Lesereise Afrika
Picus

Andreas Altmann

Lesereise Afrika

Andreas Altmann

Lesereise Afrika

Im Herz das Feuer
Quer durch den Kontinent

Picus Verlag Wien

Copyright © 2012 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien
Umschlagabbildung: © Uli Reinhardt / Zeitenspiegel
Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien
ISBN 978-3-7117-5114-0
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt

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»Einen Fremden anfassen bringt Glück.«

AZEN, DER SUDANER

»Ich besitze zwei Gewänder, eines, um mich auf ihm auszuruhen, eines, um mich zu bedecken: die Erde und den Himmel.«

TANI, EINE MASSAI

»Die Reisenden treten die Flucht an, und die Stubenhocker verstecken sich.«

FRANCIS WYNDHAM

Inhalt

Kairo, wenn es Nacht wird, wenn es Tag wird

Auf und davon

In die Hölle oder ins Land mit dem Willkommenstee

Die Flucht, die Rückkehr, auf nach Chicago

Durch die Wüste, vorbei an Sudanesinnen mit schönen Händen, an Heuschreckenschwärmen und einer Leiche

Starke Gefühle und die Begegnung mit zwei Gangstern, die mich beschenken und berauben

Durch das Haus des Lustmörders, über den Fluss, im Herz das Feuer

Kairo, wenn es Nacht wird, wenn es Tag wird

Eines Nachts schlendere ich durch die leeren Straßen von Old Cairo und sehe unter dem fahlen Schein einer Laterne jemanden stehen, der mich herüberwinkt. Seine Handbewegung hat etwas seltsam Suggestives. Ohne zu zögern gehe ich auf ihn zu. Als ich vor ihm stehe, umarmt er mich und fährt behutsam mit den Fingern über mein Gesicht. Er zieht mich zu sich heran, und ich erkenne seine toten Augen. Er küsst meine Stirn. Einmal, sacht, ohne freche Intimität. Der Alte sagt nichts, und ich habe den Kuss wohl verstanden. Er ist blind, und er ist allein. Wer immer hier durch diese verlassene Gasse kommt, wird geküsst. Als Heilmittel gegen die Einsamkeit. Seine. Und die des Fremden.

Im Westen beginnen Märchen mit »Es war einmal«. Hier heißt es Kan ya makan, was wohl so viel bedeutet wie »Es gab einmal, es gab einmal nicht«. Vielleicht passierte es, vielleicht passierte es nicht. Die arabische Sprache ist zuallererst Zauberer. Um eine Wirklichkeit herzustellen, die in der Realität nicht stattfindet. »Ein Morgen voller Segen, ein Morgen voller Licht«, so begrüßen sie sich hier. Auch wenn der Tag trüb ist und düster, auch wenn sie im nächsten Augenblick zurückkehren zum Unrat und den Pariahunden ihrer Straßen. Ihr Leben ist schwer und ihre Worte sind leicht. Die träumen.

Weiß jemand ein offensichtlicheres Beispiel für die Verführungskraft der arabischen Sprache als jene tausend Nächte lang fantasierende Scheherazade, die um ihr Leben plappert, um nicht wie alle anderen Jungfrauen vor ihr den hübschen Kopf abgeschlagen zu bekommen?

Ich muss aufpassen. Die Lust zum Träumen ist ansteckend. Ich war zu lange in Arabien. Die Geschichte vom Alten, der mich umarmte: So steht sie in meinem Tagebuch. Alles andere ist längst umstritten. Ich schwöre, dass ich wahr sein will. Aber schon fühle ich mich schwach, benebelt von einem Land, dessen Sprache zum Fliegen taugt, zum Abheben und Fantasieren. Nur eiserne Disziplin wird helfen. Um nüchtern zu bleiben und zu berichten, was war, und was nicht. Auf der Reise durch Kairo und den weiten Weg hinunter in den Süden.

