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»Er liebte nur das allzu viele Wandern.«

Johann Wolfgang von Goethe, Faust

 

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Aufbruch oder Warum das Wandern mich glücklich macht

Die Regenjacke im Rucksack verstaut? Wasserflasche gefüllt? Blasenpflaster? Landkarte? Den allermeisten Kulturvölkern kommt es völlig verrückt vor, mit Hut, Stöcken, Kniebundhose und dicken Wanderstiefeln in den Wald zu marschieren – einfach so, zum Spaß. Einen Wanderurlaub kann man keinem Italiener, keinem Araber, keinem Amerikaner vernünftig erklären. Was soll das sein? Eine militärische Übung? Eine Bußwallfahrt? Hat der Arzt es verschrieben? Ist das Benzin denn schon so teuer? Wandern ist – wie Fußball – keineswegs allein Sache der Beine, sondern auch des Kopfes. Oder wie man heute sagt: der Mentalität. Und da können Menschen nun einmal nicht folgen, die gar nicht begreifen, weshalb um alles in der Welt man sich in einen Wald begeben sollte, wo einen dort doch ein Gewitter überraschen, eine Rotte Wildschweine anfallen, ein Ast am Schädel treffen könnte. Und dann gibt es auf den Fußwegen kein Fernsehen, vielleicht ist sogar der Mobiltelefonempfang gestört.

Und wenn man sich schon nicht bremsen kann, wenn einen der Wandertrieb jede Woche zu einer Geländeübung ins Freie befördert, warum dann dieses Aufhebens um einen banalen Spaziergang? Stur vor sich hin gehen kann, von medizinisch begründeten Ausnahmen abgesehen, doch jeder. So dürften beispielsweise italienische Freunde gedacht haben, als ich sie in den Friulanischen Alpen das erste Mal auf eine Wanderung mitnahm. Ich stand wie üblich da mit meinem komischen Sonnenhut, Regenjacke, Rucksack, knöchelhohen Wanderstiefeln mit Profilsohle, atmungsaktivem Hemd und Stöcken. Sie hingegen waren ausgerüstet wie normale Menschen im Urlaub: Jeans, Turnschuhe, Mobiltelefon. Sie lächelten mich irritiert an und werden gedacht haben: Diese Deutschen … machen aus jedem Spaziergang eine Expedition, immer Perfektionisten und Wichtigtuer. Und hatten sie nicht recht? Warum muss man als zünftiger Wandersmann (oder Wandersfrau) denn gleich in eine Uniform schlüpfen?

Nach ein paar Kilometern sah die Sache allerdings schon anders aus. Meine Freunde schwitzten in ihren Jeans, ich erfreute mich an den atmenden Stoffen meiner Kluft. Die Bergsonne brannte den Freunden auf den Kopf, ich hatte meinen Hut, konnte ihnen aus meinem Rucksack immerhin Sonnencreme anbieten. Und Wasser, denn sie hatten viel mehr Durst als erwartet. Wenn sie auf ihren Turnschuhen über Stock und Stein auch nicht gut vorwärtskamen, konnten sie doch auf mich zählen, als sich erste Druckstellen und Blasen an den Füßen unangenehm bemerkbar machten. Ich zog Blasenpflaster aus meinem übertrieben umfangreichen Gepäck. Immerhin ging unsere Bergwanderung ohne Regen über die Bühne, aber auch da wäre ich vorbereitet gewesen. Wer einmal schutzlos im Gelände durchnässt wurde, obwohl der Tag doch mit strahlend blauem Himmel begonnen hatte, wird nie mehr die Regenjacke vergessen. An schwülen Tagen – hier, unter Gleichgesinnten, kann ich es ja zugeben – führe ich in der Natur sogar einen Regenschirm mit mir, selbstverständlich metallfrei, denn ich will ja nicht vom Blitz getroffen werden.

