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Gabriele Kögl

Das Mensch

Gabriele Kögl

Das Mensch

Roman

WALLSTEIN VERLAG

Karla ist grad zehn Jahre alt, sie will aber schon Extrawürste. Auf dem Kaffee darf keine Milchhaut sein, aus dem Striezel klaubt sie die Rosinen heraus und weil ihr der Most zu sauer ist, will sie lieber Zuckerwasser.

Die Eltern drohen ihr, sie ins Erziehungsheim zu stecken, weil sie nicht fertig werden mit ihr.

Seit Karla beim Schlachten hat zuschauen müssen, will sie auch kein Fleisch mehr essen.

Dabei wollten die Eltern sie nur abhärten, wie sie Karla an den Nussbaum gebunden haben. Karla wollte wegrennen, wie der Vater der Sau dreimal mit der Hacke auf den Kopf geschlagen hat, bis sie endlich umgefallen ist. Die Mutter hat der Sau mit einem großen Messer in den Hals gestochen. Zweimal ist sie abgerutscht und hat sich fast in die eigene Hand geschnitten, weil das Schwein so arg gestrampelt hat und sich ums Verrecken nicht hat abstechen lassen wollen.

Beide haben geschrien wie am Spieß. Die Karla, wie sie der Vater mit dem Kälberstrick am Baum festgebunden hat, damit sie einmal zuschaut, wie das Abstechen geht. Und die Sau, wie die Mutter sie am Strick gehalten hat. Das Blut ist aus dem Schweinehals geschossen wie ein Wasserfall aus dem Berg. Es hätt den ganzen Hof überschwemmt, wenn die Mutter nicht einen Topf unter den Hals der röchelnden Sau gehalten hätt, um den schaumigen Saft für die Blutwurst aufzufangen.

Das Schwein ist schon matt, wie es daliegt am Boden. Noch immer strodelt es, will die Mutter wegtreten mit ihrem Blechhäfen, aber die Haxen strampeln nur mehr in die Luft.

»Das nächste Mal hältst du den Häfen unter«, sagt die Mutter zur Karla, wie nur mehr ein dünnes Bächlein aus dem aufgeschlitzten Kragen der Sau rinnt.

Nachher, wie die Eltern das ausgeblutete Schwein in einen Trog mit siedend heißem Wasser geworfen haben, ist der Vater wieder lieb zur Karla gewesen und hat sie losgebunden. Geärgert hat er sich aber noch immer über ihre Schreierei: »Plärr nicht so herum wegen der blöden Sau. Nachher bist froh, wenn es einen Schweinsbraten gibt. Wo soll der herkommen, wenn niemand eine Sau absticht?«

Das hat Karla auch eingesehen, und sie hat brav helfen wollen beim Sauputzen. Der Vater hat eine Kette unter die Sau im heißen Wasser gelegt, und zusammen mit der Mutter hat er die Kette hin- und hergezogen, damit die Borsten von der Schweinshaut heruntergehen.

Karla ist es vorgekommen, wie wenn sich das Schwein noch rührt. Sie hat ganz groß geschaut, wie sie gesehen hat, dass die arme Sau in dem siedenden Wasser noch zittert.

Da hat sie wieder zu schreien angefangen, weil sie hat denken müssen, wie weh dem Schwein das heiße Wasser und das Wundreiben mit der Kette tut.

Langsam ist der Vater wirklich grantig worden, weil er so eine zimperliche Tochter hat.

»Das sind nur mehr die Nerven. Du hast selber gesehen, wie die Mutter der Sau die Schlagader durchgeschnitten hat.«

Aber Karla hat nicht mehr auf den Vater gehört. Wo sie den Kälberstrick nicht mehr um den Bauch gehabt hat, ist sie auf und davon.

Da Karlas Geplärre im ganzen Dorf zu hören gewesen ist, sind die anderen Kinder gekommen und haben Karla ausgelacht, weil sie keine Nerven hat und einfach davonrennt, nur weil die Sau ein bisschen zuckt.

