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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

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VORWORT
Was haben George Clooney und ich gemeinsam? Es gibt da was!! Wirklich!
Ich sag’s Ihnen: das Alter.
Na klasse!
Ach was, eigentlich ist er sogar’ne gute Packung älter als ich. Und sieht trotzdem besser aus!
Na super!
Aber ist das ein Wunder? Für mich nicht!
Muss er zwei Kinder und’ne Frau durchbringen? Nee!
Muss er sich jeden Tag auf deutschen Autobahnen von irgendwelchen Testosteron-geschwängerten Vollidioten von der Überholspur drängen lassen oder hängt am Ring im Stau? Nicht, dass ich wüsste!
Muss er schon seit ein paar Jahren angeblich unbedingt mal zur Prostata-Vorsorgeuntersuchung? Stand bei ihm nie im Drehbuch! Und wenn, dann hat er die sicherlich schon vor Jahren bei »Emergency Room« gratis durchführen lassen oder gleich selbst den Stutzen angesetzt, war ja nicht umsonst Stationsarzt da, der Bursche! Clooney hat’s auf jeden Fall gut: Er hat ein Hängebauchschwein als Haustier und nicht als Spiegelbild!
Hat ja auch genügend Zeit, ständig ins Fitnessstudio zu laufen bei gerade mal drei Drehs à neun Wochen pro Jahr oder so. Kann der wahrscheinlich sogar noch von der Steuer absetzen!
Und unsereins? Kommt verdammt selten vor, dass einem ein Model von der Seite anquatscht, wenn man im Stehen mal’nen Espresso trinkt, oder? Bei Tchibo verkehren nämlich keine Models! Nur Typen, die von ihren Frauen dorthin geschickt werden, um gefälligst das neue, grünblau-gepunktete Kaffeeservice oder die Angora-Unterwäsche zu ergattern, bevor der Vorrat ausverkauft ist. Ich würde auch gern mal recht dekorativ im eng geschnittenen BOSS-Anzug mit’ner Knarre in der Hand über Dachlandschaften spurten und an einem Schwungseil durch’ne klirrende Fensterscheibe springen – ich hab nur leider keine Zeit dazu!!
Ich muss nämlich noch den Müll rausbringen und – wo ich grad schon draußen bin – beim Bäcker gegenüber Mischbrot und Brandt-Zwieback holen!!
Und ich sage Ihnen ehrlich: Das ist 100-mal ermüdender als jede halbstündige Verfolgungsjagd mit gut durchtrainierten, mordlüsternen russischen Geheimagenten.
Das ist nämlich kein Technicolor-Action-Film Marke Hollywood. Das ist das wahre Leben – als Mann um die 40!

DER URKNALL
Wenn man beim morgendlichen Blick in den Ganzkörperspiegel jedes Mal wieder hin- und hergerissen ist zwischen zwei Optionen: »Soll ich eher losheulen oder mich totlachen?«
Dann ist irgendwann unweigerlich der Moment da, in dem man beschließt: »Ich muss etwas ändern!« Also entweder den Spiegel zertrümmern oder die Joggingschuhe auspacken!
 