Wir lernen – Wandern ist die einfachste Sache auf der Welt, aber nur für denjenigen, der ein Mindestmaß an Systematik und Hingabe beherzigt. In dieser Spannweite zwischen simplem Fußmarsch, beispielsweise zum Kiosk an der Ecke, und hoch ausgerüsteter Expedition, beispielsweise durch das Packeis von Grönland, kann sich das Wandern bewegen. Ich selber weiß nur zu gut, dass ich mich auf dieser breiten Skala irgendwo im Mittelfeld einzuordnen habe. Niemand wird mich je dabei erleben, wie ich mich mit der Machete durch irgendeinen Urwald verbissen voranarbeite oder einen Viertausender erklimme. Aber ein paar Meter spazieren beim Schaufensterbummeln reicht mir an fußläufiger Bewegung in der Woche auch nicht aus. Natürlich, Wandern ist derzeit schwer in Mode. Zumindest theoretisch. Und man kann nur jedermann bewundern, der sich anderthalbtausend Kilometer auf den Jakobsweg begibt und dabei tatsächlich sein bisheriges Leben ändert. Oder per pedes vom Marienplatz in München zum Markusplatz in Venedig geht und für die Fünfwochentour zwei Jahresurlaube und jede Menge Zivilisationsprobleme zusammengespart hat. Ein besonders schönes Wanderbuch von Wolfgang Büscher handelt gar vom Fußmarsch Berlin–Moskau. Aber wer kann es solch einem Entdecker zentraleuropäischer Landschaften schon gleichtun? Wer will den Risiken ins Auge sehen? Die Krux der Wandermode liegt auch in ihren extremen Leistungen, mit denen man weder eine Wanderlaufbahn beginnen noch über Jahre durchhalten kann. Ja sicher, zu Fuß in die weite Welt marschieren, einfach mal den Faden kappen zum Berufsleben und der Alltagshektik – das müsste man auch mal machen. Und dann ergötzen wir uns an der Fernsehreportage über den einsamen schwedischen Nationalpark oder lesen staunend über Menschen, die im Sommer durchs kalifornische Tal des Todes marschieren (und das sogar überleben). Und das war’s dann auch meistens. Wandern ist in Umfragen bei Weitem der beliebteste Freizeitsport der Deutschen, und doch begegnen mir bei meinen Märschen durch deutsche Mittelgebirge selbst an sonnigen Sonntagen in der Regel kaum Menschen, während die Autobahnen wie immer gerammelt dicht sind. Wandern ist eben nicht nur eine Kopfsache, sondern auch die Kunst, mit dem Kopf die Beine in Bewegung zu setzen. Gute Gründe, das nicht zu tun, gibt es genug. Doch erst wenn ich wirklich loslaufe, wenn ich mich nicht von ein paar Regenwolken oder einem heißen Tag einschüchtern lassen, wenn ich nicht erst einen Fachmarkt für Sportbekleidung aufsuchen muss, werde ich wirklich zum Wanderer. Bis die Gelegenheit kommt, einmal auf einer mehrmonatigen Streckenwanderung durch wildromantische Landschaften meinem Leben eine andere Wendung zu geben, könnte dieses Leben nämlich schon abgelaufen sein. Sicher, Wandern ist eine der wenigen gesunden Betätigungen, die man auch im Rentenalter problemlos bewältigen kann. Wer jetzt allerdings plant, die reizvollsten Touren auf jenseits des achtzigsten Geburtstags zu verlegen, sollte bedenken: Wenn ich nicht vorher schon Spaß am Gehen entwickelt habe, werde ich auch über sechzig nicht mehr in Tritt kommen.

Darum sehe ich in meiner Pedanterie, allzeit meine Wandersachen frisch gewaschen und gepackt bereitzuhalten, schon lange nichts Skurriles mehr, sondern schlichten Geher-Alltag. Erst vor ein paar Wochen bin ich etwas in Eile losmarschiert, und als mir dann der Schweiß in die Augen lief, wurde überdeutlich: Nach dreißig Jahren Wanderroutine war ich trotzdem noch über eine Lappalie hinweggegangen und hatte mein kleines, praktisches Schweißtuch vergessen. Natürlich geht es auch ohne, natürlich kann man auch in Sandalen im Regen durch den Harz latschen oder mit einer frisch gereinigten Bundfaltenhose die Schätze des Sauerlandes anpeilen. Natürlich muss nicht immer ein Rucksack mit nachgefüllter Packung Blasenpflaster bereitliegen. Doch es wird einfach sehr viel weniger Spaß machen, wenn man sich vorher keine Gedanken gemacht hat.

