image
image

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.langen-mueller-verlag.de

Homepage der Autorin:

www.Gertrud-Zelinsky.de

© für die Originalausgabe: 2012 LangenMüller in der
F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
© für das eBook: 2012 LangenMüller in der
F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
Umschlagmotiv: Shutterstock Images
Herstellung und Satz: Ina Hesse
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-7844-8091-6

Allen Tierfreunden

Bilder/image.jpg

Das Haus, in dem ich wohne, ist ein über 200 Jahre altes Barockhaus und wird Prinzessinnenhaus genannt. In all den Jahren gingen viele Menschen darin aus und ein. Es hat auch einmal eine wirkliche Prinzessin darin gewohnt. Sonst waren es stets bürgerliche Personen, die dort lebten.

Mit dem Einzug der Katzen gab es wieder andere Hoheiten in den historischen Mauern, die auf vielfältige Weise von sich reden machen.

Bilder/image.jpg

Das Telefon klingelte, die Nachbarin lud mich zum Tee ein. Ich freute mich, bat sie aber, ihre Katze doch von mir fernzuhalten. Ich hatte keine Beziehung zu Katzen – ich bin mit Hunden groß geworden – außerdem hatte ich Angst vor ihnen, hatte ich doch alle gängigen Vorurteile übernommen, dass Katzen falsch seien, dass sie Unglück brächten – ganz besonders die schwarzen. Und was ich als besonders schlimm empfand: Katzen seien grausame Vogelfänger und würden unsere wunderbaren Singvögel jagen, mit ihnen spielen und sie vor die Haustür legen. Mit den niedlichen Mäusen trieben sie ebenfalls ein ganz besonders gemeines Spiel, bis diese endlich tot seien – also, ich hatte keine Lust auf Katzen, auch nicht auf die Siamkatze meiner Nachbarin.

Der Teenachmittag verlief etwas anders, als ich es mir vorgestellt und auch gewünscht hatte. Die Katze der Nachbarin war natürlich nicht irgendwo weggesperrt, sie sprang mir sofort auf den Schoß, als ich mich noch nicht einmal richtig gesetzt hatte, und fing laut an zu schnurren. In höchster Gereiztheit saß ich da und wäre am liebsten wieder nach Hause gegangen. Mir fiel im Traum nicht ein, diese Katze zu streicheln oder nur etwas Nettes zu ihr zu sagen. Ich versuchte sie zu ignorieren – die Katze blieb trotzdem völlig entspannt auf meinem Schoß sitzen und schnurrte behaglich vor sich hin. Mir schien, als würde das Schnurren immer lauter. Je wohler sie sich fühlte, desto unwohler wurde mir dabei.

So war der Nachmittag eher eine Tortur für mich, obwohl mir die angeregte Unterhaltung mit der Nachbarin sehr gefiel.

Zwei Stunden lang saß die Katze auf meinem Schoß und himmelte mich an, indem sie nicht aufhörte zu schnurren.

Als ich mich dann verabschiedete, sagte die Nachbarin zu mir: »Sie sind ein Katzenmensch, die Katze hat es Ihnen gesagt, Sie wissen es nur noch nicht.« Ich dachte mir meinen Teil und zog mich in meine vier Wände zurück. Wie schön! Hier war keine Katze! Ich werde mir einen Hund in mein Leben holen, mit dem ich wenigstens sprechen kann, und er versteht mich auch. Was soll ich mit einer Katze? Ich ein Katzenmensch! Blödsinn!

Bilder/image.jpg

Es vergingen einige Wochen. Die Nachbarin und ich trafen uns immer mal wieder auf der Straße, wir unterhielten uns über alles und jeden – über Katzen oder gar Katzenmenschen sprachen wir jedoch nie.

Während dieser Zeit reifte in mir die Idee, einen Hund aus dem Tierheim zu holen. Gedanklich beschäftigte ich mich bereits mit einem neuen Hausbewohner, einem geliebten Familienmitglied namens Caesar oder Rex. Daraus wurde nun nichts.

