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Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Bewegen Dranbleiben Fitwerden
Penisparaden und Badekappen-Schabracken
Nottoiletten und Bärenglocken
Are you talking to me?
Bicycle Race 1
Jogger dir einen!
»Sackrileg«
Den Holzfäller in sich entdecken
Der Arnold in mir
Schonende Sportarten
Schöner werden
Im Reich der Sinne
Ich rieche gern
Schöner, fremder Mann
Parfüms für alte Säcke
Sackstarker Aktivurlaub
Bicycle Race 2
Hecheln, Ächzen. Immer nur hoch!
»Da, ein Bär! Boah, ist der groß!«
So weit die Füße tragen
Urwald satt
Der Sinn des Segelns
Sack-Optimierung für den Partner
Nix ist schwerer, als nix zu denken
Heim und Herd
Besser schenken für alte Säcke
Das Anti-Rüpel-Training
Die ehrliche To-do-Liste
Phantasie & Kreativität
Nicht immer nur Bücher und CDs
Opa, erzähl uns was!
Der Wald und ich
Method Acting zum Fest
Kukidentos und Klimakteria: Fifty Man 2
Smalltalk
»Sacksen« – eine Utopie
Copyright

Penisparaden und Badekappen-Schabracken

MEINE ERLEBNISSE IM SCHWIMMBAD

Eigentlich hasse ich Schwimmbäder. Wie das dort schon riecht; diese Mischung aus Chlor, Frittenduft und menschlichen Ausdünstungen. Alles ist nass und feucht und warm. Und dann dieser Lärm, diese entnervende Kakophonie aus Schreien, Prusten, Platschen und Gurgeln. Jugendliche machen Arschbomben. Es spritzt! Und überall um einen herum fleischige Menschen in zu knappen Badesachen. Man sieht mehr in Sachen Körper, als man möchte. Gute Güte, sind viele Deutsche tätowiert, und das oft auch noch schlecht.

Dennoch möchte ich in diesem Kapitel das Schwimmen lobpreisen und Ihnen sehr heftig ans Herz legen, denn es ist der perfekte Alter-Sack-Sport. Definitiv!

Man muss sich daran gewöhnen, also an die Umstände, unter denen man diesen sehr nützlichen und wirksamen Sport auszuüben hat. Denn wer von uns hat schon zuhause einen Pool? Nein, man muss leider öffentliche Schwimmhallen, Erlebnis- oder Freibäder aufsuchen. Und obwohl ich dies alles abgrundtief hasse, bin ich für mich – und für Sie, der Sie womöglich noch nicht regelmäßig schwimmen –, bin ich dahin gegangen, wo es weh tut. Ich härtete mich ab – um schließlich wie ein etwas bräsiger Barsch in aller Ruhe beinahe profihaft meine Bahnen zu schwimmen. Und das kam so:

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Bis ich 16 Jahre alt war, konnte ich nicht schwimmen. Dann lernte ich es leidlich in der Schule, blieb aber ein wasserscheuer Sack. Vor allem mochte ich es nicht, meine Birne unter Wasser zu halten. Dieses doofe Gefühl in der Nase, die gereizten Augen – nee, nix für mich. Dieser Zustand hielt bis zu meinem 52. Lebensjahr an. Wenn andere schwammen, planschte ich oder paddelte hundegleich zehn Meter, bis ich mich irgendwo erschöpft festklammerte. Meine Frau und meine Söhne – alles gute Schwimmer – verspotteten mich milde.

Ich, der respektierte Gatte und Vater – wurde in Schwimmbädern behandelt wie Opi in der Reha-Gruppe.

