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PIETER WEBELING

DAS LACHEN

UND DER TOD

ROMAN

Aus dem Niederländischen von

Christiane Burkhardt

Blessing

Originaltitel: De lach en de dood

Originalverlag: Cossee, Amsterdam

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Copyright © 2010 by Pieter Webeling

Copyright © 2013 der Übersetzung by Karl Blessing Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-07952-9
V003

www.blessing-verlag.de

»Die verborgene Quelle des Humors

ist nicht Freude, sondern Trauer.

Im Himmel gibt es keinen Humor.«

Mark Twain

1

Es war mir oft aufgefallen, wie hässlich Menschen werden, wenn sie lauthals lachen. Ich sah die verzerrten Grimassen, den weit aufgerissenen Mund, das vibrierende Gaumenzäpfchen. Ich hörte die harten Kehllaute, die salvenartig hervorgestoßen wurden, als würden sie erbrochen. Wahrscheinlich, weil sie die Kontrolle verlieren, und dann werden Menschen schnell hässlich.

Ich stand auf der Bühne und sah über ein samtrotes Meer hinweg – alle Plätze waren noch frei. Ich mochte diese jungfräuliche und zugleich schwangere Stille. Schon bald würde der Saal bis in den zweiten Rang hinauf gefüllt sein. Monatelang hatte ich mich auf diesen Abend gefreut, auf den Abend des 11. Januar 1946. Auch wenn ich nicht wusste, was das Publikum von mir erwarten durfte.

Sie waren mein zweites Zuhause: diese heiligen Hallen mit der Gewölbedecke und den prunkvollen Kronleuchtern, wo Engel wohlwollend auf die Menschen hinuntersahen. Hier hatte ich meinen ersten großen Auftritt gehabt, an einem kühlen Februartag 1933, wenige Tage nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Ernst Hoffmann – mein Name stand in großen Lettern an der Fassade. Es war ein unvergesslicher Abend. Ich hatte ein paar Kracher auf Lager, die die Bude zum Kochen brachten. Damals genoss ich das. Es muss lauthals gelacht werden. Dann kurz warten, bis die Lachsalve ihren Höhepunkt erreicht, und peng! den nächsten Witz hinterherschicken.

Ich presste den roten, kratzigen Theatervorhang an mein Gesicht und sog seinen Duft ein. Er roch muffig. Salzig. Ganz so, als hätte der Stoff den Angstschweiß der Künstler Jahr für Jahr in sich aufgesogen. Aus irgendeinem Grund beruhigte mich das. Ich ging nach vorn und hörte das Knarren der Dielen. Ich holte tief Luft und sang leise:

Ich hab es bei Tag den Blumen erzählt

Ich liebe dich …

Ich hab es bei Nacht den Sternen erzählt

Ich liebe dich …

Ich singe es hinaus in die Welt

Dass eine mir nur noch gefällt

Das bist du, das bist du

Nur du …

Da stand ich nun mit ausgebreiteten Armen und Händen. Hinter mir hörte ich ein leises Klatschen.

»Bravo, bravo!«

Ich lächelte und ließ meine Arme sinken. Diese tiefe, raue Stimme erkannte ich sofort: Es war Henri Toussaint, der Bühnenmeister. Er stand am Rand, in der Kulisse. Aber wie lange schon? Hinkend betrat er die Bühne. Er hatte sich kein bisschen verändert, war immer noch derselbe kleine, resolute Napoleon. Wir umarmten uns so unbeholfen, wie Männer das nun mal tun. Ich roch seine Pomade. Er musterte mich ernst und schluckte.

»Willkommen daheim.«

Danach schwiegen wir, standen stumm nebeneinander. Von irgendwoher hörte ich ein Türenknallen. Henri war das Theater, gewissermaßen seine Seele – mehr noch als die Künstler. Die kamen und gingen. Kurz nach meinem Debüt hier war ich ihm zum ersten Mal begegnet. Er hatte mir kühl die Hand gegeben und war schweigend vor mir in den leeren Saal gegangen. Er zeigte auf feuchte Flecken an manchen Plätzen: Einige Zuschauer hatten sich vor Lachen in die Hosen gemacht. »Dafür sind Sie verantwortlich«, sagte er schroff. »Also wundern Sie sich nicht, wenn die Theaterleitung gerichtlich klären lässt, ob man Sie mit den Reinigungskosten belasten kann.«

Dabei hatte Henri keine Miene verzogen. War das sein Ernst oder nur eine Zugabe zu meiner eigenen Vorstellung? »Ich halte es für keine gute Idee, vor Gericht zu gehen«, sagte ich. »Solche Sitzungen erhöhen den Druck nur.« Reglos hatte er mich angesehen. Langsam wanderten seine Mundwinkel nach oben. Sein Lachen hallte durch den Saal. Seit jenem Wortwechsel verband uns eine Beziehung, die man fast schon als Freundschaft bezeichnen konnte.

Jetzt ließ Henri ein Husten hören. »Ich habe mich mit ein paar Leuten über Ihr Comeback unterhalten«, sagte er behutsam. »Alle sind begeistert, dass Sie wieder da sind. Aber jetzt auftreten … das dürfte nicht einfach werden.«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Ein Lacher ist und bleibt ein Lacher. Im Lager musste ich die Menschen auch zum Lachen bringen.«

»Tatsächlich? Nun, wir haben es hier ebenfalls nicht leicht gehabt, wissen Sie. In Amsterdam herrschten Hunger und Kälte. Und es gab Tote! Aber gut, die Deutschen und die Lager … Man hört da so einiges. Für Sie wird der Krieg bestimmt kein Zuckerschlecken gewesen sein.«

Ich lächelte.

Mir wurde die Sternengarderobe zugewiesen. Vor der Tür war ein vierzackiger Stern ins Parkett eingelassen, eine Art Kompass wie auf alten Seekarten. Ich hatte ihn schon immer für ein höchst vornehmes Symbol gehalten. Das Zimmer war nicht groß: vier mal drei Meter. Darin befanden sich eine dunkelrote Chaiselongue, ein goldener Sessel und ein Schminktisch mit einem mannshohen Spiegel, der von Lämpchen eingerahmt wurde. Es war noch früh, gerade mal sechs.

Auf dem Tisch lag ein Foto von meinem Vater. Henri hatte es für mich aufgehoben, in einer Schublade seines Büros. Er kannte mein Ritual: Vor jeder Vorstellung stellte ich das Foto in die rechte Ecke des Schminkspiegels. Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger für die Deutschen gekämpft. Fricourt 1916 – die schwungvollen handgeschriebenen Buchstaben auf der Rückseite waren beinahe verwischt.

