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SELCUK CARA

TÜRKE
ABER TROTZDEM
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MEIN VOLLKOMMEN
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DEUTSCHES
LEBEN

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Projektkoordination und Lektorat: Dr. Marten Brandt

Layout und Umschlaggestaltung: Datagrafix

eBook-Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

ISBN 978-3-8419-0439-3

Für meine Tochter Sophia Su

INHALT

PROLOG

ERSTES KAPITEL

DER BUNDESKANZLER UND ICH

Meine Mutter und die bärtigen Moslems

Helmut Schmidt

ZWEITES KAPITEL

DER KLEINE VOGEL

Das Schweigen der Lämmer

Indianer im türkischen Bus

Dede heißt Großvater

Das Morgengebet

Der Esel

„Mein Sohn, kannst du beten?“

Mann mit Gewehr

DRITTES KAPITEL

HYMNEN AN DIE NACHT

Der Kinderchor

Das Weihnachtsoratorium

VIERTES KAPITEL

CHARLIE CHAPLIN I.

Wiederverwertung von Rohstoffen

Warme Hände vor Stalingrad

FÜNFTES KAPITEL

WARUM MANCHE JUDEN DEUTSCHLAND ZU SPÄT VERLASSEN HABEN

Die rote Ente – Teil I

Der Kirschbaum auf dem Waffenarsenal

Waffenangst

Hanna und ihr einarmiger Vater

Nazi mit Cowboyhut

Der Jude am Bunsenbrenner

Hitlers Geburtstag

Die rote Ente – Teil II

SECHSTES KAPITEL

LIVING IN AMERICA

4th of July – Independence Day

Türkische Freunde im Regen

SIEBTES KAPITEL

LIVE AID – WEMBLEY STADION

„Are you a Nazi?“

Gottvertrauen und Freddie Mercury

Das englische Klavier

ACHTES KAPITEL

WOLFGANG AMADEUS MOZART

Mozart und der Türkische Marsch

Stigmata

Türke, aber trotzdem intelligent

Mutter Theresa, die Schlampe

Virtus-Gedanke mit Orgasmus

Mein griechischer Lehrer

Der Chinese auf der Herrentoilette

„Spricht der überhaupt deutsch?“

INTERMEZZO

GEZEITEN DER HEIMAT

Vater und Selcuk

Selcuk und Sohn

NEUNTES KAPITEL

VIA CRUCIS

Der Neger und der Lindenbaum oder die ­Vereinten Nationen

Der Fuchsbau am Kreuzweg Jesu

Jürgen Habermas

ZEHNTES KAPITEL

PARIS UND NEW YORK

Mein neuer Lehrer

Paris und die weinende Brünnhilde

Das erste Mal in Amerika

Münchner Philharmoniker und der alte Jude in Chinatown

Der Einbürgerungstest oder „Ich dichte sogar deutsch!“

Siegfried kills Siegfried

Des Teufels Gehilfe

ELFTES KAPITEL

CHARLIE CHAPLIN II.

The Great Dictator

Wien

Sissi und Karlheinz Böhm

„Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“

ZWÖLFTES KAPITEL

DAS ENDE VOM LIED

Stanley Kubricks Röhrenfernseher

Die weiße Rose und das internationale ­Filmfest

Mein letztes Bett

„Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus“

EPILOG

PROLOG

Ich sitze im Abendrot auf meinem Plattbodenboot mitten im deutschen Wattenmeer.

Vor einer Insel habe ich mich trockenfallen lassen. Neben mir das Seitenschwert, das mir wie der gigantische Marlin erscheint, den einst der alte Fischer Santiago in Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer an sein kleines Fischerboot gebunden hatte. Von hier oben, von der Nordsee aus, blicke ich auf mein Leben zurück und versuche, einen Sinn aus all dem Erlebten herauszudeuten.

Ich fühle mich einsam, so einsam wie einst der Fischer Santiago. Uns trennen Jahrzehnte an Lebenserfahrung, doch komme ich mir so alt und erschöpft vor wie er und hoffe wie er auf den letzten, großen Fang.

In meiner Einsamkeit schaue ich vom Grunde des Meeres zurück auf das deutsche Festland: der nördlichste Türke Deutschlands, durch die Gezeiten für kurze Zeit mit dem Festland verbunden; über ihm Norwegen, Island, Grönland und das ewige Eis, unter ihm seine Heimat, die Heimat des ewigen Türken.