Ich hab zur Sicherheit gleich mal beides getan: Hab den Spiegel zertrümmert und bin losgelaufen. Und komischerweise habe ich für beides genau gleich lang gebraucht – oder kurz. Je nachdem. Nämlich nicht mal’ne halbe Minute. Oder glauben Sie, dass ein eingefleischter Sportmuffel, der bisher jede körperliche Betätigung so konsequent gemieden hat wie Klaus Zumwinkel das Finanzamt, gleich beim ersten, zaghaften Joggingversuch einen geschmeidigen Vollmarathon hinlegt?
Eben!
Ich auch nicht!
Tja, deswegen war mein erster Marathon auch kein Vollmarathon, sondern eher ein Ultrakurzmarathon, oder besser gesagt: Er fiel ziemlich exakt 42,95 Kilometer kürzer aus.
Finden Sie peinlich?
Ich auch!
Aber schon nach den ersten 100 Metern war da auf einen Schlag dieses messerscharfe Ziehen in der Leiste, dieses tierische Seitenstechen, und zwar dermaßen heftig, dass mir beim Zusammenbruch auf offener Straße nur noch EINE letzte existenzielle Frage durchs blutleere Hirn tickerte:
»Wo zur Hölle hängt hier der nächste Defibrillator?«
Und wenn es hier tatsächlich irgendwo so’n Ding gab, trat automatisch Frage zwei in Kraft:
»Wo ist hier verdammt noch mal der Typ, der das Teil bedienen kann?«
Ich lehnte also gerade wimmernd wie ein angeschossenes Erdmännchen an der Hausmauer und versuchte, meiner jämmerlich schmerzverzerrten Visage noch den letzten Ausdruck Männlichkeit zurückzugeben, indem ich in Gedanken John Wayne imitierte: »Okay, ich bin zwar tödlich getroffen, aber ich werde einen Dreck tun, hier vor euer alle Augen in der Ramersdorfer Straße / Ecke Führichstraße ins Gras zu beißen …«, da halluzinierte mein Blick hinüber auf die gegenüberliegende Straßenseite, wurde allmählich schärfer, fokussierte sich vollends auf einen Punkt und meldete mir: »Scheiße!«
Ausgerechnet die allersuperschärfste Sahneschnitte des Universums in Gestalt meiner kleinen Lieblingsfriseurin vom Szene-Haartempel gegenüber, das fleischgewordene Objekt meiner midlife-crisisgetrübten Tagträume, stand, lässig die Hand mit der Zigarette in die Hüfte gestemmt, auf der anderen Straßenseite und bepinkelte sich fast vor Lachen.
Kein Wunder, hatte sie doch gerade dem erhabensten Sportereignis seit Gründung der Minigolf-Bundesliga beigewohnt. Sprich – sie sah mich nur 30 Sekunden zuvor in hippster Jogging-Montur mit Ray-Ban-Sonnenbrille und Adidas-Stirnband aus der Haustür stürmen wie Rocky Balboa, den gefühlten Urschrei des Champions auf den Lippen, die Arme in den Himmel reckend und entschlossen, sich im letzten Training vor dem entscheidenden Weltmeisterschaftskampf bis zur totalen Erschöpfung zu verausgaben!
Und dann?
Nach nicht mal 100 Metern klappt der rachitische Kleinstadt-Athlet in den Mittvierzigern auf ebener Straße zwischen Eduscho-Laden und Heilsarmee wortlos zusammen wie ein IKEA-Gartenstuhl unter dem Allerwertesten von Otti Fischer!
(Obwohl wir alle wissen, dass sich Otti Fischer niemals auf IKEA-, sondern, wenn überhaupt, höchstens auf XXXLutz-Gartenstühlen niederlässt. Deswegen haben die auch eine Stahlrohrpanzerung serienmäßig.)
»Na, Tom? Du Sportskanone! Was sagt die Uhr? Neuer Weltrekord?«, ulkte sie für jedermann hörbar zu mir hinüber.
Hahaha! Gar nicht mal so unwitzig für jemand, dessen größte geistige Herausforderung sonst gerade mal darin bestand, die Packungsbeilage der neuesten Haartönung richtig zu deuten.
»Das Kreuzband, … schnauf … alte … hechel … Fußballgeschichte«, versuchte ich vor meinem Ableben wenigstens noch mein Ansehen zurechtzurücken.
Sie aber schüttelte nur den Kopf, drückte die Kippe am Boden mit dem Fußballen aus und entschwand mit einem Ohrendreher Marke Luca Toni, der wohl bedeuten sollte: »Na, na … das sah aber ganz anders aus, altes Haus«, in der Eingangstür ihres Trendfrisuren-Tempels.
 
Ich weiß nicht mehr, wer mich nach Hause brachte, der heilige St. Martin oder ein von der Caritas bereitgestellter Zivildienstleistender – ich wusste nur eines, und das sehr genau: Ich würde mein Leben von Grund auf ändern müssen, wenn ich erstens – irgendwann in diesem Leben – noch einmal Sex haben wollte und zweitens – wenn ich in diesem Leben irgendwann noch einmal Sex haben wollte.

