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Ludwik Hering

SPUREN

Mit einem Nachwort von
Ludmiła Murawska-Péju

Aus dem Polnischen und
mit Anmerkungen versehen von
Lothar Quinkenstein

edition.fotoTAPETA
Berlin

INHALT

Tadeusz Sobolewski

EIN UNBEKANNTER

SPUREN

DAS SCHLUPFLOCH

ZIELENIAK

Ludmiła Murawska-Péju

NACHWORT

EIN UNBEKANNTER

Ludwik Hering (1908 – 1984) ist immer noch ein Unbekannter. Er selbst hatte die Entscheidung getroffen, in den Schatten zu treten. Ausgestattet mit einem großen Talent für die Literatur wie für die Malerei, für die Bildhauerei wie fürs Theater, aber ebenso mit einem überaus kritischen Geist, fand Hering Erfüllung in der Rolle des „Geburtshelfers“ für fremde Begabungen.

Józef Czapski schrieb über ihn: „Ich möchte nicht so kühn sein, ihn meinen Schüler zu nennen, denn ich selbst verdankte ihm seinerzeit meine eigenen Vorstellungen von der Malerei.“ Die Malerin Ludmiła Murawska, die Nichte Ludwik Herings, sieht sich als Künstlerin durch ihn geformt und „erschaffen“. Und selbstverständlich Miron Białoszewski! Hering war sein literarischer Guru. Der dem 18jährigen Miron den Unterschied zwischen wahrer Poesie und „falscher Aufgeblasenheit“ vor Augen führte. Später war Hering Regisseur, Autor, Kostüm- und Bühnenbildner für das „Eigene Theater“, das Murawska und Białoszewski in der Wohnung am Warschauer Dąbrowski-Platz einrichteten.

Ich hatte das Glück, ihn kennen lernen zu dürfen. Seine Monologe – ein Theater der Gesten, dem zu folgen einiges an Mühe kostete. So viel hatte Hering zu sagen, und so vieles beließ er in Andeutungen, um die Worte nicht über Gebühr zu strapazieren oder abzunutzen. Darin drückte sich seine kluge Demut gegenüber der Wirklichkeit aus, sein scharfes Bewusstsein für die Kunst, der Geistesblitz seines Genies.

Seine drei Erzählungen über die Jahre der deutschen Besatzung Polens galten Gustaw Herling-Grudziński als besonders bedeutsam in ihrer Darstellung der Alltäglichkeit der Vernichtung. In der Erzählung über das „Schlupfloch“ in der Ghettomauer, das als Schmuggelweg diente, schreibt Hering: „Das Ghetto lebte von Warschau – und Warschau lebte vom Ghetto. Jeder zog seinen Nutzen daraus, außer jenen reinen Seelen, die ihren Nutzen zogen, ohne es wissen zu wollen.“ Die schockierenden Schilderungen menschlicher Verhaltensweisen sind unmittelbar der Realität entnommen. Hering arbeitete als Nachtwächter in einer Fabrik, die direkt an der Ghettomauer lag.1 Er selbst sprach nicht darüber, aber es ist bekannt, dass er Menschen aus dem Ghetto auf die „arische Seite“ schmuggelte. Und er gab – wie in der Erzählung „Spuren“ beschrieben – jüdischen Kindern in seiner Nachtwächterstube zu essen, half diesen elend verlorenen „Katzen“ (wie sie im Jargon der Straße genannt wurden), die sich ins„arische“ Warschau stahlen, um Lebensmittel zu ergattern. Während des Warschauer Aufstands 1944 brachte Hering seine Familie durch die Hölle des Sammellagers „Zieleniak“.