Bleibt die Frage, warum ich keine paar Tage vergehen lassen kann ohne wenigstens einen kurzen Marsch. Milliarden Menschen leben schließlich recht glücklich, ohne je zu wandern. Dieses Buch habe ich – unter anderem – auch geschrieben, um mir selbst darauf eine Antwort zu geben, warum mich das Wandern glücklich macht und weshalb ich mein Leben durchgängig so einrichte, dass ich bequem und immer aufs Neue loslaufen kann. Am Anfang dieses Buches stand immerhin die Überzeugung, dass ich schlicht mit keinen spektakulären Alpen- oder Pyrenäenüberquerungen aufwarten möchte, dass ich noch nie im heftigen Unwetter über isländische Bergpässe marschiert oder unter Lebensgefahr zwischen afrikanischen Großkatzen kampiert habe.

Und trotzdem (oder gerade deshalb) ist das Wandern zu einem Fixpunkt meiner Existenz geworden. Ich wandere jedoch nicht, um Abenteuer zu erleben, um in Gesellschaft anderer Menschen Zeit zu verbringen, um ganz bestimmte Muskelgruppen zu trainieren oder um sehenswerte Ziele kultureller oder landschaftlicher Bedeutung zu erreichen. Ich wandere einfach. Einfach so. Aber ist es wirklich so einfach? Bin ich mit meinem Rucksack, ausgestattet mit Mückenmilch und Zeckenschutz, nicht doch eine geradezu lächerliche Gestalt? Um diese Frage schlüssig mit Nein zu beantworten, müssen wir weit, weit zurückgehen bis zum Portal des Paradieses, durch das Adam und Eva – natürlich zu Fuß, aber noch ohne Landkarte und Sonnenhut – einst in Afrika in die weite Welt hinausmarschiert sind.

 

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Camminare, trekking, footing, wandelen – Lust aufs Wandern?

Wann sind Sie das letzte Mal gegangen? Komische Frage? Eigentlich gehen alle Menschen dauernd irgendwohin. Wir gehen zur Arbeit, ins Kino oder ins Restaurant. Aber unser Gang durchs Leben wird ziemlich oft unterbrochen, ohne dass wir das für etwas Besonderes halten. Wir gehen nur noch von der Tiefgarage zum Aufzug, wenn wir ins Büro gehen. Oder von der U-Bahn zur Wohnung, wo wir uns dann unserer neuzeitlichen Bestimmung hingeben: Sitzen. Das haben die meisten von uns schon den ganzen Tag gemacht, haben auf Stühlen gehockt, haben an Konferenztischen versucht, irgendwie den Rücken gerade zu halten. Der Ernst des Lebens in der Schule beginnt mit ausdauerndem Sitzen – etwas, das Kindern zu Recht unglaublich schwerfällt. Haben sie erst die Disziplin verinnerlicht, stundenlang, notfalls auch ohne jedes Interesse, auf dem Hinterteil sitzen zu bleiben, sind sie für das weitere Leben bestens gerüstet. Auch sonst besteht die hauptsächliche Betätigung des Menschen in der Freizeit darin, möglichst bequem zu sitzen und zu liegen und fernzusehen. Da fällt sogar noch die eine kleine Bewegung weg, die man für das Bücherlesen braucht: umblättern. Ob sich Marx und Engels die Befreiung von den Beschwernissen der Arbeit so vorgestellt haben? Für alle Mühsal, die uns die Maschinen abgenommen haben, für alle Verkürzung der Schufterei, die er für das Überleben benötigte, hat sich Homo sapiens eine lange, oft lebenslange Auszeit gegönnt: Jetzt tun wir erst mal gar nichts mehr.

Die Klage, dass sich die Menschen des postindustriellen Zeitalters nicht mehr genug bewegen, hat seit Jahrzehnten alle Segmente unserer Gesellschaft erreicht: Ärzte, Krankenkassen, Politik, Erziehung, Medien. Da geht es meist um die Kosten der Trägheit, um die Dickleibigkeit und Gefäßverengung, Arthrose und Depression, die uns Stubenhockern die Bewegungslosigkeit verursacht. Sport – eine Tätigkeit, die vormoderne Gesellschaften nicht kannten – ist überhaupt entstanden, um die leere Zeit und die Trägheit des inneren Schweinehundes zu überwinden. Aber auch hier gilt, dass die Freizeitkultur den Sport längst zu einer Veranstaltung für Stellvertreter gemacht hat. Millionen schauen träge zu, und ein paar Begnadete rennen und hecheln und kassieren dafür.

