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Inhaltsverzeichnis








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Die Lindenwirtin Josefine Wagner

Am 5. Dezember 2009 feierte Josefine Wagner, die Wirtin des Gasthauses »Zur Linde«, das in Winkl neben dem Europakloster Gut Aich liegt, ihren 100. Geburtstag. Die Lindenwirtin ist – trotz der Mühsal und der Schwierigkeiten, die es auch in ihrem Leben gab – in Würde und mit Freude alt geworden. Leider ist solch ein erfüllter Lebensweg nicht allen gegeben – im Gegenteil: Viele Menschen fühlen sich im Alter oft unnütz und ohne Perspektive. Die Wurzeln dieser traurigen Schicksale liegen meist in der Vergangenheit, weil die Menschen wenig für ein sinnvolles Leben getan haben. Sie haben ihre Aufmerksamkeit viel zu einseitig auf Äußerlichkeiten ausgerichtet und dabei vergessen, dass ihre materialistische Lebensführung mit zunehmendem Alter erhebliche Probleme aufwirft.

Josefine Wagners Lebensweisheit ist ein einfaches, aber wunderbares Beispiel für sinnvolles Altwerden – und man fragt sich, was Mensch und Gesellschaft ändern müssen, damit möglichst viele im Alter ähnlich zufrieden und glücklich sind wie die Lindenwirtin.

Mit dieser Frage setzen wir uns im vorliegenden Buch auseinander. Natürlich nehmen wir nicht in Anspruch, das komplizierte Altersproblem lösen zu können. Aber wir versuchen, Anregungen zu geben und die Menschen zu ermutigen – zu einer verantwortungsbewussten Lebensgestaltung, die schon lange vor dem Renteneintritt beginnen kann und den Menschen im Alter trägt. Um den Weg in die spätere Erstarrung zu vermeiden, sollte ein Mensch bereits im Alter zwischen 40 und 50 Jahren mit der bewussten Gestaltung seines Lebens beginnen – hin zu einer Spiritualität, die ihn in der späten Abendsonne wärmt. Dieses Umdenken in der Lebensmitte leitet einen Wandel ein, der dem Älterwerden Sinn gibt. Es ist der Aufbruch zu einer Spiritualität, die die Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu anderen und zur Schöpfung fördert, die Achtsamkeit und Demut erfordert.

In vielen Kapiteln des Buches ergänzen wir unsere Gedanken mit Zitaten der Lindenwirtin Josefine Wagner, die ihr gutes Leben oft verblüffend einfachen Weisheiten verdankt, und mit kleinen, oft humorvollen Geschichten aus dem alltäglichen Leben. Wir wollen mit diesen Zitaten und Geschichten zeigen, dass alles Denken und Tun erst dann Sinn macht, wenn es dem Menschen zu einem guten Leben verhilft.

Hilft das gegen meine geschwollenen Füße?

Ein junger Mönch bemühte sich, seinen Mitbrüdern fundierte theologische und spirituelle Vorträge zu halten. Es waren etwa 50 Männer, die – aus ihrer Arbeit herausgerissen – mehr oder weniger konzentriert seinen Ausführungen folgten. Dabei fiel ihm einer besonders auf, weil er mit großer Aufmerksamkeit jedem seiner Vorträge folgte und stets sehr konzentriert versuchte, den Inhalt zu verstehen. Es war der alte pensionierte Pförtner des Klosters.

Eines Tages fragte ihn der junge Mönch, ob er denn mit seinen Gedanken etwas anfangen konnte. »Ja, ja«, meinte der Pförtner, »die Vorträge sind sehr gut – ausgezeichnete Gedanken finde ich in ihnen. Früher habe ich mich selbst mit dem heiligen Augustinus und Thomas von Aquin beschäftigt – die sind auch gut gewesen. Aber hilft das alles gegen meine geschwollenen Füße?«

Der junge Mönch war ziemlich betroffen. Sollten denn geistliche Übungen gegen geschwollene Füße helfen?! Oder hatten Freude und Leid, Schmerz und geschwollene Füße vielleicht doch etwas mit spirituellen Übungen zu tun? Manchen selbst ernannten Eliten in Kunst und Wissenschaft mag es wie dem zunächst sprachlosen Mönch ergehen: Sie denken nicht an die geschwollenen Füße der Menschen, weil sie nur um sich selbst kreisen.

Aber Spiritualität ist nicht akademisch und intellektuell, sondern muss sich in irgendeiner Weise immer auch auf das wirkliche Leben auswirken – bei unserem Pförtner also auf seine geschwollenen Füße. Spiritualität macht den Menschen offen und sensibel, sie schenkt ihm Freude oder Nachdenklichkeit, Glücksgefühle und manchmal auch die schmerzvolle Erkenntnis, dass er sein Leben ändern muss. Es gibt nicht wenige Philosophen, die sich zwar theoretisch tief in Erkenntnisse des Geistes hineingebohrt haben, aber ihr rein verkopftes Denken hatte keine Auswirkungen auf ihr Leben. Im Gegensatz dazu durchdringt eine spirituelle Grundhaltung den ganzen Menschen und all seine Lebensbezüge. Sie wirkt sich gleichermaßen auf seelische, geistige und körperliche Zustände aus. Dies ist also kein lautloser, intellektueller oder abstrakter Prozess, sondern einer, der konkret im Leben spürbar ist.