Cover

David Michie

DIE KATZE DES

DALAI LAMA

Roman

Aus dem Englischen übersetzt

von Kurt Lang

Lotos

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Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»The Dalai Lama’s Cat« im Verlag Hay House Inc., USA.

Copyright © 2012 by Mosaic Reputation Management

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by Lotos Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Karin Weingart

Covergestaltung: Guter Punkt, München,

unter Verwendung des Originalcovers von Amy Rose Grigoriou

Illustrationen: © branche caria – Fotolia.com

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-12503-5
V003

In liebender Erinnerung an unsere kleine Rinpoche,

Prinzessin Wussik vom Saphirthron.

Sie schenkte uns Freude; wir liebten sie sehr.

Möge dieses Buch ihr und allen Lebewesen dabei helfen,

schnell und mühelos die vollständige

Erleuchtung zu erlangen.

Auf dass alle Geschöpfe Glück

und die wahren Ursachen des Glücks erfahren.

Auf dass alle Lebewesen frei von Leid

und den wahren Ursachen des Leids sein mögen.

Auf dass alle Geschöpfe Glück ohne Leid erfahren – die große Freude und Befreiung des Nirwana.

Auf dass alle Geschöpfe in Ruhe

und Frieden leben können,

dass ihr Geist frei sei von Last und Zorn

und frei von Gleichgültigkeit.

Prolog

Die Idee zu diesem Buch kam mir an einem sonnigen Morgen im Himalaja. Ich lag auf meinem Lieblingsplatz, dem Fensterbrett im ersten Stock – der perfekte Aussichtspunkt, um mit geringem Aufwand möglichst viel von dem mitzubekommen, was um mich herum geschieht. Seine Heiligkeit beendete gerade eine Privataudienz.

Natürlich verbietet es mir die Diskretion zu verraten, wem diese Audienz vergönnt war. Nur so viel sei gesagt: Sie ist eine sehr berühmte Hollywoodschauspielerin … ihr wisst schon, liebe Leser, die natürlich blond(e), die sich für benachteiligte Kinder engagiert und Esel als Haustiere hat. Ja, genau, die!

Sie war soeben im Begriff, den Raum zu verlassen, als sie noch einen Blick aus dem Fenster warf; die Aussicht auf die schneebedeckten Berge ist aber auch wirklich atemberaubend. Und da entdeckte sie mich.

»Oh! Wie hübsch!« Sie kam auf mich zu und kraulte meinen Nacken, was ich mit einem herzhaften Gähnen und dem ausgiebigen Strecken meiner Vorderpfoten quittierte. »Ich wusste ja gar nicht, dass Ihr eine Katze habt!«, rief sie.

Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Menschen diese Beobachtung machen – obwohl nicht alle ihre Verwunderung so lautstark zum Ausdruck bringen wie die Amerikanerin. Warum sollte Seine Heiligkeit denn keine Katze haben (vorausgesetzt, die Formulierung »eine Katze haben« würde unsere Beziehung korrekt beschreiben)?

Außerdem wird jeder, der über eine gewisse Beobachtungsgabe verfügt, die Anwesenheit einer Katze im Leben Seiner Heiligkeit eindeutig an den Haaren erkennen, die ich von Zeit zu Zeit auf ihm hinterlasse. Sollten Sie je das Privileg genießen, dem Dalai Lama so nahe zu kommen, dass Sie seine Robe einer genauen Prüfung unterziehen können, werden Sie gewiss einige kleine weiße Fellbüschel darauf entdecken. Der sichere Beweis dafür, dass er sein Heim mit einer Katze von tadelloser – wenngleich undokumentierter – Herkunft teilt.

Diese Entdeckung mussten auch die Corgis der Queen machen, als Seine Heiligkeit den Buckingham Palace besuchte – was für nicht geringe Aufregung sorgte. Eine Begebenheit, über die die Weltpresse erstaunlicherweise kaum berichtete.

Aber ich schweife ab.

»Hat sie auch einen Namen?«, fragte die Schauspielerin, indem sie meinen Nacken gebührend kraulte.

»Selbstverständlich! Viele Namen.« Seine Heiligkeit lächelte geheimnisvoll.

Der Dalai Lama sprach die Wahrheit. Wie viele Hauskatzen besitze ich eine ganze Reihe von Namen, von denen manche mehr, andere weniger gebräuchlich sind. Gegen einen von ihnen hege ich allerdings eine gewisse Abneigung. Beim Personal Seiner Heiligkeit gilt er als mein Ordensname, doch der Dalai Lama selbst hat ihn noch nie ausgesprochen. Zumindest nicht in vollständiger Länge. Diesen Namen werde ich zu meinen Lebzeiten niemandem verraten. Nun, jedenfalls nicht in diesem Buch.

Also … auf keinen Fall in diesem Kapitel.

»Wenn sie nur sprechen könnte«, sagte die Schauspielerin. »Sie hätte bestimmt große Weisheiten zu verkünden.«

Und damit nahm alles seinen Anfang.