»Diese Karla«, hat der Nachbar-Franzi den Kopf geschüttelt. »Bei uns ist einmal eine Henne aus dem kochendheißen Wasser ausgesprungen, weil der Vater einen Schwips gehabt und schlecht gestochen hat. Dabei hat die blöde Henne die Mutter ganz vollgespritzt mit dem heißen Wasser. Jetzt macht es die Mutter selber. Sie schlägt den Hühnern gleich mit der Hacke den Kopf ab. Ich darf ihr immer helfen und das Hendl bei den Füßen halten.«

Den Nachbar-Manfred würgt es, wie sein Bruder die Hendlgeschichte erzählt. »Ich mag nicht halten«, erzählt er, »weil mich reckt es gleich, wenn der Kopf durch die Luft fliegt und das Hendl die längste Zeit auf dem Hackstock zuckt und mit den Flügeln schlägt!«

Mit einem Schabmesser hat die Mutter die Sau von den letzten Borsten gesäubert und mit Freude auf das blankgeputzte Vieh geschaut: »So schön glatt. Jetzt hat sie eine feine Haut wie ein Putzerl.«

Später, zum Schweinsbraten, hat der Vater die Karla wieder eingefangen, weil sie der Mutter helfen soll beim Darmputzen und Fettauslösen.

Der Vater zieht den Geruch von gebratenem Fleisch und Kümmel tief ein. Die Mutter stellt auch Karla einen großen Teller mit Fleisch hin. Aber Karla hört noch immer das Schreien und Röcheln. Keinen Bissen rührt sie an.

Der Vater steckt ein Stück nach dem anderen in den Mund. Das ganze Gesicht treibt er zum Kauen an, und an den Mundwinkeln rinnt das Fett herunter wie die Spucke bei Rolf seinen Lefzen, wie er noch gelebt hat.

Im Guten redet die Mutter auf Karla ein und sagt ihr, sie soll froh sein, dass es überhaupt Fleisch gibt, da, wo sie lebt. In anderen Ländern müssen die Kinder mit einer einzigen Schale voll Reis am Tag auskommen. Weil, dort gibt es keine Schweine.

»Ich hätt auch gern eine Schale Reis«, bittet Karla leise.

Da wird es dem Vater zu dumm. Er packt Karla beim Zopf und zerrt sie in den finsteren Schweinestall.

»Da, friss mit den Säuen, wenn dir unser Essen nicht gut genug ist.«

Der Vater sperrt den Schweinestall hinter Karla zu, und sie weint aus Furcht vor der Dunkelheit.

Der Vater vom Manfred hat den Kopf von seinem Buben beim Stubenfenster hinausgehalten und ihn an den Ohren gezogen, hat der Manfred nachher der Karla erzählt.

»Da, hör zu, wie die Karla weint. Wenn du nicht ordentlich isst, kommst auch in den Schweinestall«, hat der Vater vom Manfred gesagt.

Der Manfred hat gut zugehört und das Fett tapfer hinuntergewürgt. Aber nachher ist er in den Saustall speiben gegangen. Und der Manfred hat in den Sautrog gespieben, worauf die Schweine gleich gekommen sind und alles aufgefressen haben. Heimlich hat sich der Manfred gefreut, dass der Vater einmal das Fleisch einer Sau essen wird, die seine Speibe gefressen hat.

Karla hat sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt und geht die Schweine füttern. Wie sie es bei der Mutter gesehen hat, schüttet sie abwechselnd Mehl und Wasser in den Trog. Mit einem Stecken rührt sie um, bis ein Brei daraus wird.

Die Säue wollen sich gleich auf das Essen stürzen, aber Karla schimpft mit ihnen: »Ihr sündigen Säue. Zuerst wird gebetet.«

Sie deckt die Tröge mit Brettern und Eimern zu, faltet die Hände vor der Brust und spricht so langgezogen wie der Pfarrer: »Komm Herr Jesus, sei unser Gast. Segne, was du uns bescheret hast!«

Sie deckt die Tröge wieder ab, hockt sich zu jedem einzelnen Schwein und isst ein bisschen Brei mit.

Später, wie der Vater die Karla holen kommt, ist der Nachbar-Franzi bei ihm. Weil Karla ganz voll ist mit Mehl und ihr Mund mit Brei verschmiert, schüttelt der Franzi den Kopf: »Die Karla ist eine richtige Sau!«

Und der Vater hat einen Neid, weil er auch gerne einen Buben hätt, der sich was traut.