Bislang wurde Hering immer im Zusammenhang mit anderen Schriftstellern und Künstlern erwähnt – doch hat nicht vor allem er selbst den Titel des „Eigenen Künstlers“ verdient? Dass seine Persönlichkeit nun mit der erstmals in Buchform publizierten Prosa aus dem Schatten tritt, ist den Bemühungen Ludmiła Murawskas zu verdanken. Erwähnen sollte man auch, dass Miron Białoszewski seinen Meister im „Geheimen Tagebuch“ porträtiert hat, das 2012 publiziert wurde.2 Erhellend dürfte weiterhin die Korrespondenz sein, die Ludwik Hering und Józef Czapski in den ersten Nachkriegsjahren führten. Dieser Briefwechsel wartet noch auf seine Edition.3

Tadeusz Sobolewski (2011)

SPUREN

Sie kommen heraus, wenn es noch dunkel ist, im Schutz der Nacht, wenn an der Mauer Schmuggelwege offen stehen. Sie winden sich durch Löcher und Spalten, schlüpfen durch Ritzen zwischen Mauer und Rinnstein, von denen man nicht glauben wollte, dass eine Katze hindurchgelangen kann. Oder Erwachsene setzen sie auf die Mauer, und dann fallen sie, wie Katzen, auf diese Seite.

So rief man ihnen in der Stadt auch hinterher: „Eine Katze! … Eine Katze!“ Was nichts anderes hieß als Jude [im Original deutsch]. Bündel aus Dreck und Angst. Der in der Dämmerung verborgene Sinn eines jeden heraufziehenden Tags: bettelnde, gehetzte Kinder.

Bis zum ersten Zwielicht kauern sie wachsam auf der Straße, aus der Ghetto- und Friedhofsmauer alles Leben gesogen haben, um sich in die Geschäftigkeit der frühen Morgenstunden zu mischen, unter die Arbeiter, mit denen sie in Stadtviertel gelangen, die weiter entfernt vom Ghetto liegen.

Nur weg von der Mauer, so weit wie möglich – dann wird auch der eifrigste Polizist sie nicht mehr zurückbringen. Wozu sollte er den langen Weg bis zum Ghetto-Gefängnis in der Gęsia-Straße auf sich nehmen und wertvolle Zeit verlieren, die so reich ist an einträglicheren Gelegenheiten – in Gestalt eines erwachsenen Juden zum Beispiel?

Die ganze entsetzliche Psychologie, untrüglich zu lesen in den Augen eines wehrlosen Kindes: Haken schlagen, stehenbleiben, fliehen.

Diese Augen in den ausgemergelten kleinen Gesichtern – aufmerksam, stets auf der Hut –, wie oft haben diese Augen sie beschützt, und wie oft auch waren sie verräterisch.

Von arischen Altersgenossen gestellt, an eine Hauswand geschmiegt, wird das Kind sich nicht wehren, nicht beißen, nicht treten. Schweigend steht es im Gejohle der Verhöhnungen, sein Blick versucht, über die Köpfe der Peiniger hinweg zu entkommen, denn es gilt zu prüfen, ob nicht eine andere Gefahr sich nähert: eine Uniform.

Es wartet, bis die Angreifer gelangweilt sind von seiner Unlust zu raufen, und der Ring sich löst. Dann setzt es seinen Weg fort, mühsam seine Füße schleppend, die in zerschlissenen Bastschuhen und Lumpen stecken – spindeldürre Schienbeine, und die Knie, übergroß und knotig, knicken ein bei jedem Schritt.

Sie laufen durch hundert Straßen, laufen hundert Etagen ab. Klopfen an jede Tür. Oder sie sitzen entkräftet da, in halb ohnmächtiger Gleichgültigkeit, ohne auf irgendetwas noch zu achten, in Hofeinfahrten und Ladeneingängen.

Wenn sie abends zurückkehren, wimmern sie vor Erschöpfung. Ihre Blechgeschirre klappern, und sorgsam halten sie die Säume ihrer Mäntel fest, in denen sie zwischen Futter und Oberstoff die unter Tags erbettelten Nahrungsmittel tragen.

Hinter die Mauer kehren auch die Kinder zurück, die niemanden mehr haben, zu dem sie zurückkehren können. Im Sommer – wenn es warm ist – schlafen einige von ihnen in den Schuppen bei den Lehmgruben, in Ruinen oder einfach unter freiem Himmel, auf den Feldern der Vorstadt.

Vielleicht, dass sie deshalb, weil sie immer wieder zurückkehrten, weitgehend unbehelligt blieben.

