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Jan Böcken, Bernard Braun,
Rüdiger Meierjürgen (Hrsg.)

Gesundheitsmonitor 2015

Bürgerorientierung im Gesundheitswesen

Kooperationsprojekt der Bertelsmann Stiftung und der BARMER GEK

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation

Wir verwenden in dieser Publikation keine durchgängig geschlechtergerechte Sprache. Mit »Ärzte«, »Patientinnen«, »Bürger« etc. sind immer Männer und Frauen gemeint.

© E-Book-Ausgabe 2015

© 2015 Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

Verantwortlich: Dr. Jan Böcken, Tobias Feldhaus, Bertelsmann Stiftung;

Dr. Rüdiger Meierjürgen, Nicole Osterkamp, BARMER GEK

Redaktion: 37 Grad Analyse und Beratung GmbH, Köln

Lektorat: Heike Herrberg

Herstellung: Christiane Raffel

Umschlaggestaltung: Elisabeth Menke

Umschlagabbildung: Alexander Raths/iStockphoto.com

Satz und Druck: Hans Kock Buch- und Offsetdruck GmbH, Bielefeld

ISBN 978-3-86793-680-4 (Print-Ausgabe)

ISBN 978-3-86793-702-3 (E-Book PDF)

ISBN 978-3-86793-703-0 (E-Book EPUB)

www.bertelsmann-stiftung.de/verlag

Inhalt

Einleitung

Jan Böcken, Bernard Braun, Rüdiger Meierjürgen

Wie nimmt die Ärzteschaft Patientenrechte und das Patientenrechtegesetz wahr? Ergebnisse einer Ärztebefragung des Gesundheitsmonitors

Dieter Hart, Thomas Brechtel, Martin Buitkamp

Blackbox Gesundheitspolitik: Die (Un-)Bekanntheit wichtiger gesundheitspolitischer Entscheidungen in der Wählerschaft

Nils C. Bandelow, Florian Eckert, Robin Rüsenberg

Erst mal Doktor Google fragen? Nutzung neuer Medien zur Information und zum Austausch über Gesundheitsthemen

Eva Baumann, Fabian Czerwinski

Apotheke – ein moderner Supermarkt?

Gerd Glaeske, Stanislava Dicheva, Kristin Sauer

Gesundheit – ein käufliches Produkt? Meinungen und Erfahrungen der Bevölkerung

Bernard Braun, Gerd Marstedt

Zusatzangebote in der Schwangerschaft: Sichere Rundumversorgung oder Geschäft mit der Unsicherheit?

Rainhild Schäfers, Petra Kolip

Die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen aus der Sicht der Bevölkerung

Joseph Kuhn, Veronika Reisig, Rebekka Schulz, Birgit Reineke, Gabriele Bolte

Einstellungen der deutschen Bevölkerung zu gesetzlichen Maßnahmen des Nichtraucherschutzes, zum Konsum von E-Zigaretten und zu Aufklärungsaktivitäten

Katrin Schaller, Simone Braun, Martina Pötschke-Langer

Rolle und Akzeptanz der Prävention von schädlichen Lifestyle-Einflüssen in der Bevölkerung

Tobias Effertz

Die gesundheitliche Situation von atypisch und prekär Beschäftigten

Melanie Schnee, Joachim Vogt

Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz: Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und die Folgen für die Gesundheit

Anja Chevalier, Gert Kaluza

Prävention und Gesundheitsförderung gesamtgesellschaftlich gestalten

Interview mit Dr. Ilona Kickbusch

Die Befragungen des Gesundheitsmonitors

Die Messung der Sozialschichtzugehörigkeit

Die Autorinnen und Autoren

Abstracts

Einleitung

Jan Böcken, Bernard Braun, Rüdiger Meierjürgen

Mangelnde Tatkraft kann man der Großen Koalition im Gesundheitswesen in den beiden letzten Jahren nicht vorwerfen. Zahlreiche Gesetzesvorhaben – die nahezu alle Leistungs- und Versorgungsbereiche betreffen – sind in der laufenden 18. Legislaturperiode auf den Weg gebracht beziehungsweise bereits verabschiedet worden. Zahlreiche Initiativen, Stellungnahmen und Kommentierungen von Patientenvertretungen und -organisationen belegen, dass die Bevölkerung bei der Ausgestaltung des Versorgungsgeschehens und der gesetzlichen Neuregelungen einbezogen werden will. Die Realisierung einer stärkeren Patienten- und Nutzerorientierung scheint im Versorgungsalltag allerdings nur im Schneckentempo voranzukommen. Die intensiven Diskussionen um Patientenrechte und -sicherheit, partizipative Entscheidungsfindung oder Health Literacy zeigen, wie komplex die damit verbundenen Herausforderungen sind. Es ist daher nicht verwunderlich, dass zwischen dem Wunsch nach mehr Bürgerorientierung und der Wirklichkeit noch immer eine Lücke klafft.

Das bekannteste Gesetz in der Bevölkerung ist das Patientenrechtegesetz. Zwei Jahre nach dem Inkrafttreten kennt immerhin fast die Hälfte der Bevölkerung den Gesetzesnamen; jedoch sind nur acht Prozent mit konkreten Gesetzesinhalten vertraut. Dieter Hart, Thomas Brechtel und Martin Buitkamp analysieren auf der Grundlage einer Ärztebefragung, wie die Ärzteschaft die Patientenrechte und das Patientenrechtegesetz wahrnimmt, und kommen dabei zu sehr ernüchternden Ergebnissen. Transparenz, Rechtssicherheit und Steigerung der Durchsetzung der Patientenrechte werden nach Ansicht von mehr als der Hälfte der Befragten mit dem Gesetz nicht erreicht. Ärzte sehen darin eher eine Belastung, weil der zeitliche Aufwand ihrer Befolgung erheblich zugenommen hat. Etwa ein Drittel der Ärzteschaft kennt das Patientenrechtegesetz nicht. Für die Autoren steht fest, dass es weiterer Anstrengungen bedarf, Ärzte und Patienten zu informieren – letztlich auch mit dem Ziel einer gesteigerten aktiven Rolle von Patienten in der Arzt-Patienten-Beziehung.

Viele Gesetze sind jedoch weit weniger bekannt als das Patientenrechtegesetz. Nils C. Bandelow, Florian Eckert und Robin Rüsenberg widmen sich in ihrem Beitrag der Frage, ob die Gesetze im Gesundheitsbereich bekannt sind und wahrgenommen werden. Dabei wird deutlich, dass ein Großteil der Wählerschaft nur dann Gesundheitspolitik wahrnimmt, wenn kurzfristige und unmittelbare Auswirkungen auf die eigene Situation erkennbar sind (z. B. Abschaffung der Praxisgebühr). Eine Zuordnung der Verantwortung für konkrete Maßnahmen zu bestimmten Parteien gelingt nur im Ausnahmefall.