Ich liebte dieses Foto. Liebte diesen mürrischen Mann mit seinem dünnen Filmstarschnurrbart und seinem glänzenden, glatt nach hinten gekämmten Haar. Sein unbeirrter Blick hypnotisierte mich, weil er damit so überlebensgroß, sorglos und unerschrocken wirkte. In Wirklichkeit war er verwundbar und in sich gekehrt. Noch so ein Wunder, dass Vater und Sohn Hoffmann je einen Weltkrieg überlebt hatten.

Aus dem Spiegel blickte mir mein faltenzerfurchtes Gesicht entgegen. Ich sah älter aus, als ich tatsächlich war. Für mich war das Lager erst einen Tag her und gleichzeitig eine Ewigkeit. Insgeheim bezeichnete ich es als Auszeit: als eine Zeit, die weder mit dem Davor noch mit dem Danach verbunden war.

Es klopfte an der Tür. Henri kam mit einer Karaffe Wasser und zwei Gläsern herein. Er stellte alles auf den Tisch, zog sein linkes Hosenbein hoch und schnallte den Riemen seiner Beinprothese enger. Das Bein. Vor Jahren war Henri Dompteur im fahrenden Zirkus seines Vaters gewesen. Ungeduldig und unbeherrscht, wie er war, hatte er einen zahmen Bären so wild gemacht, dass das Tier ihn angriff und ihm den Unterschenkel abbiss. Danach hatte er sich als Clown versucht. Der Einzige, der Tränen über ihn lachte, war der echte Clown. Allerdings nur, um nicht weinen zu müssen, so wie immer.

Der Bühnenmeister zog und zerrte an seinem Bein, um zu kontrollieren, ob auch alles gut saß.

»Habe ich Besuch?«, fragte ich. »Ich meine, besonderen Besuch?«

Toussaint dachte kurz nach und schüttelte den Kopf. »Wen erwarten Sie?«

Ich winkte ab.

Er richtete sich auf. »Sollen wir eine Runde drehen?«

Wir liefen durch den langen Gang – rechts gingen die Türen zu den Garderoben ab, links standen ein paar verirrte Requisiten: eine römische Büste, zwei ionische Säulen, ein Bärenfell und ein Kleiderständer mit Decken und Togen. Henri schritt forsch voran, und zwar auffällig schnell. Plötzlich blieb er stehen.

»Wissen Sie, dass die Deutschen hier eine Razzia veranstaltet haben? Bei Romeo und Julia, mitten im zweiten Akt. Ebenso gut hätten sie in einen Gottesdienst hereinplatzen können. Die Scheißkerle standen vor allen Ausgängen, mit Hunden. Jeder musste seine Papiere vorzeigen. Fünf Personen aus dem Publikum wurden abgeführt. ›Lauf, Junge, verschwinde!‹, rief ein jüdischer Herr. Sein Sohn, ein etwa vierzehnjähriger Bursche, rannte über die Bühne nach hinten. Ich sehe ihn noch lossausen, schnell wie der Wind. Hier bei der Brandschutztreppe wurde er von zwei Wehrmachtssoldaten überwältigt, geschlagen und durch den Künstlereingang abgeführt. Ich habe protestiert, allerdings vergeblich. Die Vorstellung wurde abgebrochen.«

Ich hörte ungerührt zu.

»Wir hatten ein Theater im Lager«, sagte ich.

Henri sah mich erstaunt an. »Wirklich?«

»Dort bewahrten sie in einem Nebenraum das Gas auf, Zyklon B. Stapelweise militärgrüne Dosen. Gift! stand darauf, darunter war ein Totenkopfsymbol abgebildet. Das Gas wurde mit einem Krankenwagen zu den Gaskammern transportiert, besser gesagt in einem Wagen vom Roten Kreuz.«

Der Bühnenmeister schwieg.

Unsere Schritte hallten durch das Theater. Wir erreichten den Korridor, der rund um den Saal führte. Vor dem Fenster sah ich die Amstel glitzern. Ein Schleppkahn glitt vorbei mit straff gespannten Segeln. Henri Toussaint musterte mich schräg von der Seite.

»Erinnern Sie sich noch an den Abend, als der Strom ausfiel?«

»Ja. Zum Glück saßen die Leute bereits im Saal. Mir ist bis heute nicht klar, woher du so schnell fünf Haushaltskerzen aufgetrieben hast.«

»Die Atmosphäre war einfach himmlisch. Fast so, als würde Jesus auf der Bühne stehen.«

Wir lachten. Endlich.

Ein Mann trat auf uns zu. Joop, der Feuerwehrmann. An ihm hatte ich früher immer vor der Vorstellung neue Witze ausprobiert. Wenn Joop nicht lachte, taugte der Witz nichts, so einfach war das. Er eilte mit offenen Armen auf mich zu.

»Meneer Hoffmann, Meneer Hoffmann!« Er nahm meine Hände und schüttelte sie energisch.

»Wie geht es Ihnen? Sie waren in so einem Lager für die Juden, stimmt’s? Wie … wie war es da?«

»Was soll ich sagen, Joop. Atemberaubend.«

»Das würde ich Ihnen nur zu gern glauben. Erst heute habe ich zu Sjaan, meiner Frau, gesagt, es ist wirklich ein Wunder, dass Sie wieder da sind. Und … ich habe Sie schon gehört. Sie haben sich eingesungen. Ein Liebeslied. Aber warum ausgerechnet auf Deutsch?«

»Das war Pflicht im Lager. Befehl von den Deutschen.«

Er seufzte. »Aber Sie haben so richtig von Herzen gesungen, als würden Sie es jemand ganz Bestimmtem widmen. Das ist immer das Schönste, nicht wahr? Wenn alles einem wirklichen Menschen aus Fleisch und Blut gilt.«

»Vielleicht war dem ja so.«

Er sah mich ungläubig an. »Nein … Ach, haben Sie eine Frau? Das muss ich Sjaan erzählen. Kenne ich sie?«

Ich schüttelte kurz den Kopf.