Im Winter kehren sie der Wärme wegen zurück. Längst schon sind im Ghetto in allen Hausfluren die Dielenbretter herausgerissen und verheizt worden, alle Fensterrahmen in den Treppenhäusern, die Treppengeländer und oft auch die Treppen selbst. Und jeder noch so kleine Winkel im Ghetto, jede Kammer, jeder Kellerraum, ist mit Menschen vollgestopft. Sie drängen sich zusammen, wärmen sich gegenseitig. Morgens kriechen die Stärkeren unter den Halbtoten und Toten hervor, um auf der anderen Seite der Mauer noch einen weiteren Tag zu überstehen. Oft ist es ein einzelner nur, der noch die Kraft hat, ein einzelner, der versucht, eine Familie zu ernähren.

Gegen Abend schleppen sie sich die Straßen entlang, aus allen Richtungen, allen Vierteln der Stadt – hinkend, mit ungelenken Bewegungen, wie verletzte Vögel, die zur Nacht in ihre Nester stelzen.

In großen Scharen sammeln sie sich an den Toren, die in den ummauerten Bezirk führen. Stunde um Stunde harren sie aus im Frost, in der Hitze, im Regen, warten auf das launische Nicken der gleichgültigen Posten, die wie steinerne Götzen-bilder dastehen.

Manchmal, erschöpft vom Warten, bäumen sie sich auf, verbünden sich zum Angriff. Stürzen sich auf den Konvoi, um ihn zu unterbrechen.

Drängeln sich hinein – werden „aufsässig“, „aufdringlich“, „unverschämt“.

Ein Anlauf, sie werden weggestoßen. Versuchen es wieder, werden erneut zurückgedrängt, und heiser klingt ihr Keuchen vor Erschöpfung. Und während sie die Gassenjungen abzuwehren versuchen, die ihren boshaften Spaß dabei haben, halten sie, als wären es die Früchte eines gelobten Landes, ihre Mantelschöße fest, in denen sie das erbettelte Brot und die erbettelten Kartoffeln tragen.

Oft auch kam es vor, dass sie auf Befehl eines Gendarmen all die mühsam ergatterte Ausbeute eines ganzen Tages auf einen Haufen werfen mussten, um mit leeren Händen ins Ghetto zu gehen, unter Knüppelhieben und Kolbenschlägen.

Er ist vielleicht sechs Jahre alt. Sitzt auf dem Schemel, hält mit seinen blau angelaufenen Kinderhänden den dampfenden Becher fest. Wie eine Mumie sieht er aus, in ein zerschlissenes Schultertuch gewickelt, das auf dem Rücken sorgsam verknotet ist. Er legt den zu schweren Kopf in den Nacken, den Kopf eines jungen Pharaos auf dünnem Hals, den Kopf mit den großen, abstehenden Ohren. Die langen, leicht geschwollenen Lider sinken über die Augen, die für den Moment nicht mehr wachsam sein müssen. Zwei zarte Linien, die von der Nase zu den Mundwinkeln laufen, zeichnen das wie durchsichtig wirkende Gesicht, verleihen ihm den wissenden Ausdruck reifen Leidens.

Entschlossen erklärt er:

Ich will nicht schwindeln. Ich bin schon acht.

Vor dem Krieg hat Mama noch ein Kind bekommen. Papa war Friseur – und wie das so ist bei der Arbeit … Einmal hat es hier was gegessen, einmal da, nicht immer koscher. Und dann ist es uns weggestorben.

Warum soll ich sagen, dass ich sechs bin, wenn ich acht bin? Damit der Herrgott böse auf mich wird und mich bestraft?

Er spricht mit schwacher, singender Stimme, zieht die Wörter am Ende der Sätze in die Länge. Keine Spur von Zweifel ist in dem, was er sagt. Und mag er auch aufbegehren gegen diese Wirklichkeit – Verwunderung äußert er nicht.

Sachlich erklärt er:

Das Wichtigste ist, dass die Beine nicht schwellen, denn dann ist es vorbei. Und damit die Beine nicht schwellen, muss man wenigstens einmal am Tag etwas essen. Nur wie soll man etwas bekommen, wenn wir schon alles verkauft haben, was wir hatten?

