Cover

Jess Walter

Schöne Ruinen

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Friedrich Mader

Karl Blessing Verlag

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Titel der Originalausgabe:
Beautiful Ruins

Originalverlag: HarperCollins

Der Text auf den ersten beiden Seiten des Kapitel 16
wurde leicht abgewandelt übernommen aus:

Arthur Miller: Nach dem Sündenfall.

In: Ders: Nach dem Sündenfall. Zwischenfall in Vichy. Zwei Dramen. Frankfurt am Main, Fischer Bücherei 866, S. 81.

1. Auflage 2013 by Jess Walter

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Karl Blessing Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur,

München – Zürich

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-10253-1
V003

www.blessing-verlag.de

Für Anne, Brooklyn, Ava und Alec

Die alten Römer bauten ihre größten
architektonischen Meisterwerke, um darin wilde Tiere
kämpfen zu lassen.

Voltaire, Sämtliche Briefe

CLEOPATRA: Ich mache die Liebe niemals zu meinem Herrn.

ANTONIUS: Dann wirst du keine Liebe haben.

Aus dem Katastrophenfilm Cleopatra von 1963

[Dick] Cavett führte seine vier großen Interviews
mit Richard Burton 1980 … Burton, damals vierundfünfzig und bereis eine schöne Ruine, war absolut faszinierend.

Louis Menand, »Talk Story« in New Yorker, 22. November 2010

1

Die todkranke Schauspielerin

April 1962

Porto Vergogna, Italien

Die todkranke Schauspielerin erreichte sein Dorf auf dem einzigen direkten Weg: in einem Motorboot, das in die Bucht steuerte, am Steindamm vorbeischlingerte und gegen das Ende des Piers rumpelte. Nach einem Augenblick des Zögerns streckte sie im Heck des Boots eine schlanke Hand aus, um nach der Mahagonireling zu greifen; mit der anderen hielt sie den breitkrempigen Hut auf ihrem Kopf fest. Überall um sie herum zerbrach das Sonnenlicht in flackernde Scherben.

Zwanzig Meter entfernt beobachtete Pasquale Tursi die Ankunft der Frau wie in einem Traum. Oder vielmehr, wie er später denken sollte, im Gegenteil eines Traums: einer Entladung von Klarheit nach einem Leben im Schlaf. Pasquale richtete sich auf und unterbrach seine Tätigkeit, die in diesem Frühjahr wie üblich in dem Versuch bestand, unterhalb der Pensione seiner Familie einen Strand anzulegen. Bis auf Brusthöhe im kaltenLigurischen Meer stehend, ließ Pasquale katzengroße Steinbrocken fallen, um den Wellenbrecher zu verstärken, damit das Wasser nicht seinen kleinen Haufen Bausand wegspülte. Pasquales »Strand« war nur so breit wie zwei Fischerboote, und der Grund unter der dünnen Sandschicht bestand aus schartigem Fels. Trotzdem war es die größte Annäherung an ein flaches Stück Küste im gesamten Dorf: diesem Schatten einer Gemeinde, die kurioserweise – oder vielleicht aus naiver Hoffnung – als Porto bezeichnet worden war, obwohl die einzigen regelmäßig ein- und ausfahrenden Boote der Handvoll hier beheimateter Sardinen- und Sardellenfischer gehörten. Der andere Teil des Namens, Vergogna, bedeutete Schande und war ein Relikt aus der Gründungszeit des Dorfs im siebzehnten Jahrhundert, als Seeleute und Fischer hier Frauen mit einer gewissen moralischen und kommerziellen Flexibilität finden konnten.

An dem Tag, als er die wunderschöne Amerikanerin zum ersten Mal erblickte, steckte Pasquale auch bis auf Brusthöhe in Tagträumen, die das schmuddelige kleine Porto Vergogna als aufstrebenden Urlaubsort und ihn selbst als eleganten Geschäftsmann darstellten, einen Mann von unbegrenzten Möglichkeiten zu Beginn einer glorreichen Moderne. Überall sah er Zeichen von il Boom – die Zunahme von Reichtum und Bildung, die Italien verwandelte. Weshalb also nicht auch hier? Erst jüngst war er nach vier Jahren im betriebsamen Florenz in das rückständige Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt, beseelt von den bedeutenden Neuerungen aus der Welt dort draußen – eine glitzernde Ära war angebrochen, eine Ära der blitzenden Macchine, der Fernsehgeräte und Telefone, der doppelten Martinis und Frauen in engen Hosen –, einer Welt, die davor nur im Kino zu existieren schien.