In den folgenden Monaten beobachtete ich Seine Heiligkeit beim Verfassen seines neuesten Buches. Viele Stunden verbrachte er mit der gewissenhaften Auslegung wichtiger Texte. Er achtete sorgfältig darauf, dass jedes Wort, das er niederschrieb, von größter Bedeutung und segensreicher Wirkung war. Immer mehr gelangte ich zu der Überzeugung, dass auch für mich die Zeit gekommen war, ein Buch zu schreiben – ein Buch, das etwas von der Weisheit beinhalten sollte, die mir zuteilwurde, indem ich nicht nur zu Füßen, sondern auch auf dem Schoß des Dalai Lama gesessen hatte. Ein Buch, das meine Lebensgeschichte erzählen sollte – nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern von der Gosse in den Tempel. Wie ich vor einem unvorstellbar schrecklichen Schicksal gerettet und die ständige Begleiterin eines Mannes wurde, der nicht nur eines der großen spirituellen Leitbilder unserer Zeit und Träger des Friedensnobelpreises ist, sondern auch weiß, wie man mit einem Dosenöffner umgeht.

An so manchem Nachmittag, wenn ich der Meinung bin, dass Seine Heiligkeit genug Zeit am Schreibtisch verbracht hat, springe ich von der Fensterbank, schleiche zu seinem Arbeitsplatz hinüber und schmiege meinen flauschigen Körper an seine Beine. Gelingt es mir auf diese Weise nicht, seine Aufmerksamkeit zu erregen, bohre ich meine Zähne sanft, aber präzise in das zarte Fleisch seiner Fußknöchel. Das erzielt im Allgemeinen den gewünschten Effekt.

Dann schiebt der Dalai Lama mit einem Seufzen seinen Stuhl zurück, hebt mich vom Boden auf und geht mit mir zum Fenster hinüber. Wenn er in meine großen blauen Augen sieht, dann mit einem Blick voll unendlicher Liebe, der mein Herz vor Freude überquellen lässt.

»Meine kleine ›Bodhikatzva‹«, nennt er mich dabei gelegentlich. Ein Wortspiel auf Bodhisattva, einen Begriff aus dem Sanskrit, der im Buddhismus ein erleuchtetes Wesen beschreibt.

Gemeinsam betrachten wir das Panorama des Kangra-Tals, das sich vor uns auftut. Die sanfte Brise, die durch das geöffnete Fenster hereinweht, duftet nach Kiefer, Himalajaeiche und Rhododendron, was der Luft ihre reine, fast magische Qualität verleiht. In der warmen Umarmung des Dalai Lama lösen sich alle Unterschiede vollständig auf – die zwischen Beobachter und Beobachtetem, zwischen Katze und Lama, zwischen der Stille des Zwielichts und meinem dunklen Schnurren.

Und in diesen Momenten bin ich von tiefer Dankbarkeit erfüllt, die Katze des Dalai Lama sein zu dürfen.

Erstes Kapitel

Einem Stier, der seine Notdurft verrichtete, ist es zu verdanken, dass sich mein Leben schon kurz nach meiner Geburt dramatisch veränderte. Ohne diesen Stier, liebe Leser, gäbe es auch dieses Buch nicht.

Stellt euch einen typischen Nachmittag während der Regenzeit in Neu-Delhi vor. Der Dalai Lama war gerade von einer Vortragsreise aus den USA zurückgekehrt und auf dem Nachhauseweg vom Indira Gandhi Airport. Sein Wagen kämpfte sich durch die Vorstädte, als ein Stier den Verkehr zum Erliegen brachte, indem er auf die Schnellstraße trottete, um dort ausgiebig sein Geschäft zu verrichten.

Seine Heiligkeit stand im Stau und sah geduldig aus dem Fenster. Und als er so dasaß und darauf wartete, dass sie weiterfahren konnten, wurde er Zeuge eines Dramas, das sich am Straßenrand abspielte:

Inmitten des Durcheinanders aus Fußgängern und Fahrradfahrern, Imbissbuden und Bettlern mühten sich zwei abgerissene Straßenkinder, den Handel des Tages zu einem glücklichen Abschluss zu bringen. Am Morgen hatten sie in einer kleinen Seitengasse unter einem Haufen Leinensäcken einen ganzen Wurf kleiner Kätzchen entdeckt. Sie betrachteten ihren Fund genauer und stellten bald fest, dass er einigen Wert besaß. Denn die Kätzchen waren keine gewöhnlichen Hauskatzen, sondern eindeutig Geschöpfe von edler Herkunft. Obwohl die Jungen mit den Merkmalen der Himalaja-Katze nicht vertraut waren, begriffen sie schnell, dass die Tiere mit ihren saphirblauen Augen und dem schönen, üppigen Fell ein rentables Tauschobjekt darstellten.

Sie entrissen meine Geschwister und mich dem gemütlichen Nest unserer Mutter und warfen uns in den ungewohnten, furchteinflößenden Straßenlärm. Im Handumdrehen hatten die Jungen meine beiden älteren Schwestern, die viel größer und besser entwickelt waren als wir Letztgeborenen, gegen eine Handvoll Rupien getauscht – was eine derartige Aufregung bei ihnen hervorrief, dass sie mich versehentlich fallen ließen. Ich landete schmerzhaft auf dem Asphalt und wäre beinahe von einem Motorroller überfahren worden.

Ich und mein Bruder – zwei kleine, ausgemergelte Kätzchen – waren weitaus schwieriger an den Mann zu bringen. Stundenlang zogen die Jungen durch die Straßen und versuchten an jeder Kreuzung, die Autofahrer für uns zu interessieren. Ich hatte noch lange nicht das Alter erreicht, von meiner Mutter getrennt werden zu können. Mein zerbrechlicher Körper hatte diesen Strapazen nichts entgegenzusetzen. Vom Schmerz durch den Fall und durch den Milchmangel geschwächt war ich kaum noch bei Bewusstsein, als die Jungen die Aufmerksamkeit eines älteren Passanten erregten, der seiner Enkeltochter ein Kätzchen zum Geburtstag schenken wollte.

