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GUIDO KNOPP

DER ERSTE WELTKRIEG

DIE BILANZ IN BILDERN

In Zusammenarbeit
mit Claudia und Mario Sporn

 

VORWORT

53_nla_865788_Der_Morgen_nach_der_Schlacht.tif Frank Hurley, The morning after
the first battle of Passchendaele,
Hurley collection of photographic prints, 865788,
National Library of Australia

 

Der Erste Weltkrieg ist der erste Krieg in der Geschichte unseres Planeten, über den es flächendeckend Fotos gibt. Zum ersten Mal waren die Linsen der Fotoapparate systematisch auf die Schlachtfelder gerichtet, wurde fast jedes historische Ereignis, jeder schicksalhafte Augenblick des Weltenbrands fotografisch dokumentiert. Unter diesen Hunderttausenden Bildern ragen einige hervor, die oft mehr aussagen als ganze Bibliotheken: Momentaufnahmen von Liebe und Schmerz, Trauer und Freude, Angst und Hass.

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Es sind Fotos von Menschen, die für einen Moment aus der anonymen Masse herausgerissen wurden, deren Abbild aus ferner, lebloser Historie symbolische »Augenblicke« macht, die uns noch heute nahegehen: Etwa das stille Glück des schwerverletzten kleinen Jungen, der den Angriff eines deutschen U-Boots auf den Passagierdampfer »Lusitania« überlebt und nach bangen Tagen seine Familie wiedergefunden hat. Oder der Schnappschuss jener deutschen und britischen Soldaten, die sich zu Weihnachten 1914 im Niemandsland der Front zu spontanen Waffenstillständen verabredeten. Solche Geschichten hinter der Geschichte der Bilder zu erzählen, ist das Thema dieses Buches. So gesehen, ist es eine fotografische Bilanz des Krieges.

Was hat uns dieser Krieg hundert Jahre nach alldem zu sagen? Als er begann, da ahnte niemand, dass in diesen Tagen auch das 19. Jahrhundert endete, das den Menschen in Europa eine lange Friedenszeit beschert hatte; und niemand ahnte, dass das 20. Jahrhundert nun erst wirklich begann – mit einem drei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg, der den alten Kontinent zerrüttete: 1914 bis 1945, der Dreißigjährige Krieg des 20. Jahrhunderts.

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Die Soldaten, die da in den Straßen vieler Städte zwischen Wien und London, zwischen Berlin und Paris wie Opfertiere mit Blumengebinden geschmückt wurden, wussten noch nicht, was sie erwartete: ein moderner mechanisierter Vernichtungskrieg, Gastod in den Gräben, anonymer Tod im Dreck. Der Krieg im Westen übertraf an Grausamkeit, an menschlicher Verrohung selbst die schlimmsten Ahnungen. Viele der in diesem Buch enthaltenen Bilder geben einen Eindruck von alldem, was Menschen Menschen antun können: Maschinengewehre mähten ganze Regimenter nieder, Feuerwalzen der Artillerie durchpflügten komplette Landstriche. Hochgiftiges Gas kam erstmals zum Einsatz, mit fürchterlicher Wirkung.

So wie die »Stahlgewitter« der modernen Militärtechnik das Völkerschlachten revolutionierten, so wälzten die Fotografien von den Schlachtfeldern das Bild des Krieges um. Anfangs hatte man in den Generalstäben allen Ernstes noch geglaubt, dass ein paar Schlachtenmaler genügen würden, das Kriegsgeschehen für die breite Masse adäquat darzustellen. Doch die Welt des 19. Jahrhunderts war endgültig passé. Längst erreichten illustrierte Blätter Millionenauflagen, hatte die Fotografie auch für die Menschen fernab der Metropolen ein Fenster zur Welt aufgestoßen. Das Foto machte die Leser jetzt zu vermeintlichen Augenzeugen der Weltläufte. Das Publikum wolle »keine gezeichneten Phantasiebilder aus dem Felde mehr, es will die Dinge sehen, wie sie in Wirklichkeit sind«, schrieb ein deutscher Publizist 1915.

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Tatsächlich jedoch war das allenfalls eine geschönte Wirklichkeit. Denn nun schlug beiderseits der Front die Stunde der Propaganda – sie kontrollierte, was die »Heimatfront« vom Krieg zu sehen bekam: Gutgelaunte Landser, wohlversorgte Verwundete, prallgefüllte Munitionslager. Tabu dagegen waren Bilder vom Leiden und Sterben der (eigenen) Soldaten, vom Dreck der Schützengräben und dem bitteren Elend der Feldlazarette. Die Propaganda schuf auf diese Weise eine ganz eigene, verharmlosende Optik des Krieges.

Heute können wir einige Legenden aufhellen, auch widerlegen: Auslöser des Krieges war das Attentat von Sarajewo. Seit einem Jahrhundert wird dieses fatale Ereignis mit einem Foto bebildert, das angeblich die Verhaftung des Attentäters Gavrilo Princip zeigt – eine fotografische Ikone. In diesem Buch wird nachgewiesen: Bei dem Mann, der da von Uniformierten abgeführt wird, handelt es sich nicht um Princip, sondern einen völlig Unbeteiligten. Tatsächlich gibt es weder vom Attentat auf den österreichischen Thronfolger noch von der Verhaftung des Attentäters irgendein Foto.