Als wir nur noch das Bett hatten und das Plumeau, hat Mama nicht mehr aufgehört zu weinen und dauernd meine Beine aufgedeckt, um nachzuschauen, ob sie nicht geschwollen sind.

Aber es hilft ja nichts, wenn man weint.

Dort bekommt man von niemandem etwas. Hier sind die Leute nicht so gierig. Dort denkt jeder nur an sich – sogar in der eigenen Familie. Bei uns wohnt die Schwester von meinem Vater mit ihren Kindern. Die haben es gut! Der eine Junge ist schon sechzehn, der macht seinen Handel. Aber sie streiten auch, weil er nicht ehrlich ist. Einmal habe ich gesehen, wie er im Geschäft zwei Brötchen und drei Deka Schmalz gegessen hat. Oder sogar fünf.

Morgens ist in dem Geschäft immer ein Gedränge! Die Schmuggler kommen dorthin, essen was und trinken Tee. Und Wodka trinken sie auch. Manchmal bin ich dort hingegangen, um die Krümel von den Tischen zu sammeln. Aber wer wird schon satt von Krümeln? Davon hat man ja nichts. Und dann kommen auch noch die Größeren und schubsen einen weg. Dort gibt es so viel Brot! Schwarzbrot und Mischbrot – und Brötchen! Sogar lejkuch: so große, ganz gelbe Stücke! Zwei aufeinander, wie Ziegelsteine, dass man meint, sie biegen sich.

Einmal habe ich dort gestanden und nur gerochen, wie das riecht, gerochen und gerochen – bis ich eingeschlafen bin. Aufgewacht bin ich im Straßendreck. Da habe ich mich sauber gemacht, geputzt und geputzt … damit Mama nichts merkt. Dauernd macht sie Wäsche, und wenn es nur mit Wasser ist. Dauernd hat sie Angst wegen der Läuse. Und dass die Beine schwellen.

Ich habe dann auch angefangen, auf die andere Seite zu gehen, wie die anderen Kinder. Am meisten Angst habe ich vor den Gassenjungen. Aber ich bin auch schon schlauer geworden. Ein paar Groschen in der Tasche, den Rest gut versteckt. Wenn sie mich dann erwischen, nehmen sie mir nur die paar Groschen weg. Aber mich erkennen sie auch nicht so leicht, weil ich nicht so dreckig bin wie andere Kinder. Da passt Mama schon auf, dass ich nicht so schlimm aussehe. Aber zuerst haben sie mich doch erkannt, weil ich eine Mütze hatte, die war nicht so gut. Im Ghetto habe ich nachts am meisten Angst – dass ich auf eine Leiche trete. Wenn sie nicht mit Papier zugedeckt sind, sieht man sie nicht.

Raus gehe ich durch ein Loch unten an der Mauer. Aber rein an einer anderen Stelle, weil dort immer viele Polizisten stehen. Und dann muss ich auf die Wache in der Gęsia. Manchmal komme ich auch früher zurück, wenn die anderen Kinder noch nicht da sind, und schaue, ob nicht vielleicht ein anständiger Deutscher Wache hat.

Wie ich das sehe? Na, wie wohl? An den Augen! Es ist nicht leicht, so einen zu finden. Und ich habe mich auch schon geirrt … Ich denke, ich kann es versuchen – und der gibt mir einen Tritt. Aber was für einen!

(Das graubraune Kätzchen, das um den Ofen gestrichen ist, springt nach dem losen Bändel am Schuh des Kindes. Der Kleine lächelt, stellt den Becher beiseite, bückt sich langsam, mit einem Seufzer der Anstrengung, nimmt das Kätzchen auf die Knie:)

Wir hatten auch eine Katze. Wir hatten alles – sogar einen elektrischen Teelöffel.

Wenn Papa noch leben würde, dann wäre alles anders. Aber wie soll Mama das alles machen, allein?

Letzte Nacht war starker Wind. Mama konnte nicht schlafen und hat gehört, wie oben auf dem Speicher ein Fenster klappert. Schnell ist sie aufgestanden, sie wollte hochgehen und es rausnehmen, aber gleich sind andere Leute gekommen, jemand hat sie weggeschubst und das Fenster genommen. Sie hat geschrieen, dass das ungerecht ist, weil sie es zuerst gehört hat, aber was hilft das, da muss man stärker sein.

