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© für die Originalausgabe und das eBook:

2013 LangenMüller in der

F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

Schutzumschlagmotiv: © Joseph Gallus Rittenberg

Satz und eBook-Produktion:

Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-7844-8163-0

Inhalt

Eins

Herbstkind

Im Teich der Erinnerung

Die Absicht · Die Soutane · Auf den Spuren Goethes · Prüfung der Inhalte · Vorsicht vor Vergleichbarkeiten · Die Erinnerung

Der Vater

Bayernpädagogik · Der Entertainer · Idiome · Die Freuden der Pflicht · Dichter und Denker · Der gottlose Kandidat · Nimmer · Ich sprenge alle Ketten · TV · Brombeller · Straßenfeger · Was du ererbt … · Rauchfleisch · Intellektuell und bauernschlau · Die Sorge · Endstation Heimat

Alles meins

Der Privatier · Unter Geiern · Der Letzte unseres Stammes · Frühe Prägung · Die wundersame Heilung der Schwerhörigen · Vergänglichkeit · A 86 · Mein Haus, mein Auto, mein Segelboot · Im Krankenhaus · Glaube und Zweifel · In hoc signo vinces · Jedermann

Klerikale Kleiderkomik

Der Talar · Mönch im Teich · Formula Katholä · Teufelswerk · Die Päpstin · Große Ferien · Das Dirigat · Iocus intellectualis

In der Ornatsöd, wo nix waxt und wo nix steht

Der Waldkauz · Weltspiegel · Enttarnung · Besitz und Eigentum · Raubbau · Lage · Welt des Spiels · Die Welt zu Gast

Revolutionen

Frauenbewegung · Message vom Karpfen · Klassenkampf · Klassenloser Kampf der Herzen

Niedere Arbeiten

Sommerzeit · Kinderarbeit · Linsengerichte · Der Ostarier · Malen ohne Zahlen · Maurerimage als Klamotte · Traumatische Prägung · Der Lektor der Herzen

Das Experiment

Der Deal · Der heilige Don Bosco · Spätherbst · Goldgräberstadt · Urlaub in der Holzklasse · Antels Fest · Päpste, Kardinäle, Bischöfe · Vorbereitung der Versuchsanordnung · Der Menschenversuch · Epilog zum Experiment

Fürstenzeller Lehrjahre Jahre des Herrn

Ausbildung · Kloster Fürstenzell · Zulassungsberechtigung · Societas Mariae · Klosterleben · Sport · Pausenclown · Schedule, oktroyiert · Wenskis Messdiener · Pubertät · Ausgangssperre · Aufklärung · Zölibat · Nächtliche Szene · Der neue Internatsleiter · Das christliche Ende · Der Menschheit Würde · Der Streckengeher · Der Guru

Zwei

Schwabing

Alles, außer Schwabing bei Tag

Angekommen? · Landgasthof · München · Studium generale · Männer-WG · Der Schwabinger · Lissabon · Schedule, autark · Rosario · Kolp · Diverse Wohnzimmer · »Alter Simpl« · Toni Netzle · Schwabing Home of Lokalverbot · Nordlicht · Das Labor der »Heimatlosen« · Ottfried und »Die Heimatlosen« · Vom Autopilot bis zum Erschöpfungs-Highlight · Kult und Kulturwirt · Autopilot · Sperrstunde · Premiere · Die Musik macht den Ton · Das Fax · Das manolische Erschöpfungs-Highlight

Schwer ist leicht was

Wege zum Kabarett, zur Kunst, zum TV, zur Schauspielerei · Vom Umgang mit Künstlern · Ottis Schlachthof · Der Kabarettist für alle Fälle · Münchner Sati(e)rschutzverein · Die Bratwurstseligkeit · Kommunistische Kleinkunst beim BR · Revolutionserreichbarkeit · Der kleine Sender am Stadtrand · Szene vor dem »Alten Simpl« · Menschen sind keine Tomaten · Große Darsteller kleiner Figuren · Soumen mauusiki · Dramatische Wendung · Mattscheibchenweise Kommerzwärts · Mit Gewalt komisch · Störfall · DÖF · Die Mimenflüsterin · Schwer ist leicht was · Was tun · Eine Liebe im Kabarett · Ermahnung · Schärfe · Schlachthof, das Supplement-Kapitel · Ruhrpottstoned · Das lebendige Neuschwanstein · Der Verweigerer · Schlachthofs End · Kleine Kunst ganz groß

Glanz und Glamour

Mahlzeit · Banzai · Movie-Star · Das WoMo · Katharina ist begABT · Team setzt um · Kultregisseur, Fachmann fürs Bodenständige · Die Entdeckung · Zeit genug · Wiedervereinigung mit der Landwirtschaft · Effendi leibt und lebt · Ein guter Geist · Eine zeitlose Schönheit · Der Boandlkramer · Deutschlands größte Insel (nach Bayern) · Der Brauerei-Derblecker · Karl-Marx-Stadt an der Chemnitz · Das Bullen-Zeitalter · Quadratur des Unterhaltungskreises · Der rote Teufel an Priesters Seite · Gute Hirten · Fisherman’s Friend · Rollen mit Haltung · King of Comedy · Luggi und Rainer · Oberster Spiehs-Geselle · Die Verpackung macht’s · Charlie Klein · Movie made in Austria · Franz Antel

Das Leben ein Skandal

»Jagdszenen« · Pressefreiheit bis zur Nötigung · Exkurs · Von »Kalypso« nach »Culina«!

Dem Tod bei der Arbeit zuschauen

Chabrol · Gesehen und wiedererkannt · Rätsel · Des Rätsels Lösung · Grand Prix

Amore · more · ore · re · iunguntur amicitiae

Grünspan

Freunde fürs Leben

Sektion Amigos · Wahre Freundschaft

Nicht mein bester Freund, der Parkinson

D’Mama

Meine Mutter

Am Teich der Erinnerung

Bildteil

Anhang

Eucharistie

Lebensfaden Ottfried Fischer

Namensregister

Bildnachweis

Gewidmet meiner Mama Maria Theresia Fischer

Zaubertest oft Leuchten,

Dadurch blieb im Dunkeln,

Selbst in kalten-feuchten

Zeiten, warm ein Funkeln.