Wind kommt auf, eine leichte Brise. Und plötzlich klatscht mir eine Böe die deutsche Flagge, die ich am Heck meines Bootes führen muss, mit voller Wucht mitten ins Gesicht.

ERSTES KAPITEL

DER BUNDESKANZLER UND ICH

Sehr geehrter Herr Cara,

haben Sie besten Dank für Ihren Brief vom

22. Januar diesen Jahres und die Zusendung

Ihres Theaterstücks. Über Ihre Widmung sowie

das in Ihren Zeilen zum Ausdruck gekommene

Zeichen der Sympathie habe ich mich gefreut.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und übermittle

Ihnen die besten Wünsche.

Mit freundlichen Grüßen

HELMUT SCHMIDT

(Brief von Helmut Schmidt, Februar 2009)

MEINE MUTTER UND DIE BÄRTIGEN MOSLEMS

Ich wuchs als Einzelkind bei meiner Mutter auf.

Mein Vater, der nie eine Schule besucht hatte, verließ uns, als die Textilfabrik, die er gemeinsam mit meiner Mutter aufgebaut hatte, endlich Gewinne abzuwerfen begann. Für sie, die türkische Akademikerin, brach eine Welt zusammen.

Sie war der Spross einer sehr angesehenen türkischen Familie aus Gaziantep, einer hier in Deutschland nahezu unbekannten Großstadt nahe der syrischen Grenze, tief im Südosten der Türkei. Mitglieder ihrer Familie hatten dieser Millionenstadt eines der ersten Museen gestiftet; ein Vorfahr meiner Großmutter aus dem näheren Umfeld Atatürks war einer der Hauptverfasser des ersten offiziellen Schulbuches in lateinischer – statt in arabischer – Schrift. Büsten ihrer Urahnen stehen an verschiedenen Orten der Stadt.

Ihre Eltern hatten sie einst vor dieser Verbindung gewarnt, dann den Kontakt verboten, schließlich resigniert und ihr alles Glück der Welt in der Fremde gewünscht.

Ihre Mutter, meine Großmutter, sollte ihr das ein Leben lang nicht verzeihen, wurde ihre Tochter doch die Frau eines dieser wertlosen, stumpfen „Dörfler“, eines anatolischen „Bergmenschen“. Meine Großmutter würde ihren ganz eigenen Beitrag zur ersehnten Scheidung ihrer Tochter leisten. Sie würde nach Deutschland kommen, einige Jahre bei uns wohnen, um meinem Vater jeden Tag seine niedere Herkunft vorzuwerfen.

Meine Mutter folgte ihrer Liebe und sicher auch ihrer unbändigen Neugier. Sie freute sich auf den Einzug ins gelobte Land – mit einer Lebensfreude, die sie damals noch besaß.

Mein Vater, der als junger Soldat von der Familie eines hochdekorierten Generals aufgenommen worden war und nach sich ankündigenden politischen Unruhen mit selbiger die Türkei verließ, war auf diese Weise bereits Ende der 1950er-Jahre erst nach Brescia in Norditalien, dann nach Paris gekommen.

Ab 1962 arbeitete er im Dienst der Air Force auf der Air Base am Frankfurter Flughafen. Er war dort wahrscheinlich der einzige Türke, und bis heute weiß ich nicht, was seine Aufgabe war: Spion, Kofferträger, Dolmetscher, all dies hörte ich im Laufe der Jahre. Zumindest war er ein Patriot oder mehr und überwies dem türkischen Militär – soweit es ihm möglich war – immer wieder Geld. Mich wollte er nach der Grundschule auf ein Militärinternat in der Türkei schicken, damit ich der ehrlichste Mensch auf der Welt werde – ein türkischer Soldat.

So hatte die Scheidung meiner Eltern wenigstens etwas Gutes, denn die Zukunft eines Mehmetçik – eines ehrenhaften anatolischen Soldaten, der stets bereit ist, für sein Vaterland bis zum letzten Tropfen seines Blutes zu kämpfen –, diese trübe und lebensfeindliche Zukunft blieb mir dadurch glücklicherweise erspart.

