www.tredition.de

Mörder mit Gewissen, wehrhafte Opfer und mysteriöse Todesfälle

Ein Flusspferd wird zur Waffe. Ein Therapieversuch endet im Desaster. Ein Buch entscheidet über Leben und Tod. Einem Grabräuber werden seine Taten zum Verhängnis.

Bianca Heidelberg und Björn Sünder präsentieren in dieser Anthologie 25 Kurzkrimis, mal böse, mal skurril, hier und da gewürzt mit fantastischen Elementen. Darunter »Brücke in die Freiheit« (2. Preis beim Mannheimer Literaturpreis 2015) sowie die verlängerte Fassung von »Gefährlicher Mutterinstinkt« (nominiert für den Agatha-Christie-Krimipreis 2014).

Bianca Heidelberg
& Björn Sünder

MORDSDELIKATESSEN

25 Krimihäppchen

Inhalt

Bianca Heidelberg

Brücke in die Freiheit

Björn Sünder

Delikatessen

Bianca Heidelberg

Gefährlicher Mutterinstinkt

Björn Sünder

Der Kirschbaum

Bianca Heidelberg

Die Füchsin

Björn Sünder

Das Netz

Bianca Heidelberg

Das Geheimnis des goldenen Buches

Björn Sünder

Eine Uhr ohne Zeiger

Bianca Heidelberg

Das Grab meiner Kindheit

Björn Sünder

Das andere Ich

Bianca Heidelberg

Racheengel

Björn Sünder

Abdrücke

Bianca Heidelberg

Späte Rache

Björn Sünder

Gottes Mühlen

Bianca Heidelberg

Der Magier

Björn Sünder

Das Monster

Bianca Heidelberg

Unterwerfung

Björn Sünder

Das Böse im Spiegel

Bianca Heidelberg

Ein heißer Auftrag

Björn Sünder

Nora

Bianca Heidelberg

Krimi ohne Ende

Björn Sünder

Hinter dem Spiegel

Bianca Heidelberg

Schlechtes Timing

Björn Sünder

Trennungswehen

Bianca Heidelberg & Björn Sünder

Das Teehaus

Über die Autoren

Brücke in die Freiheit

Bianca Heidelberg

Neben der Tür steht ein Vollzugsbeamter, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, und schaut gelangweilt an die gegenüberliegende Wand. Tina blickt auf den kahlen Tisch. Ihre Hände liegen gefaltet darauf. Ihre Unterarme spüren das kalte Metall. Sie muss ihr Gegenüber nicht anschauen. Sie weiß, dass Steffens breite Schultern dazu einladen, sich an ihnen auszuweinen. Sie kennt seine kurzen braunen Haare und seine grünen Augen, mit denen er so intensiv starren kann wie eine Raubkatze auf Beutefang. Steffen hebt den Arm, streicht eine Strähne ihres kastanienfarbenen Haars hinter ihr Ohr. Tinas braune Augen bleiben starr auf den Tisch gerichtet.

»Du hast dich ganz schön in die Scheiße geritten«, flüstert Steffen. »Versteh mich nicht falsch, ich finde es gut, dass du dich von ihm befreit hast, damit wir zusammen sein können.« Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, unbemerkt von Tina. »Aber musstest du ihn gleich umbringen? Lass mich dir helfen. Lass mich dein Alibi sein.«

Ein gequälter Laut entringt sich Tinas Kehle, so als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie lachen oder weinen soll.

Indizienkette im Mord an Hendrik Wolf am 10.06.2015 Beweisstück Nummer 1:

Die Tatwaffe. Ein Baseballschläger der Marke Abbey Bat aus Holz, Länge 82 cm, Durchmesser 5 cm. Untersuchung auf Fingerabdrücke ergab Übereinstimmungen mit Tina Baumann, Lebensgefährtin des Opfers Hendrik Wolf.

Beweisstück Nummer 2:

Quittung von Interball über den Kauf eines Baseballschlägers. Kaufdatum: 13.05.2015. Fundort: Schreibtisch in gemeinsamer Wohnung von Tina Baumann und Hendrik Wolf.

Beweisstück Nummer 3:

Smartphone des Opfers. Untersuchung auf Fingerabdrücke ergab Übereinstimmungen mit Tina Baumann und Hendrik Wolf. SMS-Nachricht vom 08.06.2015: »Hi Hendrik! Danke für die tolle Nacht mit dir! Wann bist du bereit für eine Wiederholung? Heiße Küsse sendet Miriam«

Steffen beugt sich nach vorn, nimmt Tinas schlaffe Hände in seine.

»Tina, bitte nimm mein Angebot an. Ich verhelfe dir zur Freiheit. Dir und deinem Kind. Unserem Kind.« Er deutet mit dem Kinn auf ihren Bauch.

»Es ist nicht dein Kind. Es ist von ihm«, flüstert sie, ohne den Kopf zu heben. Steffen lächelt.

»Tina, du brauchst ihm nichts mehr vorspielen. Du kannst jetzt zugeben, dass dieses Kind von mir ist. Er ist tot.« Eine Träne bahnt sich ihren Weg über ihre Wange. Sie schüttelt müde den Kopf.

»Ich verurteile dich nicht«, sagt er, während seine Daumen über ihre Hände streicheln. »Ich weiß, das war zu viel für dich. Du bist schwanger, er lässt dich nicht gehen, und gleichzeitig betrügt er dich mit einer anderen.« Sie schüttelt den Kopf, kann gar nicht mehr aufhören damit. So stellt sie sich Menschen in der geschlossenen Anstalt vor. Sie schütteln unentwegt den Kopf. Den ganzen Tag. Sie weiß, dass Hendrik sie nicht betrogen hat. Das hätte er niemals getan. Aber von sich hätte sie das auch nie gedacht.