Er befahl den Jungen, uns auf den Boden zu setzen. Dann ging er in die Hocke und musterte uns eingehend. Mein Bruder tapste durch die Schmutzhaufen am Straßenrand und bat mit einem herzzerreißenden Miauen um Milch. Als man gegen mein Hinterteil stieß, um mich zu einer Bewegung zu animieren, schaffte ich nur einen einzigen, taumelnden Schritt, bevor ich in einer Dreckpfütze zusammenbrach.

Genau diese Szene beobachtete Seine Heiligkeit.

Und das, was als Nächstes passierte.

Nach längerem Feilschen händigten die Jungen dem zahnlosen Alten meinen Bruder aus, während ich im Schmutz liegen blieb. Schließlich beratschlagten meine Entführer, was sie mit mir anstellen sollten, wobei mich einer der Jungen sogar sehr unsanft mit seinem großen Zeh anstieß. Sie kamen schließlich zu dem Ergebnis, dass ich unverkäuflich wäre, zogen den Sportteil einer alten Times of India aus einem Gully in der Nähe, wickelten mich wie ein Stück verdorbenes Fleisch darin ein und machten sich auf den Weg zum nächsten Müllhaufen, um mich dort zu entsorgen.

In der Zeitung bekam ich kaum Luft. Jeder Atemzug war eine Qual. Von Erschöpfung und Hunger gepeinigt spürte ich, wie mein Lebenslicht allmählich immer schwächer wurde und dem Verlöschen gefährlich nahekam. Kein Zweifel, mein letztes Stündlein hatte geschlagen.

In diesem Moment schickte Seine Heiligkeit einen Bediensteten, der – gerade aus Amerika zurückgekehrt – zwei Dollarscheine in seiner Robe stecken hatte. Diese überreichte er den Jungen, die eilig davoneilten und angeregt darüber debattierten, wie viele Rupien sie wohl für die Dollar bekämen.

Ich wurde aus der Todesfalle des Sportteils (»Bangalore schlägt Rajasthan vernichtend mit neun Wickets Vorsprung« lautete die Schlagzeile) gewickelt und ruhte bald auf der gemütlichen Rückbank im Wagen des Dalai Lama. Kurz darauf wurde bei einem Straßenhändler Milch gekauft und mir ins Maul geträufelt. Seine Heiligkeit hauchte meinem ermatteten Körper neues Leben ein.

Ich habe zwar kaum Erinnerungen an meine Rettung, aber die Geschichte wurde mir seither so oft erzählt, dass ich sie in- und auswendig kenne. Eines allerdings weiß ich noch sehr genau: wie ich an einem sicheren Ort voll unendlicher Wärme erwachte und zum ersten Mal, seit man mich an diesem Morgen aus meinem Bett aus Leinensäcken entführt hatte, wieder Zuversicht schöpfte. Als ich mich umsah, um meinen neuen Ernährer und Beschützer ausfindig zu machen, blickte ich direkt in die Augen des Dalai Lama.

Wie soll man den ersten Augenblick in Gegenwart Seiner Heiligkeit beschreiben?

Es ist nicht nur ein Gefühl, sondern auch ein Gedanke – die beruhigende und tiefe Erkenntnis, dass alles gut ist. Wie ich später begriff, ähnelt es den Empfindungen, die man hat, wenn man sich bewusst wird, dass die wahre Natur des Selbst aus Liebe und Mitgefühl besteht. Der Dalai Lama erkennt deine Buddhanatur und hält sie dir wie einen Spiegel vor. Diese außergewöhnliche Erfahrung rührt viele Menschen zu Tränen.

Als ich in eine kastanienbraune Wolldecke gewickelt auf einem Stuhl im Büro Seiner Heiligkeit saß, wurde ich mir einer weiteren Tatsache bewusst, die für alle Katzen von großer Bedeutung ist: Ich befand mich im Heim eines Katzenliebhabers.

Allerdings verspürte ich noch etwas anderes: eine weit weniger angenehme Präsenz, die jenseits des Beistelltisches saß. Nach seiner Rückkehr nach Dharamsala empfing Seine Heiligkeit wie gewöhnlich wieder viel Besuch. Gerade fand ein seit Langem vereinbartes Treffen mit einem britischen Geschichtsprofessor statt, dessen Namen ich euch natürlich auch nicht verraten darf. Der Hinweis, dass er an einer der beiden renommiertesten Universitäten Englands lehrte, muss genügen.

Der Professor schrieb gerade an einem umfangreichen Werk über die indotibetische Geschichte. In diesem Augenblick wirkte er jedoch etwas pikiert, da ihm der Dalai Lama nicht seine volle Aufmerksamkeit widmete.

»Eine streunende Katze?«, rief er, als ihm Seine Heiligkeit in wenigen Worten erklärte, weshalb ich den Stuhl zwischen ihnen in Beschlag genommen hatte.

»Ja«, bestätigte der Dalai Lama. Dann holte er zu einer etwas ausführlicheren Erläuterung aus, die weniger auf die Frage selbst als auf den Tonfall abzielte, in dem sein Gast sie gestellt hatte. Er bedachte den Geschichtsprofessor mit einem milden Lächeln und sprach mit dem vollen, warmen Bariton, der mir schon bald so vertraut sein würde.

»Nun, Herr Professor, dieses streunende Kätzchen und Sie haben etwas sehr Wichtiges gemeinsam.«

»Da bin ich aber gespannt«, antwortete der Professor reserviert.