Eins

Herbstkind

Kühl rinnt die Sonnenzeit im Stundenglas,

Aus Glas ein Licht, aus hohen Himmels Blau,

Treibt Kälte gleißend Gold ins graue Gras.

Den Winterschläfer zieht’s in seinen Bau.

Noch unsichtbar hängt Schnee schon in der Luft,

Und zieht als Schattenkälte durch die Kleider,

Kartoffelfeuers süßer bitterer Duft,

Er schwelt zum Sonnenfrösteln unsrer beider.

Und Blätter fallen, schmieren taumelnd ab.

In seinem Bettchen fiebrig liegt ein Kind.

Denkst nie ans Ende, aber schmückst das Grab,

Willst nur ins Warme, weil so rau der Wind.

Der Schnee legt sich nun endlich auf das Land.

Nun sind es wir, die süchtig uns noch treiben,

Wir spähen zahm nach Krippen, trotz Verstand,

Wie wartend Wild, bis sich die Jäger zeigen.

Im Teich der Erinnerung

Die Absicht

Zunächst, geneigter Leser, lassen Sie mich die Absicht des hier Geschriebenen noch näher an Sie herantragen, verständnisfördernd … so oder so ähnlich hätte im 19. Jahrhundert der höfliche Schriftsteller begonnen, dem Rezipienten zu verdeutlichen, dass die vor ihm liegenden Aufzeichnungen, gewollt fernab jeglicher Chronologie, lediglich thematisch notwendigem Abschweifen unterworfen, beinhaltend die ersten 20 Jahre seines Daseins, Aufschluss bringen mögen, wann, wie und unter welchen Umständen jemand, der später sein Auskommen im komischen Fach finden will, es eigentlich gelernt hat, wie man Personen dazu bringt zu lachen. Woher und warum ist sie ihm gegeben, diese Macht über völlig fremde Individuen, über ihr Lachen, durch welches sie sich, im Idealfall, dem Komiker ganz ausliefern und sich dann wie willenlos ins Vergnügen schmeißen und zu Reaktionen hinreißen lassen, die von ihrem freien Willen nicht getragen sind. Sie sind vielmehr Folge einer Entmündigung durch den Spaßmacher, welcher die Zuhörer unentrinnbar packt und sie im Lachen vereint, verwunschen vom geheimen Zauber der Pointe.

Die Soutane

Aber es ist nicht allein die Pointe, selbst die Parodie, die Schilderung oder gar nur Erwähnung wildfremder Zeitgenossen, mit entsprechenden marginalen Verhaltensaccessoires, lassen virtuelle Bekannte entstehen, wie zum Beispiel über sein Hilfsmittel die Soutane. Ihre Paraderolle hieß »Überwindung der Höhe« und präsentierte dem Zuseher, wie die Patres mit ihrem Gewand umgingen, wenn sie in Eile eine Treppe hochmussten unter Ausgrenzung der Gefahr des Sich-selbst-zu-Fall-Bringens, etwa durch ein ungeschicktes Sich-auf-den-eigenen-Latz-Steigen: Von vorne zwischen den Beinen mit einer Hand nach hinten schnappen, sodann den geschnappten, des hinteren Saumes Talarteil ganz unten zwischen den Beinen nach vorne ziehen, unter Mitnahme des vorderen Saumes, und dann beides zugleich auf Bauchhöhe raffen. Alles fest zusammenhalten und dann wie ein fetter Blitz die Treppe hocheiern.

Ein hochinformatives Paradebeispiel für humoristischen Umgang mit seltenem Requisit, in diesem Beispiel speziell klerikaler Gewandung, zugleich eine kleine Aufklärung aus dem Bereich des Klosterlebens für den Sommergast unter dem Motto Reisen bildet. Ein Einblicksbereich in das Treiben von Menschen mit scheinbar aussterbenden, aber manchmal in unseren Breiten noch vorkommenden Lebensentwürfen. Aber, und somit das Wichtigste: ein frühes Lehrstück für mich, den Lachlehrling, wie komisch berufsbedingte Deformationen ausfallen können und wie man sich dieser Eigenarten bedient unter dem Aspekt des Effekts oder der Pointe.

Auf den Spuren Goethes

Schopenhauers Gedanken sollten jedem bekannt sein, der sich in das Unterfangen des Schreibens einer Autobiographie begibt, denn Schopenhauer bringt aphoristisch auf den Punkt, was beim Beschreiben und in der Auswahl des selbst Erlebten als Gefahr für die Wahrhaftigkeit eintreten kann:

»Es widerfährt uns wohl, dass wir ausplaudern, was uns auf irgendeine Weise gefährlich werden könnte; nicht aber verlässt unsere Verschwiegenheit uns bei dem, was uns lächerlich machen könnte, weil hier der Ursache die Wirkung auf dem Fuße folgt.«

Für den modernen Menschen in verständliche Worte gefasst: Wir erzählen lieber von unserem Schwarzgeld in Luxemburg als von der eigenen Inkontinenz.

Prüfung der Inhalte

Warum es sich so verhält, das erklärt Sigmund Freud in seiner Psychoanalyse, mit seiner Erfindung des sogenannten »Zensors«, der beim Menschen, welcher beispielsweise autobiographisch sich der Welt öffnet, dafür sorgt, dass keinerlei Peinliches preisgegeben wird. Bevor solches also passieren könnte, wird der Zensor eine Prüfung der Inhalte vornehmen und dann nur Äußerungen zulassen, die dem ganzen Vorgang eine sympathieträchtige Betrachtungsweise belassen. Gefragt ist also eine gute Mischung aus Angeberei und Selbstbefleckung.

Vorsicht vor Vergleichbarkeiten

Ein Eckermann oder eine ihm ähnliche Figur hat man mir im Verlag vorgeschlagen, müsste es sein. Ich werde hellhörig. Kaum zwei Kapitel geschrieben, schon solch Hypothek, Vorsicht Falle vielleicht, Vergleich mit Goethe! Weg damit, meiden, das zu sehr anzunehmen macht unsympathisch. Aber nicht auf den Eckermann eingehen. Bloß nicht! Das sind bloß Zweifel an Ihrer Persönlichkeit, da müssen Sie sich durchsetzen: Curt Goetz fällt mir da ein. Mit Auszügen aus seinen Werken haben wir Jugendliche auf dem Hof vor den Gästen einen Theaterabend aufgezogen, an dem ich so ziemlich alles an mich gerissen habe: Conférence, Hauptdarstellerei, Zaubertricks, Selbstbeweihräucherung mittels durchschaubarer Koketterie. Unarten über Unarten, die ich später in Livesendungen in der Person Dieter Hallervorden entsetzt wiederentdeckt habe.