Nüchtern, schreibe ich. Und schon am nächsten Tag rauscht mir der Kopf. Wieder winkt jemand herüber. Diesmal Bauarbeiter, die mich zu ihrer Mittagspause einladen. Das Teewasser zischt, die Wasserpfeife blubbert. Ein strahlender Dicker kommt dazu. Er packt sein Haschisch aus, mischt es mit dem Tabak der Pfeife und streckt mir das Mundstück entgegen. Ich sauge dankbar und frage zerstreut nach den Vorsichtsmaßnahmen. Ob die Gegend – taghell im Nobelviertel El Zamalik – sauber sei, ohne zudringliche Polizei. Der Dicke grinst hämisch und zieht seinen Ausweis heraus. Einmal bin ich fällig, ich wusste es. »Inspector Mohamed G.« steht da. Links oben klebt sein Bild. Der perfide Fettkloß, unverkennbar. Mein Schreck gefällt ihm. Dann kichert er: »No problem, no, no.« Inniges Gelächter der Umstehenden. Hier spitzelt niemand, ab sofort rauchen wir unter Polizeischutz.

Kairo bremst keiner mehr. Wie ein gefräßiges Monster lauert es an den beiden Seiten des Nils und frisst sich in die Wüste. Mit Mexico City rast es um die Wette, wird irgendwann siegreich und tot das Rennen beenden. Ausgelöscht von zu vielen Menschen, zu vielen Tieren, zu viel Erschöpfung. Eine Sprache für das Monster gibt es schon lange nicht mehr. Zu maßlos wuchern seine Ausmaße. Ich will nur Nahaufnahmen liefern. Mit etwas Glück verschaffen sie eine Ahnung von der Totalen.

Ich kaufe einen Stadtplan. Ein letzter Versuch, die Stadt wenigstens virtuell in den Griff zu bekommen. Sie so zu verkleinern, dass aus fünfhundert Metern ein Zentimeter wird. Ein hilfsbereiter Mensch kommt dazu, will mir helfen beim Entschlüsseln der Gigantomanie. Und was macht der? Fassungslos starrt er auf das Papier und stellt es auf den Kopf. Wie aufschlussreich: Kairo, seine Welt, scheint zu groß. Er dreht sie herum, vielleicht kommt er ihr dann näher. Gandhi fällt mir ein, der meinte, der Umfang eines Dorfes wäre uns gemäß. Alle anderen Größen würden uns überfordern, uns einsamer machen.

Hätte ich irgendeine Gebrauchsanweisung abzuliefern, ich würde verfahren wie Elias Canetti, bevor er nach Marokko aufbrach, um seine »Stimmen von Marrakesch« zu schreiben: Jeden Reiseführer in die Mülltonne werfen und vertrauen auf den Zauber und die Heimlichkeiten, die seit Jahrtausenden da sind. »Stay hungry«, notierte Henry Miller einmal. Hungrig bleiben, das schon.

Ich kaufe Brot und sehe Ahmed, den Bäcker. Er hält es nicht aus, dass ich Schlange stehe, und bittet mich in seinen rußschwarzen Verschlag. Während ich eintrete, rennt er hinaus und holt einen Stuhl. Ich muss sitzen. Dann wieder hinaus für eine Tasse Tee. Ich muss trinken. Dann wetzt er zurück zu seinem Hochofen, jongliert mit den Teigfladen, fährt sie mit der langen Holzkelle ins große Feuerloch, holt das fertige Brot heraus und segelt es lässig zum Ladentisch. Von vier Uhr früh bis sechs Uhr abends steht er da. Seit vierzig Jahren. Sechs Mal die Woche schafft er zweitausendeinhundert Laib. Achtundfünfzig Jahre alt, sechs Kinder, eine Frau, sein Grinsen und die vom Mehlstaub weißen Brusthaare. Die Daten eines Heiligen.