»Ihr Leben ist Ihnen das Wichtigste auf der Welt«, sagte Seine Heiligkeit. »Und genau dasselbe gilt für dieses Kätzchen.«

Aus der darauf folgenden langen Pause wurde deutlich, dass der Professor trotz all seiner Gelehrsamkeit noch niemals mit einem derart verblüffenden Gedanken konfrontiert worden war.

»Aber damit wollt Ihr doch sicher nicht sagen, dass das Leben eines Tieres denselben Wert hat wie ein Menschenleben?«, vergewisserte er sich.

»Natürlich besitzen wir Menschen ein bedeutend größeres Potenzial«, antwortete Seine Heiligkeit. »Der starke Drang, am Leben zu bleiben, diese spezielle Bewusstseinserfahrung nicht aufzugeben allerdings – darin sind sich Mensch und Tier gleich.«

»Nun, das mag vielleicht für einige höhere Säugetierspezies gelten …« Der Professor versuchte verzweifelt, Argumente gegen diesen beunruhigenden Gedanken aufzubringen. »Aber doch nicht für alle Tiere. Denken wir beispielsweise an Kakerlaken

»Es gilt auch für Kakerlaken«, sagte Seine Heiligkeit unbeirrt. »Für jedes Lebewesen, das ein Bewusstsein besitzt.«

»Kakerlaken übertragen Krankheiten und Seuchen. Es ist unabdingbar, sie mit Gift zu vernichten.«

Seine Heiligkeit stand auf und ging zu seinem Schreibtisch hinüber, von dem er eine große Streichholzschachtel aufhob. »Wenn wir eine Kakerlake entdecken, tragen wir sie hierin ins Freie«, sagte er. »Das ist viel besser als Gift. Sie«, fuhr er nach seinem charakteristischen Kichern fort, »möchten doch sicher auch nicht von einem Gift sprühenden Riesen verfolgt werden, oder?«

Der Professor überdachte schweigend diese naheliegende, aber ungewöhnliche Weisheit.

»Für uns, die wir mit Bewusstsein ausgestattet sind« – der Dalai Lama kehrte auf seinen Platz zurück –, »ist das Leben sehr wertvoll. Deshalb müssen wir auch alle anderen bewussten Lebewesen schützen. Und begreifen, dass wir ausnahmslos alle von zwei Grundbedürfnissen geleitet werden: dem Wunsch nach Glück und dem Wunsch, Leid zu vermeiden.«

Über diese Themen spricht der Dalai Lama oft und in unzähligen Formulierungen. Und doch bringt er sein Anliegen jedes Mal mit einer derart eindringlichen Klarheit und Deutlichkeit zum Ausdruck, dass es mir vorkommt, als würde ich es zum ersten Mal hören.

»Diese Bedürfnisse teilen wir alle, genau wie uns die Mittel und Wege gemeinsam sind, Glück zu erlangen und Leid zu vermeiden. Wer von uns erfreut sich nicht an einem köstlichen Mahl? Wer will nicht an einem sicheren, bequemen Ort schlafen? Gelehrter, Mönch oder streunende Katze – in dieser Hinsicht sind wir alle gleich.«

Der Geschichtsprofessor rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum.

»Aber am meisten«, sagte der Dalai Lama, beugte sich vor und kraulte mich mit seinem Zeigefinger, »wünschen wir uns, geliebt zu werden.«

Als uns der Professor an diesem Abend verließ, hatte er viel mehr, worüber er sich Gedanken machen konnte, als nur die Tonbandaufzeichnungen der Ansichten des Dalai Lama über die indotibetische Geschichte. Die Botschaft Seiner Heiligkeit war eine Herausforderung, fast eine Provokation. Und doch durfte man sie nicht auf die leichte Schulter nehmen … wie wir bald sehen werden.

In den folgenden Tagen machte ich mich mit meiner neuen Umgebung vertraut. Mit dem behaglichen Bett, das mir Seine Heiligkeit aus einer alten Wollrobe bereitet hatte. Mit der Veränderung des Lichts in seinen Gemächern vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. Mit der Fürsorglichkeit, die er und seine beiden Assistenten walten ließen, wenn sie mich mit warmer Milch fütterten, bis ich kräftig genug war, um feste Nahrung zu mir zu nehmen.

Zunächst erkundete ich die Privatgemächer des Dalai Lama. Dann wagte ich mich in das Büro vor, das sich seine beiden Assistenten teilten. Der Tür am nächsten saß Chogyal, ein junger, pummeliger Mönch mit lächelndem Gesicht und weichen Händen. Er half Seiner Heiligkeit in spirituellen Angelegenheiten. Der andere, größere Mann, der ihm gegenüber saß, hieß Tenzin. Er trug stets einen eleganten Anzug, und der saubere Duft von Karbolseife haftete an seinen Händen. Er war Berufsdiplomat und Kulturattaché und beriet den Dalai Lama in weltlichen Fragen.

Als ich zum ersten Mal um die Ecke und in das Büro getapst kam, unterbrachen sie abrupt ihre Unterhaltung.

»Wer ist das denn?«, wollte Tenzin wissen.

Kichernd hob mich Chogyal auf und setzte mich auf seinen Schreibtisch, auf dem die hellblaue Kappe eines Kugelschreibers sofort meine Aufmerksamkeit erregte. »Der Dalai Lama hat sie gerettet, als er auf dem Weg von Delhi hierher in einen Stau geriet«, sagte Chogyal und erzählte die Geschichte meiner Rettung, während ich die Stiftkappe über den Schreibtisch schubste.

