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Treue ist der Liebe Kern

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Noch einmal sprechen von Liebe,

damit doch einige sagen:

Das gab es, das muss es geben.

Erich Fried

Eva Anders

Treue ist der Liebe Kern

Die Geschichte einer unvergesslichen Begegnung

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Zur Autorin

Eva Anders wurde in der Seehafenstadt Emden geboren und absolvierte ein Fremdsprachenstudium, das sie mit dem Dolmetscher-Diplom abschloss. Später war sie mit Hingabe Ehefrau und Mutter und aus Überzeugung Heilpraktikerin. Zwölf Jahre hat sie mit aller Liebe ihren querschnittsgelähmten Mann gepflegt. Auch um ihm und ihrer Liebe ein Denkmal zu setzen, schrieb sie dieses Buch. Eva Anders lebt in Ostfriesland.

Einige Namen von Personen und Orten wurden geändert, um die Privatsphäre der Beteiligten zu schützen und die Persönlichkeitsrechte zu wahren.

Der Studentenball

Ich saß im Zug auf dem Weg von Hamburg nach Kiel. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust, zu dem Studentenball zu gehen, aber fürs Aussteigen war es viel zu spät. Der Familienclan glaubte, mir mit dieser Idee eine Freude zu machen. Mein Bruder war Mitglied einer Studentenverbindung und hatte mich auserkoren, mit seinem besten Freund Dietmar diesen Ball zu besuchen.

Als ich in Kiel ankam, holte er mich vom Bahnhof ab. Langsam wanderten wir zu seiner Studentenbude und gönnten uns erst einmal eine Tasse Tee. Wir redeten so viel, dass ich plötzlich nur noch sehr wenig Zeit hatte, mich für den Ball hübsch zu machen. Zwei Ballkleider hatte ich zur Auswahl mitgenommen. Die Entscheidung zwischen beiden wurde zu einem richtigen inneren Kampf, weil ich mich in keinem der Kleider wohl fühlte. Auch die Meinung meines Bruders half mir nicht. Wie sollte er das als Mann auch beurteilen? Dann setzte sich aber mein Dickkopf durch, und ich zog kurzentschlossen wieder ein ganz normales Alltagskleid an. Es hatte einen Stufenrock, der mit dem darunter getragenen Petticoat sehr hübsch aussah. Die Strümpfe ließ ich weg, trug aber sehr schicke Pumps. Mein langes Haar band ich zu einem Pferdeschwanz. So gefiel ich mir wieder: ganz junges Mädchen und nicht so unnatürlich »aufgedonnert«.

Pünktlich holte mich Dietmar ab. Es war ein für den hohen Norden besonders lauer Abend. Der Kieler Jachtclub lag sehr idyllisch an der Förde, und als ich den großen Festsaal sah, fand ich plötzlich doch Gefallen an dem Gedanken, bald zu tanzen. Als ich mit Dietmar kurz darauf am Tisch saß und meine Blicke über die anwesenden Herren schweifen ließ, fand ich aber keinen auf Anhieb attraktiv. Dann aber fiel mein Blick ins Foyer … und da stand er plötzlich: groß und lebendig, umringt von einigen älteren Herren. Als hätte er meinen Blick gespürt, drehte er sich um und schaute direkt zu mir herüber. Als die Tanzmusik begann, stand er binnen Sekunden vor mir und bat höflich um den ersten Tanz. Alles schien auf einmal wie verzaubert. Wir ließen keinen Tanz aus, es hatte sofort ganz heftig zwischen uns gefunkt. Zu Rock and Roll wirbelten wir bis zum frühen Morgen über die Tanzfläche. Ich wusste nicht viel mehr von ihm als seinen Namen: Andreas. Und doch wusste ich, ahnte ich, dass sich gerade mein Leben veränderte. Ich war wie beseelt.

Andreas war auf seiner Vespa mit einigen Zwischenstopps von Tübingen bis Kiel gefahren, um am Ball teilzunehmen. Nach dem letzten Tanz bot er mir an, mich auf seiner Vespa zu meinem Bruder nach Hause zu fahren. Aber eigentlich wollte er sich noch nicht von mir trennen und schlug vor, ein wenig an der Förde spazieren zu gehen. Nur zu gern willigte ich ein. Alles war mir recht, um den Abschied hinauszuzögern. Am Arm von Andreas über die Promenade zu schlendern, war traumhaft. Die Luft war mild und man konnte sehen, wie sich winzige Wellen auf der Förde kräuselten. Wir vergaßen völlig die Zeit, obwohl mich mein Gewissen drängte, endlich bei meinem Bruder aufzutauchen.

