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Das Buch

Seit Menschengedenken gibt es die sogenannten »Anderen«: Vampire, Gestaltwandler, Hexen, Magier. Unerkannt leben sie in unserer Mitte und sorgen dafür, dass das Gleichgewicht zwischen den Dunklen Anderen und den Hellen Anderen gewahrt bleibt. Zwei Organisationen, den »Wächtern der Nacht« und den »Wächtern des Tages«, obliegt es, den vor langer Zeit geschlossenen Waffenstillstand – den »Großen Vertrag« – zu überwachen und jegliche Verstöße zu ahnden. Doch das Gleichgewicht ist brüchig.

Ein mysteriöser Mord erschüttert die Welt der »Anderen« – der Vampire, Hexen, Magier und Gestaltwandler, die unerkannt unter den Menschen leben. Die Spur führt nach Samara, einer Stadt an der Wolga, wo sich geheime magische Depots befinden. Doch hinter diesen Depots steckt mehr, als es den Anschein hat: Sie führen in eine Zwischenwelt, in der Wesen mit nahezu unbegrenzten Fähigkeiten gefangen sind. Und diese Wesen stehen kurz vor dem Ausbruch ...

Mit seinen WÄCHTER-Romanen hat der russische Kultautor Sergej Lukianenko einen weltweiten Bestseller gelandet – Millionen von Fans verfolgen begeistert jedes neue Abenteuer. Nun beginnt eine neue Zeitrechnung in der Welt der Hellen und Dunklen Anderen – denn plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war …

»Einzigartig! Mit der WÄCHTER-Serie hat Sergej Lukianenko ein Epos von ganz außerordentlicher Kraft geschrieben.«

Quentin Tarantino

»So subtil und charmant, wie es nicht mehr zu lesen war seit Bram Stokers Dracula.«

Süddeutsche Zeitung

Der Autor

Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Er ist der populärste russische Autor der Gegenwart. Seine Romane und Erzählungen wurden mehrfach preisgekrönt.

SERGEJ LUKIANENKO

DIE

WÄCHTER

DUNKLE VERSCHWÖRUNG

ROMAN

Aus dem Russischen
von Christiane Pöhlmann

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Titel der russischen Originalausgabe:

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Deutsche Erstausgabe 4/2016

Redaktion: Maria Peeck

Copyright © 2013 by Sergej Lukianenko, Iwan Kusnezow

Copyright © 2016 der deutschen Ausgabe und Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.  

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-16866-7
V002

www.heyne.de

Prolog

»He, Meister, brauchst du dein Handy eigentlich noch?«

Alexej starrte schicksalsergeben auf die Bande, die da auf ihn zuhielt. Er liebte die Stadt bei Nacht. Die Leuchtreklamen der Shoppingcenter, die weichen Schatten der Birken entlang der Bordsteinkante und die menschenleeren Straßen, durch die endlich keine Autos mehr ratterten. Selbst der Dampf über dem Asphalt – diese Geißel, die eine moderne Stadt unweigerlich jeden Sommer heimsuchte – verkroch sich gegen Mitternacht in die Risse im Straßenbelag oder verzog sich durch Abflussgitter, nur um am nächsten Morgen, sobald sich die Sonne über den Wolkenkratzern erhob, abermals über die Städter herzufallen.

Allerdings brachten nächtliche Spaziergänge zwei Nachteile mit sich: Man bekam zu wenig Schlaf und musste mit solch liebreizenden Begegnungen rechnen.

Alexej seufzte und richtete all seine Aufmerksamkeit auf die Rowdys. Vier Typen und eine Frau. Alle um die zwanzig. Wo kamen die bloß plötzlich her? Noch vor einer Sekunde war weit und breit niemand gewesen – und nun standen wie aus dem Nichts vier Kerle und eine Frau, die buchstäblich am Boss der Bande zu kleben schien, vor ihm.

»Stimmt absolut, auf mein Handy kann ich getrost verzichten«, beteuerte Alexej, wobei er versuchte, möglichst locker zu klingen. Schließlich stand in allen Ratgebern, in kritischen Situationen wie diesen sei Selbstsicherheit das A und O.

Der Obermac der Bande, ein lockenköpfiger Typ mit Hakennase, sonnenverbrannter Haut und tintenschwarzen Augen, grinste zufrieden.

»Dann schieb’s mal rüber«, verlangte er mit starkem Akzent. Seine Kumpane wieherten prompt los.

Was Alexej am meisten fuchste, war, dass er sich heute den ganzen Tag über geradezu vorbildlich verhalten hatte. Bis spät abends hatte er Überstunden geschoben, um die Fehler eines dusseligen Kollegen zu korrigieren, das Büro hatte er als Letzter verlassen, dann war er durch die halbe Stadt nach Hause gefahren, wo er sein Auto keineswegs direkt vorm Eingang geparkt hatte, wie die meisten seiner rücksichtslosen Mitmenschen es taten, sondern es, ganz wie es sich gehört, auf dem Parkplatz abgestellt hatte. Das bedeutete für ihn fünf Minuten zu Fuß. Und dafür bekam er nun die Rechnung präsentiert. Wahrlich, Undank war der Welten Lohn!