Meine Bartstoppeln müssen weg. Friseurbesuche sind Vertrauenssache. Schließlich hält der Mensch eine Klinge an meine Gurgel. Ich finde Wail. Er ist mein Mann. Auf einem Quadratmeter Laden verdient er sein Leben. Kein Kunde wartet. Er selber sitzt auf dem Rasierstuhl und streichelt eine Ziege, die auf seinem Schoß sitzt. Wail rasiert wie ein Weltmeister. Von unten schaut das Tier. Unduldsam und drängend. Blitzschnell und fehlerlos schabt Wail mich glatt. Die beiden wollen mich loswerden, wie offensichtlich. Als er eilig nach draußen geht, um Wechselgeld zu besorgen, meckert sie hinter ihm her. Könnte sie heulen, sie würde augenblicklich loslegen.

Eine Stunde später schleiche ich nochmals vorbei. Um herauszufinden, ob ich recht habe. Kein Zweifel. Wail sitzt wieder auf dem Stuhl und die Ziege wieder auf seinem Schoß. Und er streichelt sie, aber wie. Der Friseur und die Ziege, das ist ein Verhältnis. Love is a many splendid thing.

Abdul schleppt mich ab, in den familieneigenen Betrieb, den Palace of Thousand Flowers. Und tausend Parfums duften, Secrets of the Desert und Black Narcissus und Forever Young. Aber Abdul und seine Brüder haben keinen Charme, sie machen Druck, produzieren schlagartig dieses kalte Desinteresse, wenn der Kunde zwei Mal nein sagt. Aber ich lüge gern, sage zwei Mal ja: »Ja, morgen werde ich meine Frau mitbringen.« Sie wäre haltlos vor jedem orientalischen Geruch, würde blindlings nach Börse und Scheck greifen. Ich will keine kalten Gefühle, halte mich an den weisen Karl Kraus, der nie verstanden hat, warum jemand ohne Not die Wahrheit sagt.

Durch den Khan el-Khalili Basar, riesig, verschlungen, hinter jedem Eck eine Überraschung. Und diesmal erwischt es mich. Denn Fahti hat ein Auge auf mich geworfen. Und der Typ hat ein schnelles Lächeln, verrät sogleich: »You are something very special.« Nicht wie all die anderen. Er weiß umgehend Bescheid: »I saw you, I knew you.« Fahti gilt als das gerissenste Schlitzohr in der Gegend und sein bravouröser Eröffnungssatz dient als erste Breitseite, um den potenziellen Kunden weichzuklopfen. Nach siebzehn Umwegen hat er mich dorthin manövriert, wo er mich haben will: In seinen Box Shop, einem Sammelsurium verschiedener kleiner Holzkistchen.

Sieben »Golden Books« liegen herum. Die Odensammlung einer höchst zufriedenen Kundschaft. Bevor ich durchblättern darf, erwähnt Fahti schnell und vertraulich, dass eine »letzte handgearbeitete Originalschatulle noch vorrätig« sei. Ich blättere und sehe lauter fotografierte Opfer mit letzten handgearbeiteten Originalschatullen. Daneben ihre fröhlich gekritzelten Dankschreiben. Fahti, der Verführer. Er lächelt bescheiden, sein Verkaufsgenie ist beachtlich. Siehe Martin B. aus Berlin, er gesteht: »Zuerst dachte ich, mein Gott, wieder einer dieser Schlepper, aber einer kleinen Box konnte ich nicht widerstehen. Doch jetzt kann ich echt nichts mehr schleppen.«

Ich bleibe eisern, obwohl Fahti jedes Register zieht und zu allen Mitteln greift, um mich zu versuchen. Tee gibt es, die Wasserpfeife, drei Runden Hasch, zwei letzte Sonderangebote, einen Spezialkredit und das Versprechen, ein Kästchen, gegen Anzahlung, aufzuheben. »And all creditcards accepted«, besser: »all currencies accepted.« Und der bedrohliche Hinweis, dass die letzte handgearbeitete Originalschatulle in einer Stunde weg sein könnte.