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Die Aufnahme von jener unbekannten schönen Frau, die Anfang August 1914 in Berlin ihren blumenbekränzten Mann jubelnd ins Feld verabschiedet, gilt als Beleg für das »Augusterlebnis« , das die Menschen in ganz Deutschland angeblich beseelt habe – ein kollektives Grundgefühl »Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern«. Tatsächlich feierten viele in Europa damals all die Siege, die sie nie erringen würden, inbrünstig schon einmal vor. Alle fühlten sich als Angegriffene, keiner als Angreifer. Doch in Wahrheit war es allenfalls das Bürgertum der großen Städte, Schüler und Studenten, wohl zum Teil auch junge Handwerksburschen, deren Grundgefühl der Schriftsteller Ernst Jünger so beschrieb: »Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hat uns der Krieg gepackt wie ein Rausch.« Ganz anders aber sah es auf dem Land aus – und in Arbeiterfamilien. Dass die Männer nunmehr fehlen würden, bei der Ernte und als die Versorger der Familien, wurde weithin unter Tränen beklagt. Und auch der Krieg an sich wurde, insbesondere von den Frauen, nicht als Chance empfunden, sondern als Gefahr. Wir haben dazu Dutzende von eindrucksvollen Schilderungen.

Eine der ersten Propaganda-Mythen dieses Krieges war der Bericht, Mitte November 1914 seien vor allem aus kriegsfreiwilligen Gymnasiasten und Studenten bestehende junge deutsche Regimenter bei Langemarck in Belgien todesmutig in feindliche Stellungen eingebrochen – mit dem Deutschlandlied auf den Lippen. Ein berühmtes Gemälde verherrlichte die vermeintliche Szene. Tatsächlich handelt es sich um eine bloße Legende, erdichtet von der deutschen Propaganda, um ein sinnloses Massensterben zu verschleiern.

Am Ende des Weltenbrands stand in Deutschland die Revolution am 9. November 1918: »Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!«, rief der SPD-Politiker Philipp Scheidemann von einem Balkon des Reichstags den revolutionären Massen zu. Von dieser historischen Szene gibt es kein authentisches Bildmaterial, sondern lediglich eine nachgestellte Aufnahme, die viel später entstanden sei, hieß es jahrzehntelang. Tatsächlich ist dieses Foto jedoch bereits wenige Tage nach dem epochalen Ereignis das erste Mal gedruckt worden – es zeigt also tatsächlich den Beginn eines neuen Zeitalters in der deutschen Geschichte.

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Dann ist da noch das Bild vom »tapferen Gefreiten« Hitler. In seinem Pamphlet »Mein Kampf« beschrieb der spätere Agitator seine Fronterlebnisse im Ersten Weltkrieg – ein Heldenlied der Tapferkeit. Wir wissen aber mittlerweile, dass er maßlos übertrieben hat. Als Melder war er meist im rückwärtigen Bereich der Front eingesetzt und gelangte nur selten ganz nach vorn. An vielen der von ihm geschilderten Gefechte hat er gar nicht teilgenommen. Ehemalige Regimentskameraden, die den zum »Führer« aufgestiegenen Hitler nach dem Krieg der Lüge bezichtigten, bezahlten ihre Aussagen nach der »Machtergreifung« mit KZ-Haft. Und natürlich wissen wir: Ohne diesen Weltkrieg wäre Hitler niemals aufgestiegen, hätte nie die Macht erringen können. Denn der Erste Weltkrieg war das Schlangenei des Zweiten.

1914

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DAS ATTENTAT VON SARAJEVO

Unbekannter Fotograf

Sarajevo/Bosnien

28. Juni 1914

DAS ATTENTAT
VON SARAJEVO

 

Beobachtet von einer vielköpfigen Menschenmenge, versucht ein mit einem Säbel bewaffneter Polizist, mehrere Männer in bosnischer Tracht – weiße Hemden, breite Seidengürtel und Fez – in Schach zu halten. Dahinter haben zwei andere Uniformierte einen jungen Mann im dunklen Anzug bei den Armen gepackt und stoßen ihn an einer Hauswand entlang ungestüm vorwärts. Durch das heftige Getümmel ist das Bild leicht unscharf geraten – und suggeriert damit eine unmittelbare Authentizität. Denn der Mann, der hier auf so unsanfte Weise in Polizeigewahrsam genommen wird, ist Gavrilo Princip, der Attentäter des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand – so wird jedenfalls seit fast hundert Jahren immer wieder behauptet.