»Warum humpelt sie?«, wollte der andere wissen.

»Offenbar ist sie auf den Rücken gefallen.«

»Hmmm«, brummte Tenzin skeptisch, beugte sich vor und beäugte mich eingehend. »Als Letzte ihres Wurfs litt sie womöglich an Unterernährung. Hat sie einen Namen?«

»Nein«, sagte Chogyal. Wir schoben uns die Stiftkappe ein paarmal gegenseitig zu. »Wir müssen ihr einen Namen geben!«, rief er plötzlich. »Einen Ordensnamen. Was meinst du – tibetisch oder englisch?« (Im Buddhismus erhalten jeder neue Mönch und jede Nonne einen Ordensnamen zum Zeichen, dass sie eine neue Identität angenommen haben.)

Chogyal machte mehrere Vorschläge. »Derartige Angelegenheiten kann man nicht erzwingen«, sagte Tenzin schließlich. »Ich bin zuversichtlich, dass wir den geeigneten Namen finden werden, wenn wir sie erst besser kennenlernen.«

Wie üblich war Tenzins Ratschlag nicht weniger weise als prophetisch – sehr zu meinem Leidwesen, wie sich herausstellen sollte. Ich jagte die Kugelschreiberkappe, bis ich auf Tenzins Schreibtisch landete. Der ältere Mann ergriff meine kleine pelzige Gestalt und setzte mich sanft auf den Teppich.

»Du bleibst lieber da unten«, sagte er. »Ich habe hier einen Brief Seiner Heiligkeit an den Papst. Da haben Pfotenspuren nichts darauf zu suchen.«

Chogyal lachte. »Unterzeichnet im Auftrag, von der Katze Seiner Heiligkeit.«

»KSH«, sagte Tenzin. In der offiziellen Korrespondenz wird Seine Heiligkeit des Öfteren mit der Kurzform »SH« bezeichnet. »Belassen wir es bei diesem provisorischen Titel, bis wir einen passenden Namen finden.«

Das Assistentenbüro führte in einen Flur mit weiteren Büros, der an einer stets geschlossenen Tür endete. Aus den Gesprächen der Assistenten, die ich belauscht hatte, wusste ich, dass diese Tür zu vielen weiteren Orten führte: hinunter, nach draußen, zum Tempel und sogar ins Ausland. Durch diese Tür kamen und gingen die Besucher Seiner Heiligkeit. Hinter ihr wartete eine neue Welt auf mich. Doch in meinen Tagen als kleines Kätzchen war ich vollauf damit zufrieden, vorerst auf dieser Seite zu bleiben.

Ich hatte meine ersten Tage auf Erden unter Leinensäcken in einer engen Gasse verbracht und nur wenig Ahnung vom Leben der Menschen – und noch weniger davon, wie ungewöhnlich mein Schicksal war. Wenn Seine Heiligkeit jeden Morgen um drei Uhr aufstand, um fünf Stunden lang zu meditieren, folgte ich ihm, rollte mich neben ihm zusammen und genoss seine Wärme und Energie. So kam ich selbstverständlich zu dem Schluss, dass die meisten Menschen den Tag mit einer langen Meditation beginnen.

Wenn Seine Heiligkeit einen Gast empfing, war es Sitte, dass dieser ihm einen weißen Schal – eine Khata – überreichte, den ihm der Dalai Lama mit einem Segen zurückgab. Natürlich glaubte ich, dass dies so üblich wäre, wenn sich die Zweibeiner gegenseitig einen Besuch abstatten. Außerdem begriff ich ziemlich schnell, dass viele Gäste des Dalai Lama weite Reisen auf sich nahmen, um ihn zu besuchen; auch das erschien mir nicht ungewöhnlich.

Bis mich eines Tages Chogyal aufhob und meinen Nacken kraulte. »Du fragst dich bestimmt, wer all diese Menschen sind«, sagte er und folgte meinem Blick zu den vielen gerahmten Fotos, die an den Wänden des Assistentenbüros hingen. Er deutete auf einige der Aufnahmen. »Das hier sind die letzten acht Präsidenten der Vereinigten Staaten während ihres Besuchs beim Dalai Lama. Er ist ein ganz außergewöhnlicher Mensch, weißt du.«

Das wusste ich, weil er stets dafür sorgte, dass meine Milch warm, aber nicht zu heiß war, wenn er mich fütterte.

»Er ist einer der größten spirituellen Lehrmeister der Welt«, fuhr Chogyal fort. »Wir glauben, dass er ein lebender Buddha ist. Du musst eine sehr enge karmische Verbindung zu ihm haben. Es wäre interessant zu erfahren, welcher Natur diese Verbindung ist.«

Einige Tage später wagte ich mich den Flur hinunter in eine kleine Küche mit Sitzecke, wo das Personal des Dalai Lama sich entspannte, zu Mittag aß oder Tee kochte. Mehrere Mönche saßen auf einem Sofa und sahen sich die Aufzeichnung einer Nachrichtensendung über den kürzlich erfolgten USA-Besuch Seiner Heiligkeit an. Inzwischen hatte jeder von mir gehört, und ich war so etwas wie das Büromaskottchen geworden. Ich sprang einem der Mönche auf den Schoß und gestattete ihm, mich zu kraulen, während ich fernsah.