Porto Vergogna war ein Nest aus einem Dutzend alter, weiß getünchter Häuser, einer verlassenen Kapelle und dem einzigen kommerziellen Betrieb des Orts – dem winzigen Hotel mit Café, das Pasquales Familie gehörte –, die sich alle in einen Spalt der Steilhänge drängten wie eine Herde schlafender Ziegen. Hinter dem Dorf türmten sich die Berge zweihundert Meter hoch zu einer Wand aus schwarzem, furchigem Fels auf. Darunter ruhte das Meer in einer steinigen, wie eine Garnele gekrümmten Bucht, aus der jeden Tag die Fischer hinausfuhren. Hinten durch die Klippen und vorn durch das Meer abgeschnitten, war das Dorf nie für Wagen oder Karren erreichbar gewesen, und daher gab es nur einige wenige schmale Wege zwischen den Häusern: ziegelgesäumte Straßen, die nicht einmal so breit wie Gehsteige waren, abschüssige Gassen und steile Treppen, sodass man überall im Ort auf beiden Seiten Mauern berühren konnte, wenn man die Arme ausstreckte und dabei nicht gerade auf der Piazza San Pietro, dem kleinen Dorfplatz, stand.

Alles in allem hatte Porto Vergogna also durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit den bezaubernden Bergdörfern der Cinque Terre im Norden, nur dass es kleiner, abgelegener und nicht so malerisch war. Die Hoteliers und Gastronomen im Norden hatten sogar einen eigenen Spitznamen für das winzige, in die Steilklippen geklemmte Nest: culo di baldracca – Hurenarsch. Doch trotz der Verachtung vonseiten der Nachbarorte war Pasquale inzwischen ganz wie sein Vater früher davon überzeugt, dass Porto Vergogna eines Tages genauso florieren würde wie die übrige Riviera di Levante, der Küstenstrich südlich von Genua, zu der auch die Cinque Terre zählten, oder die größeren Touristenstädte wie Portofino an der eleganten Riviera di Ponente. Zwar waren die seltenen ausländischen Touristen, die es mit dem Boot oder zu Fuß nach Porto Vergogna verschlug, meistens verirrte Franzosen oder Schweizer, aber Pasquale hegte die Hoffnung, dass die Sechzigerjahre eine Flut von Amerikanern bringen würden, angeführt vom bravissimo Präsidenten John Kennedy und seiner Frau Jacqueline. Doch um zur Destinazione turistica primaria zu werden, wie Pasquale es sich erhoffte, musste sein Dorf attraktiv für diese Urlauber sein. Und dazu brauchte es erst einmal einen Strand.

Und so stand Pasquale brusttief im Wasser und balancierte einen großen Stein unterhalb seines Kinns, als das rote Mahagoniboot in die Bucht schaukelte. Sein alter Freund Orenzio steuerte es im Auftrag des vermögenden Winzers und Hoteliers Gualfredo, der im Tourismus südlich von Genua das Sagen hatte, dessen nobles, zehn Meter langes Sportboot allerdings nur selten den Weg nach Porto Vergogna fand. Pasquale beobachtete, wie das Boot pendelnd zur Ruhe kam, und ihm fiel nichts anderes ein, als zu rufen: »Orenzio!« Sein Freund war verwirrt von der Begrüßung; sie kannten sich, seit sie zwölf waren, doch sie waren keine Brüller, er und Pasquale, eher … Wahrnehmer, Lippenkräusler, Brauenhochzieher. Grimmig nickte Orenzio zurück. Er verstand keinen Spaß, wenn er Touristen im Boot hatte, vor allem Amerikaner. »Das sind ernste Leute, die Amerikaner«, hatte er Pasquale einmal erklärt. »Noch misstrauischer als die Deutschen. Wenn man zu viel lächelt, glauben die Amerikaner, dass man sie übers Ohr haut.« Heute machte Orenzio ein besonders mürrisches Gesicht und schielte kurz nach hinten zu der Frau im Heck, deren lange, hellbraune Jacke fest um ihre dünne Taille geschlungen und deren Gesicht fast völlig unter dem Schlapphut verborgen war.

Dann wandte sich die Frau mit einer leisen Bemerkung auf Englisch – Amerikanisch – an Orenzio, die vom Wasser weitergetragen wurde. »Entschuldigen Sie, was macht der Mann da?«

Pasquale wusste, dass der englische Wortschatz seines Freundes begrenzt war und er deshalb aus Unsicherheit Fragen in dieser furchtbaren Sprache meist so knapp wie möglich beantwortete. Orenzio sah kurz zu Pasquale, der einen großen Stein für den Bau seines Wellenbrechers in den Händen hielt, und versuchte sich mit einer Spur von Ungeduld an dem englischen Wort für Strand. Doch statt beach wurde daraus bitch. Die Frau neigte den Kopf, als hätte sie sich verhört. Pasquale wollte aushelfen und murmelte, dass der bitch für die Touristen war, »per i turisti«. Doch die schöne Amerikanerin schien ihn gar nicht zu beachten.