Als mein Vater uns verließ – ich war elf Jahre alt –, glaubte meine Mutter, dass er bald wiederkommen würde; als er jedoch wegblieb, brach sie jeden Abend verzweifelt in Tränen vor mir zusammen.

Ich konnte nicht mit ihr weinen, damals begriff ich ihren Schmerz nicht. Das kam erst viel später, als ich in der Lage war, mich meinem eigenen Schmerz zu stellen. Dann aber verlor ich mich ganz in ihm, indem ich wieder und wieder die Aria aus den Goldberg-Variationen spielte. Mit jeder Wiederholung dieser zeitlosen Musik stieg ich tiefer und tiefer in die traumatischen Abgründe meiner vaterlosen Kindheit. Ich wiederholte die Aria so oft, bis ich nichts, keinen Schmerz, mehr fühlte und ich mich von außen zu betrachten begann. Jede meiner Bewegungen schien zeitversetzt, jeder Atemzug intensiv, fremd.

Als meine Frau schwanger war, spielte ich die Aria erneut so oft es ging; ich wollte diese Musik nicht mehr mit der Trauer über den Verlust meines Vaters assoziieren, sondern mit der unermesslichen Freude über die anstehende Geburt meiner geliebten Tochter. Die Aria von Bach sollte den werdenden Vater und seine Wunschtochter für alle Zeiten verbinden.

Erst mit dem Tag der Geburt meiner Tochter endete das Weinen meiner Mutter. Hin und wieder erlag sie auch dann noch alten Erinnerungen und eine tiefe Traurigkeit überkam sie – nur der Anblick ihrer Enkelin tröstete sie über ihr Leid, über ihre verschenkte Jugend und den unverzeihlichen Verrat, den der Mann, den sie noch immer liebte, an ihr begangen hatte.

Sie hatte ihrem Ehemann ihre besten Jahre geschenkt, er hatte sie undankbar angenommen, um doch am Ende seine Ehefrau schmählich zu verraten. Nie hätte meine Mutter einen solchen Verrat von ihrem Mann erwartet, von ihrem zudem patriotischen, türkischen Mann. Dieser Verrat an der türkischen Familie, der türkischen Tradition und Sitte, aber auch an der türkischen Fahne selbst sollte ihr zukünftiges Leben prägen.

Fünfzehn Jahre später heiratete sie aus einer trostlosen Einsamkeit heraus noch einmal einen türkischsprachigen Mann. Enttäuscht ließ sie sich nach wenigen Jahren aber auch von diesem wieder scheiden.

Meine Mutter, die mich, nachdem sie von meinem Vater verlassen worden war, bewusst türkisch-laizistisch, ganz im Sinne Atatürks, erzog, griff immer wieder auf den unerschöpflichen Fundus türkischer Sprichwörter zurück, den sogenannten Atasözleri, was wörtlich übersetzt „die Worte der Ahnen“ bedeutet. Ich wunderte mich, als sie eines Tages ein Atasöz zitierte, das gar nicht zu all den alten türkischen Sprüchen passen wollte:

„Wenn du einen Freund brauchst, dann finde einen Hund.“

Und tatsächlich bekam ich als Grundschüler von meiner Mutter einen Hund.

Ben war mein Ein und Alles, mein einziger Freund. Ich war den ganzen Tag mit ihm zusammen, weil meine Mutter nachmittags an verschiedenen Grundschulen der Umgebung muttersprachlichen Unterricht für die türkischen „Gastarbeiter“-Kinder gab.

In meiner Geburtsstadt war ich der erste Türke, der einen Hund besaß; später gab es auch andere Türken, die sich einen Hund zulegten, trotzdem blieb ich der einzige Türke, dessen Hund mit in der Wohnung leben durfte. Die Hunde der anderen fristeten, angekettet in Hinterhöfen und auf Fabrikgeländen, ein unwürdiges Leben.

Meine Mutter, die nicht mehr an die türkisch-patriarchalischen Familienstrukturen glaubte, ließ mir alle Freiheiten, die wider die Vorstellungen der türkischen Gesellschaft waren. Sie kümmerte sich nicht mehr um die Meinung der türkischen Gesellschaft, zu der sie nur noch über die Eltern ihrer Schüler den nötigsten Kontakt hielt.