FRANZ FERDINAND
Franz Ferdinand von Österreich-Este war der Neffe des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. Nach dem Selbstmord des Thronerben Rudolf und dem Tod seines eigenen Vaters Karl Ludwig wurde er 1896 zum Thronfolger ausgerufen. Der wenig beliebte Franz Ferdinand war offiziell nicht in die Regierungsgeschäfte der Monarchie involviert, stellte mit einem Beraterstab, der sogenannten »Militärkanzlei«, aber weitgehende Überlegungen für eine Neugliederung der k. u. k. Monarchie nach seiner Thronbesteigung an.

Sarajevo, 28. Juni 1914, ein herrlicher Sommertag. »Kaiserwetter« für den Besuch von Franz Ferdinand in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Jahrhundertelang hatten Bosnien und die Herzegowina zum Osmanischen Reich gehört. Doch 1878 war das Land von Österreich-Ungarn zunächst verwaltet, 1908 dann annektiert worden. Seitdem herrschte ein rigides Besatzungsregime. Gerade die jungen bosnischen Serben lebten in Armut und Perspektivlosigkeit. Für sie war Franz Ferdinand kein Gast, für sie war er ein Feind. Sechs von ihnen waren deswegen fest entschlossen, den Besuch des Erzherzogs zu nutzen, der verhassten Donaumonarchie einen schweren Schlag zu versetzen: Sie wollten den Thronfolger töten.

Der serbische Geheimdienst hatte sie mit Revolvern und Bomben versorgt. Nun positionierten sie sich an der allseits bekannten Fahrstrecke durch die Innenstadt und warteten. Obwohl die offiziellen Stellen mit der Möglichkeit eines Attentats rechneten, waren die Sicherheitsvorkehrungen erstaunlich lax. Franz Ferdinand bestieg am Bahnhof ein offenes Automobil und fuhr in Richtung Rathaus – den Attentätern entgegen. Bereits nach wenigen Augenblicken gelang es einem Verschwörer, eine Bombe auf das Auto zu schleudern. Der Thronfolger riss instinktiv den Arm hoch, der Sprengkörper prallte von ihm ab, fiel auf das geöffnete Faltdach und dann auf die Straße, wo er explodierte. Franz Ferdinand war noch einmal mit dem Schrecken davongekommen.

Der Chauffeur gab Vollgas und raste zum Rathaus. Hier fand der Empfang beim Gouverneur von Bosnien-Herzegowina, General Oskar Potiorek, wie geplant statt. Doch Franz Ferdinand stand der Sinn danach nicht mehr nach »Sightseeing«. Er wollte lieber einen beim Attentat verletzten Begleitoffizier im örtlichen Krankenhaus besuchen. Die Wagenkolonne brauste aufs Neue los. Franz Ferdinands Chauffeur freilich war über die Änderung des Programms nicht unterrichtet und bog an einer Straßenecke falsch ab. Der mitfahrende Potiorek klärte den Mann über seinen Irrtum auf, der Fahrer stoppte den Wagen und legte den Rückwärtsgang ein.

GAVRILO PRINCIP
Geboren 1894 in einem Dorf an der kroatischen Grenze, schloss sich der bosnische Serbe früh der Schüler- und Studentenbewegung »Mlada Bosna« (Junges Bosnien) an. Ziele der Organisation waren die Abschüttelung der österreichischen Herrschaft in Bosnien und der Zusammenschluss der Provinz mit Serbien und Montenegro. Unter dem Einfluss der serbischen Geheimorganisation »Schwarze Hand« schreckten viele »Jungbosnier« auch vor der Anwendung revolutionärer Gewalt nicht zurück.

Gavrilo Princip hatte bislang vergebens auf die Wagenkolonne des Thronfolgers gewartet. Auf ein fahrendes Auto hätte er kaum schießen können, so ungünstig war er platziert. Jetzt aber stoppte der Wagen des Erzherzogs genau vor ihm. Das war seine Chance: »Als das zweite Automobil näher kam, erkannte ich darin den Thronfolger«, gab der Attentäter später zu Protokoll. Ich sah auch eine Dame darin sitzen und überlegte, ob ich schießen sollte oder nicht. Im selben Augenblick überkam mich ein eigenartiges Gefühl, und ich zielte vom Trottoir aus auf den Thronfolger.« Der erste Schuss traf die Ehefrau von Franz Ferdinand in den Unterleib, sie sank in den Schoß ihres Mannes. Vom zweiten Schuss getroffen rief dieser noch: »Sopherl! Sopherl! Stirb nicht! Bleib am Leben für unsere Kinder!« Dann sackte auch er zusammen. Eine Viertelstunde später war er tot.

Die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers verbreitete sich in Windeseile in ganz Europa – zunächst illustriert mit mehr oder weniger fantasievollen Zeichnungen von Nicht-Augenzeugen des Anschlags, doch bald auch mit jenem Foto von der Verhaftung des Attentäters. Das Motiv erlangte rasch Berühmtheit, denn kein Fotograf hatte den Moment abgelichtet, als die tödlichen Schüsse fielen. Das Bild prangte bald auf Postkarten und Leporellos, war in zahlreichen Zeitungen und Büchern zu finden.