Sie traf Steffen in der Disco. Früher war es ihre Stamm-Disco gewesen, aber in den letzten Jahren kam sie nur noch selten hierher. Doch heute hatte sie sich mit Hendrik gestritten. Heftig gestritten. Zu einer Aussprache war es nicht gekommen, er musste zur Nachtschicht. Sie war wieder einmal eine Nacht allein, und sie musste sich abreagieren.

Also setzte sie sich in die nächste Bahn. Nach ein paar Gläsern Bier ging sie auf die Tanzfläche und tanzte sich den Frust von der Seele. Er saß an der Bar und beobachtete sie. Sie bemerkte ihn sofort. Er war groß und hatte breite Schultern. Mit seinen grünen Augen verfolgte er jede ihrer Bewegungen wie eine Katze den Strahl einer Taschenlampe. Er sah nicht einmal weg, als sie ihn direkt ansah. Sie erkannte den Hunger in seinen Augen und bewegte sich absichtlich aufreizend. Oh ja, sie beherrschte dieses Spiel immer noch.

Als er aufstand und langsam auf sie zukam, ging ein Kribbeln durch ihren Bauch. Die Aufregung der Jagd. Wie lange hatte sie das nicht mehr gespürt. Sie liebte Hendrik, aber gegen einen kleinen Flirt hatte sie nichts einzuwenden. Steffen war ein guter Tänzer. Ein noch besserer Gesprächspartner. Und er spendierte ihr einige Gläser Bier. Als sie wieder zu sich kam, lag sie nackt in seinem Bett.

Am nächsten Tag konnte sie sich kaum noch an seinen Namen erinnern. Die Amnesie verging, als sie eine Liebesnachricht von ihm auf dem Handy bekam. Sie antwortete nicht. Fünf Minuten später kam die nächste Nachricht. Sie schaltete ihr Handy auf lautlos. Steffen schrieb täglich zwanzig Nachrichten. Rief an. Sie drückte ihn weg. Als er sie auf dem Weg zur Arbeit abfing, kaufte sie den Baseballschläger.

Als sie vier Wochen später am frühen Nachmittag nach Hause kam, war kein Laut in der Wohnung zu hören. Auf Zehenspitzen schlich sie in die Küche und räumte die Einkäufe in den Kühlschrank. Hendrik schlief sicher noch auf dem Sofa. Die erste Frühschicht nach der Nachtschicht machte ihm immer sehr zu schaffen.

Tina schenkte sich ein Glas Wasser ein und setzte sich mit ihrem neuen Roman an den Küchentisch. Seit langem fühlte sie sich endlich wieder entspannt. Seit drei Wochen wussten sie, dass sie ein Kind erwarteten. Hendrik hatte prompt mit einem Heiratsantrag reagiert. Von Steffen hatte sie nun schon zwei Wochen lang nichts gehört.

Als ihr die Zeit zu lang wurde, ging sie leise ins Wohnzimmer. Der Vorhang wehte sanft in der Tür, die auf die Terrasse hinausführte. Warme Luft strich um Tinas Beine. Hendriks Füße schauten wie immer hinter dem Sofa hervor, was ihr ein Lächeln entlockte. Als sie das Sofa umrundete und das Blut auf dem Teppich sah, erlosch ihr Lächeln. Ihre Schritte beschleunigten sich. Innerhalb von Sekunden stand sie vor ihrem Verlobten und starrte auf ihn herab. Ihr Baseballschläger lag auf dem Boden, blutverschmiert. Getrocknetes Blut zeichnete eine Spur von Hendriks Schläfe über seine Wange und den Hals und endete in einem roten Fleck auf dem Sofa.

»Ich baue dir eine Brücke in die Freiheit«, flüstert Steffen. »Du musst nur hinübergehen, dann können wir endlich miteinander glücklich werden. Du schenkst mir weitere Kinder. Zwei oder drei wären perfekt. Ich möchte nicht, dass mein Kind als Einzelkind aufwächst.«

Tina hebt den Kopf und sieht ihn an. Sieht in seinen Augen den Wahnsinn, den sie damals nicht sah.

»Ich ziehe eine andere Art der Freiheit vor«, flüstert sie. Sie entzieht ihm ihre Hände und steht auf. Der Vollzugsbeamte entriegelt die Tür. Sie schaut noch einmal zurück, blickt in Steffens Augen, die sie hart ansehen. Dann geht sie hinaus.

Delikatessen

Björn Sünder

Mit einer Zornesfalte zwischen den Augen sah Ruth auf den Hinterkopf ihres Freundes. Daniel saß am Küchentisch und hielt seinen Kopf in den Händen.

»Es tut mir leid«, sagte er immer und immer wieder. »Ich weiß nicht, wie es passieren konnte.« Ruth schwieg. Sie riss die Küchenschublade ihrer frisch renovierten Küche auf und holte den Fleischklopfer heraus. Ihre schwarzen Haare band sie zu einem Zopf zusammen. Dann knallte sie die Steaks auf den Tresen und begann darauf einzuschlagen wie ein Zwerg, der auf eine Goldader gestoßen war.

»Du bist eben so oft in der Klinik. Manchmal bis weit in die Nacht hinein«, erzählte Daniel weiter. »Silke ist oft auf ein Glas Wein vorbeigekommen, weil sie sich auch einsam gefühlt hatte. Eins führte dann zum anderen. Es ist einfach passiert.« Ruth drehte sich herum. Daniel saß noch immer mit dem Rücken zu ihr gewandt. Sie sah hinab auf die braunen, verwuschelten Haare, die sie früher so gemocht hatte.

»Ich wollte nicht mit ihr schlafen«, sagte Daniel. »Es ist einfach so passiert!« Mit einem leisen Knacken, das sich so anhörte, als ob jemand eine Tafel Schokolade zerbrechen würde, landete der Fleischklopfer auf Daniels Hinterkopf. Mit einem leisen Seufzen sackte er auf dem Küchentisch zusammen. Ruth ließ den Fleischklopfer fallen und schlug die Hände vor dem Mund zusammen. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf Daniels leblosen Körper.