Joops Miene verdüsterte sich. »Das heißt, sie kommt auch aus dem Lager, Meneer Hoffmann?«

2

Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich kurz zuvor benommen und blutend in einen Viehwaggon gestoßen worden. Drei Männer hatten mich auf dem Bahnsteig mit Knüppeln und Gewehrkolben verprügelt. Ich landete ziemlich unsanft auf dem Boden, der mit einer Mischung aus Chlorkalk und Wasser bedeckt war. Ein beißender Geruch stieg mir in die Nase. Ich beanspruchte das letzte bisschen Platz, die anderen wurden schon an die Wände gequetscht. Ich war von grauen, schweigenden Gestalten umzingelt. Eine von ihnen kniete neben mir. Ich versuchte nach oben zu schauen, aber mein Kopf war zu schwer. Sie lächelte. Ich schloss die Augen, und mit einem Mal waren das Geschrei, das Gezeter, das Gebell und Gejammer, ja sämtliche Geräusche um mich herum, verstummt.

Es war der dritte Sonntag im Februar 1944, um kurz nach vier, und es war eiskalt. Nachdem die Waggontür verriegelt worden war, fiel nur noch ein Streifen Licht durch den Lüftungsschlitz. Ich schleppte mich an den Rand und zog die Knie an. Im Dämmerlicht suchte ich nach der Frau. Sie saß jetzt dicht neben mir, trug einen dicken Wollschal um den Hals und einen grauen Mantel. Sie war schön mit ihrem dichten, langen dunklen Haar.

Mir dröhnte der Kopf. Vorsichtig richtete ich mich auf. Wie viele Menschen waren in diesen kleinen Raum gezwängt worden? Bestimmt siebzig, achtzig. Die meisten hatten Taschen und Koffer dabei, auf denen sie sitzen konnten. Ein Baby schlummerte in den Armen seiner Mutter – nur sein zerknittertes Gesichtchen schaute unter einer Wolldecke hervor. Es sah sich gelassen um, scheinbar unberührt von seinem Schicksal oder dem der anderen.

In der Nähe standen zwei Holzfässer mit eisernen Beschlägen. Eines davon war mit Trinkwasser gefüllt, darin befand sich eine Schöpfkelle. Das andere war leer und vermutlich für Kot und Urin gedacht.

Ein älterer Mann mit grauem Backenbart stützte sich mit beiden Händen auf seinen Elfenbeinstock. Selbst in dem Gedränge fiel auf, wie viel Platz er einnahm. Er trug keinen Mantel. Mit seinem schwarzen Maßanzug und seiner Krawatte sah er so würdevoll aus, dass seiner Anwesenheit ein Missverständnis zugrunde zu liegen schien. Er zitterte – entweder wegen der Kälte oder wegen dieser Zumutung. Der Ärmel seines Sakkos war eingerissen, sein Ellbogen blutete, aber er achtete nicht darauf.

Ein kurzer, schriller Pfiff. Dann noch einer, diesmal ein lang gezogener. Als sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung setzte, wäre ich mit dem Hinterkopf beinahe gegen die Wand geknallt. Der vornehme Herr im schwarzen Anzug verlor kurz das Gleichgewicht. Die Menschen wurden noch dichter zusammengedrängt, doch niemand konnte umfallen. Wir befanden uns im fünften oder sechsten Waggon, wenn ich mich recht erinnerte, aber selbst von hier aus war das Zischen, Schnaufen und Stampfen der Lokomotive gut zu hören. Mir schien es sinnlos, sich über unser Reiseziel Gedanken zu machen, denn alle Weichen waren falsch gestellt.

»Hoffentlich fahren wir nach Polen«, sagte ein Junge in meiner Nähe fröhlich. Ich stieß die anderen zwischen uns sacht zur Seite, um ihn genauer betrachten zu können. Er trug eine graue Schiebermütze und war etwa sieben, acht Jahre alt.

»Warum willst du nach Polen?«, fragte ich.

»Weil mein Vater schon dort ist.« Er klopfte auf ein ledernes braunes Album, das er fest an seine Brust gepresst hielt. »Ich sammle Briefmarken. Und aus Polen hab ich noch keine. Keine einzige! Ich darf alle Briefmarken haben, stimmt’s Mami?«

»Ich kann dir nichts versprechen, Otto«, sagte eine Frau mit runden Brillengläsern. »Aber hoffentlich sehen wir Papa wieder. Schließlich fahren wir nach Osten.« Sie lächelte die Umstehenden schüchtern an, fast entschuldigend.

»Dich erwartet also noch eine spannende Reise«, sagte ein gesetzter Herr mit einer Bassstimme. »Spannend dürfte es für uns alle werden!« Er wandte sich an mich. »Die Deutschen haben Massel, dass meine Sekretärin noch einen freien Termin finden konnte. Für solche Ausflüge habe ich überhaupt keine Zeit.«

»Wer hat die schon«, sagte ich.

Er lachte und hustete. »Max de Ronde.«

»Ernst Hoffmann.«

Er hatte einen Händedruck wie ein Schraubstock.

»Der Ernst Hoffmann?«

Ich nickte.

»Nie gehört.«

Wieder ein lautes, prustendes Lachen. Alles war eine Spur zu groß und zu laut an ihm, als stünde er auf der Bühne und wollte noch in den hintersten Reihen verstanden werden.

Das mit der Sekretärin sei übrigens kein Witz, sagte er plötzlich todernst. Er sei Diamantenhändler. Einer der besten von Amsterdam, wenn er so unbescheiden sein dürfe. Obwohl er Hände wie Kohlenschaufeln habe, sei mit seiner Feinmotorik alles in bester Ordnung. Er wisse genau, wie man einen Stein anfassen müsse, damit er perfekt funkelte. »Ein Diamant«, sagte er bedeutungsschwer, »ist eine Träne Gottes.«

Ich merkte, wie die Frau im grauen Mantel aufsah. Schaute sie zu mir herüber? Ich spürte einen Stich.

Der Waggon wackelte und klapperte. Die Leute waren resigniert.

In der Ecke saß eine feine Dame im Nerzmantel mit einem blassen, angewiderten Gesicht. Sie war mir schon auf dem Bahnsteig aufgefallen, weil sie gegen die Waggons protestiert hatte. Es sei doch eine Zumutung, so reisen zu müssen, und dann noch mit dem gemeinen Volk? Sie sagte es zwar nicht mit diesen Worten, aber genau so war es gemeint.

Die Frau im grauen Mantel strich einem älteren Mann über den Rücken, der nur den Kopf schüttelte, als bilde er sich das alles bloß ein. Ich konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Wie ein Engel wirkte sie auf mich. Sie schien von innen heraus zu strahlen, sodass ich den Eindruck hatte, sie könnte jederzeit durch die Wände des Waggons verschwinden und wieder zurückkehren.