Pasquales Traum vom Tourismus war ein Erbe seines Vaters. In den letzten zehn Jahren seines Lebens hatte sich Carlo Tursi darum bemüht, dass die fünf größeren Orte der Cinque Terre Porto Vergogna als sechsten im Bunde aufnahmen. (»Wäre viel netter«, meinte er immer. »Sei terre, die sechs Länder. Cinque Terre kommt den Touristen doch so schwer über die Zunge.«) Doch dem winzigen Porto Vergogna fehlte der Reiz und der politische Einfluss der fünf größeren Nachbarorte. Während die fünf mit Telefonleitungen und schließlich sogar mit einer Bahnlinie, die durch Bergtunnel führte, verbunden und von den Saisontouristen und ihrem Geld überschwemmt wurden, verkümmerte der sechste wie ein überzähliger Finger. Carlos zweiter fruchtloser Ehrgeiz war, dass diese wichtige Bahnlinie um einen Kilometer und einen Tunnel verlängert wurde, um Porto Vergogna mit den größeren Küstenstädten zu verbinden. Doch dazu kam es nicht, und da die nächste Straße durch die terrassenförmigen Weinberge hinter den Cinque-Terre-Klippen führte, blieb Porto Vergogna abgeschnitten, allein in seinem Spalt in den schwarzen, runzligen Felsen, von denen nur steile Fußpfade hinab zum Meer führten.

Pasquales Vater war zehn Monate vor der Ankunft der glanzvollen Amerikanerin gestorben. Ein schneller und stiller Tod hatte Carlo beim Lesen seiner geliebten Zeitungen ereilt – in Form eines in seinem Gehirn geplatzten Blutgefäßes. Immer wieder spielte Pasquale die letzten Minuten seines Vaters durch: Er schlürfte einen Espresso, zog an einer Zigarette, lachte über eine Meldung in der Mailänder Zeitung (Pasquales Mutter hob die Seite auf, konnte aber nichts Lustiges darin entdecken) und sank zusammen, als wäre er eingenickt. Pasquale war an der Universität Florenz, als er die Nachricht vom Tod seines Vaters erhielt. Nach der Beerdigung bat er seine nicht mehr junge Mutter, nach Florenz zu ziehen, doch schon die Vorstellung empörte sie. »Was wäre ich für eine Ehefrau, wenn ich deinen Vater verlassen würde, weil er tot ist?« Damit stand fest – zumindest für Pasquale –, dass er in die Heimat zurückkehren und sich um seine gebrechliche Mutter kümmern musste.

Also zog er wieder in sein altes Zimmer im Hotel. Vielleicht hatte er Schuldgefühle, weil er Carlos Ideen früher belächelt hatte, jedenfalls betrachtete Pasquale den kleinen Gasthof seiner Familie auf einmal mit ganz anderen, sozusagen väterlichen Augen. Ja, dieses Dorf konnte zu einem ganz besonderen italienischen Ferienort werden – zu einer Zuflucht für Amerikaner mit Sonnenschirmen an der felsigen Küste, mit klickenden Fotoapparaten und strahlenden Kennedys! Und wenn die Verwandlung der leeren Pensione in ein erstklassiges Urlaubsetablissement seinem eigenen Interesse diente, hatte er nichts dagegen, schließlich war das alte Hotel sein einziges Erbe, die einzige familiäre Trumpfkarte, die er ausspielen konnte.

Das Hotel bestand aus einer Trattoria – ein Café mit drei Tischen –, einer Küche, zwei Wohnungen im ersten Stock und den sechs Zimmern des ehemaligen Bordells darüber. Verbunden mit dem Hotel war die Verantwortung für seine einzigen beiden festen Bewohner, le due streghe, wie die Fischer sie nannten, die beiden Hexen: Pasquales halb gelähmte Mutter Antonia und ihre Schwester Valeria, das böse Weib mit den drahtigen Haaren, die fürs Kochen zuständig war, wenn sie nicht gerade die faulen Fischer und seltenen Gäste anschrie, die hereinstolperten.

