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Dummheit ist der Mangel an Urteilskraft,
und einem solchen Gebrechen ist nicht abzuhelfen.

Immanuel Kant

 

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

2. Auflage 2011

 

ISBN 978-3-492-95462-4

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München 2011

Umschlaggestaltung: www.buero-jorge-schmidt.de

Umschlagabbildung: Michael Sowa/incognito

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

 

 

 

Vor-Vorwort

 

 

 

Dies ist kein Buch für oder gegen Bio-Nahrungsmittel, PVC-Fußböden, Kernkraft oder vegetarischen Lebenswandel. Zu all diesen Dingen habe ich, wie fast alle Menschen, eine Meinung, die hier auch häufiger, als ich mir vorgenommen habe, deutlich werden wird. Aber sie spielt für das Thema keine Rolle. Hier geht es um Logik und harte Fakten, die eher weichen Aspekte wie Abscheu, Widerwille oder Weltanschauung blende ich so weit wie möglich aus, verbunden mit der Hoffnung, dass auch Leser, deren Einstellung der meinen widerspricht, die Argumente, so sie wollen, nachvollziehen können. Ob die wahr oder falsch sind, hängt nicht davon ab, wo man seine Frühstückseier kauft oder bei der Wahl sein Kreuzchen macht.

 

 

 

Vorwort

 

 

 

An dieser Krankheit sterben jedes Jahr mehr als sieben Millionen Menschen. Ich habe mir neulich bei Aldi ein Buch dazu gekauft. Für 1,99 Euro: Blutdruck  Risiken erkennen und entschärfen. Mein Blutdruck ist nämlich viel zu hoch. Und nicht nur meiner: »Jeder fünfte Deutsche hat Bluthochdruck (arterielle Hypertonie), und nur einer von vier Betroffenen weiß von seiner Erkrankung. Bleibt der Blutdruck dauerhaft erhöht, steigt das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Organschäden und Arteriosklerose deutlich an.«

So die bei Aldi eingekaufte Warnung: Herzinfarkt, Schlaganfall, Organschäden, Arteriosklerose. Wäre das die Folge von Ionenstrahlung, gäbe es tägliche Sondersendungen im Fernsehen. Aber so stellt sich ein Angstgefühl nicht ein. Weder bei mir noch bei den meisten anderen Bluthochdruckpatienten. Auch meine fette Schweinshaxe esse ich weiter mit Genuss, obwohl ich weiß, dass in Deutschland jährlich über 100 000 Menschen an Magen- oder Darmkrebs und anderen Folgen von fettem Essen sterben. Von den 50 000 Lungenkrebstoten durch Tabak und Nikotin und den fast genauso vielen Alkoholopfern gar nicht zu reden.

Große Sorgen machen sich viele Fettesser und Alkoholtrinker dagegen wegen der Pestizide im Gemüse, radioaktiver Strahlen, Luftverschmutzung oder BSE. Bis heute ist an dieser Krankheit in Deutschland kein einziger Mensch gestorben, aber die dadurch verursachte Panik hat uns Steuerzahler rund eine Milliarde Euro und zahlreiche Landwirte das Vermögen und die Existenz gekostet; in England haben sich deswegen über 150 Farmer umgebracht.

Davor gab es Aids, Asbest und Amalgam, alles »Skandale«, die wir weitgehend schon wieder vergessen haben, genauso wie das Ozonloch, den Milzbrand (erinnern Sie sich noch: nach dem 11. September 2001 stand ganz Deutschland wegen Puderzucker kopf) oder das berühmte »Waldsterben« unseligen Angedenkens, das inzwischen als riesiger Medienschwindel entlarvt worden ist. Es folgten die Vogel- und die Schweinegrippe, Acrylamid und Nitrofen, die SARS-Panik von 2003, dann im Januar 2011 die republikweite Aufregung wegen Dioxin in Hühnereiern. Und gerade eben, während ich dieses Vorwort schreibe, die große Verunsicherung über das Atomdesaster in Japan. In all diesen Fällen wurde und wird durch eine in aller Regel unbegründete Panik ein enormer wirtschaftlicher Schaden angerichtet. Über Japan will ich hier nicht reden, die Rechnung ist noch offen. Aber allein die völlig überzogene SARS-Panik von Anfang 2003 – um eine inzwischen abgeschlossene kleinere Affäre zu nehmen – und der dadurch erzeugte Einbruch des Fernost-Fluggeschäfts haben der Deutschen Lufthansa rund 100 Millionen Euro Verlust beschert. Ich weiß das, ich bin Aktionär. Vor SARS standen die Aktien bei 18, drei Monate später standen sie bei 11.