Eva Baumann und Fabian Czerwinski werfen in ihrem Beitrag einen Blick auf den aktuellen Forschungsstand zur gesundheitsbezogenen Mediennutzung und analysieren die Bedeutung von Online-Medien als Informationsquelle für die Bürger. Ihre Ergebnisse belegen, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung sich aktiv in unterschiedlichen Quellen über Gesundheitsthemen informiert und sich das Internet hier fest etabliert hat.

Wie wichtig qualifizierte Informationen und kompetente gesundheitsbezogene Beratung sind, zeigt sich in besonderer Weise im Bereich der Apotheken. Für Gerd Glaeske, Stanislava Dicheva und Kristin Sauer vermitteln Apotheken mit ihren weit gefächerten Sortimenten eher den Eindruck von Drogerien oder Supermärkten. Sie gehen daher der Frage nach, ob dies aus Sicht der Bürger Folgen für die Beratungsqualität in Apotheken hat. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Mehrheit der Befragten in der Apotheke trotz zahlreicher benannter Mängel gut aufgehoben fühlt. Gleichzeitig wird deutlich, dass es bei der angebotenen Beratung und dem Service Verbesserungspotenziale gibt.

Vor dem Hintergrund der zahlreichen Appelle zu gesunden Lebensweisen und der Vielzahl von Gesundheitsprodukten und -angeboten beschäftigen sich Bernard Braun und Gerd Marstedt mit dem Verhaltenstypus des »Gesundheitskonsumerismus« als einer Art gesellschaftlicher Zwang oder einer individuellen Verhaltensnorm und Pflicht zur Selbstoptimierung. Die Ergebnisse ihrer empirischen Untersuchungen verdeutlichen, dass sich etwa ein Drittel der Befragten als Gesundheitskonsumeristen einordnen lässt. Für die Autoren ist es unerlässlich, das angebotsinduzierte Paradigma beziehungsweise die Erwartungshaltung des »viel hilft viel« vor allem durch gezielte Information und Beratung sowie Kompetenzentwicklung einzudämmen.

Das oft fragwürdige Verständnis des »viel hilft viel« findet sich auch bei den zahlreichen Zusatzangeboten in der Schwangerenvorsorge. Die Autorinnen Rainhild Schäfers und Petra Kolip analysieren auf der Grundlage einer Befragung von Frauen, die in dem Jahr vor der Befragung ein Kind geboren hatten, den Umfang der Inanspruchnahme von Vorsorgeleistungen während der Schwangerschaft. Danach nehmen fast alle Befragten (99 %) Präventionsmaßnahmen in Anspruch, die nach den Mutterschafts-Richtlinien nicht vorgesehen sind.

Einen Schwerpunkt des diesjährigen Gesundheitsmonitors bilden Beiträge zu Themen der Prävention und Gesundheitsförderung. Sie zeigen nicht nur, wie facettenreich die Bürger das Thema bewerten, sondern auch, dass das nach drei gescheiterten Anläufen in dieser Legislaturperiode vermutlich zustande kommende Präventionsgesetz nur ein Baustein für die Weiterentwicklung von Prävention und Gesundheitsförderung sein kann.

Joseph Kuhn, Veronika Reisig, Rebekka Schulz, Birgit Reineke und Gabriele Bolte beleuchten in ihrem Beitrag die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen aus Sicht der Bevölkerung. Die Befragten sind davon überzeugt, dass medizinische Maßnahmen wie Impfungen oder Früherkennungsuntersuchungen sowie verhältnispräventive Maßnahmen wie Sicherheitsgurte im Auto, Arbeitsschutz oder Rauchverbote in der Gastronomie häufig wirksam sind. Allerdings stellt die Wirksamkeit von Maßnahmen für die Entscheidung zur Teilnahme für die Befragten nur ein Entscheidungskriterium neben anderen dar.

Wie kaum ein anderes Feld der Prävention ist in den letzten Jahren der Nichtraucherschutz kontrovers diskutiert worden. Katrin Schaller, Simone Braun und Martina Pötschke-Langer zeigen auf, dass die zwischenzeitlich eingeführten Nichtraucherschutzgesetze immer mehr Zustimmung in der Bevölkerung finden. Sie sprechen sich dafür aus, diese positive Einstellung der Bevölkerung zu nutzen, um derzeit noch bestehende Mängel zu beseitigen. Hierzu gehören nach Auffassung der Autorinnen die Anpassung der föderal immer noch ungleichen Nichtraucherschutzgesetze, die Einführung eines flächendeckenden Schutzes vor Passivrauchen am Arbeitsplatz und ein gesetzliches Rauchverbot in Privatautos, wenn Kinder und Jugendliche mitfahren.

Tobias Effertz untersucht in seinem Beitrag, wie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auf verschiedene Instrumente der Tabak-, Alkohol- und Adipositasprävention reagieren und diese beurteilen. Um politischen Entscheidungsträgern Hinweise geben zu können, wie die Akzeptanz unpopulärer, aber effektiver Präventionsinstrumente in der Bevölkerung gefördert werden kann, analysiert Effertz darüber hinaus, ob und unter welchen Bedingungen die Bevölkerung Steuern auf Adipositas begünstigende Lebensmittel und Werbeeinschränkungen befürwortet. Die Analyse zeigt, dass Einschränkungen der Werbung, etwa im Bereich des Kindermarketings, von zwei Dritteln der Bevölkerung bejaht werden.

Melanie Schnee und Joachim Vogt untersuchen die gesundheitlichen Probleme und gesundheitlich riskante Verhaltensweisen bei atypisch und prekär Beschäftigten. Die Ergebnisse ihrer empirischen Analyse zeigen, dass prekär Beschäftigte häufiger von Krankheiten betroffen sind und auch häufiger das Gesundheitswesen in Anspruch nehmen, jedoch nicht häufiger krankgeschrieben werden als Menschen in Normalarbeitsverhältnissen. Atypisch Beschäftigte sind lediglich im Bereich der chronischen Erkrankungen öfter betroffen. Schnee und Vogt sehen es als notwendig an, Umweltfaktoren wie Lebens- und Arbeitsbedingungen, die durch politische Rahmenbedingungen verändert werden können, wieder verstärkt in den Blick zu nehmen.

Die Ergebnisse einer Analyse von Anja Chevalier und Gert Kaluza belegen, dass Freiheiten am Arbeitsplatz auch ihren Preis haben. Die immer weiter an Bedeutung zunehmenden allgemeinen Zielvorgaben in Unternehmen verleiten Beschäftigte dazu, mehr zu arbeiten, als ihnen guttut. Damit wächst bei vielen die Gefahr, dass sie sich gesundheitlich selbst gefährden. Um diesem Hamsterrad zu entkommen, sind nach Auffassung der Autorin und des Autors vor allem Unternehmen gefordert, Arbeits- und Leistungsstrukturen zu gestalten, in denen ein gesundheitsförderliches Arbeits- und Leistungsverhalten der Einzelnen möglich wird.