Pasquale war überaus duldsam, und er ließ sich die Launen seiner melodramatischen Mamma und seiner verrückten Zia genauso gefallen wie die groben Bemerkungen der Fischer, die jeden Morgen ihre Pescherecci hinunter zum Ufer schoben und mit diesen kleinen, wie schmutzige Salatschüsseln auf den Wellen schaukelnden Nussschalen, angetrieben vom Bapp-bapp der rauchenden Außenbordmotoren, hinaus aufs Meer fuhren. Den Fischern gingen jeden Tag gerade so viel Sardellen, Sardinen und Seebarsche ins Netz, wie sie an die Restaurants im Süden verkaufen konnten, bevor sie zurückkamen, um Grappa zu trinken und ihre bitteren, selbst gedrehten Zigaretten zu rauchen. Sein Vater hatte stets großen Wert darauf gelegt, sich und seinen Sohn – beide immerhin Nachfahren, so Carlo, der angesehenen florentinischen Kaufmannsschicht – von den ungehobelten Fischern abzugrenzen. »Schau sie dir an«, sagte er zu Pasquale, versteckt hinter einer der vielen Zeitungen, die jede Woche mit dem Postboot kamen. »In einer zivilisierteren Zeit wären sie unsere Dienstboten gewesen.«

Nachdem er im Krieg seine zwei älteren Söhne verloren hatte, kam es für Carlo nicht infrage, dass Pasquale auf einem Fischerboot, in einer Fischfabrik in La Spezia, in den Weinbergen, in einem Marmorsteinbruch der Apenninen oder an einem anderen Ort arbeitete, wo ein junger Mann wertvolle Fähigkeiten erwerben und das Gefühl abschütteln konnte, verweichlicht und in der harten Welt fehl am Platz zu sein. Nein, Carlo und Antonia – die bei der Geburt ihres letzten Kindes schon vierzig war – zogen Pasquale wie ein nur ihnen anvertrautes Geheimnis auf, und erst durch inständiges Bitten waren seine alternden Eltern dazu zu bewegen, ihn an der Universität in Florenz studieren zu lassen.

Als Pasquale nach dem Tod seines Vaters zurückkehrte, wussten die Fischer nicht so recht, was sie von ihm halten sollten. Zuerst schrieben sie sein seltsames Gebaren – dass er ständig las, dass er Selbstgespräche führte, dass er Sachen ausmaß, dass er säckeweise Bausand auf die Felsen schüttete und ihn auseinanderharkte wie ein eitler Tropf, der seine letzten Haarbüschel kämmt – der Trauer zu. Sie zogen ihre Netze auf, und als sie beobachteten, wie der schlanke Einundzwanzigjährige Steine umschichtete, um die Stürme daran zu hindern, seinen Strand wegzuspülen, wurden ihre Augen feucht in der Erinnerung an die leeren Träume ihrer eigenen verstorbenen Väter. Doch bald vermissten die Fischer die gutmütigen Frotzeleien, mit denen sie Carlo Tursi immer aufgezogen hatten.

Nachdem die Fischer Pasquale einige Wochen dabei zugesehen hatten, wie er an seinem Strand arbeitete, ertrugen sie es schließlich nicht mehr. Eines Tages warf Tomasso der Ältere dem jungen Mann eine Streichholzschachtel zu und rief: »Da hast du einen Stuhl für deinen kleinen Strand, Pasquale!« Nach Wochen fast übermenschlicher Freundlichkeit war der sanfte Spott eine Erleichterung, wie ein Platzregen über dem Dorf. Endlich ging das Leben wieder seinen normalen Gang. »Pasquale, gestern hab ich in Lerici einen Teil von deinem Strand gesehen. Soll ich den restlichen Sand auch raufbringen, oder wartest du lieber, bis die Strömung ihn dort abliefert?«