»Oh, mein Gott«, sagte sie und war einem Lachanfall nahe. »Das wollte ich nicht.« Die Eieruhr tickte. Unerbittlich. Ruth fühlte an der Hand, unterhalb des Daumens, nach dem Puls von Daniel. Selbst für sie als Ärztin war es schwer, in dieser Situation irgendetwas zu fühlen. Alles, was sie spürte, war das Schlagen ihres eigenen Herzens, das so laut war wie ein Polizist, der Einlass in eine Wohnung wollte. Ihre Hand schob sich in ihre Bluejeans, die sich eng an ihre langen, sportlichen Beine presste. Einige wertvolle Minuten versuchte sie, ihr Mobiltelefon aus der Tasche zu holen. Endlich hatte sie es geschafft. Sie wählte die ersten Ziffern des Notrufs, da fiel ihr Blick auf die Tür, die von der Küche in die alte Schlachterei führte. Sie schob ihr Handy wieder in ihre Hosentasche.

Daniel und sie hatten das Haus vor zwei Jahren gekauft. Es war früher ein kleiner Bauernhof gewesen, der schon seit dem Ende der 50er Jahre nicht mehr genutzt wurde. Auch die Ortschaft Kaltenbach hatte Ruth sofort in ihr Herz geschlossen. Hier kannte noch jeder jeden. Und zur Klinik, in der Ruth arbeitete, brauchte sie nur 20 Minuten mit dem Rad. Ruth rannte zum Fenster. Auf der Straße war alles ruhig und still. Die Dunkelheit hatte sich bereits gesenkt wie das Schott eines Schiffes. Daniel stöhnte und bewegte sich.

»Was …« Schnell hob sie den Fleischklopfer vom Boden und hieb immer und immer wieder zu. Als rote Blutspritzer auf ihr Handgelenk spritzten, dachte sie daran zurück, wie Daniel ihr vorgeschlagen hatte, mit Silke einen flotten Dreier zu probieren. Um wieder Pep in ihr Sexleben zu bringen. Mit ihrer besten Freundin. Noch einmal schlug sie kräftig zu. Als sie sicher war, dass Daniel sich nie wieder regen würde, legte sie den Fleischklopfer auf die Küchentheke. Ruth stemmte die Hände in die Hüften und atmete tief ein und aus. Wartete, bis das Stechen in ihrer Seite aufgehört hatte. Ruth hatte einen Plan gefasst.

Daniel musste zuerst in die alte Schlachterei gebracht werden. Dort war alles gekachelt, es gab einen Wasseranschluss, einen Abfluss und sogar einen alten Flaschenzug. An diesem hatte man früher die Schweine aufgehängt und ausbluten lassen. Direkt über dem Abfluss.

An der Tür klingelte es. Ruth erstarrte wie ein Reh, das in Autoscheinwerfer blickt. Sie verhielt sich still. Bestimmt waren es wieder die Zeugen Jehovas. Es klingelte erneut. Ruths Herz begann wieder wild zu schlagen, so als ob ein zugedröhnter Drummer einer Punkband ein Solo geben würde. Ruth verhielt sich still. Die Haustür befand sich gleich hinter dem Flur, der aus der Küche hinausführte. Das Läuten hörte auf. Schritte knirschten auf den Kieselsteinen. Ruth lauschte. In der Ferne konnte sie das Zuschlagen von Autotüren und das Starten eines Motors hören. Noch einige Sekunden wartete sie. Dann griff Ruth Daniel unter die Arme und versuchte ihn mit dem Rautek-Griff vom Stuhl zu zerren. So wie sie es einmal gelernt hatte. Wie ein Schiffsanker fiel Daniel auf den Boden. Schwer, unförmig.

»Wie soll ich den nur in die Schlachterei bringen?«, fragte sie sich. Sie ging in die Knie und richtete ihn am Oberkörper auf. Ruth zog mit einem Ruck an und stieß ihre Luft mit einem Schrei aus ihren Lungen, wie sie es immer beim Kung-Fu-Training machte, wenn eine größere Anstrengung bevorstand. Stück für Stück zog sie den leblosen Körper in die alte Schlachterei.

Als sie ihn endlich auf dem gekachelten Boden hatte, setzte sie sich neben Daniel auf den Boden und atmete. Ein und aus. Saugte frische Luft in ihre Lungen, neue Energie. Im Sitzen griff sie nach der Kette vom Flaschenzug und zog sich nach oben. Ruth hielt sich mit geschlossenen Augen daran fest. Ein Geruch von Motoröl stieg ihr in die Nase. Als sie ihre Augen wieder öffnete, wickelte sie die Kette um Daniels Hals und schloss sie mit einem Haken. Danach ging sie an die Mechanik und kurbelte ihren Freund in die Höhe. Nun baumelte er dort. Schwang ganz sachte hin und her.

Aus der Küche holte sie ein japanisches Messer und schnitt ihm die Kleider vom Leib. Die Kleider schichtete sie zu einem Haufen zusammen, um sie später zu verbrennen. Im Garten hinter dem Haus befand sich eine Feuerstelle. Das, was sie nicht auf diese Weise vernichten konnte, würde sie vergraben. Als Daniel endlich nackt war, begann Ruth ihre Arbeit. In der alten Schlachterei bewahrte sie ihre Gartengeräte auf. Daniel hatte die Gartenarbeit immer gehasst. Sie nahm die japanische Zugsäge. Ruth stand auf alles, was aus Japan kam. Tee, Werkzeuge, einfach alles. Zuerst begann sie, ihm die Beine abzusägen. Mit der Zugsäge kam sie schnell durch das Fleisch. Beim Beinknochen war es so, als ob sie einen dicken Ast durchsägen musste. Das würde sie als Haxen servieren. Später würde sie sehen, was sie von Daniels Körper verwenden konnte. Sie war eine ganz passable Hobbyköchin. Es würden sicherlich einige Delikatessen dabei herauskommen.