Einmal wurde ich bei einem Hundespaziergang von einigen älteren türkischen Herren angesprochen, die gerade auf ihrem Balkon im Hochparterre Wasserpfeife rauchten und Kebab grillten. Freundlich baten Sie mich, näherzutreten, sie lobten meinen wohlerzogenen Respekt älteren Menschen gegenüber, mein Aussehen, meine Intelligenz, eigentlich alles, was eine türkische Mutter, aber nicht ihr Kind hören möchte.

Der älteste der Herren ergriff schließlich das Wort und versuchte mir klarzumachen, dass Hunde unrein wären und in der Wohnung eines echten Türken und somit gläubigen Muslims nichts zu suchen hätten; dass ich mir Gedanken darüber machen möge, wie und wo ich meinen unreinen Hund wieder loswerden könne. Er nannte mir ein Tierheim in der Umgebung und fügte schließlich mit höhnischem Gelächter hinzu, dass die Deutschen ihre Hunde lieber hätten als Menschen und mein Hund ganz bestimmt schnell ein passenderes Zuhause bei einem deutschen Besitzer finden würde.

Unterdessen war meine Mutter hinzugetreten und hatte den fundamentalistischen Ratschlägen der Männer unbemerkt gelauscht. Nun schritt sie ein und hielt den bärtigen Herren eine Standpauke über Männer im Allgemeinen und türkische Männer im Besonderen, über die türkische Familie in Deutschland und die falsche Auslegung, nämlich die männliche Auslegung des Korans.

Mich beeindruckte der Auftritt meiner zornigen Mutter sehr, ich war richtig stolz auf sie. Mein Hund sprang sie freudig wedelnd an. Auch ich fühlte mich ermutigt, etwas zu sagen, und schrie den Männern entgegen, dass die Zähne meines Hundes viel weißer seien als die ihrigen, da ich sie ihm täglich putze.

Die Männer murmelten auf Arabisch etwas von Bart zu Bart und wagten nichts mehr zu sagen. Sie waren schockiert von Mutter und Sohn.

Dieser heroische Auftritt meiner Mutter prägte sich mir für immer ein. Ich würde fortan meinen Mund aufmachen, wann immer es notwendig war, an die weiteren Konsequenzen dachte ich in der Regel nie.

Mein Hund Ben wurde sehr, sehr alt; er begleitete mich treu durch meine gesamte Kindheit und Jugend. Er spürte wohl, dass ich ihn brauchte. Er war tatsächlich mein einziger Freund.

HELMUT SCHMIDT

Meine Mutter sagte immer, dass ich alles im Leben erreichen könne, wenn ich es nur aus tiefstem Herzen wolle und fest an mich glaube. Viel später erst, am dritten Geburtstag meiner eigenen kleinen Tochter, wurde mir klar, dass sie mit mir stets wie mit einem Erwachsenen gesprochen hatte.

Ich hörte meine Mutter in der Küche, wie sie sich mit jemandem unterhielt, und lauschte vorsichtig an der Tür. Sie sprach über das Leben, über das Schöne und das weniger Schöne daran; über all das, was man in seinem Leben erreichen könne, wenn man es nur wirklich aus tiefstem Herzen wolle.

Ich fragte mich, mit wem sie da wohl redete, und öffnete langsam die Tür. Ihr gegenüber saß meine kleine Tochter, die ihren Ausführungen mit großen, aufmerksamen Kinderaugen folgte.

Als kleines Kind durfte ich mit meiner Mutter bis spät in die Nacht fernsehen. Und zwar alles. Von Nachrichten bis Bonanza, von Raumschiff Enterprise bis Aktenzeichen XY … ungelöst. Aktenzeichen XY … ungelöst verpassten wir nie, da meine Mutter mir mit dieser Sendung beweisen konnte, was Menschen anderen Menschen anzutun imstande waren. Wir verpassten auch keine der zahlreichen amerikanischen Filme, besonders mit „Girri-Girripek“, „Jämmes Stäwwart“ und „Jonn Weiner“ – es waren Gregory Peck, James Stewart und John Wayne. Über Frauen sprach meine Mutter kaum, mit einer Ausnahme: Sophia Loren. Ob es Zufall ist, dass meine Tochter Sophia heißt? Zwar schlug meine Frau diesen Namen vor, aber warum gefiel er mir sofort?