Schon vor zehn Jahren haben Gerald Mackenthun und ich in unserem Buch Die Panikmacher die ganze Unvernunft unseres Verhaltens gegenüber eingebildeten und wirklichen Gefahren aufgezeigt; Schwerpunkte waren damals Arzneimittelnebenwirkungen, Amalgam und BSE. Und ein Kapitel war auch der völlig überzogenen – und strikt auf Deutschland und Österreich beschränkten – Panik wegen Tschernobyl gewidmet. Genutzt hat es nichts, die irrationale Anfälligkeit für Ängste aller Art hat seit damals eher zugenommen. Gleich im ersten Kapitel fange ich deshalb mit einer langen Liste von seither erschienenen Angst-Schlagzeilen an, die zeigen, wie wir selbst und unsere Medien diese Aufregung fast schon zu genießen scheinen.

Inzwischen glaube ich auch, der damalige Ansatz war falsch. Man kann einem Menschen, der Angst vor Spinnen hat, nicht sagen: Die Tiere tun dir nichts, du benimmst dich unvernünftig. Er hat trotzdem weiter Angst. Deshalb versuche ich in diesem Buch, über eine reine Beschreibung unseres unvernünftigen Verhaltens und dessen kostspieliger Folgen hinauszugehen. Warum verhalten wir uns so? Was steckt eigentlich hinter der leider nur zu allzu weitverbreiteten Unfähigkeit der Panikopfer, mit Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeiten richtig umzugehen? Wer hat ein Interesse daran, dass dies so bleibt? Und was heißt »richtig umzugehen«?

Mein besonderes Augenmerk gilt dabei der Rolle der Medien in diesem ganzen Trauerspiel. Hier scheint eine – leider typisch deutsche – Bereitschaft, ja Begierde eines Publikums, sich aufzuregen und Angst zu haben, mit einer ebenfalls überdurchschnittlichen Bereitschaft der Medien zusammenzutreffen, diesem Bedürfnis nachzukommen. So wird eine, wie ich zu zeigen versuchen werde, kulturübergreifende Anfälligkeit für irrationale Panikattacken durch mediale deutsche Sonderwege noch verstärkt. Das schaukelt sich zuweilen zu wahren Hysterieorgien empor, die Physik sagt dazu auch Resonanzkatastrophe, unsere ausländischen Freunde schütteln nur den Kopf darüber.

Mit diesen medialen deutschen Sonderwegen fange ich im ersten Kapitel an. Und dann spüre ich den möglichen Linsen, Prismen und Verzerrungsmechanismen hinterher, nicht zu vergessen die in unserem eigenen Gehirn, die quer durch alle Kulturen diese teure Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit, so wie sie ist, und den Bildern dieser Wirklichkeit in der Zeitung und in unserem Kopf erzeugen. Dass dabei zahlreiche Einsichten von nationalen und internationalen Risikoforschern einfließen werden, auf denen ich aufbaue, versteht sich fast von selbst; die wichtigsten Stichwortgeber sind am Ende eines jeden Kapitels aufgeführt. Vielleicht werden sie dann in Zukunft häufiger gelesen. Es wäre unser aller Schaden nicht.

 

Dortmund, im Juni 2011

Professor Dr. Walter Krämer