Das ist geschwindelt, denn um diese Zeit sitze ich noch immer auf dem Sofa, jetzt blau wie Fahti, der irgendwann seinen Dattelschnaps hervorholte. Zuletzt tränen uns die Augen, im »Golden Book Number Five« entdecken wir Doris L., die begeistert hinschreibt: »Viel Glück gehabt. Beim freundlichen Fahti, der auch Deutsch spricht, eine letzte handgearbeitete Originalschatulle erstanden. Genau das passende Geschenk für Alf.«

Als T. E. Lawrence nach seiner Zeit als »Lawrence von Arabien« nach England zurückkehrte, wurde er gefragt, was er am meisten vermisse. Und Lawrence: »Die Freundschaft, die Gastfreundschaft.«

Im Osten von Kairo liegt Qarafat el Migawirin, die Totenstadt. Ausländern ist der Zutritt offiziell verboten, aber mit Abed, der einen Schleichweg weiß, und mithilfe eines Burnus, den er mir drüberzieht, falle ich nicht auf. Alte, verkommene Gräber. Kleine Kuppelhäuser mit Vorplatz, die Tür verschlossen. Auf ewig verlassen. Wenige werden regelmäßig besucht. Wir sehen eine Mutter mit Kindern auf dem Steinboden sitzen. Der Vater starb vor Jahren, seit Jahren kommen sie jede Woche. Neben den beiden ein »Koransprecher«, einer, der das Buch auswendig weiß und jetzt – gegen Entgelt – die entsprechenden Suren vorbetet.

Abed ist Student, er ist zum ersten Mal hier, wir verlaufen uns. Wir stoßen auf eine fünfköpfige Familie, die eine Kuppel beschlagnahmt hat. Sie hausen zwischen den Leichen, weil unter den Lebenden kein Platz mehr ist. Grab, Küche und Schlafzimmer auf zwölf Quadratmetern. Der rauchende Vater, seine Frau, die Tee für uns kocht. Ergreifend der Anblick der achtzehnjährigen Tochter. Ein bildschöner Mensch, ein Gesicht zum Anstarren. Ob ihr je jemand gesagt hat, wie schön sie ist? Scheu und ernst antwortet sie auf jede Frage. Man spürt ihre Intelligenz. Sie kann nicht lesen und schreiben, hat keine Schule besucht. Der Vater lässt sie nicht weg, aus Angst, sie könnte dem falschen Mann begegnen. Mona wehrt sich nicht gegen ihr Leben zwischen den Toten. Der Vater entscheidet, so ist es. Mona heißt die »Hoffnung«.

Ihre Adresse in der Totenstadt verfügt über einen einzigartigen Vorteil: Sie ist leise. Der Rest des Fünfzehn-Millionen-Kessels, da, wo die Lebenden wohnen, tost wie eine der Vorhöllen Dantes. Als wir zurückkommen, wirkt der Kontrast umso archaischer. Schweißgebadete Kulis und füßeküssende Krüppel. Fliegende Kammerjäger und souverän simulierende Lahme. Teegläser balancierende Kinder und Scharen siebzehnjähriger Arbeitsloser. Luftdicht verpackte Frauen und heisere Straßenprediger. Lautsprecherbewaffnete Muezzine und die Fanfaren preschender Taxis. Ein Häuflein lebensmüder Radfahrer und die Hechtsprünge heroischer Fußgänger, die auf die andere Seite wetzen.

Eine Busfahrt stimmt ein. Der Schaffner muss die Hintertür zwangsverriegeln, um die bereits Anwesenden vor dem Erstickungstod zu bewahren. Doch die Situation verschärft sich noch einmal, als ein Halbwüchsiger im Schutze der Raumnot nach dem außerehelichen Hintern einer Frau greift, die dem Nebenmann gehört. Fäuste fliegen, Eskalation, Fluchtbewegungen, ein anderer Hintern – riesig und bisher unberührt – schleudert in die falsche Richtung und landet auf mir und meinem Sitznachbarn. Ich sitze und gurgle. Und fasse ihn an. Aus Notwehr.