Eines Tages eröffnete mir die Nachbarin voller Begeisterung, dass ihre Katze Junge bekäme. Im Stillen fragte ich mich, warum sie das gerade mir erzählte. Mir! Wo sie doch ganz genau wusste, wie sehr ich mich beim bloßen Anblick eines Katzentieres innerlich schon sträubte. Das war nur das Vortasten der Nachbarin, denn in Wirklichkeit waren die Katzenkinder schon geboren …

Ob ich sie mir nicht anschauen möchte, wurde ich später liebenswürdig gefragt. Und da ich nicht unhöflich sein wollte, habe ich mir die kleinen Katzen angeschaut.

Kennen Sie das Gefühl, wenn sich in Ihrer Seele etwas bewegt, wenn sich auf einmal etwas verändert, wenn Sie noch gar nicht so recht wissen, was da mit Ihnen geschieht?

Und dann macht es klick. Sie geben sich plötzlich einer Regung hin, und alle Vorsätze, alle festgefahrenen Meinungen sind vergessen. Ich spürte das und habe mich sehr über mich gewundert. Diese liebreizenden Geschöpfe, die hilflos, noch mit geschlossenen Augen, die ersten Gerüche ihres Erdendaseins aufnahmen, den unverwechselbaren Geruch der Mutter, haben sich in mein Herz geschlichen, um in mir für alle Zeiten eine große Liebe zu Katzen zu erwecken. Noch wollte ich mir und der Nachbarin aber nicht eingestehen, dass es klick gemacht hatte. Ich wollte wenigstens ein ganz klein wenig vernünftig sein und eine oder auch mehrere Nächte darüber schlafen. Denn insgeheim hatte ich mir einen kleinen, pechschwarzen Kerl schon ausgeguckt, für den Fall, dass die Kleinen abgegeben würden.

image

Auf einmal änderte sich das Bild, das ich gerade noch betrachtete: Vor mir erschien ein schwarzer, stolzer Kater mit grünen Augen, der über die Blumenwiese meines Gartens direkt auf mich zukam, miaute und so laut schnurrte, dass ich aus meinem Tagtraum erwachte. Nun war ich wieder zurück bei der jungen Katzenfamilie. Ich war ganz in der Gegenwart, und ihr Anblick löste in mir wahres Entzücken aus. Die Mutterkatze – im Mutterglück nicht zu überbieten – lag ausgestreckt, ihre Zitzen für ihre Kleinen anbietend, laut schnurrend im Wurfkorb. Die vier Kinder, schwarz und bunt und mollig, nahmen das Angebot an und konnten nicht genug bekommen.

Aber wie sahen die Kleinen denn aus? Hatte sich die rassige, stolze Siamkatze mit einem gemeinen Straßenkater eingelassen? Eine Mesalliance im Katzenreich? Aber spielte das überhaupt eine Rolle, wenn das Ergebnis so gelungen ist? Es spielte keine Rolle. Daher konnten die kleinen Bastarde jeglicher Zuwendung und Liebe sicher sein.

Im Laufe der kommenden Tage besuchte ich die Katzenkinderstube immer wieder – was schon auffällig war – und bemerkte so nebenbei, dass mir der Schwarze – oder die Schwarze sehr gefiele. Bald war es für die Nachbarin nicht mehr schwer, eins und eins zusammenzuzählen, und sie versicherte mir, dass ich das Kätzchen bekäme, sobald die Mutter ihre Kleinen nicht mehr säugte.

Bilder/image.jpg

Dann war es so weit. Eine kleine schwarze Katze hielt Einzug in mein Leben! Es war das Katerchen, was ich bereits in mein Herz geschlossen hatte. Ich nannte ihn Othello. Der Name des Titelhelden in Shakespeares Drama hatte es mir seit meiner Jugend angetan. Er gefiel mir, weil man ihn so klangvoll aussprechen konnte. Einen Hund hätte ich auch so genannt, und deshalb war es naheliegend, dass mein Kater nun diesen schönen Namen tragen sollte.

Fürs Erste bekam ich wertvolle Tipps von der Nachbarin, welche Bedürfnisse ein solches Wesen hätte und wie ich mich als Mensch ihm gegenüber verhalten sollte.

