahrzeug mit dem Cw-Wert eines Scheunentores mehr Benzin sparte.
Inzwischen nehmen ohnehin so viele freie deutsche Bürger das Recht auf freie Fahrt auf deutschen Autobahnen in Anspruch, dass sich auf den wichtigsten Autobahnstrecken die Forderung nach einem Tempolimit erübrigt: Lohnt sich die verbindliche Einführung einer Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern, wenn die auf den Hauptstrecken maximal erreichbare Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen Massen von LKWs 50 Stundenkilometer nicht übersteigt?
Für die Harten und Zähen unter uns aber gibt es ein Fernreiseziel mit einem fast ebenso großen Chillfaktor wie Mallorca, das grundsätzlich nur mit dem eigenen Auto bereist wird, richtiges fernes Ausland: Skandinavien! Nach Skandinavien fliegt man nicht, nach Skandinavien fährt man. Mit dem Auto und der Fähre. Oder – inzwischen – nur mit dem Auto: über Dänemark, über die Öresundbrücke, eine Schrägseilbrücke, die von Kopenhagen aus über den Öresund nach Malmö führt, eine massive weiße Stahlbetonkonstruktion für Straßen- und Schienenverkehr. Wer hingegen fliegt, outet sich als Geschäftsreisender, und für die gibt es in ganz Skandinavien erst einmal nur ein Ziel: Kopenhagen-Kastrup. Dort kann man dann feststellen, dass es in Skandinavien außer Stockholm und Oslo und Helsinki tatsächlich noch zwei, drei weitere Flughäfen gibt. Kalmar zum Beispiel, zwischen Malmö im Süden und dem über 500 Kilometer weiter im Norden gelegenen Stockholm die einzige nennenswerte Stadt an der Ostküste Schwedens: zwei Flugsteige, von denen in der Regel nur einer in Betrieb ist: Passengers to Jönköping please proceed to Gate Number … 1! Aufregend.
Skandinavienfahrer erkennt man nicht an aufgemotzten Dreier-BMWs, sondern an möglichst großen Kombis, vorzugsweise Volvos. Das ist eine sehr deutsche Angewohnheit: Jenseits rationaler Argumente drückt man so mit der Fahrzeugmarke und der Kombivariante ein ebenso elitäres wie scheinbar robustes, praktisches Selbstverständnis aus, ein Bekenntnis zum Elch unter den Autos. Dazu wird gern ein kleiner Aufkleber in Form des schwedischen rot-gelben Warnschildes für Wildwechsel – im Gegensatz zum deutschen springenden Rehbock ein gravitätisch schreitender Elch – als Erkennungszeichen für Gleichgesinnte ans Heckfenster geklebt.
Ich hatte auch mal einen Volvo. Modell 850 Kombi, erste Baureihe. Beim ersten Besuch in Schweden mit diesem Wagen fiel mir auf, dass Volvo-Kombis in Schweden nur von ganz bestimmten Leuten gefahren wurden: Polizisten, die den üppigen Stauraum dazu nutzten, ständig eine komplette Überlebensausstattung für jeden Eventualfall bis hin zum dritten Weltkrieg mit sich zu führen, Handwerker und Familienväter – diese jedoch nur, solange Kinderwagen unverzichtbar waren – und schließlich Touristen aus Deutschland! Mein stolzer Volvo-Kombi war in Schweden überraschenderweise kein Statussymbol. Schweden, die etwas auf sich halten, leidlich gut verdienen und nicht gerade zwei oder drei Kinderwagen transportieren müssen, kaufen lieber eine Limousine, mit Anhängerkupplung für den obligatorischen Wohnwagen.
Wir Deutschen bezichtigen immer die Niederländer, das fahrende Volk der Wohnwagenbesitzer zu sein, doch das ist eine irreführende Wahrnehmungsverengung durch unmittelbare Nachbarschaft: Die heimliche Heimat der Wohnwagenbesitzer Europas ist Schweden! Warum? Vergleichen Sie einfach mal: Nach Sylt, der deutschen Angeberinsel jetzt und immerdar, kommen Sie nur per Autoverladezug (inklusive abschreckendem Aufpreis für Wohnwagengespanne). In Westerland angekommen, stellen Sie fest, dass die Insel zu 89 Prozent aus Unterkünften, Ferienhäusern, Hotels, teuren Hotels, Pensionen, Restaurants, noch mehr Restaurants, Cafés und Souvenirshops besteht, die Quartiere allerdings leider, leider schon seit 1982 ausgebucht. Kinder?! Oh nein, da sind wir schon seit 1953 komplett ausgebucht.