DIE SACHE MIT DEM SEX
Ich bin verheiratet, das macht die Sache nicht gerade leichter. Ich meine, die Sache mit dem Sex. Das wär auch gar nicht das Problem, also das Verheiratetsein an sich. Nein, bei mir sind nur aufgrund – sagen wir mal – äußerer Umstände die Chancen auf einen Restfunken Erotik in meinem Leben ungefähr so realistisch wie die Aussichten des FC Worpswede 1948 auf den Deutschen Fußballmeister-Titel! Denn meine Frau und ich sind – heißa! – junge, glückliche Eltern zweier Kleinkinder!
Hurra! Kinder!
Sie wissen schon, diese kleinen, süßen, immer hungrigen, schreienden, schmutzenden, nervenraubenden, li-la-launischen Zeitfresser, die eine romantische Beziehung innerhalb kürzester Zeit in ein Familiengefängnis mit Schockstarre verwandeln.
Sieht ungefähr so aus: Zwei ewig müde, apathisch vor sich hin schlurfende Erwachsenen-Zombies, (stellen Sie sich einfach Frankenstein-Darsteller Boris Karloff samt Ehefrau vor), die seit gefühlt drei Äonen nicht mehr ausgeschlafen haben und sich, wenn überhaupt, nur noch aus dem Augenwinkel und im Befehlston anblaffen. Und auch nur dann, wenn es darum geht, Fragen zur Brutversorgung zu klären.
 
»Halt mal den Maxi fest!
Maxi, du hast doch schon wieder’nen Baustein verschluckt?! Pauli!
Du hast doch nicht etwa in die Hosen gemacht???
Tom, die Windeln, aber schnell!«
In regelmäßigen Abständen kommt noch der frustrierte Zusatz: »Tom, ich kann nicht mehr, mach du’s! Ich muss noch das Essen fertig machen und die zwei Kleinen zum Kinderturnen bringen.«
»Na, und ich? Ich muss kurz mal wieder 1500 Euro für die Monatsmiete verdienen!! Außerdem hab’ ich die beiden heute Morgen schon gewaschen und das Frühstück an die Raubtiere verfüttert. Also, wie wär’s, wenn Frau Schumann auch mal wieder aktiv wird?« »Aktiv? Aktiv? Wer hat denn die Kinder rund um die Uhr? Wer hat nie eine Verschnaufpause? Wer steht jede Nacht dreimal auf, wenn Pauli schreit, und der Herr Familienvater schläft seelenruhig weiter, hm? Wer? Wer??«
Sie werden mir beipflichten: Dialoge in Erotikfilmen hören sich anders an!
 
Verdammt, wie war das eigentlich noch mal, als Nele und ich alle Zeit der Welt nur für uns beide hatten?
Den selbstverständlichen Luxus, allen Ernstes die Frage zu stellen: »Du, Schatz, was machen wir heute Abend?«
Wenn ich heute fragen würde: »Du, Schatz, was machen wir heute Abend?« – meine Frau würde den Kopf ungläubig zur Seite neigen wie Lassie, wenn sie einen Befehl von Herrchen nicht kapiert hat. Dann würde sie mich mit verstörtem Investigativblick Marke »Wer zur Hölle ist dieser Alien da gegenüber?« eindringlich mustern und zurückfragen: »Wie? Was meinst du? Was machen wir heute Abend?? Sag’ mal, trinkst du jetzt schon am helllichten Tag???« Ein romantischer Abend zu zweit sieht bei Schumanns nämlich seit gefühlten Urzeiten so aus:
Gegen acht Uhr hat man die kleinen Herzblätter nach Absingen etlicher alter Volksweisen und dem Vorlesen von durchschnittlich 22 ganzen Sammelbänden »Grimms Märchen« endlich in der Kiste! Die aber honorieren solche elterlichen Einschlaf-Serviceleistungen nur mäßig und kommen trotzdem bis elf Uhr abends alle zehn Minuten abwechselnd ins Wohnzimmer gelaufen, um ihren Eltern auch noch die letzte halbwegs frei zu wählende Freizeitbeschäftigung zu vermiesen – das Fernsehen. Natürlich schickt man die kleinen Monster jedes Mal wieder völlig entnervt zurück in die Heia. Bis irgendwann der Müdere von beiden Elternteilen das Handtuch beziehungsweise die Fernbedienung schmeißt und völlig ferngesteuert zum anderen sagt: »Ich geh’ jetzt auch schlafen«.
Der andere nimmt’s gleichgültig zur Kenntnis, ebenfalls nur darauf hoffend, dass keiner der beiden kindlichen Quälgeister vor fünf Uhr früh auf der Matte steht und dir im sanft-lieblichen Ausbilder-Schmidt-Kasernenton ins Ohr schreit: »Papi, Aufesteh! Ick habe ausgeslafe!«
Letztens hab ich in der hintersten Schublade meines Bettkästchens doch tatsächlich noch unbenutzte Kondome gefunden, verwendbar bis 2008!!
Ich glaube, das sagt alles, oder?
 