Alexej suchte aus den Augenwinkeln die Umgebung ab, aber natürlich hoffte er vergebens auf Hilfe. Nirgends eine Menschenseele, nicht mal das Rücklicht eines Autos, das gerade in einer Hoffeinfahrt verschwand. Sollte er fliehen? Aber wohin? Bis zum Parkplatz bräuchte er drei Minuten, bis zum nächsten 24-Stunden-Shop noch länger. Diese Mistkerle würden ihn garantiert einholen und dann … Das malte er sich lieber gar nicht erst aus. Er konnte ja nicht einmal den armen Studenten mimen, denn die schicke Handyhülle, die er fest in seiner schweißfeuchten Hand hielt, schrie ja förmlich: »Greif zu! Hier gibt’s was zu holen!«

Den Gedanken, sich auf eine Schlägerei einzulassen, verwarf Alexej ebenfalls sofort. In Bezug auf seine körperliche Fitness gab er sich keinen Illusionen hin. Als braver Büroangestellter ging Alexej zwar hin und wieder zum Sport, um mit ein paar Kollegen Handball oder Fußball zu spielen, doch seine Prügelerfahrungen beschränkten sich auf Schlägereien auf dem Schulhof. Aus denen er längst nicht immer als Sieger hervorgegangen war.

Wie drücken sich die Ganoven im Fernsehen doch immer aus? »Zeit, Abschied zu nehmen.« Leb also wohl, iPhone, auf das ich monatelang gespart habe. Und auch du, meine edle Handyhülle, leb wohl. Nur gut, dass er bei dem Stress heute im Büro nicht mehr dazu gekommen war, Geld abzuheben, sonst müsste er sich jetzt nämlich bis zum nächsten Ersten bei jemandem durchschnorren.

»Allerdings hab ich mein Handy gar nicht dabei«, murmelte Alexej.

»Davon überzeugen wir uns doch lieber selbst«, erklärte der Obermac freundlich. »Alik! Filz ihn!«

Der rechts vom Boss stehende Typ, ein Kerl mit dunklem Igel, trat einen Schritt auf Alexej zu. Dieser zog unwillkürlich die Hand zurück, sodass Alik ins Leere griff.

Ja hab ich denn völlig den Verstand verloren?, durchschoss es Alexej. Statt alles freiwillig rauszurücken, ziehe ich hier diese Show ab. Und welchen Preis er dafür zu zahlen hatte, war ihm klar. Dieser Alik bleckte bereits gierig die Zähne, gleichzeitig traten zwei seiner Kumpane hinter dem Obermac hervor. Die wollten Blut sehen.

Der Boss schüttelte den Kopf.

»Oh, oh«, säuselte er. »Unser Freund behauptet, er hat das Handy nicht dabei, und dann lässt er uns nicht einmal nachsehen, ob das stimmt. Ja gehört sich denn so etwas?«

»Ich werde nachsehen«, schnurrte die Frau und löste sich von ihrem Freund.

Ohne ihr Opfer aus den Augen zu lassen, umrundete sie Alik in aller Seelenruhe. Als Alexej zurückweichen wollte, musste er feststellen, dass er sich nicht von der Stelle rühren konnte.

Die Frau trat dicht an ihn heran. Sie war nicht sehr groß und etwas füllig, hatte schwarzes, kurz geschnittenes Haar, eine gepiercte Unterlippe sowie eine enorme Oberweite. Die Situation, in der Alexej sich befand, lud bestimmt nicht gerade dazu ein, die Vorzüge dieser Frau zu würdigen. Doch als er den Blick trotzdem und völlig automatisch senken wollte, konnte er nicht einmal das. Geradeaus vor sich hinzustieren war alles, was er noch zustande brachte. In die dunkelbraunen Augen dieser Frau, die völlig starr wirkten.

»Was für ein braver Junge«, raunte sie.

Die dunkel nachgezogenen Lippen zitterten. Alexejs Angst wuchs sich zu echter Panik aus. Vor dieser stinknormalen Frau zitterte er mehr als vor den vier Kraftbolzen zusammen.

Dann küsste sie ihn, ganz zart und kurz. Ihre Lippen waren kalt und trocken wie Sandpapier.

»Was für ein braver Junge«, wiederholte sie kaum hörbar. Ihre Hände verschränkten sich hinter seinem Hals. Die Welt um ihn herum verblasste, wurde fahl und reizlos. Das Rascheln der Blätter verstummte, die vier Rowdys erstarrten in lächerlichen Stellungen. Nur eine sanfte Musik war noch zu hören, die aus dem Nichts heranwogte. Und dann waren da noch die bodenlosen Augen dieser Frau, die ihn umarmt hatte.

Nein!, wollte Alexej schreien. Ich will das nicht! Lass mich los!

Aber er brachte nicht einmal ein Stöhnen heraus.

Daraufhin verlor die Welt vollends ihre Farben. Kalter, geruchloser Wind zerzauste den Rowdys die Haare, und sie verwandelten sich in durchscheinende Schatten. Die ohnehin schon blasse Haut der Frau nahm einen grauen Ascheton an. Ihre Lippen waren nicht länger kalt – sie waren nun eisig. Als sie den Mund öffnete, verlängerten sich ihre Eckzähne und mutierten zu feinen Knochennadeln. Die sanfte Musik schien das einlullendste Wiegenlied, das Alexej je gehört hatte. Die graue kalte Welt schrumpfte auf die leblosen dunklen Augen der Frau vor ihm zusammen.

Alexej meinte, in einen Abgrund zu stürzen, aber das war ihm egal. Nichts zählte mehr für ihn. Nicht die Irritation, die kurz im Blick der Frau aufloderte, nicht die Angst, die auf diese Irritation folgte, nicht der Wind, der ihm bis auf die Knochen drang – und mit aller Kraft in den Rücken schlug.

Erste Geschichte
Der Zwielicht-Gast