Ich hatte selbstverständlich schon alles, was an Katzenbüchern auf dem Markt zu bekommen war, gekauft, um mich schlauzumachen. Denn eines war klar, nichts, aber auch gar nichts wollte ich falsch machen. Dabei hätte ich nur meinem kleinen Liebling in die Augen schauen sollen – die hätten mir vieles gesagt, was ich in den Büchern bestätigt bekam und mich in meinem Verhalten von Tag zu Tag sicherer machte.

Trotzdem, ich musste noch lernen. Doch dieses Lernen war reines Vergnügen, denn ich hatte mich in meinen Lehrmeister verliebt, in diesen Kater, der mir ein Leben zeigte, was ich bisher nicht so kannte. Wenn er entspannt, ausgestreckt zu seiner ganzen noch kleinen Länge auf einem Stuhl lag – am liebsten natürlich auf einem meiner weichen Pullover – und schnurrte oder schlief oder nur mich beobachtete, spätestens dann wusste ich, dass diese Ruhe auch in mir eingekehrt war.

Bilder/image.jpg

Mit Othello habe ich eine große Liebe zu Katzen entwickelt, habe meine Beobachtungen über diese herrlichen Tiere begonnen. Er hat mich teilhaben lassen, ja mich hinein genommen in die geheimnisvolle Welt der Katzen, hat mir vieles gezeigt, mich aufmerksam gemacht auf ihr ganz besonderes Verhalten. Die Faszination Katze hat mich in meinem Leben nicht mehr losgelassen.

Der Bügelkorb wuchs an ins Unermessliche. Schnellkochen war angesagt. Die Hausarbeit konnte warten. Es gab nur ein Thema im Haus – Othello.

Othello hier, Othello da! Wir beide waren immer zusammen. Er ließ mich nicht aus den Augen und ich ihn nicht. Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause kam, stand Othello auf der letzten Stufe der Treppe, die ins Obergeschoss führt, und lugte neugierig, aber vorsichtig hinter der Wand hervor. In dem Augenblick, in dem er mich erkannte, kam er mit hochgerecktem Schwanz auf mich zu, strich mir genüsslich um die Beine und bedeutete mir: »Nimm mich auf den Arm.« Nichts lieber als das.

Ich ließ meine Aktentasche einfach fallen, genoss die ersten Augenblicke des Wiedersehens und bekam die schönste Musik, die es gibt, ins Ohr geschnurrt. Unvergessliche Augenblicke für jeden Menschen, der Katzen liebt. Dann wollte er spielen und toben. Natürlich, er hatte die ganze Zeit geschlafen, während ich außer Haus arbeitete. Damals waren meine Nächte bedenklich kurz, denn das Spielen mit Othello erschien mir weitaus köstlicher und erholsamer als zu schlafen. Wenn ich mich aber dann doch vom Schlaf übermannt ins Bett legte, konnte ich sicher sein, dass Othello nur darauf wartete, bis ich mich zudeckte und er sich wie ein Pelzkragen an meinen Hals schmiegen konnte und mir ein Schlaflied schnurrte. Wie ich das genoss! Nie zuvor hatte ich so wunderbar geschlafen.

Wenn Othello majestätisch durch den Garten schritt, dann erinnerte ich mich an meinen Tagtraum, damals, als ich bewundernd vor der Katzenkinderstube stand und mir in meinen Gedanken ein ausgewachsener, schwarzer Kater entgegenkam.

Othello erwies sich als sensibler Freund, wenn ich Migräne hatte und mit einem nassen, kalten Waschlappen auf der Stirn im abgedunkelten Zimmer leidend auf dem Bett lag.Er schmiegte sich dieses Mal nicht wie ein Pelzkragen an meinen Hals, er legte sich ans Fußende, um mich von da mitfühlend zu betrachten. Das konnte über Stunden so gehen. Wenn ich mich dann endlich wieder aufrichtete, zwar immer noch schwach, blieb Othello noch ein paar Minuten liegen – er konnte ja nicht wissen, ob die Prozedur nicht wieder von vorne beginnen würde. Denn das hatte er auch schon erlebt und sich enttäuscht wieder zu meinen Füßen niedergelassen. Wenn er aber merkte, dass das Leiden ein Ende hatte, machte auch er sich auf den Weg, um sein Kistchen aufzusuchen. Anschließend musste Othello sich ausgiebig am Fressnapf stärken.