Stunden hatte es in Anspruch genommen, Daniel in mundgerechte Häppchen zu zerlegen und alles in die Gefriertruhe zu packen. Ruth sah auf ihre Armbanduhr und bemerkte, dass es weit nach zwei Uhr morgens war. Den Raum hatte sie mit dem Wasserschlauch abgespritzt und gründlich gereinigt. Jetzt galt es noch, den Rest von Daniel zu entsorgen.

»Schau mich nicht so an«, sagte sie zu dem Kopf, der auf der Anrichte neben dem Schmieröl stand. »Du bist selbst Schuld daran.« Sie packte ihn an den braunen Locken, holte die Kleider und den Fleischklopfer. Dann dachte sie daran, dass die Nachbarn es bemerken würden, wenn sie morgens um halb drei ein Feuer machte. Nein, das konnte bis morgen warten.

Am Waschbecken in der Schlachterei wusch sie sich die blutigen Hände und Oberarme. Sie fühlte sich wie Lady Macbeth. Dann zog sie sich aus. Ihre Kleider würde sie morgen auch verbrennen. Nackt wie sie war ging Ruth in die Küche und kochte grünen Tee.

Anschließend setzte sie sich an den Küchentisch und machte im Geiste eine Liste. Mit Daniels Kreditkarte würde sie zwei Flugtickets buchen. Online. Die einzigen noch lebenden Verwandten von Daniel waren seine Mutter Margreth und ein Onkel, der in Australien lebte. Ihren und seinen Freunden würde sie von seiner Untreue erzählen und sagen, dass er sich von ihr getrennt habe und mit seiner neuen Freundin in den Urlaub gefahren sei. Sie nickte und trank von ihrem japanischen Sencha. Ein Lächeln schlich sich in Ruths Gesicht wie ein Dieb nachts in ein Gebäude.

Am nächsten Morgen war Ruth früh aufgestanden. Es war Samstag Morgen und sie hatte keinen Dienst in der Klinik. Sie packte die blutige Kleidung in einen Karton. Dann nahm Ruth den blutigen Fleischklopfer von der Küchentheke. Nach kurzem Zögern legte sie ihn wieder zurück. Den würde sie noch einmal brauchen. Den Kopf von Daniel legte sie ebenfalls in den Karton. Anschließend setzte sie sich an den Computer und buchte die beiden Tickets. Zwei Personen nach Paris.

»Wie romantisch«, sagte sie und kicherte. Ruth zog ihren pinken Schlafanzug aus und schlüpfte in ihre alte verwaschene Jeans und in ihr grau kariertes Hemd. Ihre Arbeitskleidung für den Garten. Sie hob den Karton an und ging nach draußen. Der Garten war wild und verwachsen. Ruth liebte es so. In der Mitte des Gartens stand ein altes Gerätehaus, das von Efeu überwuchert war. Von dort holte sie einen Spaten und grub an der alten, knorrigen Eiche ein Loch. Dort legte sie den Kopf hinein. Dann schaufelte sie alles wieder gut zu und bedeckte die Stelle mit den abgesägten Ästen der krummen Tanne, die sie und Daniel vor einer Woche gefällt hatten.

Neben dem Geräteschuppen war die Feuerstelle. Die Feuerstelle war nichts anderes als ein Stück verbranntes Gras, um das einige Ziegelsteine gelegt waren. Ruth nahm das Holz von der Tanne, das neben der Feuerstelle gelagert war, legte es hinein und entfachte ein Feuer. Gierig leckten die Flammen an dem trockenen Tannenholz nach oben und verzehrten zügig die Nahrung. Ein Eichhörnchen huschte vorbei und kletterte den Stamm der alten Eiche hinauf.

»Hallihallo, Frau Nachbarin«, rief eine Stimme über den von Gras überwucherten Zaun. »Wie ich sehe, machen Sie ein Feuer.« Es war die alte Frau Friedrichs. Eine nervende alte Dame, die freundlich tat und sich hintenrum den Mund zerriss. Ruth wusste von anderen Nachbarn, dass Frau Friedrichs sich ständig über ihren wilden Garten beschwerte. Vielleicht haue ich dir auch bald den Schädel ein, dachte Ruth und spürte wieder, wie sich ein Grinsen in ihr Gesicht schleichen wollte.

»Ja«, erwiderte Ruth. »Ich verbrenne einige alte Sachen. Das war schon lange fällig.« Frau Friedrichs deutete auf den Garten, in dem alles grünte und blühte.

»Frühjahrsputz«, sagte sie, »den mache ich auch gerade selbst.«

Jetzt verschwinde schon, du alte neugierige Schachtel, dachte Ruth.

»Ich habe noch sehr viel zu tun«, antwortete Ruth.

»Oh.« Frau Friedrichs sah sie beleidigt an. Das tat sie meistens, wenn jemand sie wegschickte. »Dann machen Sie es gut, Frau Herbst.« Sie drehte sich herum und stapfte über ihren englischen Rasen in ihren Garten zurück, in den sich nicht ein Vogel wagte.

Als Ruth sicher war, dass die alte Frau Friedrichs weg war, begann sie die blutigen Sachen in das Feuer zu werfen. Sofort griffen die Flammen nach dem neuen Stoff, der sie am Leben erhielt. Einige Schwalben umkreisten den Garten, wichen der grauschwarzen Rauchsäule aus und flogen das Haus an. Unter dem Dach, nahe am Fachwerk, hatten sie ein Nest gebaut. Ruth freute sich jeden Frühling auf ihre Gäste.