»Ich möchte mir das mal kurz ansehen.«

Der alte Mann mit dem Elfenbeinstock drängte sich vor, setzte eine Nickelbrille auf und drehte meinen Kopf, ohne eine Antwort abzuwarten, zu sich her. Ich betastete meine linke Schläfe und fühlte etwas Klebriges. Er musterte die Wunde, nahm meinen Puls und sah in meine Pupillen.

»Glück gehabt!«, sagte er. »Trotzdem wollte ich auf Nummer sicher gehen. Ich heiße Levi. Machen Sie sich keine Sorgen, ich war dreißig Jahre lang Hausarzt.« Er holte ein weißes Taschentuch hervor. »Drücken Sie das darauf. Etwas anderes habe ich leider nicht bei mir.«

»Sie bluten auch!«, sagte ich. »Ihr Arm.«

»Eine Schürfwunde, das hat nichts zu bedeuten.«

»Warum tragen Sie keinen Mantel? Es ist doch eiskalt!«

»Den haben ihm die Scheißdeutschen abgenommen«, sagte der Diamantenhändler. »Vorhin auf dem Bahnsteig.«

Doktor Levi sah verbittert drein. »Ja, ja, da war eine Familie mit vier Kindern. Der Waggon war voll, viel zu voll, der Vater passte nicht mehr hinein. Als er sich wehrte, ließen die … ließen sie die Hunde auf ihn los. Zwei dieser Bestien verbissen sich in seine Beine. Der Mann schrie, die Kinder schrien: Papa! Papa! Auf dem Bahnsteig standen zwei SS-Offiziere. Sie griffen nicht ein. Da bin ich auf sie zugegangen, um ihnen zu sagen, dass sie für diese Wahnsinnstat in der Hölle schmoren werden. Sie haben mich ausgelacht. ›In der Hölle ist es nicht heiß, Alter‹, sagte der eine. ›Nein! In der Hölle ist es bitterkalt!‹ Sie zwangen mich, meinen Mantel auszuziehen. Meine Weste durfte ich nach einigem Gezerre anbehalten. Anschließend wurde ich in den Waggon gestoßen. Grüß den Teufel von uns, haben sie noch gerufen, diese Mistkerle.«

Ich zog meinen Mantel aus und legte ihn um seine Schultern. Er sah mich fragend an, wehrte sich jedoch nicht dagegen. Ich setzte mich wieder und döste zum Rhythmus der ratternden Räder ein.

Als der Zug bremste, weckte mich die Donnerstimme von Max, dem Diamantenhändler. Wir hielten an. »Meine lieben Mitreisenden! Ich schlage vor, dass wir den vorhandenen Proviant und die Getränke gerecht untereinander aufteilen. Sind Sie damit einverstanden?«

Zustimmendes Gemurmel.

»Jeder bekommt einen Schluck, ich wiederhole, einen Schluck. Kinder und Senioren bekommen zwei.«

Max schöpfte Wasser aus dem Fass. In dem Gedränge war das gar nicht so einfach, aber die kalte, metallene Kelle wanderte von Hand zu Hand, von Mund zu Mund. Fünf Schluck aus einer Kelle. Soweit ich das beurteilen konnte, hielt sich jeder an sein Versprechen, mit Ausnahme eines großen, unverschämten Kerls. Der nahm nicht einen Schluck, sondern mindestens drei. Max riss ihm den Löffel aus der Hand und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Sie sollten sich zu Tode schämen!« Der Grobian fletschte die Zähne und biss nach ihm wie ein hinterhältiger Köter.

Plötzlich ertönte ein in den Ohren schmerzendes Quietschen. Der Riegel eines Waggons hinter uns wurde aufgeschoben und die Tür geöffnet. Der Diamantenhändler legte die Kelle zurück in die Wassertonne und bedeutete mir, durch den mit Gaze bedeckten Lüftungsschlitz zu spähen. Ich trat in seine zur Räuberleiter verschränkten Hände und zog mich hoch.

»Ich sehe zig Männer in Schlafanzügen«, sagte ich. »Ein paar von ihnen haben Decken umgehängt. Sie klettern in den Waggon. Es sind …, es ist zu dunkel, ich erkenne nicht viel.«

Ich ließ mich hinuntergleiten, denn ich hatte genug gesehen. Die Schlafanzugmänner hatten bestimmt Stunden in der beißenden Kälte gewartet. Wir hörten, wie sie panisch gegen die Wände trommelten und traten, sie tobten.

Und dann begann die Frau ganz leise vor sich hin zu singen. Ich erkannte die Melodie der Hatikva, der Hoffnung.

Kol ode balevav

P’nima –

Nefesh Yehudi homiya

Ulfa’atey mizrach kadima

Ayien l’tzion tzofiya.

Dieses Lied. Diese Stimme, trotz all des Geschreis.

3

Gegen Abend sanken die Temperaturen noch weiter unter null. Die Senioren und die Kinder standen in der Waggonmitte, wo es geschützter und wärmer war. Mütter und Väter versuchten, die schlafenden Kinder unter ihren Mänteln warm zu halten. Das Gejammer der Schlafanzugmänner war nach wie vor bis in unseren Waggon zu hören. Zu meiner Erleichterung fuhr der Zug wieder an, und durch das laute Rattern der Räder hörte ich sie nicht mehr.

»Ernst?«

Eine Frauenstimme. Neben mir.

»Darf ich dich Ernst nennen?«

Es war der Engel im grauen Mantel. Ich schluckte. Aber was war bloß mit mir los? Unzählige Male hatte ich auf einer Bühne vor vollen Sälen gestanden. Doch in ihrer Gegenwart fühlte ich mich schüchtern wie ein Schuljunge. Ich holte tief Luft.

»Natürlich.«

»Ist dir jetzt nicht kalt, so ganz ohne Mantel«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Das war eine nette Geste.«

Ich zuckte mit den Schultern und fragte, ob sie allein hier sei.

»Ja.«

»Ich auch.«

Kurzes Schweigen.

»Wo sie uns wohl hinbringen?«, fragte sie.

»Angeblich in ein Arbeitslager.«

Sie nickte. »Meine Eltern und meine Schwester mit ihren beiden Kindern wurden im Sommer deportiert. Ich denke schon die ganze Zeit an sie.«

»Bist du verheiratet? Hast du Kinder?«

Ich erschrak über meine Direktheit.

Sie zögerte. »Nicht verheiratet. Nicht mehr.« Ein hilfloses Lächeln. »Ich hatte eine kleine Tochter. Sie ist gestorben, kurz vor dem Krieg. An Tuberkulose.«

Wieder hörte man nur den Lärm aus dem Waggon.