***

Seit der Herr Galopp aus Graz tödlich verunglückt ist, weil er beim Eierholen zuviel Most getrunken hat und wegen überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn abgekommen ist, haben Karlas Eltern einen neuen Eierabnehmer.

Schon beim ersten Handgeben kann Karla den Herrn aus Bärnbach nicht leiden. Er greift mit seiner kalten, dürren Hand nach ihren zaghaft hingestreckten Fingerspitzen und lässt sie nicht aus, bis es Karla selber ganz kalt wird. Sie sieht in das ausgemergelte Gesicht mit der Knollennase und auf den Mund, der ausschaut, als würd er dauernd Busseln geben.

Wie ein Clown sieht er aus, denkt Karla, aber sie kann nicht lachen. Sie verkriecht sich im hintersten Winkel der Stube. Dort hockt sie sich auf ihre Fersen und löst das Kreuzworträtsel in der »Neuen Illustrierten Wochenschau«. Am liebsten hat sie das »Dingi«, die Beilage der »Wochenschau« für jugendliche Leser. Da werden Sänger vorgestellt und manchmal auch Schlagertexte abgedruckt. Karla singt immer mit, wenn ein Lied aus dem »Dingi« im Radio gespielt wird.

Mit dem Rätsel muss sie sich beeilen, bevor die Mutter Zeit hat. Sonst löst sie alles weg, was Karla weiß.

»Stell das Radio leiser«, sagt die Mutter, als wär das Radio wegen Karla so laut. Dabei hört Karla gar nicht auf die Musik. Sie wartet nur auf ein bestimmtes Lied, ihr Lieblingslied, das sie nicht oft genug hören kann. Weil sie es auch selber singen möchte, schreibt sie am Text mit. Jedesmal, wenn sie hofft, dass es gespielt wird, schlägt sie ihr Liedheft auf und schreibt soviel mit, wie sie sich merken kann. Sie hat auch schon an die »Neue Illustrierte Wochenschau« geschrieben, dass sie den Schlagertext abdrucken sollen, aber bis jetzt war er noch nicht im »Dingi«. Irgendwann wird sie das ganze Lied mitgeschrieben haben und es selber singen können. Mit allen Strophen. Es ist von Karel Gott und heißt: »Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld, dass man keine Liebe und kein Glück versäumt.«

Den Refrain hat sich Karla schon gemerkt. Sie singt ihn auswendig und mit tschechischem Akzent, so wie ihr Vorbild.

Manchmal stellt sie sich auf den Stiegenaufgang vom Saustallboden, breitet die Arme aus, wiegt die Hüften und singt los. Drinnen schrecken die Schweine auf und starren Karla an. Sie lächelt und stellt sich vor, dass die Schweine ihre Fans sind, Lichter in der Hand haben und jubeln.

Bis dann die Mutter kommt, mit erhobenem Besen, und Karla droht, weil sie die Schweine untertags aufscheucht. Aber ihre Zuschauer haben längst geklatscht und Autogramme geholt.

»Karla, hol Most für unseren Gast!«

Karla fürchtet sich vor dem feuchten, finsteren Keller, der voll ist mit Ratten. Manchmal wehrt sie sich, sagt der Mutter, dass sie sich fürchtet. Aber heute geht sie lieber gleich. Wenn sie sagt, dass sie sich allein nicht in den Keller traut, will sie der Eierholer vielleicht begleiten, und vor dem dürren Clown im Keller fürchtet sie sich mehr als vor den Ratten.

»Siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig.« Karla zählt, damit sie nicht denken muss. Die Zeit vergeht langsam, während der Most in den Krug plätschert. Sie ist längst bei hundert, bis der Krug endlich voll ist. Sie schaut auf ihre Füße und kommt sich vor wie der Struwwelpeter. Nur hat sie statt der elendslangen Zehennägel Ratten an den Füßen. Von unten her fressen die Bestien Karla auf. Es beutelt sie vor Grauen. Mit dem vollen Mostkrug rennt sie so schnell aus dem Keller, dass die scharfen Spritzer ihre Schürze vollpatzen.

»Fünfhundertneunundzwanzig.« Sie atmet erleichtert auf und dreht den großen Kellerschlüssel zweimal um.