image

Mein Kater war nicht nur mitfühlend, sondern auch ein schlaues Kerlchen, denn zu der Zeit, als er mein Leben mit seiner Einzigartigkeit bereicherte, habe ich meine Haare nach dem Waschen noch auf Lockenwickler gedreht und mich im Schlafzimmer unter die Trockenhaube gesetzt. Othello saß natürlich auf meinem Schoß. Alles war wie immer, friedlich und ruhig. Die Trockenhaube surrte monoton vor sich hin. Doch einmal – was hatte Othello nur? Er sprang von meinem Schoß, lief zum Nachttisch, auf dem das Telefon stand, kam wieder zurück. So ging das mehrmals hin und her. Bis ich endlich reagierte und die Haube ausschaltete. Da erst hörte ich das Telefon klingeln. Zum Glück hatte die Anruferin noch nicht aufgelegt.

Othellos Neugier hat mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht. Wenn Gartenarbeit anstand, wenn ich Gummistiefel und Gartenhandschuhe anzog, Gerätschaften wie Rechen, Spaten und Hacke bereitstellte, tänzelte er unruhig um mich herum. Er konnte es kaum erwarten, bis er mich in den Garten begleiten und mir beim Umgraben und Unkrautjäten zuschauen konnte. Was nicht ohne Probleme war, denn er kam mit seinem schwarzen Näschen verdächtig nah an den Spaten oder die Hacke heran, so dass ich sehr aufpassen musste, ihm nicht wehzutun. Wenn aber dann die Erde ausgehoben und ein kleines Erdloch entstanden war, sprang er sofort hinein, um zu begutachten, ob ich auch alles richtig gemacht hätte. Ab und zu konnte es auch passieren, dass ihm die lockere Erde gerade recht und gut genug war, um ein Pfützchen hineinlaufen zu lassen.

Sein Spieltrieb machte auch nicht vor den Bändern meines Negligés halt. Mit großem Vergnügen nestelte er an ihnen, kaute auf ihnen so lange herum, bis er ein Band abreißen konnte und es dann im Schnäuzchen stolz durch die Wohnung trug, es überall ablegte, um dann wieder damit zu spielen. Bald aber brach sein Ordnungssinn durch, und ich fand das Band auf meinem Bett wieder. Irgendwie hat er es im Zusammenhang mit Schlafen, Nachthemd und Bett gesehen. Das Nachthemd mit dem abgekauten Band habe ich noch – als Erinnerungsstück an Othello.

Othello und ich, ich und Othello – ein tägliches, unbeschwertes Beieinandersein.

Aber einmal hatten wir beide ein aufregendes Erlebnis:

Ich hatte Othello auf dem Arm und war dabei, mit ihm die Treppe hinauf in die erste Etage zu gehen. Ihm gefiel, dass er auf meinem Arm sein durfte, und mir natürlich auch. Zufrieden schnurrte er vor sich hin. Doch ein Düsenjet durchbrach gnadenlos diese Idylle. Mit einem ohrenbetäubenden Lärm tobte er über unserem Haus hinweg.

Othello erschrak so heftig, dass er in seiner Angst versuchte, sich in meinem Gesicht festzukrallen, was natürlich nicht ohne Folgen war. Ich konnte dem Kerlchen nicht böse sein, im Gegenteil, er tat mir leid, weil er sich so erschreckt hatte. Glücklicherweise sind keine sichtbaren Narben geblieben. Aber für eine Zeit sah ich schon so aus, als hätte ich einen rabiaten Angreifer gehabt.

Bilder/image.jpg

Ich konnte mich nicht sattsehen an diesem Wunder der Natur: Katze. Diese Eleganz, diese harmonischen Bewegungen, diese Anmut – eine Augenweide. Wenn sie sich putzt, sich stundenlang ihrem ganz eigenen Ritual hingibt, dann gibt es nichts, was so beruhigend auf den Beobachter wirkt, als ihr zuzuschauen. Sie lässt sich dabei nicht stören. Niemals. Da kann man noch so verführerisch mit Futter oder Katzenmilch locken, mit Flötentönen sie umschmeicheln – die Katze ist mit sich und der Reinigung ihres Fells beschäftigt, und das nimmt sie sehr ernst.