Aber ums Rennen soll es hier gar nicht gehen. Die Ausgangsfrage lautete ja, wann wir überhaupt noch in Gang kommen. Wann wir über die paar Schritte zum Kühlschrank oder ins Bad hinaus unserer eigentlichen Bestimmung nachgehen: Schritt für Schritt über Stunden und regelmäßig durchs Leben zu gehen. Das mag auf den ersten Blick nach Metaphysik klingen: Eigentliche Bestimmung – da hat jeder Religionsstifter, jeder Ideologe so seine ganz persönliche Meinung. Ich glaube aber belegen zu können, dass wir ums Gehen, ums richtige ausdauernde Gehen, nicht herumkommen. Ich glaube, dass man beweisen kann, dass unser ganzer körperlicher und geistiger Apparat auf die Fortbewegung zu Fuß ausgerichtet ist und dass wir an Körper und Seele krank werden, wenn wir damit aufhören. Und damit ist kein 110-Meter-Hürdenlauf gemeint, aber auch nicht der matte Gang zum nächsten Kiosk.

Wann sind Sie also zum letzten Mal gegangen? Das meint: regelmäßig und ausdauernd ausgeschritten, über Stunden und in interessantem und abwechslungsreichem Geländeprofil. Der gesamte Organismus strafft und sortiert sich neu, wenn sich der Marsch über Wald- und Feldwege zieht, wenn es bergauf und wieder hinab geht, wenn die Beine irgendwann wie von selbst ausschreiten, wenn sich die Muskeln im ganzen Körper merken lassen, wenn der Kopf angenehm leer wird und wenn am Ende zwanzig, dreißig Kilometer hinter uns liegen. So zu wandern, vielleicht über Tage und Wochen voranzuschreiten aus dem sitzenden Alltag, dabei müde und doch spannkräftig zu werden und alle Sehnen und Gelenke im Körper endlich wieder einmal zu spüren – das ist für einen Zivilisationsmenschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts die große Ausnahme. Und das große Glück.

Wandern – das ist ein großes Wort, das jedem sofort die spezifische Art dieser Fortbewegung klarmacht: kein simpler Spaziergang, sondern ein längerer Marsch, möglichst durch Wald und Flur, möglichst interesselos und mit genügend Zeit, ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck und zur persönlichen Erbauung. Merkwürdigerweise gibt es das Wort in vielen anderen Sprachen nicht. Italiener müssen sich mit dem simplen Wort für gehen – camminare – arrangieren, und wenn es in die Natur über Stock und Stein geht, nehmen sie nolens volens Zuflucht zum neumodischen »Trekking«. Das klingt dann gleich so, wie sich viele Italiener einen Wanderer vorstellen: ausgerüstet für eine Polarexpedition, beseelt von einem unmenschlichen Rekordversuch in irgendeinem menschenfeindlichen Gebirge – reichlich meschugge also.

Im Französischen verweist mich das Wörterbuch auf – bitte nicht lachen! – footing. Das hört sich nach einer aus Amerika importierten, merkwürdigen Sportart an, irgendwo zwischen Baseball, Bungeejumping und Kitesurfen. Für die zünftige Wanderung durch die heimischen Landschaften, von der die Franzosen fast ebenso so viele und so schöne haben wie die Deutschen, kann man noch den Begriff randonnée in Betracht ziehen – auch hier wieder ein Behelf, der nicht im Mindesten die Assoziationen und Beiklänge freisetzt wie das deutsche »Wandern«.