Eckermann war unter den Zeitgenossen sehr umstritten, wenngleich Goethe ohne ihn den Faust nicht fertig geschrieben hätte.

Die Erinnerung

Mit zwölf Jahren versank ich spektakulär im Teich. Und noch heute fische ich oft trüb aus einem solchen. Fünfmal die Spanne bis zwölf ist eigentlich nicht viel, aber 60 Jahre sind es doch geworden. Sechzig Jahre, von denen einige glauben, sie würden in ihrem Erlebnisgehalt genügend liefern, was die Masse der Menschen interessieren könnte. Autobiographie heißt das Zauberwort des Verlegers: »Du hast doch so viele Menschen kennengelernt, das interessiert doch die Leute.«

Da muss einer wie ich aufpassen, aber da braucht’s nicht einen kleinlichen Controller, der mich beim Namedropping, bei Klatsch und Übertreibung sofort aus dem Tempel der Selbstsucht treibt, sondern lediglich einen, der fein und verständig aufpasst, dass man sich trotz alledem selber nicht so wichtig nimmt.

Denke da an Ottis Schlachthof, wo ich gelernt habe, dass man groß am einfachsten dann ist, oder zumindest werden kann, wenn man die anderen neidlos so leben lässt, dass sie groß und wenn’s sein muss sogar größer werden können als du. Bevor du dich wichtig nimmst, strebe danach, dass dich andere für kompetent halten.

Also, da braucht’s quasi bloß ein paar Fußnoten, die mir die Flausen austreiben und damit für Wahrheit und Stringenz sorgen und den Abstand autoerratischer biographischer Situationen in Unterstützung meiner Feder aus dem Halbdunkel des Voyeurismus ins Licht der nötigen Objektivität rücken – sine ira et studio, unter Vermeidung geschmäcklerischer, menschenverachtender und verletzender Enthüllungen in vermeintlichem Dienste einer zweifelhaften Absatzförderung. Wichtiger wäre es wohl, so manchen Namen zu streichen und Betreffendem das Privileg der Unsterblichkeit wegen Unwürdigkeit zu entziehen. Und ich versichere Ihnen, einer steht mir da vor Augen, ein Senderchef, aber ich tue seiner durch nichts begründeten Eitelkeit nicht den Gefallen, dass ich ihn nenne. Wahrscheinlich werden jetzt einige Fernsehdirektoren glauben, sie könnten gemeint sein. Aber was bedeutet uns schon in Kenntnis des Programms das Syndikat der Fernsehdirektoren, wenn doch längst proportional zur wachsenden Vergesslichkeit der Gegenwart die Erinnerungen sich überschlagen, getreu einem Wort von Elias Canetti, wonach man kaum zu glauben vermag, woran man sich erinnert, wenn man nur anfängt zu erinnern.

Erinnerungen, so mein Vater, sind wie Korken, die am Grund eines Teiches verankert sind, wo sie sich mit zunehmender Zeit immer stärker lösen und aus dem Schlamm der Erinnerung nach oben schießen.

Der Vater

Mein Vater, daheim Boss genannt, war in unserer Gegend ein ziemlich beliebter und geachteter Mensch, sofern es solches Gefühl in Bayern für Zugezogene überhaupt gibt. Anders ist nicht zu erklären, dass ihn, den Westfalen aus dem bischöflichen Hochstift Paderborn, den bekennenden Preußen, die Bayernpartei irgendwann in den 60er-Jahren als ihren Kandidaten für den Bayerischen Landtag aufstellen wollte, vielleicht um eine katholische Achse der pechschwarzen Bistümer Passau und Paderborn schon frühzeitig abzustecken.

Zu solcher Kandidatur war er, wenn auch »gelernter Bayer« (Selbsteinschätzung), nicht zu haben, war er doch ein zuverlässiger, gescheiter, humorvoller und gebildeter Mann, der zudem gerecht sein wollte. Darüber hinaus hatte er, zeitlebens Hochdeutschsprecher, von den Wurzeln des Bairischen mehr Ahnung als der Rest der Gemeinde. Er hat es aber trotzdem nicht verabsäumt, aus meinem Bruder und mir per Pädagogik vollwertige, durchaus auch bayerische Menschen, also Weltbürger, zu formen.

Bayernpädagogik

Ich war noch nicht in der Schule, da besuchten wir, mein Vater und ich, in Elisenhof in Westfalen die Großeltern. In Paderborn sollte uns der Onkel Paul, der fast zwei Meter lange Bruder des Vaters, vom Bahnhof abholen. So standen wir nun am Bahnsteig, mein Vater in ordentlicher Reisekleidung und ich, ein Reisender bayerischer Provenienz mit einem bayerischen Trachtenwams und einem flotten Sepplhut, wie es die Leute in Vaters Heimat aussprechen. Als wir nach zehn Minuten immer noch warteten, muss mir der Bayer durchgerutscht sein. Ich setzte mich auf meinen Koffer und sagte wild schnaubend zum Vater:

»Drinnen ist er nicht und draußen ist er nicht, gibt’s denn hier kein Wirtshaus?«

Der Entertainer

Papa war ein wahrhaft geselliger Mensch, dessen Kunst, den kleinen Kreis der Sommergäste zu unterhalten, durchaus die Qualitäten eines begabten Solokabarettisten hatte.

Diesem Schlafverweigerer und nahezu allnächtlichen Alleinunterhalter unserer Gäste verdanke ich, neben der Liebe zur Literatur, ein reichhaltiges Witzerepertoire und so manche Beobachtung, wie man die Leute, also das Publikum, »kriegt«.

Allein durch Beobachten meines Vaters erschloss sich mir die Kunst des Entertainments, wenn er zu Hochform auflief und im Kreise sich gruselnder Gäste Geistergeschichten von den noch immer untoten, spukenden Ornatsöd-Besitzern düster schilderte.