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PA Archive /
Press Association Ima
Gavrilo Princip in
Österreichischer Haft

Wer hat es aufgenommen? In einigen Publikationen aus der Zeit steht unter dem Foto der Name »Trampus« – ist das der unbekannte Fotograf? Die Spur führt nach Paris. Der Franzose Charles Trampus hatte 1905 in der Seine-Metropole eine Fotoagentur gegründet. Trampus schloss mit zahlreichen Fotografen in ganz Europa Verträge ab und belieferte die Presse im In- und Ausland mit seinen Bildern. Doch Trampus war nur ein cleverer Geschäftsmann – kein Fotoreporter. Auch in Sarajevo hat er nicht selbst geknipst, sondern die spektakuläre Aufnahme nur weitervertrieben. Ähnlich verhält es sich mit anderen vermeintlichen Fotografen der Szene. Die Wiener Verleger Philipp Rubel und Carl Seebald vertrieben das Motiv auf Postkarten, doch sie waren ebenso wenig vor Ort wie Trampus. So bleibt der wahre Urheber des Bilds unbekannt. Vermutlich war es ein Fotograf aus Sarajevo, der seinen Schnappschuss an Trampus verkauft hat, ohne vom anhaltenden Ruhm der Aufnahme profitieren zu können.

Hat dieser Unbekannte auch behauptet, auf dem Foto sei die Verhaftung des Attentäters festgehalten? Vielleicht gelang es dem Reporter auf diese Weise, sein Honorar etwas aufzubessern. Heute nämlich ist klar: Der junge Mann auf dem Bild ist nicht Gavrilo Princip. Zwar wurde der Attentäter unmittelbar nach den Schüssen auf den Thronfolger überwältigt und von der Polizei festgenommen. Doch niemand hat diese Szene auf eine der damals üblichen schweren Fotoplatten gebannt. Stattdessen zeigt das Bild einen Studenten namens Ferdo Behr, einen Schulfreund Princips, der mit dem Attentat selbst nichts zu tun hatte. Er habe zunächst gar nicht mitbekommen, dass Princip der Attentäter gewesen sei, wird Behr später zu Protokoll geben. Er habe seinen Freund verteidigen wollen, als unmittelbar nach den tödlichen Schüssen Uniformierte herbeistürzten und von allen Seiten Hiebe auf »Gavro« einprasselten. So geriet auch Ferdo Behr in Haft. Doch während er schon bald wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, verschwand Gavrilo Princip auf Dauer im Gefängnis.

PRINCIPS ENDE
Im Oktober 1914 wurde Princip und seinen fünf Mitverschwörern in Sarajevo der Prozess gemacht. Vor der Todesstrafe schützte ihn nur die Tatsache, dass er nach damaligem Recht zum Zeitpunkt des Attentats noch nicht volljährig war. So lautete das Urteil: 20 Jahre Kerkerhaft.
Im April 1918 starb er kraftlos und ausgezehrt in der Festung Theresienstadt an Knochentuberkulose.

Das Attentat von Sarajevo war der letzte Zündfunke in einer ohnehin schon aufgeladenen politischen Atmosphäre. In Wien betrachtete man den Mord als einen Angriff auf Souveränität und Ansehen der eigenen Nation. Serbien, davon war man überzeugt, sei schuldig oder zumindest indirekt verantwortlich für das Komplott. Wien musste handeln, wollte man den eigenen Status als Großmacht demonstrieren und das sinkende Prestige bei den Balkanvölkern wiederherstellen. Die Welt zeigte sich indessen bestürzt über die Todesschüsse von Sarajevo. Pariser Tageszeitungen bedauerten das »tiefe Leid, das den greisen Kaiser« Franz Joseph I. getroffen habe, und äußerten die Befürchtung, dass der Tod des Thronfolgers das »Geschick der Monarchie und dadurch das von ganz Europa ändern kann«. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass es ausgerechnet die Schüsse von Sarajevo sein würden, die den schwachen Balancezustand zerbrachen, mit dem sich Europa seit Jahren am Rande des Kriegs entlanghangelte.

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MOBILMACHUNG

Otto Haeckel

Berlin, Unter den Linden

31. Juli 1914

MOBILMACHUNG

 
OTTO HAECKEL
Das Brüderpaar Otto (1872–1945) und Georg Haeckel (1873–1942) gehörte in den Jahren um die Jahrhundertwende zu den bekanntesten Pressefotografen Berlins. Als erste arbeiteten sie mit sehr kurzen Verschlusszeiten und konnten auf diese Weise im Gegensatz zu den bis dahin gängigen statischen Fotografien auch Bewegungsabläufe im Bild festhalten.

Es ist ein Bild, das sich in den europäischen Hauptstädten vielfach bietet in diesen letzten Friedenstagen. Der Berliner Fotograf Otto Haeckel ist vor Ort, als ein preußischer Offizier – umringt von einer gespannten Menschenmenge – am frühen Nachmittag des 31. Juli 1914 vor dem Berliner Zeughaus den »Zustand der drohenden Kriegsgefahr« für das Deutsche Reich verkündet. Endpunkt einer verhängnisvollen Kettenreaktion, die auf die Schüsse von Sarajevo folgt und als »Julikrise« in die Geschichte eingegangen ist.