Das tat weh, aber die Wasserscheu war stärker. Dann kam ein Bandscheibenvorfall im Nacken, eine Operation, viel Krankengymnastik und die immer wiederkehrende Aufforderung, in Rücken- und Schulterbereich »Muskeln aufzubauen«, am besten durch regelmäßiges Schwimmen. Ich erklärte allen Therapeuten, dass Schwimmen bei mir hektisches Zappeln mit überstrecktem Hals sei, um bloß nicht mit der Rübe unter Wasser zu geraten. Daraufhin riet mir natürlich jeder der orthopädisch Gebildeten vom Schwimmen ab. Das sei ja nun wirklich kontraproduktiv. Aber ich hatte es weiter im Nacken, war oft verspannt und steif, wo ich es nicht sein wollte. Muckibuden waren keine Alternative (siehe das entsprechende Kapitel über meine Odyssee in Sachen Krafttraining), und so haderte ich mit mir und dem fehlenden Muskelaufbau. Tja, und dann, als wieder einmal ein massiger Masseur schwärmte, wie verdammt klasse die Schwimmerei nacken- und rückentechnisch sei, und ich zuhause davon erzählte, sagte meine Frau: »Verdammt, ich bring es dir bei, das richtige Schwimmen! Gleich heute.« Und widerwillig, aber irgendwie tief drinnen doch motiviert, ging ich mit meiner Gattin Gesa in ein Freizeitbad. Ich traf all das an, was ich oben beschrieb. Hatte ich schon erwähnt, dass ich dieses ganze Aus- und Angeziehe und die engen Garderobenschränke und die von anderen Gästen eingenässten Schlüsselbänder auch eklig finde? Egal. Gesa war eine perfekte Lehrerin. Wir ignorierten das Treiben um uns herum, suchten uns eine etwas ruhigere Ecke und begannen mit dem Unterricht: Schwimmbrille auf, Kopf unter Wasser, ausatmen, Kopf wieder hoch, einatmen – und vor allem ruhig bleiben und nicht zappeln wie ein Molch. Es hat etwas gedauert, aber nach ein paar Übungseinheiten schwamm ich – in meinen Augen – schon so stark wie einst Mark Spitz bei der Olympiade. Gesa meinte dazu nur, ich könne mich ja jetzt immerhin schon selbständig über Wasser halten. Und das sei ein echter Fortschritt.

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Kurz überlegten wir, ob ich mich einer Gruppe Vorschulkinder anschließen solle, die in der Nähe gerade für ihr »Seepferdchen« trainierten. Ich war echt scharf auf das Abzeichen, aber wir machten dann doch lieber allein weiter.

Und es funktionierte. Eisenhart ging ich jede Woche an zwei Tagen vor oder nach der Arbeit schwimmen, und nach zwei Monaten zog ich 20 Bahnen durch, als ob ich nie etwas anderes gemacht hätte. Aus einem wasserscheuen Sack war ein veritabler Bahnenschwimmer geworden. Und ich will Ihnen, liebe Mitsäcke, dringend ans Herz legen, es mir nachzutun. Mediziner, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten – alle empfehlen Schwimmen.

Man fühlt sich wirklich besser, wird fitter und nicht fetter und kommt mit einem echt guten Gefühl nach Hause, wenn man eine halbe Stunde richtig krass durchs Becken gepflügt ist.

Allerdings – und hier schließe ich an meine obigen Ausführungen an – muss man halt einige Dinge um einen herum ausblenden. Aber – hey – irgendeinen Haken gibt’s ja immer.



Also: Ignorieren Sie das gelegentliche Gedrängel und die Pimmelparaden in der Herrendusche. Das Gepruste und Gegrunze, wenn sich haarige, dicke Männer einschäumen und säubern. Halten Sie es einfach mannhaft aus, wenn das Wasser aus den Duschköpfen sandstrahlartig mit mörderischem Druck Ihren Rücken rötet. Und bleiben Sie cool, wenn Sie mit schrulligen Alten das Becken teilen. Ich tue das oft, weil sehr früh morgens die Hallenbäder den Rentnern gehören. Und das ist auch gut so. Die sind fit und lassen sich nicht unterkriegen. Aber einige von ihnen nerven schon. Da ist dieser alte Knacker mit der blöden Schwimmbrille, der wie ein welker Wels stoisch seine Bahnen zieht – egal, was um ihn herum passiert. Kreuzt man seine Bahn, weil man jemand anderem ausweichen muss, rammt der alte Knacker einen und pöbelt dann auch noch rum, das sei seine Bahn und so schwer sei das doch nicht zu kapieren. Ich schwimme deshalb immer ein-, zweimal extra in seine Bahn, um die zornesrote Birne des »Bahntorpedos« im grünlichen Wasser leuchten zu sehen.