»Wie … wie hieß sie?«

»Henriette.«

Ich wollte nicht aufdringlich sein, doch mich interessierte alles an ihr.

»Wie alt ist sie geworden?«

Sie hielt vier Finger hoch und beugte sich wieder zu meinem Ohr vor: »Wenigstens ist ihr diese Reise erspart geblieben. Das ist schon mal ein Trost.«

»Hast du ein Foto?«

»Ja.«

»Zeig mal. Ich finde schon irgendwo Licht.«

Das Foto steckte in ihrem Geldbeutel. Max, der Diamantenhändler, besaß ein Ronson-Feuerzeug. Als die Flamme aufloderte, entwich Benzindampf. Vorsichtig hielt ich das Foto in die Nähe der Flamme und sah ein Mädchen mit zwei Zöpfen und einem klaren, ernsten Blick. Ich gab das Foto zurück. Max ließ sein Feuerzeug wieder verschwinden.

»Sie ist schön«, sagte ich.

Sie schwieg.

Die Lokomotive wurde langsamer, bis wir an einem hell erleuchteten Bahnsteig hielten. Eine kleine alte Frau von mindestens siebzig drängte sich vor. Sie hatte Warzen im Gesicht, einen faltigen, zahnlosen Mund und stechende, blaugraue Augen »Ich muss auf die Toilette«, sagte sie. Wir bildeten, so gut es eben ging, einen kleinen Halbkreis und wandten uns ab – so viel Anstand besaßen wir noch. Verstohlen schaute ich, ob sie Hilfe brauchte. Sie zog forsch Rock, Unterrock und Unterhose herunter und setzte sich auf die hölzerne Tonne. Die wackelte, blieb aber stehen. Ich fand sie tapfer.

»Kein Papier!«, rief sie.

Max fasste in seine Innentasche und griff nach einem Blatt Papier. Er reichte es nach hinten, ohne sich umzudrehen.

»Danke!«

»Das war mein Protokoll«, murmelte er.

»Eine wichtige Besprechung?«, fragte ich.

Die alte Frau zog ihre Kleider hoch. »Ihr könnt euch wieder umdrehen«, rief sie fröhlich. Als ich mich zurück auf meinen Platz setzte, sah ich, dass die vornehme Dame heimlich Parfum versprühte.

Kurz darauf fuhr der Zug wieder an. Die meisten dösten an ihre Koffer gelehnt oder versuchten es zumindest. Endlich fuhren wir weiter, und ich konnte nur hoffen, dass uns die Dunkelheit ausreichend Schutz gegen die Angriffe englischer Jagdbomber bot.

Mit jedem Meter wurde ich tiefer in den Krieg hineingezogen. Zumindest fühlte es sich so an. Angefangen hatte alles mit Klara. Sie wohnte und arbeitete direkt gegenüber in einer Dachwohnung in der Johannes Verhulststraat. Klara … Aus irgendeinem Grund waren wir nie zusammen ins Bett gegangen, was mir nur recht war. Eine Affäre wäre für mich, den Untergetauchten, auch viel zu gefährlich gewesen: Eine enttäuschte Frau ist zu allem imstande. Dann wären sämtliche Bemühungen wichtiger Leute aus der Kulturpolitik, die mich, den »Halbjuden«, zu beschützen versuchten, vergebens gewesen.

Klara war Bildhauerin. Sie hatte eine hohe Stirn, einen schmalen Körper und einen etwas krummen Rücken – als besäße sie wie ihre Skulpturen ein Gerüst aus doppelt gedrehtem Kupferdraht. Sie war schlagfertig und zynisch. Mit boshaftem Vergnügen machte sie mit allem kurzen Prozess, was pompös und prätentiös war: Einer korpulenten Gestalt mit Zigarre und Spazierstock, die an einen Bankier erinnerte, setzte sie einen Schweinskopf auf. In den fünf Monaten, die ich sie kannte, hatte ich besonders ihren unabhängigen Geist schätzen gelernt. Ich hatte den Eindruck, dass sie alles als Kunst betrachtete. Hätte sie Lebensmittelmarken gegen schwarze Unterwäsche tauschen können – sie würde es getan haben.

Auch ich nahm Zuflucht zur Fantasie, sammelte weiterhin Material und dachte mir Witze aus, um mich geistig fit zu halten. Meine Güte, wie ich meine Auftritte vermisste! Die ungeteilte Aufmerksamkeit, die Spannung, das Lachen. Manchmal war Jannetje, die Putzfrau, mein Publikum. Ich hatte ihr ein Porträt des Führers gezeigt, das ich vor dem Krieg in einer Vorstellung verwendet hatte.

»Jannetje, was machen wir bloß mit dem?«

»Sie meinen, mit Hitler, Meneer Hoffmann?«

»Ja. Hängen wir ihn auf oder stellen wir ihn an die Wand?«

Ich wollte nicht irgendwo in der Provinz untertauchen, sondern in Amsterdam bleiben. Auf dem Dachboden hatte ich das perfekte Versteck: einen kleinen Raum hinter einer Trennwand, die durch einen verbeulten Überseekoffer, eine alte Matratze und eine Wand aus verstaubten Büchern verborgen wurde. Normalerweise hätte mich hier niemand gefunden. Bei einer Razzia würden Jannetje oder Klara aussagen, ich sei vor mehreren Tagen ausgezogen.

Ich war Klara dankbar. Unsere langen Gespräche über Gott, die Kunst, den Tod und solche Dinge boten mir eine willkommene Abwechslung. Gestern Abend hatte sie einen Topf Kohlsuppe mitgebracht. Hinter verdunkelten Fenstern und im Schein einer Öllampe diskutierten wir darüber, ob Gott Humor habe. Klara vermutete das Gegenteil, was mich nicht sonderlich erstaunte: Seit sie sich von ihrer strengen evangelisch-reformierten Familie gelöst hatte, spuckte sie generell auf Gläubige, ganz besonders jedoch auf Evangelisch-Reformierte aus Ede.

Klara fand es einfach menschlich, allem etwas Komisches abgewinnen zu können. Das sei unser Trumpf, so Klara, Humor sei gleichbedeutend mit Denkfreiheit. Unser ach so heiliger Gott regiere, indem er Angst und Schrecken verbreite. Gelächter störe die Gottesfurcht und sei somit nicht erwünscht.

»Hast du ab und zu in der Bibel gelesen?«

»Ja, manchmal.«

»Und? Macht Gott Witze?«, fragte sie.