Öland, das Sylt der Schweden, ist seit 1972 durch eine sechs Kilometer lange Brücke mit dem Festland verbunden und somit kostenlos auch für Wohnwagengespanne erreichbar geworden. Auf Öland macht jeden Sommer die Königsfamilie kurz Pflichturlaub – die Kronprinzessin muss am 15. Juli, dem Victoriadag, Landschaftsverbundenheit zeigen -, und das bedeutet, dass sich das royale und das ambitioniert bürgerliche Schweden jeden Sommer wieder auf Öland einfinden. Für drei, vier Wochen steigt die Bevölkerungszahl der zwar 130 Kilometer langen, aber kaum mehr als 5 Kilometer breiten Insel von ca. 20 000 (August bis Juni) auf 200 000 (Juli). Im Unterschied zu Sylt besteht Öland allerdings nur zu 0,89 Prozent aus Unterkünften, Hotels, Restaurants, Cafés und Souvenirshops. Den Großteil der touristischen Infrastruktur machen Campingplätze aus. Wer also herausfinden möchte, was die europäischen Wohnwagenhersteller so im Angebot haben, sollte im Juli Öland besuchen und sich das tägliche Defilee von rund 50 000 Wohnwagen aller Marken und Hersteller auf dem etwa 50 Kilometer langen Straßenstück zwischen Mörbylånga und Borgholm ansehen.
 
Wer denkt, dass man mit einem Wohnwagen am Haken zu einem bestimmten Ziel (Campingplatz) fährt, dort zwei, drei Wochen bleibt und dann wieder abreist, verkennt das ruhelose Wesen der Schweden: Hier herrscht das allmansrätt, das Recht, überall und jederzeit kurzzeitig Quartier aufschlagen zu dürfen. Und davon wird auch leidlich Gebrauch gemacht; ein Schwede koppelt seinen Wohnwagen nicht ab, sondern fährt damit sogar Brötchen holen: Man könnte ja noch einen schöneren Platz finden! Deutsche Camper, die gern auf ihre Mobilität pochen, sind auf Öland regelmäßig überfordert: Sie vermissen die Campergemeinschaften mit langjährig gebuchten Standflächen, Plastikjägerzäunen, gemeinschaftlichen Grillabenden und traulichem Miteinander! Was in Deutschland Stoff für Fernsehserien bietet, findet in Schweden kaum statt: Der vorgestern eingetroffene schwedische Nachbar mit dem dicken Volvo und dem riesigen Knaus-Wohnwagen ist am zweiten Morgen bereits wieder verschwunden. Brötchenholen. Ob er wiederkommt – ungewiss. Es gibt andere schöne Orte.
Das allmansrätt, auf Deutsch Jedermannsrecht genannt, ist ein uraltes Gewohnheitsrecht, das darin besteht, sich auf unbestelltem, unbebautem Gelände frei bewegen und aufhalten zu dürfen. Ausgenommen sind bestellte Äcker und Felder und alle eingezäunten Parzellen, also Höfe, Gärten, Anlagen. Außerhalb dieser eingefriedeten Bereiche kann man praktisch frei und ungebunden leben, sein Zelt aufschlagen, Feuer machen und in den großen Seen beliebig fischen – zumindest einen Tag lang. Das Privateigentum an Grund und Boden steht in Schweden hinter diesem alten Recht zurück: Es kann nicht gänzlich verwehrt, sondern höchstens aus Schutz- und Sicherheitsgründen eingeschränkt werden. Jahrhundertelang hatte dieses Grundrecht nicht einmal einen Namen, so selbstverständlich erschien es den Schweden. Es handelt sich um ein tatsächlich »ungeschriebenes Gesetz« (lex non scripta), was Juristen hierzulande mit Misstrauen betrachten würden. Die Tatsache, dass es ungeschrieben ist, hat Konsequenzen: Jeder denkbare Rechtsstreit über Freiheiten und Grenzen des allmansrätt wird mangels einer sogenannten Gesetzeslage seit jeher fallweise entschieden – und das hat zur Folge, dass es kaum Streitfälle gibt. Das allmansrätt beruht auf einem nationalen Konsens: Also vermeidet man eben Streit. Auch der Begriff allmansrätt bürgerte sich erst vor 50, 60 Jahren ein – ohne dass es schriftlich fixiert wurde. Bemerkenswert für ein Grundrecht, das in Schweden heute sogar Verfassungsrang hat.