Zunächst war nur eine große Menschenmenge mit einem kleinen roten Punkt in der Mitte zu erkennen. Die Stimme Seiner Heiligkeit konnte man allerdings deutlich vernehmen. Dann wurde mir klar, dass der rote Punkt der Dalai Lama selbst war, der in der Mitte eines riesigen Sportstadions stand. Diese Szene wiederholte sich an jedem Ort, den er besuchte, von New York bis San Francisco. Der Nachrichtensprecher betonte, dass die vielen Menschen, die in jeder Stadt zusammenkamen, um ihn zu sehen, bewiesen, dass er populärer war als viele Rockstars.

Allmählich dämmerte mir, wie außergewöhnlich der Dalai Lama tatsächlich war und wie sehr er überall auf der Welt geschätzt wurde. Vielleicht lag es an Chogyals Bemerkung über meine »enge karmische Verbindung« zu ihm, dass ich irgendwann glaubte, ebenfalls etwas Besonderes zu sein. Immerhin hatte mich Seine Heiligkeit persönlich aus den Gossen von Neu-Delhi errettet. Etwa, weil er in mir eine verwandte Seele erkannt hatte – ein empfindsames Wesen, das auf derselben spirituellen Wellenlänge lag wie er selbst?

Wenn Seine Heiligkeit den Gästen die Wichtigkeit von Liebe und Mitgefühl erklärte, schnurrte ich zufrieden, um seine Worte zu unterstreichen. Wenn er meine allabendliche Dose Katzenfutter öffnete, teilte ich seine Erkenntnis, dass alle Lebewesen dieselben Grundbedürfnisse befriedigen wollten. Und wenn er nach dem Essen meinen vollen Bauch kraulte, wusste ich, dass er auch in jenem anderen Punkt recht hatte: Jeder von uns will geliebt werden.

Die bevorstehende dreiwöchige Reise Seiner Heiligkeit nach Australien und Neuseeland warf die Frage auf, was mit mir geschehen sollte. Würde ich für die Dauer dieser und der vielen anderen anstehenden Reisen in den Gemächern des Dalai Lama zurückbleiben? Oder wäre es nicht doch besser, man würde so schnell wie möglich eine neue Bleibe für mich suchen?

Eine neue Bleibe? Undenkbar! Ich war die KSH und schnell zu einem unersetzlichen Bestandteil im Haushalt des Dalai Lama geworden. Ich hätte bei niemandem sonst leben wollen. Außerdem hatte ich vieles in meinem Alltag zu schätzen gelernt, so etwa das Sonnenbad auf der Fensterbank, während Seine Heiligkeit Gäste empfing, das köstliche Essen, das mir seine Bediensteten auf einem Unterteller servierten, oder die mittäglichen Konzerte, denen ich mit Tenzin lauschte.

Der Kulturattaché Seiner Heiligkeit, ein gebürtiger Tibeter, hatte als junger Mann seinen Abschluss an der Universität von Oxford gemacht und bei seinem Aufenthalt in England Geschmack an der europäischen Kultur gefunden. Wenn ihn nicht dringende Angelegenheiten davon abhielten, stand Tenzin jeden Tag um die Mittagszeit vom Schreibtisch auf, nahm die kleine Vesperdose mit dem Essen heraus, das seine Frau für ihn zubereitet hatte, und ging über den Flur in das Erste-Hilfe-Zimmer. Es wurde nur selten zu seiner eigentlichen Bestimmung gebraucht und war mit einer schmalen Krankenliege, einem Arzneischrank, einem Sessel und einer tragbaren Stereoanlage ausgestattet. Letztere hatte Tenzin selbst dorthin gestellt. Aus Neugier folgte ich ihm eines Tages in jenen Raum und beobachtete, wie er es sich im Sessel bequem machte und einen Knopf auf einer Fernbedienung drückte. Plötzlich war der Raum von Musik erfüllt. Tenzin schloss die Augen und lehnte sich zurück. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

»Das ist Bachs Präludium in C-Dur«, sagte er, sobald das kurze Klavierstück zu Ende war. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er sich meiner Anwesenheit überhaupt bewusst war. »Ist es nicht wunderschön? Eines meiner Lieblingsstücke. So einfach – nur eine einzige Melodie ohne Harmonien, und doch voll tiefster Gefühle.«

Dies war die erste einer Reihe von beinahe täglich stattfindenden Lektionen in Musik und westlicher Kultur, die ich von Tenzin erhielt. Er schien aufrichtig froh, dass ein anderes Lebewesen seine Begeisterung für diese Opernarie oder jenes Streichquartett teilte – oder zur Abwechslung auch für die Vertonung eines klassischen Dramas.

Während er sein Mittagessen zu sich nahm, rollte ich mich auf der Krankenliege zusammen – was er gestattete, solange wir unter uns waren. Und so wuchs Mittag für Mittag mein Sinn für Musik und Kultur des Westens.

Eines Tages geschah etwas Unerwartetes. Seine Heiligkeit war im Tempel, und die Tür stand offen. Inzwischen war ich zu einem abenteuerlustigen Kätzchen herangewachsen, das sich nicht mehr damit begnügen wollte, tagein, tagaus in eine Wolldecke gewickelt herumzulümmeln. Ich schlich also auf der Suche nach Zeitvertreib und Abenteuer durch den Flur, als ich die offenstehende Tür bemerkte. Sofort wusste ich, dass ich hindurchgehen musste, um die vielen Orte zu erkunden, die jenseits ihrer Schwelle lagen.

Hinunter. Nach draußen. Ins Ausland.

Mit Mühe stieg ich die beiden Treppen hinunter, wobei ich froh war, dass mir der auf den Stufen ausgelegte Teppich eine Kletterhilfe bot. Schließlich verlor ich aber doch das Gleichgewicht und landete wie ein würdeloses Fellbündel auf dem Boden. Ich rappelte mich wieder auf, durchquerte eine kleine Vorhalle und ging nach draußen.