Der diesjährige Gesundheitsmonitor wird mit einem Interview mit Ilona Kickbusch zum Thema »Prävention und Präventionsgesetz« abgeschlossen. Sie spricht sich darin für die Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe aus. Das Präventionsgesetz sei trotz einiger Schwächen ein Schritt in die richtige Richtung. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland nicht schlecht da.

Insgesamt liefert der Gesundheitsmonitor auch in diesem Jahr wertvolle Beiträge zu zentralen Fragen des Gesundheitswesens. Es wird analysiert, wie die Bevölkerung sich über Gesundheitsfragen informiert, wie sie die gesundheitliche Versorgung wahrnimmt und wie sie Veränderungen bewertet. Diese Art von Auswertungen sollte Grundlage für die Reformansätze in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode sein. Da die gesetzlichen Initiativen in diesem Zeitraum erfahrungsgemäß weniger dicht gesät sein werden, besteht vielleicht eine Chance, sich intensiver als in der Vergangenheit mit der Perspektive und dem Bedarf der Bürger zu beschäftigen.

Wie nimmt die Ärzteschaft Patientenrechte und das Patientenrechtegesetz wahr? Ergebnisse einer Ärztebefragung des Gesundheitsmonitors

Dieter Hart, Thomas Brechtel, Martin Buitkamp

Das neue Patientenrechtegesetz (PatRG)

Das Patientenrechtegesetz (PatRG) vom 20. Januar 2013, im Bundesgesetzblatt I vom 25.2.2013: 277 ff. verkündet, ist am 26. Februar 2013 in Kraft getreten. Seine Ziele werden in der Gesetzesbegründung beschrieben:

»Transparente gesetzliche Regeln geben deshalb beiden Seiten die nötige Sicherheit. Verlässliche Informationen schaffen für die Patientinnen und Patienten Orientierung. Diese Informationen sind nicht Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, dass die Patientinnen und Patienten eigenverantwortlich und selbstbestimmt im Rahmen der Behandlung entscheiden können. Effektiv durchsetzbare und ausgewogene Rechte sichern das Gleichgewicht zwischen Behandelnden und Patientinnen und Patienten. Außerdem gilt es, Risiko- und Fehlervermeidungssysteme zu fördern, um die Behandlungsabläufe in immer komplexer werdenden medizinischen Prozessen zu optimieren.«

Das PatRG regelt insbesondere den Behandlungsvertrag als neuen Gesetzestypus und Unterfall des Dienstvertrages. Die Regelungen betreffen die Qualität und Sicherheit der Behandlung, die ärztlichen Verpflichtungen zur Information von Patienten, die Dokumentationspflicht, das Recht auf Einsicht in die Krankenunterlagen und beweisrechtliche Fragen. Zusätzlich sollen die Fehlervermeidungskultur und damit die Patientensicherheit gefördert und die Unterstützung von Patienten durch die Krankenversicherung verpflichtend gemacht werden.

Rechtssicherheit, Transparenz und die Durchsetzung der Patientenrechte sollen durch das PatRG gewährleistet werden. Der Gesetzgeber setzt auf Bewährtes, auf das jahrzehntealte Recht der Rechtsprechung – er regelt nichts Neues (Hart 2013; Thole 2013; Montgomery et al. 2013; Thurn 2013; Klebb 2013). Die wissenschaftliche und praxisbezogene Bewertung des Gesetzes durch Rechtswissenschaftler und -praktiker ist in einem Sammelband dokumentiert (Lorenz 2014). Deren Bewertungen reichen von hilfreich (»besser ein Gesetz als eine unübersichtliche Rechtsprechung«) über überflüssig (»die Rechtsprechung ist besser, als ein Gesetz sein kann«) bis schädlich (»das Gesetz schafft neue Interpretationsprobleme«); sie sind sehr heterogen.

Werden Rechtssicherheit und Transparenz gewährleistet und werden durch das Gesetz die Patientenrechte besser durchgesetzt? Die im November und Dezember 2014 durchgeführte Ärztebefragung sollte zur Klärung beitragen, ob diese Ziele aus der Sicht der Ärzteschaft erfüllt, teilweise oder gar nicht erfüllt werden. Sie soll auch zeigen, wie Ärzte auf das neue PatRG beziehungsweise auf Patientenrechte reagieren. Und schließlich wird untersucht, ob und gegebenenfalls welche Verhaltensänderungen das PatRG beziehungsweise die Patientenrechte bei ihnen auslösen. Zum Zeitpunkt der Befragung wird das Gesetz etwa anderthalb Jahre praktiziert. Empirische, datenbasierte Untersuchungen – und insbesondere aus der Sicht der Ärzteschaft – zu diesem Thema existieren bisher nicht.

Zur Kenntnis der Ärzteschaft über Patientenrechte und das PatRG: Vermutungen und leitende Hypothesen zur Datenanalyse

Die Diskussion um ein PatRG wird in Deutschland seit Ende der 1990er-Jahre geführt (Francke und Hart 1999). Damals hat man sich für ein informationelles Überzeugungs- und Verbreitungskonzept entschieden und darauf gesetzt, dass die Kenntnis über Patientenrechte bei Patienten und in der Ärzteschaft durch Information verbessert werden sollte und ein Dokument über »Patientenrechte in Deutschland heute« beziehungsweise »Patientenrechte in Deutschland« verbreitet (Hart 2002). Ob dieses Ziel erreicht wurde, ist zwar nicht untersucht worden, darf aber bezweifelt werden, weil insbesondere im Bereich der Patienteninformation als Voraussetzung einer gemeinsamen Entscheidungsfindung zwischen Arzt und Patient nach wie vor ein erhebliches Defizit herrscht (Braun und Marstedt 2010 und 2014). Unter anderem das Vertrauen in eine erhöhte Geltungsseriosität der Gesetzesform gegenüber schlichter Information hat dann zu der Entscheidung für ein Gesetz geführt. Es besteht die Erwartung, dass ein Gesetz eher befolgt wird als ein Informationsdokument. Was dieses Gesetz in der Ärzteschaft bewirkt (hat), war Gegenstand dieser Ärztebefragung.

Die Ärzteschaft hat ein Gesetz zu Beginn der Diskussion vehement abgelehnt. Erst als der Gesetzgebungsprozess in der letzten Legislaturperiode in Gang gesetzt war, wurde das Projekt unter der Voraussetzung akzeptiert, dass keine die Ärzteschaft belastenden Neuerungen eingeführt würden.

Aus eigener Kenntnis ist bekannt, dass das PatRG seit seiner Verabschiedung häufiger Gegenstand von Fortbildungsveranstaltungen für Krankenhausärzte und für niedergelassene Ärzte in Praxen war und ist. Im Krankenhaus sind es meist interne Fortbildungen durch die eigenen Rechtsabteilungen, im niedergelassenen Bereich sind die Ärztekammern und private Fortbildungsunternehmen tätig, sodass hier eher eigene Fortbildungsinitiative gefragt ist, während dort eher »obligatorische« Angebote stattfinden. Schon diese Beobachtung könnte dafür sprechen, dass das Gesetz zu einer höheren Beachtung der Patientenrechte in der Ärzteschaft geführt hat.