In den germanischen Sprache sieht es etwas besser aus. Die Niederländer, wenn sie denn ein noch unverbautes Gelände finden, können wenigstens wandelen. Bei den Dänen gefällt mir der Begriff trave, bei dem man eher ein kaltblütiges Pferd vor Augen hat, das stoisch durch eine Dünenlandschaft trottet. In Polen sagt man zu einer Wanderung wedrówka, das klingt in der Tat zuversichtlich, gemütlich, nett. Doch zeugen solche Wörter wenigstens von einer Ahnung für die Kultur, die der Fortbewegung zu Fuß innewohnen kann. In Spanien – einem Wanderland der Deutschen par excellence – wird es da schon viel komplizierter. Hacer una excursión a pie – diese Umschreibung hört sich an wie eine Anleitung für etwas Kompliziertes, beinahe Unangenehmes und entspricht übrigens wortwörtlich dem tschechischen Pendant dělat pěší túry. Das sagt im Beiklang so viel wie: Machen Sie jetzt bloß keine Exkursion zu Fuß! Suchen Sie vorher Ihren Hausarzt auf! Wer wäre je auf so eine absurde Idee gekommen? Offenbar gibt es Kulturen, in denen die Erinnerung an die ursprüngliche Fortbewegung des Menschen linguistisch verkümmert ist. Oder aber: Das, was wir heute Wandern nennen, hat nichts mit der erzwungenen Marschiererei von früher gemein und muss daher erst mühsam neu erdacht und umschrieben werden.

In der Tat reichen die Traditionen dieser Kulturtechnik, die auf den ersten Blick so archaisch wirkt, meist nicht sehr weit zurück. Meine Oma erzählte mir, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg zwanzig, dreißig Kilometer über die Landstraße lief für eine kleine Kanne Milch vom Bauern. 1946 waren für sie mörderische Wege bei jedem Wetter und mit schlechtem Schuhwerk selbstverständlich – Wege, die heute kaum ein Extremwanderer mehr auf sich nehmen würde, weil sie zu öde, zu abstumpfend, zu nutzlos wirken. Einen solchen Weg hatten zum Ende des Weltkrieges Millionen von Menschen hinter sich gebracht, längst nicht alle haben ihn überlebt. Zu Fuß mit Sack und Pack bei Schnee und Eis einfach gen Westen laufen, mit großer Angst und geringer Hoffnung, so weit die Füße tragen, bis zum Verrecken – das hat so gar nichts mit Wanderromantik gemein.

Meiner Oma blieb die Vertreibung erspart, aber die anderen langen Wege in einer kollabierten Kultur nicht: etliche Kilometer für ein paar kostbare Kalorien, um ein genähtes Kleid gegen Butter zu tauschen. Oder gemeinsam mit Tausenden von Mitmenschen über die Landstraßen, um Verwandte oder Gräber zu besuchen. Das ist sicher der Grund, warum meine Oma später nie auf die Idee gekommen wäre, eine Wanderung zu unternehmen. Ein kleiner Spaziergang mit dem hurtigen Endziel Parkbank, das war es schon. Schließlich hatte man die schlimme Zeit mit Hunger und mit Blasen an den Füßen und durchnässten Klamotten hinter sich gebracht. Ist es ein Wunder, wenn jemandem mit solchen Erfahrungen die Lust aufs Wandern lebenslang vergeht?

Und genau so steht es mit ganzen Kulturen. Gerade in Ländern wie Spanien oder Italien, die bis in die Sechzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts von agrarischer Bevölkerung geprägt waren, bedeutete eine Wanderung für Spaß und Erbauung die reine Kraftverschwendung. Die Knochen mussten geschont werden für die Feldarbeit, für die endlosen Wege, die der Alltag jedem sowieso abverlangte. Da bedeutet es eine Befreiung, nicht mehr zu Fuß gehen zu müssen. Wer sich ein Fahrrad, viel besser aber ein Moped oder gar ein Auto leisten kann, der hat es geschafft. Der österreichisch-jüdische Philosoph Günther Anders erzählte von seinen Erfahrungen, die er im Exil in Kalifornien machte. Aus Wien gewohnt, täglich einen Spaziergang durch die Stadt zu unternehmen, machte er sich auch in Los Angeles auf den Weg. Zuerst wunderte er sich, dass es keine Bürgersteige gab. Er marschierte am Rand der Autostraße. Nach einiger Zeit hielt ein Polizeiwagen und fragte, ob er ein Problem habe. Er wolle nur laufen, antwortete Anders. Die Polizisten fanden das verdächtig und nahmen ihn mit auf die Wache. Eine Kultur, in der Gehen zum Delikt wird, ist die Endstufe der Zivilisation. Da passt es gut, dass gerade Kalifornien zum Ausgangspunkt der Fitnessindustrie wurde. Wer sich partout bewegen will, muss dafür bezahlen und ausgefuchste Geräte in Anspruch nehmen. Und mit dem Auto hinfahren. Diese Wirklichkeit hatte der französische Schriftsteller Guy de Maupassant bereits vorhergesehen, als er in seinem satirischen Roman »Mont-Oriol« Pariser Bourgeoisie zur Kur schickte: Sie bekämpfen ihre Dickleibigkeit und Faulheit an Holzgerüste geschnallt, mittels derer arme Proleten auf der Unterbühne ihre Beine in Schwung bringen: Man wird gelaufen. Das war im vorletzten Jahrhundert sehr weitsichtig.