Wien hatte auf das Attentat mit einem Ultimatum an die »indirekt verantwortlichen« Serben und der Androhung einer Strafaktion reagiert, legte sich damit jedoch automatisch mit dessen Schutzmacht Russland an. Österreich-Ungarn wiederum war mit dem Deutschen Reich verbündet. Berlin übte den Schulterschluss mit Wien: der berühmte »Blankoscheck« für Nibelungentreue – bis zum Untergang.

Dies aber war nur die halbe Wahrheit. Im Kalkül des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg bot ein Krieg, der auf den Osten beschränkt blieb, die Chance, den Ring der Gegner zu sprengen. Deutschland, die verspätete Nation, hatte Angst um seine Existenz – und Ambitionen, die das Machtgefüge in Europa störten. Denn man wollte Weltmacht werden. Doch die schwache deutsche Politik nach Bismarck konnte sich keine wirklich mächtigen Verbündeten schaffen. Deutschland fühlte sich eingekreist. Tatsächlich hatte es sich selbst ausgegrenzt.

PRÄVENTIVKRIEG
1959 trat der Historiker Fritz Fischer mit aufsehenerregenden Thesen an dieÖffentlichkeit. Deutschland treffe die Hauptschuld am Kriegsausbruch. Berlin habe spätestens seit dem Dezember 1912 gezielt auf einen Krieg im Sommer 1914 hingearbeitet. Auch wenn von Fischers überspitzten Thesen bis heute nur wenig übrig geblieben ist – mittlerweile ist unstrittig, dass dem Deutschen Reich ein großer Teil der Schuld am Kriegsausbruch zukommt, selbst wenn die Verantwortung Österreich-Ungarns und der Triple-Entente, insbesondere Russlands, nicht minder schwer wiegt.

Schien es da nicht folgerichtig, das Schneckenhaus der Mittellage zu zerbrechen, bevor der russische Bär den Kontinent beherrschte? In zwei, drei Jahren hätte Russland seine Aufrüstung beendet, erklärte im Sommer 1914 Generalstabschef Helmuth von Moltke. Dann wäre die Übermacht der Feinde so groß, dass man sie nicht mehr überwinden könnte. Jetzt sei man ihnen noch halbwegs gewachsen. Also Präventivkrieg! Ein Konzept, geboren aus Schwäche und Angst.

Obwohl die Serben überraschend Österreichs Ultimatum akzeptierten, erklärte Wien, ermutigt durch Moltke, am 28. Juli Serbien den Krieg: der erste Sündenfall. Der zweite war die Generalmobilmachung der Russen, die den »Mechanismus der Verträge« unvermeidlich greifen ließ. Der dritte Sündenfall betraf die Deutschen: Während Kanzler Bethmann Hollweg Österreich schließlich doch noch zu einer Politik des Innehaltens zu bewegen suchte, versprach Moltke seinem österreichischen Amtsbruder Conrad von Hötzendorf bei allen seinen Taten deutsche Unterstützung. Das kam einem inneren Staatsstreich gleich: Militärische und politische Führung arbeiteten nicht Hand in Hand, sondern gegeneinander. Nur ein Machtwort des Kaisers hätte den gordischen Knoten lösen können. Doch der zeigte sich zu schwach – trotz vieler starker Worte.

So verkündete am 31. Juli auch Österreich-Ungarn seine Generalmobilmachung. Deutschland forderte von Russland wiederum die Demobilisierung – und blieb ohne Antwort. Am folgenden Tag, dem 1. August 1914, endete mit dem fünften Glockenschlag des Berliner Domes nicht nur das Ultimatum an Russland, sondern auch der Friede in Europa. Während sich die Menschen um Stadtschloss und Lustgarten versammelten, unterschrieb Kaiser Wilhelm II. die allgemeine Mobilmachung. Als sich der Kaiser mit seinen Ministern und Generälen wenig später auf dem Balkon des Berliner Stadtschlosses zeigte, war die Atmosphäre des gespannten Wartens längst der Euphorie gewichen. Das tief ergriffene Volk stimmte unter den Klängen der Domglocken den Choral »Nun danket alle Gott!« an. Die Menschen bejubelten die Aussicht auf einen Kampf, von dem noch niemand ahnte, wie mörderisch er werden würde.

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HOFFMANN
UND HITLER

Heinrich Hoffmann

München, Odeonsplatz

2. August 1914

HOFFMANN
UND HITLER

 
HEINRICH HOFFMANN
Heinrich Hoffmann (1885–1957) betrieb sei 1909 ein Fotogeschäft in München und arbeitete als Pressefotograf. Nach dem Ersten Weltkrieg fotografierte er die völkische Bewegung in Bayern und kam auch mit der NSDAP in Kontakt, in die er 1920 eintrat. Ab 1923 war er der alleinige Fotoporträtist Hitlers und konnte seine Bilder gewinnbringend weltweit vertreiben. Vor allem nach der »Machtergreifung« brachte das Millionen ein. Hoffmanns Firma war nach 1933 die größte private Foto-Agentur des »Dritten Reichs«, während im angeschlossenen Verlag bis 1945 mehr als 30 Fotobände erschienen.