Als einmal mitten in der Nacht, so exakt, als wäre es von Edgar Allan Poe inszeniert, auf dem Höhepunkt der Gruselgeschichte ein Bild von der Wand fiel und mein Vater geistesgegenwärtig draufsetzte: »Der Jenne! So etwas macht er immer«, war das Ergebnis signifikant.

Jenne, fester Bestandteil im väterlichen Repertoire des Gästeunterhaltungsprogramms, den ganzen Sommer en suite gespielt, war in der Ornatsöd, deren Eigentümer er seinerzeit war, am Hoftor standesgemäß vom Großknecht erstochen worden und spukt seitdem umher.

Nach Jennes effektvoller Performance, wie damals noch niemand sagte, war das schaurige und ungeheuerliche Treiben aus dem Reich der Phantasie für jedermann blanke Realität geworden, was dahin führte, dass selbst bekennende Agnostiker vor lauter Geisterangst bis zum Morgengrauen wach blieben. Aus der Gemeinschaft der Angsthasen traute sich da keiner mehr auf das Zimmer.

Idiome

Dank dem Papa konnte ich schon sächsisch, bevor ich überhaupt wusste, wo und wer die Sachsen waren. Wie der Boss überhaupt Dialekte trefflich zu imitieren imstande war, so auch das inzwischen verschwundene Ostpreußisch. Diese Mundart, mir allein durch den Vater bekannt, ist ein kleines Stück des Verständigungsmittels Sprache und damit die Identität eines ganzen Stammes. Sie ist längst in Zeitläuften linguistischer Ewigkeit unauffindbar daheim, für mich aber durch den väterlichen Imitator nicht total in der Vergessenheit der Flüchtlingsströme aus dem Baltikum versandet. Allein dass ich So zärtlich war Suleyken, das literarische Ostpreußen-Kleinod aus Siegfried Lenz’ Feder (Glänzend darin die Schilderung der Verwandlung des Hamilkar Schass, nachdem er die Welt des Lesens entdeckt hat!), mir im Zauberklang baltischen Idioms selbst vorlesen konnte, war mir ein großer Genuss.

Die Freuden der Pflicht

Es war aber auch Lenz, der uns Heranwachsende, die Generation nach der Hitlerdiktatur, wie kaum ein Zweiter geprägt und darüber hinaus alle, die Augen hatten zu lesen, informiert und aufgeklärt hat, was Deutschsein in Bezug auf Pflichterfüllung bedeutet, sei es durch die Ansichten über das Pflichtgemäße, sei es über das daraus resultierende Kranke. Das nur vom Menschen Erdachte, menschenquälerisch Unmenschliche, worin wir Deutschen einst so meisterlich waren, weil wir vor lauter Freuden der Pflicht das Leid nicht sehen wollten, eher sogar stolz darauf, was wir auslösten, das zu erkennen und zu ändern hat uns Siegfried Lenz geholfen.

Lenz’ Roman Deutschstunde verdeutlicht uns, dass Pflicht immer nur in einer ewigen Kür altruistischer Freiwilligkeit, Liberalität und Mitmenschlichkeit gerechtfertigt ist. Jeder von uns muss sich verpflichtet fühlen, ständig mit der Emotion der Humanitas und der Freude am Pathos der Freiheit in Hingabe an eine besondere Pflicht, die – auch deutsch, preußische Version! – dafür zu brennen, dass er jedem zugesteht, nach seiner Fasson selig zu werden.

Aber da die Pflicht kaum hinterfragt wird oder sich selbst in Frage stellt, wird die Welt den Status »ewiges Jammertal« behalten oder sich auf Grund unseliger Verpflichtungen aller Art selbst verbrennen – vor der Zeit!

Dichter und Denker

Solchen Inhalts waren oft die Gespräche mit meinem Vater. Er war nicht nur in der echten Welt verankert, er war genauso daheim in einer Kopf- und Geisteswelt, in einer Bandbreite von der Ringparabel bis zu Kants kategorischem Imperativ, von Wilhelm Busch bis Rilke. Er war kein Brauchtumstümler, war nie blinder Parteilichkeit verpflichtet und niemals Sklave vorgegebener Ansichten.

Vorstellbar war alles Mögliche, aber niemals CSU. Er hatte einen mächtigen Verbündeten im Kopf, die Schutzwaffe seines Credos, »das Nachdenken«. Zur Verblüffung Anwesender gab er oft spontan einer Situation die wahre, hintergründige Bedeutung, sei es durch punktgenaues Entlarven oder endgültige Klärung durch eine literarische Pointe, Resultat seines reichhaltigen Zitatenschatzes.

Intellektuell war er vielen weit voraus. Dabei stand ihm die Kenntnis vom Faust und so manch anderem, von der Bibel bis zu Friedrich Torbergs Tante Jolesch, zur Verfügung.

Torberg, auch berühmt als deutscher Übersetzer der Werke Ephraim Kishons, gefragt, wie er zu dem für einen Juden eher ungewöhnlichen nordischen Namen gekommen sei, erklärte, einer seiner Vorfahren sei Rabbiner gewesen auf einem Wikingerschiff.

Der Vater liebte aber auch Kästner und in ganz besonderem Maße Friedrich Wilhelm Webers Dreizehnlinden.

Der gottlose Kandidat

Der Landkreis Wegscheid, heute Passau, im Klassenkampf. Ursache war ein Landratswahlkampf zwischen Graf von Preysing, CSU, katholisch, und Robert Muthmann, parteilos und evangelisch. Ein Riss ging durch die Bevölkerung, Keile wurden in Familien getrieben, frühchristliche Zeiten wurden beschworen, letztlich ging’s auch um das Seelenheil. So entrüsteten sich hohe CSU-Funktionäre, nachdem Muthmann angekündigt hatte, er wolle ein Gymnasium bauen, sich stark über diesen Versuch der Bildungspolitik mit der wörtlichen Erwiderung beim eigenen Parteiproletariat: »Ja, wo kommen wir denn hin, wenn wir Schulen bauen, dann wählt uns doch keiner mehr!«

Deutlicher ist die Dummhaltepolitik des bayerischen Einparteiensystems nicht mehr unter die Menschen gebracht worden, und die demokratische Masse der Bevölkerung hätte wenigstens Schaufelzuschuss verlangen müssen, damit die blöden Niederbayern es ein bisschen leichter hätten auf dem Hilfsarbeiterposten. Wie dumm wir waren, mag man daran erkennen, dass hinter Untergriesbach ein unbeschrankter Bahnübergang auf die Forderung der Bevölkerung hin als Wahlversprechen noch vor der Wahl als Ampel errichtet und nach der erfolgreichen Wahl gleich mit der ganzen Bahnlinie entsorgt wurde. Und nicht hoch genug zu preisen die Glaubwürdigkeit der CSU.