Andererseits wird vermutet, dass Ärzte der verschiedenen medizinischen Fachgebiete unterschiedlich mit Patientenrechten umgehen beziehungsweise auf sie reagieren.

Im Zentrum des Beitrags und der Analysen stehen Fragen

nach der Kenntnis der Patientenrechte und des PatRG unter den befragten Ärzten,

nach der allgemeinen und rechtlichen Bedeutung des Themas für Ärzte und Patienten,

nach unterschiedlichen Wahrnehmungen dazu in den Versorgungssektoren (niedergelassene Ärzte in Praxen gegenüber Krankenhausärzten),

nach den Informationsgrundlagen der Ärzte zum Thema »Patientenrechte« sowie

nach den Auswirkungen, die Patientenrechte auf das ärztliche Handeln haben.

Gemäß der Anlage der Online-Befragung werden befragte Ärzte nach dem Versorgungssektor unterschieden, in dem sie tätig sind (niedergelassene Ärzte in Praxen und Krankenhausärzte).

Die Hypothesen, die der Befragung zugrunde liegen, lauten:

Die Kenntnis von Patientenrechten innerhalb der Ärzteschaft ist wahrscheinlich nicht sehr hoch entwickelt.

Die Kenntnis des PatRG ist aufgrund seiner erst zweijährigen Geltung weniger verbreitet als die Kenntnis der Patientenrechte.

Wer das PatRG kennt, hat auch eine gute Kenntnis von Patientenrechten, da das PatRG Patientenrechte normiert.

Krankenhausärzte verfügen diesbezüglich über eine bessere Kenntnis als niedergelassene Ärzte in Praxen.

Das Einbringen von Patientenrechten wird in der Ärzteschaft mehrheitlich als Belastung der Arzt-Patienten-Beziehung angesehen.

Die Kenntnis und das Beachten von Patientenrechten unterscheiden sich stark nach ärztlichen Fachgebieten.

Methode der Befragung: Daten, Erhebung, Feldphase und Datensatz

Im Rahmen der Ärztebefragung des Gesundheitsmonitors 2014 wurde eine Online-Befragung unter niedergelassenen Ärzten in Praxen und Krankenhausärzten in Deutschland durchgeführt. Gemäß eines vorgegebenen Schichtungskriteriums für die Online-Befragung, das die Verteilung der Arztgruppen nach einem bestimmten Schlüssel nachbilden sollte, wurde für die Befragung ein Anteilsverhältnis von 70 Prozent (niedergelassene Ärzte in Praxen) und 30 Prozent (Krankenhausärzte) vorgegeben. Zusätzlich zu diesem Schichtungskriterium wurde eine repräsentative Verteilung der Facharztgruppen vorgegeben. Die Geschlechterverteilung entspricht 65 Prozent Ärzten und 35 Prozent Ärztinnen.

Für den vorliegenden Beitrag und seine Datenanalysen liegen 800 Online-Interviews von Ärztinnen und Ärzten vor. Die Datenqualität kann als hoch bewertet werden. Unvollständige Datensätze und Befragungsabbrüche befinden sich nicht im Datensatz. Die Verteilung sowohl der Facharztgruppen als auch die räumliche Verteilung der Befragten nach der geografischen Region (Bundesländer) ist nach den entsprechenden Schichtungskriterien der Stichprobe repräsentativ (Ausreißer oder extreme Fälle befinden sich nicht in den Daten).

Ergebnisse der Befragung

Die Befragung sollte ursprünglich auf das PatRG konzentriert werden. Wegen des wahrscheinlichen Ausfalls einer größeren Gruppe von Ärzten (UnKenntnis des PatRG) wurde beschlossen, zwei Gruppen zu unterteilen: solche Personen, die das PatRG kennen und solche, die Patientenrechte, nicht aber das PatRG kennen.

Kenntnisse von Patientenrechten und des PatRG

Kenntnis von Patientenrechten

Die befragten Ärzte sollten zunächst angeben, wie gut allgemein ihre Kenntnis von Patientenrechten (unabhängig vom konkreten Patientenrechtegesetz) ist. Hierzu war eine Skala mit Schulnoten von »sehr gut« bis »mangelhaft« vorgegeben (die Kategorie »ungenügend« hat niemand genannt). Die Antworten liegen in einem sehr hohen Anteil im Bereich »sehr guter« beziehungsweise »guter« Kenntnis (Abbildung 1). Der hohe Anteil von rund 80 Prozent bei den Kategorien »sehr gut« und »gut« ist sicherlich als Ausdruck seitens der Ärzteschaft zu interpretieren, sich auf diesem Gebiet mit dem Eingeständnis schlechter Kenntnis »keine Blöße« zu geben (Abbildung 2). Auf der anderen Seite kommt damit wohl auch das Selbstverständnis der Ärzteschaft zum Ausdruck, aufseiten der Patienten zu stehen und sich auf dem Gebiet der Patientenrechte sehr gut auszukennen. Eine Eigenschaft, die die organisierten Interessenvertreter und berufsständischen Repräsentanten der Ärzteschaft für sich in Anspruch nehmen.

Abbildung 1: Kenntnisse von Patientenrechten in der Ärzteschaft

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Im Rahmen der Befragung waren vier verschiedene inhaltliche Hauptdimensionen von Patientenrechten hinsichtlich ihres Kenntnisstandes zu bewerten (Abbildung 1). Aus dem Antwortmuster zu diesen Aspekten und der entsprechenden bewerteten Kenntnis (von »sehr gut« bis »mangelhaft«) wurde ein additiver Score für jeden Befragten gebildet, mit dessen Hilfe die Befragten in drei Gruppen unterschieden werden können (hohe, mittlere und niedrige Kenntnis von Patientenrechten, Abbildung 2).

Abbildung 2: Die Kenntnis von Patientenrechten (nicht des PatRG) gruppiert nach Arztgruppen

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Unter den Krankenhausärzten befindet sich ein großer Anteil von Ärzten, die angeben, eine hohe Kenntnis von Patientenrechten zu haben (35 gegenüber 28 %). Der Klinikalltag und die Arbeitsteilung im Krankenhaus zwischen ärztlicher Tätigkeit und Verwaltungshandeln führen für Krankenhausärzte stärker dazu, von speziellen internen Abteilungen oder der Krankenhausverwaltung über rechtliche Aspekte ihrer Tätigkeit aufgeklärt zu werden (ein hoher Anteil der Nennungen zu den Informationsquellen für Krankenhausärzte entfiel auf die Rubrik »Fortbildungsveranstaltungen der Beschäftigungsstelle«, Tabelle 1).