Ganz zufällig soll es passiert sein. Eines Tages Ende der 1920er Jahre, so berichtete der Fotograf Heinrich Hoffmann, habe Adolf Hitler sein Atelier in der Münchner Schellingstraße besucht und dort dieses Bild gesehen: Jubelnde Menschen, die am 2. August 1914 auf dem Odeonsplatz in München begeistert den Ausbruch des Weltkriegs begrüßen. »Unter dieser Menschenmenge war auch ich!«, habe Hitler freudig ausgerufen. Deshalb sei man sofort darangegangen, die fünf noch erhaltenen Glasplatten von diesem Ereignis genau zu untersuchen – ohne Ergebnis. Erst als Wochen später eine sechste, eigentlich schon zur Vernichtung vorgesehene Platte aufgetaucht sei, habe man den NSDAP-»Führer« entdeckt: »Nur ganz kurz brauchte ich zu suchen, da steht einer, ja, er ist es, sein Haar fällt in die Stirn. Sein Gesicht kann nicht täuschen, er ist es.«

Wahrheit oder Legende? Jahrzehntelang war an der Echtheit des Bildes nicht gezweifelt worden. Als ebenso sicher galt, dass Hitler gleich Zehntausenden anderen Münchnern gegen Mittag zur Wachablösung an die Feldherrnhalle gekommen war, wo im überschäumenden Hochgefühl der nationalen Erregung patriotische Reden gehalten und vaterländische Lieder gesungen wurden. »Ich schäme mich auch heute nicht zu sagen«, hieß es später in Mein Kampf, »dass ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen«. Der Krieg bot Hitler den lang ersehnten Ausweg aus seinem bisherigen ziellosen Leben als Bohemien.

Dennoch sind Zweifel angebracht. Das betrifft zum einen die Kundgebung selbst, die nachträglich zu einer gewaltigen Manifestation der gesamten Münchner Bevölkerung hochstilisiert wurde. Filmaufnahmen zeigen dagegen, dass an diesem Tag große Teile des Odeonsplatzes leer geblieben waren. Selbst in dem Bereich, den Hoffmanns Foto abbildete, konnte eine Trambahn ohne Probleme durch die Menschenmenge fahren.

Zum anderen ist es fraglich, ob Hitlers Gesicht nicht erst nachträglich von Hoffmann in die Fotografie hineinretuschiert wurde. 1929 soll sich die Szene im Atelier abgespielt haben, doch noch ein Jahr später druckte das NSDAP-Blatt Illustrierter Beobachter am Rande eines Beitrags zum Kriegsbeginn ein ganz anderes Hoffmann-Bild ab – ohne irgendeinen Hinweis auf den NSDAP-»Führer«. Erst im März 1932 dann war das »wiederentdeckte« Foto der Aufmacher einer Hitler-Bilderserie, diesmal versehen mit einer Ausschnittvergrößerung in Form einer Lupe, die Hitler aus der Masse heraushob. Dies ausgerechnet zu einer Zeit, da dieser sich anschickte, bei den Reichspräsidentenwahlen Amtsinhaber Hindenburg herauszufordern.

Zudem gibt es im Nachlass des Fotografen unterschiedliche Versionen dieses Bilds, bei denen die typische Haarsträhne unterschiedlich stark retuschiert wurde. Die Original-Glasplatte dagegen ist verschollen.

In der NS-Zeit wurde das Bild gleichwohl zur Ikone. Millionenfach reproduziert sollte es den »Mann aus der Menge« symbolisieren, den die »Vorsehung« zur Erlösung des deutschen Volks auserkoren hätte. In einer Propagandabroschüre wurde das Bild von 1914 sogar einem Foto einer Demonstration gegen den Versailler Vertrag von 1919 gegenübergestellt, in deren Mitte natürlich ebenfalls Hitler zu erkennen sein sollte. »Hier wird meines Erachtens die Fälschung offensichtlich«, so der Historiker Gerd Krumeich. Ob das berühmte Hoffmann-Bild tatsächlich gefälscht ist, kann nicht bewiesen werden – doch zahlreiche Indizien sprechen dafür.