Auch in unserer perfektionierten Freizeitkultur sind die Reflexe, die uns in Gang bringen, meist verschüttet. Sport ist heute die bestmögliche Kompensation für den krankhaften Mangel an Bewegung, den unsere Spezies anfangs nicht als Problem bemerkt. Und weil kaum jemand aus dem Stand heraus einfach so stundenlang loslaufen kann, weil niemand das Wandern in seinen sitzend oder stehend verbrachten Arbeitsalltag integriert bekommt, leben Industrien von der Produktion von Laufbändern, Ruderapparaten oder Fahrrädern ohne Räder. Auch ich setze mich regelmäßig auf so ein Gerät, um wenigstens zwischendurch mein Pensum Bewegung abzubekommen. Nicht genug zu preisen ist jeder, der sich der inneren Trägheit widersetzt, um in freien, faulen Stunden freiwillig zu rennen, Bällen hinterherzuhecheln, herumzutanzen, Gewichte zu stemmen – um irgendwie den Abdruck des Stuhls und des Sofas auf der eigenen Figur wieder wegzubügeln. Doch gleichzeitig bleibt der Sport immer auch eine verzweifelte, künstliche Handlung, die schnell an Arbeit erinnert. Schwitzen muss man, man muss an seine Leistungsgrenzen gehen, man muss die Herzfrequenz hoch (aber nicht zu hoch) treiben, muss mehr Punkte oder Tore machen als der Gegner, muss die Zähne zusammenbeißen und sich quälen und besser sein als die anderen. Wir sollen fit bleiben fürs Arbeiten, sollen eine Konkurrenz- und Siegermentalität aufbauen, sollen uns schinden und immer besser werden. Kein Wunder, dass jeder Sport eine fließende Grenze zum Leistungssport kennt. Da ist die agonale Freude dann endgültig zum Beruf geworden – und über die Förderlichkeit für Knochen und Sehnen, über einen gesunden, ganzheitlich verwöhnten Körper sollte man besser mit keinem Profiradrenner, Handballspieler oder Turner reden. Gesünder lebt allemal, wer solche Leistungen aus dem Fernsehsessel bestaunt.

Wenn ich mir einen Sport vorstellen soll, der den ganzen Körper gesund hält, Spaß macht und ohne Leistungsprinzip funktioniert, fällt mir immer zuerst das Wandern ein. Allen komischen Versuchen zum Trotz, auch diese schöne Beschäftigung messbar zu machen und dem Konkurrenzdrang zu unterwerfen – es ist kein Zufall, dass Wandern niemals eine olympische Disziplin werden kann. Bahngehen, das auf Asphaltstraßen und Tartan ausgeübte Pendant zum Wandern, wirkt, bei allem Respekt, wenig elegant, ja regelrecht verbissen. Dutzende Wertungsrichter müssen an der Strecke aufpassen, dass niemals beide Füße gleichzeitig von der Erde abgehoben werden. Und über die Jahre sind beim unnatürlich geschraubten Bewegungsablauf Schäden an Knien und Hüften vorhersehbar. Dann, finden ja auch Millionen Sportler, kann man gleich besser laufen und dabei die Zeit messen. Und was ist von Wanderevents zu halten, bei denen Rekordhungrige vierundzwanzig oder mehr Stunden am Stück in einem Stadion oder durch eine genau markierte Strecke laufen, damit dann hinterher Bilanz gemacht werden kann? Wenig, sehr wenig hat das mit gesunder Bewegung zu tun.