Dieses Prinzip trägt der geringen Einwohnerdichte Schwedens Rechnung: 410 000 Quadratkilometer Fläche mit einer Bevölkerungsdichte von 22 Einwohnern pro Quadratkilometer (Deutschland hat ca. 267 Einwohner/km2). Doch das ist ja nur ein Mittelwert. Schauen wir mal genauer hin: In Südschweden beträgt die mittlere Bevölkerungsdichte stolze 43, in Nordschweden unter 10 Einwohner/km2. Zum Vergleich: Das über grassierende Entvölkerung klagende Bundesland Brandenburg bringt es auf 73 Einwohner pro km2, Berlin auf rund 3000. Und Stadt ist nicht gleich Stadt: Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte der Einmillionenstadt Stockholm liegt bei 1600 Einwohnern / km2. Schweden verfügt also über eine riesige Reserve wilder, nahezu menschenleerer Natur. Selbst im dichter besiedelten Süden, denn jede Kleinstadt mit ein paar tausend Einwohnern ist auch in Südschweden umgeben von weiten, ziemlich einsamen Landstrichen.
 
Deutsche Autofahrer, die im schwedischen Hafen Trelleborg von der Fähre rollen, fahren aus dem Hafengelände auf ein gut ausgebautes Fernstraßennetz mit geringem Verkehrsaufkommen. Nur in Schonen, der sogenannten Kornkammer Schwedens, der südlichsten Provinz des Landes, entspricht die Siedlungsdichte etwa der von Schleswig-Holstein und Dänemark. Wer zum ersten Mal von Trelleborg Richtung Malmö oder über die schon erwähnte hypermoderne Sundbrücke von Kopenhagen nach Malmö fährt, erreicht das ebenfalls neue Hauptverteilerkreuz für allen Verkehr vom Kontinent, den »Trafikplats Rosenfors«. Das ist ein Verkehrsknotenpunkt wahrhaft amerikanischen Zuschnitts und Ausdruck der Erwartung der Schweden, dass die Brücke nach Kopenhagen das Verkehrsaufkommen vervielfachen würde. Ob sie sich darauf freuen oder sich davor fürchten sollen, darüber rätseln die Schweden heute noch. Hier wurde wirklich raumgreifend gebaut, was sich einem besonders dann erschließt, wenn man in einer Wochenendnacht kilometerweit über vollkommen leere, riesige Straßenanlagen fährt. Fährt, wie gesagt. Man rast nicht, nicht in Schweden. Die höchste zugelassene Geschwindigkeit auf einem vierspurigen Teilstück der Fernstraße Malmö-Göteborg beträgt 120 km/h, die Riesenanlage Rosenfors weist als Höchstgeschwindigkeit 90 km/h aus. Aber wer fährt schon dauernd Höchstgeschwindigkeit?
Reisende aus dem Land der unbegrenzten Geschwindigkeit erkennt man in Südchweden auch ohne einen Blick auf das Kennzeichen: Sie fahren auf den Fernstraßen meistens zu dicht auf. Wer die Strecke Berlin – Rostock ab Autobahndreieck Wittstock mit Überschallgeschwindigkeit zurückgelegt hat, sieht sich bei der Ausfahrt 4 aus dem Hafen Trelleborg plötzlich gezwungen, sich auf einer fast leeren, vierspurigen, leuchtend grün beschilderten Straße mit 90 km/h zu begnügen. Manche meiner Landsleute können das gar nicht! Deutsche Fahrzeugingenieure setzen ihren ganzen Stolz daran, Autos so zu bauen, dass man bei Richtgeschwindigkeit 130 Motor-, Räder- und Luftgeräusche kaum hört. Bei schwedischem Tempo auf guter Straße bemerkt der deutsche Autofahrer kaum noch, dass er überhaupt fährt; für junge Fahrer von 3er-BMWs oder spätjunge Porsche-Fahrer ein irritierender Zustand.