Mithilfe der Daten kann die Frage danach beantwortet werden, aus welchen Informationsquellen sich das Wissen der Ärzteschaft zum Thema »Patientenrechte« speist. Die Kenntnis der Befragten zum Thema »Patientenrechte« resultiert zu einem sehr hohen Anteil aus dem Studium von Fachliteratur und Fachzeitschriften (Rang 1 unter den Antworten auf die Frage nach den Quellen der Information). Darauf folgen für die Krankenhausärzte auf den Rängen 2 und 3 die Fortbildungsveranstaltung der Beschäftigungsstelle und das Studium, für die niedergelassenen Ärzte in Praxen auf Platz 2 und 3 die Ärztezirkel und die Presse sowie das Internet (Tabelle 1).

Tabelle 1: Informationsgrundlagen zur Kenntnis von Patientenrechten in der Ärzteschaft (Rangreihen der Krankenhausärzte gegenüber den niedergelassenen Ärzten in Praxen)

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Kenntnis des Patientenrechtegesetzes (PatRG)

Als ein wichtiger Aspekt für die Analysen dieses Beitrags wird die Frage danach bewertet, in welchem Maße die Ärzte angeben, die Bestimmungen des im Jahr 2013 in Kraft getretenen PatRG explizit und damit von Patientenrechten implizit zu kennen. Aus den Antwortanteilen auf diese Frage lässt sich allgemein eine Aufteilung innerhalb der Ärzteschaft erkennen. Zusammen geben 20 Prozent an, das Gesetz in allen oder mindestens in den meisten Bestimmungen gut zu kennen (im Folgenden: Gruppe der Experten). Wenigstens einige der Bestimmungen kennen 48 Prozent (im Folgenden: Kenner). Insgesamt 32 Prozent der Befragten kennen das Gesetz nicht beziehungsweise nur vom Hörensagen (im Folgenden: Nichtkenner).

Abbildung 3: Kenntnisse der Bestimmungen des im Februar 2013 in Kraft getretenen PatRG

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Die erste Gruppe der Experten umfasst 20 Prozent der Befragten; diese Gruppe zeichnet sich durch hohe Kenntnis des PatRG aus, während die Kenner-Gruppe befriedigende bis ausreichende Kenntnisse des PatRG hat. Es ist wohl korrekt, die letzte Gruppe als Nichtkenner zu bezeichnen, zumal wenn man bedenkt, dass es sich um Selbstbewertungen handelt. Für die weiteren Ausführungen wird diese Einteilung durchgehalten. Für spätere Vergleiche wird eine parallele Unterteilung derjenigen Ärzte vorgenommen, die nach ihrer Kenntnis der Patientenrechte befragt wurden.

Vergleich der Gruppen, die zur Kenntnis der Patientenrechte und des PatRG befragt wurden

Von Interesse ist auch, ob die Experten, Kenner, Nichtkenner des PatRG und die Befragten mit hoher, mittlerer und niedriger Kenntnis der Patientenrechte identisch sind oder sich stark oder wenig überschneiden.

Abbildung 4: Kenntnisse der Bestimmungen des im Februar 2013 in Kraft getretenen PatRG

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44 Prozent der Befragten mit hoher Kenntnis von Patientenrechten kennen auch das PatRG sehr gut und sind dort Experten. 16 Prozent mit hoher Kenntnis von Patientenrechten sind aber PatRG-Nichtkenner, was durchaus plausibel ist. Fünf Prozent mit niedriger Kenntnis von Patientenrechten kennen immerhin das PatRG sehr gut. Umgekehrt haben fast 70 Prozent der PatRG-Experten auch eine hohe Kenntnis von Patientenrechten (hier grafisch nicht gezeigt).

Das Ansprechen von Patientenrechten durch Patienten

Die Hauptbedeutung des PatRG in der Wahrnehmung der Ärzteschaft kommt zum Ausdruck, wenn danach gefragt wird, ob die Rechte der Patienten gegenüber dem Arzt mit dem Gesetz erweitert worden sind. Drei Viertel der Ärzte geben an, die Rechte der Patienten gegenüber dem Arzt seien vor dem Hintergrund des PatRG gestärkt worden. Nur ein Viertel der Ärzte gibt an, es sei mit dem Gesetz nicht zu einer Stärkung gekommen beziehungsweise bleibt unentschieden. Ärzte mit hohem Kenntnisstand auf dem Gebiet der Patientenrechte sehen dies besonders stark.

Wie stark sind Ärzte auf Ansprache ihrer Patienten mit dem Thema »Patientenrechte« in Berührung gekommen? Die Frage danach, ob die Patienten der befragten Ärzte schon einmal direkt auf Patientenrechte zu sprechen gekommen sind und diese Anliegen vorgetragen und als ihr Recht bezeichnet haben, beantworten die befragten Ärzte zu einem Anteil von zusammen 38 Prozent mit Ja (Abbildung 5).

Abbildung 5: Direktes Ansprechen von Patientenrechten durch Patienten

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Die patientenrechtlichen Themen solchen Ansprechens beziehen sich auf die Einsicht in Krankenunterlagen (77 % der Befragten geben dies hier an) sowie auf die Aufklärung über Behandlungsalternativen (40 % der Befragten geben diesen Aspekt an).

Die Bewertungen und Wirkungen des PatRG aus Sicht der Befragten

Die Sicht der Experten und der Kenner des PatRG und der Patientenrechte

Die Gruppe der Befragten, die angibt, das PatRG zu kennen, sieht im Gesetz von 2013 ganz sicher eine höhere Belastung für Ärzte (das sagen 75 % in der Gruppe der Experten), aber auch mehr Rechtssicherheit oder Transparenz für die Patienten (maximal sagen das 53 % in der Gruppe der Experten). Zu mehr Rechtssicherheit für Ärzte selbst trägt das Gesetz eher nicht bei, maximal 52 Prozent der Experten sehen dieses Ergebnis als nicht erreicht (Tabelle 2).

Tabelle 2: Gesamtbewertung des PatRG

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Die Ergebnisse zur höheren Belastung für Ärzte sind statistisch nicht bedeutsam unter der gewählten Gruppenbildung (n. s. = nicht signifikant), werden hier jedoch zu Vergleichszwecken vor dem Hintergrund der Bedeutung für die Rechtssicherheit auf der Seite der Patienten mitaufgeführt. Dass das PatRG zu mehr Rechtssicherheit für Ärzte führt, sehen rund ein Viertel bis ein Fünftel der Befragten in den beiden Gruppen – und damit die Minderheit. Mehrheitlich herrscht die Meinung vor, dass das Gesetz eher keine zusätzliche Rechtssicherheit für Ärzte zur Folge hat (52 % in der Gruppe der Experten). Das kann als ein Hinweis auf ein »gewisses Misstrauen« gegenüber dem »Recht« oder dem Aspekt der »Verrechtlichung« in der Ärzteschaft gewertet werden.

Im Hinblick auf den ärztlichen Handlungsspielraum bei der Auswahl der Therapie sehen die Experten und Kenner eher keine Einschränkungen (die Kenner 44 %, die Experten sogar 52 %; Tabelle 2). Von erheblicher Bedeutung für die Wichtigkeit dieses Gesetzes für die Patienten ist die Beurteilung darüber, ob das Gesetz in der Lage gewesen ist, den Patienten mehr Rechtssicherheit oder Transparenz zu geben.