Ein Strand war etwas, was die Fischer wenigstens verstehen konnten, denn es gab Strände in Monterosso al Mare und in den nördlicheren Orten der Riviera, wo sie den größten Teil ihres Fangs verkauften. Als Pasquale allerdings seine Absicht verkündete, in den Klippen aus einer Gruppe von Felsblöcken einen Tennisplatz zu meißeln, stand für die Fischer fest, dass Pasquale noch verschrobener war als sein Vater. »Der Junge hat den Verstand verloren«, erklärten sie, als sie von der kleinen Piazza aus beim Zigarettendrehen beobachteten, wie Pasquale über die Gesteinsbrocken flitzte und mit einer Schnur die Grenzen seines künftigen Courts markierte. »Das ist eben eine Familie von Pazzi. Passt auf, bald redet er mit Katzen.« Da er nur steile Felswände zur Verfügung hatte, wusste Pasquale, dass ein Golfplatz nicht infrage kam. Doch in der Nähe seines Hotels gab es eine natürliche Felsbank aus drei Steinblöcken, und wenn er ihre Oberflächen angleichen und den Rest auskragen konnte, war es vielleicht möglich, Formen zu bauen und genug Beton hineinzugießen, um die Blöcke zu einem flachen Rechteck zu verbinden und daraus – wie eine Vision, die sich aus den Felsklippen erhob – einen Tennisplatz entstehen zu lassen, der den vom Meer eintreffenden Besuchern zeigte, dass sie einen erstklassigen Ferienort vor sich hatten. Wenn er die Augen schloss, sah er es vor sich: Männer in sauberen weißen Hosen, die Bälle hin- und herschlugen auf einem Court, der in atemberaubender Weise über die Klippen hinausragte, eine fantastische Platte, zwanzig Meter über der Küste, wo Frauen in luftigen Kleidern und Sommerhüten unter Sonnenschirmen Drinks genossen. Also arbeitete er unverdrossen mit Pickel und Meißel und Hammer, in der Hoffnung, eine ausreichende Fläche für einen Tennisplatz schaffen zu können. Er harkte seine Sandschicht. Er warf Steine ins Meer. Geduldig ertrug er die Hänseleien der Fischer. Er sah nach seiner sterbenskranken Mutter. Und er wartete – wie er es immer getan hatte – darauf, dass das Leben kam und ihn fand.

Dies war nach dem Tod seines Vaters zehn Monate lang die Summe von Pasquale Tursis Existenz. Und wenn er auch nicht unbedingt glücklich war, unglücklich war er auch nicht. Stattdessen hauste er wie die meisten Menschen auf einem riesigen, leeren Plateau zwischen Langeweile und Zufriedenheit.

Und vielleicht hätte er dort sein ganzes Leben verbracht, wenn Pasquale nicht an diesem kühlen, sonnigen Nachmittag bis auf Brusthöhe im Wasser stehend aus zwanzig Metern Entfernung beobachtet hätte, wie an den Holzbollern des Piers das Mahagoniboot mit der schönen Amerikanerin an Bord zur Ruhe kam, während um sie herum eine sanfte Brise das Meer kräuselte.

Sie war unglaublich dünn und hatte doch ziemliche Rundungen, diese schöne Amerikanerin. Aus Pasquales Blickwinkel – sie hatte das flackernde Sonnenlicht im Rücken, und der Wind fuhr ihr ins weizenblonde Haar – war es, als gehörte sie einer anderen Gattung an, größer und ätherischer als jede Frau, die er je erblickt hatte. Orenzio bot ihr eine Hand, und nach kurzem Zögern nahm sie sie. Er half ihr vom Boot auf den schmalen Pier.

»Danke«, ließ sich eine unsichere Stimme unter dem Hut vernehmen. Dann: »Grazie.« Sie hauchte das italienische Wort, es wirkte ungewohnt. Mit einem leichten Schwanken machte sie ihren ersten Schritt in Richtung Dorf, dann fand sie ihr Gleichgewicht wieder. In diesem Moment nahm sie ihren Hut ab, um den Ort genauer in Augenschein zu nehmen. Zum ersten Mal sah Pasquale ihr ganzes Gesicht und war ein wenig erstaunt, dass die schöne Amerikanerin nicht … nun … schöner war.

Sicher, sie war reizend, aber nicht so, wie er es erwartet hatte. Zunächst war sie so groß wie Pasquale, knapp über eins achtzig. Und waren ihre Züge nicht ein wenig überladen für ein derart schmales Gesicht – die ausgeprägte, abfallende Kieferkontur, der volle Mund, die Augen so rund und offen, dass sie erschrocken wirkten? Und konnte eine Frau zu dünn sein, sodass ihre Rundungen jäh und beunruhigend wirkten? Das lange Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, und die leicht gebräunte Haut straffte sich über einem Gesicht, das irgendwie zugleich zu spitz und zu weich war: die Nase zu zart für dieses Kinn, für diese hohen Wangenknochen, für die großen, dunklen Augen. Nein, dachte er, reizend war sie vielleicht, aber keine große Schönheit.

Doch dann wandte sie sich ihm ganz zu, und die widerstrebenden Züge ihres markanten Gesichts flossen zu einer vollkommenen Einheit zusammen. Pasquale erinnerte sich aus dem Studium, dass manche Bauwerke in Florenz aus verschiedenen Blickwinkeln enttäuschen konnten, aber als Ganzes oder auf einem Foto immer gut aussahen; dass die verschiedenen Perspektiven auf ein Gesamtbild hin komponiert waren; und so war es wohl auch bei Menschen. Dann lächelte sie, und in diesem Augenblick, wenn so etwas überhaupt möglich ist, verliebte sich Pasquale weniger in die Frau, die er gar nicht kannte, als in den Moment – und so sollte es sein Leben lang bleiben.