Die Selbstständigkeit der Katze fasziniert. Ihr ist gegeben, eigene Entscheidungen zu treffen und ihren Willen durchzusetzen. Ihr Instinkt ist beispiellos. Die Katze ist eine Persönlichkeit eigener Prägung. Eine Katze zu beobachten, ist ein Erlebnis – was immer sie gerade auch macht: ob sie spielt, ob sie auf der Fensterbank aufgeregt sitzt und eine Fliege im Blick hat, ob sie mit hocherhobenem Schwanz die Welt zu der ihren macht, ob sie genüsslich um die Beine ihres Frauchens oder Herrchens streicht, ob sie manierlich niederhockt und frisst, fein säuberlich ihr Wasser trinkt oder ob sie auf einen gewohnten und geliebten Schoß springt und sich gemütlich niederlässt. Damit nicht genug, die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen: ob sie zielstrebig das Haus verlässt, um Neues zu erkunden und zu entdecken oder Bekanntes wiederzusehen, wie sie vorsichtig, ja fast ängstlich Gegenstände im Haus in Augenschein nimmt, die ihr fremd sind – besonders Kabel und Schnüre, wie sie leichtfüßig, fast schwerelos mit einem Sprung Höhen überwindet, die ein Vielfaches ihrer Körpergröße ausmachen, ob sie ihren Unwillen kundtut und mit dem Schwanz hin- und herschlägt und je nach Grad der Erregung dies mit Fauchlauten begleitet. Ob sie mit geschlossenen Augen und eingezogenen Pfötchen ihr absolutes Wohlbefinden zeigt, meditierend ihre innere Welt betrachtet – überhaupt ist für mich die Katze die Erfinderin der Meditation. Ob sie ihre Schnurrhaare ganz nach vorne stellt und uns damit ihre gute Laune mitteilt.

Die Katze ist in jeder Situation unvergleichlich. Wenn sie auf irgendeiner Unterlage, die ihr in dem Augenblick angenehm ist, schläft, bleibt sie das großartige Wesen, ja selbst dann ist die Katze in ihrer Anmut nicht zu überbieten. Wenn sie nach Stunden aus ihren Träumen erwacht, sich zu recken und zu strecken beginnt, sie das ganze Ritual in einem Katzenbuckel beendet, dann möchten wir es der Katze gleichtun, uns auch so recken und strecken und mit einem Buckel unsere Wirbelsäule entspannen.

Der Beobachter gerät bei allem ins Schwärmen und kann sich kaum von diesem Anblick trennen.

Katzen lieben auch Blumen. Meine Katzen lieben es, auf einem Tisch unter einem Blumenstrauß zu sitzen, das Köpfchen zu heben und so zu tun, als genössen sie den Duft der Blüten. Oder sie setzen sich unter einen Strauch im Garten, der gerade in voller Blüte steht. Für mich bleibt bemerkenswert, dass sie sich immer dort aufhalten, wo sie betörender Blütenduft umgibt.

Genauso lieben sie aufgespannte Regenschirme, die im Hausflur zum Trocknen stehen. Kaum habe ich, wenn ich nach einem Regenguss von der Stadt nach Hause komme, den Schirm aufgespannt am Boden gelassen, kann ich ganz sicher sein, dass in den nächsten Minuten eine Katze daruntersitzt. Ähnlich verhält es sich, wenn eine meiner Katzen eine leere Pralinenschachtel erspäht, dann muss sie sich unbedingt hineinschneckeln, auch wenn der Karton noch so klein ist. Jede Schachtel bietet die Möglichkeit, sich zu kuscheln. Das muss der Katze ein großes Vergnügen bereiten.