Es ist allerdings ratsam, sich in Schweden an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit zu halten, sogar sonnabendnachts um zwei Uhr, denn um diese Zeit hat auch die schwedische Polizei nichts anderes mehr zu tun, als die wenigen, einsamen Fahrzeuge zu beobachten, die noch im Land unterwegs sind. Und das können sie – zumindest in Südschweden – erstaunlich gut: So endlos weit die zu überwachenden Landstriche auch sind, so gering ist die Zahl der Fernstraßen und größeren Landstraßen. Da gibt es viele Messstrecken, zudem im Dutzend über viele Kilometer aufgestellte Blitzanlagen, und auch die Überwachung aus der Luft funktioniert beklemmend zuverlässig.
Ich bin immer wieder erstaunt, wer in Schweden alles mit wem worüber spricht. In Deutschland wachen Datenschutzbeauftragte darüber, dass das Militär nicht mit der Polizei spricht, das Ordnungsamt nicht mit dem Sozialamt, die Polizei nicht mit dem Finanzamt. Wenn unser Innenminister eine dieser Barrieren durchlöchern will, gibt es regelmäßig einen medialen Aufstand. Schweden würde ihm vermutlich gefallen: Hier stehen die Steuerverzeichnisse aller Bürger einsehbar in jeder Polizeiwache, alle Einkommen oberhalb von 50 000 Kronen wurden lange in einem besonderen Verzeichnis -, dem taxeringskalender -, für die Öffentlichkeit zugänglich aufgelistet – das erleichtert im Zweifelsfall die Strafverfolgung. Das Militär wird auch schon mal im Inland eingesetzt: Wer schweres Gerät hat, räumt Schnee beiseite, im Winter brettern ungeniert sowohl das Militär mit Kampfpanzern als auch größere Speditionen mit ihren LKWs – jeweils mit Räumschilden ausgerüstet – über die Landstraßen und schieben Schnee beiseite. Und wer immer auch gerade mit einem Fluggerät in der Luft ist, hat kein Problem damit, die Polizei zu informieren, wenn er ein ungewöhnlich schnell fahrendes Fahrzeug bemerkt.
Hinzu kommt eine geradezu erschreckend umfassende gegenseitige, zivile Kontrolle. Ich bin nach mitternächtlicher Ankunft auf der herbstlich einsamen Insel Öland am Morgen von unserem Nachbarn Bengt mit dem Hinweis begrüßt worden, Pers aus dem fünf Kilometer entfernten Nachbarort habe ihn gerade angerufen und ihn gebeten, »seinem Deutschen« zu sagen, das Straßenverkehrsrecht würde in Schweden auch nachts gelten und an der Pinnekulla-Kreuzung stünde nun mal ein Stoppschild. Ich war zunächst sprachlos. In Deutschland beginnen so Nachbarschaftskriege (fünf Kilometer Entfernung gelten in Schweden noch als »gleich nebenan«). Doch Pers Anruf war fürsorglich gemeint: Er hätte, wenn ich nicht ein bekannter Nachbar gewesen wäre, genauso gut gleich die Polizei verständigen können, als er spät nach Mitternacht meinen vorbeifahrenden Wagen erkannte.
Erleichtert wird das Einhalten der Geschwindigkeitsbeschränkung dadurch, dass schwedische Straßen viel weniger abgenutzt werden als deutsche, sodass man seltener durch lästige Baustellen aufgehalten wird. Hinzu kommt, dass Schweden, bevor es 1995 der EU beitrat, offenbar die Auflage erhielt, auf den Fernstraßen etwas unseren Leitplanken Vergleichbares zu installieren. Früher waren Fernstraßen in Schweden breite, zweispurige Straßen, auf denen man ewig dahinrollte. Schweden, die nicht immer Höchstgeschwindigkeit fahren wollten, wichen von selbst entspannt zum rechten Rand, wenn sie im Rückspiegel jemanden heranbrausen sahen. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Ich weiß nicht, ob oder was Brüssel damals verlangt hat, jedenfalls haben die Schweden nach dem Beitritt begonnen, auf ihren Fernstraßen das wohl merkwürdigste Verkehrshindernis zu errichten, das die Welt je gesehen hat: Stahldrahttrossen, drei übereinander, über Hunderte von Kilometern, die Fahrbahnmitte entlang. Durch diese Trossen wird jedes Überholmanöver zum russischen Roulette. Und damit nicht genug: Man hat aus den einst zweispurigen Straßen dreispurige Straßen gemacht, zwei Spuren in eine Richtung, Stahldrahttrossen und dann eine Spur in die andere Richtung. Alle drei bis fünf Kilometer wird gewechselt – bergauf zweispurig, bergab einspurig. Der stete Wechsel hält geistig jung.