Die Ergebnisse der Auswertungen in der Gruppe der Befragten, die das PatRG nicht kennen, jedoch Kenntnisse über Patientenrechte hat, zeigen ähnliche Bewertungen. Auch hier findet sich das Muster, dass mehrheitlich die Auffassung vorliegt, dass das Gesetz eher keine zusätzliche Rechtssicherheit für Ärzte zur Folge hat (41 % der Befragten mit hoher Kenntnis lehnen das ab), sehr wohl aber ein Mehr an Rechtssicherheit und Transparenz für Patienten gesehen wird (auch hier sehen 53 % der Befragten ein Mehr an Rechtssicherheit für Patienten).

Die Bewertung des PatRG durch Experten, Kenner und Nichtkenner des PatRG im Vergleich

Aus Sicht der Ärzteschaft werden die Inhalte von Patientenrechten folgendermaßen bewertet (Tabelle 3). Wer das Gesetz beziehungsweise wer Patientenrechte kennt, hält das Gesetz eher für überflüssig, wer das PatRG nicht kennt, hält die Regelungen zu Patientenrechten in der Tendenz für eher nützlich. Diese Bewertung ist bei den Krankenhausärzten besonders hoch.

Insgesamt wird auch deutlich, dass die Krankenhausärzte das Gesetz eher nützlich finden (maximal 38 %), die niedergelassenen Ärzte in Praxen es für stärker überflüssig halten (maximal 48 %). Bei den Krankenhausärzten, die das Gesetz nicht kennen, werden die Regelungen zu Patientenrechten noch einmal stärker als nützlich bewertet (rund 53 %). Krankenhausärzte bewerten also im Vergleich zu der Gruppe der niedergelassenen Ärzte in Praxen das PatRG und auch Patientenrechte als eher nützlich, Ärzte in Praxen halten es eher für überflüssig. Als ausgesprochen schädlich wird das Gesetz beziehungsweise werden die Regelungen zu Patientenrechten von keiner Gruppe zu hohen Anteilen bewertet (weniger als ein Fünftel entfallen auf diese Bewertung; Tabelle 3). Im eher fachärztlichen Kontext der Krankenhausversorgung haben die Regelungen des PatRG und zu Patientenrechten aus Sicht der Befragten einen eher größeren Nutzen als bei den niedergelassenen Ärzten in Praxen.

Tabelle 3: Die Bewertung des PatRG

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Einflüsse auf die Kenntnis von Patientenrechten beziehungsweise des PatRG

Die Ergebnisse der multivariaten Analysen, die den Einfluss mehrerer Merkmale gleichzeitig auf den ärztlichen Kenntnisstand über das PatRG und zu Patientenrechten allgemein untersuchen, zeigen deutliche und statistisch abgesicherte Befunde vor allem auf den folgenden Variablen.

Deutlich ist, dass der Variableneinfluss der Arzterfahrung in Form einer »konkreten Ansprache der Patienten auf Patientenrechte« sehr ausgeprägt ist (Odds-Ratio 1,72 bzw. 2,86 bei »ja« für die Ansprache) im Hinblick auf die Kenntnis des Gesetzes in der Ärzteschaft. Ärzte, die von ihren Patienten nicht auf das Thema angesprochen werden, kennen das PatRG und Patientenrechte hingegen eher nicht.

Tabelle 4: Einflussfaktoren auf die Kenntnis von Patientenrechten beziehungsweise des PatRG

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Die Kenntnisse von Patientenrechten und dem entsprechenden Gesetz sind vor allem bei den ärztlichen Fachdisziplinen der Chirurgie und Orthopädie sowie bei operierenden Disziplinen viel verbreiteter als bei Ärzten der allgemeinmedizinischen Versorgung und in Disziplinen mit einem hohen Anteil »sprechender Medizin« (Odds-Ratios 1,88 und 3,84). In den operierenden Fachdisziplinen der Chirurgie und Orthopädie sind Fragen der rechtlichen Absicherung und rechtlichen Auseinandersetzung (Schutz vor Haftungsrisiken; auch vor dem Hintergrund versicherungsrechtlicher Aspekte) offenbar viel verbreiteter. Auch das Alter des Arztes verändert die Chancenverhältnisse. Je jünger, desto niedriger ist die Chance, Patientenrechte und das PatRG zu kennen. Hier gibt es einen Zusammenhang mit dem Versorgungssektor: Die befragten älteren Ärzte im Datensatz üben ihre Tätigkeit häufiger in Krankenhäusern aus (in der Altersgruppe der über 60-Jährigen sind rund zwei Drittel der Befragten dieser Gruppe im Krankenhaus tätig).

Insgesamt wird anhand der multivariaten Analysemodelle auch deutlich, dass der Versorgungssektor (niedergelassene Ärzte in Praxen bzw. Krankenhausärzte) sich stark hinsichtlich der Chance auf eine gute Kenntnis von Patientenrechten und des PatRG unterscheidet (niedrige Odds-Ratios von 0,61 bzw. 0,54 bei niedergelassenen Ärzten in Praxen). Ärzte in Praxen haben eine geringere Chance, auf diesem Gebiet kenntnisreich zu sein (Odds-Ratios von 0,61 und 0,54), als Krankenhausärzte. Zur Bekanntheit des PatRG wird der bisherige Befund auch multivariat bestätigt, dass die gute Kenntnis des Gesetzes bei den befragten Ärzten mit einer Haltung einhergeht, die das Gesetz für eher überflüssig hält (sehr hohes Odds-Ratio von 4,13). Die statistische Güte der Modelle (gemessen am R2) ist jeweils mit rund sechs bis 16 Prozent eher gering, was unter anderem auch an den teilweise niedrigen Fallzahlen in den entsprechenden Untergruppen der multivariaten Modelle liegt. Belastbare Einflüsse für die multivariate Analyse ließen sich darüber hinaus nicht bei den Merkmalen Praxis- und Krankenhausgröße, Dauer der Berufserfahrung, Gruppenpraxis/Einzelpraxis und geografische Region nachweisen.

Veränderung der ärztlichen Tätigkeit in den letzten Jahren

Die ärztlichen Tätigkeiten haben sich in den letzten zwei Jahren nach den Einschätzungen der Befragten unter verschiedenen Aspekten verändert (Tabelle 5) – ein Trend, der jedenfalls nicht alleine auf die Regelungen des PatRG zurückgeführt werden kann, sondern auch allgemeine Entwicklungen und deren Bewertung in der Ärzteschaft spiegelt. Die zeitlichen Aufwände für Dokumentation sind erheblich gestiegen – das geben insgesamt 64 Prozent der Ärzte an.