Wie wohltuend, dass hinterher ein Besuch im El Sultan ansteht. Das türkische Bad hat die Ausmaße einer großzügig angelegten Katakombe. Durch die winzigen Öffnungen im Plafond fallen die Strahlen der Sonne. Eine Katze schläft, Wasser plätschert, ich steige in eine der heißen Wannen. Hinterher greift Amir ein. Erster Masseur im Haus, nebenbei Gliedermelker, Halswirbeleinrenker und Rückgratverkrümmungsreparierer. Er walkt mich tot. Und lässt mich in Tücher gerollt liegen. Der fertige Leib. Amir benimmt sich wie diese Stadt, zuerst Qualen, dann Wohlgefallen. Von fern noch höre ich das Flüstern zärtlicher Männer. Baden, lieben, massieren, ruhen, so sinnliche Zustände verspricht ein hammam.

Draußen vor der Tür wartet Rashid. Eben auf einen, der gerade des Wegs kommt. Diesmal trifft es mich. Rashid, der Nichtstuer, der Überreder, der begnadet eloquente Faulpelz, der als Beruf »Designer« erfindet. Sein Mund zuckt, die Nase zuckt. Er verspricht sofort, dass er »absolutely no money« will. Und tatsächlich, er lädt mich zu einer Limonade ein. Später fällt ihm ein, dass er doch Geld will. Er habe zu viel gedacht heute, er müsse sich nun entspannen und brauche etwas zum Rauchen. Ich reagiere fantasielos und mache ihn auf den Widerspruch aufmerksam. Zuerst absolutely no money und jetzt doch money. Wie europäisch ich funktioniere. Und hilflos. Rashid hält für jeden Engpass zehn Ausreden bereit. Natürlich weiß er selbst nicht mehr, wo seine Wirklichkeit aufhört und wo das Spinnen und Fabeln anfängt. Aber jetzt ist jetzt, und vorher ist lange vorbei. Wo liegt da der Widerspruch? Das ist wunderbar verwirrend und klar.

Und wir gehen zu Hafis. Der Alte, würdig, elegant, ganz in Weiß gekleidet, sitzt am Boden seiner Wohnhöhle und trinkt Tee. Rashid drückt ihm diskret ein paar Scheine in die Hand, die anwesende Familie zieht sich zurück. Das scheint ein Ritual zu sein, jedermann weiß Bescheid. Aus einem Säckchen holt Hafis den Stoff, Rashid zerschneidet ihn, legt das Haschisch auf die glühende Kohle der Wasserpfeife, zieht als erster. Nicht als erster Kunde – das ist Hafis, der Älteste –, sondern als Mundschenk. Um zu prüfen, ob der richtige Zug herrscht und kein technisches Problem den kommenden Genuss stört. Die Zeremonie gehört dazu, sie stimmt ein. Bevor es losgeht, wird das einzige Fenster hoch oben geöffnet. Damit der verräterische Geruch abzieht. Und die Pfeife mit dem schwarzen Afghanen macht die Runde, viele Runden. Hafis und Rashid rauchen wie Profis, ruhig, tief, nicht ein Huster. Nur selige Stille, nur da sein und den Körper der Droge zur Verfügung stellen.

Hinterher, draußen in einem Café, kommt es Rashid wunderbar leicht über die Lippen: Er brauche Geld, noch heute, noch heute sofort. Da ich mich inzwischen ein wenig auskenne bei ihm, bin ich bereits gerüstet und erkläre mich bankrott. Und Rashid fehlt augenblicklich der Wille, mir knallhart nachzuweisen, dass alles ganz anders ist. Dafür biete ich ihm an, mich in Paris zu besuchen, dort hätte ich einen reichen Onkel. Und Rashid kauft ihn mir ab, selig fragt er nach seinem Namen.

Da soll einer kommen und behaupten, dass Drogen nur Mord und Meuchelmord provozieren. Wie oft habe ich sie als friedensstiftend erfahren, als Sedativum zur Stilllegung nagender Sehnsüchte.