Wandern ist anders. Beim Wandern brauche ich keinen Pulsmesser, keine Uhr und keine Leistungskontrolle. Und trotzdem fördert es als Bewegung dieselben vernachlässigten Zonen meines Körpers, die andere Sportarten auch im Visier haben: Fettpolster werden abgebaut, Gelenke geschmiert, Muskeln gestärkt, Bandscheiben gerade gerichtet, Lungen aufgepumpt, Zellen entschlackt. Und was das Beste ist: Vor lauter Gehen muss ich mich auf solche Kollateralerscheinungen gar nicht konzentrieren. Es passiert einfach so und ist doch eine Frage von Sein oder Nichtsein.

 

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Der lange Marsch der Evolution

Die Natur hat unsere nächsten Verwandten nicht zum Gehen bestimmt. Ein Blick auf die wenigen Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans, die Homo sapiens bei seiner Welteroberung vorläufig überleben ließ, genügt vollauf, um zu begreifen, dass keine andere Spezies außer dem Menschen zum Wandern in der Lage ist. Bei den Affen sind die Arme die wichtigeren Extremitäten. Sie sind viel länger als bei uns und dienen außer zum Greifen auch zur Fortbewegung. Gorillas können nur als Vierbeiner am kongolesischen Waldboden beachtliches Tempo aufnehmen. Bei Schimpansen und vor allem Orang-Utans, die sich vorwiegend im Geäst aufhalten, sieht das alles wacklig und unbeholfen aus. Ihre wichtigste Gehhilfe sind massive Fingerknöchel, und trotzdem kommen sie eher wacklig voran. Auch der moderne Mensch hat sich vor der Unbill des Laufens zu Fuß auf die Sofas in seinen Wohnhöhlen zurückgezogen; die Menschenaffen machen es sich am liebsten in ihren Nestern im Laub bequem, um sich nicht mühsam durch Dschungel oder Savanne schleppen zu müssen. Genau betrachtet, sind Affen Säugetiere, die evolutionär auf die Vierbeinigkeit verzichtet haben, um in Bäumen zu leben. Das geschah vor neunzig bis siebzig Millionen Jahren, als das Zeitalter der Riesenechsen zu Ende ging. Die endlosen Wälder der Südhalbkugel, die sich damals ausbreiteten, glichen für die ersten Affen den Verlust der Fähigkeit des weiten Laufens über Land mehr als aus. Wenn wir etwa einen Mausmaki, einen durchaus nicht allzu fernen Verwandten des Menschen, der als kleiner, putziger Kobold mit riesigen Knopfaugen auf Bäumen in Madagaskar sein Auskommen findet, befragen könnten, was es vom aufrechten Gang hält, würde uns das schlaue Tierchen wohl auslachen: Wozu sollte so ein kniffliger Bewegungablauf gut sein, wenn es in luftiger Höhe Baumhöhlen, Früchte, Blätter, Insekten genug gibt? Was die Affen beim Umzug in die obere Etage an Dynamik verpassten, macht ein Blick auf die Raub- und Weidetiere überdeutlich, die sich – erdgeschichtlich etwas später – für das Abweiden der Savanne und das Jagen der fetten Weidetiere entschieden. Eine grazile Antilope wie der Springbock ist pfeilschnell und kann mühelos vier Meter hoch und zehn Meter weit über Gras und Buschwerk hüpfen. Ein humaner Weitspringer ist dagegen ein schlechter Witz. Und ein Gepard mit riesigen Schulterblättern und vier langen, ausgreifenden Pfoten erreicht zu Fuß Geschwindigkeiten, mit denen er auf einer deutschen Autobahn geblitzt würde. Wenn ihm oder einem atavistischeren Räuber ein verschreckter Affe entkommen wollte, dann nur in die Baumkronen – und das taten sie dann auch.