Einer der Höhepunkte im Landratswahlkampf war eine Kundgebung Muthmanns im Fesl-Saal in Untergriesbach.

Die Wogen der politischen Auseinandersetzungen peitschten die Kombattanten zu kontroversem Wehgeschrei, als der Untergriesbacher Pfarrer sich zornig erhob und mangels stichhaltiger Argumente behauptete, für den Fall, dass Muthmann gewänne, würden in den Schulen die Kreuze abgehängt.

Da stand mein Vater auf, die Leute wussten um sein Rednertalent und waren sofort ruhig. Er hielt eine zündende Rede gegen den Klerus und endete dann mit einem Zitat von besagtem Dichter Weber:

»Dienen muss der Kirchenrock, der faltenreiche, 100 Zwecken, Ehrfurcht, Habsucht, Machtgelüste, Hass und Rache muss er decken!«

Es war wohl einer jener seltenen Momente, in dem ein geschickt eingesetztes Zitat so verblüffte, dass tatsächlich eine Kehrtwendung der Wähler stattgefunden hat.

Muthmann ist später als Landrat doch der CSU beigetreten. Ein nachvollziehbares Verhalten, wenn man in Betracht zieht, dass die Geldverteiler gerne parteibuchmäßig stark orientiert sind.

Mein Vater, über bloße Unterstützung hinaus mit dem überraschenden Wahlsieger befreundet und ein bisschen auch sein Ratgeber und wahrlich ein Feind der Christenpartei, hat es ihm in Erkenntnis des Sachzwanges nicht übel genommen.

Der Vater war der Chef der Wegscheider Waldbauernvereinigung, die sich über die ganzen Jahre bayernweit am besten vermarktet hatte. Das alles hat er allein durch geschicktes Deligieren erreicht. Seine Wiederwahlen hatten immer Ergebnisse, bei denen CSU und SED vor Neid erblassten.

Am Rande einer Veranstaltung der bayerischen Waldbauernvereinigung kam der alte Schörghuber auf ihn zu und sagte, nicht ohne Bewunderung: »Ich weiß schon, warum die Sie gewählt haben, weil Sie reden können.«

Das waren bestimmt alles Folgen seiner Belesenheit, aber es gab damals aber auch täglichen Lesestoff, den der Boss als Lektüre eigentlich ablehnte. Das mag man zumindest seiner bisweilen gemachten Aussage entnehmen, dass er es begrüßenswert fände, wenn man von der doch eher tendenziellen Passauer Neuen Presse nur den Lokalteil hätte abonnieren können.

Nimmer

Es war spätestens Ende der 50er, Anfang der 60er-Jahre, dass der Niedergang des freien Bauerntums alten Musters eingeläutet wurde. Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft.

1955 schickten wir unseren alten Ackergaul und Spielkameraden Liese in die Altersteilzeit, und wir bekamen unseren nagelneuen 22-PS-Bulldog vom niederbayerischen Hersteller HATZ.

Und dann war alles anders: Ein Weilchen nur schaute ich weg, und als ich wieder hinschaute, waren die Dienstboten fort.

Ich erinnere mich, ich war wohl drei bis vier Jahre alt, wie unsere letzte Magd, Albine, im späteren Fremdenzimmer Numero 6 am Fenster stand, die Betten abzog und auf mich, der ich ganz allein auf dem großen Platz vor dem Hof stand, herunterschauend vom ersten Stock sprach:

»Heut fahr i dann weg.«

»Und die anderen?«

»Die sind schon weg!«

»Warum fahrst du heut?«

»Weil alle scho weg sind.«

»Wann kommst du wieder?«

»Nimmer!«

Dieses »nimmer« traf mich in tiefster Seele, weil nicht wie einst üblich die Dienstboten nur an Mariä Lichtmess kündigten, sondern fast täglich. Das gehört zu den Anfängen meiner bauernbezogenen Erinnerung. Die Folgen standen selbst dem Kind vor Augen, weil es gerade das Ende der guten alten Landwirtschaft hatte verschwinden sehen. Vorbei waren die herrschaftlichen Zeiten der Kleinfürsten, die Zeiten, in denen der Großbauer, wann immer er wollte, nach Delegierung der Arbeiten ans Gesinde, einspannen und ins Wirtshaus fahren konnte. Das war nur durch billige Menschenkraft möglich gewesen.

Ich sprenge alle Ketten

Mein niederbayerischer Großvater aus Hitzing, der Hitzinger Markus, schrieb sich Wagner, hieß aber Hausl. Das erklärt sich aus der bayerischen Liebe zum Unterschied zwischen schreiben und sprechen. So hieß es, wenn man meinen Großvater beim Familiennamen benennen wollte, der schreibt sich Wagner, was die Anmutung des Amtlichen in sich birgt. Woraufhin der Großvater hätte sagen können: »Ich schreib mich Wagner, aber heißen tu ich Hausl.« Gravierender Unterschied: Den amtlichen Namen kennt keiner, den Hausnamen jeder. Weil die Häuser ihre Namen im Lauf der Jahrhunderte unauslöschlich angenommen haben und oft auch auf neue Besitzer abstrahlen.