Die Teppiche auf dem Fußboden sind ein beliebtes Versteck. Die Katzen schieben sich darunter und kriechen »unterirdisch« mit dem Teppich durch die Wohnung, oder es schaut nur die Schwanzspitze irgendwo hervor oder das Köpfchen mit den belustigten Augen: »Gell, da staunst du, was ich mit deinem Teppich alles machen kann.«

Für mein langes Sitzen am Computer habe ich mir einen Fußsack zugelegt, der meine Füße wärmt. Es denkt sich so schlecht mit kalten Füßen und Beinen. Dieser Fußsack erfreut sich großer Beliebtheit auch bei meinen Katzen. Immer schlüpft eine in den Sack, ist oft kaum noch auszumachen und hält ausgiebig Mittagsschlaf.

Ich muss aufpassen, dass ich nicht einfach den Sack benutze, während er bereits besetzt ist.

Oft passiert es mir, dass ich laut nach den Katzen rufend durch den Garten gehe und mich sehr wundere, dass sie nicht aus irgendeinem Strauch, hinter einer Hecke oder über den Rasen gelaufen kommen. Immer wieder falle ich darauf herein und freue mich, wenn ich ein leises »Mi« und noch mal »mi« höre – es ist kein ganzes Miau –, das mir sagt: Was rufst du denn so laut durch den Garten, da bin ich doch. Mit einem freundlichen, aber verschlafenen Gesichtchen werde ich dann angeschaut, die Äuglein fallen wieder zu, und es wird weitergeschlafen. In einem unbeobachteten Augenblick hatte sich die Katze ins Haus geschlichen und sich zur Ruhe begeben. Das ganze Haus steht den Katzen zur Verfügung. Am liebsten habe ich sie alle wie eine Familie um mich herum. Ein Leben ohne sie kann ich mir nicht mehr vorstellen.

Bilder/image.jpg

Othello hatte mich verzaubert. Ich war auch fest davon überzeugt, dass er mich mochte. Trotzdem wollte ich ihm eine hübsche Katzendame zur Unterhaltung ins Haus holen, denn ich war ja den ganzen Tag nicht da. Die Freundin einer Freundin züchtete Siamkatzen. Da kam mir die Überlegung gleich in den Sinn – Othello bekommt als Freundin eine Siamkatze.

Tosca kam ins Haus. Ich liebäugelte mit dem Gedanken, Othello und Tosca könnten Nachwuchs bekommen, kleine Katzen, die wie Siamkatzen aussehen. Aber das war nur eine Wunschvorstellung, denn ich wusste ja, dass es viel zu viele Katzen und dadurch viel zu viel Katzenelend gibt mit herumstreunenden Katzen, und diesem Elend wollte ich nicht Vorschub leisten.

Tosca und Othello waren ein hübsches Paar, fraglos. Aber eines Tages brachte ich beide zum Arzt, die Vernunft setzte sich durch.

Kaum vom Eingriff genesen, durchstreiften sie den nahen Wald, machten die Vögel nervös, was ganz unnötig war, denn Othello und Tosca hatten es nicht auf sie abgesehen. Beide waren Meister im Mäusefangen. Und mit der größten Selbstverständlichkeit, denn sie wussten genau, dass ich zu ungeschickt bin, um mir eine Maus zu fangen, brachten sie mir abwechslungsweise Mäuse mit nach Hause, legten sie mir zu Füßen und blieben beharrlich so lange vor mir sitzen, bis ich sie gelobt und die Maus als Geschenk anerkannt hatte.

So erlebten wir drei über einige Jahre ein fröhliches Miteinander, bis Tosca erkrankte. Sie litt still vor sich hin, war tapfer, wenn wir beim Tierarzt waren, und wurde von Tag zu Tag weniger. Othello war ratlos und konnte zunächst nicht verstehen, warum seine Freundin nicht mehr mit ihm den Garten durchstreifte. Als dann aber Tosca starb, trauerte auch er und zog sich still zurück. Von dem Tag an hat Othello nicht wieder geschnurrt. Auch nicht, wenn er bei mir im Bett lag.