Mannomann, ich weiß wirklich nicht mehr, wie das war, als man neben der Arbeit nichts anderes im Kopf hatte als seine Freizeit! Kino, Theater, Disco, Essen geh’n, Bergwandern, Baden, Urlaub, Sauna und Sex, Sex und noch mal Sex!
Sex im Liegen, Sex im Sitzen, Sex im Steh’n!
Heute kennt man nur ein Hobby: Schlafen!
Schlafen im Liegen, Schlafen im Sitzen, Schlafen im Steh’n!
Und nicht mal dazu kommt man mehr!
Glauben Sie jetzt bitte nicht, dass ich schlecht von meinen Kindern sprechen will. Nein, das will ich nicht, ich tu es einfach!
Ich liebe meine Kids, ehrlich! Das hat ja nix mit denen zu tun. Die können ja nichts dafür, dass es sie gibt. Aber ich auch nicht!
Also, ich meine, nicht bewusst. Denn direkt beim Storch in Auftrag gegeben haben wir sie nicht, die Bestellung, die dann in Form von unerwünschter Auslieferung urplötzlich bei uns in die Wohnung schneite: »Bitte einmal hier, hier und hier unterschreiben … Danke! Schön’ Tach noch, Gnädigste.«
»Oder, Frau? Sag, DU! Direkt beabsichtigt waren die doch eigentlich nicht, oder?!«
»Du Rabenvater!«
»Was heißt hier Rabenvater? Ich fand’s ja auch richtig schön, das Kinderkriegen! … am Anfang!«
Alle sagen zu einem: »Du wirst Vater? Wow, wie männlich!«
Eigentlich die volle Macho-Schmeichelung!
»Ey, bist wohl voll potent, wa?«
»Klar, einmal ansehen, schon wird meine Frau von mir schwanger!«
»Unglaublich! Gratulation!«
Tja, wirklich klasse gemacht von der Schöpfung! Man fühlt sich als gaaaaanz toller Hecht – am Anfang!! Man ahnt ja als Kerl noch nicht, dass Frauen sich von diesem Zeitpunkt an für nichts auf der Welt mehr so eindeutig zweitrangig interessieren werden wie für DICH, Typ!
Mann, warst DU mal eine Granate im Bett, Mann, warst DU mal der Hammer! »Ey, sag’ ehrlich, war Rocco Siffredi zeitweise Berufskollege von dir oder woher kannst du das alles? Hör nicht auf, bitte, bitte, hör nicht auf, du unglaublicher, du … du … du … SEX-GOTT!!«
 
»Hörst du auf, hörst du auf, hörst du endlich auf? Max, lass das, hör auf!«, hörte ich Nele rufen. Ich reckte mühsam ein Augenlid und linste auf den Wecker, es war Viertel vor sechs. Verdammt, Viertel vor sechs!
Und schon war meine ach so liebreizende Frau wieder voll auf Mütter-Normal-Betriebstemperatur und schrie den Kleinen an.
»Max! Hörst du auf, den Pauli an den Haaren zu ziehen?!!«
Aber Pauli schrie noch mehr:
»Maaaamaaa, Maaaamaaa!«
»Max, hör’ auf, oder Papa kommt gleich und gibt dir eins auf den Hintern!«
Ich? Kinder schlagen? Schon so früh am Morgen? Nee! Papa suchte erst mal auf Zehenspitzen mit seinem Kissen über den Ohren das Weite! Oder vielmehr sein Büro, wo die Couch steht, auf der er jetzt schon seit fast zwei Jahren als Fremder im eigenen Haus nächtigt. Nur gestern Abend war er ausnahmsweise mal so blöd und dachte: »Hm, heute schlaf’ ich mal bei meiner Frau im bequemen Ehebett, direkt neben dem Kinderzimmer. Heute schlafen die Kids doch mal aus, oder? Denn auch Kinder brauchen Schlaf, oder?« Weil sie sonst später einmal kleine 1,75 Meter-Durchschnittszwerge bleiben wie der Papa?? Und das will doch kein Kind wirklich, stimmt’s?
»Ach Papa, bist du naiv« (Naiv? der vierjährige Hosenscheißer kennt das Wort »naiv«?)
Wir essen täglich so viel Vitamin-Mineralien-und-Eiweiß-Baby-Power-Hipp-Alete-Fertigkost, dass wir auch mit gerade mal drei Stunden Schlaf täglich locker mal eine Körpergröße von mindestens 1,95 Meter erreichen, im SITZEN!! Also Papa, red nicht von Schlafen! So was Altertümliches brauchen vielleicht so Leute von Vor-Vorgestern wie du, aber WIR Kids, wir brauchen das nicht, gell, Mama? Ach, ich hab ja ganz vergessen zu schrei’n: »Maaaamaaaa!«
 