 
Unsere Nachbarn im Norden, gewohnt, ihren Schnaps nur beim Staat zu kaufen (oder selbst zu brennen), sind offen für Schnapsideen und haben die Stahldrahttrossen klaglos hingenommen. Das ist typisch: In Schweden nimmt man Entscheidungen der Regierung immer erst einmal hin. Björn, mein bester Freund in Schweden, ist Busfahrer und befährt regelmäßig die Hauptstrecke Malmö – Stockholm, 600 Kilometer die Stahltrossen entlang. Ich habe ihn noch kein Wort über die Stahldrähte verlieren hören, obwohl er viel öfter als ich den staatlich organisierten Zusammenbruch des Fernverkehrs erlebt haben wird, der immer dann entsteht, wenn jemand auf einem einspurigen Teilstück seine Ausfahrt verpasst hat und nun unsicher und immer langsamer wird. Während der irritierte Fahrer im Schritttempo orientierungslos oder nebenbei Landkarten lesend vor sich hin zockelt, kommt hinter ihm der nordeuropäische Fernverkehr nach Stockholm zu der staatlicherseits erwünschten Ruhepause. So sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit auf solchen Fernstraßen – auch ohne nennenswerten Verkehr – gern mal auf 30 Stundenkilometer. Wenn es gar zu einem Unfall kommt, auch nur einem leichten, sorgt die stahldrahtbewehrte Einspurigkeit dafür, dass auf der Fernstraße stundenlang gar nichts mehr geht. Falls man gerade noch irgendeine Ausfahrt oder Kreuzung erreicht, folgt man dann mitten in der Nacht den Rücklichtern eines polnischen LKW auf nicht ausgeschilderten Umleitungen durch schwedische Urwälder. Hat man die ganze Familie dabei, wird die Vorstellung, aus irgendeinem Grund liegenzubleiben, zu einer Urangst. Auf uns wirkt das so, als habe der schwedische Staat versucht, seine Bürger mal etwas erleben zu lassen, was man sonst nur aus Ballungszentren kennt: den Stau.
Der deutsche Autofahrer fährt in Skandinavien etwa ein, zwei Stunden lang zu schnell und zu dicht auf, bevor er oder sie eingesehen hat, dass das Zurücklegen von 50 bis 90 Kilometer Distanz in einer Stunde doch viel mehr ist, als man selbst unter besten Bedingungen zu Fuß erreichen könnte.
Wer von Schweden nach Deutschland fährt, erlebt dagegen eine andere Überraschung: Raser. Gewiss, auch schwedische Autofahrer brechen manchmal die Regeln und fahren schnell – moderne Volvos und Saabs können das durchaus auch! -, doch wir reden hier von 120 bis 140 km/h statt 90 km/h. Das ist für Schweden schon atemberaubend. Und in Deutschland über weite Strecken völlig legal! Doch dann kommt der Stolz der deutschen Automobilindustrie. Mit 180 bis 210 km/h, fahrtechnisch gekonnt dicht an der Mittelleitplanke und mit aufblitzendem Fernlicht frühzeitig auf diesen straßengebundenen Tiefflug aufmerksam machend. Die Geschwindigkeitsdifferenz zu unserem gerade am Rausch der automobilen Freiheit teilnehmenden Schweden beträgt also 60 bis 70 km/h. Es soll, heißt es, vereinzelt auch deutsche Betreiber alter Nuckelpinnen geben, die sich zur mühsamen Überholung eines mit für uns geradezu mäßigen 130 dahinbrausenden Omnibusses auf die linke Tiefflugspur wagen, doch in den meisten Fällen handelt es sich wahrscheinlich um eingebürgerte Schweden, die mit den üblichen Gepflogenheiten auf Bundesautobahnen noch nicht vertraut sind.