Er ließ den Stein fallen.

Sie schaute weg – nach rechts, nach links, dann wieder nach rechts –, wie um den Rest des Dorfs zu erfassen. Pasquale errötete, als er sich ausmalte, welchen Eindruck sie gerade bekam: ein Dutzend farblose, triste Steinhäuser, einige davon verlassen, die wie Seepocken in der Klippenfurche klebten. Auf der kleinen Piazza strichen verwilderte Katzen herum, doch ansonsten war alles ruhig, da die Fischer mit ihren Booten ausgelaufen waren. Ähnliche Enttäuschung empfand Pasquale, wenn sich Menschen zufällig auf einer Wanderung hierher verirrten oder aufgrund einer kartografischen oder sprachlichen Verwechslung mit dem Boot anlandeten, Menschen, die sich auf dem Weg in die bezaubernden Städtchen Portovenere oder Portofino wähnten, nur um sich plötzlich in dem hässlichen Fischerdorf Porto Vergogna wiederzufinden.

»Entschuldigung.« Die schöne Amerikanerin wandte sich wieder an Orenzio. »Soll ich mit den Taschen helfen? Oder gehört das … ich meine … ich weiß nicht, was bezahlt wurde und was nicht.«

Nach der beach-Geschichte hatte Orenzio das teuflische Englisch erst mal satt und zuckte nur die Achseln. Er unterstrich sein Äußeres – kleine Statur, abstehende Ohren und trübe Augen – gegenüber Touristen oft mit einem Benehmen, das auf einen Gehirnschaden schließen ließ. Umso beeindruckter zeigten sich diese von der Fähigkeit dieses Einfaltspinsels, ein Motorboot zu lenken, und bedachten ihn mit einem üppigen Trinkgeld. Je trotteliger er sich gab und je weniger Englisch er sprach, mutmaßte seinerseits Orenzio, desto besser fiel seine Bezahlung aus. Entsprechend dumm schaute er aus der Wäsche.

»Muss ich mein Gepäck also selber holen?«, fragte die Frau geduldig und ein wenig hilflos.

»I bagagli, Orenzio«, rief Pasquele seinem Freund zu, und dann dämmerte es ihm: Diese Frau wollte in sein Hotel! Hastig watete Pasquale hinüber zum Pier und leckte sich die Lippen, weil er gleich ungewohntes Englisch sprechen musste. »Bitte«, sagte er zu der Frau, und seine Zunge klebte ihm wie ein Knorpelbrocken im Mund. »Habe Ehre ich und Orenzio tragen Tasche. Gehen zu Hotel Ausreichende Aussicht.« Seine Bemerkung schien die Amerikanerin zu verwirren, doch Pasquale bemerkte es gar nicht. Er wollte einen stilvollen Abschluss finden und suchte nach einer geeigneten Anrede für sie. Madame? Er wünschte sich etwas Besseres. Er beherrschte die englische Sprache nicht, doch er hatte genug gelernt, um eine gesunde Furcht vor der Strenge zu haben, mit der sie auf ihrer Willkür und ihren sinnlosen Konjugationen beharrte; sie war unberechenbar wie ein Mischlingshund. Seine ersten Lektionen in dieser Sprache hatte er von dem einzigen Amerikaner erhalten, der je in dem Hotel abgestiegen war, einem Schriftsteller, der jedes Frühjahr nach Italien kam, um an seinem Lebenswerk herumzubosseln – einem epischen Roman über seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Pasquale versuchte sich auszumalen, was der hochgewachsene, schneidige Autor zu dieser Frau gesagt hätte, aber die richtigen Worte wollten ihm nicht einfallen, und er überlegte, ob es eine Entsprechung für das italienische Bella gab. Dann probierte er es einfach: »Bitte. Kommen. Schöne Amerika.«

Sie starrte ihn einen Moment an – der längste Moment seines bisherigen Lebens –, dann senkte sie sittsam lächelnd den Blick. »Danke. Ist das Ihr Hotel?«

Nach den letzten schwappenden Schritten gelangte Pasquale zum Pier. Er zog sich hinauf und schüttelte das Wasser aus den Hosenbeinen, um sich als seriöser Hotelier präsentieren zu können. »Ja. Ist mein Hotel.« Pasquale deutete auf das kleine, handgeschriebene Schild an der linken Seite der Piazza. »Bitte.«

»Und … es ist ein Zimmer für uns reserviert?«

»O ja. Viele sind Zimmer. Für Sie alle Zimmer. Ja.«

Ihr Blick wanderte von dem Schild zurück zu Pasquale. Eine warme Bö blies in die Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, wie in Luftschlangen. Sie lächelte über die Pfütze, die sich unter seiner dünnen Gestalt bildete, und schaute ihm in die meerblauen Augen. »Sie haben reizende Augen.« Mit diesen Worten setzte sie den Hut wieder auf und steuerte auf die kleine Piazza zu, die das Zentrum des winzigen Nests bildete.