»Tom, haust du schon wieder ab? Du machst es dir ganz schön einfach!! Verzieht sich einfach in sein Büro! Tom, komm’ gefälligst her, Too-homm!«

NOTLÜGEN
Versuchen Sie mal Ihrer Frau zu erklären, dass ihr absolutes Lieblingsspielzeug – gleich nach ihrem Hausfreund – verschwunden ist: ihr Ganzkörperspiegel!! Genauso gut könnten Sie ihr ernsthaft beichten, dass Sie eine Affäre mit ihrer leiblichen Mutter haben und gemeinsam nach Timbuktu auswandern wollen!
Also, was macht der Mann, nachdem er das Ding tatsächlich im Hinterhof mit einem Vorschlaghammer zerschmettert und in der Mülltonne entsorgt hat? Und wenn er dafür einen Schuldigen braucht? Genau, er erzählt seiner Frau ein Märchen!
»Pauli war’s! Er ist mit seinem Bobby-Car in den Standspiegel reingecrasht wie Schumi in die Betonmauer. Ich konnte ihn gerade noch heldenmutig wegziehen, doch das Ding kippte vornüber, tja, und Klirrrrrr, weg war er! Also nicht der Pauli, sondern der Spiegel!«
Na, und nach so einer Notlüge versuchen Sie Ihrem kleinen Sohn noch mal irgendwann ernsthaft zu erklären, dass er niemals lügen soll! Vor allem, wenn die Mama ungerechterweise dem Kleinen und nicht dem Großen die Hölle heiß macht.
»Also, Pauli! Mir reicht’s, das Bobby-Car kommt weg!«
»Waaaaahhh!«
»Doch, Pauli! Wie oft hab’ ich dir gesagt, dass du in der Wohnung nicht Bobby-Car fahren sollst?«
»Aber Nele, jetzt sei doch nicht so streng mit dem Kleinen! Er wollte doch nur die Rangfolge in der Formel-1-Weltspitze zurechtrücken.«
»Das Ding kommt weg!! Basta!!«
Waaaaahhh, heeuuull, Weltuntergang!!!
Armer kleiner Mensch, und all das nur, weil du einen Vater hast, der vorpubertäre Flunkeranfälle bekommt, weil er mitten in der Midlife-Crisis steckt. Übrigens der vierten oder fünften!! Ja echt, die kommt seit dem 40. regelmäßig einmal pro Jahr und dauert dann jedes Mal ungefähr 365 Tage lang! Oh Mann, wirklich ernüchternd.
»Tja, ich geh jetzt dann mal joggen!«
»Wie bitte? Du fährst sofort zu IKEA und besorgst einen neuen Spiegel! Ich kastei’ mich doch nicht fünf Wochen lang mit der neuen BRIGITTE-Diät, und dann zertrümmerst du meinen geliebten Ganzkörperspiegel!«
»Aber Schatz, vielleicht ist es sowieso besser für dich OHNE Spiegel!«
»Raus!!!«