Jetzt gab es für Ruth nur noch eine Sache zu erledigen. Sie holte ihr Mobiltelefon aus der Tasche ihrer Jeans und rief Silke an. Am anderen Ende der Leitung klingelte es dreimal. Silke meldete sich. Süß und für Männer unwiderstehlich. Silke wusste nicht, dass Daniel den Seitensprung mit ihr gebeichtet hatte.

»He Silke«, sagte Ruth. »Hast du Lust heute Abend etwas mit mir zu essen und einen Film anzuschauen? Mädelsabend. Daniel guckt mit Freunden den neuen Avengers.« Kichern am anderen Ende der Leitung und dann hörte Ruth das, was sie wollte. Eine Bestätigung. Nachdem die Flammen heruntergebrannt waren, ging sie ins Haus zurück und begann, die Delikatessen zuzubereiten.

Nach dem Duschen entschied sich Ruth für ein rotes, enges Kleid. Das Teil presste sich eng an ihren schlanken Körper. Eine Weile betrachtete sie sich im Spiegel und steckte ihre schwarzen Haare nach oben. Anschließend kamen die Pumps.

Von der Küche zog ein exotischer Duft nach oben, der Ruth das Wasser im Mund zusammen laufen ließ. Es klingelte. 19 Uhr. Wie immer war Silke pünktlich. Ohne Hast ging Ruth die Stufen hinunter, die unter ihren Schuhen ächzten. Sie öffnete die Tür und lächelte Silke an. Gott, was für eine falsche Schlampe, dachte Ruth. Sie umarmten sich.

»Mensch Ruth, du siehst aber scharf aus in diesem Kleid«, sagte Silke und sah sich Ruth von oben bis unten an. »Ist das neu?«

»Ach was, das Teil habe ich schon ewig im Schrank hängen«, antwortete Ruth und sah Silke an. Zwei feste, große Brüste, die von einem engen T-Shirt zusammengepresst wurden. Blondes Haar, das wie ein Fluss aus Honig seidenglatt ihren Rücken hinunterfloss. »Nachdem die Diät so gut angeschlagen hat, wollte ich es heute Abend anziehen. Komm rein.« Silke ging voraus und Ruth starrte auf ihren strammen kleinen Po, der in engen Jeans steckte.

»Das duftet herrlich«, sagte Silke und Ruth bot ihr den Platz an, den am Abend zuvor Daniel eingenommen hatte. »Was gibt es denn?« Sie blickte auf den Tisch, der mit Tellern und Weingläsern gedeckt war. Ruth hob vor Silkes Nase den Deckel vom Kochtopf hoch. Eine Dampfwolke schoss nach oben.

»Delikatessen«, sagte Ruth. »Greif zu. Es schmeckt wie Hühnchen.« Von der Anrichte holte Ruth den blutigen Fleischklopfer. »Nach dem Essen gibt es noch Dessert.« Wieder spürte Ruth, wie sich das Grinsen in ihr Gesicht zu schleichen begann.

Gefährlicher Mutterinstinkt

(verlängerte Fassung)

Bianca Heidelberg

Inge Zuckowski lächelt. In zwei Stunden ist Sandra tot. Während sie auf ihr Frühstück wartet, lässt die junge Frau ihren Blick durch das Café schweifen. Es ist ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet. Die gesamte Einrichtung ist in den Farben Violett und Champagner gehalten. Die Vorhänge, die Stühle mit den hohen Lehnen, die Tischdecken, sogar die Speisekarten tragen diese Farben. Am Nebentisch sitzt eine alte Dame mit weißen, kurzen Locken. Kaum fällt Inges Blick auf sie, lehnt sie sich in ihrem Stuhl vor und spricht Inge an.

»Sie lächeln so glücklich, das kann nur eines bedeuten. Sie sind sicherlich verliebt.«

»Ja, das stimmt«, antwortet Inge und lächelt noch breiter.

»Das freut mich«, sagt die alte Dame. »Es ist nicht gut, als Frau alleine zu sein. Wissen Sie, meine Tochter ist schon 30 und hat immer noch keinen Mann an ihrer Seite.« Inge lächelt die Dame verständnisvoll an. Der Kellner kommt und breitet das Frühstück vor ihr aus. Sie streicht ihre blonden, langen Haare hinter ihre Ohren und nippt am Orangensaft. Dann schneidet sie das erste Brötchen auf und bestreicht es mit Butter und Himbeer-Konfitüre. Genussvoll beißt sie hinein. Wieder wendet sich die alte Dame ihr zu.

»Und wie soll ich an Enkelkinder kommen, wenn meine Tochter nicht einmal einen Mann hat?«, fragt sie mit Entrüstung in der Stimme. »Haben Sie Kinder?«

»Noch nicht«, antwortet Inge, »aber in sieben Monaten kommt unser erstes Kind zur Welt.« Inge lächelt und ihre grünen Augen funkeln. Wie sehr sie sich auf dieses Kind freut!

»Das ist ja wunderbar«, ruft die Dame und klatscht ihre Hände zusammen. »Meinen Glückwunsch!«

»Danke!« Inge denkt an den Abend, an dem dieses Kind entstanden ist.

Es passierte nach der Betriebsfeier vor wenigen Wochen. Andreas saß die meiste Zeit neben Inge. Immer wieder berührten sich ihre Arme. Sein Duft stieg ihr in die Nase. Die Kollegen lachten und tranken. Dieter, der Zooinspektor, machte sich wie jedes Jahr einen Spaß daraus, einen seiner Tierpfleger abzufüllen. Diesmal hatte er es auf Andreas abgesehen. Und wie jedes Jahr hatte er Erfolg. Als es Zeit war zu gehen, konnte Inge die Kollegen erfolgreich abwimmeln.