In Porto Vergogna hatte es nie ein Liceo gegeben, daher musste Pasquale nach La Spezia, um dort das Gymnasium zu besuchen. Dort hatte er Orenzio kennengelernt, der zu seinem ersten echten Freund wurde. Mangels Gelegenheiten hielten sie zusammen: der schüchterne Sohn des alten Hoteliers und der kleine Junge mit den abstehenden Ohren vom Hafendamm. In den Winterwochen, wenn die Überfahrt schwierig war, wohnte Pasquale sogar manchmal bei Orenzios Familie. Im Winter vor Pasquales Abschied nach Florenz erfanden er und Orenzio ein Spiel, das sich um Schweizer Bier drehte. Dabei saßen sie am Hafen von La Spezia einander gegenüber und warfen sich Beschimpfungen an den Kopf, bis einer von beiden nicht mehr weiterwusste oder sich wiederholte. Der Verlierer musste dann das vor ihm stehende Glas leeren.

Als er jetzt das Gepäck der Amerikanerin hochhievte, beugte sich Orenzio zu Pasquale, um eine Trockenversion des Spiels zu beginnen. »Was hat sie gesagt, Sackschnüffler?«

»Sie mag meine Augen«, antwortete Pasquale, ohne die Herausforderung anzunehmen.

»Ach komm, Steißfummler«, widersprach Orenzio, »das hat sie bestimmt nicht gesagt.«

»Doch, wirklich. Sie findet meine Augen toll.«

»Du bist ein Lügner, Pasqua, und stehst auf Jungs mit dicken Nudeln.«

»Es stimmt.«

»Dass du für Jungs mit dicken Nudeln schwärmst?«

»Nein. Dass sie das über meine Augen gesagt hat.«

»Du bist ein Bocklutscher. Die Frau ist ein Kinostar.«

»Könnte ich mir auch vorstellen«, erwiderte Pasquale.

»Nein, Dummkopf, sie ist wirklich Schauspielerin. Sie gehört zu der amerikanischen Gesellschaft, die in Rom diesen Film dreht.«

»Welchen Film?«

»Cleopatra. Liest du keine Zeitung, Scheißeraucher?«

Pasquale wandte sich nach der Amerikanerin um, die die Treppe zum Dorf hinaufstieg. »Für Cleopatra ist sie doch viel zu hellhäutig.«

»Cleopatra ist die Hure und Gattenräuberin Elizabeth Taylor«, erklärte Orenzio. »Die da spielt eine andere Figur. Liest du wirklich keine Zeitungen, Kackemampfer?«

»Welche Rolle hat sie?«

»Woher soll ich das wissen? Es gibt bestimmt viele Rollen.«

»Wie heißt sie?«, fragte Pasquale.

Orenzio reichte ihm die maschinengeschriebenen Anweisungen, die er erhalten hatte. Neben dem Namen der Frau stand auf dem einzelnen Blatt Papier, dass sie zum Hotel in Porto Vergogna gebracht und dass die Rechnung an den Mann geschickt werden sollte, der die Fahrt arrangiert hatte: Michael Deane, zurzeit Grand Hotel in Rom. Dieser Michael Deane war, so die Angaben, »Public-Relations-Assistent« bei »20th Century Fox Pictures«. Und die Frau hieß …

»Dee … Moray«, las Pasquale laut. Der Name war ihm nicht bekannt, aber es gab so viele amerikanische Filmstars – Rock Hudson, Marilyn Monroe, John Wayne –, und sobald er glaubte, alle zu kennen, wurde wieder ein neuer berühmt, fast als gäbe es in Amerika eine Fabrik, in der diese riesigen Leinwandgesichter hergestellt wurden. Pasquale blickte nach hinten, wo die Frau bereits die letzten Stufen vor dem eigentlichen Eingang zum Ort erreicht hatte. »Dee Moray«, raunte er erneut.

Orenzio schaute über Pasquales Schulter auf das Blatt. »Dee Moray.« Der Name hatte etwas Faszinierendes, und beide konnten nicht aufhören, ihn zu wiederholen. »Dee Moray.«

»Sie ist krank«, stellte Orenzio schließlich fest.