GEHT BECKENBAUER ZU IKEA?
Bei IKEA wollte gerade der kleine Kevin-Keanu aus dem Kinderland abgeholt werden, wahrscheinlich hatte er eine Plastikbällchenvergiftung oder steckte im Hotdog-Becken fest oder umgekehrt. »Wo bitte finde ich Ganzkörperspiegel?«
Die gelb gekleidete Informationstussi Marke ewige Abiturientin musterte mich kurz so, als ob ich mir die Entscheidung, mir so etwas zu kaufen, noch einmal überlegen sollte.
»Im ersten Stock, vor der Badezimmerabteilung oder hinter den Schlafzimmern.«
Okay …
Es hörte sich auf jeden Fall nach ungefähr einem Tagesmarsch an, und das ausgerechnet, wo ich doch heute überhaupt keinen Proviant dabeihatte und nur Flip-Flops an den nackten Füßen anstatt meiner Jack-Wolfskin-Wander-Treter!
»Okay, wer ist Reinhold Messner? Who the Fuck is Rüdiger Nehberg??«
Der wahre Überlebenskünstler steht hier am IKEA-Informationsstand und ist bereit, durch die Möbelhaus-Hölle zu gehen, wenn seine Frau es von ihm verlangt! Die letzte, große Herausforderung der menschlichen Zivilisation, sie wartet hier: bei IKEA, dem Möbelkaufhaus, in dem man zwölf Stunden in eine Richtung geht, obwohl man eigentlich in die andere will!
Und am Schluss landet man total entkräftet und frustriert an diesem Hotdog-Stand, haut sich fünf von diesen Dingern rein, aber mit allem, was der Soßenspender hergibt: Senf, Mayo, Ketchup, Marmelade, Nutella, Ariel flüssig.
Schließlich fährt man mit einem Monster von Spiegel und einer mittelschweren Lebensmittelvergiftung wieder nach Hause!
Ich hörte noch, dass die kleine Shania-Shakira und die kleine Tamara-Talullah gerne aus dem Kinderland abgeholt werden wollten, und wuchtete den Zwei-Meter-Spiegel unter die Heckklappe unseres Honda Swifts!
Oh Mann, wie kann man mit einem Honda Swift zu IKEA fahren?? Wie blöd muss man sein?
Oder besser, wie eigensinnig ist eine Frau, die bloß zwei kleine Kinder in die Kindergruppe bringen muss und den Familien-Van blockiert, sodass der Papa in der Tiefgarage bei IKEA wie ein Volltrottel aus der Hornbach-Reklame mit einem Riesenspiegel vor seinem Spielzeugauto steht wie Gulliver vor’m Liliput-Klo?
Yippieyaya yippie yippie yeah!
Du kannst es dir vorstellen, aber es klappt nicht!!!!
Nie im Leben!
Gefühlte acht Stunden später hatte ich nach ultra-ermüdendem Warten beim IKEA-Lieferservice die Nachhauselieferung von Ingo, dem menschenfressenden Monsterspiegel (wenn man warten muss, hat man viel Zeit, sich dämliche Geschichten auszudenken), geregelt und fuhr wieder heim. Ich hatte mir beim Herumschleppen von Ingo (oder hätte ich ihn doch besser Dennis-Dustin oder Justin-Jason nennen sollen?) tatsächlich alle Muskeln verrenkt, die ich im Rückenbereich so habe, und das sind eigentlich nicht viele, aber heute fühlte sich mein Rücken an wie ein Geflecht aus Millionen kleiner Schmerzpunkte!
»Erlebe deinen Körper, fahr zu IKEA!«
Oder besser gesagt: »Lachst du noch oder stöhnst du schon?«
 
Holt Franz Beckenbauer eigentlich Möbel bei IKEA ab? Ich musste gerade drüber nachdenken, ob sich auch Lichtgestalten mit so banalen Dingen rumschlagen müssen wie ich.
Ehrlich gesagt, ich glaube nicht.
WENN Franz Beckenbauer jemals bei IKEA eine Sitzgruppe erstehen wollte, dann würde er wahrscheinlich nicht im Swift vorfahren, sondern im Helikopter vorfliegen! Irgendwo zwischen dem Länderspiel Deutschland – Marokko und dem nächsten FIFA-Dinner würde er seinem Privatpiloten kurz mal die Order geben, bei IKEA zwischenzulanden und die Ledercouch einzupacken, die seine Heidi im Katalog gesehen hat. Zwar sind Couches von IKEA weit unter Kaiser-Würde, aber für das Gartenhäuschen in Kitzbühel oder Salzburg oder Waikiki Beach würde es schon reichen. Und der Kaiser müsste sich das Ding auch nicht selber reinwuchten, sondern er würde es sich natürlich auch nach Hause bringen lassen, und zwar von der Luftwaffe!!
Seitdem er sich bei der WM 2006 von der Kanzlerin kampfliebkosen lassen musste, hat er nämlich was gut bei ihr. Die lebende Legende, der über allem Schwebende, der Petrus des Fußballs, der Dalai Lama der Vereinskicker weltweit. Die Reinkarnation von König Midas. Was auch immer »der Franz« anfasst, wird zu Gold!
Nee, wirklich, 1000 Mal deutscher Meister, 2000 Mal Europacup-Sieger, 5000 Mal Weltmeister als Spieler und als Trainer.
120 Prozent der deutschen Bevölkerung würden ihn gern als Bundeskanzler sehen. 140 Prozent als Papst! 182 Prozent halten ihn sowieso für den Erlöser und 250 Prozent assoziieren mittlerweile Weihnachtsfeiern nicht mehr mit der Geburt Christi, sondern mit der Geburt von Beckenbauers Tochter.
Amen!
 