Mein Papa war stark. Manchmal hat er mit mir vor dem Friseurgeschäft so ein Spiel gemacht, die Mühle. Ich musste mich am Spazierstock festhalten, Papa hat sich gedreht und ich bin durch die Luft geflogen, immer im Kreis. Aber einmal habe ich losgelassen, und als ich hingefallen bin, wusste ich nichts mehr. Wie ich wieder aufgewacht bin – das war ein Geschrei! … Und ich musste sie alle beruhigen, dass mir nichts passiert ist.

Wenn ich jetzt an der Stelle vorbeigehe, kann ich nicht glauben, dass das alles wirklich so war. Manchmal bin ich so müde, so schrecklich müde, und dann denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich damals so gefallen wäre, dass ich nichts mehr merke.

Einmal habe ich auf der Grójecka-Straße einen Mann gesehen. Er hat allein an der Haltestelle gestanden, und die Straße war noch ganz leer. Er hat mich immer so angeschaut, dass ich Angst hatte, vorbeizugehen. Das ist bestimmt ein böser Mensch, habe ich gedacht. Aber ich hatte auch Angst sofort wegzulaufen, da bin ich zu ihm hingegangen, ich wollte nichts von ihm, habe nur ganz brav gefragt, wieviel Uhr es ist. Und bin dann weggegangen. Ganz, ganz langsam. Und ich höre, wie er mir schnell hinterhergeht – da habe ich noch mehr Angst bekommen. Und er kommt zu mir und nimmt mich auf den Arm (er hat mich wirklich auf den Arm genommen …!). Und bringt mich zu sich nach Hause. Ein Frühstück hat er mir gegeben, mich gebadet und ins Bett gelegt (er hat mich wirklich ins Bett gelegt …!), und ich bin eingeschlafen. Als ich aufgewacht bin, war es schon spät, ich konnte nicht mehr zurück und musste bei ihm übernachten.

Ich habe ihm gesagt, was ich zuerst gedacht habe. Dass er ein böser Mensch ist. Da hat er sich so sehr gewundert, dass er ganz rot geworden ist. „Das hast du wirklich gedacht? … Dann ist das sicher auch so.“ Aber das ist ja nicht wahr – er ist ein guter Mensch. Ganz bestimmt.

(Das Lächeln des Kindes verliert sich, erstirbt in den Kreuzlinien des Leidens, die das Gesicht durchziehen:)

Aber in der Nacht – was habe ich da eine Angst gehabt, dass ich nicht zu Hause bin! Ich konnte überhaupt nicht schlafen. Auf dieser Seite will ich nie mehr über Nacht bleiben müssen. Ich habe Angst, dass dort etwas passiert, wenn ich nicht da bin. Rechtzeitig kehrte der Kleine zurück.

In jener Nacht kamen keine Kinder aus dem Ghetto. Die große Liquidierung hatte begonnen, die Deportation des Ghettos im Juli zweiundvierzig.4

Die Wachen entlang der Mauer wurden verstärkt. Schwarz uniformierte Söldner zogen auf, dicht an dicht postiert. Grobleinene Gürtel trugen sie – Letten, wie es hieß. Hinter der Mauer war die Aktion im Gange. Schüsse in die Luft wurden abgegeben, die die Menschen aus den Häusern jagen sollten. Schreie waren zu hören und Weinen und das scharrende Gewimmel und Stimmengeschwirr der Menge, die zur „Selektion“ getrieben wurde. Trocken krachten einzelne Todesschüsse, sie trafen am Boden Liegende. Direkt ins Straßenpflaster. Unausgesetzt ratterten Maschinenpistolen.

Vom Ende der Stawki-Straße, in Richtung der Ladegeleise und auf die Güterzüge zu, die in langen Reihen bereitstanden, floss durch den Tag, der in der Sommerglut sich dehnte, die Masse der zusammengedrängten, halb ohnmächtig taumelnden Menschen.