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Anstrengend können auch die »Badekappen-Schabracken« sein. So habe ich eine Gruppe agiler, älterer Damen getauft, deren Vorstellung vom Schwimmen so aussieht: Sie stehen in einem Kreis im Becken, unterhalten sich und bewegen dabei die Hände im Wasser. Manchmal gehen sie auch ein paar Schritte. Alle tragen gleißend hässliche Badekappen und gucken böse, wenn man zu nahe an sie heranschwimmt. Dabei blockieren sie das halbe Becken. Aber verdammt, ich rede ja schon wie der Bahntorpedo. Eigentlich ist es ja klasse – statt zuhause allein zu hocken, stehen die rüstigen Rentnerinnen zusammen im warmen Wasser, unterhalten sich und haben ganz offensichtlich Spaß. Schwimm ich halt in Zukunft um die Damen herum. Vielleicht lächele ich sie ja sogar mal an. Oder – besser noch – ich stell mich dazu und mach beim Wasser-Wedeln mit. Das wird ’ne Sause!

Nottoiletten und Bärenglocken

ICH UND DIE OUTDOOR-WELT

Auch im Urlaub will ich als alter Sack nicht bequem werden, sondern Action machen, mich prüfen, an die Grenzen gehen (siehe auch die Kapitel über Aktivurlaube). Dazu muss man natürlich richtig ausgerüstet sein. Oft sind es ja die kleinen Dinge, die uns das Leben in der Wildnis erleichtern.

Für den Stern habe ich in diesem Zusammenhang einmal verschiedene Outdoor-Accessoires getestet, die im einschlägigen Versandhandel angeboten werden. Es war eine harte Prüfung. Ich musste bei diesem Test bis an die Grenzen des guten Geschmacks, ja sogar weit darüber hinausgehen. Lesen Sie hier, was ich beim Testen erlebte:

OUTDOOR-TOILETTENARTIKEL

Stellen Sie sich vor: Man sitzt in einem Kajak, einem Fesselballon oder auf einem Hochsitz und muss mal. Nun mag es vergnügungssüchtigen Gemütern Freude bereiten, sich etwa aus großer Höhe zu erleichtern. Den meisten dürfte Derartiges schwerfallen. Die Outdoor-Industrie weiß hier Rat: Das Angebot an Take-away-Urinalen und Kotgefäßen ist reichhaltig:



Wir haben da beispielsweise den »Urimed Uribag«, der mit einem recht ordentlichen Rohrdurchmesser die »männliche Anatomie« berücksichtigt, wie der Anbieter etwas verschämt erklärt. Der Uribag verfüge über eine »dicht verschließbare ABS-Dose mit Latex-Auffangbeutel« und einem Fassungsvermögen von »bis zu einem Liter«. ABS-Dose ? Ich bin beeindruckt. Das kenne ich von Autos. Blockaden beim Pieseln sind also fortan kein Problem mehr. Ich simuliere draußen in unserem Garten hinter einer Hecke eine Kajakfahrt und teste den Uribag. Mein Urteil: Man kann damit umgehen.

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Ein bisschen unheimlich ist mir die »Minilet-Outdoor-Toilette«. Sie ist mit einem so genannten »Stegverschluss« und einem »getrennt entsorgbaren Unisex-Stutzen aus Weichschaum« ausgestattet. Das klingt nach einem Spezialgerät von Beate Uhse. Besonders gruselig aber ist, dass der Auffangbeutel der »Minilet« mit einem »Erstarrungsmittel« ausgestattet ist, das den »Inhalt schnell, geruchlos, sicher und sauber« verfestige. Voll futuristisch! Wie wird das Erstarrungsmittel funktionieren?, frage ich mich vor dem Selbstversuch. Werden gleich bizarre Urinskulpturen den Beutel zieren, aus denen Schamanen die Zukunft lesen können? Ich will hier nicht weiter ins Detail gehen. Ich schreibe nur noch ein Wort: Wackelpudding.



Kommen wir zur nächsten Outdoor-Nothilfe: Schon der Name lässt Großes erahnen: »Four-Seasons-Outdoor-Toilette«. Es handelt sich hier um ein Sitzklo aus Pappe (mit Deckel!), das immerhin Personen bis 100 Kilo Körpergewicht aushalte und für den Einsatz in der Wildnis gedacht ist. Man soll sich also draußen auf diesen Pappkarton setzen, statt einfach ins Unterholz zu knattern. Ich teste das »Four Seasons« an einem Herbstabend am Rande unseres ländlichen Grundstücks. Auf dem Weg draußen ist niemand. Ich hätte vielleicht auch noch auf den angrenzenden Acker schauen sollen. Dann hätte ich gesehen, dass Bauer Petersen gerade seine Zäune kontrollierte. Verdammt cool, diese Landwirte. Er hat nur freundlich genickt. Mein Fazit: Gehen Sie lieber ins Unterholz.