Franz Beckenbauer ist unantastbar, Franz Beckenbauer ist sakrosankt. Der Kaiser könnte seine private Europacup-Titel-Feier mit 20 Sekretärinnen krönen – die Medien würden danach lediglich die sportlichen Details dieser Leistung honorieren. Denn was uns in ewiger, diskreter Erfurcht vor diesem Mann erstarren lässt, das ist die Hoffnung auf weitere Großtaten von ihm:
Holt er noch mal die WM nach Deutschland?
Oder den Eiffelturm?
Oder den Himalaya?
Warten wir’s ab. Diesem Mann ist alles zuzutrauen!
Wenn ich bedenke, der Mann kommt aus München-Giesing! Kennen Sie Giesing? Müssen Sie auch nicht! Der Franzl wollte als Kind eigentlich zu den 60ern(!), zu den Löwen, also den FC-Bayern-Direkt-Feinden. Und bloß, weil ihm irgend so ein 60er-Büffel auf dem Fußballplatz mal eine Trumm Watschen gegeben hat, ist der Franzl dann zu den Bayern gegangen.
Von nun an gings bergauf!!
ICH komme aus München Hasenbergl, ey, da müssten doch karrieretechnische Aufstiege bis zum Mond oder Mars drin sein!
Aber so läuft’s nicht. Man muss schon ein Talent besitzen. Oder einen guten Manager.
Franz Beckenbauer hatte beides. Da bleibt dann auch was hängen – finanziell. Und sagen wir mal ehrlich, was waren seine sportlichen Erfolge gegen die wirklichen Großleistungen seines Lebens? Knorr-Tütensuppen-Reklame (»Kraft in den Teller – Knorr auf den Tisch«) und seine schillernde Gesangskarriere?
»Gute Freunde kann niemand trennen.«
Stimmt! Vor allem, wenn sie einem so viel Geld einbringen!
Tja, ich hab keinen Berater, und auch kein besonderes Talent, was vielleicht das größere Problem ist. Aber was man von Menschen wie Franz Beckenbauer lernen kann, das ist ihre legere Umgangsweise mit der eigenen Unzulänglichkeit.
»Der liebe Gott freut sich über jedes Kind«, hat er bei einer Pressekonferenz gesagt, als ein Medienvertreter es gewagt hat, ihn auf seinen Fehltritt bei der Weihnachtsfeier anzusprechen. Und damit war der Fehltritt auch schon wieder ad acta gelegt.
Ich stell mir gerade vor, wie ich meiner Frau beichte, dass die kleine Friseurinnen-Granate von gegenüber schwanger von mir ist. »Du weißt doch Schatz, der liebe G…«
PATSCH!
So weit würde mein Satz wohl gehen, bevor der frische Nachwuchs der Granatenfrau mit einer Granatenohrfeige kommentiert würde! Hat Franz Beckenbauer auch eine Watschen von seiner damaligen Frau bekommen? Oder lediglich eine ebenso legere Forderung nach fünf Millionen Unterhalt jährlich? Wär auch nicht schlimm, der Mann hat sicher genug im Portemonnaie. In Österreich sind die Steuersätze ja nicht so hoch, dass sie für hochfliegende Lichtgestalten ein irdisches Problem darstellen könnten.
IN DEUTSCHLAND ABER SCHON, gell, Herr Beckenbauer?
Also, von Franz Beckenbauer lernen, heißt drüber stehen, ja drüber schweben lernen! Ich hab mir vorgenommen, ein bisschen mehr über den Dingen zu schweben!!
Wer mich jemals joggen gesehen hat, wird es zwar nicht für möglich halten, aber ich nehm’s mir mal vor.