Der Hitzinger-Großvater, wie wir in nannten, wollte sich mit der unbarmherzigen Veränderung der Landwirtschaft seiner Zeit nicht abfinden und verfiel auf eine Idee der Gewährleistung kleiner Fluchten. So hatte er immer irgendwo ein Stück kaputter Kette versteckt, das er, wenn’s daheim zu heftig wurde, zum Behufe der Reparatur schnell zum Schmied bringen musste. Als der Fleißigste der Fünfkinderfamilie, mein Onkel Michael, dessen gewahr wurde, schnappte er sich immer, der Hitzinger-Opa war schon fast mit dem Einspannen fertig, im letzten Moment die »kaputte Kette« und verstaute sie auf seinem Motorrad mit den Worten: »Ich mach’ das schnell mit dem Motorrad, dann dauert’s nicht so lang, dann haben wir es gleich.«

Er legte dabei eine dermaßen unbarmherzige Abgebrühtheit an den Tag, als würde es den gequälten Blick des kettenwaidwunden Hitzinger-Vaters gar nicht geben.

Mit den Dienstboten verschwand auch die Geselligkeit auf den Höfen und blitzte nur ab und zu wieder auf in den wenigen Großkampftagen zur Ernte, beim Holzmachen, dem Hausputz, wenn ausnahmsweise mehrere Tagelöhner am Werk waren. Kein Vergleich mit den Knechten und Mägden, denen der Hof in der Regel auch immer Zuhause war und die sich nicht allein wegen der spärlichen Bezahlung, sondern auch aus traditioneller Solidarität einbrachten.

Der Verlust des Eingespielten machte alles erst einmal teurer. Allein eine notwendige Reparatur der gewaltigen Dachflächen trieb einen betroffenen Großbauern in die Arme der Banken. Die ehemaligen Kleinbauern, Knechte und Mägde suchten Erwerb und Nebenerwerb außerhalb der Höfe, in den Fabriken. War auch nicht gerade berauschend im Zonenrandgebiet, aber das Auskommen war neben den drei Kühen und sonstiger geringer Verpflichtungen gesichert.

Das war, auch in sozialer Hinsicht, starker Tobak. Denn plötzlich fraß sich langsam, aber unaufhaltsam das Fernsehen in die ganze Gesellschaft, wobei es sich der Nebenerwerbslandwirt eher leisten konnte, nicht der Großbauer alten Schlages.

TV

Bei uns daheim, in der Ornatsöd, durchlebten wir eine Kindheit ohne Testbild. Fernsehen gab es nur aus der Phantasie, auf Grund der Versatzstücke von Sendungen, die man bei den Nachbarn, meist Menschen unter Antennen, oder aus dem Munde deren Kinder aufgeschnappt hatte, aus Schilderungen von Spielkameraden, alles immer in Verbindung mit Büchern. Diese Situation erklärt auch, warum ich mich schon als Zehnjähriger mit Rodion Raskolnikov durch Schuld und Sühne gekämpft habe, weil wir im Bett so lange lesen durften, wie wir wollten. Taschenlampen für den Gebrauch des Lesens unter der Bettdecke waren bei uns daheim überflüssig. Aber die alte gemeuchelte Dostojewski-Pfandleiherin geisterte dann schaurig die ganze Nacht durch das Zimmer. Tagsüber aber dann wieder die strahlenden Helden Ivanhoe, Prinz Eisenherz und Konsorten. Die waren in unserer Phantasie lebendiger, als unsere mattscheibenversorgten Spielkameraden es sich vorzustellen in der Lage waren. Vereinzelt musste ich aber später einräumen, dass auch die Phantasie auf dem Leim der Idealisierung kleben bleiben kann. So entsprach zum Beispiel der berühmte Prinz Eisenherz nicht der Phantasie, wirkte sogar reichlich befremdlich. Als junger Mensch im Banne der Pubertät versteht man jemanden, der strahlender Ritter sein will, nur bedingt: Sieht er doch aus wie Mireille Mathieu. Der wahre Eisenherz, das streifte mich so unvorbereitet, dass ich darüber sogar laut lachen musste und dabei entdeckte, wie nahe das Lachen an der Diskriminierung gebaut hat.

Eingefahrene Vorstellungen und Ansichten, wenn auf Normalmaß des Tatsächlichen plötzlich gestutzt, das kann lustig werden. Gilt übrigens auch für den Fall, dass mit der Schönheit des Gedankens Schindluder getrieben wird.

Satiriker sind ein schlechtes Publikum. Wenn der Kabarettist etwas sehr lustig findet, dann kommt er nicht auf die Idee zu lachen. Wie auch, muss er doch nachdenken, warum besagte Äußerung genau zu diesem Zeitpunkt zu dem führte, was den satirischen Laien, also den eigentlichen Adressaten, lachen macht. Und dann überlegt der Kabarettist, wo er die neue Lacherkenntnis einsetzen kann.

Brombeller

Werden die Argumente zu schwach, wird selbst Humor schlagfertig. Wie wörtlich man dieses nehmen darf, soll das folgende kleine Beispiel eindrucksvoll belegen.

Einmal auf dem Schulheimweg entdeckten mein Schulkamerad Ludwig und ich Kondensstreifen am Himmel. Er war aus einer Handwerkerfamilie, hatte mich schon öfter körperlich attackiert oder gar geschlagen, wogegen ich, wegen der mir angeborenen pazifistischen Art, nichts unternommen habe, obwohl alle mich beschworen, ich solle mir doch nicht alles gefallen lassen und mich wenigstens wehren oder zurückschlagen. Ludwig, im Gegensatz zu mir aus einer Fernsehbesitzerfamilie, meinte, die Düsenflugzeuge hätten keinen »Brombeller«. Ich berichtigte ihn dahingehend, dass es korrekt »Propeller« hieße.

Als er dann mangels Argumenten plötzlich, bloß um Recht zu bekommen, rotzfrech die aberwitzige Aussage machte: »Im Fernseher hamms aa gsagt, dass’s Brombeller heißen muss«.

Da habe ich ihm eine runtergehauen.

Es hat geholfen, von da an war eine Zeit lang er der Pazifist und ich der Aggressor, aber über die Jahre hat das nicht gehalten, wir sind heute gute Freunde, und ich habe immer ein bisschen Angst, nach Hause zu fahren, so um den Jahresanfang herum, denn dort ist er der Superstar des Gottsdorfer Bauerntheaters und spielte mich bestimmt sofort, wenn ich ihm zu nahe käme, an die Wand. Chapeau, Herr Kollege!