Anthropologen haben sich über Jahrzehnte den Kopf zerbrochen, wieso unsere Ahnen die bequeme und praktische und sichere Lebensweise in den Waldwipfeln aufgegeben haben und auf die skurrile Idee kamen, auf der staubigen Muttererde Afrikas herumzuschlurfen. Es taten ja auch längst nicht alle, sondern nur ein kleines Untergrüppchen der Großaffen, die wir »Hominiden« nennen und die seit etwa dreißig Millionen Jahren in Afrika hin und wieder mal auf den Waldboden zurückkehrten. Überall sonst in der Welt, in Amerika und Südostasien, haben sich unsere vorsichtigeren Verwandten davor gehütet, solche Ausflüge zur Gewohnheit werden zu lassen. Anders der Australopithecus africanus. Der eindrucksvolle Titel, den die Anthropologen diesem bemerkenswerten Kerl gegeben haben, bedeutet »südlicher Affe aus Afrika«. Ein Affe, der sich meist von Früchten und Körnern ernährte und vorzugsweise im Gehölz lebte, war er zwar noch. Doch im Laufe einer gewissen Zeitspanne – fünfzehn bis sieben Millionen Jahre ist das her, man weiß es nicht so genau – wurde aus dem habituellen Vierbeiner mit langen Armen ein halbwegs straffer Zweibeiner mit breiten, belastbaren Füßen und zwei Händen, die zur Not auch eine Landkarte hätten halten können – der Prototyp eines Wanderers also. Die Knochensucher in Ostafrika, einer reichlich riesigen »Wiege der Menschheit«, haben die unterschiedlichen Erscheinungsformen, die das neue, aufrechte Tier im Laufe der Zeiten und Klimaphasen annahm, mit immer neuen Namen geschmückt: Nach den diversen bunten Australopitheci (anamensis, boisei, robustus, barelghazali) kamen Eigenbrötler wie der Orrorin tugenensis, der Sahelanthropus tchadensis, der Homo habilis (ein offenbar nicht ungeschickter Geselle), Homo rudolphensis (der vielleicht gerne im benachbarten Rudolfsee badete) oder der von mir besonders bewunderte Homo ergaster. Das bedeutet »Handwerker«, aber sagen Sie’s nicht ihrem Installateur oder Fliesenleger.

Heute noch staunen die Biologen über all die Faktoren, die für dieses Wunder der Evolution zusammenkommen müssen: von vier auf zwei Beine umzuschalten. Es ist ein bisschen, als sollten Fledermäuse tauchen. Oder Nashörner plötzlich fliegen. Das Gehen ohne Hilfe der Hände benötigt die Koordination von mindestens sieben Bewegungsabläufen, von denen jeder einzelne anfangs komplett idiotisch und nutzlos wirkt. Das Lebewesen benötigt dafür nämlich einen ganz neuen Gleichgewichtssinn, mit dem der Kopf an der Spitze der Wirbelsäule balanciert werden kann. Die Oberschenkel, einmal aufgerichtet, müssen sich leicht nach Innen biegen und dem frühen Wandersmann tragfähige X-Beine bescheren, dafür wird das Becken breiter und stabiler, die Knie wandern – evolutionär natürlich – unter den Körperschwerpunkt, während ein großer Gesäßmuskel das Bewegen und Knicken der Beine überhaupt erst ermöglicht. Die Wirbelsäule – der heute größte Schwachpunkt unserer zweibeinigen Lebensweise – muss bei alldem s-förmig und geschmeidig bleiben. Fast hätten wir das Wichtigste vergessen: die Füße. Die Fußknochen, auf denen ja die ganze wacklige Konstruktion basiert, müssen sich stabilisieren, aber auch wieder flexibel bleiben. Die Zehen hören auf, Greifklauen zu sein, und reihen sich nebeneinander, wohingegen unsere baumbewohnenden Verwandten wie die Schimpansen heute noch mit ihren Füßen Bananen schälen können. Versuchen Sie das mal! Der britische Anthropologe John Napier kommentierte das Ergebnis all dieser anatomischen Verwachsungen ernüchtert. Der Australopithecus torkele mit dieser Bewegung »Schritt für Schritt an einer Katastrophe entlang«.

Das Beruhigende an der Evolutionstheorie ist die Erkenntnis, dass diese Katastrophe – etwa in Form von hungrigen Löwen oder dauerndem Umkippen oder stetigem Bandscheibenvorfall – nicht eintrat. Sonst wären wir heute nicht da. Die Bipedie, so instabil sie angefangen haben mag, hat sich auf dem Planeten offenbar als recht passable Vorgehensweise herausgestellt. Sollte der Mensch bald aussterben, wofür manches spricht, hat es bestimmt nicht am aufrechten Gang, sondern eher am Hirn gelegen, das sich Autos und Raketen ausgedacht hat.