»Was hat sie?«

»Woher soll ich das wissen? Der Mann hat nur gesagt, dass sie krank ist.«

»Was Ernstes?«

»Das weiß ich auch nicht.« Und dann, als wäre nun auch ihm die Luft ausgegangen und als hätte er das Interesse an ihrem alten Spiel verloren, fügte Orenzio eine weitere Beschimpfung hinzu: »Mangiaculo.« Arschfresser.

Pasquale beobachtete Dee Moray, die mit kleinen Schritten über den Steinpfad auf das Hotel zusteuerte. »So krank kann sie nicht sein«, konstatierte er. »Sie ist wunderschön.«

»Aber nicht wie Sophia Loren«, entgegnete Orenzio. »Oder die Marilyn Monroe.« Das war ihr anderer Winterzeitvertreib gewesen: ins Kino zu gehen und die Frauen in den Filmen zu bewerten.

»Nein, ich finde, sie ist von einer intelligenteren Schönheit … wie Anouk Aimée.«

»Sie ist so mager«, meinte Orenzio. »Und sie ist keine Claudia Cardinale.«

»Nein.« Pasquale musste ihm zustimmen. Claudia Cardinale war vollkommen. »Aber ihr Gesicht ist nicht so gewöhnlich.«

Orenzio wurde die Diskussion zu kompliziert. »Ich könnte einen dreibeinigen Köter ins Dorf bringen, Pasqua, und du würdest dich in ihn verlieben.«

Jetzt fing Pasquale an, sich Sorgen zu machen. »Orenzio, wollte sie überhaupt hierher?«

Orenzio patschte auf den Zettel in Pasquales Hand. »Der Amerikaner, dieser Deane, der sie nach La Spezia gefahren hat … Ich hab ihm erklärt, dass niemand hierherkommt. Hab gefragt, ob er vielleicht Portofino oder Portovenere meint. Er wollte wissen, wie Porto Vergogna ist, und ich hab gesagt, hier gibt es nichts außer einem Hotel. Er hat gefragt, ob das Dorf ruhig ist. Und ich darauf: ›Nur der Tod ist ruhiger.‹ Und er: ›Dann ist es genau das Richtige.‹«

Pasquale lächelte seinem Freund zu. »Danke, Orenzio.«

»Bocklutscher«, antwortete Orenzio leise.

»Das hast du schon mal gesagt.«

Orenzio tat, als würde er ein Glas Bier kippen.

Dann starrten sie beide vierzig Meter den Hang hinauf zu der Stelle, wo der erste amerikanische Gast seit dem Tod seines Vaters vor der Tür zum Hotel stand. Das ist die Zukunft, dachte Pasquale.

Zögernd wandte sich Dee Moray auf dem Dorfplatz um und schaute zu ihnen herab. Sie schüttelte ihren Zopf aus, und das sonnengebleichte Haar bebte und tanzte um ihr Gesicht, als sie den Anblick des Meeres auf sich wirken ließ. Dann wandte sie sich mit geneigtem Kopf dem Schild zu, als hätte sie Mühe, die Worte zu verstehen:

HOTEL ZUR AUSREICHENDEN AUSSICHT

Schließlich klemmte sich die Zukunft ihren Schlapphut unter den Arm, schob die Tür auf und trat mit eingezogenem Kopf ein.

Nachdem sie im Hotel verschwunden war, gab sich Pasquale der schwerfälligen Vorstellung hin, dass er sie irgendwie heraufbeschworen hatte, dass er diese Frau nach den vielen Jahren an diesem Ort, nach den Monaten der Trauer, der Abgeschiedenheit und des Wartens auf Amerikaner aus Kino- und Bücherpassagen selbst erschaffen hatte, aus den verlorenen Bruchstücken und Ruinen seiner Träume, aus seiner epischen, endlosen Einsamkeit. Er schielte hinüber zu Orenzio, der das Gepäck von jemandem schleppte, und plötzlich schien die ganze Welt ganz unwirklich, unsere Zeit darin nur wie ein kurzer Traum. Noch nie hatte ihn eine derart distanzierte, existenzielle Empfindung, ein derart erschreckendes Gefühl von Freiheit gestreift – es war, als würde er über dem Dorf und über seinem eigenen Körper schweben – und es riss ihn auf eine Weise mit, die er niemals hätte erklären können.

»Dee Moray«, sagte Pasquale Tursi auf einmal laut und brach damit den Bann seiner Gedanken. Orenzio schaute herüber. Darauf kehrte ihm Pasquale den Rücken zu und sprach den Namen erneut aus, nur für sich selbst, in einem fast unhörbaren Flüstern, verlegen über den hoffnungsvollen Atem, der die Worte formte. Das Leben, dachte er, entsteht erst aus der Kraft der Fantasie.