Die Schiebetüren wurden zugeworfen, knallten in die Verriegelung, verschlossen den Laut des Entsetzens, gesteigert im panischen Blick von abertausend Augen, im Chlorgestank der Waggons.

Das Friedhofstor und das Wachtor gegenüber öffneten ein ums andere Mal ihre Flügel, die sich zusammenlegten. Hinter der durchbrochenen Gitterwehr aus Eisen waren die vor Angst gelähmten Menschen zu sehen, die zur Vernichtung getrieben wurden. Gruppe um Gruppe. Gruppe um Gruppe.

In den Nächten ratterten unausgesetzt die Maschinenpistolen. Morgens gossen jüdische Polizisten aus Milchkannen Schwünge von Wasser auf die Straße, um das Blut vom Pflaster zu spülen, das von den Karren geflossen war. Dann streuten sie eine dicke Schicht Sand – rasch sog er sich voll mit dem zähflüssigen Rot.

Auch hier wurden manchmal kleinere Gruppen entlang getrieben zu den Transporten.

Einmal eine Gruppe Frauen, zur größten Eile gehetzt, und ein Deutscher, der Wache stand am Tor, riss einer Mutter das Kind von der Hand, das mit Trippelschritten neben ihr lief. Arme zerrten die Mutter zurück in die Gruppe, die weiter durch die Okopowa-Straße getrieben wurde.

Vom Ghetto-Tor aus geht es etwa hundert Schritte in gerader Linie an der Mauer entlang, dann macht die Mauer eine Biegung, hinter der die Straße verschwindet.

Die Frau lief rückwärts – den Blick auf ihr Kind gerichtet. Sie stolperte, sie stürzte. Ein Deutscher traktierte sie mit Stiefeltritten, bis sie sich wieder aufgerafft hatte und weiterlief, rückwärts, im Rhythmus der Schritte der hastenden Menge, den Blick fest auf das Tor geheftet. Hundert Schritte – bis die Mauer ihre Biegung macht.

Es schneit. Die fahle Landschaft des Ghettos erstreckt sich in den sanften Wellen eines porigen Rosa, der Farbe der Trümmerhügel. Wie zerschlagene Knochen ragen hier und dort Schienen und Eisenteile hervor. Bei der Stawki-Straße rostet im weißen Schneebehang ein ganzes Feld eiserner Bettgestelle, die aus den Häusern geschleppt wurden, die es nicht mehr gibt. Ein Stück weiter verfärben sich unter der Feuchtigkeit der Flocken, als wären es Pflanzenbeete, ganze Reihen von Töpfen und Schüsseln. Man hört, wie die schimmernde Emaille in der Kälte mit einem Knistern springt und platzt. Ein Klappern ertönt in dem blechernen Haufen: Ein Mensch zerrt einen Kinderwagen aus einem Gewirr von Unkrautstengeln.

Die Mauer und das Tor gegenüber dem Friedhof versinken im Schnee. Durch einen großen Durchbruch Richtung Sportfeld sieht man Kinder, die mit Schlitten von den Hügeln fahren. Das ist die Erde, die übrigblieb, als alle Massengräber zugeschüttet waren.

Von den Mauern, die von Einschusswunden gezeichnet sind, springen Wörter und Lachen wie Bälle.

Es schweigen die Gräber, die drei Tage lang in Aufruhr waren, drei Tage lang geschrieen haben, ehe sie erkalteten.

Der Raum – verletzt vom Blick der Mutter, die von ihrem Kind gerissen wurde – vergießt nicht einen Tropfen Blut.

Es schneit in feinen, dichten Flocken. Der Himmel, die Erde und das dem Erdboden gleichgemachte Ghetto beben wie gedruckte Zeilen auf einem zerfallenden Blatt Papier.

Łódź, 1946

DAS SCHLUPFLOCH

I

Die alte Uhr an dem kleinen Fabrikturm atmete röchelnd ein und schlug die dritte Stunde.

Unter dem langen, hoch gewölbten Einfahrtstor drückte sich der Nachtwächter in seine Nische, schurrte mit den klobigen Schuhen, machte aber keine Anstalten, seinen stündlichen Rundgang zu beginnen.