Auf der anderen Seite sind in den letzten zwei Jahren die Anforderungen zur Einsicht in Krankenunterlagen eher unverändert geblieben (64 bis 69 %) (Tabelle 5). So sind es vor allen Dingen die Dokumentationsaufgaben und die Aufgaben im Bereich der Patienteninformation (Aufklärung), die bei den befragten Ärzten in deutlichem Ausmaß zugenommen haben. Sehr ähnliche Anteile und Vergleichswerte finden sich auch in den Gruppen unter der Betrachtung der Kenntnis von Patientenrechten ohne konkreten Bezug zum PatRG. Auf der anderen Seite sind in den letzten zwei Jahren die Anforderungen zur Einsicht in Krankenunterlagen eher unverändert geblieben (56 bis 69 %) (Tabelle 5).

Das statistisch sicherste Urteil gilt für den Anstieg der Dokumentationsaufgaben. Hier findet sich der höchste Prozentanteil insgesamt und speziell bei den Krankenhausärzten ist der Anteil im Vergleich der Arztgruppen am höchsten (71 % sagen, dieser Aufwand hat erheblich zugenommen). Überdurchschnittlich geringe beziehungsweise keine Veränderungen geben die niedergelassenen Ärzte in Praxen bei der Einsicht in Krankenunterlagen an (69 %). Bei Patienteninformationen ist ein Anstieg festzustellen (»erheblich« und »ein wenig« ergeben hier Anteile über 80 %). Davon betroffen sind besonders stark auch hier wieder die Krankenhausärzte.

Tabelle 5: Die Veränderung des zeitlichen Aufwands für verschiedene Aspekte ärztlichen Handelns in den letzten zwei Jahren

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Übereinstimmend werden in dieser Reihenfolge die zeitlichen Belastungen für Dokumentation und Patienteninformation als gesteigert bewertet, während die Einsicht in Krankenunterlagen in den letzten beiden Jahren nicht als umfänglicher angesehen wird. Es gibt insofern keine Unterschiede zwischen den Gruppen »Kenntnis PatRG« und »Kenntnis Patientenrechte«. Und auch die Antworten der Nichtkenner beider Gruppen unterscheiden sich nicht signifikant.

Die große Übereinstimmung bei Aufgaben der Dokumentation (und hier die empfundene hohe Belastungssteigerung in den letzten zwei Jahren) spricht für ein eher pauschales Ablehnungsgefühl, wenn man bedenkt, dass die Dokumentationspflichten durch das PatRG nicht angehoben worden sind (dazu Beschlussprotokoll des 107. Deutschen Ärztetages 2004: 51; »alle Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, ob im ambulanten oder stationären Bereich tätig, beklagen die immer weiter zunehmende Dokumentationsflut«). Dies wird durch die niedrigen Anteile der »keine Veränderung«-Antworten bestätigt.

Diskussion

Ausgangspunkt dieser Untersuchung über Einstellungen der Ärzteschaft zu Patientenrechten und zum PatRG war die Vermutung, dass die Kenntnisse über beide durch das Gesetz vom Februar 2013 gegenüber dem früheren Ansatz, Steigerung der Kenntnisse durch schlichte Information, verbessert und die Ziele des Gesetzgebers, die mit dem Gesetz erreicht werden sollten, eingelöst werden. Man hoffte hier auf die Wirkungen einer höheren Geltungsseriosität des Gesetzes. Ob diese Zielsetzung in den vergangenen zwei Jahren erreicht wurde, ist zweifelhaft.

Die vorliegenden Befragungsergebnisse dementieren aus der Sicht der Ärzteschaft die Zielsetzung des Gesetzgebers des PatRG: Transparenz, Rechtssicherheit und Steigerung der Durchsetzung der Patientenrechte werden nach Ansicht von mehr als der Hälfte der Befragten nicht erreicht, ihr Nutzen mag für Patienten bedeutungsvoll sein (75 %), für Ärzte sind sie eher eine Belastung, weil der zeitliche Aufwand ihrer Befolgung erheblich zugenommen hat (etwa 90 %). Die Kenntnis des PatRG nach etwa zwei Jahren seiner Geltung liegt bei knapp 70 Prozent der Befragten, wobei nur etwa 20 Prozent der Befragten als wirkliche Kenner des Gesetzes einzustufen sind. 32 Prozent – also etwa ein Drittel – der Ärzte kennen das PatRG nicht.

Diesen Erkenntnissen der Befragung, die auch einen gewissen Vorbehalt gegenüber rechtlicher Regulierung zum Ausdruck bringen, stehen einige allgemeine positive Ergebnisse gegenüber: Die sehr gute bis gute Kenntnis von Patientenrechten ist sowohl bei den Praxis- als auch bei den Krankenhausärzten insgesamt hoch (etwa 80 %); sie ist in dieser Reihenfolge vermittelt durch Fachliteratur, Qualitätszirkel, Presse, die Ärztekammern und durch die Beschäftigungsstelle – immerhin zwölf Prozent der Befragten haben Patientenrechte schon im Studium kennengelernt und nur etwa 20 Prozent der Ärzte fühlen sich durch Patientenrechte in ihren therapeutischen Entscheidungen eingeengt.

Selbst wenn man bedenkt, dass Selbstbewertung eher zu günstigen Urteilen neigt, ist das abgewogene Ergebnis der Befragung eher positiv einzuschätzen. Begibt man sich in die Details der Urteile, finden sich allerdings stark negative Auffälligkeiten.

Zur Kenntnis von Rechten und Gesetz

Es ist ein durchgängiger Befund der Befragung, dass sowohl hinsichtlich der Kenntnis der Patientenrechte als auch des PatRG die Gruppe der Krankenhausärzte besser abschneidet als die Gruppe der niedergelassenen Ärzte in Praxen. Das scheint (auch) der Qualität und der Quantität der Fortbildung zu diesem Thema durch das Krankenhaus beziehungsweise durch den Krankenhausträger geschuldet. Das institutionalisierte Angebot im Unternehmen Krankenhaus selbst wird nicht nur wahrgenommen, sondern bewirkt auch eine bessere Information. Das zeigt sich in der Fachdifferenzierung besonders bei den »schneidenden« Fächern, die weit mehrheitlich Krankenhausärzte und besser informiert sind als die »sprechenden« Fächer über beide Gruppen hinweg. Die Chance hoher Kenntnis von Patientenrechten beziehungsweise des PatRG findet sich überdurchschnittlich bei älteren Ärzten und bei Krankenhauschirurgen, die auch schon patientenrechtlichen Ansprachen ausgesetzt waren. Letzteres mag auch damit zusammenhängen, dass nach allen Statistiken die »schneidenden« Fächer, besonders im Krankenhaus, eher mit Patientenbeschwerden und Behandlungsfehlervorwürfen konfrontiert sein können (Bundesärztekammer 2013).