Es war das erste Mal seit meiner Zeit in den Gossen Neu-Delhis, dass ich ins Freie trat. Es herrschte eine geschäftige, lebhafte Stimmung. Viele Menschen eilten hin und her. Ich war noch nicht weit gekommen, als ich einen Chor hoher quietschender Stimmen und das Trippeln zahlreicher Füße auf dem Pflaster hörte. Eine ganze Busladung japanischer Schulmädchen hatte mich bemerkt und stürmte auf mich zu.

Ich geriet in Panik und raste so schnell vor der kreischenden Horde davon, wie es meine wackeligen Hinterbeine erlaubten. Ich hörte, wie sie immer näher kamen – ich war viel zu langsam, um ihnen zu entkommen. Die Ledersohlen ihrer Schuhe knallten wie Donnerschläge auf dem Boden!

Dann erspähte ich eine winzige Lücke zwischen den Backsteinpfeilern, die eine Veranda stützten. Mit Müh und Not quetschte ich mich durch die Öffnung. Die Zeit drängte, und mir blieb keine andere Wahl, obwohl ich nicht wusste, was mich unter dem Gebäude erwartete. Sofort ließ das ohrenbetäubende Kreischen nach. Ich fand mich zwischen den Holzdielen der Veranda und dem nackten Erdboden wieder. Es war dunkel und staubig, und das beständige dumpfe Dröhnen von Schritten ließ die Bohlen über mir erzittern. Immerhin war ich in Sicherheit. Ich fragte mich, wie lange ich hier wohl bleiben musste, bis die Schulmädchen verschwunden sein würden. Während ich mir eine Spinnwebe aus dem Gesicht wischte, beschloss ich, lieber kein Risiko einzugehen.

Sobald sich meine Augen und Ohren an die Umgebung gewöhnt hatten, vernahm ich ein kratzendes Geräusch – ein unregelmäßiges, aber beharrliches Nagen. Ich hielt inne, blähte die Nasenlöcher und schnupperte konzentriert. Neben dem Geräusch kauender Nagezähne nahm ich einen stechenden Geruch wahr, der meine Schnurrhaare erzittern ließ und einen mächtigen Reflex in mir auslöste, von dem ich nicht einmal geahnt hatte, dass er in mir steckte.

Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Maus gesehen, und doch erkannte ich in ihr sofort das Beutetier. Sie saß auf einem Backstein und steckte mit dem Kopf halb in einer Holzbohle, die sie mit ihren großen Vorderzähnen auszuhöhlen versuchte.

Ich schlich mich heimlich an, wobei mir das ständige Poltern der Schritte auf der Veranda einen zusätzlichen Vorteil verschaffte.

Ganz von meinem Instinkt geleitet schlug ich das Nagetier mit einem einzigen Hieb meiner Tatze vom Backstein auf den Boden, wo es wie betäubt liegen blieb. Ich beugte mich vor und vergrub die Zähne in seinem Hals. Der kleine Körper erschlaffte.

Ich wusste genau, was als Nächstes zu tun war. Mit der Beute fest zwischen den Zähnen trottete ich zurück zur Lücke zwischen den Ziegelsäulen und spähte auf die Straße. Keine japanischen Schulkinder weit und breit! Ich eilte über den Gehweg und zurück nach Hause. Dort huschte ich durch die Vorhalle und die Treppe hinauf, bis ich die Tür erreicht hatte. Sie war verschlossen.

Was nun? Geraume Zeit saß ich einfach nur da und wartete. Endlich öffnete mir ein Bediensteter Seiner Heiligkeit die Tür, ohne der Trophäe in meinem Maul die geringste Beachtung zu schenken. Ich trottete den Flur hinunter und bog um die Ecke.

Da der Dalai Lama immer noch im Tempel war, stolzierte ich in das Büro seiner Assistenten. Dort ließ ich die Maus fallen und machte mit einem drängenden Miauen auf mich aufmerksam. Verwirrt von diesem ungewohnt fordernden Ton drehten sich Chogyal und Tenzin um und starrten mich überrascht an. Stolz stand ich da und präsentierte ihnen die Maus zu meinen Füßen.

Ihre Reaktion fiel ganz anders aus als erwartet. Nachdem sie einen vielsagenden Blick gewechselt hatten, sprangen sie von ihren Stühlen. Chogyal hob mich auf, während sich Tenzin über die reglose Maus beugte.

»Sie atmet noch«, sagte er. »Wahrscheinlich steht sie unter Schock.«

»Dort«, sagte Chogyal und deutete auf eine leere Pappschachtel, der er gerade eine frische Druckerpatrone entnommen hatte.

Mithilfe eines Briefumschlags gelang es Tenzin, die Maus in die leere Schachtel zu bugsieren, wo er sie genau in Augenschein nahm. »Woher …«

»Dieses Tier hier hat Spinnweben an den Schnurrhaaren«, bemerkte Chogyal und neigte den Kopf in meine Richtung.

Dieses Tier? Meinte er etwa mich? War das die korrekte Anrede der Katze Seiner Heiligkeit?

In diesem Moment betrat der Chauffeur des Dalai Lama das Büro. Tenzin reichte ihm die Schachtel und wies ihn an, sich um die Maus zu kümmern und sie, sobald sie sich erholt hatte, im Wald auszusetzen.