»Lasst nur, ich bringe Andreas nach Hause. Das liegt sowieso auf dem Weg«, log sie. Unterwegs bog sie auf einen Feldweg ab. Sie zog sich aus, setzte sich auf Andreas’ Schoß, küsste ihn. Er begann zu protestieren, aber sie fasste ihm zwischen die Beine, öffnete seine Hose. Im Alkoholnebel war er ihr hilflos ausgeliefert. Hinterher war er sehr verwirrt, stammelte immer wieder die gleichen Worte vor sich her. »Das wollte ich nicht. Ich muss es ihr sagen.« Aber Inge war in dem Moment klar, dass sie gewonnen hatte. Sie war hübsch. Sie würde ihn wieder verführen, und wieder, bis er sich eingestehen würde, dass er ihr verfallen war. Es war bisher ihr einziges Mal mit Andreas, aber sie hatte Glück. Drei Wochen später saß sie bei ihrer Frauenärztin und bekam ihren Mutterpass ausgehändigt.

Mit einem triumphierenden Lächeln greift Inge nach ihrer Kaffeetasse und nimmt einen Schluck. Ihre Frauenärztin hat ihr erlaubt, eine Tasse Kaffee am Tag zu trinken. Aber auf Salami soll sie verzichten, deshalb belegt Inge das nächste Brötchen stattdessen mit Käse. Die Kirchenglocke läutet einmal. Es ist 9:15 Uhr.

Sandra ist jetzt auf dem Weg in die Futtermeisterei, um Futter für ihre fetten Lieblinge zu holen. Gleich steigt sie auf das mit Gras beladene Futtermobil, fährt damit zu den Flusspferden und lädt das Futter in den beiden Außengehegen ab.

Die alte Dame schreckt Inge aus ihren Gedanken. »Sind Sie verheiratet?«, fragt sie weiter. »Heiraten ist ja heutzutage nicht mehr in, wie die jungen Leute zu sagen pflegen.«

»Wir werden bald heiraten. Auf jeden Fall noch vor der Geburt«, antwortet Inge mit einem Lächeln und beißt in ihr Käsebrötchen.

Wenn Sandra nicht mehr da ist und ich ihm sage, dass ich von ihm schwanger bin, wird er mich heiraten. Er liebt mich. Er weiß es nur noch nicht, weil Sandra im Weg steht. Dieses Miststück lässt ihn nicht gehen. Sogar über seinen Seitensprung sieht sie hinweg, nur damit er bei ihr bleibt. Sie hat keinen Stolz, sonst würde sie einsehen, dass er mir gehört. Welcher Mann würde das Pummelchen Sandra vorziehen, wenn er mich haben kann?

»Wie schön! Ich wünsche Ihnen alles Gute!« Die Frau lehnt sich zu Inge hinüber und drückt ihre Hand.

»Vielen Dank! Mein Leben entwickelt sich gerade wirklich prächtig.« Inge strahlt die alte Dame an. Ihre Gedanken schweifen zu dem Tag, an dem sie Andreas kennenlernte.

Es war vor einem halben Jahr, als Inge ihre Stelle im Zoo Karlsruhe antrat. Sie meldete sich an der Kasse und wurde vom Zooinspektor abgeholt.»Herzlich willkommen. Ich bin der Dieter«, waren seine ersten Worte. Dass er mit Nachnamen Müller hieß, erfuhr Inge erst eine ganze Woche später. Dieter führte sie durch den Zoo, zeigte ihr die Tiere und Gehege, und stellte sie den anderen Pflegern vor. Im Raubtierhaus sahen sie einen Pfleger, der durch das Gitter mit einem der Leoparden spielte. Die Raubkatze machte eine Rolle und erhielt als Belohnung einen Happen Fleisch. Der Pfleger war groß und athletisch gebaut, seine braunen Locken waren kurz und ein wenig verstrubbelt. Als er die beiden bemerkte, wandte er sich ihnen zu.

»Du musst die Neue sein. Ich bin Andreas.«

»Inge. Freut mich.« Als Inge in seine braunen Augen blickte, ging ein leichtes Kribbeln durch ihren Bauch. Im Weggehen redete Dieter weiter auf sie ein.

»Andreas ist ein echter Frauenschwarm, aber er hat nur Augen für seine Sandra. Sie wirst du auch gleich kennen lernen.«

Die beiden kamen an Volieren mit Papageien vorbei.

»Hier ist das Südamerikahaus«, redete Dieter weiter, »dein Reich. Aber dort gehen wir erst rein, wenn du die anderen alle gesehen hast. Direkt nebenan ist das Dickhäuterhaus mit den Elefanten und Flusspferden.«

Sie traten ein. Der Gestank nach kotverschmutztem Wasser kam ihnen entgegen. Inge mochte Flusspferde nicht. Wer mochte schon Tiere, die ihre Scheiße in dem Wasser verteilen, in dem sie baden. Die Tiere waren draußen und innen wurde gerade geputzt.

»Und das hier ist Sandra«, sagte Dieter und wies in Richtung des Flusspferdgeheges. Inge sah eine mittelgroße Frau mit langen, braunen Locken, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Sie stand in Gummistiefeln und unförmiger Arbeitshose im Dreckwasser der Flusspferde und spritzte das Becken mit einem Schlauch aus. Inge hasste sie auf Anhieb.

»Ciao Bella«, rief Dieter, und die Frau sah aus ihren blauen Augen zu ihnen auf.

»Hallo Dieter«, rief sie und lachte. Dann wandte sie sich an Inge. »Du musst Inge sein. Ich bin Sandra. Herzlich willkommen bei uns!«

Inge lächelte sie strahlend an.

»Hallo! Ja, die bin ich. Danke«, erwiderte sie.

»Sandra ist halbe Italienerin«, erklärte Dieter im Hinausgehen. »Sie kann aufbrausend sein, aber sie ist ein wahrer Engel. Sie ist schon lange hier und kennt sich gut aus. Sie ist eine gute Adresse, wenn du Fragen hast. Andreas ist ein echter Glückspilz.« Dieter seufzte und führte sie weiter durch den Zoo.