Tosca hat im Garten ein Grab bekommen. Die Trauer um dieses Tier war neu in meiner Gefühlswelt. Hatte ich doch noch nie erlebt, dass ich mich von einem geliebten Katzentier verabschieden musste. Als unser Hund Larro, ein roter Cockerspaniel, vor vielen Jahren gestorben ist – er lief aus dem Haus auf die Straße direkt in ein vorbeikommendes Auto –, war ich jung, fast noch ein Kind. Ich musste mit ansehen, wie er überfahren wurde. Aber das Schicksal war gnädig, Larro war nicht sichtbar verletzt. Natürlich haben wir Kinder unseren Hund mit allen Ritualen beerdigt und unseren toten Freund sehr beweint. Larro bekam auch ein Kreuz auf sein Grab, auf dem sein Name stand. Oft gingen wir hin und blieben eine Weile.

Sosehr der Schmerz damals auch war – ich kann mich noch gut an meine Gefühle erinnern –, der Schmerz war anders. Es war die Trauer einer Kinderseele, die sich ganz einer Kreatur geöffnet hatte, ihr alles erzählte. Es war der Schmerz um einen Freund, der immer zugehört hatte. Und was ganz entscheidend war, keiner von uns wurde gefragt, ob wir Larro sterben lassen müssen. Er war tot, es gab keine Alternative.

image

Jetzt bei Toscas Tod musste ich mich einer Gewissensfrage stellen, die ich zu beantworten und zu verantworten hatte: Darf ich darüber entscheiden, ob das Tier jetzt sterben soll oder nicht? Das Leben von Tosca lag in meinen Händen. Was war hier das Entscheidende: Mein geliebtes Tier von seinen Leiden zu erlösen oder ich will das Tier noch behalten, egal wie es ihm geht, ich will es noch nicht hergeben. Ich musste mich für das Tier und gegen mich entscheiden. Etwas anderes gab es nicht. Ich bin nicht wichtig – wichtig ist, dass Tosca nicht mehr leiden musste.

Aber es war schwer. Ich konnte es mir nicht erklären, warum das so wehtat. Warum das so ein Schmerz ist, wenn man ein geliebtes Tier verliert. Und all die kommenden Jahre, die vielen, in denen ich vierbeinige Hausgenossen hatte, wurde dieser Schmerz nicht geringer, wenn ich mich wieder von einem Liebling verabschieden musste.

Bilder/image.jpg

Die Katze der Nachbarin bekam Junge. Das Nächstliegende war, dass Othello wieder eine Freundin bekommen sollte. Von den Katzenkindern, die aufs Neue im Nachbarhaus für Abwechslung sorgten, kam ein kleines Kätzchen zu Othello und mir, Mimi genannt. Mimi war auch pechschwarz wie Othello, hatte aber die schlanke Gestalt einer Siamkatze. Die beiden freundeten sich schnell an und erheiterten mich mit ihren lustigen Bocksprüngen im Garten.

Als sie einmal genüsslich auf der Gartenbank in der Sonne lagen, die Pfötchen eng ineinander verschlungen, hörte ich ein leises Schnurren. Ich glaubte Mimi zu hören, hoffte aber insgeheim, Othello vermisste Tosca nicht mehr so sehr und könnte auch wieder schnurren. Ich ging näher zu den beiden und war ein wenig enttäuscht, denn es war Mimi, die Othello ins Ohr schnurrte. Ich stellte die Gießkanne ab und setzte mich zu ihnen. Mimi schnurrte ohne Unterlass. Das musste Othello so wunderschön in seinen Katzenohren geklungen haben, dass er auf einmal – als hätte jemand einen Schalter umgelegt – auch zu schnurren begann.

Bilder/image.jpg

Obwohl die gegenseitige Wiedersehensfreude groß war und ich die Zeit mit meinen Eltern sehr genießen konnte, war da doch immer ein kleiner Schatten auf dem Glück: Mein Vater war kein Freund von Katzen, auch nicht von meinen. Er liebte Vögel, hat mich und meine Schwestern, wenn er Heimaturlaub bekommen hatte, die Vogelstimmen zu unterscheiden gelehrt, er hat uns Bilder der Vögel gezeigt, deren Singen wir hörten, sie aber nicht sehen konnten. Unvergessen für mich das Trällern und Jubilieren des Pirols.