»Es ist besser, im Winkel auf dem Dach zu sitzen, denn bei einem zänkischen Weibe in einem Haus beisammen. Das ist aus den Sprüchen, glaube ich.«

Sie sah mich böse an.

»Das ist doch witzig«, entgegnete ich vorsichtig.

»Ich finde das gar nicht witzig.«

Ich musste zugeben, dass einem nach der Lektüre von Gottes Wort nicht gleich zum Lachen zumute sei. Aber in der Bibel steht auch, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Der Mensch hat Humor, folglich hat Gott ebenfalls Humor.

Sie wurde bissig: Ob ich es witzig fände, dass Er sein eigenes Volk von den Deutschen deportieren lässt? Dass Er das einfach so duldete. Ob ich darauf eine Antwort hätte?

Ein heikler Punkt.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Entschuldige.«

Hätte ich einwenden sollen, dass der Mensch schließlich einen freien Willen besitze? Und dass Gott erklärtermaßen nicht interveniere, weil er sonst gar nicht mehr damit fertig würde?

Er war schon weit nach Mitternacht, als Klara müde und verärgert nach Hause ging. Ich hätte sie bitten können, bei mir auf dem Sofa zu übernachten. Das tat sie öfter. Aber ich glaube, wir hatten einander doch etwas verletzt.

Ich lag noch lange wach, nicht zuletzt wegen dieses verdammten Dackels. Monty hieß das Vieh, nach dem englischen General Montgomery. Sogar das vornehme Oud-Zuid-Viertel hatte also seine heimlichen Rebellen, die wussten, wie man die deutsche Obrigkeit listig hinterging. Warum musste das Vieh ausgerechnet an jenem Abend Junge bekommen? Und warum musste der Nachbar sie noch am selben Abend in einen Jutesack werfen, um sie in der Herengracht zu ertränken? Das Gejaule der Mutter war dermaßen erbärmlich, dass ich hoffte, der Nachbar würde die Mutter mit ihrem Nachwuchs vereinen. Das wäre für alle das Beste gewesen.

Am Tag darauf war ich so müde, dass ich mich mittags hinlegen musste. Laster, die halten. Laut geöffnete Ladeklappen. Soldaten, die mit klappernden Stiefeln durch die Straßen marschieren – bei einer Razzia konnte ich mir alles Mögliche vorstellen, doch der Lärm drang nicht bis zu mir durch. Hätten sie nur gegen die Türen gehämmert! Dann hätte ich noch eine Chance gehabt. Bewusst oder unbewusst war ich darauf immer gefasst gewesen, aber nein, sie drückten auf die Klingel. Die war ziemlich laut eingestellt wegen Jannetjes Schwerhörigkeit. Ich fuhr hoch. Noch im Halbschlaf stolperte ich zur Tür. Durch den Briefschlitz hörte ich das Flüstern meiner alten, lieben, hilfsbereiten Nachbarin mit dem Dackel.

»Meneer Hoffmann! Eine Razzia!«

Ich konnte hören, wie sie zur Seite geschubst wurde. Die Briefschlitzklappe fiel zu und ging sofort wieder auf.

Mitkommen!

4

Ich spürte eine warme Frauenhand auf meiner Wange. Es war der Engel im grauen Mantel, und mir fiel auf, dass sie mir ihren Namen nicht genannt hatte. Selbst wenn sie schlief, besaß sie eine Anmut, die dieser Reise beinahe etwas Surreales verlieh. Ich lehnte an ihrer Schulter. Erst jetzt merkte ich, dass sie ihren Mantel zur Hälfte um mich gelegt hatte. Ich schmiegte mich noch etwas mehr an sie, vermeintlich im Schlaf. Sie atmete schwer. Auf ihrer rechten Wange prangte unweit ihres Mundes ein Muttermal.

Sie zog ihren Arm zurück und drehte sich um. Sie schien durchzuschlafen. Vorsichtig legte ich ihr den Mantel wieder über ihre Schulter.

Das erste Morgenlicht drang durch den Lüftungsschlitz und die Ritzen zwischen den Wandbrettern. Ich versuchte, mich auszustrecken, was in dem schaukelnden Waggon allerdings nicht möglich war, ohne andere anzurempeln. Schließlich stand ich auf, um zu pinkeln. Schlurfend bahnte ich mir mühsam und umständlich einen Weg durch die schlafende Menschenmenge zu bahnen. Vor der Tonne öffnete ich meinen Hosenschlitz und sah zu, wie mein Urinstrahl den Schmutz auseinandertrieb.

Otto saß dicht daneben. Er lachte und klopfte auf sein Album: Ob ich seine Briefmarken sehen wolle? Ich setzte mich neben ihn. Behutsam schlug der Junge das Buch auf und strich über das Büttenpapier, als wäre es eine kostbare Bibel. Ich musste mich anstrengen, um sie erkennen zu können, denn die Marken lagen Seite an Seite unter Seidenpapier, bunt und aus allen Ecken der Welt. Mit jeder Seite, die er umblätterte, schien seine Begeisterung zu wachsen. Er zeigte auf einen seltenen Fehldruck aus Niederländisch-Indien. Der sei viel wert, flüsterte er stolz. Wie sonderbar, dass selbst Makel wertsteigernd wirken konnten.

Deutsche Briefmarken besaß er ebenfalls. Deutsches Reich mit dem Porträt Hitlers. Sie hatte er ganz hinten im Buch versteckt. Seine Mutter wollte nicht, dass er die Marken sammelte, aber er musste und würde seine Sammlung vervollständigen. Mein Blick ruhte kurz auf Hitler. Ich hatte ihn noch nie lachen sehen. Höchstens im Kino, wenn er fremde Kinder auf den Arm nahm und den geliebten Führer spielte, aber das zählte nicht. Das war Arbeit. Ob er Humor zu schätzen wusste? Hatte er sich jemals richtig kaputtgelacht?

Es war und blieb merkwürdig, dass ich halb deutsch war. Ich konnte die Sprache, mehr allerdings nicht. Deutschland war zwar das Land meines Vaters, aber nicht mein Vaterland.

Otto klappte sein Album zu.

»Wo genau ist dein Papa?«, fragte ich.