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DAS AUGUSTERLEBNIS

Unbekannter Fotograf

Berlin

2. August 1914

DAS AUGUSTERLEBNIS

 

Da rücken sie aus: Deutsche Soldaten, unter ihnen Freiwillige noch im bürgerlichen Anzug und mit Hut, blumengeschmückt wie Opfertiere, einer wird von seiner Freundin oder Frau begleitet, und sie jubeln dem Fotografen zu: »Hurra, es ist Krieg!« Hunderte von solchen Szenen gab es im August 1914 in ganz Deutschland. Der Schriftsteller Ernst Jünger beschrieb eine von ihnen: »Die Soldaten sangen, Frauen und Mädchen hatten sich in ihre Reihen gedrängt und sie mit Blumen geschmückt. Ich habe seitdem noch manche begeisterte Volksmenge gesehen, keine Begeisterung war so groß und mächtig wie an jenem Tag.«

Niemand ahnte, dass nun das 19. Jahrhundert endete, das den Menschen in Europa eine lange Friedenszeit beschert hatte; und niemand ahnte, dass das 20. Jahrhundert nun erst eigentlich begann: ein drei Jahrzehnte währender Bürgerkrieg, der zeigen sollte, was der Mensch dem Menschen antun kann. Die Völker Europas feierten in jenen Tagen Siege, die sie nie erringen würden, inbrünstig schon einmal vor. Alle fühlten sich als Angegriffene, keiner als Angreifer. »Mit reinem Gewissen und reiner Hand ergreifen wir das Schwert«, verkündete der Kaiser den Reichstagsabgeordneten.

AUSBRUCH
»Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hat uns der Krieg gepackt wie ein Rausch«, erinnerte sich Ernst Jünger. Thomas Mann befand in diesen Tagen: »Wir kannten sie ja, die Welt des Friedens. Wimmelte sie nicht von den Ungeziefern des Geistes wie von Maden? … Stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation? … Wie hätte der Künstler, der Soldatenkünstler, nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte!«

Auch in Wien, Paris und in St. Petersburg begrüßten die naiven Massen jubelnd diesen Krieg als Ausbruch aus den Zwängen der Epoche, die als lähmend, ja langweilig empfunden wurde.

In der Massenhysterie dieser Tage erlebe jeder Einzelne gleichsam »eine Steigerung seines Ichs«, notierte der Autor Stefan Zweig. Überall strömten junge Männer in die Rekrutierungsbüros. Untauglichkeit galt als »Schande«. »Es war selbstverständlich, es gab keine Frage, keinen Zweifel mehr. Wir würden mitgehen, alle«, schilderte Carl Zuckmayer die Stimmung unter seinen Kameraden.

Das »Augusterlebnis« nannten dies die Zeitgenossen später in ergriffener Erinnerung. Nie zuvor war die Nation so einig und so einmütig im Glauben, dass das Reich von missgünstigen Feinden in den Krieg gezwungen worden sei und sich nun »mit der alten Wucht der deutschen Waffen« wehren müsse. Der Kaiser selbst fasste die Stimmung vor dem Reichstag mit Worten zusammen, die im kollektiven Gedächtnis der Deutschen haften geblieben sind: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.«

KRIEGSEUPHORIE?
Im Berliner Arbeiterviertel Moabit notierte ein Pfarrer: »Die akademische Begeisterung, wie sie sich der Gebildete leisten kann, der keine Nahrungssorgen hat, scheint mir doch zu fehlen. Das Volk denkt sehr real, und die Not liegt schwer auf den Menschen.« Ähnlich erging es der Landbevölkerung, vor allem in Süddeutschland. In Bayern und Baden erkannten Beobachter »gedrückte, ernste Stimmung« und »große Betrübnis«. Und der kriegsbegeisterte Schüler Heinrich Himmler notierte angewidert in sein Tagebuch: »Ganz Landshut ist voll schluchzender und weinender Menschen.«

Die Worte sind historisch, doch die Bilder trügen. Sie zeigen allenfalls die halbe Wahrheit. Die Kriegseuphorie hatte längst nicht alle Gesellschaftsschichten erfasst. Selbst in der Hauptstadt Berlin hielt sich die Begeisterung jenseits der großen Boulevards in Grenzen. »Viele Frauen mit verweinten Gesichtern«, beschrieb es ein Augenzeuge, der »Ernst und Bedrücktheit« erkannte: »Kein Jubel, keine Begeisterung«. Wohl gebe es vor dem Kronprinzenpalais »Hochrufe und singende Gruppen«. Doch: »Die Weiterwegstehenden passiv«.

Natürlich gab es auch sie, die ledigen jungen Handwerker und Bauernburschen, die sich von dem vermuteten kurzen Feldzug Abwechslung und Ruhm erhofften: »Jetzt kommen wir auch einmal hinaus.« Die jungen Männer, die im Sommer 1914 an die Front fuhren, hatten keine Ahnung von den Gesetzen eines Kriegs, der erstmals auch mit modernen Massenvernichtungswaffen geführt wurde. Der Krieg übertraf an Grausamkeit, an seelischer Verrohung selbst die schlimmsten Ahnungen. In den Schützengräben Flanderns, an der Somme, an der Aisne wurde die Saat gelegt für eine Zeit, in der der Mensch als Material galt, nicht als Individuum. Der Erste Weltkrieg war das Schlangenei des Zweiten.