Man sieht auf einem Pappklo noch bescheuerter aus als in der »Schranzhocke«.

Und außerdem müssen Sie nach »Geschäftsschluss« auch noch ein … na sagen wir mal … »ausgebuchtes Four Seasons« mit sich herumschleppen.



Nicht unterschlagen werden darf an dieser Stelle, dass auch weiblichen Lesern im Kajak oder Ballon geholfen werden kann. Die »Pinki-Nottoilette« mit »ovalem Trichter« und »großem, flachem Auffangbehälter« sei ideal »für die weibliche Anatomie«, verspricht der Anbieter. Dies gelte auch für die rosafarbene »Sani-fem Freshnette«, eine Art Unterleibs-Schale, die Frauen – ich zitiere den Katalog der Firma Globetrotter – »das Pinkeln im Stehen« ermögliche. Ich habe die beiden letzten Outdoor-Toiletten aus nachvollziehbaren Gründen nicht getestet.

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DIE BÄRENGLOCKE

Kommen wir zu Dingen fernab der Verdauung: Wer beispielsweise in Kanada wandern geht, kann dort in der Wildnis leicht auf Bären treffen. Um diese nicht für jeden erstrebenswerte Begegnung zu verhindern, gibt es »Coglans Bärenglocke«. Die soll – etwa am Rucksack befestigt – die Bären durch lautes Gebimmel schon vor dem Zusammentreffen vertreiben. Ich habe eine solche Glocke schon vor Jahren bei einem Urlaub in British Columbia ausprobiert. Es funktionierte. Wir haben – bis auf eine Ausnahme – keine Bären gesehen! Allerdings auch keine anderen Tiere. Die hören das Geläute nämlich ebenfalls schon weit vor dem Eintreffen des Wanderers und beobachten den vorbeiziehenden, touristischen Spielmannszug kopfschüttelnd aus dem sicheren Unterholz. Wer also garantiert auf keinerlei »wildlife« im Urlaub treffen will, möge zu »Coglans Bärenglocke« greifen. Er wird gänzlich allein im Walde bleiben.

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STÖPSEL GEGEN OHRENSTECHEN

Was für ein schöner Satz: »Die Bäumchen verhindern Ohrenstechen.« So preist der Globetrotterkatalog seine Ohrstöpsel gegen »das lästige Drücken und Stechen in den Ohren bei Flugreisen«.

Ich probiere die »Bäumchen« auf einer Dienstreise nach München aus, stecke sie mir – wie vorgeschrieben – eine Stunde vor der Landung in die Ohren und sehe offenbar mit den herausragenden Kunststoff-Röhren komisch aus. Die Stewardess kichert, als sie mir einen Kaffee bringt. Ich kann sie darüber hinaus schlecht verstehen, weil durch den Einsatz der »Travel Smart Ear Planes« auch die Hörfähigkeit um rund 20 Prozent abnimmt. Es hat beim Landen nicht gestochen. Hat es aber auf dem folgenden Rückflug ohne auch nicht.

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DIE REISE-WASSERPFEIFE

Wer heutzutage noch ohne Wasserpfeife urlaubt, scheint etwas zu versäumen. Schließlich, so heißt es im Werbetext für die »Four-Seasons-Reise-Wasserpfeife«, seien »Geselligkeit und Entspannung weltweit gefragt; nicht nur zuhause oder in arabischen Ländern«. Ich habe ein paar Kumpels von früher, die sehen das mit der Entspannung genauso. Sie bestätigen mir, dass man sich – wie der Anbieter preist – der »Magie eines klassischen Wasserpfeifenzeremoniells« nicht entziehen könne, und erklären sich bereit, die Pfeife mit mir auszuprobieren. Der obere Trichter des dosenartigen Gerätes wird mit angefeuchtetem Tabak bestückt und darauf ein glühendes Stück Kohle gelegt. Der so entstehende Rauch wird dann durch das darunter liegende Wasserreservoir »gezogen«. Ich saugte kräftig. Es war ein Erlebnis. Ich kann mich tatsächlich an einen »milden und weichen Geschmack« erinnern, bevor ich das Bewusstsein verloren habe.