»Die KSH ist wohl ausgebüxt«, sagte der Chauffeur und erwiderte gleichgültig meinen blauäugigen Blick.

Chogyal hielt mich nach wie vor auf dem Arm – bedauerlicherweise jedoch nicht mit der gewohnten Innigkeit, sondern so, als müsse er eine wilde Bestie zähmen. »KSH. Ich weiß nicht, ob dieser Titel noch angemessen ist«, sagte er.

»Er war sowieso nur vorläufig«, stellte Tenzin fest und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. »Aber ›Mäusefängerin Seiner Heiligkeit‹ wäre wohl eher unpassend.«

Chogyal setzte mich wieder auf den Teppich.

»Wie wäre es denn mit ›Mausefang‹ als Ordensname?«, schlug der Chauffeur vor. Die anderen schienen ihn aufgrund seines starken tibetischen Akzents jedoch nicht richtig verstanden zu haben.

»Mausie-Tung?«, fragte Chogyal.

Die drei Männer brachen in schallendes Gelächter aus, während sie meine mickrige pelzige Erscheinung betrachteten.

Tenzin erhob die Stimme in gespieltem Ernst. »Großherzigkeit gut und schön, aber sollte Seine Heiligkeit wirklich die Privatgemächer mit Mausie-Tung teilen?«

»Oder Mausie-Tung drei Wochen lang die Befehlsgewalt überlassen, wenn er nach Australien reist?«, gab Chogyal zu bedenken, woraufhin die Männer erneut lachten.

Ich stand auf und schlich mit angelegten Ohren und eingezogenem Schwanz aus dem Raum.

In den nächsten Stunden, die ich damit verbrachte, im friedlichen Sonnenlicht auf der Fensterbank Seiner Heiligkeit zu liegen, dämmerte mir langsam die Ungeheuerlichkeit meiner Tat. Fast die gesamte Zeit meines bis dato noch kurzen Lebens hatte ich den Lektionen des Dalai Lama darüber gelauscht, dass jedem Geschöpf das eigene Leben genauso wichtig ist wie dem Menschen. Und wie hatte ich diese Lektion während meines bisher einzigen Streifzugs in die große weite Welt befolgt?

Alle Lebewesen suchen das Glück und trachten danach, Leid zu vermeiden – diese Wahrheit war mir nicht in den Sinn gekommen, als ich mich an die Maus heranschlich. Ich hatte mich von meinen Instinkten überwältigen lassen und nicht eine Sekunde lang daran gedacht, was wohl die Maus von meiner Tat halten würde.

Allmählich begriff ich, dass es nicht immer leicht ist, einen Gedanken in die Tat umzusetzen, nur weil er einfach und einleuchtend ist. Zustimmend zu schnurren, wenn hochtrabende Prinzipien vorgetragen werden, war die eine Sache. Nach diesen Prinzipien auch zu leben eine ganz andere.

Ob Seine Heiligkeit wohl meinen neuen »Ordensnamen« erfahren würde – als grässliche Erinnerung an den größten Fehltritt meines jungen Lebens? Wäre sein Entsetzen so groß, dass er mich für immer aus seinen heiligen Hallen verbannen würde?

Zu meinem Glück erholte sich die Maus. Und als Seine Heiligkeit von seiner Reise zurückkam, hatte er umgehend eine Reihe von wichtigen Terminen wahrzunehmen.

Erst spät am Abend brachte er die Angelegenheit zur Sprache. Er saß im Bett und las, ich döste neben ihm. Dann schloss er das Buch, nahm die Brille ab und legte sie auf den Nachttisch.

»Sie haben mir alles erzählt«, murmelte er und streckte die Hand nach mir aus. »Manchmal sind unser Instinkt und unsere negativen Veranlagungen übermächtig. Später bereuen wir dann zutiefst, was wir getan haben. Doch das ist kein Grund, sich selbst aufzugeben – auch die Buddhas haben dich nicht aufgegeben. Nein. Lerne für die Zukunft aus deinen Fehlern.«

Er löschte das Licht. Als wir im Dunklen lagen, gab ich ein sanftes, zustimmendes Schnurren von mir.

»Morgen fangen wir neu an«, sagte er.

Am darauffolgenden Tag ging Seine Heiligkeit einige Briefe durch, die seine Assistenten aus den vielen Säcken voller Post herausgesucht hatten, die jeden Morgen für ihn eintrafen.

Er hielt einen Brief und ein Buch in die Höhe, die ihm der Geschichtsprofessor aus England geschickt hatte. »Wie nett«, sagte er zu Chogyal.

»Ja, Eure Heiligkeit«, pflichtete Chogyal bei und betrachtete den Hochglanzeinband des Buches.

»Ich meine nicht das Buch«, sagte Seine Heiligkeit, »sondern den Brief.«

»Ach?«

»Nachdem er eingehend über unsere Unterhaltung nachgedacht hat, hat der Professor beschlossen, nicht länger mit Gift gegen die Schnecken auf seinen Rosenbüschen vorzugehen. Stattdessen setzt er sie jetzt behutsam hinter der Gartenmauer ab.«

»Sehr gut!«, sagte Chogyal und lächelte.

Der Dalai Lama sah mich an. »Wir haben uns gern mit ihm unterhalten, nicht wahr?« Ich erinnerte mich genau, wie höchst unerleuchtet mir der Professor damals erschienen war. Doch nach der gestrigen Eskapade konnte ich ihm deshalb keinen Vorwurf mehr machen.

»Das beweist, dass wir alle die Kraft haben, uns zu ändern. Meinst du nicht auch, Mausie?«