Schließlich fuhren wir los, wegen meines Petticoats musste ich im Damensitz hinter Andreas sitzen. Kurz vor unserem Ziel hielt er sein Gefährt an, stieg ab, nahm mein Gesicht in seine Hände, küsste sanft meine Stirn und sagte: »Du wirst meine Frau, hörst du?!« Seelenruhig stieg er dann wieder auf die Vespa und fuhr weiter. Bei meinem Bruder blieben wir noch ein wenig, bis ich wieder nach Hamburg zurückfahren musste. Wir nahmen Abschied voneinander, allerdings nicht ohne uns fest zu versprechen, in ganz engem Kontakt zu bleiben.

Während der Zugfahrt lief das Erlebte nochmals wie ein Film vor mir ab. Wir kannten uns doch kaum und schon ein Heiratsantrag? Diese Schnelligkeit, mit der Andreas vorging, war für mich neu. Das war sensationell, das überbot alles, was ich zuvor erlebt hatte.

Ich studierte damals Englisch mit dem Ziel, Dolmetscherin zu werden. Es war schwierig gewesen, in Hamburg eine Bleibe zu finden, weil diese Stadt besonders durch die Bombardements der Alliierten gelitten hatte. Nach langem Suchen war ich in einem kümmerlichen Zimmer eines Studentenwohnheims untergekommen. Allerdings musste ich dieses Zimmer noch mit drei anderen Mädchen teilen.

Kaum war ich in meiner Behausung angekommen, wurde ich ins Sekretariat gerufen. Was sollte das? Nur für etwas Dringliches, in Ausnahmefällen wurde man dort hinzitiert. Ich war sprachlos, als ich unversehens Andreas in voller Lebensgröße erblickte. Er war mir tatsächlich mit der Vespa nach Hamburg gefolgt! Wir gingen an die Alster und setzten uns nach einem ausgiebigen Spaziergang auf eine Bank mit besonders schönem Blick auf den Fluss. Wieder war es ein lauer Abend. Plötzlich legte Andreas meine Hand in die seine und machte mir ganz offiziell einen Antrag. Ich war überwältigt vor Glück, sprachlos und auch ein wenig ängstlich. Wir waren doch noch so jung und hatten noch kein »Strickmuster« für unsere Lebensplanung. Das stand einer festen Bindung noch im Weg. Andreas musste sein Studium in Tübingen fortsetzen, promovieren und für mindestens ein halbes Jahr nach Amerika gehen. Ich wollte erst Dolmetscherin werden und noch Einiges mehr vom Leben. So sprachen wir über unsere Pläne und vereinbarten, dass wir erst einmal unsere Ziele verfolgen sollten.

Wir versprachen uns aber ganz fest, uns regelmäßig zu schreiben und uns so bald wie möglich wiederzusehen. Immer wieder umarmten und küssten wir uns, es war ein schwerer Abschied.

Andreas ging wieder nach Tübingen, tausende Kilometer trennten uns. Damals war das fast unerreichbar weit weg, was heute lächerlich klingen mag. Uns blieb nur das geschriebene Wort, unzählige Briefe gingen hin und her.

Andreas machte sein Examen als Diplom-Volkswirt und begann, seine Doktorarbeit zu schreiben. Aber auch in den Semesterferien klappte es nicht, mich in Norddeutschland zu treffen. Er musste Geld verdienen, um sein Studium zu finanzieren. Er war Werkstudent, an BAföG war noch nicht zu denken. Durch seine Briefe erfuhr ich, dass er aus Ostdeutschland geflohen war und daher weder durch Eltern noch Verwandte Hilfe erwarten konnte. Langsam begriff ich, wie schwer er es hatte, sich allein durchzukämpfen. Das erklärte auch, warum er nie Geld für einen Besuch bei mir hatte, und später gestand er mir, die Vespa nur von einem Freund geliehen zu haben.