Inzwischen ist der Brötchenkorb vor Inge leer. Die Kirchenglocke schlägt zweimal. 9:30 Uhr.

Sandra lässt jetzt die Flusspferde in das Außengehege. Sie drückt auf den Knopf, der das Tor zwischen Rosis Gehege und der Schleuse öffnet. Rosi schlürft durch die Schleuse und das kleine Außengehege in das große Außengehege zu ihrem Futter. Sandra schließt das Verbindungstor zwischen den beiden Außengehegen. Danach entlässt sie Lola mit der kleinen Nane in die Schleuse. Die beiden trotten in das kleine Außengehege. Sandra drückt den Knopf, der das Tor zwischen Schleuse und Lolas Außengehege schließt, und prüft, ob alle Flusspferde draußen sind, bevor sie das Innengehege betritt. Das hat Dieter uns eingebläut. Zähle immer, ob alle gefährlichen Tiere draußen sind, bevor du das Gehege betrittst. Aber sie prüft nicht das Tor und wartet auch nicht ab, bis der Sicherungsbolzen eingerastet ist. Sie weiß ja nicht, dass ich letzte Nacht im Zoo war.

Es war kurz vor Mitternacht am Tag zuvor. Inge trug einen schwarzen Kapuzen-Pullover, um ihre blonden Haare zu verbergen. Verstohlen schaute sie sich um, bevor sie den Schlüssel in das Schloss steckte und den Zoo betrat. Sie eilte an den Seelöwen und am Südamerikahaus vorbei zum Dickhäuterhaus. Als sie die Tür öffnete, kam ihr der Gestank der Flusspferde entgegen. Das passte zu Sandra, diese fetten Tiere in ihrer stinkenden Brühe. Sie holte noch einmal tief Luft, dann betrat sie das Gebäude. Über den Bediengang gelangte sie in die Schleuse. Am Tor zwischen Schleuse und Außengehege ging sie in die Hocke und kramte in ihrer Tasche. Mit Gummihammer, einem Holzstück, etwas Kneteähnlichem und einem flachen, runden Metallstück werkelte sie am Tor. Kurze Zeit später stand sie auf und huschte nach draußen. Endlich wieder frische Luft! Sie packte den Gummihammer in ihre Tasche und lief durch den Zoo in Richtung Ausgang.

Inge stellt die Schale mit Joghurt vor sich und kippt den Obstsalat hinein. Genüsslich isst sie Löffel für Löffel von der Mischung und hängt weiter ihren Gedanken nach.

Das Tor rollt wie immer zu. Aber der Sicherungsbolzen rastet nicht ein dank des Holzkeils, mit dem ich ihn verklemmt habe. Am Ende der Laufschiene des Tors ist die Tellerfeder, die ich mit Klebeknete dort befestigt habe. Sobald das Tor dagegen stößt, sorgt die Feder dafür, dass es wieder in die entgegengesetzte Richtung rollt. Da das Tor sich nur langsam schließt, rollt es auch nur langsam auf und bleibt dann stehen. Die Öffnung ist aber groß genug für ein Flusspferd, erst recht für ein junges Flusspferd und eine besorgte Flusspferd-Mutter, die ihrem Nachwuchs folgt. Alle werden denken, dass Sandra vergessen hat, das Tor zu schließen. Jeder weiß, wie schlampig sie arbeitet. Sobald sie ihre zerfetzte Leiche weggeräumt haben, werde ich für sie bei den Flusspferden einspringen und in ein paar unbeobachteten Sekunden die Spuren entfernen.

Eine halbe Stunde später zahlt Inge und verabschiedet sich von der netten Dame.

»Auf Wiedersehen«, flötet sie. »Ich gehe ein paar Babysöckchen kaufen. Die schenke ich meinem Freund, um ihn mit der frohen Botschaft zu überraschen.«

»Das ist eine tolle Idee. Auf Wiedersehen und alles Gute!« Die alte Dame winkt ihr zu. Im Gehen hört Inge sie murmeln. »So ein nettes Mädchen.« Inge schaut zum Kirchturm auf. Es ist kurz nach zehn.

Rosis Gehege ist jetzt sauber und Sandra macht in Lolas Gehege weiter. Das Gras ist inzwischen weggefuttert. Die kleine Nane schaut sich neugierig um und merkt bald, dass das Schiebetor heute ausnahmsweise offen ist. Lola behält Nane im Blick, sie ist schließlich noch ein Baby. Sie sieht ebenfalls das offene Tor und denkt, dass innen schon wieder Futter liegt, um sie hereinzulocken.

In der Kinderabteilung des Kaufhauses Karstadt steht Inge vor einem Meer blauer und rosafarbener Söckchen. Sie überlegt kurz, dann nimmt sie von jeder Farbe ein Paar und geht zur Kasse.

Ich packe einfach beide ein und überreiche sie Andreas. Dann können wir gemeinsam rätseln, was es wird.

Mit einem Strahlen steht sie an der Kasse. Die Verkäuferin lächelt prompt zurück und verabschiedet sich mit »Alles Gute!«. Inge schaut auf ihre Armbanduhr. 10:15 Uhr.

Spätestens jetzt sind Lola und Nane in ihrem Innengehege. Sobald Lola Sandra sieht, droht sie ihr, weil sie ihr Junges schützen will. Sandra ist aber in einer Sackgasse, sie kann nicht fliehen. Also greift Lola an. Sie hat schließlich ein Junges zu beschützen. Wie gut, dass ich im Unterricht in der Berufsschule aufgepasst habe.