Karla bringt dem Gast ein Mostglas von der Kredenz und schenkt ein. Der Krug ist schwer. Etwas Most rinnt auf das geblümte Plastiktischtuch und verbreitet einen säuerlichen Geruch. Die Mutter sieht nicht her, weil sie gerade die Eier in Papplagen schichtet. Karla wischt die Lache mit dem Ärmel weg. Der Eierholer lächelt sie an. Karla lächelt nicht zurück. Sie verdrückt sich wieder im Tischwinkel. Verstohlen sieht sie zu, wie der Clown seine großen Lippen noch mehr kräuselt, und es sieht aus, als würde er den sauren Saft küssen und nicht trinken. Aber im Glas wird es weniger, und bei jedem Schluck hüpft der Adamsapfel vor Freude in den Halsfalten. Karla stellt sich vor, wie es wäre, wenn die Mutter in seine Gurgel stechen würd wie in den Sauhals vorige Woche. Ob da auch soviel Blut herausrinnen würd oder nur Most, der aus dem offenen Hals plätschert wie aus der Pipe im Keller.

Der Clown steht auf und zahlt der Mutter die Eier. Zum Aufwiedersehensagen muss Karla noch einmal aus ihrem Winkel kriechen und die Fingerspitzen hinhalten. Aber die eine Hand von Karla ist dem Mann nicht genug. Er greift auch nach der anderen, drückt die zwanzig Schilling, die er von der Mutter zurückbekommen hat, hinein und presst Karlas Finger zu einer Faust zusammen. Sie schaut abgestoßen auf seine Raubvogelsporen, mit denen er ihre beiden Hände abgegriffen hat.

»Sag danke«, hört Karla hinter sich die Mutter.

Sie bringt kein Wort über die Lippen.

»Rotzmensch«, faucht die Mutter.

»Ist schon gut«, der Eierclown aus Bärnbach lächelt Karla an, zeigt ihr, dass er den Dank nicht braucht.

»Sie bleibt ein Rotzmensch«, zischt die Mutter, so dass Karla die Feuchtigkeit von der Mutter ihrer Aussprache im Nacken spürt.

Die Mutter begleitet den Eierclown hinaus.

Karla legt den Zwanzig-Schilling-Schein auf den Tisch und wischt die Hände fest an der Schürze ab.

Wie die Mutter zurückkommt, greift sie nach dem Besen. Aber Karla ist geschickt. Flink kriecht sie unter die Eckbank und kauert sich zu einem unscheinbaren Häufchen zusammen. Die Mutter kniet nieder und stößt mit dem Besen nach ihr.

»So freundlich war der Herr. Gibt dir Geld, und du kannst nicht einmal danke sagen. Gib’s sofort her, du hast’s nicht verdient!«

»Es liegt auf dem Tisch«, ruft Karla aus dem verstaubten Winkel. Wie die Mutter zum Stoßen aufhört, weil sie nach dem Geld schaut, fängt Karla laut zu singen an: »Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld, dass man keine Liebe und kein Glück versäumt.«

Eine Woche darauf wird die Mutter in die Schule gerufen. Karla weiß nicht warum. Sie weiß nur, dass es eine Schande ist, wenn die Eltern außerhalb des Sprechtags kommen müssen. Sosehr Karla auch nachdenkt, sie kann sich nicht erinnern, was sie angestellt hat.

Während der Deutschstunde, Karla schreibt gerade einen Aufsatz, kommt der Schuldiener und führt sie zum Direktor. Sie hat noch nie zum Direktor müssen. Trotzdem fürchtet sie sich vor ihm, weil er immer mit den Kindern schreit, wenn er auf den Gang oder in die Klasse kommt. Karla schreckt richtig zusammen, wie der Schuldiener die Tür zum Direktorzimmer aufmacht und sie hineinschubst.

Die Mutter steht neben dem Direktor und hält ihr mit zusammengekniffenen Lippen die Zeichnung aus der letzten Malstunde hin.

Karla sagt kein Wort.

»Was soll die Schweinerei«, fährt es aus der Mutter heraus. Dann kneift sie die Lippen wieder zusammen, dass ihr Mund aussieht wie das Arschloch von der Alma, der Lieblingskuh von der Karla. Sie muss heimlich lachen und schaut sich um, ob es im Direktorzimmer einen Besen gibt. Wenn sie der Mutter sagen würd, dass sie gerade daran denkt, dass ihr verkniffener Mund wie das Arschloch von der Alma aussieht, würd sie gleich mit dem Besen nach der Karla stoßen.