»Bei der Arbeit in Polen. Er stellt Kugeln und Bomben für den Krieg her. Meine Mama und ich, wir haben uns auf einem Bauernhof versteckt. Aber sie haben uns trotzdem gefunden.« Er gähnte. »Bald sehe ich meinen Vater wieder. Ich will in derselben Fabrik arbeiten wie er. In der Postabteilung.« Er sah mich verunsichert von der Seite an. »So was haben die doch dort? Eine Postabteilung?«

»Bestimmt, mein Kleiner.«

Knirschendes Metall, zischender Dampf, zwei kurze Pfiffe – die Lokomotive wurde langsamer. Hörte ich da jemanden Berlin-Spandau rufen? Ich sah zu Max, dem Diamantenhändler, hinüber. Der stand schon mit verschränkten Händen bereit. Ich zog mich nach oben. Der Zug hielt am Rand einer großen Freifläche. Auf einem Nebengleis entdeckte ich eine lange Reihe ausgebrannter Waggons. Über einem Bombenkrater baumelten ein paar kaputte Gleise, manche Gleisschwellen waren gerade, andere krumm. Eine Schiene war länger und ragte in den Himmel. Offensichtlich war dieser Bahnhof vor Kurzem von einem Luftangriff getroffen worden

Der Bahnsteig, an dem wir hielten, war hoch angelegt, eigens für Viehtransporte. Kühe können nicht Treppensteigen. Ich sah, wie ein paar deutsche Soldaten nach vorn rannten. Wir waren noch nicht richtig zum Stehen gekommen, als die Türen der ersten Waggons unter Lärm und Geschrei aufgerissen wurden. Ich kletterte wieder hinunter. War dies bereits die Endstation? Auch unsere Tür öffnete sich, und zwei SS-Männer kletterten herein. Der eine war ein Bauerntölpel mit einem Kopf wie ein Blumenkohl, der andere war schlaksig und warf scheinbar beiläufig einen spöttischen Blick in den Waggon.

»Uhren!«, brüllte der Tölpel. »Schnell, schnell!«

Mit seinem Gewehrkolben prügelte er auf die durchgefrorenen Leiber ein. Ein Mann wagte zu protestieren und wurde sofort mit einem Schlag auf den Kopf zum Schweigen gebracht. Blut floss aus seinem Ohr. Uhren, Füller, Zigarettenetuis, Portemonnaies, Max’ Ronson-Feuerzeug – alles warfen sie in einen Jutesack, den der magere Kerl aufhielt. Ich löste unbemerkt meine Uhr vom Handgelenk und legte sie hinter mich.

Der Tölpel hatte es auf ein silbernes Medaillon abgesehen, das um den Hals einer älteren Dame hing. Er zerrte an der Kette, die jedoch nicht nachgab. Die Frau wurde zu Boden gerissen. Er stellte seinen Stiefel auf ihre Wange und zerrte ein zweites Mal. Jetzt riss die Kette. Die Frau hatte eine Schnittwunde am Hals, achtete allerdings nicht weiter darauf. Flehend bat sie um das kleine Foto, das in dem Medaillon steckte, um das Bild ihres verstorbenen Mannes. Vergebens.

Keine fünf Minuten später waren die Männer wieder verschwunden. In der Ferne waren ein letzter Schrei und ein Lachen zu vernehmen. Dann wurde es merkwürdig still. Ich roch das Harz und den Teer in den Brettern, sah zu, wie ein Ohrenkriecher hervorkrabbelte und hinter einem Querbalken verschwand. Mein Blick fiel auf die beiden Tonnen. Das Trinkwasser war beinahe verbraucht. Jeder hatte einen kleinen Schluck bekommen. Die Tonne mit den Exkrementen hingegen war randvoll. Ich bemühte mich, den widerlichen Kot- und Uringestank zu ignorieren, so gut es ging.

»Haben sie dir auch was abgenommen?«, fragte der Engel im grauen Mantel.

»Nein«, sagte ich.

»Ich musste einen Silberring abgeben. Aber das ist nicht das Schlimmste.«

»Wie meinst du das?«

»Ich fürchte, ich kann meinen Toilettenbesuch nicht länger hinauszögern.«

Der Cordon sanitaire war mittlerweile schon Routine. Max, ein paar andere und ich bildeten, soweit der Platz es zuließ, einen Ring um sie, wobei wir ihr den Rücken zukehrten. Sie gab keinen Mucks von sich. Ich hörte den Urinstrahl, und sie hörte ihn auch.

»Das werde ich diesen Scheißdeutschen niemals verzeihen.«

Sie war unfreiwillig komisch, aber ich wagte es nicht zu lachen. Max gähnte. Ich fragte ihn, warum er sich mit seinen Diamanten nicht die Freiheit erkauft habe.

»Genau das war mein Plan«, sagte er verdrossen.

»Aber?«

»Nun, alles war schon organisiert. Es kostete ein Vermögen, damit sie meine Familie in Ruhe lassen würden. Zumindest dachte ich das. Bis alles aufflog. Die bestochenen SS-Männer wurden verhaftet und an die Ostfront geschickt. Meine Frau und meine Kinder, zwölfjährige Zwillinge, wurden festgenommen und deportiert. Ich hatte Massel, denn ich war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause. Nur was heißt schon Massel? Sie haben mich trotzdem gekriegt. Jetzt kann ich bloß hoffen, dass ich ins selbe Lager komme wie meine Familie. Und dass sich dort was machen lässt. Ich muss ganz allein auf die menschliche Gier und die Gesetze der Geschäftemacherei bauen.«

»Und wie willst du das anstellen?«

Er grinste breit.

Ich hakte nicht weiter nach.

Wir hielten erneut länger an. Das Warten machte mich ganz nervös.

Verschiedene Leute hatten etwas zu essen hervorgeholt: Pasteten, Dauerwurst, Pfefferkuchen und Butterbrote mit Käse oder Speck. Ich selbst hatte nur einen Apfel und eine kleine Fleischpastete gegessen. Der Vorrat ging schnell zur Neige. Ein paar Kinder begannen bereits zu quengeln.

Auf dem Schoß eines Mädchens, das an die Wand gelehnt eingeschlafen war, lag ein Stück Brot. Der Mistkerl, der sich absichtlich breitmachte und unverschämt viel Platz einnahm, setzte sich neben sie und nahm das Brot. Seelenruhig aß er davon. Ich dachte, ich träumte! Der Vater des Mädchens, ein hochgewachsener, distinguiert aussehender Mann mit akkurat frisiertem welligem Haar hatte den Diebstahl ebenfalls bemerkt. Er packte den Mistkerl am Arm, aber das Brot war bereits weg. Hochmütig starrte er erst auf die Hand des Vaters und dann in sein Gesicht. »Nur die Stärksten werden überleben.« So lauteten seine Worte. Ich war mir sicher, dass ich ihn richtig verstanden hatte.