Nach wie vor aber gilt, wer das Fernsehen nicht kennt, dem fehlt es auch heute nicht, wo das Nervigste die Spielfilmfetzen zwischen den Werbeblöcken sind.

Mein Vater brauchte kein TV, er hatte sein eigenes Informationssystem: Er ließ sich Wissen frei Haus liefern. So hatten wir wohl die intellektuellsten Gäste der ganzen Gegend, von Fernsehleuten bis zu Managern, von Journalisten bis zu Direktoren. Für Langweiler war die Saison schon vor Eröffnung ausgebucht. Alle mussten in ständiger Diskussionsbereitschaft sein: von der Chefsekretärin bis zum Zeugen Jehovas, vom Bankdirektor über den Studenten bis zum Rohkostler.

Straßenfeger

Wichtige Ereignisse, und welche gab’s damals schon? Zum Aufzählen reicht eine Hand. Im Gedächtnis geblieben sind JFK und das 66er WM-Endspiel im Londoner Wembleystadion mit dem bis heute umstrittenen Tor. Und das sahen wir drei Kilometer entfernt in Kronawitten, beim Onkel Schorsch, wie übrigens auch J. F. Kennedys Requiem und Beisetzung, gut verständlich, wenn auch mit amerikanisch gefärbter, liturgischer lateinischer Sprache. Kirchenlatein, wie es im Schott, dem Messbuch für den deutschen katholischen Laien, stand. Für meinen Vater bis zuletzt ein Grund, das Kirchenlatein wieder einzuführen. Eine denkwürdige Ansicht, betrachtet man, wie sehr Benedikt XVI. Wert gelegt hat auf die Liturgie, weil doch »katholä« so viel bedeute wie weltweit. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Trotz meines Erstgeborenenstatus und damit normalerweise Hoferbe, hatte der Vater zu Gunsten meiner akademischen Laufbahn den Kelch der Landwirtschaft an mir vorüberziehen lassen. Das hat mich allerdings nie mit Traurigkeit erfüllt, denn schwer heben und bücken sind Betätigungen, die man, außer man neigt zum Bodybuilding, nach kurzer Überlegung gerne meidet.

Verständlich, dass mein Vater, ein Mensch, der Anfragen von Stammgästen für die neue Saison schon mal verspielt mit einem Brief im Stile Goethes an Frau von Stein beantwortete, für mich das Akademische vorgesehen hatte. Glaubhaft, wenn man weiß, dass dieser wissbegierige Mensch gerne selbst studiert hätte und sich im ersten Sohn stellvertretend wohl diesen Traum erfüllen wollte.

Was du ererbt

Nichtsdestoweniger war er begeisterter Landwirt, dem aber der Adoptivvater, mein Opa, Otto Friedrich Fischer aus Westfalen, seit 1955 in Passau ansässig, die Arbeit versaut hat, indem er ihm einen juristisch abenteuerlichen Erbvertrag mit integrierter De-facto-Enterbung unterjubelte, den der Boss, vermutlich konfliktscheu oder aus einer tiefen Liebe zur Ornatsöd, akzeptiert hatte.

Mein Vater, wie man heute weiß, in vielen Bereichen ein Visionär, konnte oder durfte nie Entscheidungen treffen ohne die Gefahr der sofortigen beziehungsweise späteren Annullierung durch den Alten, der ständig dazwischenpfuschte und dadurch dem jungen Landwirt Angst, Sorgen und Unsicherheit bereitete, unter anderem durch Androhung solch aberwitziger Pläne wie beispielsweise die Schenkung des gesamten Anwesens an eine Stiftung. Bei der Landwirtschaft, deren großmütigste Errungenschaft die Ausrichtung auf den Erhalt der Scholle ist, also eher der Ewigkeit, denn der Endlichkeit verpflichtet, stehen sich Landmann und Kaufmann diametral entgegen, heißt doch Ackerbau und Viehzucht in Generationen denken. Eine Abhängigkeit in unsicheren Verhältnissen, ständige Nadelstiche des Großvaters, hauptsächlich der Vorwurf, dass alles, was getan, nur schlecht getan, also eine unkonstruktive Nörgelei, die außer lähmender Perspektivlosigkeit zu nichts anderem führt, als dem Vater mehrerer Kinder das Leben zu erschweren.

Nach mehreren Fehlgeburten kam meine Mutter mit lang ersehntem Nachwuchs, Schwester Katja, nieder, ebenso im Passauer Säuglingsheim, wie ziemlich genau 15 Jahre zuvor mit meinem Bruder Werner jun. und 17 Jahre, nachdem ich als erster Fischer in der Ornatsöd ein, wie es heute heißt, »rooming in« vorgelegt hatte, als Neuneinhalbpfundsbrocken.

Was das war im Bayerischen Wald 1953, ein kleiner Bericht einer Unregelmäßigkeit: Nachdem die Mutter mit mir in schwerer Geburt niedergekommen war, musste sie genäht werden. Allein für ein Telefonat, um die nötigen Utensilien dafür bestellen zu können, hatte man einen 30-minütigen Fußmarsch nach Vorholz auf sich zu nehmen, und zwar steil bergauf!

Rauchfleisch

Die Geburt samt Versorgung der Mutter war aber kaum vorüber und das Baby in trockenen Tüchern, da saß meine Mutter mit mir im Bett inmitten meiner Schar zahlreicher Onkel, jeder mit brennender Zigarre. Und erst als Mutter und Kind nicht mehr zu sehen waren, war das Fest zu Ende.

Festzustellen bleibt, trotz aller Widrigkeiten durch Opa, diesen ständig quengelnden Onkel Dagobert, hat mein Vater immer, bis zum Tode, versucht ein friedliches Haus der Zufriedenheit aufrechtzuerhalten und uns allen eine Erziehung der Vernunft in möglichst friedlicher Koexistenz mit der Umgebung angedeihen zu lassen. Das war auch Ausdruck seines unverbrüchlichen Willens: Soweit möglich sollte im Zusammenleben alles zuverlässig und korrekt ablaufen.

Aber mein Großvater hat dem Vater das Glück gehörig vermasselt.