»Schau mich an, wenn ich mit dir red und sag, was diese Schweinerei soll«, zischt die Mutter wie übergegangene Milch auf der Herdplatte.

Karla zuckt mit den Schultern. Sie hat den Eierclown gezeichnet. Beim Sauabstechen. Aus seinem Hals rinnt Blut, weil die Mutter grad hineinsticht, und der Vater haut ihm mit der Hacke auf den Kopf.

Daneben hat sich Karla selber gezeichnet, wie sie am Baum festgebunden ist, weil sie der Vater angebunden hat, damit sie nicht immer wegrennt beim Abstechen. Eigentlich wollte Karla zeichnen, wie zu Hause Sauabgestochen wird. Das Thema war: »Meine Eltern, die Arbeit und ich.« Aber sie hat die Sau nicht zeichnen können, die hat ihr so leid getan, und ihr Röcheln hört sie heute noch. Aber der Eierclown tut ihr nicht leid. Den können sie ruhig abstechen.

»Frau Krainer, wie kommt Ihre Tochter auf so was?« Der Direktor ist seltsam ruhig, lässt lieber die Mutter schreien. Dieser mächtige Mann mit dem dicken Bauch und einer Nase wie der Henkel von einem Mostkrug, ist Karla unangenehmer, wenn er leise ist, wie wenn er poltert. Die Mutter hebt und senkt in einem fort die Schultern wie ein Hendl, das Anstalten macht, über den Zaun zu flattern.

»Keine Ahnung, wo sie das her hat. Sie war immer schon ein schwieriges Kind.«

Karla möchte in die Deutschstunde zurück. Zu ihrem Aufsatz. Es hat noch nie jemand geschimpft über das, was sie geschrieben hat.

Daheim wartet die Mutter schon mit dem Besen. Aber Karla hat Glück. Wie sie sich gerade im Winkel von der Eckbank verdrückt und die Mutter nach ihr stoßen will, kommt die Schober Anni und schaut ganz verschreckt.

»Geh nie mehr zum Schelm Toni telefonieren«, warnt die Anni die Mutter.

Rückwärts wie ein Bachkrebs kriecht die Mutter unter dem Tisch hervor und fragt ächzend, während sie sich aufrichtet: »Wieso? Was ist denn los?«

Die Anni deutet auf Karla im Winkel und meint, sie will nicht reden neben dem Kind.

»Karla, verschwind sofort hinaus, sonst stamper ich dich«, befiehlt die Mutter scharf.

»Nein, dann schlagst du mich.«

»Deine Schläg kriegst später, vom Vater.«

Langsam rutscht Karla unter dem Tisch hervor und geht artig hinaus. Draußen stellt sie sich unter das offene Fenster und hört zu, was die Anni der Mutter zu erzählen hat.

Die Anni schnauft wie eine Kuh beim Kalben, so aufgeregt ist sie: »Stell Dir vor, der Toni hat gesagt, es hätt meine Mutter angerufen, weil die ist jetzt auf Erholung wegen ihrem Kreuz. Und ich soll zu ihm kommen, in einer halben Stund ruft sie noch einmal an. Und wie ich hingegangen bin, ist die Kathi nicht dagewesen, und die Kinder waren auch nicht da. Ganz allein war der Toni daheim und hat sich draufgelegt auf mich und mich herpackt, dass es ärger nimmer geht.«

»Um Gottes Willen«, hört Karla die Mutter.

Um Gottes Willen, denkt sich auch Karla und versteht nicht, warum der dicke Toni mit seinen hundertzwanzig Kilo gerade über die dünne Anni herfällt. Er hat doch selber eine viel robustere Frau. Lustig kann es für die Schelm Kathi zwar auch nicht sein, als Matratze für den Toni herhalten zu müssen, aber die Kathi überlebt sowas noch eher als die Anni, weil die Anni so zart und schmächtig ist. Wenn sich der Toni auf sie drauflegt, ist das wie eine Hundertzwanzigkilobettdecke.