Eine stärkere Nähe und eine bessere Kenntnis zum Thema »PatRG« sowie auch zum Thema »Patientenrechte« finden sich also bei Vertretern der ärztlichen Fachgebiete Chirurgie, Orthopädie und Anästhesie. Die Kenntnis ist dagegen geringer bei den Fachgebieten der hausärztlichen Versorgung und im Bereich der psychiatrischen Fächer. Das haben die multivariaten Analysen gezeigt. Diese Ergebnisse bilden allerdings einen gewissen Kontrast zu einem weiteren Resultat der Befragung: Aus Sicht der Teilnehmer an der aktuellen Ärztebefragung sehen die Mediziner, wenn sie danach befragt werden, welche Arztgruppe besonders aufgeschlossen gegenüber Patientenrechten ist, die Gruppe der Allgemeinmediziner auf dem ersten Rangplatz, Anästhesiologen und Chirurgen folgen auf Platz 2 und 3 (Abbildung 6).

Insgesamt kann man, sowohl was die Kenntnis der Patientenrechte als auch die des PatRG betrifft, jeweils drei in der Struktur und im Umfang ähnliche Gruppen unterscheiden: Experten, Kenner und Nichtkenner hinsichtlich der Kenntnis des PatRG sowie hohe, mittlere und niedrige Kenntnis von Patientenrechten.

Interessant ist es zu wissen, inwiefern sich die jeweiligen Gruppen PatRG und Patientenrechte personell überschneiden beziehungsweise sogar weitgehend identisch sind. Zwar gibt es eine große Überschneidung bei den Gruppen Experten des PatRG und hohe Kenntnis der Patientenrechte – das leuchtet ein; umgekehrt kennt die Gruppe der Befragten mit hoher Kenntnis der Patientenrechte das PatRG nur zu einem geringeren Prozentsatz (44 %). Fast gleich groß ist die Über schneidung der Gruppe Nichtkenner des PatRG und der Befragten mit niedrigen Kenntnissen der Patientenrechte. Auch bei den Kennern/mittleren Kenntnis-Gruppen sind die Abweichungen verhältnismäßig groß. Eine plausible Erklärung für die deutlichen Unterschiede in der Mittelgruppe kann in der Interpretierbarkeit der jeweiligen Fragestellungen liegen oder am Zutreffen oder Nichtzutreffen der Antworten. Hier stößt die Befragung an Grenzen.

Abbildung 6: Welche Arztgruppen sind Patientenrechten gegenüber besonders aufgeschlossen? Beurteilung aus Sicht der befragten Ärzte

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In der Gesamtbewertung wird deutlich, dass die Kenntnis über das PatRG und die Patientenrechte steigerungsfähig und steigerungsbedürftig ist und dass die Zielsetzung des Gesetzgebers, mehr Transparenz und eine Senkung von Vollzugsdefiziten zu bewirken, jedenfalls bisher nicht erreicht wurde.

Das Ansprechen von Patientenrechten durch Patienten

Dass nicht einmal jeder Zehnte der befragten Ärzte mehrfach von Patienten auf ihre Rechte angesprochen wurde, könnte ein Hinweis auf die niedrige Relevanz des Themas »Patientenrechte« in der Arzt-Patienten-Beziehung insgesamt sein. Mit einem solchen Urteil muss man aber sehr vorsichtig umgehen, weil ein Nachfragen von Patienten bezüglich der Diagnose, Therapie und der Information möglicherweise nicht als Geltendmachung von »Rechten« wahrgenommen wird. Dafür spricht, dass der Anteil des Ansprechens beim Thema »Aufklärung« wesentlich geringer ist als beim Thema »Krankenunterlagen«. Dass 30 Prozent der Ansprachen, also ein verhältnismäßig hoher Anteil, sich auf Krankenunterlagen beziehen, überrascht nicht, weil sich diese Fälle wohl meist auf Weiterbehandlungen nach Krankenhausaufenthalten, auf Arztwechsel und auf Überweisungen beziehen, wohl weniger auf die Geltendmachung von Ansprüchen aus Behandlungsfehlern. Möglicherweise werden Patientenrechte aber auch eher mit Formalem (Einsicht in Krankenunterlagen) als mit der materialen Behandlung in Verbindung gebracht.

Dass 62 Prozent der Ärzte noch nie von Patienten auf Patientenrechte angesprochen worden sind, kann auch ein Hinweis darauf sein, dass Patienten ihre Rechte in der Arzt-Patient-Beziehung nur sehr zurückhaltend oder gar nicht geltend machen oder sie möglicherweise nicht kennen (Braun und Marstedt 2010). Das ist insofern überraschend, als Patienten häufig eine mangelnde beziehungsweise unzureichende Information durch Ärzte beschreiben und ein Mehr an Information und Aufklärung wünschen (Braun und Marstedt 2014 und 2011; Gaissmaier und Gigerenzer 2013; Hart 2011).

Auch dieses Ergebnis lässt Zweifel am Erreichen der Zielsetzung des Gesetzes zu, ein Gleichgewicht zwischen Behandelnden und Patienten zu gewährleisten – jedenfalls aus Sicht der Teilnehmer an der Ärztebefragung.

Bewertung der Wirkungen des PatRG

Überraschend ist die unterschiedliche Bewertung der Wirkungen des PatRG in Bezug auf die Gewährleistung von Rechtssicherheit für Ärzte einerseits und Patienten andererseits. Die durch das Gesetz erreichte Rechtssicherheit für die Patienten wird hoch, die für die Ärzteschaft als niedrig eingestuft. Aus der Sicht des Gesetzes sollte diese Frage nicht unterschiedlich beantwortet werden: Entweder bringt das Gesetz Sicherheit oder nicht; dass dies für unterschiedliche Gruppen von Gesetzesadressaten unterschiedlich sein soll, spricht eher dafür, dass die Ärzte das PatRG als »parteiisch« bewerten. Dafür spricht auch, dass ein hoher Anteil der Experten und Kenner des PatRG dieses als für die Ärzteschaft stark belastend ansieht. Andererseits zeigt sich in diesen Antworten wohl ein gewisses Misstrauen oder ein gewisser Vorbehalt gegenüber rechtlichen Regulierungen (»überflüssig«).

Die Experten und Kenner sehen das PatRG als »parteiisch« zugunsten von Patienten (53 und 50 %; Tabelle 2). Nur eine Minderheit (17 und 18 %) der befragten Ärzte bewertet das Gesetz nicht als Gewinn an Transparenz und Rechtssicherheit für Patienten. In der Gruppe der Experten und Kenner herrscht stärker als bei den übrigen Bewertungsaspekten die Auffassung vor, das Gesetz bewirke nur eingeschränkt (teils/teils) eine Stärkung der Patienten. Aus der Sicht der befragten Ärzte wird damit die Zielsetzung des Gesetzgebers, mehr Sicherheit und Transparenz zu erreichen, wenn überhaupt nur einseitig erreicht. Auch dies lässt auf ein hohes Informationsdefizit und Informationsbedürfnis schließen.

Hinsichtlich der ärztlichen Autonomie (Einschränkung der Therapiefreiheit) zeigt sich ein hohes Selbstbewusstsein der Befragten (Tabelle 2): Je besser die Kenntnis, desto niedriger ist die Befürchtung einer Beschränkung der beruflichen Autonomie durch das PatRG.