Während Andreas sein Studium abschloss, verwirklichte ich auch meine Zukunftspläne. Ich legte erfolgreich meine Dolmetscherprüfung ab und ging anschließend mit meinen Eltern an Bord eines Frachtschiffes, um eine dreimonatige Reise von Antwerpen bis ins Mittelmeer zu machen. Für dieses Erlebnis bin ich bis heute dankbar, zumal zu dieser Zeit noch kaum Touristen unterwegs gewesen sind. Nach dieser einzigartigen Schiffsreise bekam ich die Gelegenheit, als Volontärin im Hotel »Vier Jahreszeiten« in Hamburg zu lernen. Hier wurde ich auch mit den feinsten Kniffen der internationalen Küche vertraut gemacht. Die Köche, alles Männer, waren unglaublich hektisch, oft geradezu ungehalten. In dieser Zeit habe ich unglaublich viel gelernt, das bis heute von unschätzbarem Wert für mich ist. Dennoch war ich recht froh, diesen Abschnitt bald beenden zu können, der raue Ton unter den Kollegen gefiel mir nicht. Zu meinen Aufgaben gehörte es auch, allmorgendlich dem Inhaber des Hotels einen Vitamincocktail auf silbernem Tablett zu kredenzen. Das verlief täglich nach dem gleichen Ritual: »Guten Morgen, gnädiges Fräulein! Wie geht es Ihrem verehrten Onkel, dem Herrn Konsul?« (Durch die Freundschaft meines Onkels mit dem Inhaber des Hotels hatte ich ja überhaupt erst die Chance bekommen, dort zu arbeiten und alle Sparten der Küche zu durchlaufen.) Ich machte dann immer einen Knicks, wünschte noch einen schönen Tag und ging.

Nur der Gedanke, hier viel für den Beruf und für das Leben mitnehmen zu können, ließ mich diese Phase durchhalten. Schließlich kehrte ich nach Emden zurück, um dort für einen Betrieb zu arbeiten.

Von der Seine- in die Hanse-Stadt

Eigentlich wollte ich Stewardess werden. Durch meine Ausbildung kam ich diesem Traumziel immer näher, mir fehlte noch ein Aufenthalt in Frankreich. Ich ging nach Paris, zur Alliance Française, und begegnete dort vielen netten jungen Menschen aus allen möglichen Nationen.

Andreas und ich schrieben uns nach wie vor regelmäßig lange Briefe, immer noch auf ein baldiges Wiedersehen hoffend. Aus Paris schrieb ich ihm, dass ich mich dort nun endlich mit ihm treffen möchte. Natürlich stellte ich mir ein Wiedersehen in der schönen Seine-Stadt besonders romantisch vor.

Beide hatten wir vorher keine feste Liebesbeziehung gehabt. Seit unserer ersten Begegnung war er unter meiner Haut – und ich unter seiner. Natürlich hatte es kleine Flirts gegeben, und das war auch gut so. Sonst wäre es uns wie anderen gegangen, die das Gefühl haben, woanders und mit einem anderen Menschen etwas verpasst zu haben.

Aber ich wartete in Paris vergeblich auf Andreas. Meine Zeit dort ging zu Ende. Kurz bevor ich mich auf den Weg gen Heimat machte, erreichte mich ein Brief, in dem er von einer Mandel-OP berichtete. Er ließ jedoch anklingen, dass er sein Visum für die Staaten beantragt hatte. Vor seiner Abreise hätten wir dann Gelegenheit, uns wiederzusehen.

Im Januar hatte er schließlich das Visum und die Schiffskarte. In einem bezaubernden Liebesbrief äußerte er die inständige Bitte, ihn vor Abfahrt des Schiffes in Bremen zu treffen. Endlich war es also soweit: Mit gewaltigem Lampenfieber fuhr ich nach Bremen. In seinem letzten Brief aus Tübingen schrieb er, er habe ein wenig Angst vor dem Wiedersehen. Letztlich hätten wir uns über zwei Jahre nicht gesehen und kannten uns nur aus den Briefen. Trotzdem freue er sich ganz schrecklich auf mich. Ich bekam leise Zweifel. Hatten wir uns mit unserem Geschreibsel nur etwas vorgegaukelt?

Als der Zug in Bremen einfuhr, sah ich ihn sofort. Durch seine stattliche Größe von 1,90 Metern überragte er die Menge. Ich flog geradezu in seine Arme. Uns verblieben nur ein paar Stunden bis zur Abfahrt des Zuges zum Anlegerkai. Wir zogen von Lokal zu Lokal, statt ein Hotelzimmer zu mieten. Diesen Vorschlag hätte Andreas gar nicht gewagt zu machen. In dieser Hinsicht war unsere Generation noch sehr verklemmt und scheu. Wir gingen eng umschlungen durch die Stadt, ließen uns nicht los. Die aufgestauten Gefühle überwältigten uns. Diese Liebe hatte uns wie ein Blitzschlag getroffen. Meine Zweifel waren wie weggewischt.