Der Vater ließ los. Seine Lippen bebten. Er bückte sich, doch ich konnte nicht erkennen, was er tat. Kurz darauf hielt er die eiserne Schöpfkelle in der Hand. Er wollte seiner Tochter einen letzten Schluck Wasser geben, so als könnte er damit das gestohlene Brot wettmachen. Zumindest dachte ich das zunächst. Aber er hielt den Löffel über den Kopf des Mistkerls und goss eine braungelbe Mischung aus Kot und Urin über ihm aus.

»Du stinkst«, sagte er.

Der Widerling spuckte und brüllte. Wässriger Kot klebte an seinen Wangen und in seinem Haar. Er stand auf und schlug wie verrückt nach seinem Angreifer, doch das Zeug saß auch in seinen Augen. Die Leute wichen zurück. Dem Vater gelang es, den Schlägen auszuweichen, er kroch auf allen vieren davon.

Unmut machte sich breit.

»Verdammt, jetzt ist die Kelle schmutzig, und es stinkt noch mehr«, murrte jemand. »Der Scheißkerl hat’s verdient«, schrie ein anderer. Das Mädchen, dessetwegen alles begonnen hatte, fing an zu weinen. Ich sah zu der Frau im grauen Mantel hinüber.

»Das geht nicht gut«, sagte sie.

Ich nickte.

»Kannst du sie nicht ablenken?«

Auf einmal begannen die Leute, sich zu schubsen. Ein Mann versetzte einem anderen einen Kinnhaken, wie ein angezählter Boxer umklammerte dieser die Taille seines Angreifers. Panik breitete sich im Waggon aus, Kinder weinten, Mütter begannen zu kreischen.

»Max!«, rief ich, »Zwei Koffer! Stabile, große Koffer!«

»Koffer?«, wiederholte er.

»Schnell!«

Gepäckstücke wurden zwischen Beinen hindurchgeschoben, und schließlich lagen zwei braune Koffer aufeinandergestapelt vor mir. Ich kletterte hinauf.

»Meine Damen und Herren! Meine Damen und Herren! Sehen Sie mich? Hören Sie mich?«

Der Tumult verstummte kurz.

»Ich bin als Letzter gekommen, wofür ich mich in aller Form entschuldigen möchte. Ich weiß nicht, ob Sie extra auf mich warten mussten. Einige von Ihnen haben mein ungeschicktes Entree vielleicht mitbekommen. Um ehrlich zu sein: Keine Ahnung, was da mit mir los war. Das muss ein Missverständnis sein.«

Ich sah mich im Waggon um. Nichts als müde, verwirrte und erstaunte Gesichter.

»Auf dem Bahnsteig traf ich einen Herrn mit Helm und grauer Uniform. Er gehörte zur Reiseleitung. ›Gibt es vielleicht auch einen Erster-Klasse-Viehwaggon?‹, habe ich gefragt. ›Oder ist dies die erste Klasse?‹«

Ich erntete meinen ersten, vorsichtigen Lacher.

»Wissen Sie, was er gerufen hat? ›Schwein!‹ ›Nett, dass Sie sich kurz vorstellen‹, habe ich gesagt. ›Ich heiße Hoffmann, Ernst Hoffmann.‹«

Wie bei meinen allerersten Kneipenauftritten musste ich improvisieren. Jeder Lacher gab mir Gelegenheit, mir eine neue Pointe auszudenken.

»Ich lag also ganz benommen im Waggon und sah, wie Sie hier so zusammengepfercht dastehen. Wissen Sie, was daraufhin mein erster Gedanke war? So verlockend das Reiseziel auch sein mag – bei den Reservierungen ist bestimmt was schiefgelaufen.«

Geraune. Dieser Witz war zu gewagt gewesen. Sofort weitermachen!

»Wir sitzen in einem Viehwaggon. Ist das ein Grund zum Lachen? Nein, im Gegenteil. Aber es erinnert mich an ein Foto, auf dem Hitler neben einer Kuh steht. Wissen Sie, was mir sofort aufgefallen ist? Der intelligente Blick der Kuh.«

Ein Lacher. Ein guter Lacher. Aus dem Waggon hinter uns wurden heisere Schreie laut. Die Schlafanzugmänner konnten mich unmöglich verstehen, doch zumindest tat sich was.

»Sie haben vielleicht schon gehört, dass in dem Waggon hinter uns ein paar arme Schlucker mitfahren. Wussten Sie, dass Hitler neulich eine Irrenanstalt besucht hat? ›Wissen Sie, wer ich bin?‹, hat er da gefragt. ›Der Führer. Ich habe die Macht. Ich bin so allmächtig wie Gott!‹ Woraufhin ein Patient sagte: ›Nun, den sehen wir hier bestimmt noch öfter!‹«

Die Deutschen draußen schlugen mit ihren Gewehren gegen die Waggons.

»Ruhe! Aufhören!«

»Hören Sie das?«, rief ich über den Lärm hinweg. »Die Scheißdeutschen wollen, dass ich den Mund halte.«

Wieder Gejohle. Pfiffe auf zwei Fingern. Ein Mann vor mir hielt sich die Hände trichterförmig vor den Mund und rief: »Buuh!« Ich habe das schon immer seltsam gefunden. »Hören Sie das?«, rief ich. »Dieser Herr sitzt in einem Viehwaggon und lässt daran keinerlei Zweifel!«

Gelächter. Jetzt hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit.

»Eines noch: Diejenigen, die für diese Reise verantwortlich sind, sind nicht die Ersten. Und das wissen Sie genauso gut wie ich: Über die Jahrhunderte hinweg haben sie uns leiden gelehrt. Aber wir haben gelernt, darüber zu lachen! Oder etwa nicht?«

Klatschen, Schreien, Stampfen, wildes Getrommel gegen die Wände. Ein älterer Herr grinste und ballte die Faust. Ich genoss es. Draußen tobten die Deutschen, aber ihre Befehle waren wirkungslos. Ich warf einen Blick zur Seite, hinüber zum Engel im grauen Mantel. Sie lächelte und klatschte langsam in die Hände. Wir sahen uns an, sekundenlang.

Auf einmal hörte ich es knallen, drei-, viermal. In der Wand erschienen Löcher, durch die das Licht fiel. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff. Kurz darauf herrschte Stille im Waggon, nur die Irren hinter uns tobten weiter. Eine Frau begann zu schreien. Max stand schräg vor mir. Er stand da wie gelähmt, sein Blick war glasig, erstaunt. Dann sackte er in sich zusammen wie eine Strohpuppe.