Intellektuell und bauernschlau

Das bäuerliche Denken habe ich jedoch vom Papa geerbt und niemals verloren. Die vorausschauende Sorge, die ab einem gewissen Grad kein Verständnis mehr für vermeintliche Sorglosigkeit aufzubringen vermag und nicht in der Lage ist, sich in ein an Imponderabilien reiches Künstlerleben hineinzuversetzen. Im Gegensatz zu anderen Berufen, in denen Eltern allein bei der Aussicht auf eine Lehrstelle in Begeisterungsstürme über ein Dasein frei von Hunger und Not ausbrechen, muss die Kunst, um ernst genommen zu werden, gewisse Sicherungen garantieren. Karriere muss sich des Erfolges sicher sein und dem Spießer vor allem eines garantieren: den Ausschluss des Scheiterns! Andererseits, wie sollte ein sorgender Vater, voll der Verantwortlichkeit für seine Lieben, ausgerechnet beim eigenen Sohn sich vorstellen können, dass der es schaffen sollte, das Unmögliche, das nur Genies geschafft haben wie, Originalton Vater, Gustl Bayrhammer oder Harald Juhnke.

Was der Vater brauchte, waren messbare Erfolge.

Und erst als mich Werner Schneyder 1983 in seine Sendung Meine Gäste und ich einlud und auch noch Dieter Hildebrandt und Peter Kraus im Publikum saßen, da sah mein Vater, dass ich bei den Großen mitspielen durfte, und er war einverstanden.

Die Sorge

Mein Vater, so klug er auch war, konnte sich ein Künstlerleben seines Sohnes nicht vorstellen, hatte daher zunächst weniger Verständnis, wollte zuerst einmal einen Abschluss sehen und erwiderte auf meinen Einwand, wenn jeder so dächte, dann gäb’s nicht ein Buch zu lesen: »Das ist durchaus richtig, aber warum musst ausgerechnet du es sein?!«

In einem Gespräch mit Hanns Dieter Hüsch zu diesem Thema im Mainzer »Unterhaus« nannte mir der ältere Kollege, auch Kindsvater war er schon (und frühes Vorbild, schon allein wegen des Programms Das schwarze Schaf vom Niederrhein), eine Erklärung, die ich nicht von der Hand weisen konnte:

»Ich glaube, das ist auch die Sorge!«

Da verstand ich meinen Vater, aber Rücksicht konnte ich keine nehmen. Zumal so manche seiner pädagogischen Inhalte meinen Zielen durchaus förderlich waren.

So lehrte er uns den gesellschaftlich nötigen Ehrgeiz: »Jungs, raus aus dem Fußvolk!«, und, sehr wichtig für ihn: »Sieh, dass du oben bleibst!« Und bis zuletzt, noch auf dem Sterbebett, die ständige Frage: »Wie stehen die Finanzen?«

Am Schluss eines Lebens, so der Boss, muss stehen, dass man mit seinem Leben zufrieden ist, denn nicht das Glück, welches letztlich nur aus wenigen erfüllten Momenten bestünde, sei das Wesentliche, sondern die Zufriedenheit!

Und dann seine letzte Ermahnung, wie fast alles bei ihm geprägt von Vernunft, Sorge und Rücksichtnahme, wir sollten uns langsam über seinen Zustand schlaumachen, 60 sei zwar kein Alter, aber dennoch, das sei’s wohl gewesen.

»Erkundigt euch, wie’s wirklich um mich steht, müsst es ja mir nicht gleich sagen!« Und dann seine letzte Botschaft, ein rührendes, wenn auch nicht einzuhaltendes Versprechen oder vielleicht auch Ermahnung, bestimmt aber letztes Zeugnis der Liebe zu seiner Frau: »Aber, sagt es der Mama nicht!«

Wenige Tage später verstarb mein Vater, 60 Jahre alt!

Endstation Heimat

Bei seiner Beerdigung auf dem Gottsdorfer Friedhof sprach der Vorsitzende des Veteranenvereins. Bei denen war er Mitglied, nicht aus militaristischen Gründen, wenn er sich auch mit 17, wie er es immer nannte, als »Kriegsmutwilliger« freiwillig gemeldet hatte, wobei die Marine im Kreiswehrersatzamt durch eine schnelle Unterschrift den stattlichen Mann so eben noch von der Schaufel der Waffen-SS schnappte. Nein, er war fest davon überzeugt, dass das Vereinsleben nach der Gebietsreform die einzige Chance sei, gegen das Verschwinden der alten dörflichen Strukturen anzugehen. Da kann Untergriesbach schon längst Passau 301 heißen, die Gottsdorfer Feuerwehr heißt immer noch: »Freiwillige Feuerwehr Gottsdorf«.

Da sprach also am Grab vom 60-jährigen Werner Fischer senior der Vorsitzende des Krieger- und Veteranenvereins Gottsdorf, feierlich stotternd: »Lege ich mich zu diesem Kranze aus heimatlichen Zweigen nieder «

Die Beerdigung machte aber deutlich, eben durch diese unfreiwillige Komik – bei Begräbnissen nämlich liegen Lachen und Weinen nahe beieinander –, dass der Vater, bis zuletzt sich treu geblieben, auch deutlich vernehmbare Eigenarten seiner Herkunft nicht aufgegeben hatte. Bis zuletzt hatte er keinen Dialekt, sondern konsequent Hochdeutsch gesprochen, sich also nie angebiedert. Aber er war nun einmal kein Einheimischer. Da hätte auch Dialekt sprechen nichts gebracht, hätte wohl eher lächerlich gewirkt. Obwohl er den Geruch des Fremden nie ganz verlor, Respekt brachte man ihm entgegen.

Ich kannte es auch, dieses Gefühl, »nicht von da zu sein«, von klein auf, sein Vorhandensein fast nur unbewusst zu orten, das einen unentrinnbar anflog, weil man letztlich immer fremd, registriert als Fremder war.

Und doch ist es diese vielleicht nicht einmal den Einheimischen bewusst nachvollziehbare Ablehnung, die uns Triebfeder ist, es allen zu zeigen. Sie treibt uns Fremdlinge ein Leben lang, macht uns stark und schwach zugleich.

Es schließen sich die Kreise der Dazugehörigkeit auf dem Lande erst sehr spät, wenn man die Leute kaum noch kennt oder nur noch aus Erzählungen, weil sie in den Gräbern liegen.