Der Fernseher bildete neben meinem Hund Ben den Mittelpunkt meiner Kindheit. Ich lebte ganz in meiner eigenen Gedankenwelt, in sehr lebendigen Träumen, die sich meist aus den Nachrichten, Filmen und Geschichten speisten, die der Fernseher mir allabendlich erzählte.

Kurz vor meinem fünften Geburtstag passierte etwas Sonderbares: In den Nachrichten war ständig von Willy Brandt, dem deutschen Bundeskanzler, die Rede. Man sprach von Spionen, von der DDR, von den USA und von der Sowjetunion, der UdSSR. Wochenlang nur dieses eine Thema.

Bald träumte ich von dem Nachrichtensprecher, dann von Willy Brandt, der mir geheimnisvoll zuraunte, wie er Bundeskanzler geworden war, und dann erschien mir im selben Traum meine Mutter, die mir sagte, dass ich alles im Leben erreichen kann, wenn ich es denn nur wirklich wollte. Am nächsten Morgen erinnerte ich mich an jedes Wort von Willy Brandt, aber auch an die Worte des Nachrichtensprechers, der wieder und wieder von Willy Brandts Nachfolger sprach:

„Helmut Schmidt ist mit 267 Stimmen zum Bundeskanzler gewählt worden. Mit 267 Stimmen!“

An diesem Tag beschloss ich, Bundeskanzler von Deutschland zu werden. Meiner Mutter sagte ich nichts davon, denn ich wollte sie damit überraschen. Doch bereits nach wenigen Tagen stellte sie eine eigenartige Verhaltensauffälligkeit an mir fest, die ihr gar nicht gefallen wollte. Ihr Sohn saß seinem Hund Ben gegenüber und redete mit nie zuvor gehörten Stimmen auf ihn ein; mal mit einer tiefen, mal mit einer hohen Stimme; mal versuchte er, wie ein Roboter zu sprechen, ein anderes Mal sang er mit einer fürchterlich dumpfen Stimme lange monotone Melodiebögen.

Zu meiner eigenen Überraschung konnte ich bald die höchsten und tiefsten Töne halten, um dann sofort wieder mit einer Roboterstimme ganz kurze, abgehackte Geräusche zu erzeugen.

Meine Mutter gewöhnte sich irgendwann an meine neue Passion. Zwar spürte ich ihren verwirrten Blick auf mir ruhen, wenn ich wieder eine neue Stimme für mich entdeckte, doch sie stellte keine Fragen.

Vormittags und nachmittags arbeitete sie in unterschiedlichen Grundschulen, während ich, so oft es ging, mit Ben unterwegs war. Am Abend kochte sie für uns und wir genossen, Mutter und Sohn, vor dem Fernseher die wenigen gemeinsamen Stunden, die uns ihr nicht besonders kinderfreundlicher Arbeitsrhythmus erlaubte.

Die Nachbarschaft hatte sich an mein auffälliges Verhalten ebenfalls längst gewöhnt. Noch immer hatte ich niemandem gesagt, warum ich Tag für Tag mit den skurrilsten Stimmen zu mir oder meinem Hund sprach. Eines Tages wollte ich meine Mutter überraschen, sie sollte stolz auf ihren Sohn sein, auf den ersten türkischen Bundeskanzler.

Der Nachrichtensprecher hatte gesagt, dass Helmut Schmidt mit 267 Stimmen Bundeskanzler von Deutschland geworden war und ich fragte mich, wann Helmut Schmidt diese Stimmen endlich darbieten würde. Ich wartete geduldig, wurde aber leider von ihm enttäuscht. Niemals bekam ich eine Kostprobe seiner vielen Stimmen zu hören. Da schwor ich mir, dass, wenn ich jemals Bundeskanzler werden sollte, ich jedermann meine Stimmen vormachen würde; ganz gleich, ob Kind oder Erwachsener.

Bundeskanzler von Deutschland wurde ich nicht, doch das jahrelange Training und Bemühen um Aneignung verschiedenster Stimmen sollte mich auf einen anderen, auf einen künstlerischen Weg führen.