Auf dem Nachhauseweg kehre ich noch in eine Teestube ein. Ein freundlicher Zuhälter fragt, ob er an meinem Tisch Platz nehmen darf. Aber ja doch. Alle Menschen, die dazu beitragen, dass ich in die Nähe von begehrenswerten Frauen komme, sind willkommen. Nur schade, dass Tahir bedenkenlos übertreibt. Die schönsten Geschöpfe könne er zu Verfügung stellen, preiswert und »all long night«. Nun habe ich seit Längerem begriffen, dass die Schönsten nie für wenig Geld eine lange Nacht verfüglich sind. Also besitzt Tahir zwei Berufe, Zuhälter und Märchenerzähler. Und ich lasse ihn erzählen, ihn preisen die ägyptische (und sudanesische) Schönheit seiner Huren, ihn ausschmücken das Begehren, mit dem sie nach meinem Körper verlangen, ihm wohltun und ihn mit unaussprechlichen – Tahir: »simply inexpressible« – Todsünden verderben werden.

In solchen Augenblicken fühle ich mich wie ein Kind aus dem 19. Jahrhundert, dem die Mutter eine Gutenachtgeschichte vorlas. Spüre wieder diesen überwältigenden Frieden, der von einer menschlichen Stimme ausgehen kann, diesen wärmenden Singsang, der Eintracht und Schlaflust bringt. Keine Schlaflust aus Überdruss, nein, aus dem wohligen Gefühl, dass die Welt in diesem Augenblick stimmt. Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami sprach einmal von seinem Ururgroßvater, dem die Wüste die schönste aller Farben schenkte, die geheime Farbe der Worte. Damit er auf langen Reisen stets etwas erzählen konnte.

Ich erinnere mich einer Reuter-Agenturmeldung über »Bell Telephone« und deren unverfrorene Idee, Väter aufzufordern, über eine bestimmte Nummer eine Geschichte anzuwählen, statt selbst ihre Kinder zu unterhalten.

Als der Zuhälter aufhört, weil die Kneipe zumacht, muss ich aufwachen, auftauchen zurück auf die Erde, in der nur Fakten zählen und ihre Liebhaber, die Faktenhuber. Trunken wanke ich in mein Hotel, den Kopf voll flehentlicher Göttinnen. Hoffentlich begegne ich nie den (wirklichen) Damen von Tahir. Sehr wahrscheinlich sind sie zahnlos und an mir nicht mehr interessiert als an jedem anderen, der sich über sie hermacht.

Vermutlich besetzt Kairo bei den Orten mit den meisten Geschichten im Universum den allerersten Platz. Den tatsächlichen Geschichten und den geträumten. Romancier und Nobelpreisträger Nagib Machfus hat seine Heimatstadt fast nie verlassen, so beschäftigt war er mit dem Erzählen. Das ist der sagenhafte Reichtum dieser Stadt. Keine ist arabischer, in keiner legen sie begabter los mit Worten und deren tausendundein Farben. So benutzen sie ihr Alphabet als Sprungbrett, um über die Mühsal des Lebens hinwegzugleiten.

Und noch etwas: Nie könnte es heißen »Tausendundein Tag«. Die besten Geschichten kommen in Arabien nachts zur Welt. Und wenn tagsüber, dann in schummrigen Kaschemmen, in verrauchten Hinterzimmern, im Schutze vertraulicher Dunkelheit.

Und ein Drittes: In meinem neunhundertneunundvierzig Seiten starken Lexikon kommt das Wort »why« nicht vor. Nicht auf Englisch, nicht auf Arabisch. »Warum« etwas so ist, das scheint nicht so wichtig. Es ist so, so ist es, inch’Allah.

Am nächsten Morgen steckt mir der Rezeptionist Le Progrès Égyptien zu und beantwortet die Frage, die ich ihm gestern stellte. Ich wollte wissen, wie viele Sterne das Etablissement habe. Er wusste es nicht, wollte sich erst bei seinem Chef erkundigen. Und der Chef ließ ausrichten: Nicht »five star«, sondern »half star«, einen halben hätten sie schon. Das könnte hinkommen.

In einem Kairoer Café an einem warmen Herbstmorgen frühstücken und die Zeitung durchblättern, das ist ein sinnliches Vergnügen. Lesen, denken, nachdenken, hinausschauen auf die Welt.