WOHNUNGSSUCHE – DIE STOPPUHR LÄUFT!
Ich schwebte gerade zum Kindergarten, unseren Größeren abholen, da klingelte mein Telefon:
»Schumann?«
»Ja, guten Tag, Herr Schumann, hier ist Juri Engel, Engel Immobilien, heute Nachmittag fünf Uhr, wäre das in Ordnung für Sie?«
»Heute Nachmittag? Äh, Moment, ich stehe gerade ein bisschen auf der Leitung, worum geht’s?«
»Vier-Zimmer-Wohnung, Sedanstraße, fünf Uhr, bitte pünktlich da sein, gell? Auf Wiederhören!
»Aber Moment! Ich hol’ gerade meinen So… hallo, hallo???« Aufgelegt, dieser Immobilienbastard hat einfach aufgelegt.
Fünf Uhr, spinnt der?? Es ist kurz vor vier, ich hole meinen Sohn vom Kindergarten ab … meint der Mann, ich kann fliegen?
»Bin ich Franz Beckenbauer oder was??!«, schrie ich noch ins Handy, auch wenn der Immo-Typ es nicht mehr hörte, so wenigstens ein verwirrtes Paar mit Kinderwagen, das erschrocken zur Seite sprang. Immobilienmakler, die unterste Kaste, echt! ICH habe den Typen beauftragt, nach einer passenden Vier-Zimmer-Wohnung zu suchen!
ER soll gefälligst machen, was ICH sage, nicht umgekehrt!!
Immobilienmakler, was war das noch mal? Eine der zehn biblischen Plagen neben Koch-Shows im Fernsehen und den Zeugen Jehovas!
Unglaublich!!
Was bildete der Kerl sich ein?? Jetzt noch nach Hause? Nee, Max abholen und in die Sedan. Welche U-Bahn fährt jetzt noch mal da hin?? So ein Mist!
Als ich durch das Hoftor zum Kindergarten ging, schrie mir Max schon entgegen. »Paapaaa!«
»Hallo Max«, sagte ich, »ich hab’s eilig, wir müssen eine Wohnung anschau’n.«
»Herr Schumann, ich muss mit Ihnen reden!«
»Oh, Frau Schmitz, hallo, ähh … reden geht grad schlecht. Max
und ich müssen uns um fünf Uhr’ne Wohnung anschau’n.«
»Eine Wohnung? Wo wollen Sie denn hinziehen?«
»Nach Haidhaus… (Mist) … äh, hier in Ramersdorf, ganz in die Nähe, direkt hier in die Straße, in die Bernauer Straße!
»Ich befürchtete schon, sie wollen uns gleich wieder verlassen, jetzt, wo wir Ihren schwer erziehbaren Sohn soeben erst Ihnen zuliebe in unserer Gruppe aufgenommen haben.«
»Schwer erziehbar? Also ich darf doch sehr bitten!«
»Herr Schumann, ihr verhaltensauffälliger Sohn hat soeben versucht, der kleinen Amelie einen Löffel einzuführen!«
»Einen Löffel? Na, is’ doch schön, dass er ihr beim Essen hilft!«
»Ich rede nicht vom Mund, ich rede vom Gegenteil!«
»Vom Gegenteil?«
»Ja, vom Gegenteil, genauer gesagt vom Popo!«
»Vom Pop…?«
Ich musste beinahe laut losprusten, wusste aber im selben Moment, dass es für den Verlauf der weiteren Diskussion sicher nicht sehr förderlich wäre, wenn ich meiner Kindergärtnerin jetzt ins Gesicht lache, weil mein Sohn Essensbesteck zu proktologischen Instrumenten umfunktionierte.
»Äh, wessen Popo jetzt noch mal genau?«
»Herr Schumann, das ist wirklich nicht der Moment, um Späße zu machen.«
Frau Schmitz zog mich um die Ecke in die Küche, rückte mir ziemlich nah auf die Pelle und setzte einen bedeutungsvollen Blick auf. Ich konnte nur hoffen, dass Max inzwischen keinen Löffel auftreiben würde.
»Max hat die kleine Amelie heute im Garten hinter einen Busch gezerrt, ihr die Strumpfhose runtergezogen und dann versucht, diesen Löffel …«
Mein Gott, sie hatte ihn sogar in der Hand!
»… in den Popo von Amelie einzuführen.«
»In den Popo? Aber woher wissen Sie das so genau?«
»Weil Amelie geschrien hat und ich Max das Corpus Delicti eigenhändig entwenden konnte.«
Corpus Delicti … welch bedeutsames Wort für einen Plastikteelöffel.
»Na und?«, wollte ich sagen. »Ist doch toll, dass sich mein Max mit vier Jahren schon so für die Geheimnisse menschlicher Anatomie interessiert. Vielleicht hat ein Albert Schweitzer oder ein Christiaan Barnard auch so angefangen? Seien Sie froh, dass es ein Löffel war und keine Gabel, oder vielleicht ein Korkenzieher.« Wollte ich sagen!
Aber stattdessen sagte ich Folgendes: »Hm, da werd’ ich wohl mit meinem Sohn mal ein ernstes Wörtchen reden müssen.«