WÄRMEKISSENSOHLEN

Kalte Füße sind fies. Wer jemals den Gipfel des Nanga Parbat in unzureichendem Schuhwerk bestieg, weiß, wovon ich rede. Ich war dort zwar nie, aber allein die Vorstellung ! ! ! ! Hilfe bieten in so einem Fall dicke, grüne Plastikeinlagen, die einem die Mauken beheizen – die Gel-Wärmekissen-Sohlen. Ich drücke beim Selbsttest vorschriftsmäßig auf einen kleinen Metallknopf inmitten der Sohlen und stopfe sie schnell in meine Schuhe.

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Der Knopf, so heißt es, schocke »die übersättigte Salzlösung« der Einlagen und erzeuge für etwa 30 Minuten 50 bis 55 Grad Wärme. Ich schlüpfe in meine Schuhe und stelle mich in eine Wanne voller Eiswürfel. Meine Füße bleiben angenehm warm. Was man allerdings nach den kuscheligen 30 Minuten macht, weiß ich leider auch nicht. Gegen Kalt-Fuß-Attacken in der Wildnis sind die Wärmesohlen aber eine schöne Übergangslösung.

DAS SCHWEIZER MESSER FÜR FORTGESCHRITTENE

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Jeder hat wohl schon mal eines dieser wirklich praktischen Schweizer Offiziersmesser mit den vielen ausklappbaren Utensilien in der Hand gehabt. Aber wer kennt den Rolly Royce unter den Schweizern? Die wirklich große Nummer? Wer kennt die Mutter aller Messer mit dem etwas sperrigen Namen »Champ- und Großes Survival-Set«? Ich habe es für Sie getestet. Das Ding ist zunächst einmal verdammt schwer. Man trägt es in einer Tasche am Gürtel. Ich habe fast eine Stunde gebraucht (und mir drei Fingernägel abgebrochen), um alle Dinge auszuklappen, die das fette Set bietet. Messer, Schere, Gabel, Zange, Flaschenöffner, Korkenzieher und Säge erschlossen sich mir in ihrer Funktionalität sofort. Aber braucht der Wanderer wirklich eine »Stech-Bohr-Ahle« und einen »Endhülsenpresser«? Sind Holzmeißel und Drahtschneider in der Wildnis tatsächlich unverzichtbar? Insgesamt bietet das Set 32 Funktionen. Der eisenharte Traveller kann sicherlich mit allen etwas anfangen. Ich war zum Teil etwas ratlos und hätte mich mitten in der Ausklapp-Orgie nicht mehr gewundert, wenn plötzlich auch noch eine Sitzbadewanne, eine Dachrinne und Oliver Pocher zum Vorschein gekommen wären. Ein ehrgeiziges Werkzeug, aber für einen Laien wie mich eine Spur überfrachtet.

DER LEUCHTKULI

»Wenn man unter der Decke einen Liebesbrief schreiben will, hat man normalerweise keine Hand für die Taschenlampe frei.« Mit diesen, in meinen Augen äußerst anzüglichen Zeilen wirbt der Versender der »Four-Seasons-Leuchtkulis« für sein Produkt. Ich verstehe das nicht. Warum kann ich nicht mit der einen Hand einen Brief schreiben und mit der anderen die Taschenlampe halten? Was denken die total versexten Damen und Herren vom Globetrotter-Versand, was der Outdoor-Lover während des Schreibens mit der anderen Hand unter der Decke macht? Und wieso überhaupt Decke? Es geht doch um Urlaub in der rauen Wildnis. Schreibt der Traveller da nicht im nachtschwarzen Zelt Liebesbriefe im Schlafsack ? Sei’s drum. Die »Four-Seasons-Leuchtkulis« lösen in jedem Fall das Problem des Schreibens bei Dunkelheit, denn sie leuchten auf Knopfdruck am Stiftende. Wahlweise in Blau oder Rot. Ich kenne das, denn ich war mal Kinokritiker, und die Oberschlauen unter den Kollegen hatten solche Kulis, um sich schon während des Filmes wichtige Notizen wie etwa »experimentelle Kameraführung« oder »verstörende Dramaturgie« zu machen. Ich lehne solche Leuchtkulis deshalb als prätentiös ab. Schlafen Sie lieber des Nachts in Ihrem Outdoor-Urlaub. Schreiben können Sie auch tagsüber – falls Sie eine Hand frei haben.

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