5_BPK_high_30004672_Ausflug_nach_Paris.tif bpk / Franz Tellgmann

»AUSFLUG
NACH PARIS«

Franz Tellgmann

Deutsches Reich

August 1914

»AUSFLUG
NACH PARIS«

 

Aus der offenen Tür eines Güterwaggons winken fröhliche Männer in die Kamera. Frisch eingekleidete Landser mit geballten Fäusten, denen man erzählt hat, dass der Krieg ein Spaziergang wird. Eine Landpartie, von der sie nach den Versprechungen des deutschen Kaisers bis Weihnachten zurück sein werden. »Ausflug nach Paris«, haben sie mit Kreide auf den Güterwaggon geschrieben und »Auf in den Kampf, mir juckt die Säbelspitze«.

FRANZ TELLGMANN
Franz Tellgmann stammte aus einer deutschen Fotografendynastie. Vater Ferdinand hatte zunächst als Kunstmaler reüssiert, ehe er Mitte des 19. Jahrhunderts als einer der ersten die Daguerreotypie, eine frühe Form der Fotografie, in Deutschland praktizierte. Seine Söhne Franz und Oscar durften sich ab 1909 als »Hofphotographen Seiner Majestät des Kaisers und Königs« in eine Entourage von bis zu 30 Lichtbildnern einreihen, die Wilhelm II. im Atelier und auf Reisen ins rechte Licht zu setzen sich bemühten. Ihre Aufnahmen des Kaisers in Feldherrenpose fanden – millionenfach reproduziert – beim militärverliebten Bürgertum des Kaiserreichs reißenden Absatz.

Nicht nur auf dieser Fotografie von Franz Tellgmann, sondern auch auf zahlreichen anderen Bildern von Truppentransporten sah man ähnlich flotte Sprüche und Kritzeleien aus der Abteilung »Immer feste druff«: »Jeder Stoß ein Franzos’« und »Auf zum Preisschießen nach Paris« oder gehässige Spottbilder auf die feindlichen Staatsoberhäupter: »Nikolaus, bald ist’s aus« – der russische Zar am Galgen. »Poincaré, o weh, o weh« – der französische Präsident auf der Guillotine.

Es waren nicht jene berühmten jugendlichen Kriegsfreiwilligen, die sich in diesen Tagen zu Hunderttausenden ins Feld meldeten, die hier an die Front transportiert wurden. Es waren Reservisten – meist Männer mittleren Alters, die ihren Wehrdienst teilweise Jahre zuvor abgeleistet und danach in der »Landwehr« weiter regelmäßige militärische Übungen absolviert hatten. Männer, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung, ihrer gesicherten Existenz und ihrer Rolle als Familienväter unverdächtig schienen, aus bloßem jugendlichem Draufgängertum zu handeln oder blindem Hurrapatriotismus zu folgen.

Und dennoch: Nach der unerträglichen Spannung der Julikrise hatte die »schlimme Gewissheit« des Kriegsausbruchs in Deutschland fast schon Erleichterung ausgelöst. Wie der Historiker Sönke Neitzel schreibt, machte sich eine »Kriegsaufregung« breit, die sich bei vielen Menschen in einer »rational schwer erschließbaren überschwänglichen Freude über den bevorstehenden Waffengang« niederschlug. »Die Leute reden vom Krieg, als ginge es ins Manöver, und als sei nichts so unausbleiblich als ihr glänzender Sieg«, schrieb Pfarrer Wilhelm Franzmathes aus dem rheinhessischen Mölsheim am 6. August 1914 in sein Tagebuch.

Das nahezu einmütige Gefühl, das Recht auf seiner Seite zu haben, und die Entschlossenheit, den von Deutschlands Feinden »aufgezwungenen« Krieg ausfechten zu müssen, trugen weiter zur ausgelassenen Stimmung der Landser bei. »Die Stimmung in der Mannschaft ist frisch und humorvoll«, schrieb ein Soldat in einem Brief nach Hause. »Jeder Militärzug, der an uns vorüberfährt, wird mit Hurra begrüßt. Unglaubliche Witze werden gerissen über den Zaren von Russland und über die Franzosen. An eine Niederlage glaubt kein Mensch; der Wille zu siegen steckt in allen.«

»Gott mit uns« – es scheint, als hatte der Sinnspruch auf den Koppelschlössern der Landser von ihrem Denken Besitz ergriffen und ihnen das Bewusstsein für die drohende Gefahr vernebelt. Oft jedoch genügte schon der erste Kontakt mit der Realität des Kriegs, um die prächtige Laune kippen zu lassen. So, als auf dem Weg an die Ostfront ein Zug mit Bremer Landwehrmännern in Berlin einen Verwundetentransport passierte. »Nachdem sich unser Zug wieder in Bewegung setzte, hörte man kein Lied mehr singen«, notierte einer der Männer in sein Tagebuch, »denn jedem kam das Bewusstsein vor Augen, dass auch wir damit rechnen mussten, einmal verwundet zu werden oder das Leben auf dem Schlachtfelde zu lassen.«

Keiner weiß, was mit jenen siegesgewissen Abenteurern passierte, die Tellgmann vor ihrem »Ausflug nach Paris« abgelichtet hat. Das »Wiedersehen auf dem Boulevard« fiel sicher aus – die allermeisten waren wohl tot, bevor sie diesen Krieg wirklich ernst nehmen konnten.