In der Klasse herrschte unruhiges Gemurmel. Es war später Nachmittag, und es war so heiß, dass den Schülern der Schweiß auf der Stirn stand. Herr Dittes, der Lehrer, folterte sie mit seinem Monolog. Plötzlich reagierte er ungehalten.

»Ihr meint wohl, ihr habt es nicht nötig zuzuhören?«, fragte er laut. »Täuscht euch nicht. Nur weil Flusspferde träge wirken, sind sie dennoch gefährliche Tiere. Vielleicht sogar gefährlicher als Raubkatzen. Bei denen weiß jeder, dass sie gefährlich sind, und ist entsprechend vorsichtig. Aber unterschätzt niemals ein Flusspferd, vor allem kein Weibchen mit Jungtier. Erst drohen sie nur, aber wenn man dann nicht die Beine in die Hand nimmt, greifen sie an, und sie meinen es todernst. Seht ihr die Eckzähne hier auf dem Bild?« Er wedelte mit dem Zeigestab vor der Leinwand herum.

»Die können fast einen halben Meter lang werden. Damit kämpfen Flusspferde. Vor allem mit den Hauern im Unterkiefer. Die verursachen so schwere Verletzungen, dass man innerhalb weniger Minuten verblutet.« Kurz kehrte betretene Ruhe in die Klasse ein, doch ein paar Minuten später setzte sich der Unterricht wie üblich fort. Herr Dittes hielt seinen Monolog, der niemanden interessierte. Niemanden außer Inge.

Inge schlendert noch eine Viertelstunde ziellos durch die Stadt, bevor sie Richtung Zoo geht. Ein Hubschrauber rast über ihr durch den Himmel. Inge schaut hoch und lächelt. Er fliegt Richtung Zoo. Kurze Zeit später marschiert sie durch den Eingang. Man kann spüren, dass etwas passiert ist. Die Menschen stehen in Gruppen herum und reden aufgeregt miteinander. Auf dem Zoogelände steht ein Streifenwagen. Inge läuft weiter. Sie sieht Dieter, den Zooinspektor, im Gespräch mit einem Polizeibeamten. Sie schnappt ein paar Fetzen auf.

»Ich kann mir das nicht erklären. Unsere Mitarbeiter sind alle zuverlässig. Solche groben Fehler machen sie nicht«, erklärt Dieter dem Polizisten.

»Das Gehege ist vorläufig für jeden gesperrt«, ordnet daraufhin der Polizist an. »Wir müssen von Manipulation ausgehen und das Gelände erstmal der Spurensicherung überlassen.«

Mist! Inge beschleunigt ihre Schritte. Sie muss es ins Gehege schaffen, bevor die Polizei dort alles absucht. Dann erblickt Dieter sie und winkt sie zu sich. Widerwillig geht Inge zu ihm und dem Polizisten.

»Inge, etwas Schreckliches ist passiert«, sagt er und klingt dabei erschüttert. »Es gab einen Unfall im Dickhäuterhaus.« Inge versucht, schockiert auszusehen.

»Ist sie … tot?«, fragt sie stammelnd.

»Sie? Wieso sie?« Der Polizist hebt den Kopf und sieht Inge aufmerksam an. Dieter winkt zerstreut ab.

»Sandra ist nichts passiert, sie war heute nicht im Dickhäuterhaus. Es ist Andreas. Es gab eine Dienstplanänderung und er hat heute die Flusspferde versorgt. Er wurde von Lola attackiert. Sie konnten ihm nicht mehr helfen.« Dieters Stimme sackt beim letzten Satz ab. Inge schaut ihn reglos an. Sie ist wie betäubt, will nicht verstehen, was er ihr sagt.

»Andreas? Aber …« Ihr wird schwindlig. Schützend legt sie eine Hand auf ihren Bauch.

»Gehören Sie zum Zoopersonal?«, fragt der Polizist an Inge gewandt. Sie nickt. Mehr schafft sie nicht. »Dann kommen Sie mit, ich brauche Ihre Aussage.«

In dem Moment fährt ein Leichenwagen in Richtung Dickhäuterhaus. Inges Beine fühlen sich wacklig an. Sie hört Dieters Stimme.

»Inge, geht es dir nicht gut?« Dann wird es schwarz um sie herum.

Als Inge wieder zu sich kommt, sieht sie in Dieters Augen. Zum ersten Mal bemerkt sie deren Farbe. Es ist eine undefinierbare Mischung aus braun und grün. Als genauso undefinierbar empfindet sie die Gefühle, die sich dahinter verbergen. Mitleid? Häme? Zufriedenheit?

»Danke, Inge«, sagt Dieter sarkastisch und starrt sie weiterhin mit diesem unergründlichen Blick an. Inge bringt keinen Ton heraus, sieht ihn einfach nur an. Schließlich lacht Dieter. »Ich hatte in den letzten Tagen viel zu tun. Das neue Überwachungssystem musste getestet und perfekt ausgerichtet werden. Ich habe sogar einige Nächte im Zoo verbracht und die Aufzeichnungen angesehen.«

Nun beugt er sich nah über sie und raunt in ihr Ohr.

»Ich war auch letzte Nacht hier. Ich habe dich gesehen. Die Kameras haben deine Tat aufgezeichnet. Ich musste nichts weiter tun als den Dienstplan kurzfristig zu ändern. Niemand kann mir daraus einen Strick drehen. Du hast Andreas ermordet und ich profitiere nun davon. Sandra wird über ihn hinwegkommen und sich an den erinnern, der ihr in dieser schweren Zeit geholfen hat. Und jetzt entschuldige mich bitte, Sandra braucht eine starke Schulter, an der sie sich ausweinen kann. Und du kleines Biest hast ein Date mit der Polizei.«

Inge fühlt, wie Dieter ihr kurz durch die Haare wuschelt, dann hört sie seine Schritte, die sich entfernen. Sie starrt in den Himmel und sieht, wie der Hubschrauber davonfliegt.